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B978-3-437-23731-7.00037-5

10.1016/B978-3-437-23731-7.00037-5

978-3-437-23731-7

Beispiel für ein webbasiertes Selbsthilfeprogramm, das im deutschen Sprachraum entwickelt und evaluiert wurde (www.deprexis.de) deprexis, Selbsthilfeprogramm

Feedback des computerbasierten Trainingsprogramms zur Erstellung individueller Fallkonzeptionen (Caspar et al. 2004) Therapeutentraining, computerbasiertesFallkonzeptionen, individuelleFallkonzeptionencomputergestütztes Training

Webbasierte Selbsthilfeprogramme

Internetbasierte PsychotherapieSelbsthilfeprogrammeSelbsthilfeprogrammewebbasierteWebbasierte SelbsthilfeprogrammeDie bisher erforschten Selbsthilfeprogramme sind typischerweise problem- bzw. störungsspezifisch ausgerichtet, basieren auf Manualen von empirisch validierten kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansätzen (KVT) und bestehen aus verschiedenen, wöchentlich zu bearbeitenden Modulen oder Lerneinheiten, die in konventionellen Psychotherapien einzelnen Therapiesitzungen entsprechen. Die einzelnen Interventionsmodule bestehen dabei aus psychoedukativen Inhalten und Übungen (z. B. EntspannungsübungenEntspannungsverfahrenSelbsthilfeprogramme, webbasierte), Tagebüchern (z. B. Gedankentagebuch) und Arbeitsblättern (z. B. therapeutische Schreibaufgaben), welche die Patienten unter der Woche regelmäßig durchführen und bearbeiten sollen.

Neben solchen typischen Beispielen von Selbsthilfeprogrammen gibt es eine ganze Reihe unterschiedlicher inhaltlicher und technischer Lösungen. So wurden in jüngerer Zeit neben störungsspezifisch ausgerichteten Programmen auch störungsübergreifende Interventionen entwickelt und evaluiert. Beispiele sind Programme für DepressionenDepression/depressive Störungenwebbasierte Interventionen und AngststörungenAngststörungenwebbasierte Interventionen, die einem transdiagnostischen Ansatz folgen (Titov et al. 2010), oder sog. individuell-maßgeschneiderte Programme, in denen einzelne Module und Inhalte je nach vorhandenen komorbiden Problemen und Störungen individuell zugeschaltet werden (Berger et al. 2014; Carlbring et al. 2011). Des Weiteren existieren neben KVTKognitive Verhaltenstherapiewebbasierte Interventionen-basierten Interventionen auch Selbsthilfeprogramme, die dem psychodynamischenPsychodynamische Psychotherapiewebbasierte Interventionen Ansatz (Andersson et al. 2012), der Interpersonellen PsychotherapieInterpersonelle Psychotherapie (IPT)webbasierte Interventionen (Donker et al. 2013) oder integrativen Ansätzen (Meyer et al. 2009) folgen.

Webbasierte Selbsthilfeprogramme unterscheiden sich auch darin, wie die Inhalte vermittelt werden. Es gibt technisch einfach aufbereitete Programme, die mit Selbsthilfebüchern praktisch identisch sind und einzelne Textkapitel und Übungen in Form von PDF-Dokumenten beinhalten. Andere Programme sind multimedialer aufbereitet und beinhalten neben Texten und Illustrationen auch Audio- und Video-Dateien. Und schließlich gibt es sehr interaktive Programme, wie das im deutschen Sprachraum entwickelte Programm deprexisdeprexis, Selbsthilfeprogramm (www.deprexis.de), in dem Inhalte in Form von Dialogen vermittelt werden, die in Abhängigkeit von Nutzereingaben individuell an Nutzerbedürfnisse und Präferenzen angepasst werden (Meyer et al. 2009; Abb. 37.1).

Einen Boom erleben momentan Selbsthilfe-AppsSelbsthilfe-Apps, die auf Smartphones geladen und verwendet werden können. Einerseits wird das Internet immer stärker über Mobiltelefone genutzt, andererseits wird auch mit spezifischen Vorteilen gegenüber Desktop-Programmen argumentiert: Smartphonebasierte InterventionenPsychotherapiesmartphonebasierte InterventionenSmartphonebasierte Interventionen könnten den Transfer der vermittelten Fähigkeiten in den Alltag fördern, weil Instruktionen und Übungen von überall und dann, wenn Patienten sie am nötigsten haben, genutzt werden können. Studien, die diese Annahme belegen, existieren aber noch nicht. Auch die Wirksamkeit entsprechender Apps wurde noch kaum untersucht. Eine Übersichtsarbeit von Donker et al. (2013) fand nur fünf kleinere Studien zu Smartphone-Apps, die wissenschaftlich untersucht wurden. Mehr und größere Studien sind wichtig, weil mobile Applikationen auch Nachteile mit sich bringen könnten. Wenn sich z. B. eine Angstpatientin exponiert, indem sie Bus fährt, dabei aber die ganze Zeit auf ihr Smartphone schaut und die Erregung protokolliert, vermeidet sie möglicherweise, sich wirklich auf die Situation einzulassen – und tatsächlich von der Exposition zu profitieren.

Beispiel eines ABM-Trainings bei sozialen Angststörungen

Soziale PhobieABM-TrainingAngststörungensozialeABM-Trainings bestehen aus vielen Wiederholungen der immer gleichen Aufgabe. Zur Behandlung der sozialen Angststörung werden oft modifizierte Dotprobe-Aufgaben eingesetzt:

  • Für wenige hundert Millisekunden werden zunächst zwei Gesichter derselben Person präsentiert. Während eines der beiden Gesichter einen neutralen Gesichtsausdruck zeigt, drückt das andere Gesicht eine negative, für Sozialphobiker bedrohliche Emotion aus (z. B. Ekel).

  • Nach der Präsentation der Gesichter erscheint entweder der Buchstabe E oder F an der Position eines der beiden Gesichter und der Patient muss möglichst rasch entscheiden, um welchen Buchstaben es sich handelt und auf der Tastatur die eine oder andere Taste drücken.

Modifiziert sind die Dotprobe-Aufgaben insofern, als der Buchstabe immer oder mit großer Häufigkeit hinter dem neutralen und nicht hinter dem Ekelgesicht erscheint. Es wird angenommen, dass die Patienten dadurch trainiert werden, ihre Aufmerksamkeit von sozial bedrohlichen Reizen wegzulenken.

Einsatz von Technologien in der Psychotherapie

Thomas Berger

Kernaussagen

  • Moderne Technologien können Patienten und Therapeuten in vielfältiger Weise unterstützen. In den letzten Jahren haben insbesondere internetbasierte Behandlungsansätze einen Boom erlebt.

  • Mit internetbasierten Interventionen können Menschen erreicht werden, die aufgrund geografischer Gegebenheiten, eingeschränkter Mobilität oder langen Wartelisten keinen Therapieplatz finden oder bei denen die Hemmschwelle zu groß ist, Therapeuten aufzusuchen.

  • Gut erforscht sind internetbasierte Interventionen, die die Möglichkeiten des Internets als Kommunikations- und Informationsvermittlungsmedium in therapeutenunterstützten Selbsthilfeprogrammen kombinieren. Hier werden bei verschiedenen häufigen psychischen Störungen Behandlungseffekte berichtet, die mit den Effekten von konventionellen Psychotherapien vergleichbar sind.

  • Weitere Beispiele für den Einsatz von Technologien in der Psychotherapie sind computerbasierte kognitive Trainings, Therapie in der virtuellen Realität, computergestützte Assessment- und Feedbackverfahren sowie der Einsatz von Technik in konventionellen Psychotherapien (z. B. Einsatz von Videoaufnahmen), der Supervision (z. B. Live-Supervision) und im Therapeutentraining. Viele der eingesetzten Technologien unterstützen Therapeuten und Patienten mit zeitnahem Feedback und ermöglichen systematisches Lernen und Üben.

Einführung

PsychotherapieTechnologieeinsatzModerne Technologien können Patienten und Therapeuten in vielfältiger Weise unterstützen. In den letzten Jahren haben insbesondere internetbasierte Behandlungsansätze einen Boom erlebt. Aber auch andere technologische Anwendungen haben längst Einzug in die Psychotherapie genommen. Beispiele sind der Einsatz von Videos in der Therapie und Supervision, computerbasierte Assessment- und Therapieverlaufs-Feedbacksysteme oder auch computerbasierte Therapeutentrainings. Diese Beispiele zeigen, dass dem Einsatz von Technologien in der Psychotherapie neben der Behandlungsfunktion häufig eine Feedback- und Lernfunktion zukommt. Videoaufnahmen von Therapien geben Patienten und Therapeuten Rückmeldung über ihr Verhalten und helfen Verhaltensänderungen zu trainieren. Computerbasierte Assessment- und Therapieverlaufssysteme unterstützen mit zeitnahem Feedback die Diagnosestellung und die Anpassung der therapeutischen Vorgehensweisen an den Einzelfall. Computerbasierte Therapeutentrainings wiederum ermöglichen systematisches Lernen und Üben mit unmittelbarem Feedback.
Dieses Kapitel gliedert sich in zwei Teile. Der erste Teil beschäftigt sich mit technologischen Anwendungen, die von Patienten genutzt werden können. Hier werden verschiedene Formen technikgestützter Interventionen diskutiert, wobei internetbasierte Behandlungsansätze etwas ausführlicher behandelt werden. Im zweiten Teil geht es um technische Lösungen, die Psychotherapeuten in Therapie, Supervision und Training unterstützen.

Internetbasierte Interventionen

Definition und Formen internetbasierter Interventionen

Psychotherapieinternetbasierte InterventionenInternetbasierte PsychotherapieFormenEine einheitliche Definition und Beschreibung internetbasierter Interventionen ist nicht einfach, da verschiedene Perspektiven, Begriffe sowie technische und inhaltliche Lösungen existieren (Barak et al. 2009). Grundsätzlich kann das Internet zu Kommunikationszwecken zwischen Hilfesuchenden und Professionellen und zur interaktiven Vermittlung von Wissen verwendet werden. Entsprechend bewegt sich das Spektrum internetbasierter Interventionen zwischen Anwendungen, die das Internet als Kommunikationsmedium zwischen Patienten und Therapien verwenden (z. B. E-Mail-E-Mail-Therapien oder Chat-TherapienChat-Therapien), und solchen, die das Internet als Informationsmedium verwenden und mithilfe von webbasierten Selbsthilfeprogrammen (Box 37.1) Webbasierte SelbsthilfeprogrammeSelbsthilfeprogrammewebbasierteund AppsApps in der Psychotherapie Wissen vermittelnInternetbasierte PsychotherapieInformations-/Wissensvermittlung und Patienten zu Übungen anregen. Zwischen diesen beiden Polen existieren Übergangsformen: Besonders gut erforscht sind geleitete SelbsthilfeprogrammeSelbsthilfeprogrammegeleitete, in denen Patienten während der Bearbeitung eines Selbsthilfeprogramms regelmäßig minimale Unterstützung von Therapeuten erhalten (Berger und Andersson 2009). Der Austausch zwischen Patienten und Therapeuten erfolgt dabei meist via E-Mail bzw. in einem in die passwortgeschützte Selbsthilfeplattform integrierten, geschützten Nachrichtensystem. Therapeuten können nachvollziehen, welche Inhalte ein Patient im Selbsthilfeprogramm wie bearbeitet, und falls Prozessmessungen integriert sind, wie sich die Symptomatik über die Zeit verändert. Auf der Basis dieser Information und aufgrund von Fragen, die Patienten im Programm stellen, geben Therapeuten meist einmal wöchentlich Feedback.
Internetbasierte PsychotherapieKombination mit konventioneller Psychotherapie (blended treatments)Eine weitere Unterscheidung internetbasierter Interventionen betrifft die Frage, wie diese Interventionen mit konventionellen Psychotherapien kombiniert und in welcher Phase der psychosozialen Versorgung sie eingesetzt werden. Bisher wurden vor allem Interventionen untersucht, die vollständig via Internet vermittelt werden. In jüngerer Zeit werden vermehrt sog. blended treatments erforschtPsychotherapieblended treatments: eine Mischung aus konventionellen Psychotherapiesitzungen und Online-Selbsthilfeprogrammen und Apps (Krieger et al. 2014). Die Online-Interventionen dienen hier dazu, Inhalte zwischen den Therapiesitzungen vorzubereiten oder zu vertiefen und den Alltagstransfer neuer Verhaltens- und Denkweisen zu fördern. In einer der noch wenigen Studien zu diesem Ansatz erwies sich das Kombinationsformat als genauso wirksam wie konventionelle Psychotherapie, wobei die Anzahl der konventionellen Therapiesitzungen durch die zusätzliche Verwendung der Online-Intervention deutlich reduziert werden konnte (Ly et al. 2015).
Internetbasierte PsychotherapieRückfallpräventionEine Art Mischbehandlung sind auch Interventionen, die von Patienten auf Wartelisten zur Vorbereitung einer Face-to-Face-Therapie genutzt werden und Ansätze, die der Rückfallprävention und Nachbetreuung dienen, z. B. im Übergang von stationärer Therapie zum poststationären Alltag bzw. zu einer ambulanten Anschlussbehandlung (Bauer et al. 2012; Ebert et al. 2013; Holländare et al. 2011). Ein Beispiel für Letzteres ist das Modell der PsychotherapieInternet-Chat-BrückeInternet-Chat-BrückeInternet-Chat-Brücke, geleitete Gruppentherapie, bei dem sich Patienten im Anschluss an eine stationäre Behandlung wöchentlich für 90 Minuten in einem Internet-Chatraum zu einer geleiteten Gruppentherapie treffen. Die Wirksamkeit dieses Ansatzes wurde in verschiedenen Studien mit gemischten Patientengruppen belegt (Bauer et al. 2011; Golkaramnay et al. 2007).

Vor- und Nachteile internetbasierter Interventionen

Internetbasierte PsychotherapieVorteileInternetbasierte PsychotherapieNachteileInternetbasierte Interventionen weisen im Vergleich zu konventionellen Psychotherapien Besonderheiten auf. Zu den besonderen Merkmalen gehören die große Reichweite, die niedrigschwellige und zeitlich flexible Verfügbarkeit, die Tatsache, dass die Behandlung auf Distanz erfolgt, kein physischer und oft kein visueller Kontakt zwischen Patienten und Therapeuten vorhanden ist, meist geschrieben statt gesprochen wird und der Austausch relativ anonym und oft zeitverzögert erfolgt. All diese Merkmale können zugleich mit Vor- und Nachteilen verbunden sein:
  • So haben die große Reichweite und leichte Verfügbarkeit zwar den Vorteil, dass viele Menschen zu geringen Kosten erreichbar sind, zugleich aber den Nachteil, dass auch unseriöse Angebote mit zweifelhafter Professionalität leicht verbreitet werden können.

  • Die Möglichkeit der zeitlich flexiblen Nutzung hat den Vorteil, dass Interventionen außerhalb der üblichen Arbeitszeiten zu günstigen Lernzeitpunkten und mit flexiblem Tempo genutzt werden können, aber auch den Nachteil, dass die fehlende zeitliche Struktur von Patienten einiges an Disziplin und Motivation erfordert.

  • Die Verfügbarkeit auf Distanz ist ebenfalls Vor- und Nachteil, denn zum einen können Menschen erreicht werden, die aufgrund geografischer Gegebenheiten, eingeschränkter Mobilität, Hemmungen oder Vermeidungsverhalten keine Hilfe suchen oder finden. So kann z. B. von Europa aus Hilfe in Kriegsgebieten angeboten werden, in denen kaum Therapeuten verfügbar sind (Knaevelsrud et al. 2015), oder von arabischsprachigen Therapeuten aus ihren Ländern bei therapiebedürftigen Flüchtlingen in Europa.

  • Die Vertraulichkeit der Daten ist andererseits durch die Übertragung gefährdet und die Identität der Nutzer und Anbieter möglicherweise nicht gesichert. Zudem ist es schwieriger, in Krisensituationen angemessen zu reagieren.

  • Selbst ein vordergründig offensichtlicher Nachteil wie der fehlende nonverbale Austausch zwischen Patient und Therapeut kann Vorteile mit sich bringen, da Patienten und Therapeuten ihr Kommunikationsverhalten an das Medium anpassen und Gefühle verstärkt verbalisieren.

  • Zudem kann die Reduktion auf den schriftlichen Austausch Patienten erleichtern, sich zu öffnen, über schwierige und intime Themen zu schreiben und auch Neues auszuprobieren (Berger 2015).

Anzumerken ist allerdings, dass die verschiedenen Vor- und Nachteile nicht in gleichem Maße auf alle Formen internetbasierter Interventionen zutreffen. So gilt z. B. der häufig genannte Vorteil, dass internetbasierte Interventionen kostengünstig zu vermitteln sind, nur für ungeleitete und geleitete Selbsthilfeprogramme, die keinen oder einen reduzierten Therapeutenkontakt beinhalten. Weil Schreiben länger dauert als Sprechen, kann der zeitliche Aufwand von Therapeuten in Chat- oder E-Mail-Therapien sogar höher ausfallen als in konventionellen Psychotherapien (Vernmark et al. 2010).

Empirische Evidenz

Internetbasierte Psychotherapieempirische EvidenzPsychotherapieWirksamkeit(snachweise)webbasierte SelbsthilfeprogrammeObwohl die Forschung zu internetbasierten Interventionen noch verhältnismäßig jung ist, existieren schon sehr viele randomisierte kontrollierte Wirksamkeitsstudien, deren Ergebnisse in mehreren systematischen Übersichtsarbeiten und Metaanalysen zusammengefasst wurden (z. B. Andrews et al. 2010; Hedman et al. 2012). Die vorhandenen Studien decken ein breites Spektrum an psychischen und verhaltensmedizinischen Problemen und Störungen ab, wobei am häufigsten Interventionen für verschiedene Angststörungen und Depression evaluiert wurden. In den meisten Studien wurden geleitete oder ungeleitete Selbsthilfeprogramme untersucht. Zu E-Mail- und Chat-Therapien liegen erst wenige Studien vor, deren Ergebnisse allerdings vielversprechend sind (Kessler et al. 2009; Vernmark et al. 2010).
Wirksamkeit von therapeutengeleiteten Selbsthilfeansätzen
SelbsthilfeprogrammeWirksamkeittherapeutengeleiteteIn den inzwischen über 100 kontrollierten Studien zu therapeutengeleiteten Selbsthilfeprogrammen werden konsistent Behandlungseffekte berichtet, die mit den Effekten von konventionellen Psychotherapien vergleichbar sind (Hedman et al. 2012). In direkten Vergleichen mit konventionellen Psychotherapien zeigen sich bisher keine Unterschiede in der Wirkung (Andersson et al. 2014). Verschiedene Katamnesestudien belegen zudem, dass die Effekte bis 5 Jahre nach der Behandlung stabil bleiben (Hedman et al. 2011).
Einschränkend muss allerdings erwähnt werden, dass bisher die meisten Untersuchungen mit selbstselektierten Patientenstichproben durchgeführt wurden, d. h. mit Patienten, die zwar die diagnostischen Kriterien der behandelten Störungen erfüllen, sich aber aktiv für die Teilnahme an einer entsprechenden Intervention gemeldet haben und deshalb möglicherweise motivierter und für Internettherapien geeigneter sind als Patienten in der Routinepraxis.
Aus Ländern wie Schweden und Australien, in denen internetbasierte Interventionen stärker in die Routineversorgung integriert sind als in deutschsprachigen Ländern, stammen aber auch schon mehrere naturalistische Studien, die in der Routinepraxis durchgeführt wurden. Hier zeigen sich bisher vergleichbare Effekte, wie in den oben erwähnten Studien mit selbstselektierten Stichproben (Andersson et al. 2013).

Resümee

Insgesamt lässt sich festhalten, dass sich therapeutengeleitete Selbsthilfeprogramme in vielen Studien als ähnlich wirksam wie konventionelle Psychotherapien erwiesen haben.

Wirksamkeit von ungeleiteten Selbsthilfeprogrammen
SelbsthilfeprogrammeWirksamkeitungeleiteteAuch zu ungeleiteten Selbsthilfeprogrammen, die keine zusätzliche Unterstützung von einem Therapeuten beinhalten, gibt es schon eine Vielzahl von Studien (Cuijpers et al. 2011). Gut gesichert ist, dass auch solche ungeleiteten Selbsthilfeprogramme im Vergleich zu Wartelistekontrollgruppen wirksam sein können, wobei typischerweise kleinere Effekte gefunden werden als bei geleiteten Selbsthilfeprogrammen (z. B. Spek et al. 2007). Die Unterschiede in den Effekten sind dabei wesentlich auf höhere Abbrecherquoten in ungeleiteten Behandlungen zurückzuführen.
Werden in Studien zu ungeleiteten Selbsthilfeprogrammen nur die Ergebnisse derjenigen Teilnehmer analysiert, die ein Programm bis zu Ende bearbeiten, werden in der Regel ähnlich hohe Effekte gefunden wie in geleiteten Selbsthilfeprogrammen (Meyer et al. 2009). Etwas vereinfacht ausgedrückt: Ein Teil der Teilnehmer kann anscheinend gut von ungeleiteten Selbsthilfeprogrammen profitieren, während ein anderer Teil frühzeitig abbricht. Der therapeutischen Unterstützung in geleiteten Selbsthilfeprogrammen scheint also bei einigen Teilnehmern eine wichtige motivierende Rolle zuzukommen. Dabei könnte auch die therapeutische BeziehungTherapeutische Beziehunggeleitete Selbsthilfeprogrammen in geleiteten Selbsthilfeprogrammen von Bedeutung sein: Patienten und Therapeuten schätzen die Therapiebeziehung in der Regel vergleichbar gut ein wie in konventionellen Psychotherapien (für eine Übersicht siehe Berger 2016). Diese Beziehung fehlt in ungeleiteten Programmen gänzlich.

Abschließende Bemerkungen zu internetbasierten Interventionen

Internetbasierte PsychotherapieForschungsfragenDie Forschung zu internetbasierten Interventionen hat sich bisher vor allem auf deren Legitimation konzentriert, d. h. auf die Frage, ob das neue Behandlungsformat überhaupt wirksam ist. Die bisherige Evidenz zeigt auf der Basis vieler Studien deutlich, dass webbasierte Interventionen – besonders wenn sie einen Kontakt mit einem Therapeuten beinhalten – vielversprechend sind.
Erst in jüngerer Zeit wird Fragen wie „Bei wem und wie wirken internetbasierte Interventionen?“ und „Wie können und sollen die Interventionen in die Regelversorgung implementiert und mit konventionellen Versorgungsansätzen kombiniert werden?“ nachgegangen. Die Untersuchung dieser Fragen ist wichtig, weil nicht davon ausgegangen werden kann, dass Internet-Interventionen für alle Patienten gleich gut geeignet sind und in allen Versorgungssettings gleich gut funktionieren. So zeigte sich in einer kürzlich veröffentlichten britischen Studie, in der Patienten mit depressiven Symptomen in der Primärversorgung rekrutiert wurden, dass die von Hausärzten verschriebenen webbasierten Programme kaum verwendet wurden und entsprechend auch keinen Effekt hatten (Gilbody et al 2015). Weitere Forschung ist nötig, um zu klären, wie, für welche Patienten und in welchen Settings internetbasierte Ansätze erfolgreich implementiert werden können.

Computerbasierte kognitive Trainings

Computerbasierte kognitive TrainingsMit computerbasierten kognitiven TrainingsKognitives Training, computerbasiertes sind relativ isolierte, repetitive Übungen gemeint, die entweder zu Hause oder in der Klinik am Computer durchgeführt werden. Ziel dieser Übungen ist die gezielte Verbesserung bzw. Normalisierung von Defiziten in kognitiven Funktionen und verzerrten Informationsverarbeitungsprozessen. Solche Trainings wie das Programmpaket COGPACKCogPack (Marker 1999) werden schon seit Jahren insbesondere bei schizophrenenSchizophrenie/schizophrene Störungenkognitive Trainings Patienten ergänzend eingesetzt, um Funktionsdefizite in Bereichen wie Aufmerksamkeit, Konzentration, Wahrnehmung, exekutive Funktionen und Gedächtnis zu reduzieren. Metaanalysen zeigen, dass sich entsprechende Trainings bei schizophrenen Patienten positiv auf die trainierte kognitive Leistungsfähigkeit, das psychosoziale Funktionsniveau und die Symptomatik auswirken (McGurk et al. 2007).
Computerbasierte kognitive TrainingsAufmerksamkeitsbias-ModifikationIn jüngerer Zeit haben insbesondere kognitive Trainings, die sehr spezifisch auf die Veränderung bestimmter kognitiver Funktionsbeeinträchtigungen abzielen, einen Aufschwung erlebt. Ein Beispiel dafür sind Aufmerksamkeitsbias-Modifikations-(ABMABM-Training-)TrainingsAufmerksamkeitsbias-Modifikationstraining, die u. a. zur Behandlung von AngststörungenAngststörungenAufmerksamkeitsbias-Modifikationstrainings entwickelt wurden. Ausgangspunkt dieser Trainings ist der Befund, dass Angstpatienten potenzielle Gefahrenreize schneller entdecken als Menschen ohne Angststörung und gleichzeitig Schwierigkeiten haben, ihre Aufmerksamkeit von diesen Reizen wieder wegzulenken (Bar-Haim et al. 2007). Da dieser Aufmerksamkeitsbias zur Aufrechterhaltung der Angststörung beiträgt, wird mit den ABM-Trainings versucht, die verzerrten Prozesse zu korrigieren. ABM-Trainings haben auch einige mediale Beachtung erfahren, weil in ersten Studien die Angstsymptomatik vergleichbar stark reduziert wurde wie in konventionellen Psychotherapien (Amir et al. 2009; Schmidt et al. 2009). Diese vielversprechenden Ergebnisse konnten in jüngeren Studien aber oft nicht repliziert werden, was auch zu einiger Ernüchterung geführt hat (Böttcher et al. 2011; Carlbring et al. 2012; Neubauer et al. 2013). In einer kürzlich veröffentlichten Metaanalyse zu ABM-Trainings bei sozialen AngststörungenAngststörungensoziale konnten im Schnitt nur noch kleine Effekte gefunden werden (Heeren et al. 2015; Box 37.2).
Trotz der inzwischen ernüchternden Befunde zu einigen ABM-Trainings ist damit zu rechnen, dass die Erforschung und der Einsatz computerbasierter kognitiver Trainings in den nächsten Jahren zunehmen werden. Die Aufmerksamkeitstrainings sind nur ein Beispiel für eine ganze Reihe unterschiedlicher kognitiver Trainings, die in letzter Zeit entwickelt und erforscht wurden (Motter et al. 2016).
Verstärkt wird bei der Konzeption entsprechender Programme auch neurobiologisches Wissen über die Beteiligung bestimmter Hirnregionen an psychischen Störungen berücksichtigt, weshalb teils auch von neurokognitiven TrainingsNeurokognitive Trainings die Rede ist. So haben z. B. Siegle et al. (2007) ausgehend von der Hypothese, dass Depression mit einer präfrontalen Hypoaktivierung einhergehen kann, ein computerbasiertes Training entwickelt, welches wichtige Funktionen des präfrontalen Kortex, wie Exekutivfunktionen und Aufmerksamkeit, aktivieren und stärken soll. In ersten Studien führte das Training einerseits zur erwünschten Veränderung der neurokognitiven Funktionen, auf die die Intervention abzielt, andererseits konnte in einer Interventionsbedingung eine signifikant stärkere Reduktion der Ruminationstendenz der Patienten beobachtet werden als in einer Kontrollbedingung (Siegle et al. 2007, 2014).

Therapie in der virtuellen Realität

In Therapien in der virtuellen RealitätVirtuelle Realität, PsychotherapiePsychotherapiein der virtuellen Realität (VR) werden Patienten unter Verwendung geeigneter Hard- und Software (z. B. einem Head-Mounted-Display und Schnittstellen, die Bewegungen wahrnehmen) in ein dreidimensionales Modell der Realität gebracht, in das sie eintauchen und mit dem sie interagieren können. Das Besondere an diesen technisch generierten virtuellen Umgebungen ist, dass sie sich echt anfühlen und Menschen das Gefühl geben, dass sie sich darin befinden. Entsprechend können in virtuellen Umgebungen psychotherapeutische Interventionen realisiert werden, die wie Expositionen auf das unmittelbare Erleben und Erfahren in der Situation angewiesen sind. In den letzten Jahren wurden denn auch vor allem virtuelle ExpositionstherapienExpositionstherapievirtuelle entwickelt und erforscht, z. B. bei spezifischen PhobienPhobienvirtuelle ExpositionstherapienPhobienspezifische (z. B. HöhenangstHöhenangst, virtuelle Expositionstherapien, FlugangstFlugangst, virtuelle Expositionstherapien, SpinnenphobieSpinnenphobie, virtuelle Expositionstherapien), sozialen AngststörungenSoziale Phobievirtuelle Expositionstherapien, AgoraphobieAgoraphobievirtuelle Expositionstherapien und posttraumatischen BelastungsstörungenPTSD (posttraumatische Belastungsstörung)virtuelle Expositionstherapien.
Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass VR-Expositionen bei diesen Störungen wirksam oder wahrscheinlich genauso wirksam sind wie In-vivo-ExpositionenExpositionstherapiein vivo (Gregg et al. 2007; Powers et al. 2008). Im Vergleich zu In-vivo-Expositionen bieten Konfrontationsübungen in der virtuellen Realität einige Vorteile:
  • So müssen sich Therapeuten nicht erst auf Übungen von erforderlicher Dauer einschließlich Hin- und Rückweg einstellen und ihren Terminplan entsprechend gestalten – eine institutionelle Einschränkung, die wohl mit dazu beiträgt, dass Expositionen seltener realisiert werden als eigentlich indiziert.

  • Patienten wiederum können mit Situationen konfrontiert werden, die in der Realität nur sehr aufwendig und mit hohen Kosten (z. B. Fliegen bei Flugangst) oder gar nicht aufgesucht werden können (z. B. Exposition von Vietnamveteranen mit virtuellen Kriegssituationen; Rothbaum et al. 2001).

  • In VR-Expositionen kann die Reizumgebung auch graduell angepasst und genau kontrolliert werden. So können z. B. Flugangst-Expositionen in unterschiedlichen Flugzeugen und unter verschiedenen Wetterbedingungen wiederholt werden.

  • Und schließlich kann die Durchführung in der sicheren Umgebung der Therapiepraxis auch dazu führen, dass sich Patienten auf Expositionen einlassen, für die sie in der Realität noch nicht bereit sind (Emmelkamp 2005).

VR-Technologien werden in Zukunft in der Psychotherapie wohl immer häufiger und auch via Internet eingesetzt, da große Internetkonzerne wie Google oder Facebook VR-Technologien aktuell für die Massen erschwinglich machen.

Computergestützte Assessment- und Feedbackverfahren

Computergestützte Assessments

Computergestützte AssessmentsPsychotherapiecomputergestütztes AssessmentZu den technikgestützten Anwendungen, die nicht mehr aus der psychotherapeutischen Praxis wegzudenken sind, gehört die computerbasierte Auswertung von Tests und die computer- und internetbasierte Darbietung von FragebogenFragebogencomputer-/internetbasierte Darbietung. Neben der automatisierten und schnellen Auswertung wird auch die wahrgenommene Anonymität beim Ausfüllen der per Computer oder online dargebotenen Fragebogen oft als Vorteil im Vergleich zu Papierfragebogen genannt, weil dadurch Antworttendenzen im Sinne der sozialen Erwünschtheit tendenziell reduziert werden (Richman et al. 1999). Bedenken, dass die psychometrischen Eigenschaften der Tests zwischen den verschiedenen Darbietungsformaten nicht vergleichbar sind, konnten inzwischen bei verschiedenen häufig eingesetzten Messmitteln ausgeräumt werden (Buchanan 2002; Gosling et al., 2004; Holländare et al. 2010). Trotzdem ist beim direkten Vergleich von Daten, die in unterschiedlichen Darbietungsformaten gewonnen werden, z. T. Vorsicht geboten. Wenn z. B. die Therapiebeziehung im Anschluss an eine Therapiesitzung mit einem Papierfragebogen erhoben und nach dem Ausfüllen dem Therapeuten überreicht wird, ist aufgrund des Wissens des Patienten, dass der Therapeut seine Antworten gleich betrachten könnte, möglicherweise mit anderen Resultaten zu rechnen, als wenn die Fragen zur Therapiebeziehung relativ anonym und mit einem Code in einen Computer eingegeben werden.
Die computerbasierte Testung ermöglicht auch die Erfassung von Konstrukten, die nicht mit Selbstbeurteilungsinstrumenten erhoben werden können. Ein Beispiel sind implizite AssoziationstestsAssoziationstests, bei denen Personen rasch auf computerdargebotene Reize reagieren müssen und mit denen Einstellungen und Bewertungen, die dem Bewusstsein nicht zugänglich sind, gemessen werden können (Greenwald et al. 1998).
Ein anderes Beispiel für Erhebungsverfahren, die nur mithilfe von Computern durchgeführt werden können, sind computeradaptive SelbstbeurteilungstestsSelbstbeurteilungstests, adaptive. In adaptiven Tests werden nicht immer die gleichen Fragen in der gleichen Reihenfolge gestellt. Vielmehr wählt ein vordefinierter Algorithmus schrittweise jene Fragebogen-Items aus, die aufgrund der bisherigen Antworten eines Patienten am informativsten sind. Erweist sich eine Person z. B. in einem adaptiven Depressionstest aufgrund der ersten Fragen als wenig depressiv, werden in der Folge Fragen dargeboten, die besser im subklinischen Bereich differenzieren. Im Weiteren werden nur so lange neue Items vorgegeben, bis eine hinreichende Zuverlässigkeit der Messung erreicht ist (Forkmann 2011). Der Vorteil adaptiver Tests liegt entsprechend darin, dass einerseits die Messpräzision über ein großes Spektrum einer Merkmalsausprägung (z. B. für leichte, mittlere und schwere Depression) hoch ist und dass andererseits die Itemzahl und damit der Aufwand für Patienten reduziert werden kann.

Computergestütztes Therapieverlaufsmonitoring

Psychotherapiecomputergestütztes VerlaufsmonitoringComputerbasierte Therapieverlaufs-FeedbacksystemeTherapieverlaufs-Feedbacksysteme, computerbasiertePsychotherapieEvaluationFeedbacksysteme geben Therapeuten Unterstützung bei der prozessbegleitenden Therapieevaluation. Verschiedene Studien zeigen, dass Therapeuten Behandlungsergebnisse, insbesondere negative Entwicklungen und mögliche Therapiemisserfolge, notorisch schlecht vorhersagen (Hannan et al. 2005). Ziel von kontinuierlichen Therapieverlaufs-FeedbacksystemenFeedbacksystemeTherapieverlauf ist es, negative Entwicklungen frühzeitig abzubilden und den Therapeuten zurückzumelden, um letztlich den Behandlungserfolg für jeden einzelnen Patienten zu optimieren.
Im Rahmen des kontinuierlichen Monitorings des Therapieverlaufs kommen veränderungssensitive und auch angemessen kurze Fragebogen zum Einsatz. Neben der Rückmeldung der tatsächlich beobachteten Verlaufsdaten in Form von Verlaufsdiagrammen enthalten die Feedbacksysteme oft auch Entscheidungsregeln, welche die Therapeuten bei der Einschätzung des Therapieverlaufs unterstützen. Die Arbeitsgruppe um Lambert z. B. hat ein Ampelsystem entwickelt, in dem positive, stagnierende oder negative Verläufe farblich (grün, gelb oder rot) gekennzeichnet werden und Therapeuten rasch die Identifikation von „Not-on-track“-Fällen erlaubt (Lambert et al. 2001). Die Entscheidung, in welche Kategorie ein bestimmter Therapieverlauf fällt, wird dabei typischerweise aus dem Vergleich mit statistischen Vorhersagemodellen auf der Basis einer großen Zahl von Therapien empirisch getroffen.
Bisherige Studien und Metaanalysen weisen darauf hin, dass Feedbacksysteme insbesondere bei Patienten mit negativen Entwicklungen hilfreich sind und sich positiv auf das Therapieergebnis auswirken (Carlier et al. 2012). Der Effekt scheint dabei durch verschiedene Faktoren moderiert zu werden. So zeigte z. B. ein Feedbacksystem, das psychisches Funktionieren auf mehreren Dimensionen (z. B. Wohlbefinden und Symptombelastung) abbildet, bessere Effekte als ein eindimensionales Feedbacksystem (Wohlbefinden; Dyer et al. 2014). De Jong et al. (2012) fanden nur dann einen Effekt des Feedbacks für Patienten mit negativen Entwicklungen, wenn deren Therapeuten angaben, das Feedback auch tatsächlich genutzt zu haben. Eine ausführliche Darstellung zu Therapieverlaufs-Feedbacksystemen findet sich bei Lutz et al. (2015).

Einsatz von Technik in der Supervision

Verwendung von Videoaufzeichnungen der Therapien in der Supervision

PsychotherapieSupervisionSupervisionVideoaufzeichnungenFeedbacksystemeSupervisionDas am häufigsten eingesetzte technische Hilfsmittel in der Supervision sind Videoaufzeichnungen der supervidierten Therapien. Die Verwendung der Videoaufzeichnungen erleichtert Supervisanden und Supervisoren, wichtige Therapieereignisse wiederholt und mit non- und paraverbaler Information ungefiltert einzuschätzen. Der Einsatz von Videoaufzeichnungen in der Supervision ist heute weitgehend unbestritten. Der schon früh geäußerte Einwand, dass die Verwendung der Aufzeichnungen die Bewertungsangst der Supervisanden verstärkt und die Leistung in der Therapie mindert, konnte nicht bestätigt werden (Haggerty et al. 2011). Zusammenfassende Darstellungen und Studien zeigen indessen, dass sich die Verwendung von Videoaufzeichnungen in der Supervision positiv auf Lernprozesse, den Lerntransfer und auf das Therapieergebnis auswirken kann (Diener et al. 2007; Haggerty et al. 2011).

Live-Supervision

Live-SupervisionSupervisionenSupervisionLive- erfolgen in der Regel zeitverzögert, d. h. nachdem ein Therapiegespräch bereits stattgefunden hat. Eine andere Form der Supervision ist die Live-Supervision, in der Supervisoren während des Gesprächs anwesend sind und dem Supervisanden/Therapeuten noch während der Sitzung Unterstützung und Feedback geben. Während Supervisoren in frühen Anwendungen die Therapie durch Einwegscheiben beobachteten und für Rückmeldungen den Therapeuten aus der Sitzung riefen, selbst das Sitzungszimmer betraten oder mit dem Therapeuten telefonierten, werden Live-Supervisionen seit einigen Jahren vermehrt mit technischen Hilfsmitteln realisiert, die ein weniger intrusives unmittelbares Eingreifen der Supervisoren ermöglichen. Dazu gehören technische Hilfsmittel, durch die Instruktionen über ein Mikrofon an einen Knopf im Ohr des Therapeuten (bug-in-the-earFeedbacksystemeauditive) gegeben werden können und die Übermittlung von geschriebenen Instruktionen auf einen Computerbildschirm im Therapiezimmer (bug-in-the-eyeFeedbacksystemevisuelle). In der Regel wird visuelles Feedback favorisiert, weil die Therapeuten die Nachrichten der Supervisoren dann lesen können, wenn sie ausreichend Aufmerksamkeitskapazität haben und sich dadurch weniger gestört fühlen als bei auditivem Feedback (Scherl et al. 2000).
Live-Supervision hat gegenüber zeitlich verzögerter Supervision einige Vorteile. So erfolgt das Feedback der Supervisoren unmittelbar und situiert, also in der konkreten Anwendungssituation. Zudem ist bekannt, dass Auszubildende in konventionellen Supervisionen teils Schwierigkeiten nicht ansprechen und Videoausschnitte zur Diskussion stellen, die ein positives Bild von sich und der Therapie vermitteln (Jakob et al. 2014), was den potenziellen Nutzen von Supervisionen mindert. Dieses Vermeidungsverhalten ist in Live-Supervisionen nicht möglich.
Die Forschung zu Live-Supervision besteht allerdings vor allem noch aus anekdotischen Berichten und subjektiven Einschätzungen von Supervisoren und Supervisanden, die entsprechende Ansätze in der Regel als hilfreich einschätzen (Bartle-Haring et al. 2009). In einer der wenigen RCTs wurden die therapeutische Beziehung und die Kompetenz der Therapeuten in Therapien mit Live-Supervision von unabhängigen und verblindeten Beurteilern signifikant höher eingeschätzt als in Therapien mit konventioneller Supervision (Weck et al. 2015). Die genannten Unterschiede wurden allerdings auch schon in der ersten Therapiestunde – noch bevor Supervision überhaupt stattfand – gefunden, was den Schluss nahelegt, dass die Unterschiede zwischen den Supervisionsbedingungen auch auf Unterschiede zwischen den Therapeuten und/oder Patienten zurückzuführen waren.

Online-Supervision

Online-SupervisionSupervisionOnline-Neben Therapien werden auch Supervisionen inzwischen vermehrt online, meist über Videokonferenzanwendungen wie Skype o. ä. Systeme durchgeführt. Ursprünglich von Therapeuten genutzt, die in abgelegenen Gebieten leben, wird Online-Supervision immer stärker auch dazu verwendet, sich von weit weg lebenden Experten in spezifischen Ansätzen trainieren zu lassen (Rousmaniere et al. 2013).
Die Forschung zu Online-Supervision beschränkt sich auf anekdotische Evidenz und Fallberichte, wobei bisher kaum Nachteile berichtet wurden. Bedenken, dass bei der Supervision auf Distanz die Beziehung zwischen Supervisoren und Supervisanden beeinträchtigt wird, konnten bisher nicht bestätigt werden (Rousmaniere et al. 2014).
Das wichtigste Thema bei der Online-Supervision ist die Datensicherheit, insbesondere wenn auch Videoaufzeichnungen der supervidierten Therapien verschickt werden. Hier gilt es, gesicherte und verschlüsselte Übertragungs- und Kommunikationswege zu finden, wobei sich Anforderungen und Lösungen auch laufend verändern. Die Gefährdung der Vertraulichkeit der übertragenen Daten hat dadurch auch zu der Forderung geführt, dass Patienten ihr Einverständnis geben müssen, wenn ihre Therapien online supervidiert werden sollen. Trotz dieser Gefahren ist aufgrund praktischer Vorteile damit zu rechnen, dass Supervisionen in Zukunft vermehrt online durchgeführt werden.

Computer- und internetvermittelte Therapeutentrainings

Therapeutentraining, computerbasiertesTraditionelle Psychotherapie-WeiterbildungenPsychotherapeut(en)WeiterbildungWeiterbildungcomputerbasierte beinhalten – neben der supervidierten klinischen Praxis und Selbsterfahrung – Theorie- und PraxisseminareTherapeutentraining, computerbasiertesVorteile. In diesen wird schwerpunktmäßig deklaratives bzw. konzeptuelles Theoriewissen vermittelt, wobei z. B. mit Rollenspielen versucht wird, die konkrete Umsetzung in der Therapiesituation zu üben. Auch computer- und internetvermittelteWeiterbildunginternetvermittelte Therapeutentrainings lassen sich danach unterscheiden, ob sie eher auf die Vermittlung von TheoriewissenWissenkonzeptuelles oder praktisches Üben bzw. den Wissenstransfer von deklarativem in prozedurales Wissen abzielen (Berger 2004). Ersteres sind heutzutage vor allem Online-Kurse, die aus verschiedenen Lernlektionen und Wissenstests bestehen und teils Videos zu Demonstrationszwecken beinhalten.
Zu den Vorteilen solcher Online-TutorienOnline-Tutorien gehört, dass sie leicht zugänglich sind und Auszubildende die Materialien wiederholt und in ihrem Lerntempo durcharbeiten können. Die Entwicklung hochwertiger Kurse ist zunächst zwar mit relativ viel Aufwand und Kosten verbunden, entsprechende Trainings können aber – wenn einmal entwickelt – mit gleich bleibender Qualität wiederholt eingesetzt werden.
Trotz dieser Vorteile werden Online-Tutorien in der psychotherapeutischen Weiterbildung bisher noch wenig eingesetzt und erforscht. Dabei zeigen hunderte von Studien in angrenzenden Disziplinen wie der Medizin, dass computerbasierte Kurse in der Vermittlung von Theorien und Sachwissen mindestens so lerneffektiv sind wie Vorlesungen, Seminare oder Workshops (Kulik 1994). Im Psychotherapie-Bereich wurden Online-Kurse bisher vor allem bei verwandten Berufsgruppen der psychosozialen Grundversorgung erforscht. Ein Beispiel ist eine kontrollierte Studie von Dimeff et al. (2009), in der gemeindepsychiatrische Mitarbeiter entweder ein multimedial aufbereitetes Online-Training oder einen konventionellen Zwei-Tage-Workshop in Dialektisch-behavioraler Therapie erhielten. In einem Wissens- und Anwendungstest schnitten die Teilnehmer nach dem Training in der Online-Bedingung signifikant besser ab als nach einem dozentengeleiteten Workshop. Auch in anderen Studien zu Online-Trainings im psychosozialen Bereich werden typischerweise hohe Zufriedenheitswerte und ein signifikanter Wissens- und Kompetenzzuwachs festgestellt (Sholomskas et al. 2005; Weingardt et al. 2009).
Vor diesem Hintergrund erstaunt es, dass das Potenzial entsprechender Anwendungen in der klassischen Psychotherapie-Weiterbildung bisher wenig genutzt wird. Vielversprechend wären hier vor allem Blended-Learning-AnsätzeWeiterbildungBlended-Learning-Ansätze, also die Mischung von Präsenz- und E-Learning-Einheiten. So könnten Weiterbildungsteilnehmer mit Online-Kursen auf den gleichen Wissensstand gebracht werden, um anschließend die vermittelten Inhalte in Präsenzkursen zu vertiefen und zu üben.
Therapeutentraining, computerbasiertesFeedbackDamit die in Seminaren und Workshops vermittelten Wissensinhalte auf eine Art und Weise verarbeitet, gespeichert und integriert werden, dass sie im therapeutischen Prozess an der passenden Stelle aktiviert und kompetent umgesetzt werden können, muss neben konzeptuellem auch prozedurales Wissen gelehrt bzw. geübt und der Wissenstransfer von deklarativem in prozedurales WissenWissenprozedurales gefördert werden. In konventionellen Weiterbildungskursen kann systematisches Üben selbst mit Rollenspielen nicht befriedigend realisiert werden, da in der Regel nur wenige Ausbildungskandidaten die Therapeutenrolle übernehmen und vom Feedback der Dozenten profitieren können. Auch in der zeitlich begrenzten Supervision kann letztlich nur eine geringe Anzahl von Fällen besprochen und nur wenig geübt werden. Vor diesem Hintergrund wurden in den letzten Jahren erste computerbasierte Lösungen entwickelt, in denen Auszubildende konkrete therapeutische Reaktionen und Handlungen üben und mit unmittelbarem Feedback korrigieren können.
Insbesondere die Berner Arbeitsgruppe um Caspar hat entsprechende Computerprogramme entwickelt und erforscht. Das Konzept dieser Programme basiert auf Studien und Theorien der Expertiseforschung, insbesondere der Erkenntnis, dass zur Erlangung von Expertise die bloße Wiederholung einer Aufgabe nicht ausreicht, sondern vielmehr sog. deliberate practice, d. h. systematisches, gezieltes Üben mit unmittelbarem Feedback unabdingbar ist (Ericsson et al. 1993). Ein Beispiel ist ein computergestütztes Training zur Erstellung individueller FallkonzeptionenFallkonzeptionencomputergestütztes TrainingTherapeutentraining, computerbasiertesFallkonzeptionen, individuelle, in dem Auszubildende zunächst Videoausschnitte aus Erstgesprächen betrachten und ihre Sicht der Patienten in freier Textform in den Computer eingeben (Caspar et al. 2004). Wenn Auszubildende eine Fallkonzeption ganz oder vorläufig erarbeitet haben, können sie verschiedene Rückmeldungen dazu einholen. Für dieses Feedback vergleicht das Programm – unter Nutzung von Methoden, die in der kognitiven Psychologie entwickelt wurden – die Fallkonzeption der Auszubildenden mit Fallkonzeptionen, die von Experten für den präsentierten Patienten entwickelt wurden (Abb. 37.2). Zurückgemeldet werden z. B. inhaltliche Aspekte, die von den Experten genannt, aber von den Auszubildenden noch vernachlässigt wurden. Das Feedback kann wiederholt eingeholt werden, und Auszubildende können immer wieder zur eigenen Lösung zurückkehren und die eigene Sicht überarbeiten.
In einer neueren Anwendung werden im Anschluss an das Erstellen der Fallkonzeption auch einzelne Therapiesequenzen gezeigt, auf welche die Auszubildenden mit einer Intervention, die sie in Textform eingeben, reagieren müssen. Wie Piloten in einem Flugsimulator werden hier die Therapeuten mit einer schwierigen Situation konfrontiert, wobei sie auf ihre Reaktion ein Feedback erhalten, das wiederum auf einem Vergleich mit Reaktionen von Experten basiert. In mehreren Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass entsprechende Trainings von Auszubildenden gut akzeptiert werden und im Vergleich zu verschiedenen Kontrollgruppen zu vollständigeren und als besser eingeschätzten Fallkonzeptionen führen (Caspar et al. 2004; Wenning 2008).

Literaturauswahl

Berger, 2015

T. Berger Internetbasierte Interventionen bei psychischen Störungen 2015 Hogrefe Göttingen

Caspar et al., 2016

F. Caspar T. Berger L. Frei Using technology to enhance decision making J. Magnavita Clinical Decision Making in Mental Health Practice 2016 American Psychological Association Washington, DC 147 174

Caspar et al., 2004

F. Caspar T. Berger I. Hautle The right view of your patient: a computer assisted, individualized module for psychotherapy training Psychotherapy 41 2004 125 135

Emmelkamp, 2005

P.M. Emmelkamp Technological innovations in clinical assessment and psychotherapy Psychother Psychosom 74 2005 336 343

Lutz et al., 2015

W. Lutz K. De Jong J. Rubel Patient-focused and feedback research in psychotherapy: Where are we and where do we want to go? Psychother Res 25 6 2015 625 632

Weck et al., 2015

F. Weck M. Jakob J.M. Neng The effects of bug-in-the-eye supervision on therapeutic alliance and therapist competence in cognitive-behavioural therapy: a randomized controlled trial Clin Psychol Psychother Jul 14 2015 10.1002/cpp.1968 [Epub ahead of print]

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