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B978-3-437-23731-7.00010-7

10.1016/B978-3-437-23731-7.00010-7

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Wichtige an der Emotionsregulation beteiligte HirnarealeEmotionsregulationHirnareale, beteiligte

Modell der Emotionsregulation (in Anlehnung an chsner und Gross 2005)Emotionsmodell(e)nach Ochser und Gross

SelbstunterstützungSelbstunterstützung nach Berking

Instrumente bzw. Fragebögen zur Messung von klinisch bedeutsamen Veränderungen der EmotionsregulationEmotionsregulationInstrumente zur Messung von Veränderungen Affekt(e)negativeCopingtechnikenEmotion(en)belastende, adaptiver Umgang

(nach John und Eng 2014)

Tab. 10.1
Abfrage spezifischer Emotionsregulationstechniken Abfrage von Coping-Techniken im Umgang mit negativen Affekten Abfrage von Fertigkeiten zum adaptiven Umgang mit belastenden Emotionen
Emotion Regulation Questionnaire (ERQ; Gross und John 2003) COPE Inventory (Carver et al. 1989) Negative Mood Regulation Scale (NMR; Catanzaro und Mearns 1990)
Emotion Regulation Questionnaire for Children and Adolescents (ERQ-CA; Gullone und Taffe 2012) Cognitive Emotion Regulation Questionnaire (CERQ; Garnefski und Kraaij 2007) Difficulties in Emotion Regulation Scales (DERS; Gratz und Roemer 2004)

Auf dem Prinzip der Mindfulness basierende emotionsfokussierte AnsätzeDialektisch-behaviorale Therapie (DBT)MindfulnessMindfulness-based Stress Reduction (MBSR)Mindfulness-based Cognitive Therapy (MBCT)EmotionsregulationMindfulness-based Relapse Prevention (MBRP)

Tab. 10.2
Bezeichnung Fokus der Emotionsregulation Eignung, Anwendung
Mindfulness-Training (Einzel/Gruppe) Aufmerksamkeit, Akzeptanz Ängste, Depression
Mindfulness-Based Stress Reduction (Gruppe) Aufmerksamkeit, Akzeptanz Chronischer Schmerz, Belastung
Mindfulness-Based Cognitive Therapy (Gruppe) Aufmerksamkeit, Akzeptanz Depression
Mindfulness-Based Relapse Prevention (Gruppe) Aufmerksamkeit, Akzeptanz Sucht (Craving)
Dialektisch-behaviorale Therapie
(Einzel/Gruppe)
Akzeptanz, Training emotionaler Kompetenzen Borderline-PS, weitere Störungen
Training emotionaler Kompetenzen (Gruppe) Training emotionaler Kompetenzen, Selbstunterstützung In Kombination mit KVT (Add-on)

Emotionsregulation – Stressregulation

Hansjörg Znoj

Sabine Herpertz

Kernaussagen

  • Emotionen sind Mittel der Orientierung und eng gekoppelt mit physiologischen und kognitiven Prozessen.

  • Emotionsregulation kann als Bewältigungsform (Coping) verstanden werden und hat die Funktion der Wohlbefindensregulation, dient aber auch zur Problemlösung.

  • Die adaptive Regulation des Wohlbefindens wird hauptsächlich über die frühkindliche Interaktion erworben.

  • Eine Über- oder Unterregulation von Emotionen im Ausdruck und Erleben ist mit psychischen und interaktionellen Problemen assoziiert.

  • Die emotionale Struktur ist biologisch fundiert. Dabei kommt sowohl der Amygdala als auch dem orbitofrontalen Kortex in Entscheidungssituationen eine wichtige Rolle zu.

  • Therapeutische Techniken, die direkt auf die Fähigkeit der Emotionsregulation abzielen, sind neben der Exposition (Habituation) das Mindfulness Training (MT) und Techniken zum Training emotionaler Kompetenzen (TEK) oder die Dialektisch-behaviorale Therapie (DBT).

Einleitende Bemerkungen

Emotion(en)BewertungsvorgängeEreignisse werden bewertet, und Bewertungsvorgänge können nicht unabhängig von Emotionen betrachtet werden (Damasio 1994). Was zur Emotion wird, d. h. bewusst gefühlt und empfunden werden kann, hängt mit der Wichtigkeit der wahrgenommenen Information bezüglich persönlicher Ziele und eigener oder allgemeiner Erfahrungen zusammen. Bis es zu einer gefühlten Emotion kommt, finden viele Bewertungsvorgänge statt. Diese Information wird über neuronale „Bahnen“ verarbeitet, die zwischen verschiedenen Informationsquellen wie der perzeptuellen Wahrnehmung, den Informationen aus der Körperwahrnehmung und den Informationen aus dem im Langzeitgedächtnis gespeicherten Weltwissen verbinden (Le Doux 1995). Dies ist nur eine grobe und unvollständige Auflistung der verschiedenen Instanzen, welche die einkommende Information gewichten, bewerten und weiterleiten. Man kann sich diese Instanzen als hochkomplexe Filter vorstellen, die auf aktivierte Muster spezifisch reagieren. Wenn in der Folge von Affekt- oder EmotionsregulationEmotionsregulationDefinitionAffektregulation (synonym verwandt) gesprochen wird, so gilt zu beachten, dass damit die Regulation potenziell bedrohlicher emotionaler Zustände gemeint ist. Dabei ist schon das, was allgemein unter einer Emotion verstanden wird, ein regulierter Prozess, der wiederum weitere Regulationsvorgänge einleitet. Es handelt sich bei der Emotion um ein Produkt einer umfassenden neuronalen Aktivierung, die selbstreferenziell vernetzt ist.
Die Bemühungen, EmotionenEmotion(en) als kognitive (bewusste und unbewusste) Prozesse zu verstehen, ist ein Versuch, das emotionale Geschehen besser zu begreifen und damit einen Zugang zum menschlichen Verhalten zu ermöglichen. Dies kann jedoch nicht unabhängig davon geschehen, welche Ziele wir für ein Individuum oder eine Gesellschaft annehmen. Auf der allgemeinsten Ebene kann zwischen Annäherungs- und VermeidungszielenVermeidungsschemata/-zieleAnnäherungsziele unterschieden werden. Dem Ziel, das Leben zu erhalten, sich weiterzuentwickeln, Emotion(en)Annäherungs-/Vermeidungszielesteht das Ziel entgegen, Bedrohung zu minimieren, sich zu schützen, das eigene Leben zu erhalten. Es scheint, dass Abweichungen von persönlichen Zielen direkt mit alarmierenden emotionalen Zuständen, Einhaltungen gesetzter Ziele hingegen eher mit einem positiven Grundgefühl assoziiert sind und weniger mit einer spezifischen Emotion. Abweichungen von der subjektiven Norm werden als bedrohlich und gefährlich empfunden. Negative Lebensereignisse werden unmittelbar als bedrohlich erlebt und haben eine stark negativ gefärbte Konnotation, auch wenn das eigene Leben nicht unmittelbar infrage gestellt ist. Demgegenüber sind Ereignisse, die den Menschen in seinen Lebenszielen unterstützen, fördern und weiterbringen, unmittelbar weniger relevant, aber für die (Fort-)Entwicklung entscheidender, müssen also langfristig unterstützt werden. Emotions- und Motivationsprozesse sind deshalb voneinander abhängig, werden jedoch meist isoliert betrachtet.
Dem Ansatz der emotionalen RegulationsprozesseRegulationsprozesse, emotionale liegt eine informationstheoretische Konzeption zugrunde, die Regelprozesse dynamisch begreift und die Homöostase (Gleichgewichtserhaltung) als ein Leitaxiom voraussetzt. Störungen eines (Fließ-)Gleichgewichts werden innerhalb bestimmter Grenzwerte selbstreguliert (Carver und Scheier 1998). Das Erleben von bestimmten „Systemzuständen“ oder von Emotionen ist ein aktiver Vorgang. Wie wiederholt argumentiert wurde (Lazarus 1991) und wie man selbst leicht nachvollziehen kann, ist das emotionale Erleben von einer Vielzahl von Faktoren abhängig, wobei der „objektiven“ Situation nicht einmal die entscheidende Rolle zukommt.

Emotionskonzepte

Emotionstheorie der Körperreaktionen

EmotionsregulationKonzepte/TheorienKörperreaktionenDa auch heute noch wichtige Emotionstheorien auf James (1890) und Lange (1885) zurückgehen, soll auf die zentralen Aussagen dieser frühen Emotionstheorie eingegangen werden. Danach spielen bei der Emotionsentstehung physische Vorgänge eine entscheidende Rolle; die erlebte Veränderung in der körperlichen Aktivität wird als EmotionEmotion(en)als Veränderung in der körperlichen Aktivität empfunden: „Bodily changes follow directly the perception of the exciting fact, and that our feeling of the same changes as they occur IS the emotion“ (James 1890: 743). Nach James ist die Wahrnehmung von Zustandsänderung die Emotion – wir fürchten uns vor etwas, weil wir davonrennen, oder wir sind traurig, weil wir weinen.
Die nach ihren Begründern benannte James-Lange-EmotionstheorieJames-Lange-Theorie der Emotionen wurde mit der Argumentation attackiert, dass Emotionen nicht bloß durch äußere Reize vermittelt werden, sondern auch ohne direkte Erfahrung oder äußere Einwirkung, z. B. durch Erinnerungen, Gedanken ausgelöst und erlebt werden. Diese Auffassung hat sich weitgehend durchgesetzt. Auch die Neurowissenschaften haben sich den Emotionen verstärkt zugewandt und hier in unzähligen funktionellen Bildgebungsstudien konsistent gefunden, dass das limbische SystemLimbisches System, Emotionserleben und vor allem auch die AmygdalaAmygdalaEmotionsregulation (MandelkernMandelkern) eine zentrale Rolle für das Emotionserleben, aber auch für den Emotionsausdruck spielen und einer „Top-down“-Kontrolle durch den präfrontalen Kortex unterstehen; ein gutes funktionelles Zusammenspiel dieser Regionen vermittelt die Fähigkeit zur EmotionsregulationEmotionsregulationAmygdalaEmotionsregulationlimbisches System (z. B. Davidson et al. 2000) (Kap. 10.8.1).

Emotionen als Orientierungshilfe

EmotionsregulationKonzepte/TheorienOrientierungsinstrument in EntscheidungssituationenEmotion(en)als OrientierungsinstrumentDarwins Emotionstheorie fasst die Emotion als Orientierungsinstrument mit Überlebensfunktion auf. Neuere Auffassungen zur Funktion der Emotion greifen die Orientierungsfunktion wieder auf. Damasio (1994) geht z. B. davon aus, dass Menschen, denen die emotionale Orientierungsfunktion fehlt, einen Entscheidungsprozess nicht zielorientiert gestalten können, weil rationale Überlegungen emotional nicht gewichtet werden und Pro- und Kontra-Argumente sich gegenseitig aufheben. Die Auffassung, dass Emotionen in sich geschlossen sind, bedingt eine eigene Theorie der Emotionsregulation. Kognitive EinschätzungsoperationenEinschätzungsoperationen, kognitive (Lazarus 1991) sind nach Ekman (1993) direkt mit einem Reaktionsmuster verbunden, das sowohl die physiologische Reaktionsbereitschaft erstellt und für den passenden Gesichtsausdruck und die entsprechende Motorik sorgt, als auch einen Zustand hervorruft, den wir GefühlGefühl nennen können. Nach dieser Auffassung bewirkt allein schon die Herstellung eines „emotionalen Gesichtsausdrucks“ das Erleben des entsprechenden Gefühls. Es gäbe nach dieser Auffassung nichts, was dieses Muster unterbrechen oder verändern könnte. Regulation oder Modulation werden allein dadurch gewährleistet, dass diese Muster nur ganz kurz auftreten. Ekman spricht dabei von einer Zeiteinheit zwischen 4–8 Sekunden (persönliche Mitteilung). Solche Reaktionsmuster können sich überlagern, gegenseitig blockieren oder sich sogar selbstreferenziell immer wieder hervorrufen, wodurch eine Verstärkung der ursprünglichen Intensität erreicht wird. Ein erster Vertreter dieser Sichtweise, der diese Auffassung systematisiert hat, war Tomkins (1962,1963).
Aufgrund des von Tomkins postulierten Systems (1963) werden Emotionen in sich selbst reguliert. Tomkins versucht mit der Beschreibung von acht Affekten, eine gewisse Standardisierung der Terminologie zu erreichen. Die einzelnen AffekteAffekt(e) sollen durch einen mit Bindestrich verbundenen Namen charakterisiert werden, indem ein Begriff zu einem Affekt bei niedriger Intensität und einer bei hoher Intensität eingeht. Zu jedem Affekt sind die wichtigsten und charakteristischen Gesichtsbewegungen aufgezählt. Tomkins unterscheidet:
  • Positive AffekteAffekt(e)positive: „interest – excitement“ und „enjoyment – joy“

  • Neutraler Affekt:Affekt(e)neutraler „surprise – startle“

  • Negative Affekte:Affekt(e)negative „distress – anguish“, „fear – terror“, „shame – humiliation“, „contempt – disgust“ und „anger – rage“

Die wichtigste Aussage ist, dass Tomkins die EmotionenEmotion(en)als Belohnungssystemals „Belohnungssystem“ postuliert. Damit kommt den Emotionen eine wichtige Funktion für das Verhalten zu – nicht nur für die unmittelbare emotionale Reaktion, wie uns die üblichen Emotionstheorien vermitteln, sondern besonders für langfristige Unternehmen. Damit schlägt Tomkins eine Brücke zur Motivationspsychologie. Emotionen stellen nicht nur unmittelbar Energie zur Verfügung (via physiologische Aktivierung), sondern dienen langfristigen Verhaltensplänen dadurch, dass sie Verhalten in Richtung auf das gewünschte Ziel belohnen und Abweichungen davon bestrafen. In Tomkins (1963) findet sich dazu eine Liste von Hypothesen zur AffektdynamikAffektdynamik, die sehr spezifisch auf das Zusammenwirken der einzelnen Emotionen eingehen:
  • Die Reduktion eines negativen Affekts bewirkt z. B. den positiven Affekt Freude. Intensität und Dauer des positiven Affekts sind proportional zur Dauer des negativen Affekts und zur Art und Dauer des Wechsels.

Oder:
  • Die plötzliche Reduktion starker andauernder Angst löst Freude aus, eine unvollständige Reduktion Erregung.

Oder:
  • Die totale, plötzliche Reduktion intensiver anhaltender Scham aktiviert Freude; die unvollständige Reduktion aktiviert Überraschung.

Tomkins vertritt zudem in seiner Theorie der Affektdynamik die Auffassung, dass die Aktivierung von Affekten einen Energieverlust mit sich bringt, der proportional zur Dauer und Intensität der Affekte ist.

Resümee

Emotionsmodelle, die Emotionen als Orientierungshilfe in Entscheidungssituationen auffassen, gehen von in sich geschlossenen Einheiten aus, die vorgegebene Reaktionsmuster von Erleben und (Ausdrucks-)Verhalten beschreiben.

Kognitive Emotionstheorien

EmotionsregulationKonzepte/TheorienkognitiveEin Artikel von Schachter und Singer (1962) leitete die kognitive Wende für die Formulierung psychologischer Emotionstheorien ein. Die Hauptaussage lautete, dass die Wahrnehmung der physiologischen Reaktion sensibilisiert, auf Hinweise zu achten, die es erlauben, dieser Aktivierung einen „emotionalen“ Namen zu geben. In verschiedenen Experimenten haben Schachter und Singer (1962) nachgewiesen, dass KognitionenEmotion(en)Kognition(en)Kognition(en)Emotion(en) bestimmen, welcher Emotionskategorie unspezifische physiologische Erregungen – teilweise ausgelöst durch psychotrope SubstanzenPsychotrope Substanzenphysiologische Erregung – zugeordnet werden:

This suggests, then, that an emotional state may be considered a function of physiological arousal and of a cognitive appropriate to this state of arousal. The cognition, in a sense, exerts a steering function. Cognitions arising from the immediate situation as interpreted by past experience provide a framework within one understands and labels his feelings. It is the cognition which determines whether the state of physiological arousal will be labeled as „anger“, „joy“, „fear“, or whatever.

Schachter und Singer (1962: 380)

Daraus folgernd kann ein emotionaler Zustand als Funktion einer physiologischen Erregung einerseits und einer Zuschreibung bzw. dem Ergebnis eines Denkprozesses andererseits betrachtet werden. Die Ergebnisse ihrer Arbeiten weisen darauf hin, dass die viszerale Aktivität auf einer Wechselwirkung von kognitiven und situationalen Faktoren beruht, und dass Bewertungsvorgänge und Interpretationen für eine Emotion nicht nur notwendig sind, sondern die Voraussetzung für deren Entstehung darstellen.
Damit soll zu den heute wohl wichtigsten Theorien zur Emotionsentstehung, den kognitiven Emotionstheorien, übergegangen werden. Bei Lazarus (1991) sind die Begriffe primary und secondary appraisal zentral, wobei er unter Letzterem die Einschätzung des Bewältigungspotenzials versteht. Die Einschätzungen basieren auf Mensch-Umgebungs-Interaktionen, die Auslöser sind die Kernbeziehungsthemen (core-relational themes). Ein Beispiel eines solchen Themas für die Emotion „Ärger“ ist eine niederträchtige Bedrohung gegen mich und die Meinen.
Die Emotionstheorie von Scherer (1984) nimmt eine Stellung zwischen den kognitiv-dimensionalen und den physiologisch orientierten Emotionstheorien ein. Einerseits sind es nicht Kognitionen im strengen Sinn, die das Emotionserleben steuern, andererseits sind Emotionen kognitiv beeinflussbar. Eintreffende Information wird nach dieser Theorie in verschiedenen Stufen verarbeitet. Es wird ein Drei-Ebenen-Modell des EmotionssystemsEmotion(en)Drei-Ebenen-Modell postuliert:
  • a.

    eine sensorisch-motorische Ebene,

  • b.

    eine schematische Ebene (Lernen, Schematheorie) sowie

  • c.

    eine konzeptuelle Ebene (Denken, Volition, Handeln).

Eingehende Signale werden sequenziell in verschiedenen Filtern oder evaluation checks analysiert. Je nach Verarbeitungskapazität ergeben sich entsprechend differenzierte Zustände, die als Gefühle erlebt werden können.

Resümee

Kognitive Emotionstheorien begreifen Emotionen als Funktion einer physiologischen Erregung einerseits und einer Zuschreibung (als Ergebnis eines Denkprozesses) andererseits. Weiterentwicklungen differenzieren eine schematische und eine konzeptuelle kognitive Ebene.

Stressregulation

Intrapsychische und interpersonale Regulation

StressregulationintrapsychischeIn diesem Abschnitt geht es um die Frage, wie Gefühlszustände reguliert werden. Die Bewältigungsforschung ist in den Kontext der Stressforschung eingebettet. Die meisten Arbeiten der Stressforschung befassen sich nicht mit der Qualität von Emotionen (wie etwa Schuld, Angst oder Scham), sondern behandeln Emotionen unspezifisch als Erregungszustand. Die Bewältigung von EmotionenBewältigungvon Emotionen wird personzentriert betrachtet, und die situationsspezifischen Merkmale, die eine Emotion auslösen, finden zumeist wenig Beachtung. Die Perspektive ist auf die einzelne Person gerichtet, nicht so sehr auf die Interaktionen zwischen Personen oder zwischen einer Person und ihrer Umwelt. So ist etwa die Absicht, Interaktionspartner mittels eingesetzter Bewältigungsformen zu beeinflussen, bisher wenig beachtet worden. In der Entwicklungspsychologie und auch in der klinischen Psychologie existieren jedoch entsprechende Ansätze (Kap. 10.6).
Die größte Bedeutung für die Regulation des eigenen Wohlbefindens kommt selbst bei Erwachsenen der interpersonalen Regulation zu. Deshalb wird eine Systematik vorgeschlagen wie diese zu verstehen und zu untersuchen ist. Auch Paare stimmen sich emotional ab. Stirbt der Lebenspartner, so fällt ein Großteil der spezifischen Außenregulation weg. In der Psychotherapie ist einer der bestgesicherten Befunde, dass die BeziehungsgestaltungTherapeutische Beziehunginterpersonale Regulation einen großen Anteil am Erfolg einer Therapie ausmacht. Indem der Therapeut akkurat auf die emotionale Befindlichkeit des Patienten eingeht und gleichzeitig dafür sorgt, dass dieser sich in seinen zentralen Bedürfnissen verstanden fühlt, wird eine für die therapeutische Arbeit günstige Atmosphäre erreicht. Trotz dieser Befunde wurde dieser zwischenmenschliche Aspekt in der Stress- und Emotionsforschung bisher wenig berücksichtigt oder den Faktoren Unterstützung oder Empathie subsumiert.

Stress, Bewältigungsformen und Emotion

StressregulationBewältigungsformenStressreiche Umwelteinflüsse können teilweise dauerhafte physiologische Veränderungen bewirken (Selye 1936). Auf einen erhöhten Adaptationsdruck reagieren Lebewesen damit, dass sie die physiologischen Voraussetzungen für seine Bewältigung schaffen. StressStressDefinition wurde von Selye so definiert, dass der Körper mit einer unspezifischen Reaktion auf einen solchen Druck reagiert und damit die Voraussetzungen schafft, diese Anforderungen zu bewältigen. Das generalisierte AdaptationsmodellStressregulationAdaptationsmodell nach Selyevon Stress nach Selye (1936) postuliert drei Phasen:
  • 1.

    Alarmsituation: Die körperlichen Ressourcen werden bereitgestellt. Alle momentan unnötigen stoffwechselverzehrenden Körperfunktionen werden reduziert (z. B. die Darmtätigkeit). Der Herzschlagrhythmus und die Atemfrequenz werden erhöht, die Aufmerksamkeit wird auf die Quelle der störenden Umweltbedingung konzentriert.

  • 2.

    Erhöhter Widerstand gegen die Quelle der Störung: So steigen z. B. die Schwellenwerte der Wahrnehmung bei erhöhter Lärmbelastung. Dieser Vorrang kostet Energie, die dem Körper entzogen wird. Hält dieser Zustand lange an, erschöpfen sich die Energiequellen.

  • 3.

    Erschöpfungsphase: geht mit andauernden physiologischen Veränderungen einher, die oft irreversibel sind und zu einem frühzeitigen Alterungsprozess beitragen. Von Selye wurden im Tierversuch dauerhafte Organschädigungen festgestellt. Beim Menschen wurde von Sapolsky (1992) in Untersuchungsreihen nachgewiesen, dass dauerhafte starke emotionale Belastung zu Hirnschädigungen führen kann.

Bewältigungvon StressBewältigungsformen kommt also eine hohe Bedeutung zu. Unter BewältigungStressBewältigung (Coping)(CopingCoping) verstehen Lazarus und Folkman (1984: 141): „Es sind sich ständig verändernde kognitive und verhaltensorientierte Bemühungen, spezifische externe und/oder interne Anforderungen zu bewältigen, die die Ressourcen einer Person beanspruchen oder übersteigen.“
Genauer lässt sich dieses Konzept nach Laux und Weber (1990) in sechs Punkte fassen:
  • 1.

    Stress und Bewältigung sind als Konzept miteinander verknüpft. Von Bewältigung wird nur dann gesprochen, wenn zwischen den Anforderungen, die an eine Person gestellt werden, und ihren Handlungsmöglichkeiten ein Ungleichgewicht besteht.

  • 2.

    BewältigungBewältigungDefinition ist ein dynamischer Prozess, der nicht gleichgesetzt werden kann mit Bewältigungsstilen oder -dispositionen, die über Situationen hinweg stabil bleiben.

  • 3.

    Bewältigung ist das Bemühen, die Nichtpassung zwischen Anforderungen und Handlungsmöglichkeiten zu bewältigen. Sie kann effizient oder nicht effizient sein, Letzteres z. B. bei realitätsverzerrenden Abwehrmechanismen („Kopf-in-den-Sand-Strategien“).

  • 4.

    Bewältigung ist dadurch gekennzeichnet, dass eine Anstrengung erforderlich ist, um das Gleichgewicht zwischen Person und Umwelt wiederherzustellen. Resignation oder das Akzeptieren einer nicht veränderbaren Situation (z. B. Tod des Ehepartners) wird allerdings auch darunter subsumiert.

  • 5.

    Bewältigung kann in zwei Klassen eingeteilt werden. Wenn die Anstrengung darauf gerichtet ist, eine Änderung der Person-Umwelt-Konstellation zu bewirken, wird von Bewältigungproblemorientierteproblemorientiertem (problem-focused coping), wenn es darum geht, die resultierende negative Befindlichkeit zu regulieren, von emotionszentriertem BewältigenBewältigungemotionszentrierte (emotion-focused coping) gesprochen.

  • 6.

    Die Anbindung an das Stresskonzept schließt positiv getönte EmotionenEmotion(en)positiv getönte als Initiatoren stressbewältigender Prozesse aus. Trotzdem kann davon ausgegangen werden, dass auch positive Emotionen, zumindest als Mischformen, durchaus eine wichtige Funktion ausüben. Anforderungen können auch als Herausforderung (challenge) interpretiert werden; zudem sind positive Emotionen wichtig zum emotionalen „Auftanken“ oder zur Beibehaltung lang andauernder Bewältigungsanstrengungen.

Bewältigungvon EmotionenEmotion(en)BewältigungEine Emotion kann das Ergebnis einer erfolgreichen (oder erfolgslosen) Bewältigung sein. Eine Emotion kann aber als Handlungsimpuls auch die Bewältigung initiieren; z. B. kann Ärger der Auslöser sein, einen unbefriedigenden Zustand zu ändern. Bewältigungsprozesse modulieren die Qualität und Intensität von Emotionen. In der Emotionsforschung wird der Begriff der Bewältigung nur selten gebraucht. Bei Lazarus (1991) beeinflusst allerdings bei der Emotionsentstehung eine Evaluationsprüfung der eigenen Bewältigungsressourcen die Qualität der Emotion. Die konzeptuelle Bewältigung schließt die Regulation der motorischen Reaktion und die Regulation der Stimulation mit ein. Am Konzept der Stimuluskontrolle schließen sich Abwehrmechanismen als spezifische Form der kognitiven Bewältigung an; so wird z. B. postuliert, dass Angst und Verdrängung zusammengehören, weil zu viel Angst handlungsunfähig macht.

Merke

BewältigungBewältigung dient der Wiederherstellung eines Gleichgewichts zwischen Person und Umwelt, wenn eine Nichtpassung zwischen Anforderungen der Umwelt und Handlungsmöglichkeiten eingetreten ist. Eigene Bewältigungsmöglichkeiten werden von der Person evaluiert und modulieren die Qualität und Intensität von Emotionen.

In der Emotionsforschung wird aber in der Regel nicht von Coping oder Bewältigung gesprochen, sondern vielmehr von Kontrolle Emotionskontrolleoder von IntensitätsregulationIntensitätsregulationEmotionenEmotion(en)Intensitätsregulation. Problematisch ist, dass unter Emotionskontrolle oft AusdruckskontrolleAusdruckskontrolle verstanden wird, wobei es Hinweise darauf gibt, dass durch viszerale Rückkopplung das Erleben beeinflusst werden kann. So könnte ein starrer, maskenhafter Ausdruck, wie er an Trauernden beobachtet wird, als Versuch gewertet werden, Gefühle der Trauer zu regulieren. Die ausgeübte Kontrolle geht aber nicht zwingend mit der Regulation des Ausmaßes an erlebter Emotion oder physiologischer Erregung einher. Häufiger ist das Gegenteil der Fall: So wurde in verschiedenen Experimenten gezeigt, dass das bewusste Zurückhalten des emotionalen Ausdrucks die physiologische Reaktion verstärken kann.
Im Zusammenhang mit der Psychotherapie wird auch der Begriff der „EmotionsarbeitEmotionsarbeit“ gebraucht. Unter Emotionsarbeit wird der Versuch verstanden, Gefühle wahrnehmen zu lernen. Ausgehend von der ursprünglich von Freud formulierten These, dass Verdrängungsvorgänge die Qualität von erlebten Emotionen verändern und damit auch den bewussten Zugang zu den auslösenden Ereignissen zuverlässig unmöglich machen, sollen in aufdeckenden PsychotherapienPsychotherapieaufdeckende die einem Trauma zugrunde liegenden Emotionen wieder aktiviert werden. Die Wirkung solcher „aufdeckenden“ Interventionen ist umstritten; weitgehend unbestritten ist jedoch, dass einer Problemveränderung eine emotionale Aktivierung vorausgehen muss. Das Erleben von Emotionen allein stellt nach heutiger Kenntnis aller Wahrscheinlichkeit nach keine wirksame Methode zur Symptomreduktion dar. Neben Emotionskontrolle und Emotionsarbeit wird der Begriff „emotionszentriertes CopingCopingemotionszentriertes“ gebraucht. Darunter wird oft eine palliative (eine nur auf das Wohlbefinden gerichtete, nicht aber ursächlich wirksame) Bewältigungsform verstanden.
BewältigungsformenintrapsychischeZunächst können die verschiedenen Bewältigungsformen in intrapsychische, aktionale und expressive Formen eingeteilt werden. Die intrapsychischen BewältigungsformenCopingformen haben eine lange Tradition in der psychodynamischen Literatur. Von Sigmund Freud ausgehend schuf Anna Freud eine Taxonomie, die u. a. folgende AbwehrmechanismenAbwehrmechanismen enthielt: Verdrängung, (Realitäts-)Verleugnung, Reaktionsbildung, Projektion, Isolierung und Intellektualisierung. Dazu zählen auch Bagatellisierung und Selbstbehinderung. Ausgehend von der Sichtweise, dass das emotionale Gleichgewicht nur beibehalten werden kann, wenn das auslösende Ereignis als solches nicht erkannt oder in seiner Bedeutung (Bedrohung) abgeschwächt wird, können folgende Abwehrmechanismen aufgezählt werden: Bewältigungsformendefensive
  • VerneinungVerneinung: die Situation als nicht bedrohlich betrachten

  • AffektisolationAffektisolation: keine emotionale Reaktion zeigen

  • Verkehrung ins GegenteilVerkehrung ins Gegenteil: auf die Situation mit positivem Affekt reagieren

  • VermeidungVermeidung: an etwas anderes denken, was nichts mit der bedrohlichen Situation zu tun hat

  • IntellektualisierungIntellektualisierung: eine analytisch-intellektuelle Orientierung gegenüber der Situation einnehmen

  • BagatellisierungBagatellisierung: die Situation als kaum bedrohlich abtun

  • EskapismusEskapismus (der Wirklichkeit entfliehende Fantasien): Tagträume, sich in Fantasiewelten bewegen, um Schwierigkeiten zu vergessen (nach Laux und Weber 1990)

Gemeinsam ist diesen defensiven Bewältigungsformen, dass sie die Realität mehr oder weniger verzerren und damit eine Adaptation an die neuen Umstände erschweren. Eine Person, die solche Strategien häufig einsetzt, bringt sich um die Chance, sich an die veränderten Umweltbedingungen anzupassen. Langfristig sind realitätsverzerrende Abwehrmechanismen höchst problematisch. Deshalb unterscheiden modernere Ansätze auch zwischen adaptiven und maladaptiven Formen der Abwehr. Andere unterscheiden zwischen unreifen und reifen Abwehrmechanismen, wobei sich reife Abwehrmechanismen durch eine flexible Anpassung an die Umwelt auszeichnen.

Merke

Das Konzept der Abwehrmechanismen stellt das tiefenpsychologische Pendant von intrapsychischen Bewältigungsformen dar. Die für die Entstehung psychischer Störungen bedeutsamen defensiven Bewältigungsformen zielen darauf ab, das emotionale Gleichgewicht dadurch beibehalten, dass das auslösende Ereignis als solches nicht erkannt oder in seiner bedrohlichen Bedeutung abgeschwächt wird.

Von den defensiven und teilweise realitätsverzerrenden Bewältigungsformen werden aktionale BewältigungsformenBewältigungsformenaktionale abgegrenzt. Die positive Selbstinstruktion wird auch therapeutisch genutzt.
Folgende aktionale Bewältigungsformen werden differenziert:
  • Positive Bedeutungszuweisung: positives Denken, positive SelbstinstruktionSelbstinstruktionenpositive, Hoffen, Sinngebung. Zu beachten ist, dass der Übergang zwischen realitätsverzerrenden positiven NeubewertungenEmotionsregulationpositive Neubewertung und einer Sichtweise, die eine Situation in einem neuen Licht erscheinen lässt, fließend ist.

  • Konfrontation – Aggression; Vermeidung – Flucht

  • Ersatzbefriedigung – Kompensation

  • Suche nach Hilfe – soziale Unterstützung

  • Entspannung und problemorientiertes Handeln

  • Informationssuche (monitoring)

  • Direkte Handlungen und das Unterdrücken von Handlungsimpulsen (repression oder blunting) (Laux und Weber 1990)

Unter expressiven BewältigungsformenBewältigungsformenexpressive wird die Variation des Gefühlsausdrucks verstanden, die von Unterdrückung bis zur unkontrollierten Entladung reichen kann. Inwieweit der unkontrollierte Ausdruck von Emotionen als Bewältigung angesehen werden kann, ist kontrovers. Einerseits existieren Vorstellungen, dass das „Herauslassen“ (venting) der Gefühle für das emotionale Gleichgewicht in jedem Fall gut ist, andererseits kann der Ausdruck eines Gefühls dieses zugleich auch verstärken. Nach Tomkins (1982) kann der Ausdruck einer gegensätzlichen Emotion als Gefühlsregulator eingesetzt werden. Außerdem hat das „Herauslassen von Gefühlen“ auch soziale Konsequenzen: So ist der Ausdruck negativer Emotionen vielfach unerwünscht und wird sozial bestraft, was wiederum negative Gefühle auslösen kann.

Merke

Bewältigungsformen umfassen defensive, aktionale und expressive Bewältigungsprozesse. Emotionsregulation bzw. -kontrolle ist ein der „Bewältigung“ verwandtes Konzept.

Coping

CopingDie Coping-Forschung stellt einen Versuch dar, defensive Regulationsprozesse mit Lebenssituationen in Beziehung zu setzen. Ausgehend von frühen Überlegungen von Lazarus hat sich der Coping-Ansatz als einer der fruchtbarsten Konzeptionen für die Gesundheitspsychologie erwiesen. Hier werden hauptsächlich die Dimensionen „problemorientiertes CopingCopingproblemorientiertes“, „emotionszentriertes CopingCopingemotionszentriertes“, und „vermeidendes CopingCopingvermeidendes“ unterschieden, wobei die beiden letztgenannten Kategorien oft unter den Begriff emotionszentriertes Coping subsumiert werden.
Neben der Funktionseinteilung von Bewältigungsformen (problemzentriertes vs. emotionszentriertes Coping) gibt es noch andere Einteilungsschemata wie zeitliche Orientierung (Vergangenheit, Zukunft, Gegenwart), Bewertung (Schaden, Verlust, Bedrohung und Herausforderung), instrumenteller Fokus (selbst- oder umweltbezogen), thematische Merkmale (Überwinden, Tolerieren, Prävention) und Bewältigungsmodi (direkte Handlungen).
Im Gegensatz zu handlungsorientiertem Bewältigen, das direkt auf das zu lösende Problem gerichtet ist und demzufolge objektive Erfolgskriterien einschließt, gibt es solche Kriterien beim emotionszentrierten Bewältigen nicht. Zudem wird häufig nicht unterschieden zwischen bewussten, vorbewussten oder automatischen Prozessen. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass zum Begriff „Emotionsregulation“ eine Vielzahl verschiedener Konzepte existieren, die aus unterschiedlichen Teilbereichen der Psychologie stammen.

Funktion der Emotionsregulation

Vermeidens- und Problemlösestrategien

EmotionsregulationFunktionEmotionsregulationVermeidensstrategienEmotionsregulationProblemlösestrategienEine alternative Herangehensweise stellt das Modell von Wallbott und Scherer (1985) dar: Ausgehend davon, dass Emotionen adaptive Reaktionsmuster sind, die von spezifischen Stimuluskonfigurationen (Situationen) ausgelöst werden, beschreiben die Autoren solche Auslöser anhand von vier Grundemotionen (Freude/Glück; Trauer/Kummer; Furcht/Angst; und Ärger/Wut). Es werden emotionsspezifische und unspezifische EmotionsauslöserEmotionsauslöser und Kontrollen Emotionskontrolleangenommen; demnach wird Freude relativ wenig kontrolliert, Trauer dagegen stärker. Auch Furcht- und Angstsituationen werden relativ oft kontrolliert. Im Gegensatz zur Trauer wird hier weniger der Ausdruck kontrolliert, sondern es ist vielmehr die Gefühlsreaktion selbst, die zu unterdrücken versucht wird. Laut Walbott und Scherer (1985) ist die Kontrolle von verbalen ärgerspezifischen Äußerungen sehr groß und die Kontrolle der ÄrgerreaktionÄrgerreaktion groß; die befragten Personen würden sehr häufig anders handeln, wenn sie das Rad der Zeit noch einmal zurückdrehen könnten.
Im Gegensatz zur Stressforschung, die mehrheitlich Reaktionsdispositionen untersucht, ist eine solche emotionsnahe Forschung näher am Erleben. Das Problem besteht darin, dass die einzelnen Emotion(en)RegulationsstrategienRegulationsstrategien und -techniken wegen des damit verbundenen Aufwands nicht weiter beschrieben werden können. Diese Strategien sind es aber, die bei gesundheitsrelevanten Fragen und auch zur Differenzierung unterschiedlicher Persönlichkeitsstile interessieren.
Die Untersuchung von McCrae und Costa (1986) ist eine der wenigen Studien, die sich mit der Wirksamkeit einzelner Strategien auseinandergesetzt hat. Untersucht wurden 27 Bewältigungsformen im Hinblick auf a) Erfolg für Problemlösung und b) Wirksamkeit für Belastungsreduktion. Diese Übersicht zeigt, dass neben dem Glauben an eine höhere Macht vor allem soziale Unterstützung, der Ausdruck von Gefühlen und aktive Copingstrategien als effizient beurteilt werden, und zwar sowohl für das relevante Problem als auch für die damit verbundene Belastung. Belastung wird offensichtlich nur selten unabhängig von der Situation (dem Problem) wahrgenommen und deshalb kommen ProblemlösestrategienProblemlösestrategien/-trainingRegulierung emotionaler Reaktionen zur Regulierung von emotionalen Reaktionen zur Anwendung. Als besonders effiziente StrategienBewältigungsstrategienpositive Neubewertung werden Formen der positiven NeubewertungNeubewertung, positive (reappraisal) betrachtet. Dazu gehören zeitliche Vergleiche („es geht mir besser als im letzten Jahr“), soziale Vergleiche („gegenüber der X geht es mir aber noch richtig gut“), die Interpretationen einer Situation als Herausforderung und nicht als Bedrohung sowie Humor. Defensive BewältigungsstrategienBewältigungsstrategiendefensive – dazu gehören alle Formen der VerleugnungVerleugnung sowie VermeidungVermeidung – werden als nicht sehr effizient beurteilt. Zwar liegt es in der Natur der Sache, dass Situationen, die unangenehme emotionale Zustände (v. a. solche bedrohlichen „Signalcharakters“) auslösen, gemieden oder, wenn sich die Situation nicht vermeiden lässt, die ausgelösten Gefühle verändert werden. Aufmerksamkeitsänderungen oder andere kognitive Strategien sind solche mögliche Wege, bedrohlich erlebte emotionale Zustände zu vermindern oder die von solchen Zuständen ausgehende Beeinträchtigung des Wohlbefindens zu reduzieren. Die Wahl der geeigneten kognitiven Strategie spielt dabei eine wichtige Rolle; vor allem langfristig können sich schädliche Konsequenzen ergeben. Die Ergebnisse der experimentellen Studien zur Unterdrückung (suppression) Emotion(en)Unterdrückungdeuten darauf hin, dass im Fall von willentlicher (bewusster oder automatisierter) Aufmerksamkeitssteuerung zwar das Bewusstsein für einen bedrohlichen emotionalen Zustand verringert werden kann, physiologisch aber genau gleich, wenn nicht sogar stärker auf die vermiedenen Situationen oder Reize reagiert wird.
Allerdings existieren Umstände, die solche Bewältigungsformen zumindest zeitweise notwendig machen. Im Modell von Horowitz (1986) für die Verarbeitung von Verlust- und Stressereignissen werden defensive Phasen postuliert. Diese defensiven Phasen sollen einen graduierten Zugang zum Ereignis ermöglichen, damit dieses in die Schemastruktur einer Person integriert werden kann. Einzelne Arbeiten – vor allem im Bereich der Krebsforschung – zeigen, dass solchen defensiven Mechanismen eine wichtige Rolle zukommt.
Der Frage, welche Strategien für die EmotionsEmotionskontrolleStrategien- oder Stimmungskontrolle wirksam sind, sind Thayer et al. (1994) nachgegangen. Es zeigte sich, dass die meisten Menschen relativ unwirksame Mittel zur Stimmungskontrolle einsetzen (möglicherweise weil effiziente Methoden mit einem erhöhten Aufwand gekoppelt sind). Als häufigste Verhaltensweisen, eine schlechte Stimmung zu verbessern, wurde angegeben:
  • a.

    Jemanden anrufen, mit jemandem sprechen oder mit jemandem anderen zusammen sein (54 %),

  • b.

    Gedankenkontrolle (51 %) und

  • c.

    Musik hören (47 %).

Nach Thayer et al. (1994) sind dagegen energiesteigernde Methoden wirksam, z. B. sich ausruhen, sich Wasser ins Gesicht spritzen, an die frische Luft gehen, Koffein einnehmen. Als spannungsreduzierende Methoden helfen EntspannungstechnikenEntspannungsverfahrenEmotions-/Stimmungskontrolle und Stressmanagement. Körperliche Tätigkeit, wie Laufen oder Schwimmen wird als die effektivste Möglichkeit angegeben, eine schlechte Stimmung zu verändern. Die beste Strategie ergibt sich demnach aus der Kombination von Entspannungstechniken, Stressmanagement, kognitiven Techniken und vor allem körperlicher Bewegung.
In der Verhaltenstherapie werden in Therapiesitzungen auftauchende EmotionenEmotion(en)Verhaltenstherapie, die nicht gezielt – z. B. bei der Exposition auftauchen – eher als unerwünschte Nebenwirkungen therapeutischer Interventionen gesehen. Das Ziel ist denn auch die „Ent-Konditionierung“ und das Erreichen eines rationalen Umgangs mit diesen gelernten Reaktionen. In kognitiven Therapieansätzen werden Emotionen als „postkognitives Phänomen“ gesehen. Die Bewertung eines Ereignisses bestimmt die emotionale Reaktion. Entsprechend werden „automatische Gedanken“ oder irrational beliefs durch neue, funktionalere Schemata ersetzt.
In den humanistischen TherapierichtungenPsychotherapiehumanistische Verfahren stellt das ExperiencingExperiencing (Rogers 1951) ein zentrales Konstrukt dar. Affekte werden als ein Orientierungssystem gesehen, das den Organismus mit wichtigen Informationen über sich und die Umwelt versorgt. Auch in GestalttherapieGestalttherapieEmotionen-Ansätzen werden EmotionenEmotion(en)Experiencing als direkte und unmittelbare (aber auch evaluative) Erfahrungen des Organismus/Umwelt-Feldes betrachtet. Mithilfe dieses Experiencing entscheidet der Mensch über wichtig und unwichtig (Figur/Grund in der Gestaltpsychologie). Die Gewissheit der Wahrnehmung wird unterbrochen, wenn Emotionen vor ihrem Eintritt ins Bewusstsein abgeblockt werden. Dementsprechend geht es oft darum, Gefühle überhaupt erst einmal wahrnehmen zu lernen, ihre subjektive Bedeutung zu erkennen und dann den geeigneten Ausdruck dafür zu finden. Insbesondere in der GesprächstherapieGestalttherapieExperiencing stellt sich die Technik des Experiencing als effektiv heraus, wenn auch nicht in jedem Fall und oft erst gegen Ende der Therapie.
Im Bereich der SozialpsychologieEmotion(en)Sozialpsychologie existieren Arbeiten, die für eine präventive Wirkung von verbalen oder schriftlich festgehaltenen Emotionsäußerungen sprechen. Über die expressiven BewältigungsformenBewältigungsformenexpressive liegen bis auf wenige Forschungsarbeiten kaum Ergebnisse vor, und diese sind widersprüchlich. So wird das „Ablassen“ von ÄrgerreaktionenÄrgerreaktion oft als negativ beurteilt; Ärger zeigen kann aber durchaus nützlich sein, wenn es zur Klärung einer Situation beiträgt. Im Rahmen psychodynamischer Modelle wird oft betont, dass das Ausdrücken von Gefühlen kathartische Wirkung hat. Empirische Befunde zur Wirkung des Gefühlsausdrucks für das eigene Wohlbefinden sind widersprüchlich und spiegeln damit die unklare Lage in der Theorie wider.

Merke

  • Positive Neubewertung stellt eine besonders effiziente Emotionsregulationsstrategie dar.

  • Defensive Bewältigungsformen wie Verleugnung und Vermeidung oder ihr Pendant in der Emotionsforschung, die Unterdrückung, sind langfristig gewöhnlich nicht effizient.

  • Expressive Bewältigungsformen haben ihre Berechtigung, dies allerdings vor allem da, wo das Emotionserleben bereits gestört ist.

Bewältigungsstile: das Repressor-Konzept

EmotionsregulationBewältigungsstileBewältigungsstileRepressor-KonzeptAls Bewältigungsstile werden habituelle oder dispositionelle Verhaltensweisen bezeichnet, die über verschiedene Situationen hinweg gleich bleiben (transsituative BewältigungBewältigungtranssituative) und die eine Person charakterisieren. Eines der wichtigsten Konstrukte ist das Repression-Sensitization-ModellRepressor-Sensitizer-Konzept, Bewältigungvon Byrne (1961). Als Repressor werden diejenigen Personen bezeichnet, die angsterregende Informationen abwehren, während SensitizerSensitizer gerade darauf ihre Aufmerksamkeit verstärkt richten. Ein Repressor würde u. U. nicht einmal in einer wirklich lebensbedrohlichen Situation Angst erleben, während ein Sensitizer schon beim Gedanken an einen möglichen Zwischenfall Vorsichtsmaßnahmen ergreift. Repressoren berichten, dass sie durch das Ereignis weniger belastet sind, reagieren aber physiologisch stärker als Sensitizer.
Als weiterer Beleg für das Repressor-Sensitizer-Konzept kann folgender Befund interpretiert werden: Weibliche Versuchspersonen wurden aufgefordert, sich emotionale Filme anzusehen und dabei ihre Gefühle zu unterdrücken. In der Unterdrückungsbedingung zeigten die Versuchsteilnehmerinnen eine erhöhte Reaktion des Sympathikus und der kardiovaskulären Aktivität. Es existieren auch weitere Bezeichnungen für das gleiche Phänomen wie z. B. das Konzept des monitoringMonitoring vs. bluntingBlunting (Beobachten/Kontrollieren vs. Abstumpfung). In einer Übersichtsarbeit (Schwartz 1990) werden positive Zusammenhänge dieses BewältigungsstilsBewältigungsstilephysiologische Reaktionen mit erhöhter physiologischer Aktivität, verminderter Immunfunktion und erhöhter Vulnerabilität bezüglich Magengeschwüren, Allergien, Bluthochdruck, Impotenz und Vaginalherpes berichtet. Es gibt jedoch auch kontroverse Befunde: So kann sich das Unterdrücken von Traueräußerungen im Zusammenhang mit der Verarbeitung von Trauer hinsichtlich des weiteren Verlaufs positiv auswirken.
In Untersuchungen zu perzeptuellen Abwehrmechanismen (perceptual defense) wurde wiederholt nachgewiesen, dass emotional hoch besetzte Stimuli zu Veränderungen in der Erinnerungsleistung führen. Dies gilt nicht nur für bedrohliche Inhalte, sondern auch für selbstwertfördernde Stimuli. Der Zusammenhang zwischen der Erinnerungsleistung und emotionalen Reizen wurde auch im therapeutischen Zusammenhang untersucht. Zeichen erhöhter Emotionalität gehen momentaner Vergesslichkeit voraus; Anstrengungen, intensive Emotionen zu unterdrücken, haben kognitive Fehlleistungen zur Folge.

Entwicklung der Emotionsregulation in der Interaktion

Emotionsregulationin der InteraktionEmotion(en)DefinitionEmotionen sind nicht nur Gefühle, sondern Prozesse des Herstellens, Beibehaltens und Abbrechens von Beziehungen zwischen einer Person und ihrer externen/internen Umwelt. Emotionen sind nach dieser Definition nicht bloße intrapersonelle Phänomene, sondern haben sowohl intra- als auch interpersonelle regulierende KonsequenzenEmotion(en)Konsequenzen. Insbesondere können emotionale Signale anderer eine eigene Handlung leiten und einen ähnlichen oder gar gleichen Zustand im Beobachter hervorrufen („emotionale AnsteckungAnsteckung, emotionale“). Demnach müssen Emotionen generell als regulierende Tätigkeit in der Transaktion zwischen Person und Umwelt, die schon in der frühesten Entwicklung zu beobachten ist, betrachtet werden. Die TrauerreaktionTrauerreaktion wurde als Verlust der zwischenpersonalen emotionalen Regulationstätigkeit beschriebenEmotion(en)Außenregulation. So wie in der Mutter-Kind-Interaktion die Mutter in der Lage ist, eine bestimmte positive Grundstimmung zu induzieren, und umgekehrt die Mutter vom Lächeln des Kindes ihrerseits emotional profitiert, so sind auch Personen in ihrem Befinden teilweise von der emotionalen Regulation ihres jeweiligen Lebenspartners abhängig. Fällt diese „Außenregulation“ weg, ist es schwieriger, sich selbst in einen funktionstüchtigen Modus zu bringen.
Persönliche und soziale Faktoren bestimmen die Mechanismen für die Emotionsregulation. Nach Masters (1991) werden drei Typen von Strategien oder Mechanismen unterschiedenEmotionsregulationVerhaltensstrategien: Verhaltens-, kognitiveEmotionsregulationkognitive Strategien und physiologische StrategienEmotionsregulationphysiologische Strategien. Die Emotionsregulation erfolgt entweder reaktiv auf eine Situation und hat die Besserung, Erhaltung oder Erhöhung des subjektiven Wohlbefindens zum Ziel, oder sie erfolgt antizipierend. Die antizipierende RegulationEmotionsregulationantizipierende wird entweder aktiv hervorgerufen (evoziert), oder sie erfolgt passiv oder autonom durch Automation. Nach Masters ergibt sich damit eine Taxonomie der Emotionsregulation, die auf verschiedenen Ebenen deutlich macht, wie komplex eine solche Regulationstätigkeit ist und welche Faktoren in diesem Zusammenhang berücksichtigt werden müssen.
Zum interpersonalen Effekt von EmotionsregulationEmotionsregulationinterpersonaler Effekt existiert ein interessanter Ansatz von Aronoff et al. (1994): Ausgehend von der Annahme, dass Menschen mit adaptiven, anpassungsfähigen Kontrollstrukturen ein differenzierteres interpersonales Verhalten zeigen, wird die Sichtweise vertreten, dass adaptive StrategienEmotionsregulationadaptive Strategien es erlauben, flexibler auf die jeweilige Situation eingehen zu können. Eine solche Regulationsstruktur besteht aus kognitiven und behavioralen Kontrollstellen („a self-structure of cognitive and behavioral controls through which affects are experienced“), durch die eine emotionale Erfahrung gefiltert erlebt wird. So soll eine solche adaptive Regulationsaktivität erlauben, nach einer bedeutenden Enttäuschung aufkommende negative Gefühle zu erleben und zu beurteilen, sich somit auch traurig zu fühlen, anstatt zu versuchen, diese unangenehmen Gefühle abzuwehren. Unflexible Regulationen verlangen von einer Person, dass sie Handlungen, die sie in irgendeiner Weise an das Ereignis erinnern, ganz vermeidet und an fixen Vorstellungen und Verhaltensweisen festhält. In einer experimentellen Studie wurden diese Annahmen geprüft. Die Teilnehmer wurden in hoch oder niedrig defensive Personen eingeteilt. Dann wurden sie jeweils zu zweit in einen Raum geschickt, in der sie gemeinsam Aufgaben lösen mussten (sich z. B. eine lustige Geschichte erzählen oder jemanden Unbekannten anrufen). Als abhängige Variable wurde das interpersonelle Engagement mittels acht verschiedener Indikatoren erfasst (emotionale Äußerungen, verbale und nonverbale Zustimmung, Aufgabeninvolviertheit, verbale Fantasie, Gesten, Emotionsausdruck). Die Ausgangshypothese wurde durch die Ergebnisse weitgehend bestätigt: Niedrig defensive Personen wurden als emotionaler eingeschätzt und zeigten in allen erhobenen Maßen mehr Engagement. Damit sahen sich die Autoren bestätigt, dass der Umgang mit eigenen Emotionen, das „Filtrieren“ und Verändern der eigenen Erfahrung mittels kognitiver Strategien auf die Wahrnehmung sozialer Aufgaben einen entscheidenden Einfluss hat. Solche Personen werden nicht nur als kompetenter eingeschätzt, sondern man findet sie offenbar auch sympathischer.

Merke

Die emotionsregulatorische Funktion des interpersonellen Austauschs ist besonders bedeutsam in der Mutter-Kind-Interaktion, aber durchaus auch in nahen Beziehungen des Erwachsenen zu beobachten. Umgekehrt zeigen Menschen mit adaptiver Emotionsregulation auch ein situativ besser angepasstes interpersonales Verhalten.

Einfluss von Emotionen auf Denkprozesse

Kognitive und emotionale Prozesse

Dieser Abschnitt befasst sich mit „kognitiven“ und „emotionalen“ DenkprozessenDenkprozess(e)kognitiveDenkprozess(e)emotionale. Die Anführungszeichen drücken einen Vorbehalt aus. Dabei geht es vor allem um die problematische Unterscheidung zwischen Kognitionen oder „rationalen“ Prozessen und „emotionalen“ Prozessen. Emotionen stellen genauso wie andere Denkprozesse informationsverarbeitende Modi dar, die mehr oder weniger explizit erfahrbar sein können. Dennoch ist es sinnvoll, zwischen diesen Modi zu trennen. Zum einen, weil es in der Psychologie eine lange Tradition gibt, Emotion und Kognition getrennt zu analysieren, zum anderen, weil die Informationsverarbeitung selbst modular aufgebaut ist und entsprechend den momentanen Anforderungen verschiedene Modi mehr oder weniger stark bevorzugt werden oder gar parallel dieselbe Aufgabe zu lösen versuchen. Demnach stehen die informationsverarbeitenden Prozesse miteinander im Wettbewerb. Folgerichtig gibt es Situationen, in denen sich die einzelnen Modi gegenseitig behindern oder stören. Eine in der Literatur gut dokumentierte Störung ist die (negative) Beeinflussung von logischen Überlegungen durch emotionale ZuständeEmotion(en)Beeinflussung logischer Überlegungen. Das fundamentale Misstrauen gegenüber emotionalen Zuständen drückte schon Platon aus: „Bei Unglücksfällen verhalte dich so ruhig als möglich, und prüfe alle deine Missmutsgefühle sorgfältig; denn wir können die Menge des Guten oder Schlechten nicht ergründen, die aus diesen Heimsuchungen erfolgt.“
Die NetzwerktheorieEmotion(en)Netzwerktheorievon Bower (1981) nimmt an, dass nicht nur „semantische Netze“ existieren, sondern auch „emotionale neuronale Netze“, die in enger Interaktion mit den semantischen Netzen stehen und damit die Speicher- oder Abrufleistung beeinflussen. Die Theorie sagt voraus, dass eine bestimmte kognitive Leistung nur dann optimal wiederholt werden kann, wenn sie in einem gleichen emotionalen Zustand stattfindet. Lernen und Abrufen müsste dieser Theorie entsprechend bei konstanten emotionalen Zuständen stattfinden, um ein optimales Ergebnis (z. B. bei Prüfungen) zu erzielen. Diese Theorie erklärt, wieso in einer ruhigen, entspannten Atmosphäre gut gelerntes Material in einer stressreichen Situation nicht abgerufen werden kann.

Merke

Kognitive und emotionale Prozesse nehmen aufeinander Einfluss. So werden bestimmte kognitive Leistungen dann optimal wiederholt, wenn sie in einem gleichen emotionalen Zustand stattfinden.

Denkprozesse, Emotionen und Depression

Die Sichtweise, dass negativer AffektAffekt(e)negative zu verminderter kognitiver Anstrengung führt, liefert den Rahmen für das Verständnis vieler Forschungsergebnisse mit depressiven Menschen oder induziertem negativem Affekt. Negativer Affekt könnte mit einem niedrigeren Kontrollgefühl zusammenhängen, weil die aufgrund des negativen Affekts reduzierte kognitive AnstrengungKognitive Belastungennegativer Affekt a) mit der Fähigkeit interferiert, komplexe Hypothesen zu erzeugen und b) dazu führt, unangemessene Hypothesen fälschlicherweise aufrechtzuerhalten. Da depressive Zustände verhindern, dass man sich die Vielzahl möglicher Erklärungen für die Ergebnisse eigener (Fehl-)Leistungen vor Augen führt, greifen depressive Personen möglicherweise für die Ursachenzuschreibung auf eine „Low-Effort“-Verarbeitung zurück und schließen vom Verhalten direkt auf überdauernde Dispositionen.
Das Konzept von Langer (1992) unterscheidet zwei Zustände: MindfulnessMindfulness und MindlessnessMindlessness. Während man sich im Zustand der Mindfulness des Kontextes und Inhalts einer Information voll und ganz bewusst ist (bzw. sich diesen bewusst machen kann), aktiv Kategorien bildet und sich Unterschiede verdeutlicht, greift man im Zustand der Mindlessness auf alte Konzepte und Einstellungen zurück (SkriptverhaltenSkriptverhalten) und verarbeitet die Information unreflektiert. Aufgrund dieser „mindless“ Informationsverarbeitung ist man für neue oder alternative Aspekte einer Situation blind.
Die in den Arbeiten von Langer (1992)gefundenen Auswirkungen von MindlessnessMindlessness auf das Verhalten lassen sich auf die folgenden drei (zusammenhängenden) Punkte reduzieren:
  • 1.

    Bei der Ausführung einer Handlung in einem Bewusstseinszustand der Mindlessness besteht ein erhöhtes Risiko, dass die Performanz durch andere, nicht zu diesem Verhaltensbereich gehörende Skripts beeinflusst wird.

  • 2.

    In einem Bewusstseinszustand der Mindlessness werden erfolgversprechende Handlungsalternativen tendenziell nicht wahrgenommen.

  • 3.

    In einem Bewusstseinszustand der Mindlessness neigen Personen dazu, vorgegebene, nicht reflektierte oder elaborierte Skripts konform auszuführen.

Dagegen ist kritisch einzuwenden, dass für die erfolgreiche Durchführung von Handlungen ein gewisses Maß an Mindlessness in bestimmten Handlungsphasen geradezu Voraussetzung ist, da auszuführende Intentionen gegenüber anderen Intentionen abgeschirmt werden müssen.
Nach Langer (1992)hat Mindlessness als überdauernder Bewusstseinszustand verheerende Auswirkungen auf den Gesamtzustand des Organismus:

„(…) the body begins to die as the mind ceases to deal with novelty.“

Langer (1992: 295)

Untermauert wird diese Hypothese – dass der Mensch nicht ohne Verarbeitung neuer Informationen überleben kann – durch den empirischen Nachweis signifikanter positiver Auswirkungen von Übungen zur Förderung kognitiver Aktivität im Allgemeinen und „Mindfulness-TrainingsMindfulness-Training (MT) im Speziellen auf das kognitive Funktionieren, die körperliche Gesundheit und die Lebensdauer Betagter (Langer 1992); das Manual der Borderline-Behandlung nach Linehan (1993) basiert teilweise auf diesem Konzept. Emotion(en)kognitive ProzesseAusgehend davon, dass Menschen unter Belastung schlechtere kognitive Leistungen erbringen, untersuchten Wegner et al. (1993) die ironische Prozess-TheorieIronische Prozess-Theorie, Stimmungsregulation (ironic process-theory) der Stimmungsregulation. Das „Ironische“ an dieser Theorie ist die Annahme, dass eine mentale Stimmungskontrolle nur dann gelingt, wenn keine kognitive Belastung vorliegt, also genügend Kapazität vorhanden ist. Unter Stress und Zeitdruck, also allgemein bei kognitiver BelastungKognitive Belastungenmentale Kontrolle, nimmt die Fähigkeit zur mentalen Kontrolle nach dieser Auffassung nicht nur kontinuierlich ab, sondern führt dazu, dass sich gerade der zu vermeidende Gefühlszustand einstellt.

Merke

Negative Emotionen haben einen schädigenden Einfluss auf die kognitive Tätigkeit und damit letztlich auf das Bewältigen von Lebensaufgaben. Therapeutische Anstrengungen richten sich deshalb darauf, das unberechtigte Auftreten dieser Emotionen deutlich zu machen, darauf hinzuweisen und im Sinne des Erlernens von Emotionsregulation die entsprechenden Reaktionen zu unterbinden.

Über- oder Unterregulation von Emotionen am Beispiel der Angststörungen

Emotion(en)FehlregulationenIn diesem Abschnitt geht es um die sehr spezifische Annahme, dass die Fehlregulation von Emotionen zu klinisch relevanten Störungsbildern führt. Vieles spricht dafür, dass sowohl AngststörungenAngststörungenFehlregulationen, affektive und Depression als auch Impulsivitätsstörungen den Ursprung in affektiven Fehlregulationen haben. Inzwischen stehen eine Reihe von Instrumenten bzw. Fragebögen zur Verfügung, mit denen klinisch bedeutsame Veränderungen der Emotionsregulation gemessen werden können. Sie lassen sich gemäß John und Eng (2014) nach drei Aspekten ordnen (Tab. 10.1).
Die schädliche Wirkung von negativen Emotionen ist besonders eindrücklich in der Genese der Angststörungen. Bei der Entstehung von BelastungsreaktionenBelastungsreaktionenFehlregulationen, affektive und posttraumatischen BelastungsstörungenPTSD (posttraumatische Belastungsstörung)Fehlregulationen, affektive spielt die Verarbeitungskapazität für unerwartete Ereignisse eine Rolle. Ist die Diskrepanz zwischen dem belastenden bzw. traumatischen Ereignis und dem normalen und gewohnten Leben zu groß, kann immer eine solche Störung eintreten. Bei zu hohem Diskrepanzerleben ist das emotionale Erleben gestört; es scheinen keine Gefühle zu existieren, die dem Wahrgenommenen entsprechen. Dies erklärt auch die Gefahr der Chronifizierung von BelastungsreaktionenBelastungsreaktionenChronifizierung.
Durch repetierte Erfahrungen extrem stressvoller Ereignisse entstehen auf neuronaler Ebene hyperexzitatorische Verbindungen, die relativ löschungsresistent werden; sodass das System auch nach langen Intervallen mit einer erhöhten Intensität reagieren wird. Diese Überregung wird zentral vor allem über repetitive Erregungen und mangelnde Habituation der Amygdala vermittelt als auch peripher durch immer wiederkehrende funktionell-autonome Reaktionen, die weitgehend unbeeinflusst ablaufen. Damit ist der Grund für eine eigendynamische Entwicklung gelegt. Angstreaktionen werden ohne den angsterzeugenden Stimulus spontan gebildet („PanikattackenPanikattacken“); damit ist ein hoher KontrollverlustKontrollverlustPanikattacken verbunden. Die Ursache für diesen Kontrollverlust liegt darin, dass die Abläufe, welche die Aufmerksamkeit und die Reaktionsbereitschaft steuern, auf die Umgebung emotional zu reagieren, aus dem Gleichgewicht geraten und die Regulation dieser Abläufe nicht mehr gelingt. Die Umgebung wird undifferenziert als gefährlich eingestuft, ohne dass ein besonderer Anlass zur Sorge gegeben ist. Patienten mit einer generalisierten AngststörungGeneralisierte AngststörungFehlregulationen, affektive berichten denn auch, dass sie sich dauernd Sorgen machen und Angstzustände erleben, ohne diese an bestimmten Ereignissen festmachen zu können. Das Gefühl, Kontrolle über sich und die Umgebung zu haben, geht verloren. Die AngstreaktionAngstreaktionen wird nicht durch regulatorische Mechanismen reduziert, sondern nimmt einen Verlauf, der zunehmend als Katastrophe erlebt wird. Panikpatienten haben oft das Gefühl, dass sie verrückt werden oder sterben. Zudem kostet die Regulation der Angst viel Energie und hat demzufolge langfristig negative psychologische wie auch biologische Auswirkungen.
Patienten mit einer PanikstörungPanikstörungenAngst vor der Angst entwickeln häufig eine Angst vor der AngstAngstvor der Angst – vor dem autonomen Ablauf einer Panikattacke – und leben in ständiger Sorge, eine solche Attacke erleiden zu müssen. Diese Angst vor der Angst löst defensives Verhalten aus. Angstpatienten versuchen deshalb, potenziellen Auslösern solcher Attacken aus dem Weg zu gehen; sie vermeiden Orte und Situationen, die eine solche Attacke in der Vergangenheit ausgelöst haben und schränken sich über Generalisierungen in ihrem Verhalten immer stärker ein. Menschen mit einer Angststörung kennen oft gar nichts anderes als ein Leben mit dieser Angst und entwickeln defensive und relativ therapieresistente Verhaltensweisen. Solange es sich um offensichtliche Strategien handelt, können diese direkt angesprochen werden, aber es werden auch kognitive Manöver eingesetzt, die verdeckt ablaufen und weitgehend automatisiert sind. Als Beispiel für eine solche Strategie sei das Zählen irgendwelcher Gegenstände erwähnt, das hilft, die Aufmerksamkeit von potenziell bedrohlichen Stimuli abzuwenden. Verdeckte gedankliche Strategien können den Versuchen, Angst mittels expositionaler Verfahren zu therapieren, diametral entgegenlaufen.
Auf der anderen Seite hat Dienstbier (1989) gezeigt, dass intermittierende Belastung die physische und psychische toughness stärken kann:

„… training with toughening manipulations leads to physiological toughness in the form of resistance to central catecholamine depletion, peripheral catecholamine responsitivity, increase beta-receptor sensitivity, and corticol suppression, and those physiological parameters lead to positive characteristics of performance, temperament, and stress tolerance.“

Dienstbier (1989: 92)

Dies konnte inzwischen im Tiermodell als Konzept der Inokulation präzise aufgezeigt werden und könnte auch ein Erklärungsmodell für ResilienzResilienz von Individuen durch Anpassung an früheren Stress und Belastung darstellen. Stress muss also nicht immer schädlich sein; die Auseinandersetzung mit stressreichen Situationen kann sich in erhöhter Resistenz niederschlagen, vorausgesetzt, es ist genügend Zeit zur Erholung vorhanden. Offenbar wurde dem letzten Punkt in der bisherigen Forschung zu wenig Beachtung geschenkt, sonst wäre es nicht zu Aussagen wie „Kumulierte Lebensereignisse erhöhen das gesundheitliche Risiko“ gekommen. Es kommt darauf an, wie nahe diese Ereignisse zeitlich aufeinander folgen und ob Gelegenheit bestanden hat, die Stressreaktion zu verarbeiten. Ist dies der Fall, kann davon ausgegangen werden, dass Menschen sogar bei höchst kritischen Lebensereignissen einen persönlichen Gewinn erleben können.

Merke

Eine Emotionsregulationsstörung ist zentrales Merkmal einer Reihe von psychiatrischen Störungen, so vor allem der Angststörungen. Die Schwelle der Ansprechbarkeit auf emotionale Stimuli ist gesenkt (Hyperreagibilität), und es stehen keine intakten regulatorische Prozesse bereit. Vielmehr werden defensive Verhaltensweisen entwickelt.

Bewältigung nach extremen Belastungssituationen

Belastungenextreme, BewältigungBewältigungextreme BelastungssituationenNach Janoff-Bulman (1989) bricht in der Folge eines traumatischen Ereignisses die persönliche Welt zusammen. Die Annahmen über die Welt haben sich als falsch erwiesen, das persönliche Informationssystem als ungenügend. Die Folgen sind für das Individuum verheerend. Das bisherige Weltverständnis existiert nicht mehr; bisherige Beziehungen, das soziale Gefüge, die persönlichen Ziele und Vorlieben, Gefühle anderen gegenüber und auch das Selbstverständliche von Routinehandlungen sind auf einen Schlag infrage gestellt. Die Folge ist eine enorme Verunsicherung, ein Verlust des Selbstwertgefühls, ein Verlust des Glaubens an die Zukunft. Die Welt als solche ist sinnlos geworden. Diese umfassende Verunsicherung grundlegender Annahmen über die Welt erfasst auch die emotionale Seite der Informationsverarbeitung mit den entsprechenden oben beschriebenen Dysregulationen. Durch die angelegte Selbstorganisation des Informationssystems kann sich dann im günstigen Fall die Repräsentation der „Welt“ neu formieren. Es werden Strukturen und Verbindungen zwischen neuronalen Gruppen neu angelegt, bis die Komplexität des Systems ausreicht, das Geschehene zu integrieren.
Gelingt dies nicht oder nur unvollständig, so kann angenommen werden, dass es zur Symptombildung kommt. Die Zunahme der KomplexitätSelbstkomplexitäterhöhte erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass das Informationssystem wieder in einen kohärenten Zustand gelangt und neu eintreffende Information assimiliert werden kann. Diese erhöhte Komplexität bringt jedoch subjektiv mit sich, dass die Welt, so wie sie früher erlebt wurde, endgültig aufgegeben werden muss. Die erhöhte Selbstkomplexität geht zudem mit einem geringeren Selbstwertgefühl und erhöhter Depressivität einher (Janoff-Bulman 1989), gerade weil auch die negativen Erfahrungen in das informationsverarbeitende System integriert wurden.
Es kann davon ausgegangen werden, dass sowohl eine hohe Selbstkomplexität als auch ein hohes Gefühl für die Sinnhaftigkeit der Welt eine Voraussetzung für eine gute Adaptation nach einem kritischen Lebensereignis darstellt. Sowohl die SelbstkomplexitätSelbstkomplexität als auch der KohärenzsinnKohärenzsinn können als Ressourcen betrachtet werden, welche die Anpassung nach einem kritischen Lebensereignis erleichtern. In der Literatur werden auch Konzepte wie KontrollerwartungKontrollerwartungSelf-efficacyHardinessOptimismus, self-efficacy, hardiness oder Persönlichkeitsfaktoren wie Optimismus genannt.

Merke

Die Fähigkeit, auf kritische LebensereignisseKritische LebensereignisseAnpassung(sfähigkeit) mit einer Zunahme an Komplexität in der Selbstorganisation des Informationssystems zu antworten, kann die Anpassung erleichtern, aber auch das Risiko von Depressivität erhöhen.

Psychobiologische Grundlagen der Emotionsregulation

Emotionen aus psychobiologischer Sicht

Biologisch orientierte EmotionstheorienEmotionsregulationKonzepte/Theorienbiologisch orientierteEmotion(en)psychobiologische Modelle betonen die evolutionsbiologische Herkunft von Emotionen und deren Verankerung in spezifischen Hirnstrukturen. Danach sind Emotionen adaptiv, bereiten sie doch das Individuum auf schnelle motorische Antworten von Flucht bzw. Vermeidung oder Annäherung vor, erleichtern durch ihre enge Verknüpfung mit Verstärkungsprozessen Entscheidungen und liefern Informationen über die Passung von Individuum und Umwelt. Die an der emotionalen Informationsverarbeitung beteiligten neuronalen Netzwerke ermöglichen eine rasche, nicht notwendigerweise vom Bewusstsein getragene Verarbeitung von Umweltinformationen und garantieren so eine relativ automatisierte, schnelle und wenig störanfällige Verhaltensantwort.
Die Emotionsregulation wird in der biologischen Literatur breiter als in weiten Teilen der Emotionspsychologie und Stressforschung (Kap. 10.2; Kap. 10.3) definiert. Sie bezieht sich auf die Gesamtheit der Vorgänge, mit denen Individuen beeinflussen, welche Emotionen sie haben, wie sie sie erleben und wie sie sie ausdrücken. Damit fließen sowohl emotionale Ansprechbarkeit bzw. Reagibilität als auch typische modulierende Prozesse wie IntensitätsregulationIntensitätsregulation und AusdruckskontrolleAusdruckskontrolle ein. Diese konzeptuelle Herangehensweise wird verständlich angesichts des frühen, z. T. vorbewussten Auftretens von regulatorischen Mechanismen und des engen und letztlich unauflösbaren Zusammenspiels aller Komponenten. Emotionsregulation umfasst aus biologischer Perspektive nicht nur bewusst ablaufende höhere kognitive Vorgänge, sondern setzt bereits in einfacher Form unbewusst auf limbischer Ebene an und kann auf jeder Ebene der Emotionsverarbeitung modulierend einwirken. Erst wenn neokortikale Strukturen an der emotionalen Informationsverarbeitung beteiligt sind, kann von bewussten Regulationsvorgängen einschließlich ihrer sprachlichen Codierung ausgegangen werden.

Psychobiologische Emotionsmodelle

Emotionsregulationpsychobiologische ModelleVon einer Vielzahl der in den letzten Jahren diskutierten psychobiologischen Emotionsmodelle wird in der folgenden Darstellung im Hinblick auf ihren Bekanntheitsgrad und ihre Relevanz für das Verständnis psychiatrischer Erkrankungen und ihrer psychotherapeutischen Behandlung eine Auswahl getroffen. Die entscheidenden, an der Emotionsregulation beteiligten Hirnareale sind in Abb. 10.1 dargestellt.
Das biologisch fundierte EmotionsmodellEmotionsmodell(e)biologisch fundiertes (Le Doux) von Le Doux geht von zwei Phasen der Emotionsverarbeitung aus. Eine schnelle, nicht das Bewusstsein erreichende Verarbeitung erfolgt thalamo-amygdalar, d. h., emotional relevante Signale werden vom Thalamus empfangen und ohne Beteiligung höherer kortikaler Strukturen an die Amygdala gemeldetEmotionsregulationAmygdalaAmygdalaEmotionsregulation. Erste einfache Bewertungsvorgänge finden in der Amygdala statt, werden bereits ohne exakte Objekterkennung eingeleitet und entscheiden darüber, ob das Ereignis oder, allgemeiner gesprochen, der Umweltstimulus für den Organismus positiv, d. h. bedürfniskonform ist und entsprechend Annäherungsverhalten über im Hirnstamm gelegene motorische und vegetative Zentren ausgelöst wird. Wird der Umweltreiz als potenziell schädlich erkannt, so werden analog motorische Flucht- und Vermeidungsreaktionen induziert oder – vor allem bei real oder subjektiv erlebter fehlender Fluchtmöglichkeit – auch Angriffsverhalten eingeleitet. Dieser einfache, phylogenetisch weit zurück zu verfolgende neuronale Schaltkreis sichert eine schnelle Verhaltensantwort im Sinne der Sicherung basaler Bedürfnisse.
Auf dieser einfachen, subkortikalen Verarbeitungsebene wirken kortikale (d. h. präfrontale und parietale) regulatorische Prozesse ein, und zwar im Sinne der attentionalen Ausrichtung und Auswahl einschließlich erster Bewertungen, bevor der Stimulus bewusst erlebbar wird. Worauf sich die Aufmerksamkeit ausrichtet, hängt dabei von der SalienzSalienz ab, die ein Reiz für eine Person hat. Diese SalienzReizsalienz rekrutiert sich aus Eigenschaften des Reizes (v. a. formalen Eigenschaften, Neuigkeitscharakter), die auf einem dorsalen Verarbeitungsweg prozessiert werden, oder aus Eigenschaften der wahrnehmenden Person (v. a. Reiz kongruent mit ihrer aktueller Motivationslage, inkongruent mit ihrer aktuellen Erwartung). Letztere werden auf einem ventralen Verarbeitungsweg, der den temporoparietalen Übergang, den inferioren frontalen Gyrus und die anteriore Insula einbezieht, in Hinblick auf aktuelle Zielorientierung verarbeitet. Eine im Weiteren stattfindende detaillierte qualitative Analyse des Stimulus erfordert die Einbindung höherer kortikaler, besonders sensorischer Areale, die eine genaue Repräsentation des Reizes schaffen.
Wie schon Tomkins (Kap. 10.2.1) schlägt Rolls (1999) eine Brücke zur Motivationspsychologie. Er fasst in dem von ihm konzipierten biologischen EmotionsmodellEmotionsmodell(e)biologisches (Rolls) Emotionen als Zustände auf, die durch Verstärkungsvorgänge (sprich: Belohnung und Bestrafung) evoziert werden. Damit werden EmotionenEmotion(en)motivationale Zustände eng mit motivationalen Zuständen verknüpft, die zu zielgerichtetem Verhalten führen. Freude entsteht, wenn Belohnung eintritt; Angst motiviert, Bestrafung zu vermeiden, und Trauer wird erlebt, wenn eine erwartete Belohnung nicht eintritt. Emotionen haben nach Rolls die Funktion, geeignete autonome und endokrine Reaktionen einzuleiten, die Verhaltensreaktionen effizienter machen. Im Weiteren helfen Emotionen, Verhaltensantworten auf Verstärker flexibler zu gestalten und kontinuierlich mit Lernprozessen abzugleichen. Schließlich erleichtert die Kommunikation von Emotionen das soziale Zusammenleben im Allgemeinen und Bindungsverhalten im Besonderen, wobei hier der Decodierung von fazialer Mimik eine entscheidende evolutionäre Bedeutung zukommt.
In dem Emotionsmodell von Rolls kommt dem orbitofrontalen KortexEmotionsregulationKortexKortexEmotionsverarbeitungKortexorbitofrontaler neben der Amygdala eine zentrale Rolle zu. Die Amygdala hat nicht nur die Funktion der Reizbewertung, sondern auch der Assoziationsbildung zwischen Reiz und primärem bzw. sekundärem konditioniertem Verstärker. Bewertungen erfolgen in diesem Modell durch kontinuierlichen Abgleich der aktuellen Situation mit früheren Erfahrungen und der daraus abgeleiteten Antizipation des hedonischen Wertes des Stimulus, d. h. welchen Belohnungswert ein Ereignis hat oder welcher Schaden von ihm zu erwarten ist. Rolls nimmt an, dass bereits im orbitofrontalen Kortex Neu- und Umbewertungen vor dem Hintergrund gespeicherter Verstärkungskontingenzen vorgenommen werden, weshalb diese Struktur auch als emotionales ArbeitsgedächtnisArbeitsgedächtnisemotionales aufgefasst werden könnte.
Ähnlich wie Rolls geht Davidson in seinem psychobiologisch fundierten EmotionsmodellEmotionsmodell(e)psychobiologisch fundiertes (Davidson) von einem Annäherungs- und Rückzugssystem aus (Davidson et al. 2000). Annäherung an begehrte Objekte induziert positive Gefühle, während Vermeidung oder Rückzug von negativen Emotionen begleitet ist. In diesem Modell spielen dorsolaterale und orbitofrontale Areale die wichtigste Rolle, wobei neurophysiologische Forschungsergebnisse der Gruppe um Davidson eine Aktivierungssteigerung linkshirniger Areale bei positiven, aber rechtshirniger Areale bei negativen Gefühlen nahe legen. Diese Befunde blieben allerdings, auch unter Berücksichtigung funktioneller Bildgebungsstudien, nicht unwidersprochen.
GrossEmotionsmodell(e)nach Gross (2002) fasst Emotionen als Antworttendenzen und Emotionsregulation als die Gesamtheit aller Vorgänge auf, mit denen Individuen ihre Emotionen bewusst oder unbewusst, automatisch oder kontrolliert mit allen dazwischen liegenden Übergängen beeinflussen. Dabei kommt expliziten und impliziten Bewertungsvorgängen externaler und internaler emotionaler Hinweisreize eine entscheidende Bedeutung zu. Sie können entweder den Input ins System (antecedent-focused) Regulationsvorgänge umfassen oder den Output (response-focused) der Regulationsprozesse beeinflussen. Den Input betreffende Strategien sind nach Gross Situationsauswahl und -veränderung, Aufmerksamkeitsablenkung, kognitive Veränderung; den Output betreffende Strategien schließen physiologische, kognitive und behaviorale Antwortmodulation ein. Ochsner und Gross (2005) betonen in ihrem EmotionsmodellEmotionsmodell(e)nach Ochser und Gross, anders als die vorgenannten Modelle, solche den Output betreffende bewusste Prozesse der Emotionsregulation. Sie heben die menschliche Fähigkeit zur kognitiven Veränderung von primären Emotionen hervor, wie dies durch kognitive Umstrukturierungen, durch Umlernen infolge ausbleibender Bestätigung der Kontingenzerwartung, durch willentliche Affektunterdrückung oder auch gezielte Aufmerksamkeitsablenkung erfolgen kann. Solche sekundären Regulationsvorgänge sind vorzugsweise in mehr dorsal gelegenen Abschnitten des medialen präfrontalen KortexKortexmedialer präfrontaler gelegen und können mehrfach durchlaufen werden, bevor es zur eigentlichen Handlung kommt. Schließlich stellen sich weitere Kontrollprozesse auf der Handlungsebene im Sinne von regulatorischen Mechanismen der Impuls- bzw. weitergefasst der Selbstkontrolle ein. Intentionale Regulationsmechanismen setzen sich also fort, wenn emotionale Reaktionen sich bereits als Verhalten bzw. Handlungen manifestiert haben – ein Vorgang, der selbst wieder Rückwirkungen auf das emotionale Erleben hat. Hier sind insbesondere die gezielte Veränderung von expressivem Verhalten sowie die Veränderung somatischer Gefühlskorrelate zu nennen. Emotionale Reaktionen und sichtbares Verhalten sind also ineinander greifende Prozesse, die gegenseitig Einfluss nehmen (Abb. 10.2).
Für viele Annahmen in diesen theoretischen Modellen liegt inzwischen eine breite empirisch-experimentelle Datenbasis vor. Ohne Zweifel kommt dem Kerngebiet der AmygdalaAmygdalaEmotionsregulation eine ganz zentrale Rolle in der Emotionsverarbeitung zu, nicht zuletzt, weil sie in ein dichtes kortikales und subkortikales Netzwerk eingebunden ist (Amaral 2002). Insbesondere basolaterale Kerngebiete erhalten Projektionen und projizieren selbst auf unterschiedliche Zielareale des emotionalen Netzwerks. Dabei zeigen Studien der letzten Jahre, dass u. a. das Neuropeptid OxytocinOxytocinSalienzbewertung an der Salienzbewertung beteiligt ist, indem es sowohl die Amygdalaaktivität moduliert (2010) als auch die funktionelle Konnektivität zum ventromedialen/orbitofrontalen Kortex und auch zum Hippokampus und damit top-down-regulatorische Prozesse beeinflusst (Koch et al. 2014). Das Amygdala-Kerngebiet erhält direkt oder über den lateralen Nukleus Informationen aus Thalamus, Hippokampus und Kortex und sendet Efferenzen über den zentralen Kern an Hypothalamus und Hirnstamm.
EmotionsregulationAmygdalaDie Amygdala dient nicht nur die Detektion und Bewertung von bedrohlichen, aversiven Reizen, sondern von allen salienten, motivational bedeutsamen Reizen. Die Aktivität der Amygdala wird bereits initial durch verschiedene Einflussfaktoren moduliert, z. B. bei der Gesichtswahrnehmung durch die Blickrichtung des betrachteten Gesichts oder auch durch eine stärkere Aktivierung bei dynamischen im Vergleich zu statischen Vorlagen. Sie ist einerseits in ein Netzwerk eingebunden, das der prompten Erkennung von Gefahr und der automatischen Aktivierung von Flucht- und Angriffsverhalten dient, zusammen mit lateralen Anteilen des orbitofrontalen Kortex an der Vorhersage von Bestrafung vor dem Hintergrund früherer Erfahrungen beteiligt ist und im Zusammenspiel mit der Inselregion Lernen aus Bestrafung ermöglicht. Andererseits ist die Amygdala zusammen mit medialen Abschnitten des orbitofrontalen Kortex und dem ventralen StriatumStriatum, dorsales/ventralesEmotionsregulationStriatum auch Teil eines Systems, das uns in Entscheidungssituationen die Aussicht auf mögliche Belohnung anzeigt und in Verknüpfung mit dem dorsalen Striatum geeignetes, auf Belohnung gerichtetes Verhalten initiiert (Knutson und Cooper 2005). Entsprechend projiziert die Amygdala direkt auf den Ncl. accumbens im ventralen Striatum, sodass affektive Prozesse des limbischen Stirnhirns Anschluss an subkortikal repräsentierte Areale des motorischen Systems (z. B. dorsales Striatum) finden, die zu Annäherungsverhalten und Vertrauensbildung führen (King-Casas et al. 2005). Das zentrale Kerngebiet der Amygdala ist offenbar in die erregende Funktion von DopaminDopaminVerstärkungsprozesse eingebunden und spielt auf diesem Wege eine wichtige Rolle bei Verstärkungsprozessen. Die Annahme, dass das ventrale Striatum eine spezifische Bedeutung für das Belohnungssystem innehat, gründet auf Beobachtungen, die eine phasische dopaminerge Ausschüttung dieser Struktur nur auf solche Reize hin fanden, die Belohnung versprechen, nicht aber auf aversive Stimuli.
Untersuchungen, die sich Stimmungsinduktionsmethoden in funktionellen Bildgebungsstudien bedienen, konnten zeigen, dass die Amygdalaaktivität, z. B. bezogen auf Traurigkeit, mit dem subjektiven Emotionserleben positiv korrelierte. Aufgrund ihrer Einbindung in ein weit verzweigtes Netzwerk mit subkortikalen und kortikalen Arealen kann sie zum einen rudimentäre, hypothalamisch und über den Hirnstamm vermittelte physiologische und behaviorale Reaktionen im Sinne von Bottom-up-Prozessen einleiten, zum anderen unterliegt sie einer funktionellen Top-down-Kontrolle von präfrontalen Arealen, insbesondere dem anterioren zingulären Kortex in seinen rostralen Abschnitten und orbitofrontalen Arealen. Während der orbitofrontale KortexEmotionsregulationKortex zur Reizbewertung beiträgt, wirken sich zinguläre Strukturen auf dem Wege der Aufmerksamkeitsmodulierung auf die emotionale Informationsverarbeitung aus. Die Amygdala zeigt bereits Aktivierung bei subliminarer Präsentation von emotionalen Stimuli, und interessanterweise scheint deren Intensität bei reduzierter Aufmerksamkeit größer zu sein als bei fokussierter. Dies legt nahe, dass die Amygdalaaktivität bei Involvierung attentionaler und kognitiver Prozesse durch solche Top-down-Prozesse gedämpft wird, wofür auch Befunde gegensinniger Aktivierung zwischen amygdalarer und ventraler präfrontaler sowie zingulärer Aktivierung in funktionellen Bildgebungsparadigmen sprechen (Hariri et al. 2005). Höhere medial und auch dorsomedial gelegene Areale, die über ventrale präfrontale Strukturen nur in indirekter Verbindung mit der Amygdala stehen, repräsentieren – unter Rückgriff auf attentionale und exekutive Funktionen – komplexere Regulationsvorgänge und stellen den Selbstbezug des emotionalen Erlebens her (Ochsner et al. 2004). Entsprechend spricht man heute von einer regulatorischen Hierarchie, durch die der dorsolateraleKortexdorsolateraler zusammen mit dem vorderen medialen präfrontalen KortexKortexmedialer präfrontaler das Zingulum in seiner Aktivität moduliert, das dann seinerseits die Amygdala und andere subkortikale Areale wie dorsales Striatum und Hippokampus beeinflusst (Meyer-Lindenberg et al. 2005).
Die dargestellten Netzwerke der Emotionsregulation unterstehen verschiedenen Einflüssen. Hier sind vor allem genetische Dispositionen sowie Alter, Geschlecht und Persönlichkeitsmerkmale zu nennen. In den letzten Jahren mehrt sich das Wissen über den Einfluss genetischer PolymorphismenEmotionsregulationgenetische Polymorphismen auf Hirnfunktionen. So konnten Hariri et al. (2005) zeigen, dass Individuen mit ein oder zwei s-Allelen in der Promotorregion des Serotonin-Transportergens eine stärkere Amygdalaaktivierung auf aversive Gesichtsausdrücke zeigen als solche mit der l/l-Variante. Auch die Kopplung innerhalb des präfrontal-limbischen Netzwerks variiert mit der genetischen Ausstattung, d. h., Individuen mit der s/s- oder s/l-Variante zeigen eine geringere Kopplung zwischen rostralem anteriorem Zingulum und Amygdala und damit auf der Ebene primärer affektregulatorischer Prozesse, während umgekehrt die Kopplung zwischen Amygdala und höher gelegenen medialen präfrontalen Arealen zunimmt (Heinz et al. 2005). Auch der X-chromosomal lokalisierte genetische Polymorphismus des MAO-A-Gens zeigt eine Beziehung zu Aktivierungsmustern in Hirnarealen, die bedeutsam für die Emotionsregulation sind. So fand sich bei Trägern des L-Allels im Vergleich zu Trägern des H-Allels eine höhere Aktivität der Amygdala und eine geringere Aktivität in zingulären und orbitofrontalen Arealen, die bei den Individuen mit der L-Variante auch mit strukturellen Unterschieden, nämlich geringeren limbischen und paralimbischen Volumina, einhergingen (Meyer-Lindenberg et al. 2006). Schließlich verweisen erste Befunde auch auf eine Beteiligung des Oxytocin-Rezeptorgens an der Fähigkeit zur präfrontolimbisch vermittelten Emotionsregulation.
Für die Psychotherapieforschung von besonderer Bedeutung könnte die Beobachtung von Gen-Umwelt-InteraktionenGen-Umwelt-Interaktionen, EmotionsregulationEmotionsregulationGen-Umwelt-Interaktionen sein, dass nämlich die funktionellen Auswirkungen der genetischen Varianten von der Aufzucht und damit frühen Beziehungserfahrungen abhängen. So konnte im Primatenmodell an Rhesusaffen gezeigt werden, dass die Liquorkonzentration an 5-Hydroxy-Indol-EssigsäureHydroxy-Indol-Essigsäure, Emotionsregulation nur dann zwischen den Alleltypen signifikant variierte, wenn die neugeborenen Affen nicht von der Mutter, sondern von Gleichaltrigen (also unter aversiven Aufzuchtbedingungen) versorgt worden waren (Bennett et al. 2002). Wahrscheinlich versagt bei diesen Tieren der präfrontale Kortex in der Modulierung der Amygdalaaktivität, die durch aversive Umweltreize hervorgerufen wird. Auch das Monoaminoxidase-A-GenMonoaminoxidase-A-Gen, Emotionsregulation entfaltet in der Interaktion mit aversiven Lebenserfahrungen eine wichtige Bedeutung für die Entstehung extraversiver Störungen bzw. antisozialen Verhaltens (Caspi et al. 2002).
Die an der EmotionsregulationEmotionsregulationHirnareale, beteiligte beteiligten Hirnregionen sind bei Geburt noch in Entwicklung begriffen. So ist z. B. der orbitofrontale Kortex erst zu Beginn der dritten Lebensdekade voll ausgereiftEmotionsregulationAlter. Dieser Befund könnte erklären, warum die Fähigkeit zu einer adaptiven Emotionsregulation in der Adoleszenz noch nicht ausreichend gegeben ist. Für die Amygdala konnte gezeigt werden, dass sich ihre Aktivität auf Reize hin in Abhängigkeit vom Lebensalter verändert. So lösen im höheren Lebensalter positive Reize, im jungen Erwachsenenalter dagegen negative Reize eine stärkere Amygdalaaktivität aus (Mather et al. 2004). Dieser Befund könnte z. B. dazu beitragen, dass wir verstehen, warum negative Reize bei jungen Menschen infolge höheren emotionalen Arousals zu mehr reaktiver Aggression führen als beim älteren Menschen.
Auch das GeschlechtGeschlechtEmotionsregulationEmotionsregulationGeschlecht nimmt Einfluss auf die emotionale Informationsverarbeitung. So berichteten Schienle et al. (2005), dass Männer auf aggressive Szenen mit stärkerer Aktivierung der Amygdala und des linken fusiformen Gyrus reagieren als Frauen. Dagegen zeigen Frauen eine erhöhte Aktivität in Amygdala und orbitofrontalem Kortex bei Konfrontation mit ärgerlich-bedrohlichen Gesichtern (McClure et al. 2004). Für TestosteronTestosteronEmotionsregulation konnte gezeigt werden, dass es den attentionalen Bias für bedrohliche Umweltstimuli dämpft (van Honk et al. 2005), und auch NeuropeptideNeuropeptideEmotionsregulation nehmen Einfluss auf die geschlechtsspezifische Wahrnehmung emotionaler Reize. So bewirkt Vasopressin bei Männern eine Wahrnehmungsveränderung von neutralen Gesichtern hin zu bedrohlichen Gesichtern, was der Funktion von VasopressinVasopressin, Emotionsregulation in der territorialen Aggression und damit der männlichen Rolle in der Fortpflanzung entgegenkommt (Thompson et al. 2004). Oxytocin OxytocinEmotionsregulationmoduliert die Salienz von Reizen in geschlechtsspezifischer Weise (Lischke et al. 2012) und erleichtert Annäherung und Vertrauensbildung zu Mitgliedern der eigenen Gruppe.
Die affektive ReagibilitätReagibilität, affektive erfährt auch eine temperamentsmäßige Prägung (Derryberry und Rothbart 1988). Die einen Kinder haben von früh auf eine geringere Schwelle für das Erleben von negativen oder positiven Affekten als andere; die einen können sich in Gegenwart von Stressoren leichter beruhigen als andere. So haben dimensionale Persönlichkeitsmodelle Grunddimensionen der Persönlichkeit wie Neurotizismus, Inhibition, AlexithymieAlexithymie, Constraint und Fähigkeit zum Belohnungsaufschub identifiziert, die Einfluss auf die emotionale Ansprechbarkeit und EmotionskontrolleEmotionskontrolle nehmen. So konnte von Schwartz et al. (2003) gezeigt werden, dass gehemmte im Vergleich zu ungehemmten Kindern noch im Erwachsenenalter eine signifikant stärkere beidseitige Amygdalaaktivität bei der Konfrontation mit fremden, nicht aber vertrauten Gesichtern zeigten. Weitere Studien deuten auf eine mögliche korrelative Beziehung zwischen der individuellen Ausprägung von Ängstlichkeit und Schadensvermeidung sowie erhöhter Aktivität der Inselregion, da Letztere – wie oben dargestellt – an der Detektion von Verhaltensrisiken und an der Vermeidung einmal bestrafter Verhaltensweisen beteiligt ist. Andere Bildgebungsuntersuchungen beschäftigen sich mit hirnfunktionellen Korrelaten der Extraversion. So berichteten Canli et al. (2002) über eine funktionelle Asymmetrie der Amygdalae in Abhängigkeit von der emotionalen Valenz der verwandten Bildstimuli und dem individuellen Ausprägungsgrad der Extraversion.
Wie nun sind die dargestellten biologischen Modelle an dem Übergang von normaler hin zu pathologischer Angst beteiligt? Rosen und Schulkin (1998) zeigten anhand biologischer und experimenteller Argumente, dass für diesen Schritt neuronale Aktivierungen in der Amygdala und den angrenzenden Arealen bedeutsam sind, durch die die Schwelle der Ansprechbarkeit auf emotionale Stimuli gesenkt wird. Dadurch ergibt sich eine Hyperreagibilität, die wiederum das gesamte System beeinflusst. Gründe für eine niedrige Schwelle können frühere stressreiche Erfahrungen oder genetische Dispositionen sein. Menschen, die ein psychisches Trauma erlitten haben, zeigen eine erhöhte SchreckreaktionSchreckreaktion (startle). Gleichzeitig zeigen scheue Kinder (als genetische Disposition) ein erhöhtes Erregungsniveau und – damit verbunden – gehemmte Verhaltensweisen. Auch hohe endokrine Ausschüttungen in kritischen Phasen der Entwicklung können bleibende Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung in den genannten Arealen ausüben. Für das Hormon KortisolKortisolGehirnentwicklung konnte z. B. ein solcher Effekt nachgewiesen werden. Zudem beeinflusst die Aktivierung von Noradrenalin das Gedächtnis von emotionalen Ereignissen, was die Entstehung intrusiver Phänomene, die mit PTBS assoziiert sind, erklären könnte.

Resümee

  • Der Amygdala kommt die Funktion der Bewertung im Hinblick auf die Reizsalienz (u. a. motivationale Bedeutung, Neuigkeitswert) zu. Zudem ist sie zuständig für die Assoziationsbildung zwischen Reiz und primärem bzw. sekundärem konditioniertem Verstärker.

  • Zusammen mit dem orbitofrontalen Kortex ist die Amygdala Teil eines Systems, das uns in Entscheidungssituationen durch Abgleich mit früheren Erfahrungen die Aussicht auf Belohnung/Bestrafung anzeigt und via Striatum geeignetes Verhalten initiiert.

  • Während primäre regulatorische Mechanismen der Aufmerksamkeitslenkung im anterioren Zingulum repräsentiert sind, werden komplexere kognitive Regulationsstrategien in mehr dorsal gelegenen Abschnitten des medialen und lateralen präfrontalen Kortex verarbeitet.

Zerebrale Netzwerke, Emotionsdysregulation und psychische Störungen

Eine Reihe von psychischen Erkrankungen, die mit Veränderungen von Stimmung und emotionaler Ansprechbarkeit einhergehen, zeigen von Gesunden abweichende Funktionen in den dargestellten, an der Emotionsregulation beteiligten Hirnarealen.
Depressive ErkrankungenDepression/depressive StörungenAffektdysregulation gehen schon in Ruhe mit erhöhter Aktivität in limbischen und paralimbischen Arealen einher, während dorsolaterale Areale des präfrontalen Kortex, die explizite Affektkontrolle vermitteln, eine verminderte Aktivität zeigen. Demgegenüber scheinen depressive Patienten automatische, implizite Emotionsregulation erfolgreich einsetzen zu können, die von medialen präfrontalen, v. a. dorsal zingulären Arealen verarbeitet werden und erhöhte Aktivität zeigen. Während sich die Amygdalaaktivität Depression/depressive StörungenAmygdalaaktivitätbei der Präsentation negativer Stimuli höher und anhaltender darstellt (Siegle et al. 2006), führen positive Reize zu einer geringeren Aktivität des ventralen Striatums – ein Befund, der mit Freudlosigkeit und Interesselosigkeit bei depressiven Menschen assoziiert ist.
Erkrankungen, die mit erhöhter emotionaler ReagibilitätAmygdalaemotionale Reagibilität, erhöhte einhergehen, wie die Borderline-PersönlichkeitsstörungBorderline-PersönlichkeitsstörungAffektdysregulation, die posttraumatische BelastungsstörungPTSD (posttraumatische Belastungsstörung)Affektdysregulation und vielfältige AngsterkrankungenAngststörungenAffektdysregulation, zeigen ebenfalls eine erhöhte Amygdalaaktivität (vgl. auch Kap. 10.7.2). Sie scheint bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung unspezifisch auf alle emotional oder sozial relevanten Reize aufzutreten, während die erhöhte Aktivität bei Angststörungen eng mit spezifischen angstauslösenden Stimuli und bei der PTBS mit traumaassoziierten Stimuli verknüpft ist (Übersicht in Rauch et al. 2006). Präfrontale Areale der Emotionsregulation zeigen ebenfalls von der Norm abweichende Befunde. Der erfolgreiche Einsatz psychotherapeutischer Interventionen geht bei Störungen der Affektivität, wie sie allen bisher genannten psychiatrischen Erkrankungen trotz erheblicher Unterschiede in der Ausformung gemeinsam ist, mit einer Normalisierung der (para)limbischen Aktivität sowie mit der Modulation präfrontaler, in regulatorische Mechanismen involvierter Areale einher (Siegle et al. 2006).
Im Unterschied zu Störungen, die sich durch eine emotionale Vulnerabilität auszeichnen, scheint bei psychopathischen Persönlichkeiten, die durch emotionale FlachheitEmotionale Flachheit, AmygdalaaktivitätAmygdalaemotionale Flachheit und mangelhafte EmpathieEmpathie(fähigkeit)Amygdalaaktivität gekennzeichnet sind, umgekehrt eine verminderte amygdalare Funktion vorzuliegen, die sich bei entsprechender Aufmerksamkeitszuwendung auf emotionale Reize allerdings normalisiert (Larson et al. 2013). Ähnliches konnte auch bei Aufgaben gezeigt werden, bei denen Probanden Empathie für Menschen aufbringen sollen, die Schmerzen erleiden. Antisoziale PersönlichkeitenAntisoziale PersönlichkeitsstörungAmygdalaaktivität mit psychopathischen Zügen zeigten verminderte neuronale Aktivität im ventromedialen präfrontalen und orbitofrontalen Kortex, wenn sie andere Menschen beobachteten, denen Schmerzen zugefügt wurden (Decety et al. 2013), zeigten aber eine mit Gesunden vergleichbare Aktivierung, wenn sie expressis verbis zur Empathie aufgefordert wurden (Meffert et al. 2013).
SuchterkrankungenAbhängigkeitserkrankungenAffektdysregulation wie AlkoholabhängigkeitAlkoholabhängigkeit/-missbrauchBelohnungsnetzwerk, verändertes und pathologisches SpielenPathologisches SpielenGlücksspielsuchtBelohnungsnetzwerk, verändertes gehen mit Veränderungen im „Belohnungsnetzwerk“ einher. Hier verweisen Bildgebungsbefunde auf eine verstärkte Verarbeitung von suchtassoziierten Stimuli im anterioren Zingulum sowie in benachbarten medialen präfrontalen Arealen sowie auf eine erhöhte Konnektivität mit dem ventralen Striatum, während gesellschaftlich akzeptierte Belohnungsreize wie Geldgewinne weniger als bei Gesunden zu einer Aktivierung des ventralen Striatums führten (Heinz et al. 2005).

Beispiele therapeutischer Interventionen mit Fokus auf der Emotionsregulation

Emotionsregulation bei sozialer Angst

Emotionsregulationsoziale AngstAngststörungen sind, wie die Bezeichnung nahelegt, Störungen des affektiven Systems, bei denen die Dysregulation einer spezifischen Emotion im Vordergrund steht. Als aufrechterhaltende Faktoren werden bei AngststörungenAngststörungenaufrechterhaltende Faktoren maladaptive Bewältigungsmechanismen angenommen. Diese bewusst oder implizit angewandten Strategien sollen bewirken, dass eine Angstreaktion verhindert wird. Das ist z. B. der Fall, wenn bestimmte Situationen vermieden werden, die in der Vergangenheit solche Reaktionen ausgelöst haben oder mit solchen in Verbindung gebracht werden. Der letzte Punkt ist insofern wichtig, als er zu erklären vermag, weshalb sich solche Störungen nicht irgendwann selbst auflösen, sondern im Gegenteil auswachsen und die potenziell angstauslösenden Situationen in der Qualität und Anzahl zunehmen (Generalisierung) (s. auch Kap. 10.7.2).
ExpositionstherapienAngststörungenExpositionstherapiePhobienExpositionstherapie stellen in der Behandlung phobischer Ängste die effektivsten Therapien dar. Der angenommene Wirkmechanismus ist die HabituationHabituation. Kurz gefasst, in der Therapie macht man sich zunutze, dass ein Reiz der andauernd präsentiert wird, seinen Neuigkeitswert (Information) zunehmend verliert und damit als Auslöser einer starken Reaktion unwahrscheinlicher wird. Heute geht man davon aus, dass hierbei Hemmungsprozesse durch präfrontale Aktivität eine wichtige Rolle spielen. Neben der Exposition/Konfrontation mit dem auslösenden Reiz kommen weitere therapeutische Techniken dazu, die als kognitive UmstrukturierungKognitive UmstrukturierungPhobienPhobienkognitive Umstrukturierung bekannt sind und zum Ziel haben, Kognitionen zu verändern, die im Zusammenhang mit dem auslösenden Reiz automatisch gedacht werden („jetzt werde ich gleich sterben“; „die Leute werden von mir denken, dass ich ein völliger Idiot bin“). Zusammen mit den rein behavioralen Expositionstherapien gehören die kognitiven Therapieansätze zu den wirksamsten therapeutischen Interventionen bei Phobien. Ihr Rationale findet sich in den „kognitiven EmotionstheorienEmotionsregulationKonzepte/Theorienkognitive“ (z. B. Lazarus 1991) (s. auch Kap. 10.2.2). Indem Patienten sich einerseits mit den auslösenden Situationen auseinandersetzen und andererseits lernen, ihre kognitiven Reaktionen zu modifizieren, verändern sie direkt und indirekt ihre emotionale Reaktion.
Spezifischer wird jedoch von Emotionsregulationstechniken gesprochen, wenn emotionale Regulationsstrategien direkt im Fokus der Intervention oder im Zentrum der Forschung stehen. Generell ist anzunehmen, dass sog. maladaptive Strategien eine Habituation verhindern und möglicherweise kurzfristig nützlich im Sinne der Schonung sind. Vorträgen vor Publikum z. B. kann man jedoch nicht immer ausweichen und wenn, dann hat ein solches Verhalten langfristig zahlreiche sozial potenziell schädliche Konsequenzen. Es darf angenommen werden, dass nicht nur bei spezifischen Störungen maladaptive EmotionsregulationsstrategienEmotionsregulationmaladaptive Strategien wie Vermeiden, Suppression oder ständiges Grübeln eine Störung aufrechterhalten, sondern sogar, dass diese Strategien die Basis für die Entwicklung einer spezifischen Störung darstellen (Kring und Sloan 2010). Aldao et al. (2014) untersuchten die Effekte von kognitiver VerhaltenstherapieKognitive VerhaltenstherapieEmotionsregulationsstrategien (KVT) auf adaptive und maladaptive Emotionsregulationsstrategien und fanden erwartungsgemäß eine Abnahme der maladaptiven Emotionsregulationsstrategien in Assoziation mit den therapeutischen Fortschritten. Weniger klar und theoretisch komplizierter stellte sich das Verhältnis zum adaptiven Umgang mit der angstauslösenden Situation dar. Adaptive Strategien waren „kognitives Reappraisal“ und Akzeptanz und wurden wie folgt erfasst: „Wie oft haben Sie versucht, die Art ihrer Gedanken in der Situation zu verändern?“ und „Wie oft haben Sie versucht, ihre Angst so wie sie ist zu akzeptieren und gerade nicht zu verändern?“ Es zeigte sich, dass die adaptiven Emotionsregulationsstrategien während der Therapie zunahmen, während die maladaptiven Strategien abnahmen. Zudem zeigte sich eine Interaktion in der Weise, dass Personen mit hohen Werten in maladaptiver Emotionsregulation in stärkerer Weise von der Vermittlung adaptiver Strategien profitierten, dies aber erst ab der zweiten Phase der Therapie. Dies könnte darauf hinweisen, dass Patienten mit hohen problematischen Strategien in der Expositionsphase nur dann ausreichend von der Therapie profitieren konnten, wenn sie ihre maladaptiven Strategien aufgaben.

Merke

Eine Emotionsregulationsstörung ist oft die Basis für eine psychische StörungPsychische StörungenEmotionsregulation, gestörte und hält diese aufrecht. In der Therapie wird der Effekt der Habituation nach Exposition bei Angststörungen durch maladaptive Emotionsregulationsstrategien wie Vermeiden, Ablenken oder Suppression verhindert. Der Fokus auf adaptiven Strategien wie Akzeptanz kann der KVT neue Impulse vermitteln.

Emotionsregulation und Mindfulness-Training

EmotionsregulationMindfulness-TrainingDer erste dokumentierte Effekt von Mindfulness-Training (MT)Mindfulness-Training (MT)Wirksamkeit wurde von Kabat-Zinn (1982) bei Patienten mit chronischen Schmerzen berichtet. MT ist besonders wirksam, wenn es darum geht, emotionale Belastung zu reduzieren. Seine Wirksamkeit konnte für eine Vielzahl von psychischen Störungen und chronischen Erkrankungen gezeigt werden (Farb et al. 2014). Als besonders wirksam hat sich dieses Verfahren im Hinblick auf die Reduktion von Angstzuständen erwiesen, wie aus einer Metaanalyse von Hofmann et al. (2010) hervorgeht. Nicht nur die Effekte von prä zu post waren robust, auch im Vergleich zu aktiven Behandlungsformen waren die erzielten Effektstärken für AngstsymptomeAngststörungenMindfulness-Training groß (Hedges' g = .81). Dies gilt offensichtlich nicht nur für Patienten mit einer ausgesprochenen Angstsymptomatik, sondern auch für Patienten, die aus somatischen Gründen durch Ängste oder Depression belastet sind.
Nach Farb et al. (2014) kann die Wirkung von MT vor allem im Bereich der Regulation der AufmerksamkeitMindfulness-Training (MT)Aufmerksamkeitsregulation gesehen werden. Indem die Aufmerksamkeit auf den im Moment präsenten Zustand gerichtet wird, ohne zu versuchen, diesen zu bewerten oder zu ändern, wird die Möglichkeit geschaffen, dem inneren Zustand in einer neuen Weise zu begegnen, die nichts mit angestrengter Emotionsregulation gemeinsam hat, wie sie vielleicht in der Unterdrückung oder im Versuch, die Situation angestrengt anders zu bewerten, vorkommt. Es wird postuliert, dass mit der Unterbrechung von Ablenkungsstrategien (automatischen Gedanken etc.) und der Hinwendung zu den sensorischen Qualitäten eine Art „Meta-Zustand“ erreicht wird, der die Möglichkeit zu einer adaptiven Reaktion eröffnet. Statt mit Ärger und Frustration auf eine problematische Emotion oder emotionsauslösende Situation zu reagieren, wird der Patient aufgefordert, sich dem Gefühlszustand offen zu nähern, sich mit ihm auseinanderzusetzen und die Aufmerksamkeit auf die sensorische Qualität zu richten. Damit eröffnet sich für ihn die Möglichkeit, neue Einsichten zu gewinnen und der Situation mit einer Mischung von Neugier und Akzeptanz zu begegnen. Gleichzeitig wird ein Prozess aktiviert, den die Autoren DecenteringDecentering nennen. Gemeint ist eine Entkopplung vom Handlungsimpuls, der mit einer erhöhten kognitiven Flexibilität einhergeht. Der Vergleich mit Expositionsverfahren in der KVT drängt sich auf, auch wenn in der MT nicht äußere Situationen, sondern innere aversive Zustände konfrontiert werden.

Therapeutische Anwendungsformen

Tab. 10.2 gibt einen Überblick über die emotionsfokussierten Ansätze, die auf dem Prinzip der MindfulnessMindfulness basieren.
Die Mindfulness-Based-Stress Reduction (MBSR) ist ein 8-wöchiges Gruppenprogramm mit verschiedenen Elementen wie formalen Meditationspraktiken, Yoga und Psychoedukation. Die Gruppensitzungen dauern knapp 3 Stunden; zudem werden die Teilnehmer aufgefordert, zu Hause zu üben. Die Wirksamkeit von MBSR konnte für verschiedene psychische und somatische Störungen nachgewiesen werden, ist aber auch zur Stressreduktion für gesunde Individuen geeignet. Besonders geeignet ist das Programm für chronische Störungen (Schmerz, Fibromyalgie) oder zur Linderung der Belastung durch Krebs.
Die Mindfulness-Based Cognitive Therapy (MBCT)Mindfulness-based Cognitive Therapy (MBCT)Emotionsregulation wurde entwickelt, um spezifischen Herausforderungen im Zusammenhang mit emotionalen Störungen, besonders der DepressionDepression/depressive StörungenMindfulness-based Cognitive Therapy (MBCT) besser begegnen zu können. Besonders bei der Depression ist der RückfallDepression/depressive StörungenRückfallprävention ein großes Problem. Um sich vor einem Rückfall zu schützen, ist es für Patienten notwendig, sich nicht von den depressiven Gedanken und Gefühlen vereinnahmen zu lassen. Hierzu wurde die kognitive Therapie zur Behandlung der Depression um Elemente der Mindfulness erweitert. Auch beim MBCT handelt es sich um ein Gruppenprogramm, bei dem verschiedene Techniken wie Body Scan und meditatives Gehen vermittelt werden. Es konnte gezeigt werden, dass die Rückfallprävention durch MBCT bei Patienten mit mehr als drei Rückfällen wirksam war. Weitere Untersuchungen bestätigten und erweiterten diese Ergebnisse bezüglich schwer zu behandelnder oder akuter Depressionen (Farb et al. 2014).
Mindfulness-Based Relapse Prevention (MBRP) richtet sich an Patienten mit einer SuchtproblematikAbhängigkeitserkrankungenMindfulness-Based Relapse Prevention (MBRP). Hier geht es für die Patienten vor allem darum, Hinweisreize mit entsprechenden emotionalen Qualitäten zu erkennen und entsprechende Erfahrungen auszuhalten. Die Techniken gleichen den anderen vorgestellten Programmen; es gibt Evidenz dafür, dass MBRP auf das Craving (CravingMindfulness-Based Relapse Prevention (MBRP)Verlangen) eine positive Wirkung erzielt und auch das Rückfallrisiko reduziert (Farb et al. 2014).
Die Dialektisch-behaviorale Therapie (DBT) von Linehan (1993) wurde zur Behandlung von Borderline-PersönlichkeitsstörungenDialektisch-behaviorale Therapie (DBT)Borderline-Persönlichkeitsstörung Borderline-PersönlichkeitsstörungDialektisch-behaviorale Therapieentwickelt. Es wurde eine Reihe von Techniken erarbeitet, die den Betroffenen helfen sollen, mit solchen Zuständen besser umgehen zu lernen. Es geht darum, ein besseres Gefühl für sich selbst als Person zu entwickeln und generell mehr Kompetenzen und Selbstwirksamkeit zu erleben. Nach der DBT kann diese emotionale Vulnerabilität gezielt durch die Stabilisierung der biologischen Homöostase angegangen werden, indem auf Ernährung und Schlaf sowie auf die Abstinenz von psychotropen Substanzen geachtet wird. Zusätzlich wird eine Reihe von Techniken der Emotionsregulation eingeführtDialektisch-behaviorale Therapie (DBT)emotionale Dysregulation, die teilweise eng an die Konzepte der Mindfulness-basierten Meditationstechniken angelehnt sind, aber in vereinfachter Form appliziert werden. Einige dieser Strategien lassen sich unter situationsselektive und situationsmodifizierende Techniken subsumieren. Dabei werden auch interpersonale Fähigkeiten (soziale Kompetenz) vermittelt und eingeübt. Die Fähigkeit, im gegenwärtigen Moment auszuharren und ohne Bewertung dabeizubleiben, soll auch die Fähigkeit stärken, sich mehr adaptiven Situationen zuzuwenden und durch die größere Sensitivität gegenüber Situationen unterscheiden zu lernen, welche Situationen zu vermeiden und welche anzustreben sind. Techniken zur Kontrolle und Fokussierung der Aufmerksamkeit sowie eine Reihe von kognitiven Strategien helfen zudem, die emotionalen Zustände zu regulieren. Um Ausdruck und Handlung zu verändern, vermittelt die DBT die opposite action, die Anleitung, sich gerade nicht so zu verhalten, wie der Handlungsimpuls nahelegt. Dies gilt einerseits für Ärgerimpulse, aber auch für andere Emotionen wie Angst oder andere als unangenehm oder unangemessen empfunden Emotionen. Auch für die Gefühlszustände nach einem Ereignis bietet die DBT eine Reihe von Techniken an, die unter der Bezeichnung „observe and describe“ fungieren und helfen sollen, die emotionale Erfahrung zu diskriminieren und in der Wirkung besser zu verstehen. Die DBT ist bezüglich der Borderline-Persönlichkeitsstörung wirksam, die Techniken lassen sich aber auch auf weitere Störungsbilder anwenden, bei denen die emotionale Dysregulation eine wichtige Rolle spielt.
Das Training emotionaler Kompetenzen (TEKTraining emotionaler Kompetenzen (TEK), auch ART wie Affect Regulation TrainingAffect Regulation Training (ART)) wurde von Berking (2010) entwickelt und versteht sich primär als ein Gruppentraining von 18-stündiger Dauer, das zusätzlich zu einer Einzeltherapie angeboten wird. Es wird eine Reihe von Techniken und Fähigkeiten vermittelt, die aus Theorien der Emotionsregulation sowie aus experimentellen Studien entwickelt und aus klinischer Erfahrung gewonnen wurden. Das Modell der ART versteht sich als Integration verschiedener Module, die den Faktoren „Bewusstheit“, „Verstehen“, „Akzeptanz und Toleranz“ sowie „Modifikation“ zugerechnet werden können (Abb. 10.3). Eine Haltung von ausgesprochener SelbstunterstützungSelbstunterstützung ermöglicht einen neuen Zugang, der erst ermöglicht, gewisse Zustände auszuhalten, entsprechende Fähigkeiten zu trainieren, sich bestimmten Situationen auszusetzen bzw. sich damit zu konfrontieren. Als Ergebnis findet sich eine höhere Resilienz gegenüber dysphorischen Zuständen.
Die ART bedient sich einer Reihe von bewährten Techniken wie Muskelentspannung, tiefes Atmen und Techniken der Mindfulness wie z. B. nichtbewertende Bewusstheit, eine Aufmerksamkeitsfokussierung im Hier und Jetzt. Damit sollen selbstkritische automatische Gedanken verunmöglicht werden, insbesondere weil diese mit der Haltung der self-compassion nicht kompatibel sind. Es wird viel Wert auf einen konstruktiven Umgang mit sich selbst gelegt und dadurch eine größere Bewusstheit von eigenen Bedürfnissen und Zielen erreicht. Im Vergleich zu Therapien ohne zusätzliche ART konnte gezeigt werden, dass ART die Effektivität von kognitiver Verhaltenstherapie verbessert (Berking und Schwarz 2014).

Resümee

Emotionsfokussierte Verfahren haben in der Behandlung psychischer Störungen eine Tradition, die bis in die Antike zurückreicht. Gelassenheit gegenüber und eine gewisse Distanzierung bezüglich des vom Gefühl ausgelösten Handlungsimpulses scheint ein Schlüssel zu sein, um das eigene Wohlbefinden regulieren zu können. Neuere therapeutische Ansätze wie z. B. Greenberg (z. B. 2004) fokussieren ganz auf das emotionale Erleben. Für Greenberg sind Emotionen keine Begleiterscheinungen des bewussten Lebens und Erlebens, die keine weiteren Bedeutungen haben, als dass sie möglicherweise stören, das Glück beeinträchtigen oder je nachdem auch fördern können, sondern sie sind konstitutiv für die Organisation und Aufrechterhaltung des Selbst. Zwar liegen bisher nur wenige empirische Belege für die Wirksamkeit dieses spezifischen Ansatzes vor, aber der Ansatz, das emotionale Geschehen nicht als peripheres Geschehen, sondern als zentralen Bestandteil therapeutischer Arbeit zu sehen, wird die Entwicklung der Psychotherapie zukünftig beeinflussen.

Literaturauswahl

Berking, 2010

M. Berking Training emotionaler Kompetenzen 2. A. 2010 Springer Berlin, Heidelberg

Damasio, 1994

A.R. Damasio Descartes' Error Emotion, Reason, and the Human Brain 1994 Avon Books New York

Langer, 1992

E.J. Langer Matters of mind: Mindfulness/mindlessness in perspective Consciousness and Cognition 1 1992 289 305

Ochsner and Gross, 2005

K.N. Ochsner J.J. Gross The cognitive control of emotion Trends Cogn Sci 9 2005 242 249

Rolls, 1999

E.T. Rolls The Brain and Emotion 1999 University Press Oxford

Schachter and Singer, 1962

S. Schachter J. Singer Cognitive, social, and physiological determinants of emotional state Psychol Rev 69 1962 379 399

Scherer, 1984

K.R. Scherer On the nature and function of emotion: a component process approach K.R. Scherer P. Ekman Approaches to Emotion 1984 Erlbaum Hillsdale, NJ 293 317

Tomkins, 1962/63

S.S. Tomkins Affect, Imagery, Consciousness Vol. 1: The Positive Affects The Negative Affects Vol. 2 1962/63 Springer New York

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