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B978-3-437-23731-7.00034-X

10.1016/B978-3-437-23731-7.00034-X

978-3-437-23731-7

Geschlechtsspezifische Erhebungs- und Interpretationsfehler

Psychotherapieforschung geschlechtsspezifische Erhebungs-/Interpretationsfehler

  • Geschlechterinsensibilität: Geschlechterdifferenz wird ignoriert; Themen werden generalistisch behandelt; ätiologische Modelle basieren auf Befunden, die nur an einem Geschlecht erhoben wurden; keine differenzielle Auswertung psychotherapeutischer Interventionen.

  • Familialismus: Unterform der Geschlechterinsensibilität; Familie als Einheit ohne Berücksichtigung der unterschiedlichen Effekte von Aufgaben auf Einzelne, z. B. Pflege von Angehörigen.

  • Geschlechterdichotomie: Unterschiede werden überbetont, Überschneidungen vernachlässigt; Stereotypien werden als Gesundheitsnorm verwendet, z. B. Maskulinitäts- und Femininitätsskalen in Tests.

  • Doppelter Bewertungsmaßstab Anwendung verschiedener Maßstäbe für gleiche Charakteristika: z. B. aggressives Verhalten – bei Jungen sozial angesehen, bei Mädchen problematisch.

  • Geschlechterverklärung: Überhöhung empirisch gefundener Geschlechtsmerkmale zur Legitimierung normativer Forderungen: emotionale Expressivität von Frauen als Maßstab für emotionale Ausdrucksfähigkeit von Männern.

  • Gleichsetzung von Sex und Gender: Unterscheidung von biologischem und sozialem Geschlecht findet nicht statt. Design und/oder Auswertung berücksichtigen z. B. nur das biologische Geschlecht und präsentieren die Ergebnisse als genderspezifisch.

  • Reduktionistisches Verständnis von Geschlecht: Das Geschlecht wird rein deskriptiv und als bloße biologische/demografische Kategorie untersucht; soziale, kulturelle und psychologische Begleiterscheinungen des Geschlechts werden vernachlässigt.

  • Varianzvernichtung durch ungeeignete Auswertung: Auswirkungen von therapeutischer Responsivität, d. h. eines Sich-Einstellens auf den Einzelfall und dessen geschlechtsbezogene Besonderheiten werden weggemittelt.

Geschlechtsspezifische Aspekte

Martina Belz

Anita Riecher-Rössler

Kernaussagen

  • Psychotherapiegeschlechtsspezifische Aspekte/BedürfnisseIn der Psychotherapie ist die Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Aspekte unabhängig von der psychotherapeutischen Orientierung eine wichtige Variable für das Gelingen des therapeutischen Prozesses und das Therapieergebnis. Dies betrifft Lebensbedingungen und soziale Realität, Gesundheit und Gesundheitsverhalten, die psychotherapeutische Behandlung selbst, Fragestellungen und Methoden der Psychotherapieforschung sowie die Inhalte und Strukturen der Aus- und Weiterbildung.

  • In der konkreten psychotherapeutischen Arbeit lassen sich fünf Ebenen beschreiben, die geschlechtsspezifisch Einfluss auf den Therapieprozess und das Therapieergebnis haben können:

    • 1.

      Menschenbild und therapeutische Orientierung

    • 2.

      Interpersonelle Beziehungen und Kontextbedingungen

    • 3.

      Therapiebeziehung

    • 4.

      Therapietechniken und -ziele

    • 5.

      Selbsterfahrung

Einleitung

Psychische Gesundheit und Krankheit sowie deren Behandlung werden durch das Geschlecht Geschlechtpsychische Gesundheit/Krankheitmaßgeblich beeinflusst. Auch in der Psychotherapie ist dabei sowohl die Berücksichtigung des „biologischen GeschlechtsGeschlechtbiologisches“ (engl. sex) als auch des „sozialen GeschlechtsGeschlechtsoziales“ (engl. gender) bedeutsam.
Die Darstellung der Unterschiede zwischen den Geschlechtern kann zu einer ungewollten Dichotomisierung führen, indem Geschlechtsspezifisches hervorgehoben und dadurch verfestigt wird. Deshalb wird in Verbindung mit geschlechtsspezifischen Unterschieden immer wieder auf weitere Faktoren wie Familienstand, Bildungsstand oder lebensweltliche Rahmenbedingungen hingewiesen. Zum anderen werden, wo möglich, Unterschiede innerhalb der Geschlechtergruppen thematisiert, die genauso groß sein können wie Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Auch auf die sich langsam entwickelnde Männergesundheitsforschung wird Bezug genommen, um neben frauenspezifischen auch die an die unterschiedlichen männlichen Lebensweisen gebundenen gesundheitlichen Risiken und Ressourcen offenzulegen (Kolip und Hurrelmann 2016; RKI 2014).

Merke

Das Wissen über psychotherapierelevante GeschlechtsunterschiedeGeschlechtsunterschiedepsychotherapierelevante lässt sich in folgende sieben Punkte unterteilen:

  • 1.

    Lebensbedingungen und soziale Realität

  • 2.

    Gesundheitszustand, Gesundheitsverständnis und Gesundheitsverhalten

  • 3.

    Häufigkeit und Verbreitung von psychischen Störungen

  • 4.

    Entwicklung und Verlauf von psychischen Störungen

  • 5.

    Psychotherapeutische Versorgung und Behandlung

  • 6.

    Psychotherapieforschung

  • 7.

    Aus- und Weiterbildung

Lebensbedingungen und soziale Realität

Einflussfaktor Berufstätigkeit

Geschlechtsunterschiedesoziale RealitätGeschlechtsunterschiedeBerufstätigkeitZunehmend mehr Frauen nehmen am Erwerbsleben teil, die Erwerbsmuster von Männern und Frauen unterscheiden sich aber immer noch erheblich. Am stärksten ausgeprägt ist dies in der Gruppe der Verheirateten. Nach der Eheschließung kommt es häufig zu einer Traditionalisierung der Arbeitsteilung, wobei heute an die Stelle des Modells der Ernährer-Hausfrau-Familie das Vollzeit-Teilzeit-Modell getreten ist. Während Männer nach der Geburt eines Kindes weiterhin erwerbstätig bleiben und sich so berufliche Aufstiegschancen und die Möglichkeit zur Weiterentwicklung sichern, sind Frauen häufiger in Berufen mit niedrigerem Status, als Teilzeitbeschäftigte und in hierarchisch untergeordneten Positionen zu finden. Bei Frauen mit Migrationshintergrund sind diese traditionellen Erwerbsmuster noch häufiger verbreitet.
Das Einkommen von Frauen liegt in Europa immer noch deutlich unter dem von Männern, auch nach Bereinigung um andere einkommensrelevante Faktoren. In Führungspositionen sind Frauen nach wie vor extrem unterrepräsentiert – all dies, obwohl inzwischen weltweit Frauen den Männern in Sachen Bildung den Rang ablaufen.
GeschlechtsunterschiedeArbeitsweltDie sich in diesen Daten widerspiegelnde geschlechtsspezifische Segmentierung der Arbeitswelt ist in den Ländern am wenigsten ausgeprägt, in denen es ein gut ausgebautes System der Kinderbetreuung gibt und in denen gesetzliche wie auch steuerliche Regelungen v. a. die Berufstätigkeit von Frauen mit Kindern fördern. Aber es ist nicht nur die Betreuung eigener Kinder, die dazu führt, dass Frauen in der Erwerbstätigkeit weniger Fuß fassen als Männer. Ergebnisse der EUROFAMCARE-Studie zeigen, dass international der Frauenanteil bei den pflegenden Angehörigen bei 68 % liegt (Kofahl et al. 2005). Frauen erleben die mit der Pflege von Angehörigen verbundenen Belastungen anders als Männer: Männer sehen darin eher eine Managementaufgabe (Langehennig et al. 2012), grenzen sich klarer ab und nehmen viel früher und deutlich mehr professionelle Unterstützung und Hilfe in Anspruch als pflegende Frauen.
Insgesamt leisten Männer wesentlich häufiger bezahlte und Frauen entsprechend mehr unbezahlte Arbeit. Die Kehrseite ist, dass Männer dadurch meist weniger in familiäre BeziehungenGeschlechtsunterschiedefamiliäre Beziehungen – auch mit ihren Kindern – integriert sind und weniger legitimierte Möglichkeiten haben, berufliche Unterbrechungen zur Neuorientierung zu nutzen.
Die Mehrfachbelastungen, denen Frauen ausgesetzt sind, führen genauso wie der auf Männern lastende Karrieredruck bei beiden Geschlechtern immer wieder zu ÜberforderungssyndromenÜberforderungssyndrome, die psychotherapeutische Unterstützung notwendig machen. Auch kann die (finanzielle) Abhängigkeit von Frauen mit Kindern deren Autonomie und Selbstwert beeinträchtigen und so psychische Störungen fördern. Diese sozialen Rahmenbedingungen, aber auch der Umgang mit den damit zusammenhängenden Belastungen können die Entscheidung zur Aufnahme einer PsychotherapiePsychotherapieEinfluss der Berufstätigkeit in verschiedener Weise beeinflussen. Eine Vollzeitberufstätigkeit kann aufgrund der zeitlichen Einschränkungen eine Psychotherapie ebenso erschweren wie das Angebundensein durch Kinder oder pflegebedürftige Angehörige. Knappe finanzielle Mittel machen Psychotherapie in Ländern, in denen sie keine Regelleistung der Versicherungen darstellt, für Menschen mit niedrigem Einkommen – und das sind immer noch häufiger Frauen – kaum erschwinglich. Das männliche Rollenstereotyp, das Stärke, Autonomie und Kontrolle fordert, ist mit der Aufnahme einer Psychotherapie und der Vorstellung von Schwäche und Unterstützungsbedarf z. T. schwer vereinbar.

Einflussfaktor Gewalt

GeschlechtsunterschiedeGewalterfahrungenGewalt(erfahrungen)GeschlechtsspezifitätGewalt gilt als eines der bedeutsamsten Gesundheitsrisiken, mit denen Frauen und Mädchen auf der ganzen Welt konfrontiert sind (Garcia-Moreno und Riecher-Rössler 2013). In Europa geht es v. a. um häuslicheHäusliche Gewalt und sexualisierte GewaltSexualisierte Gewalt. Diese geht zum Großteil von Männern aus, mit denen die Frauen bekannt, befreundet oder verheiratet sind.
Auch bezogen auf die AngstAngstvor Gewalt, zum Opfer von Gewalt zu werden, sind geschlechtsspezifische Unterschiede feststellbar. Mädchen werden eher vor dem öffentlichen Raum als tendenziell gefährlich gewarnt, während Jungen eher dazu aufgefordert, ihn zu nutzen und sich möglichen Gefahren zu stellen (Schwind et al. 2001). Besonders häufig erleben Migrantinnen und Flüchtlingsfrauen Gewalt (Khelaifat und Schröttle 2008).

Einflussfaktor Alter und Lebensform

GeschlechtsunterschiedeAlter(sstruktur)Geschlechtsspezifisch relevant sind auch die Verschiebung der AltersstrukturAlterGeschlechtsunterschiede in der Bevölkerung, von der Frauen wegen der höheren Lebenserwartung stärker betroffen sind, und die damit einhergehenden psychischen Erkrankungen. Der Wandel der LebensformenGeschlechtsunterschiedeLebensformen, Wandel (weniger Kinder, mehr Singles, mehr Alleinerziehende) wirkt sich geschlechtsspezifisch unterschiedlich aus (z. B. Überforderungssyndrome und zunehmendes Armutsrisiko bei Frauen) und beeinflusst die in einer Psychotherapie relevanten Themen.

Gesundheitszustand, Gesundheitsverständnis und Gesundheitsverhalten

Gesundheit(sverhalten)geschlechtsspezifischesWas Männer und Frauen unter Gesundheit verstehen, bestimmt auch, wann sie sich als krank und behandlungsbedürftig wahrnehmen, was sie tun, um ihre Gesundheit zu erhalten bzw. wiederherzustellen. Ein Blick auf geschlechtsspezifisches Inanspruchnahmeverhalten bei körperlichen Erkrankungen gibt zudem Hinweise auf Aspekte, die auch bei der Versorgung von Männern und Frauen mit psychischen Problemen eine Rolle spielen könnten.
Mortalität, GeschlechtsunterschiedeDie höhere Mortalität der männlichen Bevölkerung vor dem 65. Lj. wird v. a. als Folge ihres spezifischen geschlechtsstereotypen Risikoverhaltens (z. B. risikoreiche Sportarten, Arbeitsunfälle, Suchtmittelmissbrauch) erklärt. Hinz (2007) weist darauf hin, dass einige der beschriebenen gesundheitsriskanten VerhaltensweisenVerhaltengesundheitsriskantes (z. B. riskant und schnell Auto fahren oder waghalsig Sport treiben, um Grenzen auszutesten und sich als männlich stark und furchtlos zu zeigen) als Versuch verstanden werden können, jugendspezifische Entwicklungsaufgaben zu meistern. Geschlechtsunterschiede zeigen sich auch im sexuellen Risiko- und Schutzverhalten. Männer können ohne das Einverständnis von Frauen Kondome benutzen, umgekehrt ist das nicht möglich. Am letztgenannten Beispiel wird deutlich, dass das gesundheitliche Risiko- und SchutzverhaltenGesundheit(sverhalten)geschlechtsspezifisches auch durch geschlechtsspezifische Abhängigkeiten beeinflusst sein kann. Männer bewerten ihren Gesundheitszustand Gesundheitszustand(sbewertung), Geschlechtsunterschiedeim Durchschnitt besser und sind mit ihrer Gesundheit zufriedener als Frauen, wobei Alter, Höhe des Einkommens, beruflicher Bildungsabschluss und Erwerbstätigkeitsstatus noch stärker mit dem Urteil korrelieren als das GeschlechtInanspruchnahmeverhaltenGeschlechtsunterschiede.
Auch beim Inanspruchnahmeverhalten zeigen sich relevante Geschlechtsunterschiede. Bereits im Alter von 15 Jahren suchen Mädchen und Frauen öfter ärztliche Hilfe auf und werden mehr krankgeschrieben als Jungen und Männer. Sie registrieren mehr Symptome und zeigen eine aktivere Beschwerdeschilderung. Frauen nehmen die Dienstleistungen von Krankenhäusern deutlich häufiger in Anspruch als Männer. Dies ist auch dann noch der Fall, wenn die Zahlen alterskorrigiert sind und Krankenhausaufenthalte wegen Entbindung unberücksichtigt bleiben. Männer verbringen jedoch durchschnittlich mehr Tage im Krankenhaus, wenn sie einmal eingewiesen sind. Wenn Männer zum Arzt gehen, werden sie in Bezug auf ihre Beschwerden ernster genommen und gründlicher untersucht. Frauen bekommen hingegen häufiger und mehr Medikamente verschrieben (Stürzer und Cornelißen 2005). Unterschiede zwischen den Geschlechtern bestehen weiterhin in der Art der Medikamenteneinnahme: Während Neuroenhancement zur Leistungssteigerung v. a. Männer anspricht, werden Medikamente zur Verbesserung der Stimmung oder zum Abbau von Ängsten und Nervosität häufiger von Frauen genutzt (IGES Institut 2015), wohl auch entsprechend den häufigeren depressiven und Angsterkrankungen bei Frauen (Kap. 34.4).
Männer haben ein funktionaleres Gesundheitsverständnis. Gesundheit bedeutet für sie in erster Linie Leistungsfähigkeit, körperliche Funktionsfähigkeit und „Abwesenheit von Krankheit“ (Bengel und Belz-Merk 1997). Sie rauchen mehr, konsumieren mehr Alkohol sowie illegale Drogen und sind deutlich häufiger übergewichtig als Frauen. Frauen achten mehr auf die Ernährung, z. T. aber im Sinne einer Fehlernährung durch eine zu geringe Nahrungszufuhr. Sie treiben weniger Sport als Männer. Frauen haben eher ein ganzheitliches, positives, an Wohlbefinden orientiertes Gesundheitsverständnis. Sie nehmen ihre Krankheitssymptome i. Allg. besser wahr als Männer und haben auch eine bessere Krankheitsbewältigung. Frauen wenden sich eher an Hausärzte, während Männer verstärkt Fachärzte konsultieren (WHO 2000). Frauen nehmen auch häufiger „Laienhilfe“ wie Selbsthilfegruppen/-literatur in Anspruch; sie besuchen Esoterikmessen und kaufen eher in Bioläden ein.
Weitere Erklärungsansätze für die berichteten Geschlechtsunterschiede im Gesundheitszustand und -verhalten liegen in den spezifischen Erfahrungen, die Männer und Frauen innerhalb des Gesundheitssystems machen, aber auch in methodischen Artefakten bei Erhebungsverfahren.

Häufigkeit und Verbreitung psychischer Störungen

Psychische StörungenGeschlechtsunterschiedeHäufigkeit/VerbreitungGemäß den Daten einer aktuellen repräsentativen Bevölkerungsstichprobe (Wittchen et al. 2012), die mit international anerkannten und zuverlässigen Untersuchungsmethoden auf der Grundlage aktueller Klassifikationssysteme erhoben wurden, erfüllten im Jahre 2011 in einem Zeitraum von 12 Monaten 33,3 % der deutschen Bevölkerung die Kriterien für klinisch bedeutsame psychische Störungen nach DSM-IV-TR. Aufgeteilt nach Geschlecht betraf dies Frauen zu 35,9 % und Männer zu 30,7 %. Was die Gesamthäufigkeit psychischer Störungen angeht, zeigte sich damit kein gravierender Geschlechtsunterschied, wohl aber bezüglich der Diagnosen.
Dass es bei vielen psychischen Erkrankungen, die beide Geschlechter betreffen, große Häufigkeitsunterschiede gibt, ist schon länger bekannt (Übersicht in Riecher-Rössler und Bitzer 2005). So leiden Frauen deutlich häufiger an EssstörungenEssstörungenGeschlechtsunterschiede wie Anorexie und Bulimie als Männer (9 F : 1 M). DepressionenDepression/depressive StörungenGeschlechtsunterschiede sind bei Frauen doppelt so häufig wie bei Männern, und zwar von den leichteren depressiven Zuständen bis hin zu den schweren unipolaren affektiven Erkrankungen. Auch in neueren Studien zeigen sich ähnliche Geschlechtereffekte und ein deutlicher Zusammenhang mit dem Sozialstatus. Auch viele Arten von AngststörungenAngststörungenGeschlechtsunterschiede (einschl. Agoraphobie, Panikstörung und soziale Phobie) sind bei Frauen häufiger. Ebenso werden SomatisierungsstörungenSomatisierungsstörungGeschlechtsunterschiede, Borderline-PersönlichkeitsstörungenBorderline-PersönlichkeitsstörungGeschlechtsunterschiede (3 F : 1 M) und dissoziative IdentitätsstörungenDissoziative StörungenGeschlechtsunterschiede (3–9 F : 1 M) bei ihnen häufiger diagnostiziert. Nach einem Trauma entwickeln Frauen eher eine posttraumatische BelastungsstörungPTSD (posttraumatische Belastungsstörung)Geschlechtsunterschiede. Von einer MedikamentenabhängigkeitMedikamentenabhängigkeit, Geschlechtsunterschiede sind Frauen dreimal häufiger betroffen als Männer. Insgesamt nehmen sie doppelt so häufig wie Männer psychoaktive Medikamente ein, was z. T. durch die häufigere Depression (s. u.) und deren psychopharmakologische Behandlung zu erklären ist. Da aber Medikamentenabhängigkeit meist im Rahmen einer ärztlichen Behandlung beginnt und problematische Dauerverschreibungen von Benzodiazepinen weitgehend (zu über 80 %) konsensuell zwischen Patient bzw. Patientin und einem einzigen Arzt erfolgen, kann dies als Hinweis für ein geschlechtsspezifisch unterschiedliches Verschreibungsverhalten von Ärzten verstanden werden (Holzbach et al. 2010).
Bei Männern sind die meisten Persönlichkeitsstörungen häufigerPersönlichkeitsstörungenGeschlechtsunterschiede, v. a. antisoziale (Übersichten in Riecher-Rössler und Bitzer 2005) sowie der Großteil an ParaphilienParaphilien, Geschlechtsunterschiede. Erhöhte Prävalenzzahlen in den Persönlichkeitsstörungen bei Frauen finden sich bei der dependenten und der histrionischen Persönlichkeitsstörung. Lediglich bei bipolaren Erkrankungen und schizophrenen Störungen sind Männer wie Frauen nahezu gleich häufig betroffen. Gerade die geschlechtsspezifische Dominanz bestimmter Störungsbilder und die Tatsache, dass Frauen in den weniger biologisch bestimmten Störungen überwiegen, macht den Einfluss psychosozialer Faktoren auch bei psychischen Störungen plausibel.
Frauen verüben auch häufiger Suizidversuche als MännerSuizidalitätGeschlechtsunterschiede. Bei Männern dagegen sind vollendete Suizide häufiger, ebenso wie Abhängigkeiten von Substanzen außer Medikamenten – 70 % der Alkoholabhängigen sind Männer. Die signifikant höhere Suizidrate insbesondere bei jungen und älteren Männern wird von manchen Autoren zusammen mit der hohen Alkoholismusrate als Äquivalent der weiblichen Depression angesehen, da Männer im Fall einer Depression entsprechend der männlichen Geschlechtsrollenerwartung im Vergleich zu Frauen deutlich seltener professionelle Hilfe in Anspruch nehmen und stattdessen Alkohol und als letzten Ausweg den Suizid als Bewältigungsstrategie einsetzen (Möller-Leimkühler 2000; Wolfersdorf und Schulte-Wefers 2005).
Gutiérrez-Lobos et al. (2000) fanden in einer Studie zum sog. „gender gap in depression“ die höchste Depressionsrate bei nichtberufstätigen geschiedenen Frauen, die niedrigste bei berufstätigen verheirateten Männern.
Meshkat et al. (2010) diskutieren, dass es aufgrund der Diagnosekriterien in den gängigen Diagnosemanualen zu einer Unterschätzung der Depressionsraten bei Männern kommen könnte. Spezifisch männliche Symptome wie Aggressivität, Verärgerung, Irritabilität, Feindseligkeit oder erhöhtes Risiko- und Suchtverhalten könnten die gängigen Depressionssymptome überdecken. Das klinische Bild einer Depression weist demnach für Männer und Frauen spezifische Symptome auf, die bei einer Diagnosestellung berücksichtigt werden müssten. Möglicherweise gilt dies auch für andere Störungsbilder.
Zudem ist kritisch zu diskutieren, dass für die Diagnose einer psychischen Störung neben standardisierten, von Experten bzw. Expertinnen entwickelten Diagnosesystemen auch die NormalitätsbilderPsychische StörungenNormalitätsbilder, gesellschaftlicheNormalitätsbilder, gesellschaftliche einer Gesellschaft relevant sind. Diese legen Frauen und Männer auf „gute & richtige“ Eigenschaften fest. Eindrücklich wurde die Bedeutung dieser Normalitätsbilder in der klassischen Fragebogenstudie von Broverman et al. (1970) an drei Gruppen von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten gezeigt. Diese hatten die Aufgabe anzugeben, welche Merkmale sie mit dem Bild eines gesunden Mannes (Gruppe 1), eines gesunden Menschen (Gruppe 2) und einer gesunden Frau (Gruppe 3) verbinden. Danach entspricht das Bild eines gesunden Mannes mit den Merkmalen Unabhängigkeit, Rationalität und Gelassenheit dem Bild eines gesunden Menschen (Gruppe 2). Das Bild einer gesunden Frau (Gruppe 3) wurde mit den Eigenschaften „gefühlvoll, nachgiebig und wenig aggressiv“ beschrieben und entsprach genau dem Bild eines psychisch gestörten Menschen.
Die Studie wurde in ähnlicher Form von Nesbitt und Penn (2000) repliziert und macht unmittelbar einsichtig, wie gesellschaftliche NormalitätsbilderFrauenNormalitätsbild, gesellschaftliches auch Einfluss auf das Diagnostizieren und Pathologisieren von Therapeuten und Therapeutinnen haben können. Wenn Frauen mit Eigenschaften wie Passivität, Sensibilität, Emotionalität, Kooperationswilligkeit, Fürsorglichkeit und Zuständigkeit für Beziehungspflege ausgestattet und MännernMännerNormalitätsbild, gesellschaftliches Merkmale wie Aggressivität, Sachorientierung, Konfliktfreudigkeit, Autonomie, Aktivität und Rationalität zugeschrieben werden, dürfte diese Haltung auch Therapieziele und -ergebnisse beeinflussen. Trotz Enttraditionalisierung sind diese Geschlechtsrollenstereotypien über Zeit und Kulturen hinweg erstaunlich stabil (Glick et al. 2004).

Merke

InanspruchnahmeverhaltenGeschlechtsunterschiedeWeder Frauen noch Männer sind also insgesamt das kränkere Geschlecht, sie weisen lediglich unterschiedliche Krankheitsprofile auf, in die geschlechtsrollenstereotypische Aspekte einfließen.

Frauen geben aber insgesamt öfter als Männer an, wegen psychischer Probleme und Störungen in Behandlung gewesen zu sein (21 vs. 10 %) oder sich vorstellen zu können, dies im Bedarfsfall zu tun (62 vs. 44 %). Unter den Psychotherapiepatienten haben Männer nur einen Anteil von etwa 30 % (Dorrmann et al. 2014). Trotz gesellschaftlicher Veränderungen sind immer noch geschlechtsrollenspezifische Vorstellungen verbreitet, die es Männern erschweren, Psychotherapie in Anspruch zu nehmen, da dies gleichbedeutend mit dem Zeigen von Schwäche ist. Das Offenlegen von Problemen, die eigene Verletzlichkeit zeigen, Gefühle ausdrücken und sich einem Therapeuten oder einer Therapeutin anvertrauen, entsprechen mehr dem weiblichen Problemlöseverhalten (Mahalik et al. 2003). Dies gilt noch mehr für paar- und/oder familientherapeutische Settings (Owen et al. 2009).
36 % aller Frühberentungen bei Frauen erfolgen aufgrund psychischer Erkrankungen (bei Männern 25 %). Insbesondere Frauen sind von Arbeitsunfähigkeit aufgrund von psychischen Störungen betroffen. Laut DAK-Gesundheitsreport 2015 liegt der Anteil der Frauen mit einer Krankschreibung aufgrund einer psychischen Störung bei 19,9 % verglichen mit 13,4 % bei Männern (IGES Institut 2015). Möglicherweise sind diese Unterschiede durch die unterschiedliche Verteilung von Diagnosen mit mehr depressiven und Angsterkrankungen bei Frauen und/oder durch das unterschiedliche Inanspruchnahmeverhalten bedingt.

Entwicklung und Verlauf psychischer Störungen

Psychische StörungenGeschlechtsunterschiedeEntwicklung/VerlaufIm Kindes- und Jugendalter werden bei Mädchen häufiger internalisierende Störungen diagnostiziert, bei Jungen eher externalisierende Verhaltensweisen. Nach Einsetzen der Pubertät wird der Anteil von Mädchen mit Depression immer größer, Jungen dominieren dagegen bei Lern- und Leistungsstörungen, ADHS sowie Delinquenz und Störungen durch Substanzgebrauch (Steinhausen 2010; Fuchs et al. 2013).
Warum Frauen etwa doppelt so häufig an DepressionenDepression/depressive StörungenGeschlechtsunterschiede leiden wie Männer, ist nach wie vor nicht ganz geklärt. Verschiedene Theorien (Übersicht bei Riecher-Rössler 2013, 2016) gehen davon aus, dass die geschlechtsspezifische Sozialisation von Knaben und Mädchen das spätere geschlechtsspezifische Rollenverhalten prägt. Riecher-Rössler argumentiert, Mädchen würden eher zu Passivität, erlernter HilflosigkeitHilflosigkeit, erlernte und geringerem Selbstvertrauen erzogen, Knaben dagegen eher zu aktivem Coping. In der Folge tendierten Frauen deshalb dazu, Konflikte eher zu internalisieren und mit Grübeln, Schuldgefühlen und Depressionen zu reagieren, während Männer eher externalisierten und entweder aktive oder gar aggressive Bewältigungsstrategien suchten oder zu Alkohol griffen (Belz und Riecher-Rössler 2008; Riecher-Rössler et al. 2003, 2016). Das Depressionsrisiko bei Frauen werde aber auch durch ihren geringeren sozialen Status, ihre stärkeren Abhängigkeiten, das Erleben von häuslicher Gewalt, sexuellem Missbrauch und Armut (v. a. als alleinerziehende Mutter) etc. erhöht.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch eine große Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Women's Mental Health Survey (Seedat et al. 2009), der in 15 Ländern auf verschiedenen Kontinenten durchgeführt wurde. Depressive Erkrankungen waren bei Frauen überall etwa doppelt so häufig wie bei Männern. In einigen wenigen Ländern war dieser Geschlechtsunterschied bei den jüngeren Jahrgängen jedoch geringer ausgeprägt als bei den älteren – und zwar interessanterweise in denjenigen Ländern, in denen sich in den letzten Jahren die Geschlechterrollen von Frauen und Männern angenähert haben.
Ein weiterer wichtiger Risikofaktor für die Entwicklung einer psychischen Störung und Anlass, sich in psychotherapeutische Behandlung zu begeben, ist das häufig berichtete geringere SelbstwertgefühlSelbstwertgefühlGeschlechtsunterschiede von Frauen. In verschiedenen Studien zeigten sich Frauen stärker von positivem Feedback abhängig als Männer und wiesen eine geringere Handlungsorientiertheit und ein geringeres Durchsetzungsvermögen auf. Auf der anderen Seite zeigten Frauen offensichtlich eine stärkere Extraversion, Hilfsbereitschaft, Empathiefähigkeit und Beziehungsorientierung. All dies können prinzipiell Stärken von Frauen sein, die aber zu stärkeren Belastungen aus dem sozialen Netz führen können (Übersicht bei Belz und Riecher-Rössler 2008, Riecher-Rössler 2006, 2016).
Frauen unterscheiden sich im Mittel von Männern auch in ihrem emotionalen AusdruckEmotionaler Ausdruck, Geschlechtunterschiede. So sprechen sie eher über ihre Gefühle, drücken diese i. Allg. auch intensiver aus und erinnern eher gefühlsbetonte Situationen. Frauen werden aber auch von negativen Gefühlen anderer stärker berührt, was sie vulnerabler macht. Sie zeigen häufiger und stabiler Angst, Niedergeschlagenheit und Trauer und neigen eher zu Besorgnis. Dagegen können sie weniger gut direkte – z. T. aber mehr verbale – Aggressivität zeigen. Sie schämen sich häufiger und intensiver, insbesondere in Bezug auf ihren Körper, ihre soziale Kompetenz und ihre Leistungen. Und v. a. fühlen sie sich häufiger schuldig (Übersicht in Belz und Riecher-Rössler 2008; Riecher-Rössler 2003, 2013).
Bislang gibt es keine hinreichende Erklärung, ob diese geschlechtsspezifischen Unterschiede eher genetisch-familiäre, biologische oder psychosoziale Hintergründe haben. Eine Perspektive, die all diese Faktoren in den Blick nimmt, erscheint der Komplexität am angemessensten.

Psychotherapeutische Versorgung und Behandlung

Psychische StörungenGeschlechtsunterschiedetherapeutische Behandlung/VersorgungErkenntnisse über die Bedeutung der Kategorie Geschlecht, die in die konkrete Arbeit mit Patienten und Patientinnen einzubeziehen sind, lassen sich auf fünf Ebenen beschreiben und zusammenfassen:
  • 1.

    MenschenbildGeschlechtsunterschiedepsychotherapeutische Versorgung und therapeutische OrientierungGeschlechtsunterschiedetherapeutische Orientierung: Wie beschreiben und erklären verschiedene Therapieschulen die Unterschiede der Geschlechter in den theoretischen Konzepten zum psychischen Funktionieren und zur geschlechtsspezifischen Entwicklung, zu Auftretenshäufigkeit und Erscheinungsbild psychischer Störungen?

  • 2.

    Interpersonelle Beziehungen und Kontextbedingungen der Patienten/Patientinnen: Wie gehen weibliche und männliche Bezugspersonen des Patienten bzw. der Patientin mit der Störung um?

  • 3.

    TherapiebeziehungTherapeutische BeziehungGeschlechtsunterschiede: Wie beeinflussen geschlechtsspezifische Unterschiede in den Erwartungen von Therapeuten und Therapeutinnen hinsichtlich Partnerschaft, Arbeitsfähigkeit etc. gegenüber Patientinnen und Patienten die Therapiebeziehung?

  • 4.

    TherapietechnikenTherapietechnikenGeschlechtsunterschiede und TherapiezieleTherapiezieleGeschlechtsunterschiede: Zeigen bestimmte therapeutische Techniken, aber auch Psychotherapieverfahren eine geschlechtsspezifische Wirksamkeit? Werden bestimmte Techniken in Abhängigkeit vom Geschlecht häufiger eingesetzt? Gibt es geschlechtsspezifisch zuordnungsfähige thematische oder technische Sperren? Lassen sich sinnvolle geschlechtsspezifische Therapieziele formulieren?

  • 5.

    SelbsterfahrungSelbsterfahrungGeschlechtsunterschiede: Was traue ich mir als Therapeut bzw. Therapeutin zu und was nicht? Wo bin ich besonders empfindsam oder verführbar, und was hat das mit meiner geschlechtsspezifischen Sozialisation zu tun?

Die genannten Aspekte werden im Folgenden unter Berücksichtigung schulenspezifischer Perspektiven integrativ und störungsübergreifend dargestellt.

Menschenbild und therapeutische Orientierung

GeschlechtsunterschiedeMenschenbildGeschlechtsunterschiedetherapeutische OrientierungWas haben die traditionellen psychotherapeutischen Schulen zur Aufklärung der Geschlechtsunterschiede beigetragen? Die klassische Psychoanalyse hat als Erklärungsansatz für die psychologischen GeschlechtsunterschiedePsychoanalyseGeschlechtsunterschiedeGeschlechtsunterschiedePsychoanalyse in ihren Anfängen als wohl bekanntestes Konzept das des PenisneidsPenisneid vorgelegt (Freud 1925).
Modernere Konzepte wurden von feministischen Psychoanalytikerinnen vorgelegt (vgl. z. B. Riecher-Rössler 2003). So wagt zwar Karin Horney (1973) nicht, die Existenz eines Penisneids zu hinterfragen, sie unterscheidet aber zumindest zwischen einem „primären“ Penisneid aufgrund des biologischen Mangels und einem „sekundären“ Penisneid, mit dem Frauen auf ihre faktischen sozialen Beschränkungen reagierten. Sehr viel weiter geht Chodorow (1978) mit ihrer Ansicht, dass das sog. asymmetrische ParentingParenting, asymmetrisches in unserer Gesellschaft mit eine Rolle für die Entstehung psychischer Störungen spielt. Damit meint sie die Tatsache, dass in unserer Gesellschaft Kinder v. a. von ihren Müttern, also Frauen, erzogen würden und dies dazu führe, dass die IdentitätsbildungFamilieParenting, asymmetrischesIdentitätsbildung/-entwicklungParenting, asymmetrisches bei Knaben und Mädchen unterschiedlich erfolge. Knaben müssten sich eher vom Weiblichen abgrenzen und lernten dadurch Autonomie, während Mädchen diese Notwendigkeit nie in gleichem Maße spürten und dadurch eher in symbiotischer Abhängigkeit verharrten. Hinzu komme, dass sie sich mit der Mutter als Frau identifizierten und Frauen in unserer Gesellschaft als minderwertig betrachtet würden.
In der VerhaltenstherapieVerhaltenstherapieGeschlechtsunterschiede ist die Geschlechterfrage erst in den letzten Jahren theoretisch diskutiert worden. Dabei wurde deutlich, dass es nicht ausreicht, eine geschlechterneutrale Theorie zu vertreten, wie es die Verhaltenstherapie lange Zeit für sich in Anspruch genommen hat. In Deutschland besteht seit 1986 in der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie die Arbeitsgemeinschaft „Frauen in der psychosozialen Versorgung“. Die AG macht auf die besondere Situation von Frauen im psychosozialen Bereich aufmerksam und setzt sich für eine Gleichstellung in Forschung, Theorie und psychosozialer Praxis ein. Ein Arbeitsschwerpunkt ist das Thema „Sexuelle Übergriffe in Therapie und Beratung“.
KognitiveKognitive TherapieGeschlechtsunterschiedeGeschlechtsunterschiedeKognitionen Theoretiker haben sich mit dem Einfluss des Geschlechts auf Kognitionen, Verhalten und Emotionen beschäftigt. Sie sehen eine der Ursachen für die bei Frauen häufiger beobachtete Passivität und erlernte HilflosigkeitHilflosigkeit, erlernte in der geschlechtsrollenspezifischen SozialisationSozialisation, geschlechtsrollenspezifische. Auch betonen sie, dass Frauen Ereignisse sowie die möglichen Bewältigungsmöglichkeiten anders bewerten als Männer und aufgrund dieser anderen – nämlich negativeren – Bewertung eher Depressionen entwickeln. Sie beschreiben den sog. negativen kognitiven Stil von FrauenFrauennegativer kognitiver Stil, die für negative Ereignisse eher stabile, globale und vor allem internale Kausalattributionen entwickeln, d. h., Frauen glauben häufiger als Männer, dass sie für ein negatives Ereignis verantwortlich seien und dass das immer und in allen Bereichen so sei. Dies – so die kognitiven Theorien – führe auch dazu, dass Frauen weniger glaubten, etwas durch aktive Beeinflussung ändern zu können, deswegen auch weniger motiviert für solche Änderungen seien, was den Verlauf der Depression negativ beeinflusse (Übersicht in Riecher-Rössler 2005).
Kritisiert wurde an diesen kognitiven Theorien v. a., dass die tatsächlichen Lebensbedingungen von Frauen in ihrer Schwierigkeit ebenso häufig unterschätzt würden wie der soziale Kontext, in dem die Neigung zu dysfunktionalen Kognitionen entstünde.
Die systemische Familientherapie FamilientherapieGeschlechtsunterschiedehat sich eher wenig mit dem Einfluss von Geschlechterrollen auseinandergesetzt (vgl. dazu Belz und Riecher-Rössler 2008), obwohl Geschlechterrollen gerade für die Struktur und Funktionsweise von Familien besonders wichtig sind. Wie Willutzki (2001) betont, wird damit auch die Machtasymmetrie in FamilienFamilieMachtasymmetrie in der systemischen Therapie nicht thematisiert. Konzepte wie „Komplementarität“, „Zirkularität“ oder „Neutralität“ und „Allparteilichkeit“ trivialisierten die Unterschiede zwischen Verhaltensweisen und ihren Konsequenzen:

„Geht man etwa davon aus, dass nicht zu entscheiden ist, ob sie nörgelt, weil er trinkt, oder aber er trinkt, weil sie nörgelt, so erscheinen beide Reaktionsweisen als gleichwertig in ihren Folgen. Im Extremfall gilt dies auch für Gewaltbeziehungen: Ihr Widerspruch und Nörgeln scheint seinen Schlägen gleichwertig.“

Willutzki (2001: 703)

Sowohl systemische als auch psychoanalytische und tiefenpsychologische Schulen tendieren darüber hinaus dazu, die Ursachen von Problemen und psychischen Störungen in der Kindheit zu lokalisieren und implizit oder explizit Mütter hauptverantwortlich zu machen.
Die humanistischen/experimentellen Therapieverfahren richten sich mit ihren anthropologischen Grundannahmen am Individuum aus. Eine Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischen Fragestellungen fehlt dementsprechend bzw. wurde gar nicht als notwendig erachtet.

Resümee

Insgesamt haben sich die großen psychotherapeutischen Schulen mit der Erklärung der Geschlechtsunterschiede bei psychischen Erkrankungen teils beschäftigt und teils auch versucht, dies in ihrer Konzeptbildung zu berücksichtigen. Viele dieser Konzepte (z. B. die frühen psychoanalytischen) sind aber deutlich durch den jeweiligen Zeitgeist geprägt und müssen aus heutiger Sicht kritisch hinterfragt werden. Auch die geschlechtsneutralen individuumszentrierten Ansätze der humanistisch-erlebnisorientieren Verfahren und modernere Konzepte lassen eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und kulturellen Einflüssen sowie sozialen Realitäten weitgehend vermissen oder werden wie bei der Verhaltenstherapie in Arbeitsgruppen ausgelagert. Hinzukommt, dass nur wenige Konzepte empirisch validiert wurden. Auch wurde die Frage, wie psychotherapeutische Techniken für die jeweiligen Geschlechter aufgrund dieser Erkenntnisse zu modifizieren sind, bisher kaum untersucht (vgl. dazu Riecher-Rössler 2003; Belz und Riecher-Rössler 2008).

Interpersonelle Beziehungen und Kontextbedingungen

Interpersonelle Beziehungen, GeschlechtsunterschiedeGeschlechtsunterschiedeinterpersonelle BeziehungenNeben den gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen, in denen Patienten und Patientinnen sozialisiert wurden und werden, spielen auch sehr individuelle Kontextbedingungen auf der Ebene ihrer aktuellen interpersonellen BeziehungenBeziehung(en)interpersonelle eine Rolle. So ist es wichtig zu wissen, wie weibliche und männliche Bezugspersonen des Patienten bzw. der Patientin mit der psychischen Störung umgehen:
  • Welche gesellschaftlich geltenden Normen und Bewertungen werden in der konkreten Lebenswelt der Patienten und Patientinnen geteilt?

  • Werden spezifische Verhaltensweisen, die für die Aufrechterhaltung einer Störung mitverantwortlich sind, vom Ehepartner als positiv und richtig bewertet, wie z. B. Hilflosigkeit und Abhängigkeit von Frauen bei Angststörungen und Depressionen?

  • Werden Verhaltensweisen in unterschiedlichen Lebensbereichen auch unterschiedlich bewertet und entsprechend konflikthaft erlebt (z. B. assertives Verhalten einer Frau, das am Arbeitsplatz passend ist, wird in der Familie als unweiblich, aggressiv und herzlos kritisiert)?

  • Unterliegen spezifische Verhaltensweisen, die in einem anderen kulturellen Kontext selbstverständlich zur männlichen oder weiblichen Rolle gehören und dort Beziehungen prägen, in einer neuen Umgebung mit neuen Beziehungen auch anderen Bewertungsmustern (z. B. Migranten und Migrantinnen, binationale Ehen)?

  • Wie konstituiert sich also Gesellschaftliches und Kulturelles im Privaten, und wie beeinflusst dieser individuelle Kontext die Störung und das psychotherapeutische Geschehen?

  • Wie viel Toleranz existiert in den interpersonellen Beziehungen in Bezug auf Abweichung und mögliche Veränderung und ein etwaiges Ausbrechen aus den Bewertungsmustern einer Familie oder Gemeinschaft? Dass es dabei geschlechtsspezifische Unterschiede gibt, zeigen die Ergebnisse des Gender-Datenreports von 2005 (Cornelißen 2005). Danach wird Frauen bei abweichendem Verhalten schneller und häufiger das Aufsuchen psychosozialer Dienste nahegelegt bzw. werden durch Dritte korrigierende Interventionen eingeleitet.

Nicht zuletzt sollten geschlechtsspezifische BedürfnissePsychotherapiegeschlechtsspezifische Aspekte/Bedürfnisse im Setting berücksichtigt werden. Oft „gestatten“ sich Patientinnen auch nur dann eine Psychotherapie, wenn sie während der Schulzeiten der Kinder angeboten oder ein Betreuungsangebote für Kinder vermittelt wird. Der Partner sollte im Setting nie vergessen werden. Manche Therapien sind zum Scheitern verurteilt, wenn der Partner nicht rechtzeitig einbezogen und für die Therapie gewonnen wird. Auch sollte der Partner – gerade bei Frauen mit Kindern – oft viel stärker als Ressource genutzt werden (vgl. dazu Belz und Riecher-Rössler 2008).
Mit der wachsenden Zahl von Flüchtlingen und Migranten in Europa nimmt auch die Vielfalt an Lebenskontexten weiter zu, mit denen Psychotherapeuten konfrontiert sein werden. Angesichts der gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Vielfalt der verschiedenen Herkunftsländer und Regionen mit ihren jeweils eigenen geschlechtsspezifischen Rollenvorstellungen, aus denen die Patienten kommen, dürfte es für Therapierende noch notwendiger sein, die eigenen Geschlechtsrollenstereotypien und geschlechtsspezifischen Prägungen fortlaufend zu reflektieren.

Therapiebeziehung

Therapeutische BeziehungGeschlechtsunterschiedeIn der therapeutischen Beziehung sind sowohl das biologische als auch das soziale Geschlecht des Therapeuten und der Therapeutin und die damit zusammenhängenden geschlechtsspezifischen Erwartungen an Patientinnen und Patienten hinsichtlich Partnerschaft, Arbeitsfähigkeit, Familienleben, Sexualität etc. von Belang.
Studien zum Geschlecht der Therapierenden und zur geschlechtsspezifischen Passung
Psychotherapeut(en)geschlechtsspezifische PassungRudolf (2002) untersuchte den Einfluss des Geschlechts von Therapeuten und Therapeutinnen auf die Therapie. Es wurden stationär behandelte Patienten und Patientinnen mit sozialer Ängstlichkeit untersucht, bei denen gleichzeitig Beziehungsängste sowie eine Verunsicherung der Geschlechtsidentität vermutet wurden. Hier zeigte sich ein deutlich besseres Ergebnis bei den männlichen Patienten, die von Therapeutinnen behandelt wurden, als bei allen anderen Geschlechterkombinationen – zumindest gemessen an der Symptomverringerung auf der Skala „Ängstlichkeit im Kontakt“. Im Gegensatz dazu wurde aber aus der Perspektive von Patienten und Patientinnen gegen Ende der Therapie die Arbeitsbeziehung am besten in der Konstellation weibliche Patientin/männlicher Therapeut eingeschätzt.
Bowman et al. (2001) haben mithilfe einer Metaanalyse von 58 Studien den Effekt des Geschlechts von Therapeuten auf das BehandlungsergebnisTherapieerfolggeschlechtsspezifische Passung berechnet. Die Autoren fanden eine zwar signifikante, aber nur geringe Überlegenheit für Therapeutinnen (d = 0,04), wobei das Geschlecht der Patienten keine Rolle spielte. Auch Beutler et al. (2004) fanden in einem Überblick über zehn Studien, dass die Bedeutung des Geschlechts des Therapierenden oder die Zuordnung zwischen Patient/Patientin und Therapierenden nach Geschlecht für das Therapieergebnis (einschl. Dropout) geringer sei als bislang berichtet.
In der Studie von Owen et al. (2009) erzielten die einen Therapierenden durchgehend bessere Ergebnisse mit MännernPsychotherapeut(en)Genderkompetenz/-präferenz, andere hingegen mit Frauen. Es scheint also bei Therapierenden eine spezifische Genderkompetenz bzw. -präferenz zu geben, die das Therapieergebnis beeinflusst.
Fragt man Patienten und Patientinnen nach dem von ihnen präferierten Geschlecht des Therapeuten, so ist das Geschlecht des Therapierenden dem überwiegenden Teil egal. Es gibt allerdings naheliegende themenspezifische Ausnahmen wie sexueller Missbrauch, Gewalterfahrung oder eine konfliktbeladene Beziehung zu einem Elternteil. Hier sollten Patienten und Patientinnen das Geschlecht des Therapierenden frei wählen können (Leitner et al. 2014).
Studien zu Geschlechtsrollenstereotypen von Therapierenden
Psychotherapeut(en)GeschlechtsrollenstereotypeAuch Therapierende haben herkömmliche und alltäglich eingeübte Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit. Zu der Frage, welche Bedeutung Geschlechtsrollenstereotype aufseiten der Therapierenden für das Therapieergebnis haben können, legte Rudolf (2002) interessante Ergebnisse vor. Seine Studien basieren auf fast 2 000 ambulanten und stationären Patientinnen und Patienten in psychoanalytischer Therapie. Dabei zeigte sich, dass Therapeutinnen generell weniger als Therapeuten dazu neigten, Auffälligkeiten bei Patientinnen und Patienten als pathologisch zu gewichten. Die am stärksten ausgeprägten psychopathologischen Befunde wurden von männlichen Therapeuten bei Patientinnen gesehen. Therapeuten stuften Frauen also als besonders krank ein. Umgekehrt sahen Therapeutinnen bei männlichen Patienten die geringste Symptomausprägung. Sie erlebten Männer also als vergleichsweise weniger krank. Therapeutinnen nannten bei ihren Patientinnen auch häufiger positive Merkmale wie „spontan“, „wandlungsfähig“, „beweglich“, „erfinderisch“, „mitfühlend“, „gefühlvoll“, während männliche Therapeuten bei ihren Patientinnen häufiger die negativen Gegenpole ankreuzten (naiv, schwerfällig, matt, einfallslos usw.). Männliche Therapeuten schätzten weibliche, v. a. aber auch männliche Patienten sehr viel häufiger als narzisstisch-kämpferisch ein, als Therapeutinnen dies taten.

Merke

Therapeuten und Therapeutinnen therapieren umso erfolgreicher und ihre Patienten und Patientinnen sind umso zufriedener, je weniger konservativ die von ihnen vermittelte Einstellung zu Geschlechterrollen ist (Tokar et al. 2000).

Auch die Geschlechtsrollenstereotype von Patienten und Patientinnen können für die therapeutische Arbeit relevant sein. Dies zeigen Studien an traditionell orientierten Männern in amerikanischen Militärkrankenhäusern für Kriegsveteranen (Deering und Gannon 2005). Das Geschlecht des Therapierenden entscheidet bei traditionell orientierten Männern mit darüber, ob sie überhaupt bereit sind, ihre häufig skeptische Haltung gegenüber Psychotherapie aufzugeben und sich auf die Patientenrolle einzulassen.
Bei Männern, die wegen häuslicher Gewalt an Therapiegruppen teilnehmen (Päivinen 2010), kann eine Therapeutin entweder den Teilnehmern helfen, Empathie gegenüber Frauen, die Gewaltopfer geworden sind, zu entwickeln oder aber auch genau dies verhindern, wenn Männer Mühe haben, die Therapeutin in ihrer professionellen Rolle zu akzeptieren und sie „nur“ als Frau sehen. Dies zeigt, wie komplex das Zusammenspiel zwischen Therapierenden und Patienten sowie Patientinnen im Therapieprozess sein kann und dass allein das Geschlecht und die Störung noch nicht darüber entscheiden, welche Kombination am besten ist. Deering und Gannon weisen (2005) darauf hin, dass Therapierende, die mit einer Welt vertraut sind, in der Geschlechtsrollen zunehmend androgyner werden, es möglicherweise unterschätzen, wie fremd für „traditionelle“ Männer Psychotherapie sein kann. Das Wissen um diese spezifischen Herausforderungen sollte in den Umgang mit Widerstand, Übertragung und Gegenübertragung einbezogen werden.

Merke

Wie die referierten Ergebnisse zeigen, ist es v. a. die Kombination von biologischem Geschlecht mit den vom Therapierenden genauso wie von Patient und Patientin transportierten Geschlechtsrollenstereotypen, welche die Therapiebeziehung, die therapeutischen Möglichkeiten und damit letztendlich den Therapieerfolg mitbestimmt.

Diese Zusammenhänge sind gerade für weitere Forschungsbemühungen hochrelevant. Zukünftig sollten genau diese komplexen Wechselwirkungen zwischen verschiedenen geschlechtsspezifischen Merkmalen von Patienten und Patientinnen und einem sich spezifisch darauf einstellenden, d. h. responsiven Therapierenden untersucht und entsprechend differenziell ausgewertet werden (Caspar und grosse Holtforth 2009). Erst dann kann beantwortete werden, bei welchen Kombinationen die Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Variablen notwendig und erfolgversprechend ist und was es aufseiten des Therapierenden braucht, um dies auch anwenden zu können.
Ein interessanter schulenübergreifender Ansatz, der zeigt, wie Responsivität individuell umgesetzt werden kann, und mit dem es möglich ist, auch die Funktionalität geschlechtsrollen(non)konformen Verhaltens (z. B. betont „männlich“ auftreten, um nicht als Schwächling dazustehen etc.) zu verstehen, ist die motivorientierte BeziehungsgestaltungBeziehungsgestaltungmotivorientierteMotivorientierte Beziehungsgestaltung (Caspar 2008). Sie erlaubt Therapierenden, sich auf die Motive einzustellen, die den geschlechtsrollenstereotypen Verhaltensweisen zugrunde liegen (z. B. „sichere dir die Anerkennung deiner Peers“).
Missbrauch in der Psychotherapie
Missbrauchin der PsychotherapieIn einer neueren Studie zu Risiken und Nebenwirkungen von Psychotherapie gaben die befragten Patientinnen an, dass sie die Dyade von weiblicher Patientin und männlichem Therapeuten verglichen mit anderen Kombinationen von Therapie als mit mehr Risiken verbunden ansehen (Leitner et al. 2014). Dies dürfte u. a. damit zu tun haben, dass sexuelle Übergriffe in der PsychotherapiePsychotherapiesexuelle Übergriffe v. a. zwischen männlichen Therapeuten und Patientinnen vorkommen. Bezüglich dieses überaus wichtigen geschlechtsspezifischen Aspekts der Psychotherapie wird auf die einschlägige Literatur verwiesen (DGVT 2013; Franke und Riecher-Rössler 2013).

Therapietechniken und -ziele

Geschlechtsspezifische Wirksamkeit herkömmlicher Psychotherapien
Therapietechnikengeschlechtsspezifische WirksamkeitTherapiezieleGeschlechtsunterschiedeDie klassischen, also nicht geschlechtsspezifisch modifizierten Psychotherapieverfahren und -techniken wurden hinsichtlich ihrer geschlechtsspezifischen Wirksamkeit bisher kaum verglichen (Übersicht in Riecher-Rössler 2003; Belz und Riecher-Rössler 2008).
In den wenigen diesbezüglichen Studien zur kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) ergaben sich bis auf eine Ausnahme keine Geschlechtsunterschiede in der WirksamkeitKognitive Verhaltenstherapiegeschlechtsspezifische Wirksamkeit. In dieser einen Studie war KVT zur Behandlung schwerer Depressionen bei Frauen weniger wirksam als bei Männern. Besonders kognitiv-verhaltenstherapeutische Gruppentherapie scheint bei Frauen gut akzeptiert zu sein.
Auch für die Interpersonelle Psychotherapie Interpersonelle Psychotherapie (IPT)Wirksamkeit(snachweise)geschlechtsspezifische(IPT) gibt es keinen klaren Nachweis einer geschlechtsunterschiedlichen Wirksamkeit, obwohl sie bei Frauen besonders häufig eingesetzt wird. Es wurde spekuliert, dass Frauen die IPT besser akzeptieren als die KVT, da in der IPT neben Interpersonellem auf Emotionales und Rollenaspekte sowie Rollenübergänge fokussiert wird, während es bei der KVT eher um Strukturelles und Rationales geht. Inwieweit in diese Überlegungen ebenfalls Geschlechtsrollenstereotype einfließen, ist kritisch zu diskutieren.
Leff et al. (2000) fanden, dass auch Paartherapie Paartherapiegeschlechtsspezifische Wirksamkeitbei Frauen mit Depression wirkt. Die Studie wurde allerdings nur bei Frauen durchgeführt, deren Partner zuvor als „kritisch“ eingestuft worden waren. Sie zeigt, dass es u. U. hilfreich sein kann, die Paarbeziehung in der differenziellen Indikationsstellung bezüglich der Art der Psychotherapie zu berücksichtigen.
Störungsspezifische Psychotherapien für Frauen
TherapietechnikenstörungsspezifischePsychotherapiestörungsspezifischefür FrauenZwar haben es die einzelnen Psychotherapierichtungen bisher eher vernachlässigt, allgemeingültige geschlechtsspezifische Modifikationen ihrer psychotherapeutischen Techniken zu entwickeln, doch gibt es für einzelne Störungsbilder inzwischen spezifische Therapieformen für Frauen (Übersicht bei Riecher-Rössler 2003; Belz und Riecher-Rössler 2008). Dabei handelt es sich meist um Therapien, die nicht nur störungs-, sondern auch themenspezifischTherapietechnikenthemenspezifische sind, die also nicht nur auf eine spezifische Diagnose, sondern oft auch auf eine spezifische Problematik abgestimmt sind, etwa Probleme der Peripartalzeit, des Prämenstruums oder auf einen Zustand nach Vergewaltigung.
So wurde etwa für die Psychotherapie von Schwangeren die IPTInterpersonelle Psychotherapie (IPT)SchwangereSchwangerschaft, Interpersonelle Psychotherapie, die klassisch v. a. die vier Themenbereiche „Trauer“, „interpersonelle Konflikte“, „Rollenübergänge“ und „interpersonelle Defizite“ kennt, um den Problembereich „Schwangerschaft“ ergänzt und evaluiert.
Auch für die postpartale DepressionPostpartale DepressionInterpersonelle PsychotherapieDepression/depressive Störungenpostpartale wurden inzwischen mehrere spezifische Konzepte entwickelt, für die z. T. auch schon ein Wirksamkeitsnachweis erbracht wurde. Unter anderem wurde eine spezifische, manualisierte Form der IPTInterpersonelle Psychotherapie (IPT)postpartale Depression für Mütter mit Depression vorgelegt.
Auch verschiedene GruppentherapienGruppenpsychotherapiepostpartale Depression wurden entwickelt, so eine spezifische kognitive Gruppentherapie oder eine spezifische Gruppentherapie, die Elemente aus verschiedenen Psychotherapieformen enthält und gleichzeitig auch die jeweiligen Kinder und Väter einbezieht (Übersicht in Riecher-Rössler 2003; Belz und Riecher-Rössler 2008). Riecher-Rössler hat an ihrer Klinik eine spezifische Gruppentherapie für Depression in der frühen Mutterschaft mit überwiegend kognitiv-verhaltenstherapeutischen, aber auch psychoedukativen und systemischen Elementen entwickelt, die in manualisierter Form vorliegt (Hofecker Fallahpour et al. 2005; Frisch et al. 2012) und ebenfalls eine gute Wirksamkeit zeigt. Appleby (2001) konnte die Effektivität einer von ihm entwickelten „kognitiv-behavioralen Beratung“ nachweisen.
Für das prämenstruelle SyndromPrämenstruelles Syndrom (PMS), kognitive Verhaltenstherapie wurde eine themenzentrierte KVTKognitive Verhaltenstherapieprämenstruelles Syndrom entwickelt und gezeigt, dass diese wirksamer ist als reine Beratung. Auch eine Bewältigungstrainingsgruppe und Entspannungstraining haben sich als hilfreich erwiesen (Übersicht in Riecher-Rössler 2003; Belz und Riecher-Rössler 2008).
PsychotherapiestörungsspezifischeStudienqualitätDie meisten der bisher vorgelegten Studien zu spezifischen Psychotherapieformen für Frauen weisen jedoch erhebliche methodische Probleme auf: Sie unterschieden häufig nicht zwischen biologischem und psychosozialem Geschlecht bzw. setzten beides gleich. Meist wurden nur sehr kleine Patientenzahlen behandelt, Ein- und Ausschlusskriterien häufig nicht klar genannt und Diagnosen z. T. nicht standardisiert erhoben. Kontrollgruppen fehlten entweder ganz, oder die Zuteilung zur Therapie- vs. Kontrollgruppe erfolgte nicht randomisiert. Die Beurteiler des Therapieerfolgs waren meist nicht verblindet. Auch wurden oft keine Interrater-Reliabilitätsstudien referiert. Vor allem aber wurde oft nicht für den Einfluss zusätzlicher Medikation kontrolliert, die Verweigerer- und Dropout-Raten wurden nicht angegeben oder nicht kritisch diskutiert, die Interventionen oft nur unzureichend beschrieben und die Studien häufig nur in schlecht zugänglichen Organen publiziert (Übersicht bei Riecher-Rössler 2003; Belz und Riecher-Rössler 2008).
Allgemeine Prinzipien einer geschlechtersensiblen Psychotherapie
PsychotherapiegeschlechtersensibleIm Diskurs der feministischen PsychotherapiePsychotherapiefeministische, die weniger eine Psychotherapierichtung als eine bestimmte Haltung vertritt, werden einige Punkte betont, die generell in der Psychotherapie von Frauen mehr Gewicht haben sollten (Willutzki 2001). So soll die Psychotherapie bei Frauen ihren spezifischen soziokulturellen Kontext berücksichtigen, also etwa die geschlechtsspezifische Sozialisation, die geschlechtsspezifischen Stressoren, den speziellen sozialen Status der Frau usw. Einschätzungen von Frauen sollen nicht von vornherein als verzerrt oder dysfunktional bewertet, sondern vielmehr mit den Augen der Frau deren soziale Realität betrachtet und so auch ihre emotionalen Reaktionen verstanden werden.
PsychotherapieEmpowermentZiel ist das EmpowermentEmpowermentFrauen von Frauen. Gefördert werden soll dies durch hohe Transparenz in der Therapie, möglichst wenig hierarchische Beziehungsgestaltung und wenig belehrende Elemente, eine möglichst starke Einbeziehung der Patientin in die Therapieplanung und den therapeutischen Prozess sowie durch eine allgemeine Förderung von Aktivitäten. Patientinnen sollen in der Therapie auch speziell zur Nutzung ihrer vielen positiven inneren und äußeren Ressourcen angeregt werden (Übersicht bei Riecher-Rössler 2003, 2013). Die Skizzierung einer Psychotherapie für Männer bzw. männerspezifische Interventionsstrategien finden sich in Cochran und Rabinowitz (2000); Neumann und Süfke (2004) sowie Nahon und Lander (2014).
Sowohl für Männer wie für Frauen ist es sinnvoll, geschlechtsstereotypes RollenverhaltenPatient(en)geschlechtsstereotypes Rollenverhalten und entsprechende Einstellungen zu hinterfragen und dort zu reduzieren, wo sie dysfunktional und störungsaufrechterhaltend wirken:
  • Zentrale Themen für FrauenTherapiezieleTherapiezieleFrauenFrauen in Psychotherapie sind oft die Steigerung von Selbstbewusstsein, Eigenständigkeit, Durchsetzungs- und Abgrenzungsfähigkeit, Beharrlichkeit, Zielstrebigkeit, das Äußern von Kritik und Wünschen, Initiative zeigen, mehr Zusammenhalt und weniger Konkurrenz mit Frauen.

  • Wichtige Therapieziele für MännerTherapiezieleTherapiezieleMännerMänner sind die Verbesserung der Wahrnehmung und das Ausdrücken von Gefühlen, die Steigerung von emotionalem Austausch, Annahme von fremder Hilfe, aber auch von Kritik, Änderung des Risikoverhaltens, Entwicklung sozialer Sensibilität und Teamfähigkeit, Übernahme von mehr sozialer Verantwortung, das Äußern von Zweifel und das Eingestehen von Fehlern.

Die genannten Aspekte sind eine Themensammlung, die als Hintergrundfolie in der therapeutischen Arbeit genutzt werden kann, wohl wissend, dass sich das Bild im Einzelfall ganz anders darstellen kann.
Folgende Vorgehensweisen können dabei von Therapierenden sinnvoll eingesetzt werden:
  • Hinterfragen von Spannungen, die durch zugeschriebene und konfligierende Geschlechtsrollen und -identitäten auftreten

  • Einüben von Rollenanteilen, die den eigenen Fähigkeiten, Neigungen und Möglichkeiten entsprechen

  • Wecken von Interesse für die Attraktivität von Rollenvielfalt und flexiblen Bewältigungsansprüchen

Ebene der Selbsterfahrung

Psychotherapeut(en)SelbsterfahrungSelbsterfahrungGeschlechtsunterschiedeWenn traditionelle GeschlechtsrollenstereotypeGeschlechtsrollenstereotypePsychotherapeutenPsychotherapeut(en)Geschlechtsrollenstereotype zu ungünstigen Therapieverläufen beitragen können, ist es unabdingbar, dass Therapierende sich schon während ihrer Ausbildung darüber klar werden, wo sie selbst bezüglich Geschlechterfragen besonders empfindsam oder verführbar sind und was das mit der eigenen geschlechtsspezifischen Sozialisation zu tun hat. Selbsterfahrung sollte also auch die Geschlechtsrollenorientierung und Stereotype vor ihrem biografischen Hintergrund klären. Besonders wichtig scheint auch, Therapierende – v. a. jüngere Therapeuten – in ihrer Ausbildung spezifisch für „frauentypische“ genauso wie „männertypische“ Konflikte und Plausibilitätsfallen zu sensibilisieren, z. B. solche, die sich bei Rollenübergängen (etwa dem zur Elternschaft) ergeben. Rochlen (2005) weist auf prinzipielle Inkongruenzen zwischen der Therapiekultur und der männlichen Ideologie von Maskulinität hin, die einen Einfluss darauf haben kann, ob und inwieweit der Beruf des Therapeuten attraktiv ist.
Schließlich sollten Konflikte vor dem Hintergrund von Unterschieden im emotionalen Ausdruck zwischen Männern und Frauen verstanden werden. Damit ist gemeint, dass Alltagskonflikte häufig nicht zuletzt auch deshalb entstehen oder sich verschärfen, weil die beteiligten Männer und Frauen sich unterschiedlich ausdrücken bzw. unterschiedlich kommunizieren. Hier gilt es, auch eigene geschlechtsspezifische Kommunikationsmuster kennenzulernen und zu reflektieren.

Psychotherapieforschung

GeschlechtsunterschiedePsychotherapieforschungPsychotherapieforschungGenderaspekteInzwischen erobert sich das Genderthema v. a. in den Lehrbüchern der klinischen Psychologie, der Gesundheitspsychologie und der Medizin einen festen Platz (Franke und Kämmerer 2001; Riecher-Rössler und Bitzer 2005; Schigl 2012; Christ 2013; Boothe und Riecher-Rössler 2013; Riecher-Rössler 2016). In den letzten Jahren sind zahlreiche Publikationen erschienen, die gesellschaftliche Fragen und spezielle gesellschaftliche Gruppierungen als Thema der Psychotherapie entdeckt haben (z. B. alte Menschen, Frauen, Männer, Flüchtlinge sowie Menschen mit Migrationshintergrund). Diese Interessenverschiebung entspricht einem generellen Wertewandel in unserer Gesellschaft. Bedauerlicherweise nimmt die Psychotherapieforschung hier keine führende Rolle ein, sondern folgt dieser Entwicklung lediglich (Beutler et al. 2004). Nach wie vor fehlen Psychotherapiestudien mit differenzierteren Designs, die der Komplexität der Thematik gerecht werden könnten, auch 2016 weitgehend. Bislang liegt der Schwerpunkt auf Studien, die subjektive Einschätzungen und Präferenzen von Patienten und Patientinnen erfragen, ohne das Therapieoutcome zu erfassen. Nach wie vor werden in Publikationen viele Annahmen zur Bedeutung geschlechtsspezifischer Variablen für den TherapieerfolgTherapieerfolggeschlechtsspezifische Variablen getroffen, bis hin zur Empfehlung spezifischer Therapieformen, die um diese Konzepte herum zu entwickeln wären. Diese Annahmen sind jedoch nicht von konkreten Forschungsergebnissen begleitet, die belegen, dass diese Behandlungsformen tatsächlich wirksam sind.
Letztlich geht es um die Frage, ob unsere Therapien besser werden, wenn wir die komplexen geschlechtsspezifischen Besonderheiten, die das Leben von Männern und Frauen prägen, in unsere Fallkonzeptionen einbeziehen. Das, was wir an Daten haben, scheint dies nahezulegen; gleichzeitig wissen wir aber noch zu wenig, um das im Detail empirisch belegen und anwenden zu können.
Eine Zusammenstellung in Box 28.1 zeigt (vgl. dazu u. a. Kämmerer 2001; Belz und Riecher-Rössler 2013), welche Probleme und Defizite in bisherigen Studien zu finden und zukünftig zu vermeiden sind, wenn wir der Bedeutung der Variable Geschlecht besser als bisher gerecht werden wollen.

Aus- und Weiterbildung

PsychotherapieAus-/Weiterbildung, GeschlechtsunterschiedeDerzeit sind in Deutschland etwa zwei Drittel der psychologischen Psychotherapeuten und ungefähr 80 % der Psychologiestudierenden weiblichen Geschlechts. Über die Gründe für diese zunehmende „Feminisierung“ des Berufsfeldes Psychotherapie ist viel spekuliert worden, empirische Daten sind jedoch Mangelware (Jaggi 2014). In Deutschland, wo Psychologie dem Numerus clausus unterliegt, ist dies womöglich auch eine Folge der besseren Schulabschlüsse von Mädchen. Aber auch in Ländern, die keine Aufnahmebeschränkungen für das Psychologiestudium kennen, studieren zunehmend mehr Frauen Psychologie. Eventuell spielen auch geschlechtstypische Gründe für diese Berufswahl eine Rolle, z. B. da Männer Studium und Beruf eher karriere- und statusorientiert wählen, während Frauen in erster Linie Beruf und Familie vereinbaren wollen.
In den leitenden Funktionen im Gesundheits- und Hochschulbereich sind Psychologinnen im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen nach wie vor deutlich unterrepräsentiert. Dazu passend werden an Psychotherapie-Ausbildungsinstituten auch überwiegend Frauen von Männern ausgebildet, die mehrheitlich die Ausbildungsinstitute leiten und deren Gremien besetzen und somit im Wesentlichen bestimmen, welche Themen und Perspektiven in den Psychotherapie-AusbildungscurriculaPsychotherapieAusbildungscurricula, gendersensitive dominieren. Obwohl es also zu einer zunehmenden Feminisierung des Berufs kommt, kann nicht davon ausgegangen werden, dass sich dies auch in einer veränderten Berücksichtigung der Geschlechterperspektive in den Ausbildungsinhalten widerspiegelt.
Folgende Themen sollten Teil der Psychotherapie-Ausbildung sein:
  • Verwendung einer gendersensitiven Sprache

  • Integration geschlechtsrelevanter Themen ins reguläre Curriculum: geschlechtsspezifische Sozialisation und Unterschiede in der Entwicklungspsychopathologie, GeschlechtsrollenstereotypeGeschlechtsrollenstereotypePsychotherapie-Ausbildung, Geschlechtsunterschiede bei psychischen Störungen inkl. Ätiologie, Aufrechterhaltung und Behandlung, sexuelle Belästigung und geschlechterbasierte Gewalt, geschlechtertypische Konfliktsituationen, Rollenübergänge etc., Geschlechtsunterschiede im Ausdruck von Emotionen und in der Kommunikation mit möglichen „Geschlechtermissverständnissen“, allgemeine Prinzipien einer geschlechtersensiblen Psychotherapie

  • Selbsterfahrung: Sensibilisierung für die eigene geschlechtstypische Sozialisation, für eigene Geschlechtsrollenstereotype etc.

  • SupervisionSupervisiongendersensitive: verstärkte Berücksichtigung geschlechtsrelevanter Aspekte in der Problematik der Patientinnen und Patienten, aber auch in der therapeutischen Beziehung inkl. Umgang der Therapierenden mit Macht und Abhängigkeit, Erotik und Sexualität sowie Risiken des Übergriffs und Missbrauchs innerhalb der Therapie oder in anderen Abhängigkeitsverhältnissen

  • Prägnantere Vertretung von Frauen in der Lehre und Leitung von Ausbildungsinstituten und Erarbeitung von Curricula

Grenzen und Risiken der geschlechtersensiblen Psychotherapie

PsychotherapiegeschlechtersensibleGeschlechtersensible Psychotherapie, Grenzen und RisikenDie verschiedenen referierten Theorien, Befunde und eine darauf aufbauende geschlechtersensible Psychotherapie haben auch ihre Grenzen und Risiken (vgl. dazu Riecher-Rössler 2005, Belz und Riecher-Rössler 2008, 2013). In der Forschung zu geschlechtsspezifischen Einflussfaktoren gibt es bisher fast nur Befunde bezüglich der Depression. Vielen Studien mangelt es noch an methodischer Exaktheit, und Interpretationen sind nicht immer eindeutig möglich. So ist z. B. bezüglich der angeblich negativeren Kognitionen bei Frauen noch nicht sicher, inwieweit die Forschung ein Geschlechtsrollenstereotyp unkritisch perpetuiert: Zum Teil wurde nicht kontrolliert, inwieweit die Probandinnen einfach im Sinne der sozialen Erwünschtheit geantwortet haben, also z. B. ihre Schuldgefühle eher erwähnt und stärker betont haben, schlicht weil dies von Frauen so erwartet wird.
Auch die Kausalkette ist oft nicht ganz klar. So wird etwa ein vergleichsweise passiver Bewältigungsstil schon bei kleinen Mädchen beobachtet, die Depressionshäufigkeit steigt aber erst nach der Pubertät. Hier scheinen also weitere Einflussfaktoren eine Rolle zu spielen. Eventuell es aber auch einfach nur so, dass es dauert, bis ungünstige Bewältigungsstile Depression entstehen lassen. Das heißt:

Merke

Die Theoriebildung berücksichtigt zu wenig die biopsychosozialen Interaktionen, ebenso wie sie oft auch die soziale Realität vernachlässigt.

Die Gefahren einer unkritischen Theoriebildung sind vielfältig (vgl. dazu Riecher-Rössler 2005; Belz und Riecher-Rössler 2013). Wenn z. B. die geschlechtsspezifische Sozialisation und reale soziale Benachteiligungen vernachlässigt werden, werden gefundene Geschlechtsunterschiede leicht fehlinterpretiert:

Merke

Auffälligkeiten werden per se auf das biologische Geschlecht anstatt auf die mit dem Geschlecht assoziierten psychosozialen Einflussfaktoren attribuiert. Im Extremfall können die durch solche Forschung gefundenen „Geschlechtsunterschiede“ dann in einer Art Zirkelschluss sogar zur Rechtfertigung sozialer Ungleichheit verwandt werden.

Dabei ist zu bedenken, dass das Geschlecht im Sinne eines psychosozialen „Gender“ auch „gemacht“ wird. Von West und Zimmermann wurde in den 1980er-Jahren hierfür der Begriff „doing gender“ geprägt (Gildemeister 2004), was in etwa bedeutet, dass Frauen (und Männer) dazu tendieren, sich so zu verhalten, wie sie sich laut Geschlechtsrollenstereotyp verhalten sollen.
Schließlich konstelliert sich in der Forderung nach einer geschlechtersensiblen Therapie die Diskussion um den Nutzen störungsspezifischer Therapieansätze und die Vor- und Nachteile manualisierter Therapieprogramme im Allgemeinen. In den letzten Jahren wurde die zunehmende Aufteilung psychischer Probleme in ständig neue und immer spezifischere Störungsbilder mehrfach kritisiert, da sie die Gemeinsamkeiten und Überschneidungen zwischen den Störungsbildern sowie häufig vorhandene Komorbiditäten vernachlässigt (Castonguay und Beutler 2005). Insbesondere Therapiemanuale suggerieren, man könne, abgelöst von gesellschaftlichen und lebensweltlichen Bedingungen, eine für alle Patientinnen und Patienten gleichermaßen wirksame Methode zur Behandlung verschiedener Störungsbilder unabhängig von Geschlecht, Alter und Ethnizität entwickeln.
Ebenso unangemessen wäre es, davon auszugehen, dass Frauen und Männer für sich genommen homogenen Gruppen angehören, deren Mitglieder untereinander alle einheitlich sind. Vielmehr gibt es große individuelle Unterschiede innerhalb der Geschlechtergruppen, und die gefundenen Unterschiede sind nur Mittelwertunterschiede. Die Überlappung zwischen Männern und Frauen, das Gleiche oder Ähnliche sind sicherlich sehr viel stärker als die Unterschiede. Wenn die Unterschiede zu sehr betont und v. a. in ihrer Ursache nicht kritisch hinterfragt werden, kann dies zur Perpetuierung von GeschlechtsrollenstereotypenGeschlechtsrollenstereotypePerpetuierung führen.
Wie kann dann ein vernünftiger Umgang mit den Variablen Sex und Gender aussehen? Unseres Erachtens braucht es für die Behandlung von Frauen und Männern keine geschlechterspezifischen Ansätze. Einleuchtender erscheint vielmehr ein allgemeiner Ansatz, innerhalb dessen sich eine Reihe von Prinzipien auf Genderaspekte beziehen. Die entsprechende therapeutische Haltung, die zur Entstehung und Aufrechterhaltung einer Störung beitragende geschlechtsrollentypische Defizite und Fixierungen aufdeckt und bearbeitet, sollte in jeder Therapie bei beiden Geschlechtern realisiert sein. Dies geht von einem dimensionalen Konzept aus, wonach bei Männern und Frauen spezifische Ausprägungen von Merkmalen, Haltungen und lebensweltlichem Kontext therapierelevant sein können und das Geschlecht einfach Hinweise gibt, mit welchen Ausprägungen und Faktoren eher zu rechnen ist.
Die Politik hat hier bereits wichtige Schritte eingeleitet, denen die psychotherapeutische Praxis und Forschung dringend folgen sollte. Die EU und viele europäische Länder verfolgen inzwischen das Gender MainstreamingGender Mainstreaming. Ziel dieser Strategie ist es, alle Aktivitäten auf Politik- und Praxisebene daraufhin zu überprüfen, ob sie den spezifischen Belangen von Frauen und Männern gerecht werden und zum Abbau geschlechtlicher Ungleichheit beitragen. Bezogen auf das Gesundheitssystem bedeutet dies, alle gesundheitsbezogenen Interventionen auch daraufhin zu untersuchen, ob sie den Bedürfnissen von Frauen und Männern gleichermaßen Rechnung tragen und die Unterschiede in der Gesundheitssituation von Frauen und Männern zu verringern vermögen.

Literaturauswahl

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M. Belz Riecher-Rössler Welcher Psychotherapiebedarf für wengeschlechtsspezifische Aspekte B. Boothe A. Riecher-Rössler 2013 419 432 (2013)

Christ, 2013

C. Christ Männerwelten: Männer in Psychotherapie und Beratung 2013 Schattauer Stuttgart

DGVT, 2013

DGVT Themenheft Grenzverletzungen und Schäden in Psychotherapie und psychosozialer Beratung Verhaltenstherapie & Psychosoziale Praxis 45 4 2013 Tübingen: dgvt

Kämmerer, 2001

A. Kämmerer Weibliches Geschlecht und psychische StörungenEpidemiologische, diagnostische und ätiologische Überlegungen A. Franke A. Kämmerer Klinische Psychologie der FrauEin Lehrbuch 2001 Hogrefe Göttingen 51 88

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D. Nahon N.R. Lander Working with men in individual psychotherapy form an integrity model perspective: the unsung heroes J Men's Stud 22 3 2014 194 206

Owen et al., 2009

J. Owen Y.J. Wong E. Rodolfa Empirical search for psychotherapists' gender competence in psychotherapy Psychotherapy (Chic) 46 4 2009 448 458

Riecher-Rössler, 2003

A. Riecher-Rössler Psychotherapie von FrauenChancen und Grenzen der Geschlechtersensibilität Psychodyn Psychother 2 2003 91 101

Riecher-Rössler, 2016

A. Riecher-Rössler Weibliche Rollen und psychische Gesundheit B. Wimmer-Puchinger K. Gutiérrez-Lobos A. Riecher-Rössler Irrsinnig weiblichPsychische Krisen im Frauenleben. Hilfestellung für die Praxis 2016 Springer Berlin, Heidelberg

Schigl, 2012

B. Schigl Psychotherapie und GenderKonzepte, Forschung, Praxis: Welche Rolle spielt die Geschlechtszugehörigkeit im therapeutischen Prozess? Integrative Modelle in Psychotherapie, Supervision und Beratung 2012 Springer Wiesbaden

Seedat et al., 2009

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