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B978-3-437-23731-7.00035-1

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IndividuationIndividuation und MigrationMigration(sprozess)Individuation. Die Grenzüberschreitungen von einem „Drinnen“ zu einem „Draußen“ charakterisieren die drei Individuationsphasen psychische Geburt, Adoleszenz und Migration als „kulturelle AdoleszenzAdoleszenzkulturelleMigration(sprozess)kulturelle AdoleszenzKulturelle Adoleszenz

Die Emotionslogik des MigrationsprozessesMigration(sprozess)Emotionslogik ist durch zwei Zyklen charakterisiert, den des Migrationsaktes und den der kritischen Integration bei der Akkulturation im Aufnahmeland. Psychische Erkrankungen treten während der kritischen Integration auf. Ein neues interkulturelles Verhältnis zur Aufnahmekultur wird mit der Annahme einer bi- oder mehrkulturellen Identität erreicht.

Interkulturelle Psychotherapie

Wielant Machleidt 1

Kernaussagen

  • PsychotherapieMigrantenMigrantenPsychotherapieinterkulturelleInterkulturelle PsychotherapiePsychotherapie mit Migranten stellt für professionelle Psychotherapeuten verschiedener Psychotherapierichtungen eine große Herausforderung dar. Der Umgang mit sprachlichen und kulturellen Barrieren, die Reflexion der eigenen professionellen Haltung, eigener Werte und Normen sind wichtige Determinanten in der Psychotherapie mit Patienten aus anderen kulturellen Kontexten.

  • Migration gibt starke Impulse für Entwicklung und Individuation und stimuliert die Gewinnung einer neuen bikulturellen bzw. hybriden Identität im Sinne einer kulturellen Adoleszenz. Die damit einhergehende erhöhte Vulnerabilität kann zum Auftreten psychischer Störungen führen. Insbesondere soziale Isolations- und Ausschließungsprozesse durch die aufnehmende Gesellschaft sind als Stressfaktoren wirksam und können psychische Störungen bahnen oder verstärken.

  • Die therapeutische Arbeit ist damit sowohl Integrationshilfe als auch Konfliktlösungsstrategie. Die notwendige (kulturelle) Verflüssigung von Identität und Ich-Struktur im Rahmen der Migration lässt sich als Chance begreifen, um zum einen unerledigte frühere Konflikte zu lösen und sich zum anderen subjektives Neuland in der Aufnahmegesellschaft zu erschließen.

  • Die psychotherapeutische Arbeit fokussiert wesentlich auf die mit der Verselbstständigung einhergehenden innerpsychischen, familiären und sozialen Konflikte mit dem Ziel der Bildung eines neuen integrierten Selbst. Anhand der Metapher des transkulturellen Übergangsraums als Möglichkeitsraum wird die Funktion des therapeutischen Raums in der interkulturellen Psychotherapie anschaulich vergegenwärtigt.

Einleitung

1

Unter Mitarbeit von Dr. phil. Ulrike Kluge, Leitung AG Transkulturelle Psychiatrie, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Charité Universitätsmedizin Berlin, CCM

Die psychotherapeutische Arbeit mit Menschen aus verschiedenen kulturellen Kontexten stellt psychotherapeutische Methoden in theoretischer und praktischer Hinsicht auf den Prüfstand. Die aktuell in der internationalen Psychotherapie gültigen theoretischen Konzepte und Methoden sind in Europa und Nordamerika entwickelt worden und in ihrer Anwendung in diesen kulturellen Kontexten erfolgreich, aber sie beinhalten in diesem Sinne auch kulturgebundene Techniken und Methoden. Bereits Ellenberger (1970) zeigte in seiner Kulturgeschichte der Psychotherapie die Wirksamkeit indigener „PsychotherapiePsychotherapieindigene“ auf und die Entwicklung ähnlicher Interventionsmethoden in verschiedenen Kulturen zu unterschiedlichen Zeiten. Es gab und gibt demnach wirkungsvolle therapeutische Methoden, die außerhalb des euroamerikanischen kulturellen Bezugsrahmens entstanden sind und dort mit Erfolg praktiziert werden, z. B. traditionelle Heilmethoden, Methoden unter Verwendung veränderter Bewusstseinszustände, Morita-Therapie u. a. (Assion 2011; Machleidt und Passie 2011; Stöckigt 2011; Watanabe 1999).
Die kulturvergleichende Psychotherapieforschung verfolgt unter Anerkennung dieses Erfahrungswissens das Ziel, „kulturfremde“ Interventionsformen und Methoden ausfindig zu machen und deren Wirksamkeit auf einem empirisch wissenschaftlichen Evidenzniveau zu validieren, z. B. Meditationstechniken, Akupunktur u. a. Darüber hinaus stellt sie die Frage, welche Kernelemente psychotherapeutischer Praxis über Kulturgrenzen hinweg oder kulturspezifisch als „wirksam“ eingestuft werden können. Psychotherapie nimmt ubiquitär Bezug auf humane Universalien wie zwischenmenschliche Beziehungen, Zugehörigkeiten, Gefühle, Kognitionen, Identität u. v. m. Insofern ist eine Psychotherapie, die migrations- und kultursensibel Bezug auf die ethnischen und individuellen Ausdrucksformen menschlichen Verhaltens bei Konflikten nimmt, durch ihre transformative kulturelle Mediation und Übersetzungsleistung im eigentlichen Sinne interkulturelle Psychotherapie. Die Entschlüsselung der Symbolik und Bedeutung (trans-)kulturell geprägter Verhaltensmuster und Interaktionsmodi steht in ihrem Fokus.

Merke

Die interkulturelle Psychotherapie forscht über die bekannten kulturgebundenen Techniken hinaus nach wirkungsvollen therapeutischen Methoden, die außerhalb des euroamerikanischen kulturellen Bezugsrahmens entstanden sind. Darüber hinaus versucht sie die Symbolik und Bedeutung (trans-)kulturell geprägter Verhaltensmuster und Interaktionsmodi in therapeutischen Prozessen zu entschlüsseln und Lösungen zu finden.

Wer ist Migrant?

Was aber ist Migration, und wer ist Migrant? MigrationMigration(sprozess) bedeutet die Verlagerung des ständigen Aufenthaltsorts in ein anderes kulturelles Umfeld bzw. in ein anderes Land für lange Zeit oder auf Dauer. Migration geht mit dem Verlassen des Herkunftskontextes und dem prozessualen Hineinwachsen in den Aufnahmekontext bzw. die Aufnahmegesellschaft einher. MigrantenMigranten sind demnach Personen, die ihren Wohnsitz freiwillig oder unter Zwang in ein anderes Land verlegen, etwa Aus-, Zu-, Abwanderer, Arbeitsmigranten (Gastarbeiter), nachziehende Familienmitglieder, (Spät-)Aussiedler, international agierende TransmigrantenTransmigranten. Dazu gehören also auch internationale Studierende, hochqualifizierte Künstler, Manager, Wissenschaftler etc., Exilanten, Vertriebene, Kriegsflüchtlinge, Kontingentflüchtlinge, Asylsuchende, politisch Verfolgte, illegalisierte Zuwanderer und Remigranten (Machleidt 2013: 13; Sieben und Straub 2011: 44 ff.).
Zu unterscheiden ist der Terminus Migranten von dem der Menschen mit MigrationshintergrundMenschen mit Migrationshintergrund. Diese Definition wurde 2005 vom Statistischen Bundesamt eingeführt. Zuvor wurden in die Erhebungen zu Migration lediglich Ausländer einbezogen. Mit der neuen Definition sollte es möglich werden, auch all jene Personen zu erfassen, die zwar eine eigene Migrationserfahrung, aber einen deutschen Pass haben. Zudem sollten die Auswirkungen der Migration transgenerational erfasst werden. Hierzu wurden unter dieser Definition auch die Nachkommen von Migranten erfasst. Die gesetzte Definition wird mittlerweile in der Migrationsforschung kritisch diskutiert, da sie quasi eine inkludierende Exklusion beinhaltet, schreibt sie doch das „Anderssein“ bis in die dritte Generation fort. Zudem exkludiert sie mit der Setzung des Jahres 1949 die deutschen Vertriebenen von der Erfassung dieser Migrationserfahrung. Implizit ist damit, dass Migranten in Deutschland „ethnisch“ differente Gruppen sind, während die deutschen Vertriebenen nicht unter die Kategorie der Migranten fallen. Der Beitrag fokussiert daher auf Migranten. Bei Migranten sind die Wanderung und der Wechsel von einem kulturellen oder nationalstaatlichen Kontext in einen anderen deutlich und die Auswirkungen dieses Kontextwechsels auf die psychische Gesundheit im Bereich der interkulturellen Psychotherapie dabei von besonderer Relevanz.

Merke

Als Migranten und Menschen mit Migrationshintergrund werden in Deutschland „ethnisch“ differente Gruppen und deren Nachkommen bis in die 3. Generation bezeichnet.

Migration und die Identität des Selbst

Was bedeutet Migration für die Identität des SelbstIdentitätdes Selbst, Migration? Das Aufeinandertreffen der Herkunfts- und der Aufnahmekultur im Selbst bei der Ankunft im Zielland (bei freiwilliger Migration) ist alles andere als ein „Kampf der Kulturen“. Ganz überwiegend wird von Migranten nach der Ankunft eine hochgefühlige Euphorie berichtet, eine Art „Honeymoon“ mit der Aufnahmekultur, wie am Beginn einer neuen geglückten Beziehung (Sluzki 2001; Machleidt und Heinz 2011: 36 f.). Dies führt zu einer bereitwilligen Aufnahme aller „guten Objekte“ und einer schnellen Adaptation bzw. Akkulturation (Grinberg und Grinberg 1990). In diesem Sinne kann Migration einen starken Impuls für Entwicklung und IndividuationIndividuation freisetzenMigration(sprozess)Individuation (Abb. 35.1). Nach dem Abklingen des „Honeymoon“ zeigt die AkkulturationAkkulturation (s. a. Berry 1997) eine andere Qualität, bei der die Auseinandersetzung mit der existenziellen Absicherung und die Bewältigung der Verluste die Lebenswirklichkeit bestimmen (Abb. 35.2). Diese Periode des Ringens um die Absicherung der Existenz in den Bereichen Arbeit und Wohnen, des Erhalts der Familie und der Gewinnung einer neuen bikulturellen bzw. hybriden IdentitätIdentitäthybrideIdentitätbikulturelle (Foroutan 2013) kann als kulturelle AdoleszenzAdoleszenzkulturelleKulturelle Adoleszenz bezeichnet werden (Machleidt und Heinz 2011: 39 f.). Findet die Migration im Erwachsenenalter statt, lässt sie sich in diesem Sinne verstehen als eine dritte Individuation, die mit einer erhöhten Vulnerabilität einhergeht und in der typischerweise psychische Störungen auftreten können. Besonders beeinträchtigend gestaltet sich dieser Prozess, wenn bereits bei der Ankunft im Migrationsland Diskriminierung und Prozesse der sozialen Ausschließung und Isolation greifen (Heinz et al. 1999; Grüsser et al. 2005).
Die geografische, kulturell-kontextuelle und biografische Verlagerung des Lebensmittelpunkts kann mit dem Verlust des tragenden Identitätsgefühls einhergehen und zu Identitätskonfusion als einem Zustand der Verunsicherung und des Nichtwissens über sich selbst führen. Dies kann verknüpft sein mit der Frage: „Wer bin ich? Wo gehöre ich hin?“. Es beginnt dann eine „IdentitätsarbeitMigration(sprozess)Identitätsarbeit“ in der Art eines Ringens mit sich selbst und der Umgebung. Diese „Identitätsarbeit“ befriedigt das universelle Bedürfnis zur sozialen und persönlichen Identitätskonstruktion als eines menschlichen Grundbedürfnisses nach Beziehung, Bindung, Anerkennung und Zugehörigkeit. In dieser Phase intensiver Individuation stellen sich ähnliche Aufgaben wie in der Adoleszenz (Erikson 1973) – bei erwachsenen Migranten auf einem entsprechend höheren Individuationsniveau.
Bei der „Identitätsarbeit“, der Neuformierung von bikultureller oder hybrider Identität und sozialen Beziehungen und Zugehörigkeiten geht es um ein Aushandeln im Selbst zwischen einander z. T. widerstrebenden Zugehörigkeitsgefühlen, dem Versuch der Herstellung einer kohärenten Narration, gegen den Sinnverlust und gleichzeitig um einen Wiederherstellungsprozess. Beim Aufeinandertreffen der Sinn- und Bedeutungsgehalte zweier kultureller Kontexte kommt es unausweichlich zu Irritation und Hinterfragung der als selbstverständlich erlebten Werte, Normen und Zugehörigkeiten. Auf der anderen Seite stehen die Sinnstiftungen im Sinne von Wiederherstellungsleistungen durch innovative Impulse und die Übernahme neuer Werte aus dem Aufnahmekontext. Das Ringen um den eigenen Weg im Zwischen der Kulturen inszeniert sich im Dialog einer Person mit sich selbst und ihrem Umfeld, in dem existenziellen Bemühen, kulturelle Erfahrung in persönlichen Sinn zu verwandeln. Eine neue Identität, in der diese potenziellen Differenzen integriert werden können, kann über eine sensible Balance zwischen Sinnverlust und Wiederherstellung gelingen. Solche Entwicklungsvorgänge sind offene, vielfältige dynamische Prozesse. Sie sind beim Auftreten unlösbarer Konflikte im Zuge dieser Aushandlungsprozesse das originäre Feld der interkulturellen Psychotherapie (Machleidt 2014).
Kommen wir zurück zum Bild der „kulturellen AdoleszenzAdoleszenzkulturelleMigration(sprozess)kulturelle AdoleszenzKulturelle Adoleszenz“. Die zentrale Gemeinsamkeit von Adoleszenz und Migration liegt in der Ablösung von den Elternfiguren bzw. ihren symbolischen Stellvertretern (Elternsurrogaten) und darin, dass Adoleszenz und Migration mit Identitätskrisen einhergehen, sodass wir von einer „kulturellen Adoleszenz“ sprechen können (Machleidt 2007, 2013: 23–30). Folgen wir dieser Metapher, kann die kulturelle Adoleszenz als dritte IndividuationIndividuationkulturelle Adoleszenz verstanden werden, die nach der psychischen Geburt und der normativen AdoleszenzAdoleszenznormative durchlebt wird, bei Menschen, die sich in einem Prozess zwischen kulturell differenten Bezugsrahmen bewegen. Sie hat den Charakter einer phasenspezifischen Identitätskrise, die bei ungestörtem Verlauf zur Integration beiträgt, hier zur Integration der „alten“ Werte, Lebensweisen, Zugehörigkeiten in die „neuen“ Bedingungen und Kontexte der Aufnahmekultur und damit zu bi- oder transkulturellen Identitäten. Zu diesen Aufgaben gehören z. B. die Neukonstruktion von IdentitätIdentitätNeukonstruktion und sozialen Rollen, die Differenzwahrnehmung zwischen „Eigenem“ und „Fremdem“, zuweilen die Ablösung aus früheren familiären und sozialen Beziehungen, die Exploration der ganzen Breite von Lebensvielfalt (Seiffge-Krenke 2012) etc. So kann der Migrationsprozess seinen normalpsychologischen Abschluss bei zunehmend gelingender und erfolgreicher Bewältigung der Alltagsaufgaben und der sozialen Integration finden. Schrittweise entsteht eine neue Identität, die zur Restabilisierung und Kohärenzerhöhung des Selbst führt. Die im Zusammenhang mit dem Migrationsprozess auftretenden Konflikte und psychischen Störungen sind von den in der Postmigration auftretenden Störungen zu unterscheiden. Bei diesen ist kein unmittelbarer Bezug zum Migrationsprozess erkennbar, der ja bei Postmigranten als abgeschlossen angesehen wird.

Merke

Bei der „Identitätsarbeit“, der Neuformierung von bikultureller oder hybrider Identität und sozialen Beziehungen und Zugehörigkeiten, geht es um ein Aushandeln im Selbst zwischen einander z. T. widerstrebenden Zugehörigkeitsgefühlen, dem Versuch der Herstellung einer kohärenten Narration, gegen den Sinnverlust und gleichzeitig um einen Wiederherstellungsprozess. Wie eine Adoleszenz geht Migration mit einer bedeutsamen Identitätskrise einher, sodass wir von einer „kulturelle Adoleszenz“ im Migrationsprozess sprechen.

Identitätskonflikte in der Migration

Migration(sprozess)IdentitätskonflikteBei welchen Konflikten bzw. Störungen der Selbstidentität von Migranten ist aber Psychotherapie geboten? Wir möchten dies anhand der Selbstdefinition in der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik verdeutlichen (OPD-2 2006: 249–254). Das SelbstSelbst wird hiernach verstanden als der Begriff, der die Gesamtheit der inneren Bilder von sich selbst und in diesem Sinne die Selbstidentität umfasst. Kommt es zwischen den Repräsentanzen der Selbstidentität zu Dissonanzen mit konflikthaften Spannungen, so wird von einem DissonanzkonfliktDissonanzkonflikte gesprochen. Das Bild von sich selbst ist dann gebrochen und das Selbstgefühl disharmonisch. Die Selbst- und ObjektrepräsentanzenSelbstrepräsentanzenObjektrepräsentanzen des Ich (d. h. die Wahrnehmung von sich selbst und der Außenwelt) sind jedoch intakt im Unterschied zu entwicklungsbedingten ich-strukturellen Störungen wie z. B. bei Persönlichkeits- und psychotischen Störungen. Von den phasenspezifischen oder normativen Identitätskrisen in der AdoleszenzAdoleszenzIdentitätskrisen einerseits und den entwicklungsbedingten IdentitätsstörungenIdentitätsstörungenentwicklungsbedingte andererseits werden die reaktiven IdentitätsstörungenIdentitätsstörungenreaktive unterschieden (OPD-2 2006). Diese treten nach biografischen Brüchen auf – in dem uns hier interessierenden Zusammenhang z. B. die kulturellen und/oder sozialen Brüche im Zuge einer MigrationMigration(sprozess)Dissonanzkonflikte. Die dadurch hervorgerufenen Identitätsdissonanzen bzw. der innere Dissonanzkonflikt wird nicht dem entwicklungspsychologischen Spektrum psychischer Störungen zugeordnet. Vielmehr können Konflikte im Zuge von Migration den realen Widersprüchlichkeiten zwischen potenziell differenten Welten (z. B. hinsichtlich des Gefühls von Zugehörigkeit, geteilter Sprache, Religion, Riten und Werten) zugeschrieben werden. Die klinische Diagnose AnpassungsstörungAnpassungsstörungenDissonanzkonflikte (s. ICD-10 F43.2) im Sinne eines Dissonanzkonflikts bzw. AnpassungsstörungAnpassungsstörungenmit Identitätskonfusion mit einer Identitätskonfusion ist bei mit klinischer Symptomatik einhergehenden Krisen dieser Art geeignet.

Fallbeispiel

Identitätskonfusion im Rahmen eines Migrationsprozesses

Anpassungsstörungenmit IdentitätskonfusionIdentitätskonfusionim Rahmen eines MigrationsprozessesMigration(sprozess)DissonanzkonflikteEine 16-jährige Afghanin, vor 4 Jahren mit ihrer Familie aus Afghanistan nach Deutschland migriert, kommt per Selbstanmeldung in die psychiatrische Notfallaufnahme. Sie ist eine auffallend hübsche und kluge junge Frau, die perfekt Deutsch spricht. Sie berichtet, sie lebe im Konflikt mit ihren Eltern wegen der Aufnahme von Beziehungen zu männlichen Freunden. Sie beanspruche eine freizügige Beziehung zu ihrem Freund, wie das in Deutschland für Mädchen in ihrem Alter üblich sei. Sie wolle sich keine Vorschriften von ihrer Familie machen lassen. Sie gibt auch an, sexuelle Kontakte mit jungen Männern gehabt zu haben – was vom Untersucher bezweifelt wird. Sie berichtet über Gewalt in der Familie. Die Mutter habe sie wegen ihres Verhaltens geschlagen. Ein Onkel habe ihr gegenüber Todesdrohungen ausgesprochen. Das mache ihr Angst. Der Vater halte sich von ihr fern. Sie habe den Wunsch, getrennt von ihrer Familie eigenständig zu wohnen. Sie wirkt depressiv verstimmt, geängstigt, rastlos, zerfahren und erregt. Es entsteht die Frage, was von dem, was sie berichtet, Realität ist und was Fantasie. Ihr Verhalten bei späteren Gesprächen erscheint hochgradig widersprüchlich. Sie kommt einmal in auffällig moderner westlicher Kleidung. Beim nächsten Mal kommt sie in einer Burka und gibt sich religiös und traditionell in ihren Denk- und Handlungsweisen. Sie äußert Fantasien, nach Afghanistan zurückzugehen und sich mit einem Afghanen zu verloben. Bei einem anderen Termin äußert sie Absichten, über sich selbst und ihre Männerbekanntschaften selbst zu verfügen und allein zu wohnen.
Das Agieren der 16-jährigen Tochter ist aus traditioneller afghanischer Sicht eine Gefährdung der Ehre und des Ansehens der Familie, zu der insbesondere Töchter beitragen müssen. Die Patientin war durch ihre kulturelle Herkunft und die freizügigen partnerschaftlichen Verhaltensmuster ihrer deutschen Freundinnen in eine Identitätskonfusion geraten. Diese entstand aus einem unlösbaren Konflikt zwischen den traditionellen Orientierungen als Afghanin und den in Deutschland üblichen Orientierungen als Teenager. Die daraus resultierenden DissonanzkonflikteMigration(sprozess)Dissonanzkonflikte waren für sie nicht integrierbar in eine eigene bikulturelle IdentitätIdentitätbikulturelle, in der die Werte des Herkunftskontextes und der religiösen Vorstellungen ihrer Eltern und der Lebensrealität der Mehrheitsgesellschaft in Deutschland zu einer neuen Identität beitragen. In der Identitätskrise schwankte die Patientin zwischen den Extremen einer streng religiösen Orientierung mit dem äußeren Merkmal des Tragens einer Burka und dem durchschnittlichen Verhaltensmuster 16-jähriger Mädchen in Deutschland, die ihr Recht auf partnerschaftliche Entscheidungen und eigenes Wohnen unabhängig und getrennt von der Familie geltend machen. Hin- und hergerissen zwischen diesen beiden Extremen im Sinne einer Spaltung geriet die Patientin in einen submanischen Erregungszustand, mit depressiven Phasen und Ängsten in Zusammenhang mit Todesdrohungen und den eigenen Identitätsunsicherheiten.

Merke

Von den normativen Identitätskrisen in der Adoleszenz einerseits und den entwicklungsbedingten Identitätsstörungen andererseits werden die reaktiven Identitätsstörungen unterschieden. Diese treten z. B. nach kulturellen und/oder sozialen biografischen Brüchen im Zusammenhang mit einer Migration auf und können zu einer Identitätskonfusion führen.

Psychische Störungen bei Migranten im Vergleich zur Mehrheitsgesellschaft

Verständniszugänge zur Somatisierung

Psychische StörungenMigrantenSomatisierungMigrantenIn verschiedenen kulturellen euroamerikanischen Bezugsrahmen finden sich, wie Payer (1993) gezeigt hat, typische KörperorganmetaphorikenKörperorganmetaphoriken für psychische BelastungszuständeBelastungsstörungenMigrantenBelastungsstörungenKörperorganmetaphoriken und Befindlichkeitsstörungen, die sich auch im organbezogenen Medikamentenverbrauch deutlich niederschlagen können. Der Körper dient als Austragungsort für seelische Konflikte, und die metaphorische Sprache erleichtert durch ihre Bildhaftigkeit den interpersonellen Austausch darüber. In Einwanderungsgesellschaften zeigt sich, dass sich der kulturelle Charakter einer solchen als „typisch“ gesehenen Körperorganbezogenheit unter den globalen Bedingungen einer transnationalen Migration zunehmend verwischt. Es ist jedoch so etwas wie eine historisch gewachsene kulturtypische Organmetaphorik in einzelnen Ländern und kulturellen Kontexten weiterhin zu identifizieren, die sich in ihren subtileren Ausprägungen auch in der Kunst und Literatur wiederfinden lässt, z. B. die Bedeutung des Herzens als Sitz großer Gefühle in der deutschen Romantik.
Unter Ärzten und Psychiatern ist, ohne dass dies wissenschaftlich erwiesen wäre, die Auffassung verbreitet, dass Konflikte bei türkischen Patienten häufig Beschwerden im Gastrointestinaltrakt und bei Russen in der Brust, dem Sitz der „großen russischen Seele“, verursachen. Von Spaniern und Personen aus lateinamerikanischen Kontexten werden vielfach Störungen der „nervios“ oder Kopfschmerzen beklagt, im arabischen Raum Beschwerden des Herzens, bei Chinesen wegen der antizipierten Ying-Yang-ImbalanceYing-Yang-Imbalance Schwäche, Müdigkeit, Kraftlosigkeit und Körperbeschwerden (DSM-IV, Anhang F, S. 895–902).
Medizinisch nicht erklärbare Symptome und Sorgen um körperliche Krankheit, die in traditionellen Metaphern geäußert werden, sind häufig eine kulturell geprägte Ausdrucksform von Belastung, die eingesetzt wird, um Sorgen um eine Vielzahl persönlicher und sozialer Probleme auszudrücken, ohne notwendigerweise auf psychopathologische Auffälligkeiten mit Krankheitswert hinzuweisen. Sie vermitteln eine intersubjektive Botschaft über die innere Befindlichkeit in der Erwartung, der Adressat könne sie entschlüsseln. Erich Wulff formulierte (1990: 111) das folgendermaßen:

„Psychopathologische SymptomeSymptomeals subjektive kulturelle Botschaften sind [auch] als subjektive kulturelle BotschaftenBotschaften, kulturelle zu verstehen, die immer auch einen Adressaten haben. Das Symptom ist damit in ein gesellschaftliches Kommunikations- und Tätigkeitsfeld gerückt und erwartet eine Antwort. Solche Antworten werden wir aber nur geben können, wenn es gelingt, die Botschaft, die die Symptome enthalten, aus ihrem eigenen gesellschaftlichen, kulturellen und biographischen Kontext heraus zu verstehen.“

Die Professionalität und Kunst des Therapeuten besteht darin, Sinn und Bedeutung der Symbolik der KörperspracheKörpersprache, Migranten als einen der Logik der Sprache gleichrangigen Ausdruck „subjektgetragener Symptomformulierung“ zu begreifen.
Bei MigrantenMigrantensomatoforme Syndrome sind nicht selten somatoforme Syndrome zu finden, bei deren Ursachen es um die Auseinandersetzung mit erlittenen Verlusten geht, z. B. dem Verlust der alten Identität, dessen Bewältigung nicht oder nur schwer gelingt. Nach Enttäuschungen im Aufnahmeland sowie rassistischer Abwertung können zudem depressive Syndrome entstehen.

Depressive Syndrome

Migrantendepressive SyndromeDepressive SyndromeDepression/depressive StörungenMigranten sind bei Migranten, die in euroamerikanische Länder migriert sind verbreitet (Übersicht s. Machleidt und Graef-Calliess 2016). In der Tat konnte in mehreren Studien ein bedeutsamer Anteil depressiver Störungen bei Migranten und Angehörigen ethnischer Minoritäten nachgewiesen werden. Beim Vergleich zweier Gruppen weißer und schwarzer Spanisch sprechender Einwanderer in Los Angeles sowie bei Migranten aus Mexiko wurde die Lebenszeithäufigkeit von depressiven Episoden (majore Depressionen) untersucht. Dabei wurden in der Gruppe der weißen und der aus Puerto Rico stammenden schwarzen Einwanderer die höchsten Depressionsraten gefunden, die bei den Puerto-Ricanern zudem mit einer erhöhten Lebenszeitprävalenz für Suizidversuche einherging (Okuendo et al. 2004). In einer europäischen Studie über die Häufigkeit und die Risikofaktoren für eine depressive Erkrankung bei älteren türkischen und marokkanischen Migranten in den Niederlanden zeigte sich Ähnliches wie in den USA. Die Prävalenz depressiver Symptome war bei älteren Migranten aus Marokko doppelt so hoch (33,6 %) und bei älteren Migranten aus der Türkei viermal so hoch (61,5 %) wie bei „einheimischen“ Niederländern (14,5 %) (Wurff van der et al. 2004).
Depression/depressive StörungenEthnizität als RisikofaktorDer Faktor „ethnische Herkunft“ war mit dem Vorliegen klinisch bedeutsamer depressiver Symptome assoziiert. „Ethnizität“ war also ein starkerEthnizität unabhängiger Risikofaktor für depressive Symptome mit klinischer Relevanz. In einer populationsbasierten holländischen Studie wurde festgestellt, dass türkische Frauen und marokkanische Männer im Vergleich zu einheimischen Niederländern vermehrt an depressiven Störungen litten (De Wit et al. 2008). Wie in der obigen Studie war Ethnizität auch in der letztgenannten Studie ein von der sozioökonomischen und demografischen Lage unabhängiger Risikofaktor.
Diese Befunde stützen unsere Hypothese, dass die psychischen Belastungen beim Erbringen der Individuations- und Integrationsleistungen in der kulturellen Adoleszenz bei überfordernder Konfliktbewältigungskompetenz depressive Erkrankungen bewirken können. Empirische Zusammenhänge bestehen aber mit der erlittenen Diskriminierung und dem Ausmaß der sozialen Integration – Befunde, die auch im Zusammenhang mit unserer Hypothese einen Sinn ergeben. SpätaussiedlerSpätaussiedler stellen eine Risikogruppe vor allem für Depressionen, Anpassungsstörungen, somatoforme Störungen und Suchterkrankungen dar (Kornischka et al. 2008). Systematische Metaanalysen weisen darauf hin, dass generell erhöhte Depressionserkrankungsrisiken nicht eindeutig nachzuweisen (Swinnen 2007) und stets von der je untersuchten Gruppe abhängig sind. Ein aktuelles Beispiel zeigt das: Migranten der Migrantenerste Generationersten Generation zeigen in der Altersgruppe ab 50 Jahren eine höhere Prävalenz depressiver Symptome als Nichtmigranten (28 vs. 19 %) (Aichberger et al. 2011, s. a. Machleidt 2015). Die Depressionsraten bei Flüchtlingedepressive SyndromeFlüchtlingen und Asylsuchendepsychische StörungenAsylbewerbern sind doppelt so hoch wie bei Arbeitsmigranten (Lindert et al. 2009) – ein Befund, der zum einen auf traumatische Erfahrungen zurückgehen kann und zum anderen auf die besonders schwierigen Bedingungen verweist, die nicht zuletzt aufgrund restriktiver Ausländergesetze für eine Integration in Deutschland bestehen.
In der landesweiten dänischen Kohortenstudie von Cantor-Graae und Pedersen (2013) konnte indessen gezeigt werden, dass Migranten der 1. Generation und Migranten der 2. GenerationMigrantenzweite Generation, von denen beide Elternteile im Ausland geboren wurden, im Vergleich zu Dänen erniedrigte Inzidenzen für affektive Störungen sowie Persönlichkeitsstörungen und Abhängigkeitserkrankungen aufwiesen (Major Depression und anhaltende affektive Störungen, ICD-10, F32–34, 38–39). Ganz im Gegenteil dazu zeigten Adoptierte und Migranten der 2. Generation mit nur einem im Ausland geborenen Elternteil eine erweiterte Inzidenz für alle untersuchten Krankheitskategorien, darunter auch erhöhte Inzidenzen für affektive sowie PersönlichkeitsstörungenPersönlichkeitsstörungenMigranten und AbhängigkeitserkrankungenAbhängigkeitserkrankungenMigrantenAffektive StörungenMigranten. Erklärt werden die erhöhten Inzidenzen damit, dass Familien mit gemischter interkultureller Elternschaft, zu mehr innerfamiliären Konflikten neigen und dadurch die psychische Gesundheit der Nachkommen negativ beeinflusst wird. Eine hohe ethnische Dichte am Wohnort im Aufnahmeland hat einen protektiven Effekt auf die Inzidenz von affektiven Erkrankungen bei Angehörigen körperlich auffälliger ethnischer Minoritäten (Stafford et al. 2011).

Merke

Eine im Vergleich zur Mehrheitsgesellschaft erhöhte Manifestation von psychischen Störungen wie somatoformen und depressiven Erkrankungen wurde nicht durchgängig bei Migranten, sondern bei bestimmten Populationen und Kohorten in besonderen kulturellen Kontexten gefunden.

Psychotherapeutische Arbeit mit Migranten

Voraussetzungen einer interkulturellen Psychotherapie

Migrantenpsychotherapeutische ArbeitDie wichtigsten Voraussetzungen einer interkulturellen PsychotherapieInterkulturelle PsychotherapieVoraussetzungen sind:
  • Ausreichende sprachliche Verständigung

  • Erläuterung der psychotherapeutischen Methode

  • Kenntnisse über bzw. Interesse am Herkunftskontext des Patienten

Wesentliche Aspekte für die Diagnostik und Exploration sind:
  • Wie verlief die Migration?

  • Akkulturationsaspekte in der Aufnahmekultur (Bi-/Multikulturalität).

  • Prämigratorische Biografie und jeweils subjektive Narration der Migrationsgeschichte

Neugier des Therapeuten auf die soziokulturelle Herkunft des Patienten ist eine gute Voraussetzung für interkulturelle Psychotherapien. Ein zweiter wichtiger Aspekt ist die Reflexion der eigenen Bezüge, Werte und Haltungen des Therapeuten, die nicht als universal angesehen werden dürfen. Es müssen viele Verständnisfragen Beantwortung finden, da sich das potenziell „Fremde“ nicht ohne weiteres aus dem „Eigenen“ ableiten lässt. Zur sprachlichen Verständigung ist oft das Hinzuziehen von DolmetschernInterkulturelle PsychotherapieDolmetscher notwendig. Auf die ganz eigene Problematik der Sprach- und KulturmittlerSprach- und Kulturmittler mittels Dolmetscher kann hier nicht näher eingegangen werden (s. Kluge 2011).
Der Psychotherapeut sollte nicht voraussetzen, dass die psychotherapeutische Methodik und deren Wirkungsweisen dem Patienten mit Migrationsgeschichte hinreichend klar sind. Er muss sie erläutern. Besondere Sorgfalt ist auf die diagnostische Identifikation der zugrunde liegenden Störungen zu legen. Wegen der Häufigkeit somatoformer StörungenSomatoforme StörungenMigranten bedarf es besonders sorgfältiger somatischer und psychologisch-psychodynamischer Abklärungen. Dabei ist zu beachten, dass die angegebenen Symptome und Krankheitsursachen trotz oberflächlich gleich lautender Begriffe für Personen mit Migrationsgeschichte etwas anderes bedeuten können als für den Arzt, Psychotherapeuten oder Sozialarbeiter im Aufnahmeland, dass er evtl. andere Erklärungsmodelle dafür hat (Penka et al. 2003). Denn Krankheitssymptomen, Ursachen und Behandlungserwartungen können unterschiedliche Erklärungsmodelle zugrunde liegen, die sich auch in den verschiedenen kulturellen Kontexten unterscheiden können (Vardar et al. 2012). So kann eine als angemessen angesehene „Diät“ bei „erhöhtem Blutzucker“ in bitteren Tees zur Balancierung des „Blutsaftes“ und nicht in der Beschränkung der Broteinheiten bestehen (Heinz und Payne-Jackson 1998).
Kennt der Arzt im Aufnahmeland kulturspezifische Unterschiede nicht, glaubt er, sich klar und verständlich ausgedrückt zu haben, und wundert sich zuweilen über die unerwarteten Handlungen seiner migrierten Patienten. Allerdings sind diese Erklärungsmodelle weder statisch noch uniform. Vielmehr können sie sich je nach sozialem Status, Zugang zu unterschiedlichen Informationsmedien und Aufenthaltsdauer im Migrationsland unterscheiden. So kann es auch wichtig sein, Erklärungsmodelle im Zusammenhang mit dem „bösen Blick“, Besessenheit, Zauber etc. mitzudenken. Auch Behandlungs- und Beratungsansätze traditioneller und geistlicher Heiler, die Patienten möglicherweise in Anspruch nehmen, sollten in der interkulturellen Psychotherapie berücksichtigt werden.
Bedeutsam ist darüber hinaus die Lebensrealität des Patienten in das therapeutische Arbeiten einzubeziehen. Dazu gehören Abhängigkeiten wie z. B. die jeweilige Form des Aufenthaltsstatus. Ein unsicherer Aufenthaltsstatus erschwert nicht nur die oben genannten Prozesse, sondern kann die therapeutische Arbeit behindern. Dies ist z. B. der Fall bei Geflüchteten, deren Aufenthaltsstatus über lange Zeit nicht geklärt ist. Hier ist die Zusammenarbeit mit Sozialarbeitern und Juristen essenziell, um einen „sicheren Ort“ für vertrauensvolles therapeutisches Arbeiten überhaupt zu ermöglichen.
Die Haltung und das selbst- und fremdzugeschriebene Rollenverständnis spielt in der interkulturellen Psychotherapie eine wichtige Rolle. So kann bei Patienten aus ländlichen Kontexten des Vorderen Orients der 1. Migrantengeneration der Arzt als väterlicher Freund der Familie im Sinne einer paternalistischen Figur und eines entsprechend gearteten Autoritätsverständnisses aufgefasst werden. Diese Orientierung des Patienten bedarf aufseiten des TherapeutenTherapeutische Beziehunginterkulturelle Psychotherapie im Zugang der Herstellung eines vertrauensvollen Verhältnisses eines aktiven, wissenden und beratenden Umgangs (Akhtar 2007; Pfeiffer 1995).

Merke

Zu den wichtigsten Voraussetzungen einer interkulturellen Psychotherapie gehören neben der sprachlichen Verständigung und detaillierten anamnestischen Kenntnissen die Neugier des Therapeuten auf die soziokulturelle Herkunft des Patienten und die Reflexion der eigenen Bezüge, Werte und Haltungen.

Elemente einer interkulturellen Psychotherapie

Wichtige Elemente einer interkulturellen Psychotherapie sind: Interkulturelle PsychotherapieElemente
  • Reflektierende therapeutische Haltung gegenüber differenten kulturellen Kontexten (z. B. paternalistisch vs. demokratisch) Therapeutische Beziehunginterkulturelle Psychotherapie

  • Sorgfältige Wahrnehmung der ÜbertragungÜbertragunginterkulturelle Psychotherapie (Idealisierung, Abwertung, Vorurteile etc.)

  • Sorgfältige Wahrnehmung der Gegenübertragung (Rassismus, Religiosität, Ethnie, kulturelle Werte, Gender) Gegenübertragunginterkulturelle Psychotherapie

  • Empathie (Perspektiveninduktion und -übernahme) Empathie(fähigkeit)interkulturelle Psychotherapie

  • Herstellung einer gemeinsam geteilten Wirklichkeit, dazu gehört auch die Anpassung des Settings

Die Differenzierung kulturtypischer von pathogenen interaktiven und familiären Dynamiken und Mechanismen erfordert eine große Sensibilität für kulturelle Differenzen und Gemeinsamkeiten (Erim und Senf 2002). Dies ist nur über eine reflektierende Haltung des Therapeuten zu erreichen.
Im Zusammenspiel von ÜbertragungÜbertragunginterkulturelle Psychotherapie und GegenübertragungGegenübertragunginterkulturelle Psychotherapie zwischen Patient und Behandler werden in verdichteter Form die Belastungen und Probleme der Migranten in der Aufnahmegesellschaft, quasi in einem Zwischenraum wiederbelebt. Besonders deutlich wird dies auch in der Arbeit mit Sprach- und Kulturmittlern. In der Gegenübertragung spielen rassistische Elemente, Abwertung, Ausblendung kulturspezifischer Haltungen und Werte wie z. B. religiöse Bindungen, die Einstellung zu Sexualität und Partnerbeziehungen, die Rolle der Frau bzw. des Mannes in der Familie und Gesellschaft, Schamgefühle gegenüber Gefühlsäußerungen und psychischen Störungen u. v. m. eine wichtige Rolle. Eine wache und besonders sorgfältige Wahrnehmung und Hinterfragung der Übertragungsgefühle ist erforderlich, um im therapeutischen Raum eine modellhafte neue, geteilte Wirklichkeit zwischen Patient und Therapeut zu schaffen. Hierüber kann etwas Neues, Drittes entstehen (Wohlfart et al. 2006).
Es wird vielfach darauf hingewiesen, dass kulturelle KompetenzPsychotherapeut(en)kulturelle Kompetenz kulturspezifischer Kenntnisse bedarf, jedoch sind hierfür insbesondere eine Haltung von anteilnehmender, wohlwollender Neugier und eine kulturelle Differenzen überschreitende Empathie hilfreich. In Institutionen ist die Bildung multikultureller Teams ebenso wichtig wie interkulturelle Supervisionen, Fallbesprechungen und interkulturelle/antirassistische Praxisreflexion etc. (Heinz und Kluge 2012). Neben einem möglichen Sachwissen über diverse kulturelle Kontexte sollte also vor allem ein Bewusstsein für mögliche Differenzen und deren Auswirkungen gefördert werden. Dazu gehört jedoch auch, die potenzielle Überdeterminierung selbiger im Blick zu haben. Um eine adäquate Behandlung für Menschen unterschiedlicher Herkunftskontexte gewährleisten zu können, ist daher die Anerkennung des Differenten und des Ähnlichen in Alltagswirklichkeiten notwendig, die durch eine bestimmte Haltung und Reflexion unbewusster eigener kultureller Bezüge hergestellt wird (Wohlfart et al. 2006).

Merke

Übertragung und Gegenübertragung zwischen Patient und Behandler bedarf einer wachen und besonders sorgfältigen Wahrnehmung und Hinterfragung, um im therapeutischen Raum eine modellhafte neue, geteilte Wirklichkeit zwischen Patient und Therapeut zu schaffen.

Ein modellhafter Behandlungsversuch im transkulturellen Übergangsraum

Der transkulturelle ÜbergangsraumTranskultureller Übergangsraum ist eine Metapher, welche die Symbolik des therapeutischen RaumsTherapeutischer Raum, interkulturelle Psychotherapie in der interkulturellen PsychotherapieInterkulturelle PsychotherapietherapeutischerRaum anschaulich vergegenwärtigt (Nadig 2000; Wohlfart und Özbek 2006: 169–176). Winnicott (zit. n. Wohlfart und Özbek 2006) sprach von einem Übergangsraum in der Mutter-Kind-Beziehung und machte diesen „potential space of experience“ für die therapeutische BeziehungTherapeutische Beziehungtranskultureller Übergangsraum nutzbar. Seine Überlegungen sind der Ausgangspunkt, einen solchen Raum als einen virtuellen, im psychischen und sozialen „Dazwischen“ angesiedelten transitorischen Raum für interkulturelle Beziehungsgestaltungen anzunehmen. Als einen Raum, der das therapeutische Feld öffnet und Therapeuten wie Patienten zu Wahrnehmungsvielfalt, kultureller Fließfähigkeit, Intuition und Kreativität einlädt. In diesem Raum kann z. B. die IdentitätskonfusionIdentitätskonfusiontranskultureller Übergangsraum oder die DissonanzDissonanzkonfliktetranskultureller Übergangsraum im Selbst von widersprüchlicher innerer Realität und äußerer Wirklichkeit getrennt wahrgenommen und der reflektierten Betrachtung in der therapeutischen Situation zugänglich gemacht werden. Die ängstlichen Spannungen der durch die Migration hervorgerufenen Innen-Außen-Dissonanzen können dann leichter ertragen werden. Die Entfremdung zu sich selbst schwindet in dem Ausmaß, in dem die Beziehungssetzungen zwischen innerer und äußerer Realität zum Aufbau neuer Selbstrepräsentanzen beitragen. Damit sind gute Voraussetzungen für eine Neusymbolisierung und Neuverortung des Individuums gegeben, und die Kohärenz des Identitätserlebens erhält Impulse, sich neu zu formieren.
In diesem Interaktionsprozess fungiert der Behandler als Übergangsobjekt bzw. eine Art Hilfs-IchPsychotherapeut(en)Hilfs-Ich-Funktion. Er lässt sich vom Patienten auf Zeit als Vertreter der fremden Kultur „in Besitz nehmen“. Damit sichert sich der Patient einen „Brückenkopf“ auf dem „fremden Ufer“. Dieser muss dem Patienten als Repräsentant der Aufnahmegesellschaft ein Objekt mit aktiv stützender Zugehörigkeit sein, ein Kristallisationspunkt für eine neue (bikulturelle bzw. hybride) Kontinuität des eigenen Selbst. Bei der Interaktion zwischen Therapeut und Patient wird idealerweise keine der gegebenen kulturellen Bedeutungen favorisiert. Hilfreich ist im Gegenteil eine Dekonstruktion und Hinterfragung der jeweiligen kulturellen Bedeutungen und kulturspezifischen Unterschiede bei gleichzeitiger Exploration von geteilten Wirklichkeitsaspekten. Die Relevanz der jeweiligen kulturellen Bedeutungen wird vor dem Hintergrund neuer subjektiver Erfahrungen im gemeinsamen therapeutischen Raum ausgehandelt.
Die auch vom kulturellen Kontext geprägte „Definitionsmacht“ des Psychotherapeuten oder, mit anderen Worten, die natürliche Selbstverständlichkeit seines kulturgebundenen Handelns, seines „Ethnozentrismus“, relativiert sich bei dieser Art der Interaktion. Sie unterstützt die Reflexion der jeweils eigenen Zugehörigkeit zu einer bestimmten kulturell geprägten Gruppe mit den dazugehörigen Werten, Normen und Regeln. Über diese Reflexion können innere Spannungen bewusst gemacht und abgebaut werden. Neue Bereiche des Verstehens und Verhaltens können erarbeitet und neue Zugehörigkeiten gebahnt werden. Die gewährende, annehmende und gleichzeitig nicht bewertende Haltung des Therapeuten fungiert in diesem idealtypischen symbolischen Raum in einer Phase des (kulturellen) Übergangs als sinnstiftende Funktion und mindert die allgegenwärtigen Widerstände (Özbek und Wohlfart 2006; Machleidt 2013, 2014).

Merke

Mit der Metapher des transkulturellen Übergangsraums lässt sich die Funktion des therapeutischen Raums als ein Transition und Wachstum förderndes Zusammenspiel von Therapeut und Patient anschaulich vergegenwärtigen.

Kulturelle Kompetenz in der psychiatrisch-psychotherapeutischen Praxis

Psychotherapeut(en)kulturelle KompetenzKulturelle Kompetenz ist die unverzichtbare Voraussetzung für gute psychotherapeutischePsychotherapiekulturelle Kompetenz Arbeit mit psychisch Kranken aus anderen Ländern und Kulturen. In den Leitlinien der European Psychiatric Association (EPA) (Schouler-Ocak et al. 2015) werden u. a. die folgenden Empfehlungen zur kulturellen Kompetenz gegeben:
  • Als obligatorisch gelten Fort- und Weiterbildungen in interkultureller Diagnostik, Krankheitsverhalten und kultursensiblen Interventionstechniken unter Berücksichtigung der kultur-, krankheits- und migrationsspezifischen regionalen Immigrantensituation.

  • Die Behandler sollten sich ihrer eigenen kulturellen Vorurteile und Stereotypien bewusst sein.

  • Erfahrungen in der Arbeit mit Dolmetschern und Kulturmediatoren sind genauso unverzichtbar wie Kenntnisse über kulturdifferente Familienstrukturen (kollektivistische vs. individualistische) und generationsübergreifende Anpassungsprozesse.

  • Krankheitsrelevant sind die Folgen von Diskriminierung, Ausschließung und Arbeitslosigkeit.

  • Die Kenntnis des kulturellen Krankheitsverständnisses und der typischen Beschwerden und Erwartungen an die Behandlung kann ebenso wie die Berücksichtigung der Zusammenhänge zwischen Kultur, Krankheit und Psychopathologie/Psychodynamik wichtige Aufschlüsse geben.

Psychische Gesundheit und Psychotherapie bei Flüchtlingen

PsychotherapieFlüchtlinge/AsylsuchendeVerschiedene Studien aus westlichen Industrieländern sprechen dafür, dass FlüchtlingeFlüchtlingepsychische Gesundheit und Psychotherapie und AsylsuchendeAsylsuchendepsychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung nahezu doppelt so häufig an DepressionenDepression/depressive StörungenFlüchtlinge, Asylsuchende und AngststörungenAngststörungenFlüchtlinge, Asylsuchende leiden als Arbeitsmigranten (Übersicht Sieberer und Machleidt 2015). In Migrantengruppen fanden sich deutlich erhöhte Häufigkeiten bei posttraumatischer Belastungsstörung (PTSD)PTSD (posttraumatische Belastungsstörung)Flüchtlinge, Asylsuchende. Für Asylsuchende sind neben hohen Raten prämigratorischer Traumatisierungen charakteristische postmigratorische Stressoren identifiziert worden, die zur Manifestierung oder Chronifizierung psychischer Störungen beitragen können (z. B. unsicherer Aufenthaltsstatus, Widrigkeiten im Asylverfahren, Erfahrungen mit Diskriminierung und Vorurteilen, fehlende Arbeitsmöglichkeiten und der erschwerte Zugang zur Gesundheitsversorgung). Diese Umstände kennzeichnen die Bedingungen, unter denen eine große Zahl der 2015 nach Deutschland gekommenen 1,1 Mio. Flüchtlinge und Asylsuchenden lebt.
Nach den begrenzenden Vorgaben des Asylbewerberleistungsgesetzes (AsylbLG) bleibt ein großer Anteil der Asylsuchenden mit schweren psychischen Störungen (z. B. Traumafolgestörungen) in den ersten 15 Monaten ihres Aufenthalts in Deutschland ohne Aussicht auf eine angemessene psychotherapeutische Behandlung. Die DGPPN hat nachdrücklich gefordert, die psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung von Flüchtlingen und Asylsuchenden zu verbessern, u. a. auch durch Übernahme der Kosten für Sprachmittler (s. Presseerklärung DGPPN 1.10.2014). In einigen Bundesländern (z. B. Berlin, Hamburg, Hessen [Frankfurt], Niedersachsen [Hannover], NRW [Köln] u. a.) sind durch staatliche Initiativen und karitative Organisationen „Psychosoziale Beratungs- und Behandlungszentren“ für Flüchtlinge, Asylsuchende und Migranten aufgebaut worden, in denen mehrkulturelle multiprofessionelle Teams Diagnostik und Behandlung anbieten. Begründete Anträge auf Psychotherapie, die an die kommunalen Sozialhilfeträger zu stellen sind, werden in jüngerer Zeit (Februar 2016) häufiger abschlägig entschieden, und im seltenen positiven Fall werden die Kosten für Sprachmittler häufig nicht übernommen. Trotzdem sollte der Antragsweg nicht unversucht bleiben, da es erhebliche regionale Unterschiede in der Entscheidungspraxis gibt. Diese Situation ändert sich, wenn Asylsuchende nach 15 Monaten Aufenthalt in Deutschland in eine Krankenkasse aufgenommen werden und der übliche Antragsweg offensteht.
Für die Akutversorgung und Krisenintervention von Flüchtlingen und Asylsuchenden werden von einzelnen psychiatrischen Kliniken Fachbereiche und Ambulanzen mit mehrsprachigen Teams für transkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie vorgehalten (Beispiel: Zentrum für Transkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie mit Tagesklinik, Klinikum Wahrendorff, Sehnde/Hannover). Eine wachsende Zahl niedergelassener Psychotherapeuten bemüht sich um den Erwerb interkultureller Kompetenz und behandelt Flüchtlinge, insbesondere auch unbegleitete Minderjährige. Supervisionsgruppen für „Interkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie“, in denen niedergelassene und in psychosozialen Zentren und Ambulanzen tätige Psychotherapeuten Fallbeispiele vorstellen, haben sich für den interkulturellen Kompetenzerwerb bewährt. Von den Landesärzte- bzw. Psychotherapeutenkammern können solche Supervisionsgruppen als Qualitätszirkel akkreditiert werden (z. B. in Berlin, Hannover u. a.).

Literaturauswahl

Aichberger et al., 2012

M.C. Aichberger B. Neuner U. Hapke Der Zusammenhang zwischen Migrationsstatus und depressiven Symptomen in der älteren Bevölkerung in Deutschland Psychiatr Prax 39 2012 116 121

Cantor-Graae and Pedersen, 2013

E. Cantor-Graae C.B. Pedersen Full spectrum of psychiatric disorders related to foreign migration. A Danish migration-based cohort study JAMA Psychiatry 70 4 2013 427 435

Foroutan, 2013

N. Foroutan Hybride Identitäten. Normalisierung, Konfliktfaktor und Ressource in postmigrantischen Gesellschaften H.U. Brinkmann H.H. Uslucan Dabeisein und Dazwischen. Integration in Deutschland 2013 Springer Heidelberg

Heinz and Kluge, 2012

A. Heinz U. Kluge Geschichte der „Rassen“ und Rasse-GeschichtenZur Historie und biologischen Plausibilität umstrittener Begriffe A. Heinz U. Kluge EinwanderungBedrohung oder Zukunft? Mythen und Fakten zur Integration 2012 Campus Frankfurt, New York 36 53

Machleidt, 2007

W. Machleidt Die „kulturelle Adoleszenz“ als Integrationsleistung im Migrationsprozess Psychotherapie und Sozialwissenschaft 9 2 2007 13 23

Machleidt, 2013

W. Machleidt Migration, Kultur und psychische Gesundheit 2013 Kohlhammer Stuttgart

Machleidt and Heinz, 2011

W. Machleidt A. Heinz Praxis der interkulturellen Psychiatrie und Psychotherapie. Migration und psychische Gesundheit 2011 Elsevier Urban & Fischer München

Özbek and Wohlfart, 2006

T. Özbek E. Wohlfart Der transkulturelle Übergangsraumein Theorem und seine Funktion in der transkulturellen Psychotherapie am ZIPP E. Wohlfart M. Zaumseil Transkulturelle PsychiatrieInterkulturelle Psychotherapie. Interdisziplinäre Theorie und Praxis 2006 Springer Heidelberg 169 176

Schouler-Ocak et al., 2015

M. Schouler-Ocak I.T. Graef-Calliess I. Tarricone EPA guidance in cultural competence training Eur Psychiatry 30 2015 431 440

Wulff, 1990

E. Wulff Was trägt die Ethnopsychiatrie zum Verständnis psychischer Erkrankungen bei? A. Thom E. Wulff Psychiatrie im Wandel: Erfahrungen und Perspektiven in Ost und West 1990 Psychiatrie-Verlag Bonn 96 114

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