© 2019 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

B978-3-437-23731-7.00013-2

10.1016/B978-3-437-23731-7.00013-2

978-3-437-23731-7

Therapie des gestörten Körperbildes Körperbildtherapiekognitiv-behaviorale

nach Rosen et al. (1995)

Tab. 13.1
Module Vorgehen
1 Störungsmodell und Ableitung der Behandlungsrationale Identifikation entwicklungsgeschichtlicher, soziokultureller, familiärer Risikofaktoren der Körperbildstörung
2 Darstellung der individuellen Körperbildstörung und Rückmeldung Personen beschreiben konkret äußere Makel, objektivere Rückmeldung des Erscheinungsbildes (z. B. Zeichnen des eigenen Körperumfangs, Vergleich mit Zeichnungen durch Beobachter)
3 Problemhierarchisierung Systematische Beschreibung der problematischen Areale; Schulung zur möglichst objektiven Beschreibung
4 Selbstbeobachtung und kognitive Strategien Körperbildtagebuch mit relevanten Situationen, Bewertungen, Konsequenzen (Stimmung und Verhalten); im Therapieverlauf Identifikation ungünstiger Bewertungen, Hinterfragen und Modifikation
5 Exposition Aufsuchen vermiedener Situationen bei steigendem Schwierigkeitsgrad, Beispiele: figurbetonte Kleidung tragen, Gesicht im Gespräch nicht hinter Händen oder Haaren verbergen, Verzicht auf Make-up, näher bei anderen Menschen stehen
6 Reaktionsverhinderung Verzicht auf körperbezogenes Kontrollieren (Beispiele: Wiegen, Spiegelbetrachtung, Körperumfangsmessung, andere Menschen um Rückversicherung fragen)
7 Rückfallverhinderung Identifikation von Risikobedingungen und Planung von Bewältigungsstrategien

Körperbildstörung bei Essstörungen und körperdysmorpher Störung im Vergleich

Sowohl bei den Essstörungen als auch bei der KDS gehört die Körperbildstörung zu den zentralen Merkmalen. Inzwischen liegen Befunde zum direkten Vergleich von kognitiv-affektiven Körperbildaspekten bei KDS, Anorexia nervosa und Bulimia nervosa vor (Hrabosky et al. 2009; Kollei et al. 2012; Rosen und Ramirez 1998). Insgesamt zeigt sich eine ähnlich stark ausgeprägte Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper bzw. Ablehnung des Körpers.

Personen mit einer KDS messen ihrer äußeren Erscheinung allerdings anscheinend sogar eine noch größere Bedeutung im Leben bei und bewerteten sich aufgrund ihrer äußeren Erscheinung negativer als Personen mit Essstörungen. Auch die psychosoziale Beeinträchtigung aufgrund der Sorgen um das Aussehen zeigt sich bei KDS noch stärker ausgeprägt als bei den Essstörungen. Negative körperbezogene Emotionen wie Scham und Ekel waren wiederum in vergleichbarem Ausmaß vorhanden.

Körperbild und Körperbildintegration

Alexandra Martin

Peter Henningsen

Kernaussagen

  • In einem umfassenden Sinne versteht man unter „Körperbild“ alle psychischen Anteile der KörperrepräsentanzKörperrepräsentanz, also Wahrnehmungen, Einstellungen und Überzeugungen bzgl. des Körpers, sowie damit in Verbindung stehendes emotionales Erleben und Verhalten. Die neurobiologischen Korrelate der Körperrepräsentanz lassen sich in vielfältigen Arealen des zentralen Nervensystems vom Rückenmark bis zu kortikalen Arealen nachweisen.

  • KörperbildstörungenKörperbildstörungen können sich in Schwierigkeiten in einem oder mehreren der Körperbilddimensionen ausdrücken. Beispiele sind Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, fehlerhafte Wahrnehmung der äußerlich beobachtbaren Erscheinung, Vermeidung von sozialen Situationen aufgrund der körperlichen Erscheinung.

  • Bei einigen psychischen Störungen – vor allem den Essstörungen und der körperdysmorphen Störung (KDS)Körperdysmorphe Störung(en) – sind Körperbildstörungen zentrale Charakteristika. Eine Vielzahl von weiteren psychischen Störungen (z. B. psychotische Erkrankungen, Geschlechtsidentitätsstörungen) oder chronischen körperlichen Erkrankungen geht jedoch auch mit Veränderungen des Körperbildes und Körpererlebens einher.

  • Zwischenzeitlich richten sich psychotherapeutische Interventionen gezielt auf die Veränderung eines ungünstigen Körperbilds.

  • In der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) werden Video- oder Spiegelexpositionen eingesetzt, um dabei verzerrte Wahrnehmungsprozesse, Bewertungsvorgänge, körperbezogene negative Gefühle und vermeidendes Verhalten zu verändern.

Einleitung: Definitionen und Abgrenzungen

Im folgenden Kapitel geht es um die psychischen Funktionen des Körperbildes und der Körperbildintegration, ihre psychophysiologischen Grundlagen und um klinische Formen der Störung dieser Funktionen, vor allem soweit sie psychotherapeutisch von Belang sind.
Das KörperbildKörperbild ist ein an der Grenze von psychischer und körperlicher Sphäre angesiedeltes Phänomen und als solches von unseren Vorstellungen vom Verhältnis von Körper und Geist oder auch vom Körper, den ich habe, und dem Leib, der ich bin, generell beeinflusst. Wichtige Vorläufer heutiger Konzepte sind z. B. Henry Heads (Head und Holmes 1911) Verständnis des „KörperschemasKörperschema“ als Positionsmodell des Körpers im Gehirn, Paul Schilders (1935) Versuch eines Konzepts vom „Körperbild“, das psychoanalytische und neurowissenschaftliche Erkenntnisse der damaligen Zeit integriert, oder auch die Forschungen der gestaltpsychologisch bzw. anthropologisch ausgerichteten Neurologen Kurt Goldstein und Viktor von Weizsäcker. Während wir auf diese interessanten historischen Hintergründe hier nicht näher eingehen können, möchten wir wegen der notorischen Begriffsverwirrung versuchen, zur Einführung in diesen Bereich ein wenig terminologische Klarheit zu schaffen.

Merke

„KörperbildKörperbildDefinition steht hier umfassend für alle Anteile der Körperrepräsentanz, die „psychisch“ sind, also Wahrnehmungen, Einstellungen und Überzeugungen bzgl. des Körpers beschreiben.

Die Wahrnehmungen können visuell-exterozeptiv (Aussehen, Umfang etc.) oder somatosensorisch-interozeptiv (Körpergefühl, Körperbeschwerden etc.) sein; mit den Einstellungen und Überzeugungen sind emotionale Anteile verbunden. Das Körperbild in diesem Sinne ist prinzipiell bewusstseinsfähig, wenn auch nicht immer bewusst, und mit einem von der Umwelt abgegrenzten Gefühl der Meinhaftigkeit (sense of ownership, „mein“ Körper) verbunden.

Merke

„KörperrepräsentanzKörperrepräsentanz meint übergreifend alle Systeme, die Informationen über den Körper in jenen Bereichen bereithalten, die wiederum für Erleben und Verhalten des Organismus insgesamt mit verantwortlich sind.

Das kann auf neurophysiologischer Ebene eine der somatotropen Kartierungen sensomotorischer oder viszeraler Funktionen im Gehirn sein, das kann aber genauso auf psychologischer Ebene das schon erwähnte Körperbild sein.
Wichtig ist, dass auch mit dem weit gefassten Begriff von Körperbild nicht alle Erlebensaspekte, die den Körper beteiligen, abgedeckt sind, weil unser gesamtes auf die Umwelt bezogenes Erleben und Handeln, vor allem in seinen motivationalen und emotionalen Anteilen, auch Körperwahrnehmungen enthält (z. B. die körperlichen Anteile von Freude oder Ärger, aber auch die Einfühlung in den Schmerz des anderen). Dies bleibt so aber in der Regel ungetrennter Teil des auf die Welt bzw. auf den anderen bezogenen Erlebens. „Körperbild“ meint in Abgrenzung davon eine bestimmte Form der Fokussierung oder, mit den Worten von Conrad (zit. nach Röhricht et al. 2005), „Heraussonderung“ körperbezogener Erlebensanteile aus dem Erlebenszusammenhang von Selbst und Welt.
Die hier verwendete weite Fassung des Begriffs „Körperbild“, die ihn praktisch zu einem Synonym für „KörpererlebenKörpererleben“ macht, ist in der Literatur verbreitet, sie wird aber auch kritisiert, weil sie zu Verwechslungen mit einem engeren Verständnis desselben Begriffs führen kann (vgl. Röhricht et al. 2005). Im engeren Sinn meint „Körperbild“ nur die visuell-„exterozeptive“ Repräsentanz des Körpers, wie er uns in der Vorstellung, bei Selbstbetrachtung im Spiegel und anderen Medien erscheint.
Trotz dieses Verwechslungsrisikos ziehen wir den Begriff „Körperbild“ (im weiteren Sinne verwendet) dem des Körpererlebens vor, weil er den Aspekt der Körperrepräsentanz und der „Heraussonderung“ klarer umreißt. Wenn wir den Begriff im engeren Sinne meinen, werden wir darauf hinweisen.
Auch für den Begriff „KörperschemaKörperschema lassen sich zwei ganz verschiedene Verwendungsformen finden:
  • In der neurologischen oder auch philosophischen Tradition bezeichnet Körperschema in Abgrenzung zum Körperbild die nicht bewussten und nicht bewusstseinsfähigen Aspekte von Körperrepräsentanz, z. B. die propriozeptiven Informationen über die Stellung von Körperteilen im Raum, die Grundlage sensomotorischen Handelns sind und ständig dynamisch angepasst werden müssen (Gallagher 2005; de Vignemont 2006).

  • In der psychopathologisch-psychotherapeutischen Tradition wird dagegen unter Körperschema ein Teilaspekt des bewusstseinsfähigen Körperbildes im engeren Sinn verstanden: die Vorstellungen und Wahrnehmungen von Körpergröße und Körperorientierung im Raum (Röhricht et al. 2005).

Dem Charakter dieses Buches entsprechend wird es im klinischen Teil des Kapitels vorwiegend um solche Aspekte von Körperbildstörungen gehen, die in einer Beziehung zu psychischen Störungen stehen. Die Körperbildstörungen, die auf neurologisch definierte Krankheitsbilder zurückgehen (z. B. Anosognosie und andere neuropsychologische Syndrome), werden hier nicht näher behandelt.
KörperrepräsentanzKörperrepräsentanzneurobiologische Grundlagen insgesamt, sei es i. S. bewussten Erlebens oder nicht bewusster Prozesse, ist ein komplexes Phänomen und als solches auch nicht einfach bestimmten Funktionen oder neuroanatomischen Strukturen zuzuordnen. Dies ist nicht überraschend, denn es geht um die neurobiologischen Korrelate von so unterschiedlichen Dingen wie
  • der nicht bewussten Projektion von Körperbewegungen auf das angestrebte Ziel der Bewegung,

  • der nicht bewussten Berechnung der Position von Körperteilen im Raum,

  • der bewusstseinsfähigen Positionierung und Charakterisierung von Reizen auf der Haut und im Körper, dem damit zusammenhängenden sensorischen und affektiven Körpererleben,

  • der bewusstseinsfähigen Wahrnehmung von Vorgängen im Körper, die auf Prozesse in inneren Organen, Muskeln und Gelenken hinweisen,

  • des Bildes/Erlebens des eigenen Körpers im Hinblick auf Umfang, Beweglichkeit, Beschwerlichkeit bzw. Vitalität, Attraktivität, Emotionalität, Meinhaftigkeit, Normalität bzw. Krankheit etc.

Hinsichtlich der beteiligten neuralen Strukturen und Prozesse verweisen wir den interessierten Leser auf die weiterführende Literatur (Assaiante et al. 2014; Blanke et al. 2015).

Psychologische Dimensionen des Körperbildes

Das Körperbild setzt sich psychologisch aus mehreren Dimensionen zusammen:
  • Die kognitiv-affektive DimensionKörperbildpsychologische Dimensionen umfasst sowohl eine affektive Reaktion (Zufriedenheit mit der äußeren Erscheinung) als auch körperbezogene Bewertungen (z. B. Bedeutung der äußeren Erscheinung).

  • Die Wahrnehmungskomponente bezieht sich auf die Genauigkeit, mit der der Körper äußerlich wahrgenommen wird (z. B. im Hinblick auf Körperumfang, Symmetrie, Größe).

  • Die Verhaltenskomponente bezieht sich auf Verhalten in Situationen, in denen eine Person sich selbst oder andere mit ihrer äußeren Erscheinung konfrontiert.

KörperbildstörungenKörperbildstörungenMerkmale können in Schwierigkeiten in einem oder mehreren dieser Bereiche bestehen. Entsprechend kann sich eine Körperbildstörung umfassend folgendermaßen äußern:
  • Die Person ist unzufrieden mit ihrem Körper oder mit Teilen ihres Körpers (z. B. Figur, Hautreinheit, Größe der Nase).

  • Die äußere Erscheinung ist für den eigenen Selbstwert übermäßig bedeutsam.

  • Der subjektive Makel wird falsch wahrgenommen; es kommt z. B. zu einer Überschätzung des tatsächlichen Körperumfangs.

  • In der Folge vermeidet die Person Situationen, in denen sie selbst oder andere Menschen besonders gut den Körper (und seinen wahrgenommenen Defekt/Makel) bemerken könnten, indem sie z. B. kaschierende Kleidung trägt, erheblichen Aufwand zum Maskieren des subjektiven Makels betreibt oder intensive Kontrollstrategien zur eigenen Abschätzung des Makels einsetzt.

Auf die störungsspezifischen Besonderheiten der Körperbildstörungen wird in Kap. 13.4 eingegangen. Übersichten zu den soziokulturellen, familiären, entwicklungsgeschichtlichen und interpersonellen Bedingungen der Ausbildung des Körperbildes finden sich bei Cash und Pruzinsky (2004).

Diagnostische Verfahren zur Erfassung des Körperbildes

Die diagnostische Erfassung des Körperbildes im engeren Sinn kann sich auf sprachlich vermittelte Verfahren stützen, also im Wesentlichen auf Fragebögen und Interviews, oder auf solche Verfahren, die das Körperbild zunächst nicht-sprachlich abbilden, z. B. die Erfassung der räumlichen Ausdehnung des Körperbildes (von manchen auch als Körperschema bezeichnet, Kap. 13.1) per Spiegel-Videometrie.
Im weiteren Sinne gehört auch die diagnostische Erhebung von Körperbeschwerden z. B. mit Fragebögen und Interviews zur Erfassung des Körperbildes, darauf wird hier aber nicht näher eingegangen.

Beispiele für Fragebögen zu Einstellungen und Erleben

  • Fragebogen zum Körperbild (KörperbildFragebögenFragebogenzum Körperbild (FKB-20)FKB-20FKB-20 (Fragebogen zum Körperbild), Löwe und Clement 1996): soll die affektiven und kognitiven Aspekte des Körperbildes erfassen. Die 20 Items lassen sich den zwei Faktoren „Ablehnende Körperbewertung“ und „Vitale Körperdynamik“ zuordnen. Der FKB-20 wird mittlerweile in vielen Störungsbereichen und Kontexten eingesetzt, bei Essstörungen und Transsexualismus ebenso wie als Verlaufsinstrument in Psychotherapien.

  • Fragebogen zur Beurteilung des eigenen Körpers (FBeKFBeK (Fragebogen zur Beurteilung des eigenen Körpers)Fragebogenzur Beurteilung des eigenen Körpers (FBeK), Strauß und Richter-Appelt 1996): ein primär für Erwachsene konstruierter Fragebogen, der bewusste Einstellungen zum eigenen Körper differenziert abfragt. Er eignet sich für die klinische Diagnostik des Körpererlebens im Zusammenhang mit seelischen und körperlichen Störungen. Die 52 Items lassen sich einem 3- oder, revidiert, einem 4-Skalen-Modell (1. Attraktivität/Selbstvertrauen, 2. Akzentuierung des körperlichen Erscheinungsbildes, 3. Unsicherheit/Besorgnis, 4. körperlich-sexuelles Missempfinden) zuordnen. Normdaten liegen nach Geschlecht differenziert vor (bevölkerungsrepräsentative Stichprobe 14–95 Jahre) (Brähler et al. 2000).

  • Fragebogen zum Figurbewusstsein (FFBFFB (Fragebogen zum Figurbewusstsein)) von Waadt et al. (Fragebogenzum Figurbewusstsein (FFB)1992): ein weit verbreitetes Messinstrument (34 Items), mit dem zahlreiche Aspekte der Unzufriedenheit mit der eigenen Figur erfasst werden können. Der FFB ist die deutsche Version des Body Shape Questionnaire (BSQ von Cooper et al. 1987, Evaluation der dt. Version Pook et al. 2002), dessen Konstruktion sich an der Diskriminationsfähigkeit von bulimischen und nichtbulimischen Frauen orientiert.

  • Revidiertes Appearance Schemas Inventory (ASI-RAppearance Schemas Inventory (ASI-R), Cash et al. 2004): misst mit 20 Items kognitive Annahmen bzgl. des Körperbildes, die zwei Faktoren zuzuordnen sind: der subjektiven Wichtigkeit des Erscheinungsbildes (selbstevaluative Salienz) und dem Ausmaß der Investitionen in das Erscheinungsbild (motivationale Salienz). Eine deutsche Validierung liegt vor (Grocholewski et al. 2011).

Beispiele für diagnostische Interviews und Ratingverfahren

  • Erfassung von Körperbild und Körpererleben mit OPD-2OPD (Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik)Körperbild/-erleben, ErfassungKörperbildRatingverfahrenKörperbilddiagnostische Interviews: Eine Körperbild-ListeKörperbild-Liste, OPD-2 (KB-L, Küchenhoff und Agarwalla 2013) ist ein ergänzendes Modul zur OPD-2 (Arbeitskreis OPD 2006). Unter Zuhilfenahme einer Checkliste wird in Abhängigkeit von der Integration der Persönlichkeitsstruktur ein Rating von Dimensionen wie „Körperselbstbild“, „Körperidentität“, „Affektive Besetzung der Körperlichkeit“, „Differenzierung von Körperbild und Objekt“ etc. vorgenommen. Grundlage des Ratings ist neben dem OPD-typischen Interview ein ergänzendes „körperbezogenes psychodynamisches Interview“ (KPIKörperbezogenes psychodynamisches Interview (KPI)).

  • Eating Disorder ExaminationEating Disorder Examination (EDE) (EDE, dt. Fassung: Hilbert und Tuschen-Caffier 2006; Original: Fairburn und Cooper 1993): ein strukturiertes Interview zur Klassifikation und zur Erfassung der spezifischen Psychopathologie von EssstörungenEssstörungenEating Disorder Examination (EDE) bei Jugendlichen und Erwachsenen. Die 36 Items lassen sich den vier Subskalen Restraint (gezügeltes Essen), Eating Concern (essensbezogene Sorgen), Weight Concern (Gewichtssorgen) und Shape Concern (Figursorgen) zuordnen. Die Shape Concern ScaleShape Concern Scale erfragt Korrelate von Figursorgen, z. B. die Abhängigkeit des Selbstwertgefühls von der Figur oder die Vermeidung des Entkleidens im Beisein anderer. Die Weight Concern Scale Weight Concern Scaledeckt Korrelate gewichtsbezogener Sorgen ab, z. B. die Relevanz des Gewichts für das Selbstwertgefühl.

  • Body Dysmorphic Disorder ExaminationBody Dysmorphic Disorder Examination (BDDE) (BDDE, Rosen und Reiter 1996): ist sowohl geeignet, die Diagnosestellung einer KDS zu unterstützen als auch den Erkrankungsschweregrad zu erfassen. Es liegt als semistrukturiertes Interview und als Fragebogen zur Selbsteinschätzung (deutsche Version BDDE-SR: Reichhart 2007) vor. Im Rahmen des Interviews werden Informationen u. a. zu den spezifischen Problembereichen der äußeren Erscheinung, der Wahrnehmbarkeit des subjektiven äußerlichen Defekts und zur Wahnhaftigkeit der Einschätzung erhoben. In den 34 Items des Fragebogens werden Häufigkeit/Schwere von Einstellungen zum Körperbild und seine Verhaltensfolgen erfasst (z. B. Beschäftigung mit dem Aussehen, negative Bewertung des Aussehens, Selbstbewusstsein und Leidensdruck, Bedeutung der äußeren Erscheinung, Vermeidungsverhalten, Überprüfen und Kaschieren).

Zwei weitere Skalen zur Erfassung des Körperbildes im Rahmen von Essstörungen sind die Selbstbeurteilungsskala Body Dissatisfaction aus dem Eating Disorder InventoryEating Disorder Inventory (EDI-2) (Garner 1991, dt. Übersetzung Thiel et al. 1997) sowie ein Fremdrating zu „Körperschema und Schlankheitsideal“ im Strukturierten Inventar für Anorektische und Bulimische Essstörungen (SIAB)SIAB (Strukturiertes Inventar für Anorektische und Bulimische Essstörungen von Fichter und Quadflieg (1999).

Klinische Störungen der Körperbildintegration

Körperbildintegration, klinische StörungenBei bestimmten psychischen Störungen machen Änderungen des Körperbildes im engeren Sinne auch im Erleben des Patienten selbst einen zentralen Aspekt der Störung insgesamt aus, wie bei den Essstörungen und der KDS. Andere Störungsbilder werden eher konzeptuell mit Veränderungen von Körperbild und Körpererleben im weiteren Sinne in Verbindung gebracht, wie z. B. somatoforme Störungen und Störungen der Geschlechts- und Körperidentität. Darüber hinaus spielen Änderungen des Körperbildes im engeren Sinne bei vielen weiteren psychischen und psychosomatischen Störungen, aber auch bei körperlichen Erkrankungen und Behinderungen eine wichtige begleitende Rolle.

Essstörungen: Anorexia nervosa und Bulimia nervosa

Bulimia nervosaEssstörungenKörperbildstörungenKörperbildstörungenKörperbildstörungenAnorexia nervosaAnorexia nervosaKörperbild-/Wahrnehmungsstörung werden als zentrales klinisches Charakteristikum der Anorexia nervosa erachtet. Sie scheinen bereits vor Beginn der Essstörung aufzutreten und stellen im Verlauf einen wesentlichen Risikofaktor für das Wiederauftreten der Symptomatik dar. Entsprechend berücksichtigt das DSM-5 die „ausgeprägte Angst vor Gewichtszunahme“ wie auch die Körperschemastörung als diagnostische Kriterien. Gezählt werden dazu: „Störungen in der Wahrnehmung der eigenen Figur oder des Körpergewichts, übertriebener Einfluss des Körpergewichts oder der Figur auf die Selbstbewertung oder anhaltende fehlende Einsicht in Bezug auf den Schweregrad des gegenwärtigen geringen Körpergewichts“.
Dysfunktionale Grundannahmen über Figur und Gewicht stellen das zentrale kognitive Merkmal auch der Bulimia nervosa darBulimia nervosaKörperbild-/WahrnehmungsstörungKörperbildstörungenBulimia nervosa. Das DSM-5 definiert entsprechend, dass „Figur und Körpergewicht […] einen übermäßigen Einfluss auf die Selbstbewertung“ haben.
Die Wahrnehmungsstörung wurde vorwiegend als Überschätzung des Körperumfangs konzeptualisiert – entweder den gesamten Körper oder einzelne Körperbereiche betreffend. Gemessen wird sie z. B. mittels Videoverzerrtechniken, wobei das wahrgenommene Selbstbild eingestellt werden soll und mit dem tatsächlichen Körperumfang verglichen wird. Auf ähnliche Weise lässt sich auch feststellen, inwiefern eine Diskrepanz des wahrgenommenen Körpers zum Idealbild besteht.
Aufgrund der umfangreichen Befundlage zur WahrnehmungsstörungWahrnehmungsstörungenKörperbild, Essstörungen bei Anorexie und Bulimie führten Cash und Deagle (1997) eine Metaanalyse von insgesamt 66 Studien durch. Die Ergebnisse belegen, dass Essgestörte im Vergleich zu Kontrollprobanden ohne Essstörung über eine gestörte Körperwahrnehmung Körperwahrnehmungsstörung, EssstörungenAnorexia nervosaKörperbild-/WahrnehmungsstörungBulimia nervosaKörperbild-/Wahrnehmungsstörungverfügen. Dies zeigte sich bei Studien mit Ganzkörpereinschätzung stärker ausgeprägt als bei Teilbereichseinschätzungen. Die körperbildbezogene Wahrnehmungsstörung scheint nicht generellen sensorisch-perzeptuellen Defiziten zu entspringen. Weiter wurde hier ermittelt, dass sich die Körperbildverzerrung anorektischer Patientinnen nichtsignifikant von der bulimischer Patientinnen unterschied.

Merke

Eine Überschätzung des Körperumfangs scheint demgemäß bei der Mehrzahl, aber nicht bei allen Betroffenen mit Essstörungen vorzuliegen. Konsistent zeigen die Befunde, dass sich Selbst- und Idealkörperbild bei Essgestörten unterscheiden.

Zudem weist die Befundintegration von Cash und Deagle (1997) auf die Bedeutung der körperbildbezogenen EinstellungenAnorexia nervosakörperbildbezogene EinstellungenBulimia nervosakörperbildbezogene Einstellungen hin. Es zeigte sich zum einen das stabile Ergebnis, dass die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper – als globales Maß oder die Einzelbereiche Figur und Gewicht betreffend – bei Essgestörten größer war als bei Nicht-Essgestörten. Dies ist bedeutsam, wenn berücksichtigt wird, dass Unzufriedenheit mit dem Körper und dem Gewicht insbesondere in westlichen Kulturen ein weit verbreitetes Phänomen in der Allgemeinbevölkerung darstellt. Zudem fiel diese körperbezogene Unzufriedenheit bei bulimischen Patientinnen stärker aus als bei anorektischen (jeweils im Vergleich zu nicht essgestörten Kontrollgruppen) aus. Allerdings ist zu beachten, dass gerade die Unzufriedenheit mit Figur und Gewicht bei anorektischen Patienten bei erneuter Gewichtszunahme deutlicher wird (Uher et al. 2005).
Untersuchungen zu den neuronalen Korrelaten der Körperbildstörungen bei Essstörungen erbrachten die Bestätigung, dass die Präsentation von körperbildbezogenen Reizen (z. B. Körperumrisszeichnungen) generell zu Aktivierungen in den mit Körperbildintegration assoziierten Arealen im temporookzipitalen Übergang und im Parietallappen führen. Dabei war die Aktivität in diesen Arealen bei Patienten mit Essstörungen signifikant geringer als bei den Kontrollen (Uher et al. 2005).
Zwischenzeitlich spricht eine Reihe an Befunden für die Relevanz von körperbezogenen Aufmerksamkeitsprozessen bei Essstörungen (Cordes et al. 2015). Selektive Aufmerksamkeitsverzerrungen für körper- und figurbezogene Stimuli werden ebenfalls der kognitiven Dimension eines gestörten Körperbildes zugeordnet – und können aufgrund ihres Zusammenhangs mit Körperunzufriedenheit auch an der Entwicklung von Essstörungen beteiligt sein.

Körperdysmorphe Störung

Gemäß den gängigen Klassifikationssystemen ist die körperdysmorphe Körperdysmorphe Störung(en)KlassifikationenStörung (KDS; DSM-5) bzw. dysmorphophobe StörungDysmorphophobie (ICD-10) diejenige psychische Störung, bei der eine umfassende Störung des Körperbildes am eindeutigsten als vorherrschendes Merkmal auftritt.
Zentrales Kriterium ist die übermäßige Beschäftigung mit einem wahrgenommenen Mangel oder einer Entstellung in der äußeren Erscheinung. Liegt tatsächlich eine körperliche Anomalie vor, so ist diese als leicht einzuschätzen und die Besorgnis der betroffenen Person stark übertrieben. Im Unterschied zu der weit verbreiteten leichten Unzufriedenheit mit der äußeren Erscheinung verursacht die Beschäftigung mit dem äußeren Makel im Rahmen der KDS starkes Leiden und beeinträchtigt das Funktionsniveau in sozialen oder wichtigen anderen Bereichen.
Prinzipiell kann sich der subjektive Makel auf jeden Bereich der körperlichen Erscheinung beziehen. Häufig bezieht er sich auf eher kleinere Körperbereiche, z. B. Haut (Falten, Narben, Flecken, Akne), Haare (Kopf- oder Körperbehaarung, z. B. als zu dünn oder zu ausgeprägt empfunden), Gesicht oder Zähne (Form, Größe, Symmetrie), einzelne Körperteile wie Brust, Bauch, Hände, Füße, Mund, Nase, Augen, Genitalien usw. (Kollei et al. 2013).
Dysfunktionale Überzeugungen kreisen um das eigene Aussehen bzw. seine Folgen (z. B. „meine Augen sind klein und hässlich“; „durch den [äußeren Makel] werden mich andere für minderwertig halten“). Die körperbezogenen EinstellungenKörperdysmorphe Störung(en)körperbezogene Einstellungen sind oftmals sehr stark ausgeprägt und nehmen z. T. den Charakter überwertiger Ideen an, sodass es den Betroffenen schwerfällt, sich von ihnen zu distanzieren bzw. zu erkennen, dass ihre Bewertungen verzerrt sind. In extremer Ausprägung können die Überzeugungen wahnhaften Charakter annehmen.
Die Sorgen über die äußere Erscheinung werden in sozialen Situationen aktualisiert, in denen sich der Betroffene durch andere bewertet bzw. beobachtet fühlt und in denen seine Selbstaufmerksamkeit gesteigert ist. Die affektiven Reaktionen sind Schamgefühle, Ängste, Wut, Niedergeschlagenheit und Verzweiflung.
Die gestörte Körperwahrnehmung führt zu Verhaltensweisen, Körperdysmorphe Störung(en)Verhaltensstrategiendie den Alltag oftmals stark beeinträchtigen. Das Verhalten zielt darauf ab, die vermeintlichen Mängel zu verbergen oder zu kontrollieren – u. U. wird es zwanghaft ausgeführt und nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Häufige Beispiele sind (vgl. Phillips 2005):
  • Kontrolle: Vergleich des eigenen Körperareals mit dem bei anderen Menschen; Abtasten des Körperareals; exzessive Spiegelbetrachtung zur Überprüfung des Makels

  • Rückversicherung: Befragen von vertrauten Menschen oder Ärzten (plastische Chirurgen, Zahnärzte, Dermatologen) zum äußeren Makel

  • Kaschieren: Abdecken des wahrgenommenen Defekts, z. B. durch Kleidung, Handschuhe, Polster; Verbergen durch bestimmte Körperhaltungen; intensives Pflegeverhalten, z. B. Kämmen, Haarentfernung, Make-up

  • Vermeidung: von Situationen oder Handlungen, in denen der Makel Beachtung finden könnte

Eine der bei Menschen mit KDS am meisten verbreiteten Verhaltensstrategien ist die exzessive Spiegelbetrachtung (mirror gazingMirror Gazing, körperdysmorphe Störungen) (Körperdysmorphe Störung(en)exzessive Spiegelbetrachtung (mirror gazing)Veale und Riley 2001). Während ca. 80 % zur Überprüfung ihres Äußeren im Spiegel neigen, vermeiden die übrigen Betroffenen Spiegel oder andere reflektierende Flächen, z. B. auch, indem sie diese abhängen oder mit Tüchern bedecken.
In kognitiv-behavioralen Erklärungsmodellen der KDS ist die exzessive Spiegelkontrolle zentral an der Aufrechterhaltung der Besorgnis um das äußere Erscheinungsbild und damit an der Aufrechterhaltung der Störung beteiligt (Veale et al. 1996). Diese als Sicherheitsverhalten konzeptualisierte Strategie trägt zur Erhöhung der Selbstaufmerksamkeit und selektiven Aufmerksamkeitsausrichtung bei und führt ggf. zu einer verzerrten (z. B. „vergrößerten“) Wahrnehmung des subjektiven Defekts.
Zur Körperbildstörung bei Essstörungen und KDS vgl. Box 13.1.

Somatoforme Störungen und dissoziative Störungen

Somatoforme StörungenPatienten, die anhaltend über (multiple) Körperbeschwerden und Schmerzen klagen, ohne dass sich ausreichende organpathologische Erklärungen für diese Beschwerden finden, leiden – auch wenn sie das selbst typischerweise nicht so erleben – an Störungen ihres Körperbildes im weiteren Sinne (Henningsen 1998). Damit ist die Tatsache gemeint, dass nach heutigem Verständnis weniger peripher-physiologische Dysfunktionen das Korrelat der Beschwerdewahrnehmungen der Patienten bilden als vielmehr Veränderungen in den zentralen Körperrepräsentanzen, die z. T. im Sinne von „Als-ob-Schleifen“ (Damasio 1994) den Eindruck hervorrufen, als wären Muskeln, Gelenke und andere Organe des Körpers krankhaft verändert und damit Quelle von Beschwerden.
Die neurophysiologischen Korrelate dieser Körperrepräsentanz sind inzwischen relativ gut benennbar, z. B. das afferente homöostatische Prozessierungsnetzwerk (Mayer et al. 2006). Klinisch ist dieses Verständnis somatoformer Störungen gut geeignet, um sowohl den engen Zusammenhang mit Angst und Depression als auch den unmittelbaren Einfluss des (interpersonellen) Kontextes auf das Beschwerdeerleben verständlich zu machen und dieses als primäres Thema auch vonseiten der Psychotherapie in den Blick zu nehmen. Einige empirische Befunde deuten auch die Relevanz von Störungen des Körperbildes im engeren Sinne bei Patienten mit somatoformen Störungen an; so ist bei ihnen z. B. die Tendenz zur Aufmerksamkeit auf Körpervorgänge und die Interpretation von Körperwahrnehmungen verändert (Kap. 28).
Dissoziative StörungenDissoziative Störungen der Bewegung und Empfindung, also KonversionsstörungenKonversionsstörungen, gehen auch in dem besagten Sinne mit Veränderungen des Körperbildes, insbesondere auch mit Veränderungen des Gefühls der willkürlichen Kontrolle über Körpervorgänge einher. Im Extrem korreliert die Tendenz zur somatoformen Dissoziation mit sog. Out-of-Body-ExperiencesOut-of-Body-ExperiencesOut-of-Body-Experiences, in denen der eigene Körper von außen wahrgenommen wird (Murray und Fox 2005).

Störungen der Geschlechts- und Körperidentität

KörperidentitätsstörungenGeschlechtsidentitätsstörungenTranssexualismusTranssexualismus als die am stärksten ausgeprägte Form einer gestörten Geschlechtsidentität geht mit der Überzeugung einher, in einem Körper mit dem nach eigenem Erleben falschen Geschlecht zu leben.
Bei der Body Integrity Identity DisorderBody Integrity Identity Disorder (vgl. Stirn et al. 2010) verspürt der Betroffene den anhaltenden, nicht wahnhaften Wunsch nach Amputation eines Körperteils, meist einer Extremität. Beide Arten von Störungen sind psychotherapeutisch nicht wesentlich veränderbar und werden heute als basale Störungen der körperlichen Identität aufgefasst (Löwe und Clement 1996; First 2005).

Andere psychische Störungen

Eine Vielzahl anderer psychischer Störungen geht mit Veränderungen von Körperbild und Körpererleben einher, ohne dass dies ein definierendes Merkmal dieser Störungen ist. Besondere differenzialdiagnostische Bedeutung haben dabei psychotische Ausformungen von einzelnen Störungsaspekten des Körperbildes und der Körperbildintegration.
Auch wenn die sog. Schizophrenie/schizophrene Störungenzönästhetischezönästhetische SchizophrenieZönästhetische Schizophrenie nicht in die internationalen Klassifikationssysteme aufgenommen wurde, ist die damit umrissene, sowohl auf Wahn wie auf Halluzinationen zurückgehende Störung von Körperwahrnehmung und Körperbild bei Schizophrenen ein besonders markantes Beispiel. Neuere Forschungen bestätigen dabei, dass es bei akut an SchizophrenieKörperbildstörungenbei Schizophrenie Erkrankten häufig zu Veränderungen sowohl im Sinne von körperlichen Beschwerden als auch in der Einschätzung der Körpergröße und Körpergrenzen kommt (Röhricht und Priebe 2002).
Weitere psychotische Ausformungen von Körperbildstörungen sind der dysmorphophobe WahnWahndysmorphophoberDysmorphophober Wahn, der sich von der KDS zentral durch die mangelnde, auch nur kurzfristige Korrigierbarkeit der Überzeugung von der Missgestaltung des infrage stehenden Körperteils unterscheidet, und die psychotische IdentitätsstörungIdentitätsstörungenpsychotischePsychotische Identitätsstörung, die mit der unkorrigierbaren Überzeugung einhergeht, in Wirklichkeit ein anderes als das oberflächlich erkennbare Geschlecht zu haben. Im Unterschied dazu ist beim Patienten mit TranssexualismusTranssexualismus die Unterscheidung von Wunsch und Realität in dieser Hinsicht erhalten.
Depressive StörungenDepression/depressive StörungenKörperbild-/erlebensstörung gehen mit vielen körperlichen Beschwerden, zugleich mit negativer Körperbewertung und niedrigem Vitalitätserleben einher, weisen also auch ausgesprochene Störungen des Körpererlebens und Körperbildes auf.

Chronische körperliche Krankheiten

Das Erleben chronischer Krankheiten geht mehr oder weniger stark mit Veränderungen des KörpererlebensKörpererlebenchronische körperliche Krankheiten und KörperbildesKörperbildchronische körperliche Krankheiten einher. Besonders ausgeprägt sind solche Veränderungen bei Krankheiten, Verletzungen oder Behinderungen, die äußerlich sichtbar und damit potenziell stigmatisierend sind (z. B. Hauterkrankungen, Brustkrebs). Gerade diese Krankheiten machen aber auch deutlich, dass Veränderungen des Körperbildes eng verwoben sind mit anderen kognitiven, affektiven und interpersonellen Aspekten des Krankheitserlebens und der Krankheitsbewältigung (z. B. Progredienzangst oder sozialer Unterstützung).

Spezifische körperbildorientierte psychotherapeutische Ansätze

Psychotherapiekörperbildorientierte AnsätzeGrundsätzlich kann sich Psychotherapie jedweder Art auf das Körperbild und Körpererleben eines Patienten auswirken, auch wenn die Psychotherapie darauf nicht spezifisch abhebt, z. B. wenn sich das depressive Körpererleben normalisiert, nachdem mit psychotherapeutischen Mitteln ganz allgemein die Depressivität gebessert wurde. Umgekehrt können körperpsychotherapeutische Verfahren, die das Körpererleben und auch das Körperbild direkt modulieren, Auswirkungen in weiteren Störungsbereichen haben, z. B. wenn sich durch Körperpsychotherapie allgemein die Negativsymptome bei Schizophrenie bessern (Röhricht und Priebe 2006).
Hier geht es um explizit körperbildorientierte Psychotherapieansätze im störungsorientierten Sinn der Kongruenz von Problem, Behandlung und Ergebnismessung. Diese spezifischeren Ansätze sind besonders dann von Belang, wenn Veränderungen des Körperbildes im engeren Sinne einen zentralen Aspekt des Störungsbildes ausmachen. Für das weite und wichtige Feld der Körperpsychotherapie insgesamt sei z. B. auf das Handbuch der Körperpsychotherapie von Marlock und Weiss (2006) verwiesen.

Körperbildinterventionen in der KVT

Körperbildtherapiekognitiv-behavioraleKognitive VerhaltenstherapieKörperbildinterventionenVerschiedene Adaptationen des kognitiv-verhaltenstherapeutischen Vorgehens wurden zum spezifischen Umgang mit einem negativen Körperbild entwickelt. Diese zielen darauf ab, ungünstige körperbezogene Wahrnehmungsprozesse (z. B. selektive Beachtung von problematischen Körperarealen), Einstellungen (z. B. zum eigenen Körper, zum erlebten Makel, zur Bedeutung für den Selbstwert, zu den Konsequenzen) und resultierendes Verhalten (z. B. Vermeidung von öffentlichen Situationen, in denen andere Personen den Körper betrachten könnten) zu verändern.

Merke

So werden ExpositionstechnikenExpositionstherapieKörperbildinterventionen eingesetzt, bei denen eine Person mit ihrer eigenen (problematisch erlebten) äußeren Erscheinung konfrontiert wird, um dabei verzerrte Wahrnehmungsprozesse, Bewertungsvorgänge, körperbezogene negative Gefühle und vermeidendes Verhalten zu verändern. Einsatz finden sie in Form von Video-Videoexposition oder SpiegelexpositionenSpiegelexposition.

Am Beispiel des Vorgehens von Tuschen-Caffier und Florin (2012) bei Bulimie soll verdeutlicht werden, wie diese Veränderungen des gestörten Körperbildes im Rahmen einer SpiegelexpositionBulimia nervosaSpiegelexposition erreicht werden sollen. In mehreren Sitzungen wird entsprechend einer ansteigenden Schwierigkeitshierarchie graduiert vorgegangen: Zunächst wird der Patient aufgefordert, sich in Alltagskleidung, in figurbetonterer Kleidung und dann im Gymnastikanzug in einem Ganzkörperspiegel zu betrachten. Durch gezielte Fragen lenkt der Therapeut die Aufmerksamkeit auf alle Körperbereiche von Kopf bis Fuß, d. h. auf die problematischen genauso wie die eher neutral erlebten Körperareale (Veränderung von selektiver Wahrnehmung). Der Patient wird aufgefordert, sein Äußeres laut in allen Einzelheiten zu beschreiben und dabei möglichst neutral und objektiv zu sein, ohne zu bewerten (Instruktion z. B. „Beschreiben Sie nun Ihre Ohren wie einem außenstehenden Maler, der Sie nicht sehen kann, aber ein Bild von Ihnen malen möchte“). Dieses Vorgehen erlaubt die Identifikation und Veränderung ungünstiger Bewertungen. Die einzelne Exposition soll dabei von hinreichender Dauer sein, um eine Habituation körperbezogener Ängste zu ermöglichen, während ungünstiges körperbezogenes Verhalten (wie z. B. Kaschieren, Vermeidung) unterbunden wird (Reaktionsverhinderung).
Die Module der kognitiv-verhaltenstherapeutischen KörperbildtherapieKörperbildtherapiekognitiv-behaviorale von Rosen et al. (1995) sind überblickartig in Tab. 13.1 dargestellt. Sie findet in Gruppen mit 4–5 Patienten über 8 wöchentlich stattfindende Sitzungen (à 1 h) statt.
Die eingesetzten kognitiven Techniken richten sich dabei weniger auf die direkte Veränderung der ungünstigen Körperbildbewertungen (z. B. „Die Brust ist lasch und formlos“), sondern stärker auf Kognitionen, die sich auf die Konsequenzen beziehen (z. B.: „Ich muss sie daher möglichst kaschieren, um nicht abgelehnt zu werden“). Es werden speziell die ungünstigen Kognitionen adressiert, die zu Scham- und Unsicherheitsgefühlen im Kontakt mit anderen Menschen führen.
Ausgehend von den kognitiv-behavioralen Modellvorstellungen der KDS formulierten Veale und Riley (2001) einige spezifische Therapieaspekte, die zur Reduktion des unangemessenen Spiegeleinsatzes zum Tragen kommen. Ausgangspunkt bildet die Erfassung der Zeit bei „langen“ Spiegelbetrachtungen und die Frequenz der „kurzen“ Spiegelbetrachtungen. Das Ziel besteht in einer „gesunden“ Verwendung von Spiegeln in Abhängigkeit der Tätigkeit (z. B. bestimmte Pflegehandlungen) und ohne dem Drang zur Benutzung eines Spiegels nachzugehen. Dabei kommt es also eher indirekt zu einer Reduktion der Zeit vor dem Spiegel und der Häufigkeit ihrer Verwendung.
An die von betroffenen Patienten mit ungünstiger Verwendung von Spiegeln richten sich Instruktionen, wie z. B.:
  • Spiegel von hinreichender Größe nutzen, sodass der größte Teil des Körpers abgebildet wird.

  • Die Aufmerksamkeit gezielt auf das (äußerlich beobachtbare) Spiegelbild lenken – und nicht auf ein inneres Abbild des eigenen Gemütszustands.

  • Die Aufmerksamkeit gezielt auf das ganze Gesicht/den ganzen Körper lenken und weniger auf einen spezifischen Bereich.

Weitere Therapiemanuale, welche die Körperbildtherapie einbeziehen, finden sich z. B. zu Adipositas (Hilbert und Tuschen-Caffier 2010) sowie Anorexia und Bulimia nervosa (Vocks und Legenbauer 2010).

Evaluation der Körperbildtherapie

KörperbildtherapieEvaluationOftmals finden körperbildbezogene Interventionen im Rahmen von breiter angelegten Behandlungsansätzen statt, sodass die Beurteilung ihrer Effektivität nicht einfach ist.
Jarry und Ip (2005) führten eine Metaanalyse zur Wirksamkeit in Studien durch, in denen kognitiv-behaviorale KörperbildtherapieKörperbildtherapiekognitiv-behaviorale den Schwerpunkt darstellte. Dabei wurden sowohl Studien an klinischen (KDS, Adipositas) als auch an nichtklinischen Gruppen eingeschlossen. Insgesamt 11 kontrollierte Studien erlaubten die Berechnung von „kontrollierten“ Effektstärken. Die generelle Effektstärke lag für Körperbildmaße im großen Bereich (d = 1,0; 99 %-CI 0,8 bis 1,3). Besonders die Dimensionen „Körperzufriedenheit“ und „Verhalten“ wiesen Verbesserungen auf. Die Autoren differenzierten zusätzlich, auf welche Dimensionen der Körperbildstörung die Intervention fokussierte (Zielbereiche „nur Einstellung/Kognition“, „Einstellung und Verhalten“, „Einstellungen, Verhalten und Wahrnehmung“), und ermittelten, dass die Therapien mit allen drei Zielbereichen effektiver waren als die Programme, die sich nur auf ein oder zwei Bereiche konzentrierten. Gezeigt wurde zusätzlich, dass klinische Gruppen von dem Vorgehen stärker profitierten als nichtklinische Gruppen.
Zwei der in die Metaanalyse aufgenommenen Studien belegen die Wirksamkeit der Körperbildinterventionen Körperbildtherapiekörperdysmorphe StörungenKörperdysmorphe Störung(en)Körperbildtherapiebei körperdysmorpher Störung (Rosen et al. 1995; Veale et al. 1996). So ergab sich bei 82 % der behandelten Patienten eine klinisch bedeutsame Verbesserung der Symptomatik (Rosen et al. 1995). Zwischenzeitlich wurden weitere Belege für die Wirksamkeit bei diesem Störungsbild vorgelegt (vgl. Williams et al. 2006).
Anzumerken ist, dass keine einzige Studie aus der Metaanalyse mit klinischen Essstörungspatienten durchgeführt wurde. Dabei zeigten Tuschen-Caffier et al. (2001) bei Patientinnen mit Bulimia nervosaBulimia nervosaKörperbildtherapie die Wirksamkeit der kognitiv-behavioralen TherapieKörperbildtherapiekognitiv-behavioraleKognitive VerhaltenstherapieEssstörungen der Körperbildstörung. Gerade auch für die Aufrechterhaltung der therapeutischen Erfolge scheint es wichtig zu sein, auch die bestehende Körperbildstörung zu behandeln (Fairburn et al. 1993; Wilson et al. 2002).
Hilbert und Tuschen-Caffier (2004) verglichen die kognitiv-behaviorale Körperbildtherapie mit Expositionsschwerpunkt mit der Körperbildtherapie mit kognitivem Schwerpunkt bei Patientinnen mit Binge-Eating-StörungBinge-Eating-StörungKörperbildtherapie und zeigen bei beiden Interventionen gleichermaßen eine Veränderung des Körperbildes anhand der Reduktion von automatischen Gedanken sowie Gewichts- und Figursorgen und eine Verbesserung der Körperzufriedenheit.
Im Bereich der Anorexia nervosaAnorexia nervosaKörperbildtherapie kommen überwiegend multimodale Therapieansätze zum Einsatz (vgl. AWMF S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie der Essstörungen“, DGPM 2010). Oftmals werden zur Korrektur der Körperschemastörung jedoch Videofeedback oder andere Interventionen eingesetzt. Unter eher experimentellen Bedingungen erwies sich der Einsatz als sinnvoll (Rushford und Ostermeyer 1997).

Ausblick

Zur Evaluation der Wirksamkeit von Körperbildinterventionen sind weitere kontrollierte Studien dringend erforderlich. Untersuchungen im Bereich der KDS wie auch der Essstörungen sollten längere Katamnesezeiträume zur Abschätzung der Aufrechterhaltung der Therapieerfolge berücksichtigen. Weiter müsste geklärt werden, welche therapeutischen Interventionen für die Wirksamkeit der Gesamttherapie zentral sind. Bislang wurde die Mehrzahl der beschriebenen psychotherapeutischen Interventionen bei Frauen überprüft, sodass die Evaluation auf Anwendungen bei weiteren Zielgruppen (Männer, Kinder) ausgedehnt werden sollte.
Die Relevanz von Körperbildstörungen bei medizinischen Erkrankungen (z. B. Krebserkrankungen, Hautkrankheiten oder HIV-Infektion, AIDS) bedarf weiterer Klärung. Wenn bei Betroffenen eine – in einem oder mehreren Bereichen – bestehende Körperbildstörung diagnostiziert wird, könnten körperbildorientierte psychotherapeutische Maßnahmen die medizinische Basisbehandlung sinnvoll ergänzen und damit zur Linderung des subjektiven Leidens sowie zur Verbesserung der Lebensqualität und der Adhärenz gegenüber indizierten medizinischen Maßnahmen beitragen.

Literaturauswahl

Cash and Deagle, 1997

T.F. Cash E.A. Deagle The nature and extent of body-image disturbances in anorexia nervosa and bulimia nervosa: a meta-analysis Int J Eat Disord 22 1997 107 125

Cash and Pruzinsky, 2004

T.F. Cash T. Pruzinsky Body Image: A handbook of theory, research, and clinical 2004

First, 2005

M.B. First Desire for amputation of a limb: paraphilia, psychosis, or a new type of identity disorder Psychol Med 35 2005 919 928

Gallagher, 2005

S. Gallagher How the Body Shapes the Mind 2005 Oxford University Press New York

Henningsen, 1998

P. Henningsen Somatisierung und Affektregulation: Elemente eines interpersonellen Modells G. Rudolf P. Henningsen Somatoforme Störungen. Theoretisches Verständnis und therapeutische Praxis 1998 Schattauer Stuttgart 185 198

Hilbert and Tuschen-Caffier, 2010

A. Hilbert B. Tuschen-Caffier Essanfälle und Adipositas: Ein Manual zur kognitiv-behavioralen Therapie der Binge-Eating-Störung 2010 Hogrefe Göttingen

Jarry and Ip, 2005

J.L. Jarry K. Ip The effectiveness of stand-alone cognitive-behavioral therapy for body image: a meta-analysis Body Image 2 2005 317 331

Kollei et al., 2012

I. Kollei S. Brunhoeber E. Rauh Body image, emotions and thought control strategies in body dysmorphic disorder compared to eating disorders and healthy controls J Psychosom Res 72 2012 321 327

Rosen et al., 1995

J.C. Rosen J. Reiter P. Orosan Cognitive-behavioral body image therapy for body dysmorphic disorder J Consult Clin Psychol 63 1995 263 269

Tuschen-Caffier and Florin, 2012

B. Tuschen-Caffier I. Florin Teufelskreis Bulimie: Ein Manual zur psychologischen Therapie 2012 Hogrefe Göttingen

Vocks and Legenbauer, 2010

S. Vocks T. Legenbauer Körperbildtherapie bei Anorexia und Bulimia nervosa: ein kognitiv-verhaltenstherapeutisches Behandlungsprogramm 2010 Hogrefe Göttingen

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen