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B978-3-437-23731-7.00007-7

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Das Baukastensystem der modularen PsychotherapieModulare PsychotherapieBaukastensystem

Vorschlag für die Weiterbildung in modularer Psychotherapie im Rahmen der Facharztweiterbildung für Psychiatrie und Psychotherapie Modulare PsychotherapieFacharztweiterbildung

Basiskompetenzen

(ohne Anspruch auf Vollständigkeit)

  • Therapeutische HaltungModulare PsychotherapieBasiskompetenzen

  • Beziehungsaufbau und -gestaltung

  • Gestaltung des therapeutischen Settings

  • Diagnostische Methodik

  • Mitteilung der Diagnose

  • Behandlungsplanung und Fokuswahl

  • Individuelle Hierarchisierung der Behandlungsziele

  • Motivationsaufbau

  • Problemaktualisierung

  • Ressourcennutzung

  • Kontinuierliche kritische Selbstreflexion

Allgemeine, störungsunspezifische Interventionen der Modularen Psychotherapie

(ohne Anspruch auf Vollständigkeit) Therapeutische BeziehungInterventionen, störungsunspezifische

  • Problemlösen

  • Selbstkontrollverfahren

  • Emotionsmodulation

  • Expositionsbasierte Techniken (in sensu, in vivo)

  • Kognitive Umstrukturierung

  • Kontingenzmanagement

  • Klärung

  • Konfrontation

  • Deutung

  • Verhaltensexperimente

  • Metakognitive/emotionale Intervention

  • Problem- und Bedingungsanalysen

  • Imaginative Techniken

  • Übende Verfahren (z. B. autogenes Training, progressive Muskelentspannung)

  • Hypnotherapie

  • Achtsamkeitsbasierte Therapien

  • Körperorientierte Verfahren

  • E-basierte Interventionen

Modulare Psychotherapie

Sabine C. Herpertz

Kernaussagen

  • Modulare PsychotherapiePsychotherapiemodulareModulare Psychotherapie setzt sich aus eigenständigen funktionellen Einheiten (Modulen) zusammen, die mit anderen Modulen vielfältig kombiniert werden können.

  • Konkrete Entscheidungen zur Auswahl und Sequenz der Module beruhen auf klinischen Flussdiagrammen bzw. empirisch gewonnenen Behandlungsheurismen.

  • Der Aufschwung der Modularen Psychotherapie ist u. a. aus dem zunehmenden Anspruch der Medizin an eine individualisierte Therapie zu verstehen.

  • Modulare Psychotherapie kann als Baukastensystem aufgefasst werden, das auf basalen Behandlungskompetenzen aufbaut und sowohl schulenübergreifende, unspezifische Techniken als auch störungsspezifische Techniken beinhaltet.

  • Eine Aus- und Weiterbildung in Modularer Psychotherapie könnte einen zukunftsweisenden Brückenschlag zwischen störungsspezifischen Psychotherapien und individualisierten transdiagnostischen Therapieansätzen darstellen.

  • Erste Studien zur Wirksamkeit stimmen optimistisch, allerdings ist die Modulare Psychotherapie noch nicht hinreichend evidenzbasiert.

Einleitung

Trotz der großen Erfolge, welche die evidenzbasierte PsychotherapiePsychotherapieevidenzbasierte in den letzten zwei Jahrzehnten gefeiert hat, mangelt es ihr an Dissemination und Implementierung im klinischen Alltag (Herpertz und Roth-Sackenheim 2012). Schon wird angesichts neuerer, als transdiagnostisch wirksam propagierter Methoden der drohende Verlust einer evidenzbasierten Psychotherapie beklagt. Ursächlich für ihre mangelnde Anwendung im Versorgungsalltag wird neben einer mangelnden Kenntnis manualisierter Psychotherapiemethoden unter Psychotherapeuten auch deren nomothetisches Vorgehen kritisiert, das keine hinreichende Anpassung an Schweregrad, Komplexität und Komorbidität psychischer Störungen erlaube und individuelle Merkmale von Patienten nicht ausreichend berücksichtige (Nelson et al. 2006). Nicht zuletzt Komorbiditätsraten von bis zu 80 %, z. B. bei der Depression (Lamers et al. 2011), verweisen auf die Notwendigkeit höherer Flexibilität im psychotherapeutischen Vorgehen.
Die Konzeptionalisierung einer Modularen Psychotherapie neben der Störungsspezifischen Psychotherapie und der verfahrensgeleiteten diagnoseübergreifenden Psychotherapie ist deshalb aus unterschiedlichen Gründen von Interesse (zur Übersicht: Ng und Weisz 2016). Zum einen eröffnet die Modulare Psychotherapie eine Schnittstelle zu dimensionalen, auf funktionellen Domänen gründenden Störungsmodellen, wie sie derzeit vom National Institute of Mental Health (NIMH) als Research Domain Criteria (RDoC)Research Domain Criteria (RDoC) die führenden Forschungstargets zur Detektion von Krankheitsmechanismen darstellen. Zum anderen könnte die Modulare PsychotherapieModulare PsychotherapieAnwendungsbereiche eine innovative Lösung für den Versorgungsalltag sein. Sie bietet sich als Curriculum für die Aus- und WeiterbildungModulare PsychotherapieAus-/Weiterbildung in Psychotherapie an, sehen sich Psychotherapeuten angesichts einer ständig wachsenden Zahl von störungsspezifischen Psychotherapien mit dem Problem konfrontiert, diese Anforderungen an eine evidenzbasierte Behandlung ihrer Patienten nicht nachhalten zu können.
Die erlebte Überforderung spitzt sich weiter zu angesichts von neu entwickelten psychotherapeutischen Methoden wie Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP) (Kap. 21.6.3) oder Schematherapie (Kap. 24.5.3), die sich immer weniger einem einzigen Therapieverfahren zuordnen lassen, sondern Anleihen aus verschiedenen Theorien und psychotherapeutischen Denkschulen nehmen (Hohagen und Lotz-Rambaldi 2012). Schließlich, und das dürfte von klinisch tätigen Psychotherapeuten besonders honoriert werden, bietet die Modulare Psychotherapie die Möglichkeit einer stärker individualisierten PsychotherapiePsychotherapieindividualisierte, die jeweils auf die spezifischen Problemlagen des einzelnen Patienten abgestimmt wird und die Besonderheiten eines jeden Patienten im Hinblick auf dessen spezifische Psychopathologie (z. B. Komplexität, Komorbidität und Chronifizierungsgrad) und Genese (z. B. Bedeutung von Traumata oder ungünstigen sozialen Umgebungsfaktoren) berücksichtigen kann. Damit bietet die Modulare Psychotherapie eine interessante Option in Hinblick auf die – in der somatischen Medizin bereits schrittweise realisierte – Forderung nach einer individualisierten Behandlung auch in der Psychiatrie.

Was meint modulare Psychotherapie?

Modulare PsychotherapieDefinition Modulare Psychotherapie besteht aus eigenständigen funktionellen Einheiten (Modulen), die mit anderen Modulen vielfältig kombiniert werden können, ohne diese für ihre eigene Wirkung zu benötigen (Chorpita et al. 2005: 142). Modulare PsychotherapieModulauswahlDie Module werden ausgewählt in Abhängigkeit von den Problemen, seltener den Symptomen und zunehmend den zentralen Funktionsstörungen des jeweiligen Patienten, und es können weitere Faktoren wie der Grad der Veränderungsmotivation und der sozialen Kompetenz sowie die psychosoziale Umgebungssituation einbezogen werden. Dabei entsprechen die zentralen Funktionsstörungen dem, was in Teil II dieses Buches als funktionsorientierte Diagnostik (Selbsterleben, Emotionsregulation, Intersubjektivität etc.) ausgeführt wird. Zeichnet sich z. B. eine Patientin, ganz gleich ob sie die Kriterien einer Borderline-Persönlichkeitsstörung oder einer Depression (Ehret et al. 2015) erfüllt, durch eine bedeutsame Störung der Emotionsregulation aus, so böte sich diese als das primäre Target an, das z. B. zur Auswahl des Trainings spezifischer Fertigkeiten (Skills) führt. Es könnte als nächstes Target eine Hypervigilanz gegenüber negativen sozialen Reizen folgen, was z. B. die Wahl aufmerksamkeitszentrierter Techniken zur Folge hätte. Modulare Psychotherapie gründet sich also – über die rein kategoriale Diagnostik hinaus – häufig auf eine genaue Funktionsdiagnostik sowie eine Operationalisierung von psychotherapeutischen Techniken auf mikrosequenzieller Ebene (Schmahl und Bohus 2014). Zukünftig, so hoffen neurowissenschaftlich forschende Psychotherapeuten, könnte die Modulauswahl auch auf der Grundlage zuvor identifizierter neurobiologischer Mechanismen erfolgen (s. weiter unten).
In der modularen Psychotherapie beruhen die konkreten Entscheidungen zur Auswahl und Sequenz der Module auf klinischen FlussdiagrammenModulare PsychotherapieEntscheidungsbäume (Ng und Weisz 2016) oder Behandlungsheurismen (Bohus et al. 2012) und damit auf dynamisch hierarchisierten Entscheidungsbäumen, die empfehlen, welche Interventionen bei welchem Patienten zu welchem Zeitpunkt zur Anwendung kommen sollen. Dabei können Module einmal oder mehrfach in Therapien eingebracht werden, und die Modulauswahl erfolgt nicht nur anhand der primären Diagnostik, sondern auch adaptiv im Therapieverlauf anhand des Ansprechens des Patienten auf spezifische Interventionen (Lei et al. 2012). Entsprechend muss die Therapie kontinuierlich von Aufzeichnungen zu günstigen und ungünstigen Patientenreaktionen hierauf begleitet werden. Modulare Psychotherapie – vor allem wenn im Forschungskontext betrieben – bedient sich über die individuelle Therapieplanung und Therapieadaptation hinaus auch erster empirischer Erkenntnisse aus der Prädiktorenforschung (Kap. 4.5). So schlossen Norcross und Wampold (2011) aus Metaanalysen zu patientenbasierten Merkmalen darauf, dass ReaktanzReaktanz oder auch CopingstileCopingstilePsychotherapie, Modulauswahl sich zur Auswahl individueller Adaptationen im Therapieverlauf eignen. Beutler et al. (2011) berichteten aus einer anderen Metaanalyse, dass Patienten mit hoher Reaktanz besser auf Behandlungen ansprechen, in denen Psychotherapeuten einen nichtdirektiven Behandlungsstil zeigen. Zukünftige Hoffnungen richten sich auf Entscheidungsmatrizen bzw. Entscheidungsbäume, die ihre Quelle in statistischen Methoden des Data-Mining haben; hier wird die einschlägige Fachliteratur systematisch nach solchen randomisierten klinischen Studien (RCTs) über Prädiktoren des Ansprechens auf Psychotherapie durchsucht, die Informationen über das therapeutische Vorgehen integrieren. Auf großen Datenpools aufbauend werden dann Algorithmen entwickelt, die Profile von häufig zur Anwendung gekommenen Behandlungstechniken in erfolgreichen Psychotherapien in definierten Patientenpopulationen erstellen (Chorpita et al. 2013).
Die auf individuellen Patientenmerkmalen basierende Zusammenstellung von psychotherapeutischen Techniken kommt dem Vorgehen von Psychotherapeuten im Behandlungsalltag näher als das störungsspezifische Vorgehen, das den präskriptiven Übertrag von Behandlungsmanualen aus RCTs in den Alltag impliziert. Zu betonen ist allerdings, dass die Entscheidungsheurismen in der modularen Psychotherapie, wie dargestellt, empirisch begründet sind und das Ansprechen des individuellen Patienten hierauf kontinuierlich dokumentiert und im Hinblick auf das weitere therapeutische Vorgehen ausgewertet werden muss.
Weniger aufwendige Studiendesigns verwenden Module, deren Auswahl a priori ohne die Möglichkeit der Adaptation an individuelle Patientenmerkmale und individuelle Behandlungsverläufe festgelegt wurde. Modulare PsychotherapieModulzusammensetzungDie Zusammensetzung der Module erfolgt in Hinblick auf typische Merkmale der Patientengruppe im Allgemeinen, z. B. spezifische Komorbidität bei Patienten mit depressiver Episode (Schramm et al., persönliche Mitteilung) oder mit Borderline-Persönlichkeitsstörung (Bohus et al. 2013), oder aber die Module fokussieren, wie in einer laufenden Untersuchung bei Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung (Herpertz et al., persönliche Mitteilung), auf spezifische Funktionsstörungen (vgl. RDoC-Systematik). Andere psychotherapeutische Methoden, die ursprünglich störungsspezifisch entwickelt wurden, werden inzwischen zu einer modularen Struktur weiterentwickelt und in der Anwendung auch für andere Patientengruppen empfohlen (z. B. Linehan und Wilks 2015).

Merke

Entscheidungsbäume zur Modulauswahl und zur Sequenz der Module können unterschiedlichen Ursprungs sein: Modulare PsychotherapieEntscheidungsbäume

  • Sie können im klinischen Setting auf der kontinuierlichen Aufzeichnung günstiger und ungünstiger Patientenreaktionen auf bestimmte Interventionen beruhen.

  • Im Forschungssetting können sie (in Zukunft) aus Metaanalysen und Data-Mining zu patientenbasierten Merkmalen als empirisch gewonnene Prädiktoren des Therapieoutcomes bei bestimmten Interventionen abgeleitet werden.

  • Zukünftig könnte die Auswahl von Techniken sich an behavioralen und neurobiologischen Mechanismen orientieren, die vor allem Dysfunktionen (z. B. wie in RDoC zusammengestellt) und weniger diagnostischen Kategorien unterliegen. Es können Mechanismen sein, die beim konkreten Patienten detektiert wurden, oder solche, die an spezifischen Subgruppen festgestellt wurden, zu denen der konkrete Patient begründetermaßen gehört.

Modulare Psychotherapie kann als Baukastensystem aufgefasst werden, das schulenübergreifend und damit jenseits des Schulenstreits unspezifische wie auch störungsspezifische Techniken beinhaltet (Bohus et al. 2012). Ziel dieser Interventionen ist es, sich selbst aufrechterhaltende Pathomechanismen zu verändern und gezielte Veränderungsmechanismen anzusprechen. Zunächst einmal berücksichtigt das modulare Baukastensystem allgemeine Grundfertigkeiten oder Basiskompetenzen zum Aufbau einer therapeutischen BeziehungModulare PsychotherapieBasiskompetenzen, zur Erstellung einer Fallkonzeption und Nutzung allgemeiner Wirkfaktoren (Box 7.1). Mit Basiskompetenzen sind solche grundlegenden therapeutischen Fähigkeiten gemeint, die unabhängig von der jeweils angewandten Intervention, den jeweils individuellen Patientenmerkmalen oder des jeweiligen Störungsbildes den psychotherapeutischen Prozess prägen. Hierzu gehören weitere, in allen Psychotherapien regelhaft zur Anwendung kommende TechnikenModulare PsychotherapieTechniken des Motivationsaufbaus, der Problemaktualisierung und Ressourcennutzung etc. (Schnell und Herpertz 2013). Die richtige Anwendung solcher Basiskompetenzen wirkt sich in hohem Maße auf die Qualität der therapeutischen Beziehung aus, die sich als wichtigster unspezifischer Wirkfaktor von Psychotherapien erwiesen hat (s. auch Kap. 4).
Das modulare System besteht im Weiteren aus allgemeinen, unspezifischen Interventionen wie u. a. Techniken der kognitiven Umstrukturierung, des Problemlösetrainings, der Achtsamkeitsfokussierung, des Kontingenzmanagements oder auch der Klärung, Konfrontation und Deutung (Box 7.2), die in vielen störungsspezifischen Manualen enthalten sind und damit diagnoseübergreifend häufig Anwendung finden. Schließlich sind im modularen Baukastensystem auch Techniken enthalten, die gewöhnlich bei ganz spezifischen Störungen zum Einsatz kommen, z. B. Exposition mit Reaktionsverhinderung oder antidissoziative Techniken (Abb. 7.1).

Erforschung von Krankheitsmechanismen als Targets modularer Psychotherapie

Psychische StörungenKrankheitsmechanismenModulare PsychotherapieKrankheitsmechanismen, ErforschungEinen wichtigen Anstoß zum Erblühen modularer Psychotherapien gab auch die experimental-psychopathologische und neurowissenschaftliche Forschung. Sie liefert Aufschluss über Krankheitsmechanismen, die zu Targets umschriebener psychotherapeutischer Interventionen werden. So fokussiert die funktionelle BildgebungModulare Psychotherapiefunktionelle Bildgebung/Domänen gewöhnlich auf von der normalen neuronalen Aktivität abweichende Netzwerke, die eher Dysfunktionen denn Störungen repräsentieren und als Mediatoren psychotherapeutischer Effekte aufgefasst werden können. Entsprechend mehren sich die Befunde dazu, wie definierte Psychotherapiemethoden auf spezifische Hirnnetzwerke Einfluss nehmen. So konnten wir kürzlich zeigen, dass Borderline-Patientinnen, die nach Skillstraining gemäß der Dialektisch-behavioralen Therapie (DBT) eine signifikante klinische Besserung zeigten, eine stärkere funktionelle Kopplung innerhalb des EmotionsregulationsnetzwerkesEmotionsregulationsstörungenPsychotherapie, d. h. zwischen präfrontalen und limbischen Regionen bei Aufforderung zur kognitiven Neubewertung aufwiesen als Patientinnen ohne klinische Besserung (Schmitt et al., persönliche Mitteilung). Folgerichtig wäre die Integration eines Moduls der kognitiven Umstrukturierung für Patienten mit Borderline-PersönlichkeitsstörungBorderline-Persönlichkeitsstörungmodulare Psychotherapie, aber auch darüber hinaus für alle Patientengruppen, die eine Emotionsregulationsstörung zeigen, hilfreich.
Indem modulare PsychotherapiePsychotherapietransdiagnostische Ansätze auf funktionellen Domänen fokussiert, die über verschiedene psychische Störungen hinweg in ähnlicher Weise zu finden sind, arbeitet sie „transdiagnostischTransdiagnostische Psychotherapie“ (Übersicht bei Clark und Taylor 2009; Dozois et al. 2009). Sie zielt auf die Verbesserung von kognitiven, emotionalen, interpersonellen und Verhaltensmerkmalen, die einer breiten Palette unterschiedlicher Störungen und Syndrome zugrunde liegen (Harvey et al. 2004) und zur Auswahl entsprechender Behandlungsmodule führen (Barlow et al. 2004). Dysfunktionen, die sich z. B. für eine solche gezielte Psychotherapie anbieten, sind verminderte emotionale Achtsamkeit und gestörte Emotionsregulation, eine Hypervigilanz gegenüber sozialer Bedrohung, aber auch eine gering ausgeprägte Fähigkeit zur MentalisierungMentalisierung(sfähigkeit)modulare Psychotherapie. Modulare Psychotherapie ist also gut anschlussfähig zu neurobiologisch fundierten Therapiemodellen, die darauf abzielen, die intrinsische Plastizität des menschlichen Gehirns zu nutzen, um neurale Netzwerke zu modulieren, die krankmachende Gedanken, Gefühle und maladaptives Verhalten repräsentieren (Crocker et al. 2013; Insel und Cuthbert 2015). In diesem Sinne bietet sie hervorragende Anknüpfungspunkte zur aktuellen biobehavioralen Erforschung von Funktionsdomänen, wie dies in RDoCs empfohlen wird (Kap. 7.2).
Eine etwas andere, aber ebenfalls zukunftsträchtige Entwicklung von Psychotherapie könnte darin liegen, Subgruppen von Patienten innerhalb diagnostischer Entitäten anhand von gemeinsamen Störungsmechanismen zu identifizieren, die von spezifischen Therapiemodulen in besonderer Weise profitieren. Diese Hypothese wird derzeit z. B. bei Patienten mit Depression und einer Vorgeschichte früher Traumata in komplexen Forschungsdesigns geprüft. Vor dem Hintergrund des unzureichenden Ansprechens auf die Standardtherapie könnte eine modulare Ergänzung auf der Grundlage von umschriebenen Dysfunktionen, die für Menschen mit früher Traumatisierung typisch sind, hilfreich sein (Teicher und Samson 2013).
Auch schon einfachere, nicht neurobiologische Methodik nutzende experimentelle Verhaltensstudien, die sich z. B. peripherer Physiologie und Eye-Tracking-Techniken bedienen, könnten Aufschluss über Krankheitsmechanismen geben, die bereits heute, auf der Ebene des individuellen Patienten die Wirksamkeit bestimmter psychotherapeutischer Techniken nahelegen und zukünftig eine auf den einzelnen Patienten zugeschnittene mechanismusbasierte modulare PsychotherapiePsychotherapiemechanismusbasierteModulare Psychotherapiemechanismusbasierte begründen könnten. Voraussetzungen für die Anwendung solcher Methoden sind die genaue Charakterisierung der angewandten Techniken und das „Dismantling“ („Auseinandernehmen“) von komplexen Psychotherapieprogrammen vor dem Hintergrund heuristisch gewonnener Krankheitsmodelle.

Merke

Eine modulare Psychotherapie zeigt konzeptionell gute Anschlussmöglichkeiten zu einer mechanismusbasierten Psychotherapie, die experimentalpsychologische und neurobiologische Erkenntnisse einbezieht.

Aus- und Weiterbildung in modularer Psychotherapie

Die Integration einer modularen PsychotherapiePsychotherapie-AusbildungModulare PsychotherapieModulare PsychotherapieAus-/Weiterbildung in die Aus- und Weiterbildung von Ärztlichen und Psychologischen Psychotherapeuten könnte als Brückenschlag zwischen störungsspezifischen Psychotherapien und individualisierten transdiagnostischen Therapieansätzen zielführend sein (s. auch Kap. 39). Details, wie eine solche Integration in die Weiterbildung von Assistenzärzten zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie aussehen könnte, wurden von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) bereits erarbeitet, könnten aber auch auf Ausbildungs- und Weiterbildungsbedürfnisse anderer Berufsgruppen von Psychotherapeuten angepasst werden (Abb. 7.2). Es bleibt derzeit allerdings noch abzuwarten, welche Weiterbildungsordnung verabschiedet werden wird und ob sie die modulare Psychotherapie als Baustein einbezieht.
Trotz klarer Darlegung der zu vermittelnden psychotherapeutischen Inhalte in der aktuellen Weiterbildungsordnung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mangelt es an einer Verzahnung der theoretischen Weiterbildung mit der klinischen Anwendung im derzeitigen Alltag. Eine theoretische Vermittlung der Grundlagen der Psychotherapie erscheint zwar weitläufig durchaus zu erfolgen, die Anwendung des Erlernten in der klinischen Praxis ist jedoch verbesserungsfähig.
Eine WeiterbildungsordnungPsychotherapie-AusbildungWeiterbildungsordnung, die sich im ersten Schritt am Erlernen einer modularen Psychotherapie orientiert, könnte von Anfang an die wesentlichen Basiskompetenzen, Techniken bzw. Interventionen einschließlich Heurismen zu deren Auswahl zunächst theoretisch und dann vor allem in der Anwendung unter Nutzung videobasierter Supervisionstechniken im klinischen Alltag vermitteln:
  • Im ersten Jahr der Weiterbildung könnten verfahrensübergreifende Basiskompetenzen erlernt werden, die unmittelbar im klinischen Alltag eingesetzt und unter regelmäßiger klinisch-supervisorischer Kontrolle dann schrittweise optimiert werden.

  • Im zweiten Jahr würde sich das Erlernen allgemeiner, unspezifischer psychotherapeutischer Interventionen anschließen, begleitet von der Vermittlung theoretischer Kenntnisse zu den wichtigsten Psychotherapieverfahren, um den theoretischen Hintergrund zu erarbeiten, aus dem die Interventionen entstammen und damit das notwendige Wissen um die Kontextabhängigkeit von Therapieeffekten.

  • Im dritten und vierten Weiterbildungsjahr könnten aufbauend auf einer inzwischen gewonnenen guten Kompetenz in Standardtechniken der Psychotherapie (s. auch Kap. 6) einige ausgesuchte evidenzbasierte Psychotherapiemethoden mit verfahrensbezogener Schwerpunktbildung für Störungen mit hoher Prävalenz erlernt werden.

Damit würden Weiterbildungskandidaten auch die Voraussetzungen zur psychotherapeutischen Tätigkeit im Richtlinienverfahren erwerben.

Wirksamkeit

Die Wirksamkeit der modularen PsychotherapieModulare PsychotherapieWirksamkeit ist empirisch erst ansatzweise untersucht. Allerdings sind entsprechende Untersuchungen auf dem Vormarsch. So konnten Weisz et al. (2012) in der MATCH-Studie (Modular Approach to Therapy for Children) die Überlegenheit einer modularen PsychotherapieModulare PsychotherapieAnwendungsbereiche für Kinder mit Angststörungen, Depression, Trauma und Störung des Sozialverhaltens bei hoher Komorbidität untereinander im Vergleich zur Standardtherapie und Regelversorgung nachweisen. In dieser Studie wurden vier Entscheidungsflussdiagramme vorgegeben, deren Auswahl anhand des führenden Problembereichs erfolgte, wobei alle vier Flussdiagramme auch Module zu den anderen drei Problembereichen enthielten und eine hohe Flexibilität in der Sequenz der Anwendung möglich war.
Inzwischen ließ sich zum Katamnesezeitpunkt nach 2 Jahren auch die Überlegenheit gegenüber der Regelversorgung, nicht aber gegenüber der Standardbehandlung feststellen (Chorpita et al. 2013). Interessanterweise konnte bei Verwendung einer modularen Psychotherapie eine im Vergleich zum Standardverfahren und zur Regelversorgung höhere Zufriedenheit sowohl auf Patienten- als auch auf Therapeutenseite nachgewiesen werden (Chorpita et al. 2015). Gute Ergebnisse wurden auch aus der modularen Behandlung von jugendlichenJugendlicheAutismus-Spektrumstörungen Patienten mit Autismus-Spektrumstörungen (Storch et al. 2013) sowie bei Erwachsenen mit körperdysmorpher Störung (Wilhelm et al. 2014) berichtet. In der letztgenannten Studie, in der an individuellen Besonderheiten ausgerichtete Psychotherapiemodule als Add-on zu einer Standardtherapie eingesetzt wurden, fand sich im Vergleich zu einer Wartelistengruppe eine signifikant erhöhte Responserate. Schließlich ist eine Übersichtsarbeit in diesem Zusammenhang erwähnenswert, die zu dem Schluss kam, dass die Wahrscheinlichkeit der erfolgreichen Implementierung einer Psychotherapie mit dem Grad an Flexibilität und Adaptation an eine konkrete Versorgungssituation zunimmt (Durlak und DuPre 2008).
In den nächsten Jahren wird sich entscheiden, ob eine modulare Psychotherapie, die auf der Veränderung von dimensional konzipierten Dysfunktionen und Problembereichen beruht und aufgrund eines flexiblen, adaptiven Vorgehens im Behandlungsverlauf dem Anspruch einer individualisierten Therapie standhält, einen tatsächlichen Paradigmenwechsel in der Psychotherapie bedeutet (Craske 2012; Insel und Cuthbert 2015).

Literaturauswahl

Bohus et al., 2012

M. Bohus S.C. Herpertz P. Falkai Modulare PsychotherapieRationale und Grundprinzipien Psychiatrie 9 2012 40 45

Chorpita et al., 2013

B.F. Chorpita J.R. Weisz E.L. Daleiden Long-term outcomes for the Child STEPs randomized effectiveness trial: a comparison of modular and standard treatment designs with usual care Research Network on Youth Mental Health J Consult Clin Psychol 81 6 2013 999 1009

Herpertz and Roth-Sackenheim, 2012

S.C. Herpertz C. Roth-Sackenheim Psychotherapeutische Versorgung in Deutschland Die Psychiatrie 9 2 2012 4 11

Lei et al., 2012

H. Lei I. Nahum-Shani K. Lynch A “SMART” design forbuilding individualized treatment sequences Annu Rev Clin Psychol 8 2012 21 48

Ng and Weisz, 2016

M.Y. Ng J.R. Weisz Annual research review: building a science of personalized intervention for youth mental health J Child Psychol Psychiatry 57 3 2016 216 236

Schnell and Herpertz, 2013

K. Schnell S.C. Herpertz Allgemeine Grundlagen und Basiskompetenzen S.C. Herpertz K. Schnell P. Falkai Psychotherapie in der Psychiatrie 2013 Kohlhammer Stuttgart 13 46

Weisz et al., 2012

J.R. Weisz B.F. Chorpita L.A. Palinkas Testing standard and modular designs for psychotherapy treating depression, anxiety, and conduct problems in youth: a randomized effectiveness trial Arch Gen Psychiatr 69 3 2012 274 282

Wilhelm et al., 2014

S. Wilhelm K.A. Phillips E. Didie Modular cognitive-behavioral therapy for body dysmorphic disorder: a randomized controlled trial Behav Ther 45 3 2014 314 327

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