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B978-3-437-23731-7.00009-0

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978-3-437-23731-7

„Ich“ versus „Selbst“ Selbstvs. IchIchvs. Selbst

(nach Markus und Kitayama 1991)

Dimensionen und Störungen des SelbsterlebensSelbsterlebenDimensionenIntersubjektivitätimpliziteIntersubjektivitätexpliziteSelbsterlebenbasalesBasales Selbst(erleben)Leibliches Selbst(erleben)SelbsterlebenleiblichesSelbsterlebenökologischesPersonales SelbsterlebenÖkologisches Selbst(erleben)Reflexives Selbst(erleben)Soziales Selbst(erleben)Existenzielles Selbst(erleben)Narratives Selbst(erleben)SelbsterlebenpersonalesSelbsterlebenreflexivesSelbsterlebensoziales Schizophrenie/schizophrene Störungenals basale SelbststörungDepression/depressive Störungenbasale SelbststörungenDepression/depressive Störungenaffektive ResonanzstörungAutismusHypomentalisierungSchizophrenie/schizophrene StörungenHypermentalisierungIch-Störungenschizophrene

Tab. 9.1
Dimension Phänomene Störungen (Beispiele)
Basales Selbst Präreflexives SelbstempfindenMeinhaftigkeit des Erlebens
  • Leibliches Selbst

Selbstvitalität, LebendigkeitSelbstaffektivitätBasale Selbstkontinuität Basale Selbststörungen in der Schizophrenie und DepressionDissoziative Zustände
  • Ökologisches Selbst

Sensomotorische SelbstkohärenzSelbsturheberschaft (agency) Selbstwirksamkeit Schizophrene Ich-Störungen
  • Primäres soziales Selbst

Zwischenleiblichkeit, Interaffektivität Affektive Resonanzstörung in schweren Depressionen
Erweitertes, personales Selbst Reflexives Selbsterleben
  • Reflexives Selbst

Perspektivenübernahme Wahn
Ich-Bewusstsein, Ich-Demarkation Transitivismus, Ich-Störungen
Rollenidentität („me“) Depressive Rollenfixierung
Selbstwertempfinden Narzisstische Störungen
  • Narratives Selbst

Autobiografische Identität Demenz
Selbstkonzept (Selbstbild – Selbstwert – Selbstideal) Fragmentierte Identität bei Borderline-Persönlichkeiten
  • Existenzielles Selbst

Selbstverhältnis, Selbstentwurf Selbstaktualisierung, Individuation Selbstaktualisierungsschwäche beim Typus melancholicus
Selbst und Intersubjektivität
  • Implizite Intersubjektivität

Intuitives, präreflexives soziales Verstehen (nonverbale Kommunikation, Zwischenleiblichkeit) Hypomentalisierung im Autismus
  • Explizite Intersubjektivität

Inferenzielles, reflexiv vermitteltes Verstehen (Perspektivenübernahme, Theory of Mind) Hypermentalisierung im schizophrenen Wahnerleben

Theorien der sozialen WahrnehmungSoziale KognitionSimulationstheorieSoziale KognitionTheorie-TheorieSoziale KognitionEmpathie- und InteraktionstheorieSoziale KognitionNarrativitätstheorieEmpathie(fähigkeit)frühkindliche Sozialisation

Tab. 9.2
Theorie Beschreibung
Simulationstheorie Unbewusste oder bewusste Simulation bzw. Imitation der wahrgenommenen Zustände anderer und (Rück-)Projektion auf sie
Theorie-Theorie Schlussfolgern auf die mentalen Zustände anderer („Mentalisieren“) aufgrund eines erworbenen Wissens über solche Zustände („Theory of Mind“)
Interaktionstheorie Unmittelbare Wahrnehmung des Gefühlsausdrucks und der Verhaltensintentionen anderer im Kontext der gemeinsamen Situation (primäre Empathie)
Narrativitätstheorie Zuschreibung von Intentionen und Überzeugungen aufgrund sprachlich vermittelter Narrative von typischen mentalen Prozessen

Selbsterleben und Selbststörungen

Thomas Fuchs

Kai Vogeley

Kernaussagen

  • Der Begriff des SelbstSelbst stellt eine zentrale Bezugsgröße für die Diagnostik und die psychotherapeutische Behandlung dar. Verschiedene, insbesondere schwerere psychische Krankheiten gehen unmittelbar mit psychopathologischen Störungen des SelbstSelbststörungen einher. Eine Kenntnis der verschiedenen Dimensionen des Selbsterlebens, von der basalen bis zur existenziellen Ebene, ist daher für die diagnostische Einordnung ebenso bedeutsam wie für die zu wählenden therapeutischen Interventionen.

  • Darüber hinaus betreffen psychische Störungen generell immer das SelbstverhältnisSelbstverhältnis des Patienten. Sie führen zu verschiedenen Formen der Stellungnahme, sei es des Copings, der Veränderungserwartung, aber auch der Abwehr oder des Widerstands, die für die Psychotherapie zentrale Ansatzpunkte bilden.

  • Schließlich sind die Erfahrung von Selbstwirksamkeit, die Möglichkeit der Selbstbestimmung ebenso wie die Dimensionen von Selbstakzeptanz und Selbstverantwortung essenzielle Voraussetzungen für die Behandlung. Das Selbsterleben des Patienten ist somit Ausgangs- und Zielpunkt aller psychotherapeutischenPsychotherapieSelbsterleben des Patienten Verfahren, unabhängig davon, welche Methoden und Interventionen jeweils zur Anwendung kommen.

Einleitung

Aufgrund seiner langen und weit verzweigten Tradition in Philosophie, Psychologie und anderen Humanwissenschaften entzieht sich der Begriff des SelbstSelbstBegriffsbestimmung einer stringenten und allgemein akzeptierten Definition. Als allgemeinste Aussage lässt sich vorläufig formulieren, dass das Selbst zunächst einen in jeder Erfahrung enthaltenen Pol des Erlebens bezeichnet, der das Bewusstseinsfeld auf ein Subjekt zentriert, der die Einheit des Erlebens im Zeitverlauf begründet, sich selbst jedoch einem direkten Zugriff entzieht – also das Selbsterleben im grundlegenden Sinn, oft auch als „Erste-Person-PerspektiveErste-Person-Perspektive“ bezeichnet. In einem weiteren Sinn bezieht sich der Begriff des Selbst aber auch auf einen Kern der Persönlichkeit, der bei allen lebensgeschichtlichen Wandlungen oder Umbrüchen eine Kontinuität bewahrt und insofern die Grundlage der personalen IdentitätIdentitätpersonale darstellt. Wie diese beiden Bedeutungen miteinander verknüpft sind, ist eine zentrale und bis heute offene Frage der Philosophie und Psychologie.
Aus zwei Gründen erscheint eine Auseinandersetzung mit Konzepten des Selbst für Psychotherapeuten sinnvoll und erforderlich. Zum einen bildet das Selbsterleben den primären Austragungsort psychischer Krankheit, die sich ja nicht auf eine Sammlung von diagnostisch relevanten Symptomen beschränkt, sondern den Patienten immer in seiner Selbstwahrnehmung, seinem Selbstbild und Selbstentwurf betrifft. Zum anderen beruhen alle therapeutischen Verfahren entscheidend auf dem SelbstverhältnisSelbstverhältnis des Patienten oder Klienten, also seiner Fähigkeit, zu sich selbst zumindest zeitweise Distanz einzunehmen, sich wahrzunehmen, zu befragen und sich selbst neu zu bestimmen – die zentrale Voraussetzung für alle Einsicht, Selbsterkenntnis, Veränderungsbereitschaft und -umsetzung. Sowohl in psychopathologischer als auch in psychotherapeutischer Hinsicht sind daher grundlegende Kenntnisse der Formen und Dimensionen ebenso wie der Störungen des Selbsterlebens eine Voraussetzung angemessener Beurteilung und Behandlung.
Ein Nachvollzug der komplexen Ideengeschichte des Begriffs in den verschiedenen Disziplinen liegt allerdings weit außerhalb der Möglichkeiten dieses Beitrags. Zu verweisen ist hier auf eine umfangreiche, in den letzten Jahrzehnten freilich kaum noch überschaubare Literatur, insbesondere auf die Übersichten bei Neisser (1988), Leary und Tangney (2005) oder Gallagher (2011). Drei Gesichtspunkte seien jedoch besonders hervorgehoben:
  • 1.

    Vom Ich zum Selbst: Selbstvs. IchIchvs. SelbstWährend traditionell für das Zentrum des Erlebens und der Persönlichkeit der Ich-Begriff üblich war, ist das Selbst in den letzten Jahrzehnten zunehmend an seine Stelle getreten. Das gilt etwa für die Psychoanalyse – für Freud war das Ich die moderierende Instanz des psychischen Apparats; erst bei Hartmann (1950) und später bei Kohut (1976) setzt sich das Selbst durch – oder auch für die Phänomenologie: Während Husserl noch vom „Ich-Zentrum“ der psychischen Akte sprach, gebrauchen neuere Autoren überwiegend den Selbst-Begriff (Waldenfels 2000; Zahavi 1999, 2005). Darin manifestiert sich eine grundsätzliche Verschiebung der Auffassungen von SelbsterlebenSelbsterlebenund Individualität und IndividualitätIndividualität und Selbsterleben: Anstelle des gleichsam punktförmigen, seiner selbst bewussten, sich autonom und souverän setzenden „Ich“ – erstmals in Descartes' cogito-Satz proklamiert – bezeichnet das SelbstSelbsterlebenBegriffsentwicklung einen vielschichtigeren, erweiterten Grund des Erlebens und der Person. Es erscheint in verschiedenen, zunächst un- und vorbewussten, insbesondere leiblichen Dimensionen und differenziert sich im Verlauf der frühkindlichenKind(er)Selbsterleben Entwicklung zunehmend, bis es sich schließlich zum reflexiven Selbst- oder Ich-Bewusstsein entfaltet (Kap. 9.2.1 f.). Das „IchIchreflexiv gewordenes Selbst“ ließe sich demnach als das reflexiv gewordene „Selbst“ bezeichnen.

  • 2.

    Relationalität des Selbst: WarSelbstRelationalität das Ich vor allem in Abgrenzung vom Anderen konzipiert, betonen neuere Konzeptionen des Selbst vielmehr dessen grundsätzliche Bezogenheit: Jedes Verhältnis zu sich selbst ist demnach zugleich ein Verhältnis zu anderen, von denen das Selbst affiziert, angeblickt oder angesprochen wird, auf die es reagiert, antwortet und so erst eigentlich zu sich selbst findet. Von der frühkindlichen Bindungsbeziehung bis zur entfalteten Persönlichkeit entwickelt sich die IdentitätKind(er)IdentitätsentwicklungIdentitätEntwicklung im sozialen Kontakt, in der Dialektik von Aneignung und Abgrenzung, von Identifizierung, Rollenübernahme und Individualisierung, in einem fortwährenden Prozess der Interaktion mit der Umwelt. Das Selbst ist somit interdependent; es „überlagert“ sich mit den relevanten Anderen, deren Repräsentanzen wesentliche Anteile des Selbst ausmachen (Abb. 9.1). Dies hat auch Konsequenzen für neuere Theorien der Intersubjektivität oder der sozialen Kognition: Sie gehen nicht mehr von einem in sich abgegrenzten „Ich-Bewusstsein“ aus, das erst auf indirektem Weg (über eine „Theory of Mind“, Mentalisierung o. Ä.) zum fremden, verborgenen Anderen hinfinden muss, sondern von einer primären, vorsprachlichen und zwischenleiblichen Beziehung des Selbst mit anderen (Stern 1998; Gallagher 2008; Fuchs und de Jaegher 2009; Vogeley et al. 2014; Zahavi 2014).

  • 3.

    Weder Instanz noch Konstrukt: „Das Selbst“ – eine nicht unproblematische Substantivbildung – scheint so etwas wie eine eigene Entität oder Instanz zu postulieren, die irgendwo in der psychischen Organisation einer Person zu finden wäre. Die bisherigen Überlegungen haben schon erkennen lassen, dass der Begriff nicht in solcher Weise verdinglichend verstanden werden darf. Mit dem abkürzenden Terminus „SelbstSelbsterlebenEinheit des Selbsterlebens im Zeitverlauf“ bezeichnen wir im Folgenden einerseits die Einheit des Selbsterlebens im Zeitverlauf, andererseits die personale IdentitätSelbsterlebenpersonale Identität als eine integrierende Organisationsform der Persönlichkeit, die maßgeblich vom Selbstverhältnis geprägt und dabei in fortwährender Wandlung begriffen, also prozesshaft zu denken ist. Jede Fixierung, Hypostasierung oder Verdinglichung ist dabei auszuschließen. Auf der anderen Seite ist das Selbst aber auch kein bloßer Konstrukt- oder Modellbegriff, der sich etwa kognitionswissenschaftlich in ein Ensemble von „selbstbezogenen“ Schemata, Überzeugungen, Einstellungen, Verarbeitungs- und Reaktionsmustern auflösen ließe. Gerade diese „Beziehung zu sich selbst“ wäre nämlich gar nicht möglich ohne ein primäres, präreflexives Selbsterleben, das in jeder Erfahrung mitgegeben ist. Selbstsein ist kein Konstrukt, sondern unsere jeweils grundlegende Realität.

Dies bedeutet freilich nicht, dass sich dieses Selbstsein als homogenes oder gar monolithisches Gebilde beschreiben ließe. Angemessener erscheinen mehrdimensionale, Aspekt- oder Musterkonzepte (z. B. „pattern theory of self“, Gallagher 2013), die von verschiedenen Dimensionen des Selbsterlebens ausgehen, nämlich von basalen, vital-leiblichen über affektive, soziale, reflexive, narrative bis hin zu existenziellen Aspekten. Damit lassen sich auch psychische Störungen differenzierter beschreiben, in denen ja häufig bestimmte Dimensionen des Selbsterlebens vorrangig betroffen sind. Die folgende Darstellung gilt daher zunächst den hauptsächlichen Dimensionen, wie sie sich auch in der psychischen Entwicklung von der frühen Kindheit an manifestieren (Kap. 2.1, Kap. 2.2, Kap. 2.3). Darauf aufbauend behandeln die Kap. 3.1, Kap. 3.2 und Kap. 3.3 paradigmatische Störungen des Selbsterlebens in der Psychopathologie.

Merke

Der Begriff des Selbst bezieht sich einerseits auf die Einheit des Selbsterlebens im Zeitverlauf, andererseits auf die Entwicklung der personalen Identität über die Lebensspanne hinweg. Er ist nicht substanzialistisch, sondern prozesshaft und relational aufzufassen.

Dimensionen des Selbst

DiagnostikDimensionen des SelbsterlebensPsychotherapieDimensionen des SelbsterlebensBezug nehmend auf neuere phänomenologische, entwicklungspsychologische und neurowissenschaftliche Konzepte (u. a. Stern 1998; Damasio 1999; Gallagher 2000; Rochat 2004; Zahavi 1999) unterscheiden wir im Folgenden zwei grundlegende Formen des Selbsterlebens, die sich jeweils weiter differenzieren lassen (Tab. 9.1):
  • das primäre, präflexive oder basale Selbst undSelbsterlebenbasales

  • das erweiterte, reflexive oder personale SelbstPersonales Selbst(erleben). Selbsterlebenpersonales

Primäres oder basales Selbst

SelbsterlebenbasalesBasales Selbst(erleben)Ein basales Selbsterleben ist allen Bewusstseinsprozessen inhärent. Es liegt vor jeder bewussten Aufmerksamkeit auf die eigene Person und vor jeder Selbstreflexion. Dieses basale Selbst lässt sich weiter differenzieren in die Dimensionen:
  • 1.

    leibliches Selbst

  • 2.

    ökologisches Selbst

  • 3.

    primäres soziales Selbst oder Selbst-mit-Anderen

Leibliches Selbst
Basales Selbst(erleben)leibliches SelbstLeibliches Selbst(erleben)Das basale Selbst ist zunächst charakterisiert durch ein implizites, präreflexives Selbstgewahrsein, das in jeder Erfahrung mitgegeben ist, ohne eine explizite Introspektion oder Reflexion zu erfordern. Jedes Erlebnis schließt auch das Empfinden ein, „wie es ist“, es zu haben, d. h., es ist unmittelbar und ohne gesonderte Selbstzuschreibung als „meinhaftMeinhaftigkeit“ gegeben (Nagel 1994; Zahavi 1999). Sehe ich z. B. eine Wohnung, so sehe ich nicht nur die Gegenstände vor mir, sondern bin mir zugleich implizit meines Sehens und meiner Gegenwart im Raum inne. Dieses Innesein ist nicht etwa ein zusätzliches Bewusstsein meiner selbst, sondern das allgemeine Medium jeder Erfahrung: Damit überhaupt etwas im Bewusstsein erscheinen kann, muss ein elementares Selbstempfinden dessen beteiligt sein, der über Bewusstsein verfügt.
Das primäre Selbst entsteht also nicht erst aus einer Selbstreflexion, bei der ich mich selbst zum Objekt meiner Aufmerksamkeit mache, auch nicht aus einer äußeren, sozialen Zuschreibung, die mich zu einer Person unter anderen macht. Wir könnten ein solches personales Ich-Bewusstsein gar nicht entwickeln, wenn es nicht schon zuvor ein elementares Selbstempfinden gäbe, das diese Zuschreibungen auf sich bezieht. Es verhält sich wie beim Spiegelbild: Das KleinkindKind(er)Selbsterleben kann sich nur im Spiegel erkennen, wenn es zuvor schon mit sich und seinem Leib vertraut ist.
Basales Selbst(erleben)MeinhaftigkeitAndererseits ist dieses basale Selbsterleben nicht nur als eine formale Voraussetzung von Erfahrung zu denken. Es schließt vielmehr die Dimensionen der LeiblichkeitBasales Selbst(erleben)Selbstvitalität und der Zeitlichkeit ein, d. h. die Selbstgegenwart eines leiblich und zeitlich verfassten Subjekts. Dazu gehört ein elementares Gefühl der SelbstvitalitätSelbstvitalität oder des Lebendigseins (Scharfetter 2002; Fuchs 2012a), das sich weiter in basale Lust- und Unlustgefühle, viszerale und propriozeptive Empfindungen des Leibes differenzieren lässt (SelbstaffektionSelbstaffektion). Die „Meinhaftigkeit“ des gespürten Leibes und all seiner Regungen ist der Kern des Selbsterlebens; auf neurobiologischer Ebene entspricht sie Damasios Konzeption des somatischenSomatisches Selbst oder „core self“,das auf der fortwährenden Interaktion von Signalen und Afferenzen aus dem Körper mit Thalamus, Tektum und zingulären Kortexarealen des Gehirns basiert (Damasio 1999).
Weiter schließt das basale Selbsterleben auch eine zeitliche SelbstkontinuitätSelbstkontinuitätBasales Selbst(erleben)Selbstkontinuität ein, die mit dem Bewusstseinsstrom als solchem gegeben ist, ohne dass es dazu einer expliziten Rückerinnerung bedarf (Husserl 1969). Bereits der Säugling erlebt eine Kontinuität seiner Erfahrung; er registriert Wiederholungen von ähnlichen Ereignissen und nimmt sie in sein impliztes oder prozedurales GedächtnisGedächtnisimpliztes (prozedurales) auf, lange bevor sich ab dem 2. Lj. sein episodisches und autobiografisches GedächtnisGedächtnisepisodisches entwickelt (Fuchs 2012b; Markowitsch und Welzer 2005). Daher bleibt die Kontinuität und Vertrautheit des basalen Selbsterlebens auch bei einem Verlust des autobiografischen GedächtnissesGedächtnisautobiografisches erhalten, wie etwa bei globalen Amnesien oder fortgeschrittenen Demenzerkrankungen (Summa und Fuchs 2015): Um sich selbst zu erleben, bedarf es keines Wissens von sich, so sehr wir dieses Wissen auch zu unserer Identität rechnen.

Merke

Das basale Selbsterleben bedingt die Meinhaftigkeit aller Erlebnisse, ihre Zugehörigkeit zu einem einheitlichen Subjekt der Erfahrung. Es schließt die Dimensionen der Leiblichkeit, Vitalität, Affektivität und der zeitlichen Kohärenz des Bewusstseins ein.

Ökologisches Selbst
Basales Selbst(erleben)ökologisches SelbstÖkologisches Selbst(erleben)Das primäre Selbsterleben ist freilich nicht auf den Innenleib begrenzt, sondern schließt auch die sensomotorische Beziehung von erlebendem Subjekt und Umwelt ein, die durch den Leib und seine habituellen Fähigkeiten vermittelt ist (Merleau-Ponty 1966). Durch seine Sinne, Glieder und Gewohnheiten ist der Leib eingebettet in den Umraum, der sich ihm als Feld von geeigneten Möglichkeiten und Valenzen präsentiert. Damit verknüpft ist das Empfinden von SelbsturheberschaftSelbsturheberschaft (agency), d. h. die Erfahrung, die Quelle von motorischer Spontaneität und Aktivität zu sein und so Veränderungen in der Umgebung (z. B. Widerstand, Objektbewegungen) selbst hervorrufen zu können. Auf diese Weise bilden sich sensomotorische Funktionskreise (von Uexküll 1920/1973), die wiederkehrende Erlebnisse von „beantwortetem Wirken“ bzw. SelbstwirksamkeitSelbstwirksamkeit(serfahrungen) hervorrufen, und die das basale Selbst zu einem leibräumlichen oder „ökologischen Selbst“ (Neisser 1988) erweitern. Die leibliche Dimension des Selbst ist dabei so eng an die Interaktion mit der Umwelt gebunden, dass seine erlebten Grenzen nicht einmal notwendig mit denen des Körpers zusammenfallen: Beim geschickten Werkzeuggebrauch, etwa beim Klavierspielen oder Autofahren, schließen sich die Instrumente an das Körperschema an und werden zu Teilen des leiblichen Selbst. Daher spürt etwa der Blinde den Boden an der Spitze seines Stocks, nicht in seiner Hand, und der geübte Autofahrer erweitert sein Körperschema so auf den Umfang des Wagens, dass er ohne Weiteres durch eine enge Gasse zu steuern vermag.
Entwicklungspsychologisch reichen die bisher beschriebenen Dimensionen des basalen Selbsterlebens bis in die Pränatalzeit zurück. Bereits ab dem 3. Monat steht der Fetus in vielfältigem sensomotorischem Kontakt mit seiner Umgebung, erkennbar an zunehmend geordneten Bewegungsmustern und Reaktionen auf Tast- oder Hörreize (Schindler 1987; Nickel 1993). Mit Sicherheit verfügt das Neugeborene bereits über ein elementares SelbsterlebenSelbsterlebenNeugeborene, denn es spürt den Schmerz oder Hunger als den seinen und reagiert darauf mit dem Ausdruck seines Affekts, etwa durch Schreien. Durch zunehmende Integration der propriozeptiven, kinästhetischen und sensorischen Modalitäten bilden sich im weiteren Verlauf nach der Geburt frühe Strukturen des Selbst aus, die sich als sensomotorische SelbstkohärenzSelbstkohärenzsensomotorische bezeichnen lassen. Stern (1998) hat von einem „Kern-SelbstKern-Selbst“ gesprochen, das sich ab dem 2./3. Lebensmonat ausformt und das dem hier dargestellten leibräumlichen oder ökologischen Selbsterleben entspricht.

Merke

Das ökologische Selbst resultiert aus den sensomotorischen Beziehungen zur Umwelt, die mit dem Erleben der Selbsturheberschaft (agency) und Selbstwirksamkeit (Antworten der Umgebung auf die eigenen Initiativen) verbunden sind.

Primäres soziales Selbst
Soziales Selbst(erleben)Basales Selbst(erleben)primäres soziales SelbstSo wie sich das ökologische Selbst in den allgemeinen sensomotorischen Interaktionen mit der Umwelt konstituiert, so entwickelt sich das primäre soziale Selbst in den zwischenleiblichen BeziehungenBeziehung(en)zwischenleibliche der ersten Lebensmonate. Babys sind schon kurz nach der Geburt in der Lage, mimische Bewegungen von Erwachsenen wie Mundöffnen, Zungezeigen oder Stirnrunzeln zuverlässig und nicht nur reflexhaft nachzuahmen (Meltzoff und Moore 1977, 1989). Sie verfügen also über ein angeborenes intermodales Körperschema, das die wahrgenommene Mimik der anderen in die eigenen, kinästhetisch empfundenen Körperbewegungen umsetzt. Das heißt, der eigene Körper und der des Anderen werden von vornherein als miteinander verwandt erfahren.
Über die zunächst nur körperliche Nachahmung entwickelt sich zunehmend auch eine emotionale Resonanz mit den Bezugspersonen. Bereits mit 6–8 Wochen zeigen sich in Mutter-Kind-Dyaden sog. Proto-KonversationenProto-Konversationen, d. h. fein abgestimmte Koordinationen von Gestik, Vokalisierungen und Affekten (Trevarthen 2001). In ihrem Verlauf erwirbt das KindKind(er)Beziehungswissen, implizites spezifische affektiv-interaktive SchemataSchemataaffektiv-interaktive („schemes of being with“), die sich mit Stern (1998) auch als „implizites BeziehungswissenBeziehungswissen, implizites“ beschreiben lassen – ein präreflexives Wissen oder knowing-how, nämlich wie man mit anderen umgeht, Gefühle austauscht, Aufmerksamkeit erregt, Ablehnung vermeidet, Kontakt wiederherstellt usw. Es entspricht dem, was Merleau-Ponty (2003: 256) als „ZwischenleiblichkeitZwischenleiblichkeit“(intercorporéité) bezeichnet hat – ein wechselseitiges Verstehen auf der Basis von leiblicher Kommunikation und EmpathieEmpathie(fähigkeit)frühkindliche Sozialisation. Durch diese leiblich-affektive Resonanz lernt der Säugling sich selbst im Anderen kennen; er entwickelt ein Selbst-mit-AnderenSelbst-mit-Anderen oder ein soziales Selbst. Zugleich differenzieren sich zunehmend seine primären Affekte, die zunächst immer in den zwischenleiblichen Austausch eingebettet sind: Der Affekt der geteilten Freude, der z. B. in einer Spielsituation von Mutter und Kind auftaucht, lässt sich nicht zwischen beiden aufteilen. Gefühle entstehen vielmehr aus dem „Zwischen“, d. h. in übergreifenden sozialen Situationen der InteraffektivitätInteraffektivität (Fuchs 2016). Diese Erfahrungen von affektiv und atmosphärisch geteilter Gegenwart sind auch für die psychotherapeutische Interaktion von zentraler Bedeutung („now-moments“,Stern 2010).

Resümee

Zusammengefasst verbinden sich im basalen Selbsterleben folgende Komponenten: SelbsterlebenbasalesBasales Selbst(erleben)

  • Meinhaftigkeit, Vitalität und Affektivität des Leiberlebens

  • Zeitliche Selbstkontinuität

  • Sensomotorische Kohärenz, Selbsturheberschaft und Selbstwirksamkeit

  • Erleben des „Selbst-mit-Anderen“, vermittelt durch Zwischenleiblichkeit und Interaffektivität

Das basale Selbst ist demnach kein kognitives Konstrukt, kein Selbstkonzept oder explizites Wissen-von-sich, es entsteht auch nicht erst durch eine sprachliche Zuschreibung seitens anderer, sondern es entfaltet sich als präverbales und präreflexives Selbsterleben in den Prozessen verkörperter Wahrnehmung, Aktion und Interaktion.

Erweitertes, personales Selbst

Personales Selbst(erleben)SelbsterlebenpersonalesMit der zentralen menschlichen Fähigkeit, sich aus der Perspektive der anderen zu sehen und so zu sich selbst in ein reflexives Verhältnis zu treten, entwickelt sich auf der Basis des primären Selbsterlebens das personale Selbst. Es lässt sich weiter differenzieren in die Dimensionen:
  • Reflexives Selbst

  • Narratives Selbst

  • Existenzielles Selbst

Reflexives Selbst
Personales Selbst(erleben)reflexives SelbstReflexives Selbst(erleben)Das primäre Selbsterleben resultiert, wie wir sahen, weder aus einer Selbstreflexion noch aus einer sozialen Zuschreibung; es ist vielmehr in jeder Erfahrung von Geburt an mitgegeben. Erst ab dem 2. Lj. entwickelt sich schrittweise das reflexive Selbst, erkennbar an der Fähigkeit, sich selbst im Spiegel zu erkennen, sich aus der Perspektive der anderen zu sehen, und sich schließlich mit „ich“ zu bezeichnen („Erste-Person-PerspektiveErste-Person-Perspektive“). Die Differenz von Selbst und anderen, die vorher nur implizit gegeben war, wird nun als solche bewusst, und das Kind beginnt sich als eine Person unter anderen zu erkennen. Kind(er)Selbsterleben
Einen zentralen Schritt auf diesem Weg bilden ab dem 9. Lebensmonat Situationen gemeinsamer AufmerksamkeitAufmerksamkeit, gemeinsame (joint attention): Das Kind lernt auf ein Objekt zu zeigen, damit die Aufmerksamkeit der Mutter zu lenken und sich durch Rückblicke ihrer Beteiligung zu vergewissern. Damit beginnt es die Mutter als Wesen mit einer eigenen Intentionalität zu erfassen, d. h. mit einer Perspektive, die von seiner eigenen verschieden ist (Tomasello 2006; Mundy und Newell 2007; Fuchs 2013a). Diese Fähigkeit zur Erfassung der Perspektive anderer ist die entscheidende Voraussetzung, um diese Perspektive schrittweise als reflexives SelbstbewusstseinSelbstbewusstsein, reflexives zu verinnerlichen: Das Kind betrachtet nicht mehr nur äußere Objekte, sondern auch sich selbst mit den Augen anderer und wird sich so zum Objekt. Damit erhält auch sein Leib eine Außenseite, er wird zum „Körper-für-andere“ (Sartre 1962), von anderen gesehen und bewertet. Daraus resultiert das KörperbildKörperbild (body image) als bedeutsame Komponente des SelbsterlebensSelbsterlebenKörperbild, wenngleich verschieden vom primär gespürten Leib (Kap. 13).
Personales Selbst(erleben)I vs. meDie Herkunft des personalen Selbstbewusstseins aus der Interaktion mit dem sozialen Anderen hat, in der Nachfolge Hegels, vor allem G. H. Mead (1934) betont. Er unterscheidet das spontane, unreflektierte Selbstsein (I) vom objektivierten Selbst (me) – ich, wie ich mich als von den anderen widergespiegelt erfahre. Daraus resultiert eine dialektische Auseinandersetzung zwischen dem primären Selbsterleben und den von anderen übernommenen Haltungen oder Rollen, die sich das Individuum aneignet, und die so zum Teil seiner Identität werden. Das „me“ lässt sich somit auch als der gewordene oder Strukturaspekt, das „I“ als der werdende oder prozessuale Aspekt des Selbst verstehen: „Die Haltungen der anderen bilden das organisierte ‚me‘, und man reagiert darauf als ein ‚I‘“(Mead 1968: 218). Das „me“ enthält die Werte, Normen und Rollen der Gesellschaft, ihre Aneignung geschieht jedoch durch das „I“ selbst. Das Selbst (self) als die soziale Identität des Individuums bildet sich aus der Wechselwirkung zwischen „I“ und „me“, oder durch die fortwährende Integration von Prozess und Struktur.
Diese Entwicklung ist auf das Engste verknüpft mit den affektiven Beziehungen zu anderen (Rochat 2009). Die Perspektiven- und Rollenübernahme ist keineswegs nur eine kognitive Leistung, sondern schließt eine Reihe von „selbstreflexiven EmotionenEmotion(en)selbstreflexive“ wie Scham, Verlegenheit, Schuldgefühl oder auch Stolz ein, die auf dem internalisierten, bewertenden „Blick der anderen“beruhen (Seidler 1995; Fischer und Tangney 1995). Das SelbstwertgefühlSelbstwertgefühl als zentrale Persönlichkeitseigenschaft entwickelt sich aus dem fortwährenden Abgleich zwischen der Selbsteinschätzung und den wahrgenommenen Bewertungen anderer. Dabei spielen internalisierte Idealvorstellungen, also das SelbstidealSelbstideal, eine zentrale Rolle. Auch Identifizierungen mit bedeutsamen Anderen, die die Rollenübernahme und Identitätsentwicklung begünstigen, verlaufen wesentlich über affektive Bewertungen und Bindungen. Auf der anderen Seite ist eine Vielzahl von psychischen Störungen wie Depression, soziale Phobie, Anorexie oder Borderline-Störung eng mit den internalisierten Selbstbewertungen der Scham- und Schuldaffekte verknüpft (Fuchs 2002, 2007).

Merke

Das reflexive Selbst beruht auf der Fähigkeit zur Übernahme der Perspektive anderer, die als Selbstbewusstsein internalisiert wird. Damit verbunden sind reflexive Emotionen wie Scham, Schuld oder Stolz ebenso wie das Selbstwertempfinden.

Narratives Selbst
Narratives Selbst(erleben)Personales Selbst(erleben)narratives SelbstDie Identitätsentwicklung wird nicht nur durch die Perspektiven- und Rollenübernahme geprägt. Ebenso bedeutsam sind die sprachlichen InteraktionenInteraktion(en)sprachliche mit anderen und die damit ab dem 2. Lj. entstehenden Strukturen begrifflichen Denkens. Sie erlauben es, die Episoden der eigenen Lebensgeschichte sprachlich-konzeptuell miteinander zu verknüpfen und so die erinnerte Vergangenheit, Gegenwart und mögliche Zukunft zu einer übergreifenden, nicht mehr nur momentanen Kontinuität des Selbst zu integrieren. Das so entstehende episodische GedächtnisEpisodisches GedächtnisGedächtnisepisodisches (Tulving 1983) ermöglicht nun mentale „Zeitreisen“ durch die subjektiv vergegenwärtigte Zeit und entwickelt sich durch zunehmend detaillierte Verknüpfungen vom 2. bis 4. Lj. zum autobiografischen GedächtnisAutobiografisches GedächtnisGedächtnisautobiografisches (Markowitsch und Welzer 2005).
Das eigene Leben wird damit erzählbar und als solches zum wesentlichen Bestandteil der eigenen Identität – daher hat sich in der Phänomenologie und Sozialpsychologie das Konzept der narrativen IdentitätIdentitätnarrativeNarrative Identität durchgesetzt (MacIntyre 1981; Carr 1986; Schechtman 1996; Hutto 2008). Es bringt zum Ausdruck, dass das personale Selbst sich wesentlich durch Sprache und durch Geschichten konstituiert, die wir einander erzählen und in die wir wechselseitig verstrickt sind. Wenn wir also nach unserer Person gefragt werden, dann werden wir bestimmte Geschichten erzählen, dabei Kontinuitäten, Leitmotive, Überzeugungen, Ziele und Bestrebungen herausheben. So spielt sich auch der größte Teil psychotherapeutischerPsychotherapieNarrative Behandlung in Form von kürzeren oder längeren Narrativen ab.
Zur narrativen Identität gehört aber nicht nur die erinnerte Vergangenheit, sondern auch das Wissen über die eigene Person, die persönlichen Eigenschaften, Fähigkeiten, Vorlieben, typischen Reaktions- und Verhaltensweisen – also das, was man auch als SelbstkonzeptSelbstkonzept bezeichnet (Hannover 2002; Kap. 12). In einem umfassenderen Sinn lässt sich das Selbstkonzept auch als die in sich widersprüchliche Einheit von SelbstbildSelbstbild(er), SelbstwertSelbstwert und SelbstidealSelbstideal ansehen, die immer wieder miteinander abzugleichen eine wesentliche Aufgabe der psychischen Entwicklung und Reifung darstellt (Rogers 1959). Interventionen zur Förderung der SelbstwertregulationSelbstwertregulation und SelbstakzeptanzSelbstakzeptanz stellen daher eine wichtige Komponente bei den meisten Therapieansätzen und -verläufen dar (Kap. 12).

Merke

Das narrative Selbst resultiert aus sprachlich-begrifflichen Selbstzuschreibungen bzw. lebensgeschichtlichen Narrativen auf der Basis des autobiografischen Gedächtnisses. Es enthält damit auch das Selbstkonzept als Gesamtheit von Kenntnissen, Einschätzungen und Bewertungen der eigenen Person.

Die Entwicklung der narrativen IdentitätIdentitätnarrativeNarrative Identität basiert dabei nicht zuletzt auf der Fähigkeit der Person, auch widersprüchliche eigene Aspekte und Tendenzen in ein kohärentes Selbsterleben und Selbstbild zu integrieren. Abweichende Tendenzen und Bestrebungen müssen oft dauerhaft ausgeschlossen werden, damit keine kognitiven Dissonanzen entstehen, ja damit die eigene Geschichte nicht in inkohärente Fragmente zerfällt. Dies ist häufig nur um den Preis der Verdrängung wichtiger Erinnerungen, Wünsche und Bedürfnisse möglich:

„‚Das habe ich getan‘, sagt mein Gedächtnis. ‚Das kann ich nicht getan haben‘ – sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – gibt das Gedächtnis nach.“

Nietzsche (1980: 86)

Klassische neurotische StörungenNeurosen/neurotische Störungennarrative Identität lassen sich vor diesem Hintergrund auch als Manifestation verdrängter Wünsche und Konflikte interpretieren, die vom Bewusstsein ausgeschlossen wurden, um eine kohärente und verlässliche Identität zu etablieren. Ihnen stehen allerdings zunehmend Störungsbilder wie die Borderline-PersönlichkeitBorderline-Persönlichkeitsstörungnarrative Identität gegenüber, in denen die Ausformung einer kohärenten narrativen Identität überhaupt nur fragmentarisch gelingt (Kernberg 1975; Philipps 2002; Fuchs 2007).
Existenzielles Selbst
Existenzielles Selbst(erleben)Personales Selbst(erleben)existenzielles SelbstDie Darstellung des personalen Selbst wäre nicht vollständig ohne die Dimension der Existenz. Sie resultiert nach Heidegger (1927) und Jaspers (1932) aus der grundlegenden Tatsache, dass dem Menschen sein Dasein nicht einfach vorgegeben ist, sondern zur Aufgabe wird, die er im Bewusstsein der Endlichkeit seines Lebens zu gestalten hat. Die Freiheit der Selbstbestimmung ist das Vorrecht, aber auch die unausweichliche Grundsituation des Menschen, die mit vielfältigen Phänomenen wie Angst, Ambivalenz, Schuld, Vermeidung, Abwehr und Selbstverfehlung verknüpft ist. Sie kann unter widersprüchliche Anforderungen (etwa ego- versus allozentrischer Bedürfnisse) geraten und den Menschen schließlich auch in Grenzsituationen (Jaspers 1932) führen, in denen der Sinn und das Ziel der eigenen Existenz fragwürdig werden. Für Menschen mit einer „existenziellen VulnerabilitätVulnerabilitätexistenzielle“, einer besonderen Sensitivität für die Widersprüche des Daseins, können sie zum Auslöser für psychische Krisen und Erkrankungen werden (Holzhey-Kunz 1994; Fuchs 2008).
Die existenzielle Dimension eröffnet andererseits auch den Raum für den eigenen Selbst- und Lebensentwurf, für Zukunftsvorstellungen und mögliche SelbstaktualisierungSelbstaktualisierung. Auch störungsspezifische Psychotherapien sollten diese Dimension nicht außer Acht lassen, denn aus ihr können der therapeutischen Arbeit wesentliche Motivationen zufließen. Die Fragen, wer ich sein möchte, wie ich mir mein Leben in der Zukunft vorstelle und was mich möglicherweise an der Realisierung hindert, bilden als Lebensthemen den grundlegenden Ausgangspunkt für jede Selbstveränderung. Verschiedene psychotherapeutische Schulen haben in der psychischen Entwicklung auch eine inhärente Tendenz zu Selbstaktualisierung und Wachstum gesehen, die es freizusetzen und zu unterstützen gelte. So sah C. G. Jung (1933/1993) in der Individuation die Möglichkeit einer Lösung von starren Rollenmasken und einer Integration bislang ungelebter Selbstanteile – eine Aufgabe, die er vor allem der zweiten Lebenshälfte zuwies. Neurotische Störungen entstehen danachNeurosen/neurotische StörungenIndividuation, blockierte, wenn dieser Individuationsprozess blockiert ist und die Entfaltung der autonomen Person misslingt.

Merke

Das existenzielle Selbst ergibt sich aus dem Selbstverhältnis, der Freiheit der Selbstbestimmung und des eigenen Lebensentwurfs. Die Begriffe der Selbstaktualisierung und Individuation bezeichnen die persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten und -aufgaben über die Lebensspanne hinweg.

Zwar erscheint die auf Winnicott (1965/2002) zurückgehende Entgegensetzung von „wahrem“ und „falschem Selbst“ als problematisch, insofern sie ein vorgegebenes Selbst postuliert, das realisiert oder verfehlt werden kann, statt die Selbstentwicklung in einer dialektischen Auseinandersetzung von Eigenem und Fremdem zu sehen. Ebenso wird der vor allem von der humanistischen Psychologie vielfach vertretene Primat der „Selbstverwirklichung“ heute zunehmend kritisch gesehen (Maslow 1973; Schlette 2013). Dennoch streben Menschen in ihrem Leben grundsätzlich nach einem Gefühl von Selbstkohärenz und -kongruenz, und dem Entschluss zur Aufnahme einer Psychotherapie liegt häufig nicht nur eine aktuelle Symptomatik, sondern auch ein tiefer reichendes Gefühl der SelbstentfremdungSelbstentfremdung zugrunde. Daher bleiben die existenziellen Gegensätze von AuthentizitätAuthentizität vs. AnpassungAnpassung und SelbstaktualisierungSelbstaktualisierung vs. SelbstentfremdungSelbstentfremdung grundlegende Themen der Psychotherapie.

Resümee

Personales Selbst(erleben)SelbsterlebenpersonalesZusammengefasst ist das personale Selbst durch folgende Merkmale charakterisiert:

  • die Fähigkeit, andere als intentionale Agenten zu verstehen und ihre Perspektive nachzuvollziehen (Perspektivenübernahme)

  • ein höherstufiges Bewusstsein der eigenen Zustände und Erlebnisse (introspektives, reflexives oder Selbstbewusstsein)

  • die Fähigkeit, die eigenen Erfahrungen zu verbalisieren und zu kohärenten Geschichten zu verknüpfen (narrative Identität)

  • ein begriffliches und autobiografisches Wissen, ein Bild und ein Idealbild von sich selbst (Selbstkonzept)

  • eine Tendenz zur Selbstaktualisierung und Individuation, die sich in übergreifenden Lebensentwürfen und Lebensthemen manifestiert (existenzielles Selbst)

In all diesen Aspekten weist das personale Selbst eine inhärent intersubjektive Struktur auf: Es konstituiert sich nur durch die fortwährende Beziehung zu anderen. So ist etwa die narrative Identität an aktuelle oder potenzielle Interaktionspartner („Zuhörer“) gebunden, ja, die anderen sind immer auch „Co-Autoren“ unserer Lebensgeschichte (Carr 1986). Trotz dieser komplexen und dialektischen Struktur aber bleibt auch das personale Selbst vom präreflexiven Selbstgewahrsein oder basalen Selbst abhängig: Nur ein Wesen mit einem primären Selbsterleben ist in der Lage, sich selbst auch aus der Sicht der anderen zu sehen, Geschichten von sich zu erzählen und ein Selbstkonzept zu entwickeln.

Selbst und Intersubjektivität

Nach der Darstellung der wichtigsten Dimensionen und Entwicklungsstadien des Selbst wenden wir uns der intersubjektiven Dimension des SelbstSelbsterlebenDimensionenSelbsterlebenIntersubjektivität noch einmal gesondert zu, nämlich den Formen und Theorien der sozialen Wahrnehmung und Kommunikation.
IntersubjektivitätIntersubjektivität ist eine implizit oder explizit immer gegenwärtige Dimension des Erlebens: Von früher Kindheit an machen wir als Menschen einen fundamentalen Unterschied zwischen Personen und Dingen – vermutlich auch aufgrund einer neurobiologisch verankerten Disposition, uns besonders für das Verhalten und Erleben von anderen Personen zu interessieren (Heider 1977; Simion et al. 1998; Vogeley 2016a; Vogeley et al. 2014). Den meisten von uns ist der Kontakt zu anderen Menschen auch ein Bedürfnis, etwa innerhalb von Familie, Partnerschaften oder Freundschaften, was sich auch schon neurobiologisch illustrieren lässt (Pfeiffer et al. 2014). Wir können gar nicht „nicht“ mit anderen kommunizieren (SelbsterlebenKommunikationKommunikation(sfähigkeit)Watzlawick et al. 1967): In unserem Alltag sind wir fast immer von anderen Menschen umgeben, und selbst wenn wir uns für einen reduzierten Kontakt zu anderen entscheiden und eher das Alleinsein vorziehen, bleiben wir dennoch in sozialen Kontexten immer mit ihnen verbunden, etwa indem wir uns über die Wirkungen, die unser Tun auf andere haben könnte, Gedanken machen. Und wenn wir nicht sicher sind, wie wir das Verhalten anderer deuten sollen, greifen wir zu Methoden des Erschließens oder des Sich-Hineinversetzens, um zu verstehen, was in ihnen vorgehen könnte. Diese Fähigkeit wird auch als „MentalisierenMentalisierung(sfähigkeit)Intersubjektivität“ bezeichnet (Baron-Cohen 1995; Frith und Frith 2003).
Soziale Wahrnehmung
WahrnehmungsozialeAus phänomenologischer Sicht beruht das primäre Verstehen anderer auf der Wahrnehmung des Affektausdrucks und der in Handlungen unmittelbar erkennbaren Absichten anderer, d. h. auf intuitiven Fähigkeiten, die sich bereits im frühkindlichen Umgang entwickelnKind(er)soziale Wahrnehmung. Erst sekundär erweitert sich dieses zwischenleibliche Verstehen durch die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme und zum Verständnis anderer als eigenständiger intentionaler Akteure. Diese komplexen kommunikativen Fähigkeiten haben – so lässt sich aus evolutionärer Sicht vermuten – die Bildung von menschlichen Gemeinschaften erst ermöglicht und die Entstehung von Kultur einschließlich Wissenschaft, Philosophie, Kunst und Technologie erst entstehen lassen (Tomasello 2006; Vogeley und Roepstorff 2009).
Vor diesem Hintergrund lässt sich der Begriff der sozialen Wahrnehmung oder der sozialen KognitionKognition(en)sozialeSoziale Kognition näher spezifizieren. Betrachten wir die beteiligen Prozesse aus einer systemtheoretischen Perspektive, so kann ein kognitives System als Ausgangspunkt dadurch charakterisiert werden, dass es auf äußere Umweltreize mit flexiblem Verhalten reagieren kann (aber nicht muss), das wiederum von systeminternen, informationsverarbeitenden Prozessen ermöglicht wird. Geschlossene Regelkreisläufe im Sinne reflexartiger Prozesse sind danach noch nicht kognitiv. Hingegen sind unbewusste oder automatisch ablaufende Prozesse auch in den Bereich kognitiver Prozesse eingeschlossen. Als soziale Kognition sind dann alle kognitiven Prozesse zu verstehen, die der Wahrnehmung von anderen Personen und der Interaktion oder Kommunikation mit ihnen dienen. Darin ist nicht nur sprachliche Verständigung, sondern auch nonverbale Kommunikation einschließlich Gestik, Mimik, Blickverhalten etc. eingeschlossen.

Merke

Soziale Kognition umfasst alle informationsverarbeitenden Prozesse innerhalb eines kognitiven Systems, die der InteraktionInteraktion(en)soziale Kognition und KommunikationKommunikation(sfähigkeit)soziale Kognition mit anderen Personen dienen.

Selbst- und Fremdverstehen
Soziale KognitionSelbstverstehenSoziale Kognition hängt wesentlich von der Intaktheit zweier Arten von Prozessen ab, die sich zum einen mit der Selbstzuschreibung beschäftigen, auf der anderen Seite mit der FremdzuschreibungFremdverstehenSoziale KognitionFremdverstehen. Nur dann, wenn eine klare Differenzierung der eigenen mentalen Phänomene von denen der anderen gelingt, kann eine angemessene Fremdzuschreibung stattfinden, weil wir sonst ständig Gefahr liefen, unsere eigenen mentalen Zustände mit denen anderer zu verwechseln. Störungen dieser Differenzierung würden dann in Ich-StörungenIch-Störungen resultieren. Philosophisch wird die Problematik der Selbst- und Fremdzuschreibung gegenwärtig durch verschiedene konkurrierende Theorien beschrieben (Tab. 9.2):
  • 1.

    Gemäß der SimulationstheorieSoziale KognitionSimulationstheorie gelingt die Fremdzuschreibung auf der Basis der unbewussten oder bewussten Projektion eigener mentaler Zustände auf andere, wesentlich vermittelt durch die unterschwellige Nachahmung ihrer Bewegungen oder Ausdrucksgesten (Harris 1992; Goldman 2006; Gallese 2005). (s. auch Kap. 14).

  • 2.

    Dagegen wird nach der Theorie-TheorieSoziale KognitionTheorie-Theorie während der Ontogenese ein eigenes Wissenskorpus (Theory of Mind) erworben, das uns über die möglichen mentalen Zustände anderer Aufschluss gibt (Gopnik und Wellman 1992; Carruthers 2009). – Neuerdings wird versucht, eine Vermittlung der Positionen (1) und (2) zu erreichen, z. B. im Rahmen der PersonenmodelltheoriePersonenmodelltheorie (Newen und Schlicht 2009; Newen und Vogeley 2011), die sowohl die Verarbeitung von impliziten und weitgehend unbewussten Informationen als auch explizite und weitgehend bewusste Wahrnehmungen integriert. (s. auch Kap. 14).

  • 3.

    Nach der phänomenologischen Empathie- und InteraktionstheorieEmpathie- und Interaktionstheorie (Soziale KognitionEmpathie- und InteraktionstheorieGallagher 2001, 2008; Fuchs und de Jaegher 2009; Zahavi 2011) beruht das soziale Verstehen primär auf der unmittelbaren Wahrnehmung der sichtbaren Ausdrucksgesten und Verhaltensintentionen anderer im Kontext der gemeinsamen Situation. Zu diesem empathischen Miterleben tragen zwischenleibliche Resonanzen und koordinierte Interaktionen im Face-to-face-Kontakt wesentlich bei.

  • 4.

    Die daran anknüpfende NarrativitätstheorieSoziale KognitionNarrativitätstheorie (Hutto 2008; Gallagher und Hutto 2008) führt die erweiterten Formen sozialen Verstehens (Perspektivenübernahme, Sich-Hineinversetzen in andere) vor allem auf sprachlich vermittelte Narrative zurück, durch die Kinder typische Verhaltensmuster und Motive anderer erlernen.

Vermutlich besteht eine enge gegenseitige Abhängigkeit von Selbst- und Fremdverstehen, bei der die Ausbildung eines Selbst maßgeblich auch von der sozialen Umwelt mitbestimmt wird. Wie oben bereits erwähnt, wird nach Mead das „me“ durch die Erwartungen im Sinne sozialer Rollen bestimmt, die die Sozialgemeinschaft dem Individuum zuschreibt; das „I“ reagiert auf diese sozialen Erwartungen: „Das Ich ist die Reaktion des Organismus auf die Haltungen anderer; das Mich ist die organisierte Gruppe von Haltungen anderer, die man selbst einnimmt“ (Mead 1968: 218).
Intuitive und reflexive soziale Kognition
Das Verständnis des Erlebens anderer wird auf zwei unterschiedlichen Wegen erreicht, die man einerseits als intuitive, präreflexive Leistungen und andererseits als inferenzielle, reflexive oder regelbasierte Leistungen beschreiben kann.
Soziale KognitionintuitiveDas intuitive FremdverstehenFremdverstehenintuitives wird nicht nur, aber wesentlich vom nonverbalen Kommunikationsverhalten gespeist. Mit einem Blick oder mit einer Geste können wir eine Fülle von Informationen weitergeben, uns einen „ersten Eindruck“ oder „auf einen Blick“ eine Annahme über die innere Verfassung einer anderen Person verschaffen. Vermutlich etwa zwei Drittel unserer Interaktionen mit anderen Personen laufen nonverbal ab (Burgoon 1994). Bei emotionalem Ausdruck ist auch vertreten worden, dass wir die Angst im Gesicht einer Person „direkt sehen“ können, ohne sie erschließen zu müssen (Gallagher 2008). Bei komplexeren mentalen Phänomenen bleibt der Gesichtsausdruck meist nur eines unter anderen Merkmalen (wie Gestik, Körperhaltung, Kontext, besondere Lebenssituation dieser Person), um das innere Erleben anderer erfassen.
Sieht man von Normdevianzen ab, so verlaufen diese Prozesse meist automatisch, also anstrengungslos, intuitiv und ohne dass wir diese Prozesse willentlich in Gang setzen müssten. Diese Auffassung wird auch von Fritz Heider, dem Begründer der Attributionstheorie in der Sozialpsychologie, gestützt: Selbst auf der Grundlage von nur vagen Informationen erhalten wir doch relativ zuverlässige Eindrücke von der inneren Verfassung anderer Personen und vermögen situationsübergreifende Muster oder Verhaltensdispositionen zu erkennen (Heider 1977: 46, 75). Das lässt sich durch Untersuchungen zum Erkennen von Animiertheit in bewegtem Stimulusmaterial (Santos et al. 2010) oder anhand von Fremdzuschreibungen auf der Basis von mimischem Ausdruck zeigen (Schilbach et al. 2006).
Ein gutes konkretes Beispiel ist das BlickverhaltenBlickverhalten, das einerseits für unsere Wahrnehmung anderer relevant ist, andererseits ständig Signale an sie sendet (Argyle und Cook 1976). Der Blick trägt damit zugleich Merkmale der Wahrnehmung und der Handlung: Wir nehmen den anderen nicht einfach nur wahr, sondern beeinflussen ihn auch, so wie wir umgekehrt von seinen Blicken beeinflusst werden. „Sogar die Blickrichtung kann einen wichtigen Hinweis dafür liefern, was eine Person denkt, fühlt und wünscht“ (Heider 1977: 58). Damit eng verbunden ist das bereits erwähnte Phänomen der joint attention, also die Fähigkeit, die AufmerksamkeitAufmerksamkeit, gemeinsame eines anderen durch das eigene Blickverhalten zu lenken, in der Regel über das abwechselnde Anblicken des anderen und eines intendierten Objekts.
FremdversteheninferenziellesSoziale KognitioninferenzielleNeben dieser sehr umfangreichen und einflussreichen nonverbalen KommunikationKommunikation(sfähigkeit)nonverbale existieren aber auch schlussfolgernde oder inferenzielle Prozesse, auf die wir unsere Urteilsbildung aufbauen. Sie sind meist sprachlicher Natur und verweisen auf Informationen, die in einen expliziten semantischen Code eingebettet, also begrifflich verfügbar sind. Sehr gut untersucht sind hier Leistungen der inferenziellen Fremdzuschreibung, die mit der klassischen Fähigkeit zur „Theory of Mind“ (ToM) in Zusammenhang stehen. Die explizite ToM-Leistung besteht darin, anderen Personen mentaleMentalisierung(sfähigkeit)inferenzielle Fremdzuschreibung Zustände zuzuschreiben, um ihr Verhalten erklären oder vorhersagen zu können (Premack und Woodruff 1978; Baron-Cohen 1995). Zur Prüfung der ToM-Leistung wird z. B. eine kurze Geschichte (narratives Textmaterial, Bildsequenz) präsentiert, in der ein Agent in einem sozial relevanten Kontext erscheint und sein Erleben oder Handeln beurteilt werden muss (Vogeley et al. 2001).

Merke

Sozial kognitive Prozesse laufen entweder intuitiv, präreflexiv und implizit ab (z. B. nonverbale Kommunikation) oder inferenziell-schlussfolgernd, reflexiv und explizit (z. B. narratives Textmaterial, Bildergeschichte).

Blicken wir vor diesem Hintergrund noch einmal zurück auf die oben dargestellten konkurrierenden Theorien der sozialen Kognition, so können wir sie zumindest teilweise auf verschiedene Stufen und Modi der Kommunikation mit anderen zurückführen, insbesondere auf implizite vs. explizite Verstehensformen, die von den Theorien jeweils unterschiedlich hervorgehoben werden. Insofern erscheinen auch integrierende Konzeptionen denkbar und plausibel.

Selbst und psychische Krankheit

Allgemeines

Nach der Darstellung der wichtigsten Dimensionen des SelbstSelbsterlebenpsychische Störungen im sozialen Kontext wenden wir uns nun psychopathologischen Phänomenen des Selbsterlebens zuSelbststörungen. Grundsätzlich kann das Selbst in drei verschiedenen Weisen mit einer psychischen Störung oder Krankheit in Beziehung stehen, die im Folgenden näher erläutert werden:
  • Das Selbsterleben ist von der Krankheit betroffen, der Patient erfährt sich als ihr „Opfer“, d. h. als im Selbstvollzug des alltäglichen Lebens mehr oder minder stark beeinträchtigt. Dies gilt in unterschiedlichem Maß für alle psychischen Störungen.

  • Die psychische Krankheit manifestiert sich als solche in einer Störung des Selbst, sofern nämlich das Selbsterleben etwa in seinem affektiven Kern, in seiner Kohärenz, seiner Abgrenzung von der Umwelt o. Ä. betroffen ist.

  • Das Selbst reagiert und antwortet in unterschiedlicher Weise auf die Krankheit: es nimmt zu ihr Stellung (Jaspers 1973: 345 ff.).

Selbsterleben
Selbsterlebenpsychische StörungenAnders als somatische Krankheiten lassen sich psychische StörungenPsychische Störungendes Selbsterlebens nicht nur dem eigenen Körper zuschreiben und so in eine gewisse Distanz rücken, denn sie betreffen primär das Selbsterleben. Etwas in mir selbst tritt mir gegenüber, entzieht sich meiner Verfügung oder beherrscht mich, während ich vergeblich versuche, die Kontrolle wiederzugewinnen – sei es ein Angstanfall, eine depressive Verstimmung, ein Zwangsimpuls oder laut werdende Gedanken. Psychisches Kranksein betrifft also die Person immer in ihrem Selbsterleben und beeinträchtigt in unterschiedlichem Maß die Freiheit des Lebensvollzugs. Grundlegende Aufgabe jeder Psychotherapie ist insofern die Wiedergewinnung oder zumindest Erhöhung der Freiheitsgrade des Selbst gegenüber der Erkrankung.
Selbststörungen
Verschiedene psychische Erkrankungen erfassen darüber hinaus Kernfunktionen des primären Selbsterlebens und lassen sich insofern als genuine SelbststörungenSelbststörungengenuine begreifen. Dazu gehören etwa affektive Selbstentfremdungen in schweren Depressionen oder in Depersonalisationsstörungen, Störungen des Selbstempfindens in schizophrenen Basisstadien, der Verlust der Ich-Umwelt-Abgrenzung in schizophrenen Psychosen oder auch der zeitlichen SelbstkohärenzSelbstkohärenzzeitliche in dissoziativen Störungen. Hinzu treten noch Störungen auf der Stufe des erweiterten Selbst, etwa Fragmentierungen der narrativen Identität bei Borderline-Persönlichkeiten (Fuchs 2007; Kap. 9.3.2).
Selbstverhältnis
Psychische StörungenSelbstverhältnisSelbstverhältnisDie Formen der Stellungnahme des Selbst zur Krankheit sind vielfältig und reichen von Verstörung, Beunruhigung, Angst, Verzweiflung oder Resignation über Ablehnung und Widerstand bis zu Einsicht, Akzeptanz und Bewältigung. Auch der sekundäre KrankheitsgewinnKrankheitsgewinnsekundärer, d. h. Komponenten unbewusster Bejahung gehören zu den Möglichkeiten der Stellungnahme. Diese bewussten oder unbewussten Einstellungen des Patienten zu erfassen ist eine zentrale Aufgabe der diagnostischen Einschätzung sowohl zu Beginn wie während einer Behandlung, da maßgebliche Faktoren des Krankheits- und Therapieverlaufs (Coping, Motivation, Veränderungserwartung, -bereitschaft, Kooperation, Compliance, Widerstand u. a.) von solchen Stellungnahmen wesentlich bestimmt werden. Auch psychoedukative Verfahren zur Förderung des Krankheitsverständnisses haben hier ihren Ansatzpunkt (Kap. 22). Näher besehen prägt das Selbstverhältnis bereits die Symptomatik der Krankheit selbst, nämlich in Form von Reaktionen auf primäre Symptome.

Beispiel

So manifestiert sich eine DepressionDepression/depressive Störungenpersonales Selbstverhältnis nicht nur in typischen Phänomenen wie Antriebsverlust, psychomotorischer Hemmung und Verstimmung, sondern auch in negativen Selbstwahrnehmungen, Selbstbewertungen (Selbstvorwürfe, Schuldgefühle) und typischen depressiven Denkmustern – in einem Wort: in bestimmten Stellungnahmen des Patienten zu seiner primären Verfassung. Diese negativen Selbsteinschätzungen erhöhen ihrerseits – als self-fulfilling prophecies – die Wahrscheinlichkeit weiterer Versagenssituationen und tragen so zusätzlich zur Depressivität bei.

Ähnliche negativ-zirkuläre Prozesse oder Teufelskreise sind auch bei AngststörungenAngststörungenpersonales Selbstverhältnis gut bekannt, nämlich nach dem Muster: Auftreten physiologischer Stressmerkmale (Sympathikusaktivierung, Pulsfrequenzerhöhung etc.) → Wahrnehmung der körperlichen Symptome als „bedrohlich“ → katastrophisierende Kognitionen und Situationsbewertungen → erhöhter physiologischer Stress usw.

Das Selbstverhältnis, die Selbstwahrnehmung und Stellungnahme des Patienten wird damit zu einer maßgeblichen Komponente psychischer Krankheiten. Es stellt andererseits auch einen zentralen Ansatzpunkt therapeutischer Arbeit und Veränderung dar. Besonders chronische Verläufe erfordern daher immer eine sorgfältige Analyse der aufrechterhaltenden Faktoren, die im Selbstverhältnis des Patienten begründet liegen. Mangelnde oder fehlende Krankheitseinsicht, latenter Widerstand ebenso wie unbewusster Krankheitsgewinn gefährden den Therapieauftrag, beeinträchtigen das therapeutische Bündnis oder führen zu zeitraubenden Ambivalenzen gegenüber möglichen Veränderungen bis hin zur selbst herbeigeführten „Sabotage“.

Beispiel

Patienten mit somatoformen SchmerzstörungenSomatoforme Schmerzstörungpersonales Selbstverhältnis setzen der Auffassung, ihr Schmerz könnte „seelisch bedingt“ sein, häufig entschiedenen Widerstand entgegen, da sie diese psychologische Interpretation als implizite Kritik oder gar versuchte Entlarvung interpretieren („Ich bin kein Simulant!“). In Reaktion darauf werden sie umso mehr darauf bedacht sein, sich selbst und die anderen von der „Echtheit“ der Schmerzen als körperlich begründet zu überzeugen. Um den wahrgenommenen impliziten Vorwurf zu entkräften, werden sie ihre Aufmerksamkeit erst recht auf die Symptome konzentrieren. Jeder Schmerz bedeutet dann nicht nur Leiden, sondern auch eine Bestätigung des Selbst, d. h., es kommt zu einer dysfunktionalen „Verschmelzung von Leiden und Selbstgefühl“(vgl. Leferink 2012).

Resümee

Das personale Selbstverhältnis beeinflusst sowohl die Krankheitssymptomatik als auch die Krankheitsverarbeitung. Unterschiedliche Stellungnahmen zur primären Störung wie etwa Akzeptanz, Einsicht, Distanzierung, Widerstand, Verleugnung, Krankheitsgewinn u. a. sind wesentliche förderliche oder einschränkende Faktoren für die Behandlung.

Paradigmatische Störungen des Selbsterlebens

Bisher haben wir die Dimensionen des Selbsterlebens und mögliche Zusammenhänge mit psychischen Krankheiten in allgemeiner Form beschrieben. Im Folgenden sollen diese Zusammenhänge paradigmatisch anhand einiger Störungsbilder veranschaulicht werden. Diese sind 1) die Schizophrenie als basale Selbststörung, 2) die Depression als Störung der Selbstaffektivität und die 3) Borderline-Persönlichkeitsstörung, die sich als Fragmentierung der narrativen Identität beschreiben lässt. Ein zusätzlicher Abschnitt gilt den Störungen der Intersubjektivität im Autismus und im Wahn.
Schizophrenie als basale Selbststörung
Die SchizophrenieSchizophrenie/schizophrene Störungenals basale Selbststörung erfasst die Person in ihrem Gesamtgefüge, vom basalen leiblichen Selbstempfinden bis zur Einheit des Ich-Erlebens. Neuere phänomenologisch-psychopathologische Analysen fokussieren dabei weniger auf die diagnostisch relevante produktive Symptomatik der akuten Phasen (d. h. Wahnideen und Halluzinationen), sondern vor allem auf die schleichende Aushöhlung des Selbsterlebens, die in unauffälligen Vorstadien nicht selten bis in die Kindheit der Patienten zurückreicht (Sass und Parnas 2003; Parnas et al. 2005; Fuchs 2005, 2012c). Sie umfasst folgende Aspekte:
  • eine Schwächung des basalen leiblichen Selbsterlebens („disembodiment“,Stanghellini 2004; Fuchs 2005);

  • eine Entfremdung der selbstverständlichen sensomotorischen Funktionen des Leibes, also das ökologische Selbsterleben;

  • eine Störung des zwischenleiblichen Kontakts mit anderen;

  • schließlich, auf der Ebene des personalen Selbst, eine Störung der Abgrenzung von Ich und anderen.

Basales Selbst(erleben)SchizophrenieDie Schwächung des basalen leiblichen Selbsterlebens manifestiert sich zunächst in einem oft schwer beschreibbaren Gefühl der mangelnden Lebendigkeit, der inneren Leere, fehlenden Anwesenheit und Fremdheit in der Welt, bis hin zur ausgeprägten DepersonalisationDepersonalisationSchizophrenieSchizophrenie/schizophrene StörungenDepersonalisation (Parnas et al. 2005). Sie kann sich auch in Klagen über eine mangelnde Klarheit oder Durchsichtigkeit des Bewusstseins äußern („wie in einem Nebel“). Häufige Folge dieses Selbstverlusts ist eine zwanghafte Selbstbeobachtung oder HyperreflexivitätSchizophrenie/schizophrene StörungenHyperreflexivitätHyperreflexivität, Schizophrenie (Sass und Parnas 2003; Fuchs 2011), im Bemühen, die verlorene primäre Selbstgewissheit zu kompensieren. – Als neurologisches Korrelat dieser Störungen ist verschiedentlich eine Diskonnektion der basalen subkortikalen Selbstkorrelate (Thalamus, Hypothalamus, periaquäduktales Grau) von höheren selbstbezogenen Funktionen diskutiert worden, mit der Folge einer grundlegenden Entkopplung von Leiblichkeit, Affektivität und Kognition (de Haan und Bakker 2004; Woodward et al. 2012). Psychotherapeutisch haben sich körperorientierte, die leibliche Selbstwahrnehmung fördernde Therapien vor allem im Gruppenformat als wirksam erwiesen, um die basale Selbststörung positiv zu beeinflussen (Röhricht und Priebe 2006; Martin et al. 2016).
Schizophrenie/schizophrene Störungenökologisches SelbsterlebenÖkologisches Selbst(erleben)SchizophrenieDie basale Störung erfasst auch das ökologische Selbsterleben, also die über den Leib vermittelten sensomotorischen Beziehungen zur Umwelt. Im Handeln äußert sich dies in einer zunehmenden Desintegration von leiblichen Gewohnheiten und automatischen Abläufen (Süllwold und Huber 1986; Fuchs 2012c). In vielen Situationen gelingt es den Patienten nicht mehr, einen geschlossenen Handlungsbogen auszuführen und sich dabei auf selbstverständliche Weise ihres Leibes zu bedienen. Stattdessen müssen sie sich künstlich, durch Vorsätze oder Rituale zu bestimmten Aktionen veranlassen. – In der Wahrnehmung manifestiert sich die Entfremdung der Leiblichkeit in einer Störung des Erkennens vertrauter Gestalten und Muster, verbunden mit einer Fragmentierung des Wahrgenommenen und einer Überfülle von Details (Matussek 1952, 1953). Die Auflösung von Gestaltzusammenhängen resultiert in einem Verlust vertrauter Bedeutsamkeiten und führt so zu einer grundlegenden Fragwürdigkeit der wahrgenommenen Welt. Wird diese Entfremdung des Wahrnehmens von den Patienten nicht mehr als eigene Störung erkannt, so mündet sie in die paranoide Externalisierung, d. h., die Veränderung der wahrgenommenen Welt wird verborgenen Mächten wahnhaft zugeschrieben.
Schizophrenie/schizophrene StörungenStörung der IntersubjektivitätSchließlich manifestiert sich die basale Selbststörung auch in einer grundlegenden Entfremdung der zwischenleiblichen SphäreLeibliches Selbst(erleben)Schizophrenie, die auf den intuitiven und praktischen Fähigkeiten des Umgangs mit anderen beruht, also einem „sozialen Sinn“ oder „sensus communis“. Es kommt zu einer Verfremdung aller vertrauten Bezüge, Gewohnheiten und Bedeutungen, die sonst das alltägliche Leben ausmachen. Statt am Fluss der alltäglichen Interaktionen teilzunehmen, bleiben die Patienten in einer isolierten Beobachterposition. Blankenburg (1971) hat diese subtile Entfremdung als „Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit“beschrieben, die sich schon in Alltagssituationen bemerkbar macht, darüber hinaus aber die gesamte Lebensorientierung ergreift. Diese Konzeption lässt sich zu einer „Psychopathologie des common sense“ weiterentwickeln, die den autistischen Rückzug vieler Patienten auf eine grundlegende Störung der Teilnahme an der intersubjektiven Lebenswelt zurückführt (Mundt 1985; Stanghellini 2004). Auch hier sind gruppentherapeutische ebenso wie sozialrehabilitative Verfahren die Therapien der Wahl, um die basalen Störungen der Intersubjektivität wirksam zu beeinflussen (Kap. 22).
Schizophrenie/schizophrene StörungenStörung der Ich-DemarkationAus der primären Schwächung des leiblichen SelbsterlebensSchizophrenie/schizophrene Störungenleibliches SelbsterlebenLeibliches Selbst(erleben)Schizophrenie resultieren schließlich Störungen der Ich-Demarkation (Scharfetter 1986), d. h. der Abgrenzung von Selbst und Anderen, die Bleuler (1911) als „TransitivismusTransitivismus bezeichnete: Die Patienten vermögen fremden Blicken nicht standzuhalten und haben den Eindruck, dass andere mit ihrem Bewusstsein in sie eindringen oder ihre Gedanken unmittelbar wahrnehmen könnten. Dies lässt sich als eine Störung des reflexiven Selbsterlebens verstehen (Schizophrenie/schizophrene Störungenreflexives SelbsterlebenReflexives Selbst(erleben)SchizophrenieFuchs 2012c): Aufgrund der Schwächung des basalen Selbst verlieren die Patienten die Verankerung im eigenen leiblichen Zentrum und können sich gegenüber der Perspektive anderer nicht mehr selbst behaupten. Gerade dadurch werden sie zum vermeintlichen Objekt aller fremden Blicke und Intentionen. Sie sind zwar in der Lage, die (vermeintliche) Perspektive anderer einzunehmen, ja sie tun dies sogar in exzessiver Weise, insofern sie sich von allen Seiten beobachtet wähnen und unauffällige Signale auf sich beziehen. Doch gerade dieses ständige „Bewusstsein des Bewusstseins anderer“ wird für die Patienten zu einer Gefährdung des eigenen Selbst, das in der Perspektivenübernahme überwältigt zu werden droht. Auch der WahnWahnIntersubjektivitätsstörung/-verlust lässt sich vor diesem Hintergrund als Störung der Fähigkeit zum intersubjektiven Perspektivenabgleich verstehen (siehe dazu Kap. 9.3.2 sowie Kap. 14). Die produktive Symptomatik der akuten Psychose erscheint vor diesem Hintergrund als Dekompensation einer schon prämorbiden Schwäche der Selbstkonstitution (Sass und Parnas 2003; Fuchs 2012c).

Resümee

Die Schizophrenie lässt sich insbesondere in ihren prodromalen Stadien als eine Schwächung des basalen Selbst auffassen, die zunächst das leibliche, ökologische und soziale Selbsterleben betrifft, dann aber auf der Ebene des personalen Selbst auch zu Störungen der Ich-Demarkation und der Perspektivenübernahme führt.

Depression als affektive Selbststörung
Depression/depressive Störungenals affektive SelbstentfremdungDass depressive Erkrankungen allgemein von negativen selbstbezogenen Wahrnehmungen, Bewertungen und Emotionen (Selbstvorwürfen, Schuldgefühlen) charakterisiert sind, wurde bereits erwähnt. Dies betrifft zunächst die Ebene des reflexiven Selbstverhältnisses, des Selbstbildes und Selbstwertes. Insbesondere in der schweren, psychopathologisch auch als „MelancholieDepression/depressive StörungenMelancholieMelancholie“ bezeichneten Depression kommt es aber auch zu einer tiefer greifenden Störung der leiblichen Vitalität, die auch das basale affektive SelbsterlebenBasales Selbst(erleben)affektives erfasst.
Phänomenologisch lässt sich die Melancholie zunächst als eine den subjektiven Leib erfassende Erkrankung beschreiben (Fuchs 2000, 2013b): Statt als Medium der Zuwendung zur Welt zu fungieren, verdichtet und verdinglicht sich der Leib zum Körperobjekt, das allen nach außen gerichteten Impulsen Widerstand entgegensetzt. Die leibliche Starre oder Konstriktion als ein Grundphänomen der Depression äußert sich nicht nur in gespürter Beklemmung, grundloser Angst, Vitalstörungen und psychomotorischer Hemmung, sondern auch subtiler in einem Verlust der emotionalen Schwingungsfähigkeit, die an feinere leibliche Resonanzen gebunden ist. Schwer depressive Patienten fühlen sich nicht mehr traurig, sondern nur noch leer, stumpf oder versteinert. Die affektive Seite der Erkrankung besteht vor allem in der Unfähigkeit, Gefühle wie Zuneigung, Freude, Heiterkeit oder auch Trauer überhaupt noch empfinden zu können. Diese Störung der ResonanzDepression/depressive StörungenResonanzverlust wird als „Gefühl der Gefühllosigkeit“ von den Kranken selbst schmerzlich erlebt. Sie manifestiert sich auch im Verlust der zwischenleiblichen Resonanz, die sonst die Interaffektivität, also die empathische Beziehung zu anderen vermittelt, und kann sich bis zu einer Depression/depressive Störungenaffektive Depersonalisationaffektiven DepersonalisationDepersonalisationaffektive steigern (Fuchs 2000b; Stanghellini 2004).
Da der emotionale Kontakt mit der Umwelt auch für das Selbsterleben essenziell ist, bedeutet der Resonanzverlust in der schweren Depression also immer auch einen gewissen Grad von Selbstentfremdung. In der Entfremdungsdepression im engeren Sinn erweitert sich die Störung der Gefühlsresonanz auf das Empfindungsvermögen generell (Petrilowitsch 1956) und manifestiert sich in DerealisationserlebnissenDepression/depressive StörungenDerealisationserleben – die Welt erscheint dann fern, unwirklich und abgestorben. Eine äußerste, wenngleich seltene Steigerung der affektiven Depersonalisation stellt der nihilistische WahnDepression/depressive Störungennihilistischer WahnWahnnihilistischerNihilistischer Wahn dar, in dem die Kranken selbst ihr eigenes Dasein oder die Existenz der Welt bestreiten (Enoch und Trethowan 1991). Sie spüren ihren Leib nicht mehr, alles sei abgestorben und tot; daraus schließen sie, sie seien schon gestorben und müssten begraben werden.
Aber auch die häufigeren depressiven WahnformenWahndepressiver lassen sich auf eine schwere Beeinträchtigung des affektiven Selbsterlebens zurückführen, dass sich auf die höherstufige Selbstwahrnehmung auswirkt. So ist der InsuffizienzwahnInsuffizienzwahn auf den Selbstwert, der SchuldwahnSchuldwahn auf die Selbstverpflichtungen gegenüber anderen, der hypochondrische WahnWahnhypochondrischerHypochondrischer Wahn schließlich auf das leibliche Selbst gerichtet (vgl. Kraus 1991a, 2002). Die Entfremdung des vital-affektiven Selbsterlebens erfasst also mit dem Übergang in den Wahn auch das personale Selbst. Die entscheidende Voraussetzung des WahnsWahnVerlust der Selbstdistanzierung ist dabei der Verlust der Selbstdistanzierung, der zur vollständigen Identifikation der Person mit ihrem gegenwärtigen Zustand führt. Diesen Zustand erfährt der Patient aber als Schuldigsein, Verworfensein oder Verfall. Ein anderes Selbstsein ist für ihn buchstäblich nicht mehr denkbar, denn die Übernahme der korrigierenden Perspektive anderer misslingt. Das reflektierende Selbst tritt damit gewissermaßen in den Dienst des basalen Erlebens und gestaltet es zum Wahn aus. So ist der Patient im Schuldwahn vollständig mit seinem Schuldigsein identifiziert, sodass es für ihn keine mögliche Vergebung oder Wiedergutmachung mehr gibt. Der depressive Wahn kann damit als Manifestation der basalen Vitalitätsstörung und affektiven Selbstentfremdung gelten, die das personale Selbst miterfasst und damit die Intersubjektivität der Perspektivenübernahme scheitern lässt.
IdentitätpersonaleNoch ein anderer Aspekt der Depression hat mit dem Selbsterleben zu tun, nämlich die prämorbide und intermorbide Persönlichkeitsstruktur oder personale Identität DepressiverDepression/depressive Störungenpersonale Identität, prämorbide. Sie ist nach den Forschungen von Tellenbach (1983), Kraus (1991b) und Mundt et al. (1997) überdurchschnittlich häufig durch eine rigide Ordnungstendenz, Gewissenhaftigkeit und Eingebundenheit in soziale Normen (HypernomieHypernomie) charakterisiert – eine als „Typus melancholicusTypus melancholicus“ bezeichnete Konstellation, die sich auch als Überidentifikation mit der sozialen Rolle interpretieren lässt. In den Begriffen von G. H. Mead sind depressive Patienten also zu sehr mit ihrem objektivierten oder Rollen-Selbst („me“) identifiziert, während ihr primäres, spontanes Selbstsein („I“) demgegenüber unentwickelt und gehemmt bleibt. Es kommt zu einer Schwäche der SelbstaktualisierungDepression/depressive StörungenSelbstaktualisierungsschwäche, mit der Folge etwa von Arbeitsüberlastung und Erschöpfungszuständen aufgrund der Übererfüllung sozialer Normen oder der Unfähigkeit, Konflikte zwischen einander widerstreitenden Rollenanforderungen zu lösen. Auch der Verlust sozialer Rollen kann in übermäßiger Selbstentwertung resultieren.
Der Typus melancholicus ist somit spezifisch vulnerabel für Situationen, die seine soziale Eingebundenheit infrage stellen oder die ein Abweichen von der üblichen Norm und Ordnung, also innere Selbstständigkeit erfordern würden. Sie können dann zur psychischen Dekompensation führen und damit zum Einbruch in eine tiefere, vitale Ebene der Störung, die sich, wie oben beschrieben, zur schweren Depression verselbstständigt und als solche nicht mehr nur aus den situativen Bedingungen verständlich ist. Für die besondere Problematik der sozialen Identität und daraus resultierenden Verlust- und Rollenwechselkonflikte haben sich u. a. Methoden der Interpersonellen Therapie (IPT)Interpersonelle Psychotherapie (IPT)Verlust- und Rollenwechselkonflikte als besonders geeignet erwiesen (Schramm 1998; Kap. 21).
Allerdings gibt es Anzeichen dafür, dass diese klassisch-altruistische Persönlichkeitsstruktur bei depressiven Patienten gegenwärtig im Rückgang begriffen ist. Vergleichsstudien konnten zeigen, dass die Hypernomie und Überidentifikation mit sozialen Rollenzuschreibungen, wie sie den Typus melancholicus charakterisiert, seit den 1950er-Jahren zugunsten narzisstischer Depressionen abgenommen hat, bei denen nicht das schuldhaft erlebte Versagen gegenüber sozialen Pflichten, sondern das Misslingen der „Selbstverwirklichung“, also eine narzisstische Krise den Auslöser der Depression darstellt (Depression/depressive StörungennarzisstischeSchröder 2005). Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen soziologische Analysen des „erschöpften Selbst“ in postindustriellen Gesellschaften, in denen es „nicht mehr um Gehorsam, Disziplin und Konformität mit der Moral [geht], sondern um Flexibilität, Veränderung, schnelle Reaktion … Jeder muss sich beständig an eine Welt anpassen, die … ihre Beständigkeit verliert“ (Ehrenberg 2004: 222). Die gesellschaftlichen Veränderungen „vermitteln den Eindruck, dass jeder, auch der Einfachste und Zerbrechlichste, die Aufgabe, alles zu wählen und alles zu entscheiden, auf sich nehmen muss“(ebd.; s. auch Sennett 1998). Weniger eine zu starre Rollenstruktur als vielmehr der Verlust von stabilen und damit auch entlastenden Rollenidentitäten scheint also zunehmend in Selbstüberforderungen und depressive Erschöpfungssyndrome zu münden.

Resümee

Die schwere Depression lässt sich als affektive Selbstentfremdung auffassen, die primär die leibliche Vitalität ebenso betrifft wie die emotionale Resonanz mit der Umwelt. In der Folge kann es zu einer Störung des reflexiven Selbsterlebens bzw. der Perspektivenübernahme kommen, die sich im depressiven Wahn manifestiert.

Fragmentierung der narrativen Identität bei Borderline-Persönlichkeiten
Narrative IdentitätFragmentierung, Borderline-StörungAls eine paradigmatische Störung der narrativen Identität kann die Borderline-PersönlichkeitsstörungBorderline-PersönlichkeitsstörungFragmentierung der narrativen Identität (BPS) gelten, auch wenn sie ihre Wurzel in einer grundlegenden Instabilität des affektiven Selbsterlebens hat.
Diese Instabilität der BPS äußert sich primär in intensiven und abrupten Stimmungsschwankungen, in Attacken von Angst, Dysphorie, Wut oder Scham, andererseits auch in kurzlebiger Begeisterung oder Euphorie. Unter der Wirkung der überwältigenden Affekte sind die Patienten nicht in der Lage, von der gegenwärtigen Situation Distanz zu gewinnen, was sich auch mit einer reduzierten präfrontalen Hemmung affektiver Impulse korrelieren lässt (Soloff et al. 2003; Herpertz 2011). Diese Impulse können vom Selbst nicht reguliert werden und äußern sich z. B. in Wutausbrüchen, Essanfällen, Selbstverletzungen, Alkohol- oder Drogenmissbrauch. Damit zeigen Patienten mit BPS aber auch eine charakteristische Zeitlichkeit: Sie sind gewissermaßen identifiziert mit ihrem momentanen Erleben, in einer oft intensiven, aber zugleich fragmentarischen Gegenwart, die nicht als Resultat übergreifenden Planens und Wollens erfahren wird. Stattdessen beschreiben sie oft anhaltende Gefühle der Leere und Langeweile. Dies führt zu einer zeitlichen Zersplitterung des Selbst: Vergangenheit und Zukunft als Dimensionen der narrativen Identität können nicht in ein übergreifendes Selbstkonzept integriert werden.
Die Fragmentierung manifestiert sich – nach psychoanalytischer Nomenklatur – auch in der Spaltung zwischen Selbstanteilen, die nicht in ein kohärentes Selbstbild integriert werden könnenBorderline-Persönlichkeitsstörunginkohärentes Selbstbild. Abhängig vom jeweiligen Affektzustand erscheint das Selbst entweder als grandios oder elend, mächtig oder machtlos, als Opfer oder Täter usw. (Lieb et al. 2004). Die Spaltung beruht auf einem Mangel an kontinuierlicher Selbstwahrnehmung auf höherer Ebene, durch die eine Person normalerweise ihre Zustände auf ein einheitliches Selbstbild beziehen kann. Wiederum gewinnen die Patienten keine reflexive Position jenseits ihres gegenwärtigen Zustands, von der aus sie widersprüchliche Aspekte ihres Selbst integrieren könnten. Das Gleiche gilt für die Spaltung in der Wahrnehmung anderer, insbesondere nahestehender Personen, die entweder einseitig idealisiert oder radikal entwertet werden: Es gelingt den Patienten nicht, positive und negative Aspekte anderer in kohärente Konzepte zu integrieren.
Das Ergebnis besteht in einer Fragmentierung der narrativen Identität (Fuchs 2007): einem schwankenden Bild des eigenen Selbst, mit oft scharfen Brüchen, rasch wechselnden Rollen und Beziehungen und dabei einem untergründigen Gefühl innerer Leere. Es fehlt den Patienten an einem Sinn für die Kontinuität ihres Lebens, an einem Konzept für die eigene Entwicklung, das in die Zukunft projiziert werden könnte. Es fällt ihnen schwer, sich auf dauerhafte Beziehungen und langfristige Vorhaben festzulegen, durch die sie sich selbst definieren könnten. Selbst ihre sexuelle Identität bleibt nicht selten instabil und wechselhaft. Obwohl IdentitätsstörungenIdentitätsstörungenBorderline-Störung auch in anderen Persönlichkeitsstörungen auftreten, sind sie typischerweise mit Borderline-Störungen assoziiert und in der Mehrzahl der Fälle (60–90 %) anzutreffen (Westen und Cohen 1993; Wilkinson-Ryan und Westen 2000). Auf der Ebene des existenziellen Selbstverhältnisses beschreiben die Patienten dann ein quälendes Gefühl der Inkohärenz und fehlenden Authentizität.
Die Fragmentierung ist häufig verbunden mit einer Inkohärenz des autobiografischen Gedächtnisses. Borderline-Patienten haben oft erhebliche Schwierigkeiten, spezifische Ereignisse ihrer Biografie zu erinnern, und ihre Narrative weisen häufig große Lücken oder nur sehr globale, generalisierende Beschreibungen auf (Startup et al. 2001; Levy et al. 2005). Solche Schwierigkeiten stehen in enger Beziehung zur Tendenz der Patienten zu dissoziieren. Die DissoziationDissoziation, peritraumatischeBorderline-PersönlichkeitsstörungBorderline-PersönlichkeitsstörungDissoziationstendenzen lässt sich als eine misslungene Integration von Wahrnehmungen, Affekten, Erinnerungen und Selbstbildern in ein kohärentes Selbsterleben ansehen. Die Disposition dazu resultiert bei den BPS in der Regel aus traumatischen und aversiven Erfahrungen in der frühen KindheitKind(er)aversive/traumatische Erfahrungen (Borderline-Persönlichkeitsstörungaversive KindheitserfahrungenBrodsky et al. 1995; Jones et al. 1999; Lieb et al. 2004). Sie kann sich dann entwickeln, wenn traumatische Erlebnisse ursprünglich als rein sensorische Fragmente, also ohne ein kohärentes Narrativ im Gedächtnis gespeichert werden. Dissoziationen können dann ebenso wie die Diffusion der autobiografischen Erinnerung als Möglichkeiten angesehen werden, traumaassoziierte Affekte zu vermeiden – allerdings um den Preis, dass damit die Kohärenz der Lebensgeschichte unterminiert wird.
Die mangelnde Kohärenz des biografisch-narrativen Selbst lässt sich somit wesentlich auf eine frühkindliche Sozialisation zurückführen, die durch mangelnde EmpathieEmpathie(fähigkeit)frühkindliche Sozialisation und missbräuchliche oder traumatisierende Beziehungen geprägt war. Unter diesen Bedingungen konnten sich das primäre soziale Selbst und die frühe Interaffektivität (Kap. 9.2.1) nicht angemessen entwickeln, sodass es nicht zur Ausbildung sicherer Bindungen an die primären Bezugspersonen kam. Studien zu den Bindungsmustern bei Borderline-Patienten konnten zeigen, dass die Mehrzahl von ihnen (75–90 %) gestörte (d. h. überinvolvierte oder vermeidende) Bindungsmuster aufwies, was in der Regel mit ungünstigen oder traumatischen Kindheitserfahrungen assoziiert ist (Fonagy et al. 1996; Levy et al. 2005).
Konstanz und Verlässlichkeit der zwischenleiblichen „schemes of being with“ sind aber auch die Voraussetzung für die Entwicklung eines kohärenten narrativen Selbsterlebens im weiteren Verlauf. Narrative können nur gebildet werden, wenn man in der Lage ist, die eigenen ebenso wie die Intentionen anderer zu erfassen. Nur wenn die Erfahrungen des Kindes auf ein adäquates Verständnis, auf Spiegelung und Benennung durch andere treffen, kann es ein Verständnis dafür entwickeln, was es heißt, ein Selbst mit Intentionen, Wünschen und Zielen zu sein. Das sicher gebundene Kind erkennt, dass seine Bezugspersonen es als ein intentionales Wesen wahrnehmen, und gerade diese Wahrnehmung befähigt es, ein einheitliches Selbstkonzept auszubilden. In dem Maß jedoch, wie Kinder durch traumatisierende Erfahrungen in der Übernahme der Perspektive anderer beeinträchtigt sind, muss es ihnen auch schwer fallen, eine kohärente Identität zu entwickeln.
Unter dieser Annahme haben insbesondere Fonagy und seine Arbeitsgruppe postuliert, dass Patienten mit BPS nur unzureichend in der Lage sind, zu mentalisierenMentalisierung(sfähigkeit)Borderline-PersönlichkeitsstörungBorderline-PersönlichkeitsstörungMentalisierungsdefizit, d. h. andere zu verstehen, ihre Perspektive zu übernehmen und ihr Verhalten in intentionalen Begriffen zu deuten (Fonagy und Bateman 2005; Fonagy und Luyten 2009). Da aber ein Verständnis des Bewusstseinslebens und ein kontinuierlicher innerer Kommentar zu den eigenen Erfahrungen die Voraussetzung für die Entwicklung narrativer Selbstkontinuität darstellt, kann sich eine kohärente Identität auf dieser Ebene nicht konstituieren. Insofern lässt sich die Identitätsstörung von Borderline-Patienten wesentlich auf eine Störung der frühen Interaffektivität und Bindungsbeziehungen zurückführen. Vor diesem Hintergrund besteht eine wesentliche Aufgabe der Psychotherapie nicht zuletzt darin, eine längerfristige vertrauensvolle Beziehung zu etablieren, die auch im späteren Leben bis zu einem gewissen Grad noch als Basis für die Entwicklung und Stabilisierung eines kohärenten Selbst dienen kann (Kap. 24).

Resümee

Bei Borderline-Persönlichkeiten führt die basale affektive Instabilität nicht nur zu einer Spaltung von Selbstzuständen und Selbstanteilen, sondern darüber hinaus zu einer Fragmentierung der narrativen Identität. Sie äußert sich u. a. in Gefühlen der Leere und Entfremdung, mangelnder Kohärenz des Lebensentwurfs und Auffälligkeiten des autobiografischen Gedächtnisses.

Störungen der sozialen Wahrnehmung und Intersubjektivität

Generell lassen sich psychopathologische Phänomene und psychische Störungen immer auch als Störungen der Kommunikation rekonstruieren (Ruesch 1957; Glatzel 1977; Ruesch und Bateson 1995; Vogeley und Newen 2009; Vogeley 2016b). Die Feststellung des „psychisch Abnormen“, also jedes psychopathologisch relevanten, normdevianten Phänomens ist abhängig von einem Betrachter oder Untersucher ebenso wie von der Situation, in der dieses Phänomen stattfindet:

„Vermutlich gibt es keine Verhaltensweise, die nicht unter irgendwelchen äußeren Bedingungen als normal und keine, die nicht in irgendeinem situationalen Kontext als abnorm gewertet würde.“

Glatzel (1977: 16)

Damit wird gegenüber den naturalistischen auch das Feld der normativistischen Positionen hinsichtlich der Konzeption psychischer Krankheit betont: Psychische Störungen, ihre Definition und Abgrenzung sind immer auch gesellschaftlichen Normierungen unterworfen. Dies gilt es bei der Darstellung von Störungen der IntersubjektivitätIntersubjektivitätsstörungen zu berücksichtigen.
Störungen der sozialen KognitionSoziale KognitionAutismus werden bei psychopathologischen Syndromen in verschiedener Hinsicht deutlich. Besonders prominent erscheinen sie bei Personen mit hoch funktionalem AutismusKind(er)AutismusAutismusHypomentalisierung, die seit einigen Jahren auch zunehmendes Interesse in der Psychiatrie erwachsener Menschen hervorrufen (Vogeley und Remschmidt 2015). Dabei handelt es sich um Personen, die in der Regel überdurchschnittlich intelligent sind, aber dennoch lebenslang Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Personen haben, insbesondere mit dem „Fremdverstehen“, also der erfolgreichen Zuschreibung von mentalen Phänomenen an andere. Neben dieser Störung, die sich durch ein Defizit oder einen völligen Verlust sozial-kognitiver Leistungen zeigt (under-mentalizing, hypomentalizingHypomentalisierung), sind auch Störungen erkennbar, die plausibel als eine Steigerung der Zuschreibungstendenz (over-mentalizing, hypermentalizingHypermentalisierung) verstanden werden können; dabei handelt es sich vor allem um das Phänomen des WahnsWahnHypermentalisierung (Frith 2004).
Störungen der nonverbalen Kommunikation im Autismus („hypomentalizing“)
AutismusHypomentalisierungAutismusnonverbale Kommunikation, StörungenStörungen der InteraktionAutismusInteraktionsstörungenInteraktionsstörungenAutismus und KommunikationKommunikationsstörungenAutismus gehören sowohl nach der ICD-10 als auch dem DSM-5 zu den Kernkriterien autistischer Störungen, die neuerdings nach DSM-5 zu einer Gruppe der sog. Autismus-Spektrum-StörungenAutismus-Spektrum-Störungen (ASS) zusammengefasst werden (Vogeley 2015). Gerade das schnelle und automatische Sich-Hineinversetzen in andere ist bei Personen mit ASS wesentlich erschwert, während die Möglichkeit der reflexiven Beschäftigung mit dem inneren Erleben anderer Personen erhalten bleibt. Stattdessen muss die psychische Verfassung anderer aus unterschiedlichen Merkmalen erschlossen und bestimmt werden. Dazu gehören etwa mimisch oder gestisch vermittelte Ausdrucksweisen, die dann mühevoll im Einzelnen analysiert und ausgewertet werden müssen (Vogeley und Remschmidt 2015; Fuchs 2015; Vogeley 2016a).
Als eine besondere Auffälligkeit kann hier das fehlende soziale BlickverhaltenAutismusBlickverhalten, sozialesBlickverhaltenAutismus gelten. Üblicherweise ist der „soziale Blick“, also der Austausch von kommunikativ relevanten Signalen über das Blickverhalten, für autistische Personen erschwert oder unmöglich. Aus dem Blick des anderen vermögen sie keine relevante Information abzuleiten. Besonders wertvolle Einblicke in diese Schwierigkeiten geben Beschreibungen aus der Innensicht von Betroffenen (Schuster 2007): Sie berichten etwa, dass sich ihnen das mimische und gestische Verhalten überhaupt erst in Universitätsseminaren zur nonverbalen Kommunikation erschlossen habe oder dass sie Gestik und Mimik wie Vokabeln einer Fremdsprache lernen müssten. In einer eigenen Untersuchung ließ sich beispielhaft zeigen, dass verbalem Material mehr Autorität zugesprochen wird als nonverbalen Informationen, wenn es darum geht, ein Urteil über eine andere Person in Fällen abzugeben, in denen verbales und nonverbales Material nicht zueinander passen (Kuzmanovic et al. 2011).

Merke

Bei autistischen Störungen kommt es zu einer Mentalisierungsstörung im Sinne eines Hypomentalisierens, wobei normalerweise verständliche und informative, insbesondere nonverbale Signale anderer nicht angemessen verstanden oder überhaupt nicht als soziale Signale wahrgenommen werden.

Damit eng verbunden sind Störungen besonders der kontextabhängigen KommunikationKommunikation(sfähigkeit)kontextabhängige. Sie beziehen sich auf sprachliches Material und schließen das Verständnis von Ironie, von impliziter Bedeutung, von Sprichwörtern oder Redensarten ein. Die Bedeutung von Interaktionsmustern, gestischen und mimischen Signalen kann also durchaus gelernt oder erschlossen werden, dabei handelt es sich aber eben um sekundär „Gelerntes“, das erst aktiv abgerufen und reflexiv überprüft werden muss. Dieses Wissen erreicht nie den intuitiven, automatischen Charakter, den derartige Merkmale üblicherweise für nichtautistische Personen haben. Soziale KognitionSoziale Kognitionautistische Menschen bleibt für autistische Menschen auch dann, wenn sie in gewissem Umfang erlernt werden konnte, immer eine vergleichsweise hohe kognitive Anforderung und Anstrengung. So erläutert der von Autismus betroffene Marc Segar das Wesen des eigenen Andersseins in einem „survival guide“ so: „Wenn ich Autismus in einem einzigen Satz erklären müsste, würde er so lauten: Autisten müssen mit ihrem bewussten Verstand lernen, was Nichtautisten intuitiv lernen“ (Segar, undatiert).
Erhöhte Zuschreibungstendenz im Wahnerleben („hypermentalizing“)
Der WahnWahnDefinition bezeichnet eine Störung in der Beurteilung, Deutung oder Interpretation des Wahrgenommenen, wobei die Wahrnehmungsvorgänge nicht ihrerseits zwingend gestört sein müssen.

„Der Wahn teilt sich in Urteilen mit. Nur wo gedacht und geurteilt wird, kann ein Wahn entstehen. Insofern nennt man Wahnideen die pathologisch verfälschten Urteile.“

Jaspers (1913: 80)

Das sozial-kognitiv relevante Kernkriterium des WahnsWahnHypermentalisierung bezieht sich dabei auf die Unkorrigierbarkeit, die „Unbeeinflussbarkeit durch Argumente“ (Conrad 1958: 43) oder die Störung des Perspektivwechsels (Blankenburg 1991; Fuchs 2015). „Korrigieren heißt in diesem Zusammenhang nichts anderes, als das Bezugssystem wechseln“(Conrad 1958: 43). Es ist eben nicht mehr möglich, die Welt mit den Augen eines anderen zu sehen, seine Perspektive einzunehmen oder den Standpunkt zu wechseln. Es sei also „die Grenze zu ziehen, wo das Misstrauen aufhört und der Wahn anfängt. Diese Grenze liegt […] genau dort, wo der Mensch nicht mehr jenes ‚Überstiegs‘ mächtig ist. Solange er noch den Wechsel des Bezugssystems vollziehen, die Situation wenn auch nur vorübergehend mit den Augen des anderen betrachten […] kann, […] solange mag er misstrauisch sein, ist aber nicht krank“(Conrad 1958: 43). Der Wahn als „Grundphänomen der Verrücktheit“ (Jaspers 1913: 78) kann also plausibel als Störung der Fähigkeit abgeleitet werden, seine eigenen Urteile, Meinungen oder Überzeugungen mit den Urteilen, Meinungen oder Überzeugungen anderer abzugleichen: Gestört ist die Grundfähigkeit, „dass Menschen sich über verschiedene Dinge […] von verschiedenen Standpunkten aus miteinander verständigen“(Tomasello 2006: 155). Damit erscheint die Realität dem wahnhaft Erlebenden im Vergleich zu Angehörigen seines sozialen Systems als in wesentlichen Aspekten verändert.
Konstitutiv ist für den Wahn also das Kriterium des gestörten Überstiegs oder der gestörten bis aufgehobenen eigenen Korrigierbarkeit durch andere. Neben diesem formalen Aspekt ist inhaltlich bemerkenswert, dass andere Personen oder von ihnen manipulierte Objekte die zentrale Rolle bei der Ausgestaltung des Wahns spielen. In ausführlichen empirischen Untersuchungen an schizophrenen Patienten konnte gezeigt werden, dass immer der Personenbezug im Vordergrund stand (Huber und Gross 1977). Die von den Betroffenen geäußerten Wahnthemen bezogen sich entweder auf andere Personen oder auf physikalische Objekte im Sinne potenzieller oder tatsächlicher Manipulanda von Personen, die in den Objekten „Spuren“ hinterlassen hatten: „Allgemein läßt sich feststellen, daß, abgesehen von den seltenen Tierwahrnehmungen, fast stets unmittelbar oder mittelbar Handlungen, Verhaltens- und Äußerungsweisen von Menschen Wahnobjekt werden“(Huber und Gross 1977: 117).
Weiter ist hervorzuheben, dass die Wahninhalte immer auch eine direkte oder indirekte Beziehung zur wahnhaft erlebenden Person haben, also auf das Selbst zentriert sind:

„Das Ich ist beim Wahn fast immer in den Mittelpunkt gerückt. Zwar gibt es weniger ichbetonte, doch kaum ganz unegozentrische, das eigene Schicksal nicht berührende Bedeutungserlebnisse oder Wahneinfälle (…). Wirklich ‚objektive‘ Wahnbildungen, denen jede persönliche Beziehung zum Wahninhalt fehlt, wurden bei (schizophrenen) Wahnkranken nicht gefunden.“

Huber und Gross (1977: 145)

Es entsteht also eine enge, gewissermaßen überbetonte und „aufgeladene“ soziale Beziehung zwischen dem Patienten und konkreten oder anonymen anderen Personen, denen er verborgene oder verheimlichte Intentionen wahnhaft zuschreibt. Der Wahnkranke ist daher ständig mit den mutmaßlichen oder gewähnten Absichten anderer beschäftigt, die er zu durchschauen glaubt – er „hypermentalisiert“.

Merke

Bei wahnhaftem Erleben kommt es zu einer Mentalisierungsstörung im Sinne eines Hypermentalisierens, wobei Handlungen anderer Personen in übersteigertem Maß als sozial informativ wahrgenommen werden und für den wahnhaft Erlebenden eine besondere Bedeutung entfalten („apophäner Bedeutungswandel“).

Am WahnWahnIntersubjektivitätsstörung/-verlust lässt sich auch die bereits eingeführte Unterscheidung zwischen intuitiver und reflexiver Verarbeitung illustrieren (Kap. 9.2.3). Der Wahn findet seinen Beginn in der Wahnstimmung als „eine[r] Stimmung von Angst, Mißtrauen und Unheimlichkeit“(Huber und Gross 1977: 79), die wir als eine präreflexive, gewissermaßen „atmosphärische“ Erlebnisweise verstehen können – so als ob „etwas in der Luft liege“. Sie ist charakterisiert durch ein unbestimmtes, aber in der Regel beängstigendes„Erlebnis des ‚Bevorstehens‘ von Etwas“ (Conrad 1958: 18 f.). Auf der nächsten Stufe treten Wahnwahrnehmungen auf, nämlich „wenn wirkliche Wahrnehmungen ohne rational oder emotional verständlichen Anlaß eine in der Regel auf das Ich gerichtete abnorme Bedeutung erhalten“ (Huber und Gross 1977: 83). Dabei handelt es sich um ein „Wissen um die Bedeutung, ohne danach fragen zu müssen, woher man es weiß.“ Es offenbart sich gewissermaßen automatisch, präreflexiv und anstrengungslos ein abnormes Bedeutungsbewusstsein, das von Conrad als ApophänieApophänie bezeichnet wird (Conrad 1958: 21).
In der Folge entwickelt sich nun ein erhöhter Orientierungs- und Reflexionsbedarf, ein oft verzweifeltes Bemühen um Auflösung der rätselhaften Bedeutsamkeiten, im Sinne einer „Wahnbereitschaft“ (Huber und Gross 1977: 21). Im Wahn selbst geht dann die Überstiegsfähigkeit verloren, und die präreflexive Form des Erlebens geht in die reflexive über: „Die Apophänie zwingt den Menschen gewissermaßen in die Reflexion hinein“,es entsteht ein regelrechter „Reflexionskrampf“ (Conrad 1958: 78 f.). Die nun sich einstellende Wahnevidenz und Wahngewissheit reduziert zwar schlagartig die zunehmend angstvolle Spannung der Wahnstimmung – es fällt den Kranken „wie Schuppen von den Augen“ – doch geschieht diese wahnhafte Sinngebung um den Preis, dass die intersubjektive Verständigung und Korrektur durch Perspektivenabgleich verloren geht. Mit anderen Worten: Im Wahn kann das Selbst seine Kohärenz nur um den Preis eines umschriebenen Verlustes der Intersubjektivität erhalten. Eine Psychotherapie des Wahns wird daher zunächst die eigentlichen Wahninhalte umgehen und sich stattdessen den dahinter stehenden Themen des Selbst- und Vertrautheitsverlustes zuwenden (Mundt 1996). Erst bei hinreichender Entaktualisierung der Wahndynamik können im weiteren Verlauf auch (meta-)kognitive Verfahren des Reframings, der Realitätsprüfung u. Ä. zum Einsatz kommen (Cather et al. 2004; Morrison 2014; Kap. 22).

Fazit und Ausblick

Der Begriff des Selbst wird in der Regel nicht im Vordergrund störungsorientierter Verfahrensbeschreibungen, manualisierter Therapieschemata und spezifischer Interventionstechniken stehen – dies ist auch nicht sein Ort. In diesem Kapitel sollte deutlich geworden sein, dass er gleichwohl eine zentrale, immer mitzudenkende Bezugsgröße für die diagnostische Erkenntnis und den psychotherapeutischen Umgang mit dem Patienten darstellt. Verschiedene, insbesondere gravierende psychische Krankheiten gehen als solche mit psychopathologischen Störungen des Selbst in verschiedenen Dimensionen einher, wie dies in den vorangegangenen Abschnitten beschrieben wurde. Aber auch generell gesehen betreffen psychische Störungen im Kern immer das Selbsterleben und das Selbstverhältnis des Patienten. Sie führen zu verschiedenen Formen der Stellungnahme, des Copings, der Veränderungserwartung und Veränderungsbereitschaft, des Widerstands, der Einsicht und nicht zuletzt der Entscheidung, die für jede Psychotherapie zentrale Ansatzpunkte darstellen.
Das Selbsterleben des PatientenPatient(en)Selbsterleben ist somit Ausgangs- und Zielpunkt aller psychotherapeutischenPsychotherapieSelbsterleben des Patienten Verfahren, unabhängig davon, welche Methoden und Interventionen im konkreten Fall zur Anwendung kommen. Die Prinzipien der Selbstakzeptanz, Selbstsorge und Selbstverantwortung sind essenzielle Voraussetzungen ihrer Wirksamkeit, auch wenn sie häufig erst im Verlauf der Therapie zum Tragen kommen. Wenn ein grundlegendes Ziel von Psychotherapie die Wiederherstellung oder Erhöhung der Freiheitsgrade des Patienten darstellt, dann bezieht sich dieses Ziel letztlich auf sein Selbstverhältnis, das, wie wir gesehen haben, immer auch ein Verhältnis zu anderen beinhaltet. Vor diesem Hintergrund kann der Begriff des Selbst für Therapeuten wie Patienten immer wieder einen Bezugspunkt der Selbstbefragung und Rückversicherung darstellen, nämlich im Sinne des „tua res agitur“: Berührt die Therapie das, was den Patienten wirklich bewegt, was ihn selbst angeht? Ist er mit seinem Selbsterleben, seinen persönlichen Ängsten, Wünschen und Hoffnungen am Prozess beteiligt? Erlebt er sich als wahrgenommen und in seinem Selbstsein anerkannt?
Nicht zuletzt können die dargestellten Dimensionen des Selbsterlebens auch als Bezugssystem für die diagnostische Erkenntnis und die gewählten therapeutischen Interventionen dienen. Die Frage, ob sich die vorliegende Störung eher auf basalen Stufen des Selbsterlebens abspielt, etwa denen der Selbstvitalität, Selbstaffektivität oder Selbsturheberschaft, oder ob sie eher die personalen und existenziellen Dimensionen des Selbst betrifft, ist für das therapeutische Vorgehen von hoher Relevanz. Für basale Störungen werden z. B. körper- und erlebnisbasierte Therapieansätze eine wichtige Rolle spielen, für Störungen der sozialen Wahrnehmung und Kommunikation können Gruppentherapien besonders vorteilhaft sein, während Probleme der mangelnden Authentizität, der Lebensorientierung und des Selbstentwurfs sich eher narrativ oder existenziell orientierten Zugängen erschließen. Der Begriff des Selbst eröffnet damit eine Vielfalt von Bezügen, die ihn für eine vertiefende psychotherapeutische Forschung und Praxis gleichermaßen bedeutsam machen.

Literaturauswahl

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S. Gallagher The Oxford Handbook of the Self 2011 Oxford University Press Oxford, New York

Leary and Tangney, 2005

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H.J. Markowitsch H. Welzer Das autobiographische Gedächtnis 2005 Klett-Cotta Stuttgart

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G.H. Mead Mind, Self, and Society 1934 Charles Morris Chicago dt. (1968). Geist, Identität und Gesellschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp

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P. Rochat Others in Mind: Social origins of self-consciousness 2009 Cambridge University Press Cambridge

Stern, 1998

D.N. Stern Die Lebenserfahrungen des Säuglings 6. A. 1998 Klett Stuttgart

Vogeley, 2016a

K. Vogeley Anders Sein Autismus-Spektrum-Störungen im Erwachsenenalter 2. A. 2016 Beltz Weinheim

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