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B978-3-437-23731-7.00012-0

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Hierarchische Organisation des Selbstkonzepts in Anlehnung an Shavelson et al. (1976) Selbstkonzepthierarchische Organisation

SelbstwertschwankungenSelbstwertSchwankungen. Der Selbstwert der Personen A und B schwankt auf unterschiedlichem Niveau. A hat einen höheren Selbstwert als B. B und C haben im Mittel einen ähnlich hohen Selbstwertwert, wobei allerdings der Selbstwert von Person C instabiler und der von Person B relativ stabil ist.

Das Selbst als dynamisches SystemSelbstdynamisches System

Tab. 12.1
Komponente Konstrukt Beschreibung
Kognitiv Selbstkonzept Bild von der eigenen Person
Affektiv Selbstwert Bewertung dieses Bildes
Konativ Selbstwirksamkeit, Selbstregulation Selbst- und handlungsregulierend

Beispiel für kompartmentalisierte und integrative Organisation des Selbstkonzepts in Anlehnung an Showers (1992) Selbstkonzeptintegrative OrganisationSelbstkonzeptkompartmentalisierte Organisation

Tab. 12.2
Kompartmentalisierte Organisation Integrative Organisation
Ich in sozialen Situationen Ich, wenn ich allein bin Ich in sozialen Situationen Ich, wenn ich allein bin
(+) neugierig (–) unsicher (+) neugierig (+) reif
(+) glücklich (–) isoliert (+) glücklich (+) gemütlich
(+) reif (–) reizbar (–) nervös (–) unsicher
(+) gemütlich (–) nervös (–) reizbar (–) isoliert

A-priori-Strategien und Post-hoc-Strategien zur SelbstwertregulationSelbstwertregulationA-priori-StrategienSelbstwertregulationPost-hoc-Strategien

Tab. 12.3
A-priori-Strategien Post-hoc-Strategien
  • Verhinderung eines Misserfolgs durch Vermeidung der Situation

  • Vermeidung von Misserfolg durch Vorbereitung auf die Situation

  • Verringerung der Erwartungen, um bei Misserfolg weniger Enttäuschung zu erleben

  • Schaffen von Hindernissen (z. B. Nicht-Üben, Aufschieben dringender Dinge), die bei Misserfolgen statt fehlender Fähigkeiten zur Erklärung herangezogen werden können (self-handicapping)

  • Selbstwertdienliche Zuschreibung der Misserfolgsursachen zu anderen Personen oder Ereignissen (statt zur eigenen Person)

  • Distanzierung der eigenen Person von anderer Person, wenn deren Leistung die eigene übertrifft

  • Betonung der Schwächen anderer Personen, um im direkten Vergleich besser abzuschneiden („Vergleich nach unten“)

  • Aggression und Gewalt

Grundannahmen, zentrale Annahmen und automatische Gedanken im kognitiven Therapiemodell nach Beck (1999) Kognitive TherapieGrundannahmenKognitive Therapiezentrale AnnahmenKognitive Therapieautomatische Gedanken

Tab. 12.4
Kognitiver Aspekt Merkmale Beispiel
Grundannahmen Situationsunabhängig und übergeneralisiert; von früher Kindheit an entwickelt, da jeder Mensch bestimmte Annahmen über sich selbst, andere Menschen und seine Umwelt entwickelt „Ich bin nicht liebenswert.“
Zentrale Annahmen Regeln, Einstellungen oder Pläne, gemäß derer die Person mit ihren Grundannahmen umgeht „Wenn ich immer alles perfekt mache, werde ich gemocht.“
Automatische Gedanken Konkrete Wörter oder Bilder, die einer Person in einer bestimmten Situation durch den Kopf gehen „Ich mache nichts richtig.“

Selbstkonzept, Selbstwert und Selbstwertregulation

Almut Rudolph

Michela Schröder-Abé

Astrid Schütz

Kernaussagen

  • Verschiedene Facetten des Selbst stehen in Beziehung zu physischem und psychischem Wohlbefinden sowie zum Aufbau und zur Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen.

  • Ein Großteil psychischer Erkrankungen (u. a. Depressionen, Essstörungen, Persönlichkeitsstörungen) geht mit maladaptiven Inhalten und dysfunktionaler Struktur des Selbstkonzepts, Störungen der Selbstwertregulation sowie einer Verminderung des Selbstwerts einher. Selbstkonzept und Selbstwert spielen deshalb in der Psychotherapie eine wichtige Rolle.

  • Während einige therapeutische Ansätze Elemente der Selbstwertstärkung beinhalten, ist in den meisten störungsspezifischen verhaltenstherapeutischen Verfahren die Selbstwertarbeit bislang nicht explizit berücksichtigt. In störungsübergreifenden Standardmethoden wie der kognitiven Umstrukturierung allerdings finden Selbstkonzept, Selbstwert und Selbstwertregulation Anwendung. Diese Ansätze sind an der Erarbeitung gesunder Selbstwahrnehmung und -bewertung orientiert.

„People want to feel good about themselves. They want to believe that they are competent, worthy, and loved by others. This desire for self-enhancement is regarded as […] fundamental to human functioning […].“

Brown (1993: 117)

Einleitung

SelbstBegriffsbestimmungEin zentrales Merkmal des Menschen ist die Fähigkeit zur SelbstreflexionSelbstreflexion: Menschen sind in der Lage, ihr „Selbst“ zum Objekt der eigenen Betrachtungen und Überlegungen zu machen. Trotz seiner vielseitigen Verwendung wird der Begriff „Selbst“ in der Wissenschaft aber nicht einheitlich definiert. Leary und Tangney (2012a) nennen Verwendungen für:
  • 1.

    die gesamte Person,

  • 2.

    die Persönlichkeit,

  • 3.

    das erfahrende Subjekt,

  • 4.

    Wissen über sich selbst oder

  • 5.

    das Selbst als Handlungsinstanz.

In der einschlägigen Literatur werden die ersten beiden Bedeutungen meist als zu weit gefasst erachtet. Die letzten drei Aspekte lassen sich der klassischen Unterscheidung von „I“ und „me“ nach William James (1890) zuordnenSelbstI vs. me. Das „I“ als regulierende Instanz (self as knower) übernimmt wahrnehmungs- und handlungssteuernde Funktionen und entspricht den Aspekten 3 und 5. Aspekt 4 betrifft das „me“, d. h. Wissensinhalte über sich selbst bzw. das Selbst als Wahrnehmungsobjekt (self as known).
Greve (2000) definiert das SelbstSelbstdynamisches System als dynamisches System, das hoch strukturierte personenbezogene Überzeugungs- und Erinnerungsinhalte und die mit diesen Inhalten operierenden Prozesse und Mechanismen umfasst. In dieser Definition wird explizit auf die Doppelrolle des SelbstSelbstDoppelrolle als Subjekt/Objekt (Selbst als Subjekt und Objekt der Betrachtung) hingewiesen: Das Selbst reguliert Wahrnehmen und Handeln und wird durch die Rückwirkungen aus diesen Prozessen beeinflusst. Das Selbst als dynamisches System ist durch Wechselwirkungen mit der Umwelt gekennzeichnet und setzt sich aus einer kognitiven, einer affektiven und einer konativen Komponente zusammen (Greve 2000; Tab. 12.1).

Selbstkonzept

SelbstkonzeptDefinitionDas Selbstkonzept wird verstanden als die Gesamtheit des Wissens, das eine Person von sich hat. Im Gegensatz zu früheren Forschungsarbeiten, die das Selbstkonzept als stabiles generalisiertes Bild der eigenen Person ansahen, geht man heute von einem facettenreichen dynamischen Selbstkonzept aus.

Merke

Das Selbstkonzept wird definiert als kognitives Schema, das Eigenschaften, Werte, episodische und semantische Wissenselemente beinhaltet (vgl. Greve 2000).

Dieses organisierte Wissenskonzept lässt im Hinblick auf seinen Inhalt einerseits und seine Struktur andererseits beschreiben. Der Inhalt umfasst dabei die im Selbstkonzept verankerten Wissenskomponenten (z. B. Eigenschaften, Rollen). Die Struktur bezieht sich auf die Frage, wie differenziert, stabil und konsistent diese Inhalte innerhalb des Selbstkonzepts organisiert sind, sowie die getrennte oder gemeinsame Verankerung von positiven und negativen Aspekten im Selbstkonzept.

Selbstkonzeptinhalt

Zu den Inhalten des Selbstkonzepts gehören das Wissen umSelbstkonzeptInhalte
  • eigene Eigenschaften,

  • Fähigkeiten,

  • Einstellungen und physische Merkmale.

Zur Erfassung des selbstbezogenen WissensWissenselbstbezogenes werden neben Fragebogen häufig offene Verfahren eingesetzt, die in der Aufforderung bestehen, über sich selbst zu berichten bzw. selbstbezogene Satzfragmente zu vervollständigen (z. B. „Who am I?“, „Tell us about yourself!“, McGuire und McGuire 1981) (s. Beispiele). Eine stärker strukturierte klassische Form der SelbstkonzeptmessungSelbstkonzeptQ-Sort-Technik ist die Q-Sort-TechnikQ-Sort-Technik, Selbstkonzeptmessung (Rogers 1961), in der Kärtchen mit selbstbeschreibenden Aussagen je nach Grad der Zustimmung in Gruppen sortiert werden (z. B. „stimme sehr zu“ bis „stimme überhaupt nicht zu“).

Beispiele

Selbstbeschreibungen zweier Probanden nach der Aufforderung, über sich selbst zu berichten („Who am I?“).

Ich bin sehr nachdenklich und verschlossen, häufig auch schüchtern. Oft habe ich Angst vor der Einschätzung und Reaktion ande
rer. Dabei weiß ich aber trotzdem um meine Stärken und dass ich in den Gebieten, die mir wichtig sind, oft besser als andere bin. Auch glaube ich, dass die grundsätzliche Wertschätzung durch Verwandte und enge Freunde unabhängig von meinen Leistungen und meinem Verhalten ist. Ihnen gegenüber bin ich auch offener. Besonders zurückhaltend bin ich beim Kennenlernen unbekannter Personen. In Situationen, in denen ich unsicher bin, unterschätze ich meine Fähigkeiten und übernehme keine Verantwortung, wo ich es eigentlich könnte. Im „engen“ Kreis hingegen helfe ich gern und weiß, was ich kann. (Studentin, 20 Jahre)
Ich bin ein aufgeweckter, fröhlicher Mensch, der offen auf andere zugeht und leicht Kontakte knüpft. Allerdings mag ich keine Oberflächlichkeit, und ich mache gern mein eigenes Ding. Ich liebe Musik und Natur und ganz besonders meinen Freundeskreis, den ich schon seit vielen Jahren habe und der trotz der Entfernung immer noch besteht. Durch meine Eltern konnte ich eine ganz besondere Persönlichkeit entwickeln, auch weil ich nicht besonders konventionell aufgewachsen bin, aber auch weil sie immer für mich da waren. Dafür liebe und schätze ich meine Eltern sehr. Ich bin ein sehr selbstständiger Mensch und achte gern auf mein Äußeres, falle oft positiv durch meine Kleidung auf. Was ich besonders an mir mag, ist, dass ich für meine 23 Jahre sehr „jung geblieben“ bin und auch so wirke, aber mit sämtlichen schwierigen Situationen gut zurecht komme, mich aber u. U. auch an meine Eltern wende. (Studentin, 23 Jahre)
Facetten des Selbstkonzepts
SelbstkonzeptFacettenDas Selbstkonzept setzt sich aus verschiedenen Facetten zusammen, die in einer hierarchischen Struktur organisiert sind (Shavelson et al. 1976). Unterschieden werden emotionale, leistungsbezogene, soziale und körperbezogene Bereiche des Selbstkonzepts (z. B. sprachliches und mathematisches Selbstkonzept als Teile des Leistungsselbstkonzepts) (Abb. 12.1).
Dynamische Komponente des Selbstkonzepts
Selbstkonzeptpotenzielle SelbstbilderWährend die Facetten des Selbstkonzepts die aktuellen Aspekte betonen, repräsentieren potenzielle SelbstbilderSelbstbild(er) (possible selves) den zukunftsbezogenen, dynamischen Aspekt, die selbstbezogenen Ziele einer Person. Diese können als konkretisierte und personalisierte Formen von weiten und globalen Motiven aufgefasst werden, die nach Wurf und Markus (1991) beinhalten, was eine Person
  • werden könnte,

  • werden möchte oder

  • zu werden fürchtet.

Was eine Person als relativ wahrscheinliche Entwicklung ansieht, ist in erwarteten potenziellen Selbstbildern beinhaltet (expected selves). Im Gegensatz zu den relativ realistischen erwarteten Selbstbildern betreffen erhoffte potenzielle Selbstbilder selbstbezogene Träume und Fantasien, also das, was eine Person werden möchte (hoped-for possible selves). Gefürchtete Selbstbilder beinhalten Merkmale, die eine Person vermeidet oder fürchtet (feared selves).

Selbstkonzeptstruktur

SelbstkonzeptStrukturIm Folgenden wird die Struktur des Selbstkonzepts, also die Differenziertheit, Stabilität und Konsistenz der Organisation der Wissensinhalte innerhalb des Selbstkonzepts, näher beleuchtet. Unterschieden werden dabei Selbstkomplexität (Linville 1987) und die evaluative Organisation des Selbstkonzepts (Showers 1992).
Selbstkomplexität
SelbstkomplexitätDie Inhalte des Selbstkonzepts sind in verschiedenen Selbstaspekten repräsentiert. Diese können neben dem Wissen um soziale Rollen, Fähigkeiten und Ziele auch Wissen um Beziehungen zu anderen Menschen, Emotionen oder körperliche Merkmale betreffen. Die Anzahl vorhandener und voneinander abgrenzbarer Aspekte des Selbstkonzepts wurde von Linville (1987) mit dem Konstrukt der Selbstkomplexität beschrieben. Von hoher Selbstkomplexität wird gesprochen, wenn eine Person selbstbezogenes Wissen in viele unterschiedliche, voneinander unabhängige Teilaspekte organisiert.
Zur MessungSelbstkomplexitätTrait-sort-Methode wird die Trait-sort-MethodeTrait-sort-Methode, Selbstkomplexität verwendet, in der die Probanden Eigenschaftskärtchen (z. B. nervös, selbstsicher, optimistisch, witzig) so in Kategorien sortieren, wie es ihrer Selbstsicht entspricht. Das Maß der Selbstkomplexität gibt Auskunft über die Anzahl und die Unterschiedlichkeit der Kategorien, mit denen sich ein Proband beschreibt. Je höher die Selbstkomplexität, desto mehr Kategorien werden gebildet und desto weniger Mehrfachnennungen von Eigenschaften treten auf. So kann bei insgesamt zwei gebildeten Kategorien (z. B. Arbeitsleben und Privatleben) eine Eigenschaft (etwa gewissenhaft) a) der ersten Gruppe, b) der zweiten Gruppe, c) beiden Gruppen oder d) keiner der Gruppen zugeordnet werden. Wird eine Eigenschaft beiden Gruppen zugeordnet, besteht geringe Selbstkomplexität.
Linville (1987) sieht hohe Selbstkomplexität als protektiven Faktor gegenüber Belastungen. Sie argumentiert, dass das Vorhandensein einer Vielzahl von Selbstaspekten als Puffer gegenüber Stressoren und Krankheiten fungiert, da diese zumeist nur einen Teil des Selbstkonzepts betreffen. Studien haben gezeigt, dass geringe Selbstkomplexität mit geringem psychischem und physischem Wohlbefinden zusammenhängt (Linville 1987).
Kritische Stimmen argumentieren, dass stabile, hohe Selbstkomplexität auch als Indikator einer fragmentierten Selbstsicht gesehen werden könne. Selbstkomplexität hat in stressreichen Situationen allenfalls minimale stimmungshebende Funktion. Stark sind die Effekte allerdings in Bezug auf positive Ereignisse. Hier zeigt sich ein deutlicher stimmungsdämpfender Effekt hoher Selbstkomplexität (Rafaeli-Mor und Steinberg 2002). Sich uneingeschränkt über positive Ereignisse freuen zu können scheint bei einem einfach strukturierten Selbstkonzept leichter zu fallen. Personen mit hoher Selbstkomplexität tendieren möglicherweise dazu, „Wenn und Aber“ zu sehen, was ihre positive Stimmung relativiert.
Evaluative Organisation des Selbstkonzepts
Selbstkonzeptevaluative OrganisationDas Konzept der evaluativen Organisation des Selbstkonzepts (Showers 1992) erweitert das Modell der Selbstkomplexität a) um das Ausmaß, in dem positive und negative selbstbezogene Wissensinhalte in unterschiedlichen Selbstaspekten organisiert sind, und b) um die relative Bedeutung der Selbstaspekte. Dabei werden die kompartmentalisierte und die integrative Organisation des Selbstkonzepts Selbstkonzeptkompartmentalisierte Organisationunterschieden:
  • Bei der kompartmentalisierten Organisation bestehen viele Selbstaspekte aus mehr oder weniger ausschließlich aus positiven oder negativen Attributen. Personen mit kompartmentalisierter Selbstkonzeptorganisation zeigen eine Art „Schwarz-Weiß-Denken“, indem sie sich in bestimmten Bereichen relativ einheitlich positive oder negative Seiten zuschreiben.

  • Bei der integrativen OrganisationSelbstkonzeptintegrative Organisation hingegen sind in den einzelnen Selbstaspekten positive mit negativen Attributen kombiniert – man hat im Hinblick auf unterschiedliche Lebensbereiche ein „gemischtes Bild“ von sich.

Ein Beispiel für kompartmentalisierte und integrative Organisation des Selbstkonzepts findet sich in Tab. 12.2: Beide Personen beschreiben sich mit denselben Attributen und verwenden insgesamt gleich viele positive und negative Attribute, organisieren sie aber unterschiedlich.
In das Basismodell von Showers (1992) fließt neben der kompartmentalisierten vs. integrativen Organisation auch die subjektive Wichtigkeit der Selbstaspekte ein. Das Modell sagt eine Interaktion zwischen der Organisation des Selbst und der relativen Wichtigkeit der Selbstaspekte vorher. Befunde zum Zusammenhang psychischen Wohlbefindens und der Selbstkonzeptstruktur bestätigen diese Annahme (Showers 1992): Personen mit kompartmentalisiertem Selbstkonzept, die positive Selbstaspekte als wichtig beurteilen, zeigen hohen Selbstwert und niedrige DepressivitätDepression/depressive StörungenSelbstwert. Personen mit kompartmentalisiertem Selbstkonzept, die dagegen negative Selbstaspekte als besonders wichtig beurteilen, haben einen niedrigeren Selbstwert und höhere Depressionswerte. Ein solches negativ kompartmentalisiertes Selbstkonzept konnte auch bei Personen mit psychischen und somatischen Erkrankungen nachgewiesen werden (vgl. Showers und Zeigler-Hill 2012; Vater et al. 2015).
Die bisherigen Ausführungen bezogen sich auf das Selbstkonzept, also das Bild, das Menschen von sich haben. Im Folgenden wird der Selbstwert, also die Bewertung dieses Bildes, vorgestellt. Da psychische StörungenPsychische StörungenSelbstwert(verluste) häufig mit niedrigem Selbstwert einhergehen, wird dem Selbstwert in therapeutischen Interventionen eine zentrale Rolle zugemessen, auf die im Besonderen eingegangen werden soll.

Selbstwert

Merke

Der SelbstwertSelbstwertDefinition ist als die Bewertung des Bildes von der eigenen Person definiert (Schütz und Sellin 2003).

Im deutschen Sprachraum wird für den englischen Begriff self-esteem häufig der Begriff „SelbstwertgefühlSelbstwertgefühl“ verwendet, obwohl kein Gefühl im engeren Sinne gemeint ist. Um auf die habituelle selbstbezogene Haltung (vgl. Schütz 2003) zu verweisen, werden daher im Folgenden die Begriffe Selbstwert bzw. Selbstwertschätzung benutzt.
SelbstwertschätzungSelbstwertschätzung wird mit Selbstbeschreibungsfragebogen erfasst, in denen um die Zustimmung zu positiven oder negativen selbstbezogenen Aussagen gebeten wird. International sehr häufig eingesetzt wird die Rosenberg-SkalaRosenberg-Skala, Selbstwertschätzung (Rosenberg 1965; dt. rev. Fassung: von Collani und Herzberg 2003), die die globale Selbstwertschätzung erfasst (z. B. „Alles in allem bin ich mit mir selbst zufrieden“). Die Unterscheidung einzelner Facetten der Selbstwertschätzung erfolgt z. B. mit der Multidimensionalen SelbstwertskalaMultidimensionale Selbstwertskala, Selbstwertschätzung (MSWS; Schütz et al. 2016), die Emotionale Selbstwertschätzung, Soziale Selbstwertschätzung (Sicherheit im Kontakt, Umgang mit Kritik), Leistungsbezogene Selbstwertschätzung, Selbstwertschätzung Physische Attraktivität und Selbstwertschätzung Sportlichkeit differenziert.
Schütz (2003) und Kernis (2003) weisen darauf hin, dass die Berücksichtigung von Aspekten wie Selbstwertstabilität und Selbstwertquellen wichtig ist, um gesunden Selbstwert umfassend feststellen zu können.

Selbstwertstabilität

SelbstwertstabilitätMenschen unterscheiden sich, unabhängig vom Selbstwertniveau, darin, inwieweit ihr Selbstwert über die Zeit hinweg stabil bleibt (Kernis und Goldman 2003) (Abb. 12.2). Aus Mehrfachmessungen aktueller Selbstwertschätzung über einen bestimmten Zeitraum hinweg wird die intraindividuelle Standardabweichung berechnet, die als Indikator der Selbstwertinstabilität genutzt wird. Ein stabiler SelbstwertSelbstwertstabiler ist gekennzeichnet durch positive Gedanken und Gefühle, durch Akzeptanz eigener Schwächen und durch eine höchstens moderat ausgeprägte Suche nach Bestätigung oder positiver Selbstdarstellung. Personen mit instabilem SelbstwertSelbstwertinstabiler hingegen reagieren besonders sensibel auf evaluatives Feedback und neigen zu Ärger, Rechtfertigungsverhalten, Feindseligkeit und depressiven Symptomen (Kernis und Goldman 2003).
Neben den individuellen Unterschieden in der Stabilität des Selbstwerts zeigen neuere Befunde, dass Selbstwert sich auch im Lebensverlauf verändert. Während beim Übergang ins frühe Erwachsenenalter die Selbstwertschätzung im Mittel ansteigt (Wagner et al. 2013a), erreicht sie im mittleren Lebensalter ein relativ stabiles Niveau (Erol und Orth 2011). Für das hohe Erwachsenenalter hingegen sind die Befunde zur Entwicklung des Selbstwerts widersprüchlich: Einige Studien deuten auf eine Verringerung des Selbstwerts hin (Orth et al. 2010), während andere Studien Stabilität der Selbstwertschätzung im Erwachsenenalter zeigen (Wagner et al. 2013b).

Selbstwertkontingenzen

SelbstwertkontingenzenSelbstwertkontingenzen sind Faktoren, von denen die Selbstwertschätzung einer Person abhängt, d. h. mit denen sie ansteigt oder sinkt. Crocker und Wolfe (2001) nennen familiäre Unterstützung, Anerkennung durch andere, Wettbewerb, Aussehen, religiöse Orientierung, Erfolg und ethische Wertorientierung als wichtige Kontingenzen. Ist eine dieser Kontingenzen bei einer Person stark ausgeprägt, wirken sich Erfolge oder andere positive Ereignisse stark selbstwerterhöhend, Misserfolge hingegen stark selbstwertbelastend aus. Zudem sind einige der Bereiche problematischer als andere. So sind z. B. externe und variable Kontingenzen (z. B. Anerkennung durch andere) weniger adaptiv als andere. Als stabile Selbstwertquelle gilt eine grundsätzlich bejahende Haltung zu sich selbst, die vergleichsweise unabhängig von Erfolgen oder positiven Rückmeldungen ist. Studien zeigten, dass die Ausprägung von Selbstwertkontingenzen u. a. mit Fähigkeiten in sozialen Beziehungen, psychischer und physischer Gesundheit sowie Selbstregulation im Zusammenhang steht (Crocker und Nuer 2004).

Selbstwertregulation

Merke

SelbstwertregulationSelbstwertregulation wird definiert als Verhalten, das dem Ziel dient, Selbstwert zu schützen oder zu erhöhen (vgl. Schütz 2003).

Menschen halten ihren Selbstwert aufrecht, indem sie versuchen, Erfolge in für sie wichtigen Lebensbereichen zu erzielen. Mangelt es jedoch an Zeit, Energie oder Fähigkeit und ist der Selbstwert durch Misserfolge bedroht, ist die Entwicklung anderer Strategien zur Selbstwerterhöhung und zum Selbstwertschutz notwendig. Im Hinblick auf die Selbstwertregulation lassen sich A-priori-Strategien und Post-hoc-Strategien unterscheiden (Crocker und Park 2012; Tab. 12.3):
  • A-priori-StrategienSelbstwertregulationA-priori-Strategien zielen auf die Vermeidung einer Selbstwertverringerung durch das Erleben eines möglichen Misserfolgs.

  • Post-hoc-StrategienSelbstwertregulationPost-hoc-Strategien werden zur Wiederherstellung oder Aufrechterhaltung des Selbstwerts nach Selbstwertbedrohungen angewandt.

Das Modell weist einige Parallelen zu Carver und Scheiers (1981) Selbstregulationsmodell auf, in dessen Zentrum Annahmen zur zielführenden Regulation von Verhalten stehen. Während Annäherungsziele durch das Anstreben von positiven Ergebnissen gekennzeichnet sind, richten sich Vermeidungsziele auf das Nichteintreten negativer Ergebnisse. Beide Arten von Zielen können von außen vorgegeben, durch soziale Vergleiche generiert oder aber persönlich festgelegt sein. Auch wenn vor allem die Vermeidungsziele Ähnlichkeiten mit den von Crocker und Park postulierten A-priori-Strategien haben, beziehen sich Crocker und Park auf die Regulation des Selbstwerts im Zusammenhang mit Misserfolgen. Ferner bestehen Parallelen zum Modell der Emotionsregulation (Gross und Thompson 2007), das antezedenzfokussierte EmotionsregulationsstrategienEmotionsregulationantezedenzfokussierte Strategien (z. B. kognitive Neubewertung) von reaktionsfokussierten EmotionsregulationsstrategienEmotionsregulationreaktionsfokussierte Strategien (z. B. Unterdrückung des Emotionsausdrucks) unterscheidet. Allerdings bezieht sich Gross' Modell auf generelle Emotionsregulation, also Prozesse, die beeinflussen, wann welche Emotionen wie stark erlebt und zum Ausdruck gebracht werden. Zudem orientiert sich Gross am zeitlichen Verlauf der Entstehung von Emotionen, nicht an den Phasen vor und nach Eintreten eines (möglichen) Misserfolgs.
Die Selbstwertregulation verhindert die Abwertung der eigenen Person bei Misserfolgen, indem der bedrohte Selbstwert durch den Einsatz von Selbstwertregulationsstrategien geschützt bzw. erhöht wird. Somit hat die Selbstwertregulation unmittelbare positive KonsequenzenSelbstwertregulationKonsequenzen. MangelndeSelbstwertregulationmangelnde oder ungünstige SelbstwertregulationSelbstwertregulationungünstige kann mit psychischen Störungen einhergehen. Werden z. B. verschiedene Misserfolge immer der eigenen Person zugeschrieben, entspricht dies einem depressiven Attributionsstil, der einen Risikofaktor im Hinblick auf die Entwicklung einer Depression darstellt sowie in vielen Lebensbereichen als maladaptiv anzusehen ist (Überblick in Peterson et al. 1993). Die Art und Weise, wie Menschen auf Selbstwertbedrohungen reagieren, kann aber auch weitere negative Konsequenzen haben. So kann die Abwertung anderer Personen oder aggressives Verhalten zulasten zwischenmenschlicher Beziehungen gehen. Die Vermeidung von Situationen und die Schaffung von Hindernissen können dazu führen, dass die Chancen, in einem Bereich erfolgreich zu sein, sinken. Weiterhin besteht eine Gefahr darin, dass Menschen zur Selbstwerterhöhung Aktivitäten verfolgen, die ein Risiko für ihre physische Gesundheit darstellen, z. B. der schädliche Gebrauch von Alkohol oder rücksichtsloses Autofahren (Überblick in Crocker und Park 2012).
Aus diesem Grund stellt sich die Frage, ob es adaptivere Möglichkeiten der Selbstwerterhöhung gibt. Einen Vorschlag hierfür lieferte Steele (1988) mit dem Konzept der SelbstaffirmationSelbstaffirmation, dem Schutz positiver Aspekte des Selbst durch die Erarbeitung zentraler Werte der Person erreicht. Dadurch wird einerseits das Bedürfnis nach defensiver und aggressiver Selbstwertregulation minimiert, andererseits die Fähigkeit der Integration negativer Aspekte ins Selbstkonzept erhöht. Eine weitere Alternative ist der Aufbau nicht kontingenter Selbstwertschätzung. Diese Form des Selbstwerts ist weniger anfällig für Bedrohungen, da sie auf einer bedingungslosen positiven Wertschätzung der eigenen Person beruht (Rogers 1961).

Erleben und Verhalten bei unterschiedlichen Selbstwertausprägungen

SelbstwertschätzungSelbstwertschätzung spielt eine wichtige Rolle in der Informationsverarbeitung und der Selbstregulation. Sie gilt in vielen Kontexten als wichtiger und protektiver Faktor – sei es beim Umgang mit Belastungen oder beim Aufbau befriedigender Beziehungen – und wird daher oft als Indikator für psychische Gesundheit gewertet (Überblick in Leary und MacDonald 2012). Im Folgenden wird vor allem auf negative Aspekte niedriger Selbstwertschätzung eingegangen, da diese im klinischen Kontext besonders relevant sind, aber auch auf Schattenseiten positiven Selbstwerts hingewiesen.

Bei niedriger Selbstwertschätzung

SelbstwertschätzungniedrigeVerhaltenbei niedriger SelbstwertschätzungMenschen mit niedriger Selbstwertschätzung sind sich häufig ihrer Stärken und Schwächen nicht bewusst. Deutliche Selbstablehnung steht in Zusammenhang mit depressiven Symptomen (Kap. 12.5.1). Weiterhin besteht ein starker Zusammenhang zwischen geringem Selbstwert und den ängstlich-furchtsamen Persönlichkeitsstörungen (Kap. 12.5.4). Menschen mit niedriger Selbstwertschätzung erleben häufig negative Emotionen und haben Schwierigkeiten im Leistungs- und Sozialbereich (Leary und MacDonald 2012). Dabei entsteht ein Teufelskreis aus negativen selbstbezogenen Haltungen und ungünstigen Konsequenzen. Zweifelt man an den eigenen Fähigkeiten, geht man mit Skepsis an eine Aufgabe heran und befürchtet zu versagen. Diese Befürchtungen machen Misserfolge wahrscheinlicher, da sie kognitive Kapazitäten beanspruchen und damit die Aufgabenbearbeitung beeinträchtigen (vgl. Schütz und Hoge 2007).
Auch im sozialen Bereich führen Selbstzweifel zu sich aufschaukelnden Problemen. Da es Menschen mit niedriger Selbstwertschätzung schwerfällt zu glauben, dass sie von anderen so akzeptiert oder geliebt werden, wie sie sind, führen die Selbstzweifel zu wiederholter Suche nach Bestätigung. Interaktionspartner können dieses andauernde Infragestellen ihrer Zuneigung oder ihrer Beziehungen aber als belastend empfinden, sodass das Verhalten die Beziehungen, derer man sich eigentlich versichern will, beeinträchtigen kann (Murray und Holmes 2000).

Bei hoher Selbstwertschätzung

SelbstwertschätzunghoheVerhaltenbei hoher SelbstwertschätzungEine Vielzahl von Studien belegt, dass hohe Selbstwertschätzung mit vielen positiven Aspekten – wie z. B. Optimismus, Lebenszufriedenheit, emotionaler Stabilität und geringer Depressivität sowie weniger Stress und negativem Affekt nach Belastungen (Leary und MacDonald 2012) – verbunden ist. Menschen mit hoher Selbstwertschätzung zeigen nach anfänglichem Misserfolg Beharrlichkeit, was häufig zum Erfolg führt. Allerdings fällt es ihnen oft auch dann schwer aufzugeben, wenn es angezeigt wäre, weil ein Ziel objektiv gesehen nicht mehr erreichbar ist. Auch führt die Fokussierung auf die eigenen Stärken und gelassener Umgang mit Kritik zu SelbstüberschätzungSelbstüberschätzung. Eine Folge davon ist aber auch, dass Rückmeldungen weniger ernst genommen und so evtl. Lerngelegenheiten verpasst werden (Schütz 2003). Entgegen einer weit verbreiteten Meinung ist positiver Selbstwert nicht unbedingt mit positiver Bewertung anderer verbunden. Baumeister et al. (1996) berichten sogar von aggressivem und sozial unverträglichem Verhalten bei Personen mit hoher Selbstwertschätzung – vor allem, wenn positive Selbstbilder oder Überlegenheitsansprüche durch negative Rückmeldungen bedroht werden (Überblick in Schütz 2005).
Auch ist davon abzuraten, als präventive Maßnahme zu versuchen, Selbstwert flächendeckend zu stützen und ihn quasi unfundiert „aufzublasen“. Wie empirische Studien zeigen, birgt einfaches Lob ohne Hinweise auf notwendige Verhaltensänderungen die Gefahr positiver Selbstüberhöhung und reduzierter Veränderungsmotivation (Forsyth et al. 2007; Schütz und Baumeister 2016).

Psychopathologie und Funktionsbeeinträchtigung

Praktisch alle psychischen StörungenPsychische StörungenSelbstkonzeptveränderungen und Probleme gehen mit Veränderungen des SelbstkonzeptsSelbstwertpsychische Störungen oder SelbstwertverlustenPsychische StörungenSelbstwert(verluste)Selbstkonzeptpsychische Störungen einher. Empirische Befunde zeigen dies u. a. bei Depressionen, Ängsten und Zwängen, Essstörungen, Schizophrenie, Delinquenz, Alkohol- und Drogengebrauch, Suizidversuchen und Persönlichkeitsstörungen. Die Bedeutung von Selbstkonzept und Selbstwertschätzung bei psychischen Störungen soll im folgenden Abschnitt erläutert werden. Dafür werden fünf Störungsbilder herausgegriffen, bei denen ein besonders enger Zusammenhang mit Veränderungen im Selbstkonzept und im Selbstwert besteht.

Depression

Depression/depressive StörungenSelbstwertDie Klassifikationssysteme ICD-10 (Kapitel F) und DSM-5 zur Diagnostik von psychischen Störungen führen Beeinträchtigungen des SelbstwertsSelbstwertdepressive Störungen explizit als diagnostisches Kriterium für Depressionen auf. Niedriger Selbstwert ist zudem ein zentraler Bestandteil der kognitiven Triade der Depression (Beck 1974) und der Theorie der erlernten HilflosigkeitHilflosigkeit, erlernte (Seligman 1975). Die beiden psychologischen Erklärungsmodelle verdeutlichen den Zusammenhang zwischen erniedrigter Selbstwertschätzung und depressiven Erkrankungen.
Depression/depressive Störungenkognitive TriadeBeck (1974) geht davon aus, dass einer depressiven Erkrankung eine Veränderung basaler kognitiver Prozesse zugrunde liegt. Er postuliert in seiner kognitiven Theorie der Depression, dass die Entwicklung einer negativen Sicht auf die Welt, die eigene Person und die Zukunft (= kognitive Triade) depressive Symptome auslöst und aufrechterhält. Die Annahme, dass geringer Selbstwert nicht nur das Symptom einer Depression ist, sondern vielmehr einen prospektiven Risikofaktor für die Entstehung einer Depression darstellt, bestätigt die Metaanalyse von Sowislo und Orth (2013).
Depression/depressive Störungenerlernte HilflosigkeitIm Modell der erlernten HilflosigkeitHilflosigkeit, erlernte (Seligman 1975) ist Depression eine Folge der Erfahrung fehlender Kontrolle über subjektiv bedeutsame Ereignisse und der sich daraus entwickelnden Erwartung zukünftiger Hilflosigkeit. Dabei ist es nicht objektiv mangelnde Kontrolle, sondern der subjektive Prozess kognitiver Verarbeitung von Erfahrung (internale, stabile und globale Ursachenzuschreibung), der zur Verfestigung des Erlebens von Kontrollverlust führt. Bei depressiven Patienten wird häufig ein Mangel an Selbstwertregulationsstrategien festgestellt. Selbstwertbelastungen werden dabei häufig nicht selbstwertdienlich auf die aktuellen Umstände attribuiert, sondern der eigenen Person zugeschrieben.

Essstörungen

EssstörungenSelbstwertproblematikEine Berücksichtigung des Selbstkonzepts und des Selbstwerts findet sich außerdem in den diagnostischen Kriterien verschiedener Essstörungen. Bei der Anorexia nervosaAnorexia nervosaSelbstkonzept und der Bulimia nervosaBulimia nervosaSelbstkonzept weisen Figur und Körpergewicht einen übermäßigen Stellenwert im Selbstkonzept der Betroffenen auf und haben einen übertriebenen Einfluss auf die Selbstbewertung. Bei der erstmals im DSM-5 genannten Binge-Eating-StörungBinge-Eating-Störung wird ein gestörtes Selbstkonzept nicht explizit genannt, vielmehr werden Ekelgefühle gegenüber sich selbst, Deprimiertheit oder große Schuldgefühle nach dem übermäßigen Essen in den Kriterien zusammengefasst (APA 2013).
Im Rahmen verschiedener theoretischer Modelle von Essstörungen wird niedriger Selbstwert als Risiko- oder Ätiologiefaktor betont (Fairburn 2011). Darin wird eine tiefgreifende negative Sicht des eigenen Selbst angenommen, die bereits lange Zeit besteht und unabhängig von aktuellen Umständen, Leistungen und komorbiden Erkrankungen ist. Empirisch fanden sich Beeinträchtigungen im Selbstkonzept beim Vergleich von Patientinnen mit Essstörungen und gesunden Kontrollgruppen (Jacobi 1999). Darüber hinaus war bei bulimischen und anorektischen Patientinnen ein retrospektiv erhobener geringer Selbstwert ein Risikofaktor, der der Diagnose einer Essstörung voranging (Fairburn et al. 1997, 1999).

Borderline-Persönlichkeitsstörung

Borderline-PersönlichkeitsstörungSelbstwertSelbstwertBorderline-PersönlichkeitsstörungEine weitere psychische Erkrankung bei der Beeinträchtigungen des Selbst als explizites diagnostisches Kriterium gelistet werden, ist die Borderline-Persönlichkeitsstörung (Kap. 21.4). Die für die Borderline-PS spezifischen Funktionsbeeinträchtigungen des Selbst (Kriterium A) umfassen den Bereich der Identität (ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes, starke Selbstkritik) und der Selbststeuerung (Instabilität in Zielen, Werten und Planungen). In diesen Kriterien lassen sich enge Bezüge zu den bisher vorgestellten psychologischen Konstrukten feststellen. Im Problembereich der Identität berichten die meisten Patienten über ein tiefes Gefühl der Unsicherheit bzgl. ihres eigenen Selbstbildes, Unsicherheit darüber, wer sie wirklich sind, und eine stark negative Einschätzung und Einstellung zum eigenen Körper (Bohus 2002).
In dieser Aufzählung der Symptomatik werden Bezüge zu Aspekten des Selbstkonzepts, der Selbstkonzeptklarheit und der Selbstwertschätzung deutlich. Patientinnen mit Borderline-PS weisen einen besonders geringen Selbstwert und eine niedrigere SelbstkonzeptklarheitBorderline-PersönlichkeitsstörungSelbstkonzeptklarheit auf als Probandinnen einer gesunden Vergleichsgruppe (Schröder-Abé et al. 2007). Im Hinblick auf SelbstwertkontingenzenSelbstwertkontingenzenBorderline-PS fällt auf, dass der Selbstwert der Patientinnen stärker als bei anderen Personen von der Anerkennung durch andere abhängt. Probleme und Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen können so zu Selbstwertschwankungen beitragen (SelbstwertSchwankungenRoepke et al. 2011). Bezüglich der Selbstkonzeptstruktur zeigte eine eigene Studie bei den Patientinnen eine besonders stark kompartmentalisierte Organisation (Vater et al. 2015). Da hierbei einzelne Selbstkonzeptaspekte stark negativ oder stark positiv getönt sind, besteht die Gefahr, dass in Belastungssituationen vor allem negative Selbstaspekte zugänglich sind. Des Weiteren kann diese Selbstkonzeptorganisation zur ausgeprägten Reaktivität der Stimmung bei Borderline-Patienten beitragen.

Ängstlich-vermeidende und dependente Persönlichkeitsstörung

Dependente PersönlichkeitsstörungSelbstkonzept-/SelbstwertveränderungÄngstlich-vermeidende PersönlichkeitsstörungSelbstkonzept-/SelbstwertveränderungSelbstwertselbstunsichere PersönlichkeitsstörungSelbstwertdependente PersönlichkeitsstörungDie empirischen Befunde zu geringer Selbstwertschätzung bei Persönlichkeitsstörungen sind zumeist auf die eben vorgestellte Borderline-PS begrenzt. Nur sehr wenige Studien haben Veränderungen der Selbstwertschätzung und des Selbstkonzepts bei anderen Persönlichkeitsstörungen untersuchtSelbstkonzeptPersönlichkeitsstörungen. Ein bedeutender Zusammenhang wurde zwischen geringer Selbstwertschätzung und der ängstlich-vermeidenden (vermeidend-selbstunsicheren) und dependenten PS gefunden (Überblick in Westen und Kegley-Heim 2003). Die ängstlich-vermeidende PS ist durch ausgeprägte Minderwertigkeitsgefühle, soziale Hemmung und Unzulänglichkeitsgefühle sowie Überempfindlichkeit gegenüber Zurückweisung und Kritik gekennzeichnet. Die dependente PS zeigt sich in überstarken TrennungsängstenTrennungsangstdependente PS, unterwürfigem und anklammerndem Verhalten, geringer Eigeninitiative und depressiver Grundstimmung.

Narzisstische Persönlichkeitsstörung

Narzisstische PersönlichkeitsstörungSelbstwertüberschätzungSelbstwertnarzisstische PSIm Unterschied zu den bisher genannten Störungen, die mit niedrigem Selbstwert verbunden sind, ist die narzisstische PS durch starke Selbstbezogenheit Selbstbezogenheit, narzisstische PSund Selbstüberschätzung gekennzeichnet. Zu den Diagnosekriterien einer narzisstischen PS gehören ein tiefgreifendes Muster erlebter Großartigkeit, attraktive Selbstinszenierung und Selbstüberschätzung, ein Bedürfnis nach Bewunderung und Verehrung, starke Kränkbarkeit und Überempfindlichkeit gegenüber Kritik sowie ein Mangel an Empathie.
Auch wenn einige Autoren kritisch hinterfragen, wie authentisch und stabil die narzisstisch überhöhte Selbstwertschätzung wirklich ist (Sedikides et al. 2004), besteht zumindest auf den ersten Blick eine Verbindung des klinischen und subklinischen Narzissmus mit hoher SelbstwertschätzungSelbstwertschätzungNarzissmus. Während jedoch hoher Selbstwert adaptiv ist, wirkt sich Narzissmus nicht nur in zwischenmenschlichen Beziehungen ungünstig aus (Kernis 2003). So regulieren Narzissten ihren Selbstwert häufig dadurch, dass sie Erfolge der eigenen Person zuschreiben, andere Personen abwerten und sich selbst durch Erinnerungsverzerrungen oder selbstwertdienliche Attributionen aufwerten (Rhodewalt 2012).
Klinische Relevanz gewinnt Narzissmus dann, wenn die Betroffenen Leidensdruck entwickeln, was häufig erst nach gravierenden Misserfolgen geschieht oder die Folge davon ist, dass sich Interaktionspartner, die unter dem egozentrischen, dominanten Interaktionsstil der Person leiden, sukzessive abwenden (Beck und Freeman 1999). Personen mit narzisstischer PS begeben sich meist erst dann in Behandlung, wenn Krisen die eigene Großartigkeit infrage stellen, sich Partnerprobleme, eine Depression oder eine andere Achse-I-Störung entwickeln. In diesem Fall können sie ihren Selbstwert nicht mehr stabilisieren. Sachse (2010) spricht gar von einem doppelten SelbstkonzeptNarzisstische PersönlichkeitsstörungSelbstkonzept, doppeltes, wonach Personen mit narzisstischer PS neben einem positiven Selbstkonzept auch ein mehr oder weniger negatives Selbstkonzept aufweisen.
Entsprechend zeigen Forschungsergebnisse, dass Patienten mit narzisstischer PS über einen signifikant niedrigeren Selbstwert verfügen als gesunde Kontrollgruppen (Vater et al. 2013). Außerdem sind Personen mit narzisstischer PS nur schwer in der Lage, Diskrepanzen zwischen Real- und Ideal-Selbst zu tolerieren, und haben Schwierigkeiten, negative Rückmeldungen anzunehmen (Rhodewalt 2012).
In diesem Abschnitt wurden fünf Störungen vorgestellt, die eng mit Veränderungen des Selbstkonzepts, der Selbstwertschätzung und der Selbstwertregulation zusammenhängen. Die nächsten Abschnitte sind den therapeutischen Interventionen gewidmet. Dabei liegt der Fokus auf der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) und angrenzenden Therapierichtungen.

Funktionsbezogene, störungsübergreifende Therapieinterventionen

Zwar wird dem Inhalt und der Struktur des Selbstkonzepts, der Selbstwertregulation und der Selbstwertschätzung in vielen therapeutischen Richtungen hohe Bedeutung beigemessen, jedoch sind die theoretische Einbettung und die therapeutische Herangehensweise in den verschiedenen Therapieschulen recht unterschiedlich. Im Folgenden soll ein kurzer Überblick über den Stellenwert des Selbst in verschiedenen psychotherapeutischen Ansätzen gegeben werden.
Im Menschenbild der GesprächspsychotherapieGesprächs(psycho)therapieSelbstwert(regulation) (Rogers 1961), auch klientenzentrierteKlientenzentrierte PsychotherapieSelbstwertregulationGesprächspsychotherapie oder personzentrierte PsychotherapiePersonzentrierte Psychotherapie genannt, spielt das Selbst eine zentrale Rolle. Die Reflexion über sich und das Streben nach Selbstverwirklichung sind wichtige Elemente. Zwischen den Selbstwahrnehmungen und den Erfahrungen eines gesunden Menschen besteht Kongruenz. Erfahrungen, die inkongruent mit dem eigenen Selbstbild sind, werden als Bedrohung wahrgenommen, verleugnet oder verzerrt und resultieren in einer maladaptiven Anpassung. Durch Empathie, Kongruenz und positive Wertschätzung durch den Therapeuten soll der Patient auf seinem Weg zur Selbstverwirklichung als fully functioning personFully functioning person unterstützt werden. Dabei sollen eine grundsätzlich selbstbejahende Haltung aufgebaut und die Abhängigkeit von externen Selbstwertkontingenzen abgebaut werden.
Selbstkontrolle/-managementSelbstwertregulationDie Emotionsfokussierte Therapie (Emotionsfokussierte TherapieSelbstwert(regulation)Greenberg und Johnson 1988) als evidenzbasiertes Verfahren zielt vordergründig auf die Fokussierung, Aktivierung und Veränderung emotionaler Prozesse auf der Basis einer empathischen therapeutischen Beziehung und angeleiteter Selbstexploration. Eine spezifische Methode dabei ist z. B. die Stuhltechnik des „Inneren KritikersInnerer Kritiker“, in deren Rahmen der Therapeut den Patienten unterstützt, maladaptiv organisierte emotionale Schemata und dazugehörige Emotionen zum Ausdruck zu bringen und einen Zugang zu einer adaptiveren emotionalen Reaktion zu erlangen. Der „Innere Kritiker“, der einen stark negativen Einfluss auf den Selbstwert ausübt, wird so verändert, was zu einer positiveren Selbstbewertung führt.
Der Selbstmanagement-Ansatz von Kanfer et al. (2011) kann als schulenübergreifendes und integratives Modell verstanden werden. Aus dem kognitiv-verhaltenstherapeutischen BereichKognitive VerhaltenstherapieSelbstwert(regulation)Selbstwertregulationkognitive Verhaltenstherapie kommend, ist zielorientiertes Problemlösen der Kern dieses Ansatzes. Eine Grundannahme ist, dass Menschen nach Autonomie und Selbstverantwortung streben; das Ziel psychotherapeutischer Hilfe ist ein Leben ohne Beratung. Zwar sind in diesem Prinzip der „Hilfe zur Selbsthilfe“ das Selbstkonzept und der Selbstwert nicht explizit verankert, jedoch spielen sie bei den Selbstmanagement-Fertigkeiten eine wichtige Rolle. Der Einsatz von Selbstbeobachtung zielt darauf ab, dass die Patienten sich einzelner Aspekte des Selbstkonzepts bewusst werden und somit einen Schritt in Richtung einer klaren Vorstellung von sich selbst gehen (Erhöhung der Selbstkonzeptklarheit). Eine Steigerung der Selbstwirksamkeit erfolgt in der Regel über die Verbesserung von Selbstkontrolle und Problemlösefertigkeiten.
In der systemischenSystemische TherapieSelbstwert(regulation)FamilientherapieSelbstwert(regulation)(Familien)-Therapie werden interpersonelle Beziehungen und systemische Zusammenhänge als Grundlage für die Diagnose und Therapie von psychischen Problemen und zwischenmenschlichen Konflikten betrachtet. Dem Selbstwert wird insofern eine besondere Bedeutung zugeschrieben, als er als Schlüssel zu allen Phänomenen des geistigen und sozialen Lebens angesehen wird. Eine Person, die gelernt hat, sich selbst wertzuschätzen, kann die Probleme der eigenen Person und der Familie mit Respekt für den jeweils anderen lösen. Ziel der Therapie ist es daher u. a., Menschen bei der Entwicklung eines stabilen Selbstwerts zu helfen (Satir 2002).
Die Psychologische TherapiePsychologische Therapie, Selbstwert(regulation)Selbstwertpsychologische Therapie von Grawe (2000) nutzt unterschiedliche therapeutische Vorgehensweisen, deren Wirksamkeit empirisch erwiesen ist. Dabei wird besonderes Augenmerk auf die SelbstwertstärkungSelbstwertstärkung/-steigerung gelegt. Nach diesem Ansatz dienen Ziele, die ein Mensch im Laufe seines Lebens entwickelt, letztlich der Befriedigung von GrundbedürfnissenGrundbedürfnisse: dem Bedürfnis nach Bindung, nach Orientierung und Kontrolle, nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz, nach Lustgewinn und Unlustvermeidung. Der Ansatz geht davon aus, dass diese Grundbedürfnisse bei allen Menschen gegeben sind und ihre Verletzung oder dauerhafte Nichtbefriedigung zu Schädigungen der psychischen Gesundheit und des Wohlbefindens führt. Ziel der Therapie ist es, den Patienten die Bedürfnisbefriedigung in einer sich ständig wechselnden Umwelt zu ermöglichen. Veränderungen sollen durch therapeutische Interventionen aber lediglich angeregt werden. Es wird angenommen, dass der Patient in der Regel über entsprechende Potenziale verfügt, aber lernen muss, diese adäquat anzuwenden.
Der Einsatz ressourcenorientierter Interventionen wird seit einigen Jahren in der Psychotherapie verfolgt (Schaller und Schemmel 2013). Sowohl für die Bewältigung alltäglicher Aufgaben als auch zur Verbesserung der psychischen und physischen Gesundheit haben RessourcenRessourcenorientierte Interventionen, Selbstwert(regulation) große Bedeutung. Das Anliegen der Therapie ist die Aktivierung personaler Ressourcen (Fähigkeiten, Fertigkeiten oder Eigenschaften einer Person, soziale Beziehungen, aber auch wirtschaftliche Güter), um einen konstruktiven Umgang mit Belastungen zu ermöglichen. So werden therapeutische Interventionen (z. B. das Ressourceninterview von Schiepek und Matschi 2013) eingesetzt, um den Fokus auf selbstwertstärkende Aspekte der Person zu lenken.
Die Acceptance-and-Commitment-Therapie (ACTAcceptance-and-Commitment-Therapie (ACT)Selbstwert(regulation); Hayes 2007) basiert auf dem ACT-Modell psychischen Leidens, in dem sechs Faktoren beschrieben sind. Einer dieser Faktoren ist das Selbst, definiert als Prozess Ich-bezogener Beschreibungen („ich bin schüchtern“). Durch die Interaktion mit den anderen Prozessfaktoren (z. B. die Verstrickung mit eigenen Gedanken und Gefühlen) kann das Selbst starr und unflexibel werden („ich kann nicht anders, ich bin schon immer schüchtern gewesen“) und zu einer Einengung des Erlebens und Verhaltens führen (Eifert 2011). Die Therapie schließlich zielt darauf ab, die Perspektive des Beobachters einzunehmen und das Selbst als Raum zu verstehen, der für persönliche Erfahrungen bereitsteht. Die Beobachterperspektive soll dazu verhelfen, persönliches Erleben nicht von einem starren Standpunkt aus zu konstruieren und darauf zu reagieren, sondern Erfahrungen zu beobachten, ohne sie zu bewerten oder darauf zu reagieren (Eifert 2011).

Resümee

Funktionsbezogene, störungsübergreifende Therapieinterventionen

Zwar unterscheiden sich die genannten Therapieansätze hinsichtlich ihrer Menschenbilder sowie ihrer therapeutischen Interventionen, jedoch haben alle Ansätze als zentrales therapeutisches Thema die Entwicklung von Selbst und Selbstwert gemein. Man versteht die Selbstwerterhöhung als integralen Bestandteil einer allgemeinen Verbesserung, ohne dass in allen Ansätzen gezielt darauf hingearbeitet wird.
Es gibt allerdings weitere spezifische verhaltenstherapeutische Methoden, die zur Entwicklung des Selbstwerts eingesetzt werden können. Nach Jacob und Potreck-Rose (2004) zählen zu diesen selbstwertbezogenen Interventionen: kognitive Umstrukturierung, Training sozialer Kompetenzen und Aufbau angenehmer Aktivitäten. Diese in Kap. 12.7 Abschnitt beschriebenen Methoden haben einen breiten Anwendungsbereich und können insofern störungsübergreifend eingesetzt werden.

Steigerung des Selbstwerts

Im Folgenden sollen konkrete verhaltenstherapeutische Interventionen erörtert werden, die der Förderung eines stabilen SelbstkonzeptsSelbstwertstärkung/-steigerungverhaltenstherapeutische Interventionen und Selbstwerts dienlich sind. Die meisten der vorgestellten Interventionen können zu den Standardmethoden der Verhaltenstherapie gezählt werden (Kap. 6). Weiterhin sind die beschriebenen Maßnahmen in den meisten Fällen Teil eines übergeordneten Behandlungskonzepts, z. B. bei Depression und AngststörungenAngststörungenSelbstwert. So dient kognitive Umstrukturierung der Veränderung negativer Selbstbilder und dysfunktionaler Kognitionen (Beck 1999). Im Training sozialer Kompetenzen werden Selbstvertrauen und Selbstsicherheit eingeübt. Einzelne Elemente der Interventionen zur Förderung von Selbstzuwendung, Selbstakzeptanz und Selbstvertrauen finden ebenfalls an vielen Stellen der therapeutischen Arbeit Verwendung. Eine Sonderrolle nimmt in diesem Abschnitt die Dialektisch-behaviorale TherapieDialektisch-behaviorale Therapie (DBT)Selbstwertsteigerung (DBT) ein, da diese speziell zur Behandlung der Borderline-PS entwickelt wurde.

Kognitive Umstrukturierung

Selbstwertstärkung/-steigerungkognitive UmstrukturierungKognitive UmstrukturierungSelbstwertsteigerungMithilfe kognitiver Umstrukturierung sollen dysfunktionale Annahmen über die eigene Person identifiziert und überprüft werden, um neue, realitätsgerechtere und funktionalere Annahmen zu entwickeln und damit die Symptomatik zu reduzieren. Therapieansätze, die sich die Methode der kognitiven Umstrukturierung zunutze machen, werden im Folgenden vorgestellt.
Kognitive Therapiekognitive UmstrukturierungIm kognitiven TherapiemodellKognitive Therapie nach Beck (1999) werden Grundannahmen, zentrale Annahmen und automatische Gedanken unterschieden (Tab. 12.4). Das kognitive Modell geht davon aus, dass Annahmen und Gedanken die Sicht einer Person auf eine bestimmte Situation beeinflussen. Die Situation wiederum wirkt auf Gedanken, Gefühle und Verhalten zurück (Beck 1999).
Die Grundannahmen Grundannahmenpositiveder meisten Menschen sind positiv („Ich bin wertvoll“, „Ich bin liebenswert“). Entsprechend verfügen die meisten Menschen über einen hohen Selbstwert (Taylor und Brown 1988). Normalerweise kommt es nur in seltenen Fällen, z. B. bei Misserfolgen oder Belastungen, zu negativen Kognitionen („Ich schaffe das nie“, „Ich bin nichts wert“). Bei psychischen StörungenPsychische Störungennegative Grundannahmen hingegen werden negative GrundannahmenGrundannahmennegative über einen längeren Zeitraum hin aktiviert und betreffen weitere Bereiche des hierarchisch strukturierten Selbstkonzepts. Das gilt z. B. für Patienten mit DepressionenDepression/depressive Störungenkognitive Umstrukturierung oder ÄngstenAngststörungenkognitive Umstrukturierung. Einen ständigen Wechsel zwischen positiven und negativen aktivierten Annahmen gibt es bei Patienten mit Borderline-PSBorderline-Persönlichkeitsstörungkognitive Umstrukturierung.
Ziel der therapeutischen Arbeit ist es, eine dauerhafte Veränderung beeinträchtigender Grundannahmen zu erreichen. Dazu werden zunächst die automatischen GedankenGedankenautomatischeAutomatische Gedanken der Patienten identifiziert, indem zu ihrer Erfassung z. B. Protokolle eingesetzt werden. Wiederholt wird nach deren Bedeutung gefragt, um so zentrale Annahmen der Person abzuleiten. Im Verlauf der Therapie werden dann Vor- und Nachteile dieser Annahmen herausgearbeitet und ihr Realitätsgehalt getestet, um auf dieser Basis funktionalere Annahmen zu formulieren. Die neuen zentralen Annahmen müssen wiederholt angewendet werden, bevor revidierte Grundannahmen entstehen. Ziel ist die Aktivierung, Aufrechterhaltung und Entwicklung positiver Grundannahmen. Damit eng verknüpft ist die Veränderung negativer Selbstaspekte bzw. die Aufnahme positiver Selbstaspekte in ein bislang negativ getöntes Selbstkonzept. Stark kompartmentalisierte Selbstkonzeptstrukturen sollen zudem in eine integrativere Form verändert werdenSelbstkonzeptkompartmentalisierte Organisation.
Auch der Fokus der Rational-emotiven Therapie (RET)Rational-emotive Therapiekognitive UmstrukturierungSelbstwertstärkung/-steigerungrational-emotive Therapie (Ellis 2008) liegt auf der Veränderung dysfunktionaler Einstellungen und Gefühle (den sog. irrational beliefs), da diese den Menschen an der Erreichung grundlegender Ziele hindern. Dadurch wird auch an der Steigerung von Selbstwertschätzung und dem Potenzial zu Selbstverwirklichung gearbeitet. Die Aufgabe des Therapeuten besteht darin, auf irrationale ÜberzeugungenIrrationale Annahmen/Überzeugungen der Patienten hinzuweisen und alternative (realistischere) Überzeugungen zu erarbeiten. Das erfolgt durch die Disputation der irrationalen Annahmen – zugrunde liegende Überzeugungen, Bewertungen und Schlussfolgerungen werden hinterfragt, z. B. „Wenn ich einen Fehler gemacht habe, heißt das dann, dass ich ein wertloser Mensch bin?“ Die Patienten lernen, objektiv Gegebenes und eigene Charakteristika zu akzeptieren bzw. Gefühle und Verhalten aktiv zu verändern und neues Verhalten zu erproben. Sie sollen sich dabei auch als selbstwirksam erleben. Der Disputation irrationaler Annahmen übergeordnet ist bei Ellis allerdings voraussetzungslose Selbstakzeptanz – als eine von drei grundlegenden Aspekten der Rational-emotiven Verhaltenstherapie. Damit spielte das Konzept der Akzeptanz schon bei Ellis eine wichtige Rolle.
Weiterhin findet sich der Aspekt dysfunktionaler KognitionenKognition(en)dysfunktionale über die eigene Person in der SchematherapieSchematherapiekognitive Umstrukturierung (Young et al. 2008). Betont wird hierbei die Bedeutung frühkindlich erworbener maladaptiver Schemata, die durch die Nichterfüllung wesentlicher Grundbedürfnisse des Menschen entstehen. Diese handlungsbestimmenden Schemata (z. B. Unzulänglichkeit, ungenügende Selbstkontrolle, Beachtung suchen), die mit den Grundannahmen von Beck vergleichbar sind, schränken die Lebensqualität und die Handlungskompetenz des Menschen ein. Ziel ist es, ein Verständnis der Schemaentwicklung zu erlangen und bestehende Schemata zu verändern. Dabei finden auch die Schemabewältigungsstile der Patienten Beachtung, die ein wesentlicher Grund für die andauernde Aufrechterhaltung der Schemata sein können.
Auch Fairburn (2011) schlägt ein Modul in der kognitiv-behavioralem Behandlung von EssstörungenEssstörungenSelbstwertsteigerung vor, das geringen Selbstwert in den Fokus der Therapie setzt. Die umfassende negative Selbstsicht der Patienten wird während der individualisierten Psychoedukation in das Störungsmodell mit aufgenommen. Die kognitiven Prozesse, welche die negative Selbstbewertung aufrechterhalten, werden herausgearbeitet (dysfunktionale Annahmen) und in Echtzeit korrigiert. Inhalt in diesem Modul kann auch sein, im lebensgeschichtlichen Rückblick zu explorieren, wie die negativen Selbstbewertungen entstanden sind. Schließlich unterstützt der Therapeut die Patientin in der Formulierung und Akzeptanz einer ausgewogenen Selbstbewertung.
Neben der Bearbeitung von dysfunktionalen Grundannahmen schlägt Zimmer (2005) eine Variante der kognitiven UmstrukturierungKognitive Umstrukturierung vor, um positive Selbstkonzeptanteile zu fördern. Die Aufmerksamkeit von Patienten wird schrittweise, aber systematisch auf spezifische positive Aspekte der eigenen Person gerichtet: Zunächst werden mithilfe von Selbstkonzeptfragebogen oder -interviews wünschenswerte, positive Selbstbeschreibungsdimensionen gesammelt. Anschließend werden konkrete Situationen exploriert, in denen der Patient sich bzw. sein Verhalten auf einer dieser Dimensionen als mindestens akzeptabel erlebt hat. Die vom Patienten gefundenen Selbstkonzeptaspekte und deren Bewertungen werden schriftlich festgehalten, und der Patient wird gebeten, sie mehrmals täglich zu lesen. So wird die Häufigkeit positiver selbstbezogener Gedanken erhöht.

Resümee

Kognitive Umstrukturierung

Maladaptive Grundannahmen, die zumeist die leistungsbezogene, soziale oder physische Facette des Selbstwerts betreffen, werden verändert, und die Patienten werden angeleitet, selbstwertdienliche Informationen zu beachten bzw. zu entwickeln. Das kann einerseits durch die gezielte Exploration positiver Selbstbeschreibungen (Zimmer 2005), andererseits auch durch die Veränderung negativer Grundannahmen (Beck 1999; Ellis 2008) erfolgen. Der kognitiven Therapie, welche die Bearbeitung von Grundannahmen einschließt, wird bei einer Vielzahl von Störungen eine hohe Wirksamkeit bestätigt (Hautzinger 2000).

Training sozialer Kompetenzen

Selbstwertstärkung/-steigerungsoziales KompetenztrainingIm therapeutischen Kontext werden Selbstsicherheit, Selbstvertrauen und sozial kompetentes Verhalten als eng miteinander verbundene Begriffe verwendet.

Merke

Soziale KompetenzSoziale Kompetenz(en)Definition wird definiert als die Fähigkeit, alltägliche Beziehungen zu anderen Personen (Freunde, Bekannte, Fremde) so zu gestalten, dass man ein hohes Maß an positiven und angenehmen Konsequenzen erfahren kann (Ullrich und de Muynck 2006).

Soziale Kompetenz ist damit eine wichtige Basis für gelingende Interaktionen und Beziehungen. Da die meisten klinisch relevanten Störungen langfristig Folgen für soziale Interaktion und Selbstwert haben, ist die Förderung von Selbstsicherheit in vielen Therapieplänen verankert.
Im Training sozialer KompetenzenSoziales Fertigkeiten/-KompetenztrainingZiele werden Verhalten und Einstellungen verändert, indem die Person soziale Situationen, die sie bislang vermieden hat, ohne negative Konsequenzen erfahren soll. Derartige Erfahrungen führen zu einer Veränderung des Selbstkonzepts sowie zur Erhöhung der Selbstwirksamkeit und des Selbstwerts. Meist wird das Training sozialer Kompetenzen in Gruppen durchgeführt und videografiert, um spontane Interaktionsprozesse und Videofeedback nutzen zu können. Zusätzliche Übungselemente wie Verhaltensproben oder Rollenspiele können auch in der Einzeltherapie eingesetzt werden.
Im Assertiveness-Training-ProgrammAssertiveness Training (ATP; Ullrich und de Muynck 2006) werden folgende Ziele verfolgt:
  • Sich erlauben, eigene Ansprüche zu haben

  • Sich trauen, diese zu äußern

  • Die Fähigkeit erlernen, diese durchzusetzen

Im Gruppentraining sozialer KompetenzenSoziale Kompetenz(en)GruppentrainingGruppentraining sozialer Kompetenzen (GSK; Hinsch und Pfingsten 2007) wird die Therapie nach den Anforderungen der Situation eingeteilt: sein Recht durchsetzen (Erfüllen eigener Forderungen), Beziehungen (Aussprache und Verständnis von Gefühlen und Bedürfnissen) und um Sympathien werben (flexible Anpassung an die Situation).
Als gemeinsame Ziele dieser Trainings können der Erwerb neuer Kompetenzen, das Erleben neuer Erfahrungen und Bewältigungsmöglichkeiten gesehen werden. Außerdem kann eine Relativierung der meist negativen Selbsteinschätzungen der Patienten erfolgen, die durch die positiven Fremdeinschätzungen der anderen Gruppenmitglieder oder der Videosequenzen initialisiert wird.

Resümee

Training sozialer Kompetenzen

Patienten werden angeleitet, in verschiedenen Situationen ihre Ziele in kompetenter Weise optimal zu verwirklichen. Dabei erlernen sie, sich selbst und ihr Verhalten korrekt wahrzunehmen sowie neue Bewältigungskompetenzen zu erwerben. Diese neuen Erfahrungen und Möglichkeiten werden in das Selbstkonzept der Patienten eingebaut und bringen eine Erhöhung des Selbstwerts mit sich, da soziale Beziehungen eine wichtige Selbstwertkontingenz darstellen. Dabei werden besonders intensiv und direkt korrektive Erfahrungen herbeigeführt, die in vielen, wenn auch nicht allen Therapieansätzen eine solide Basis zur Verbesserung des Selbstwertes darstellen (Castonguay und Hill 2012).

Aufbau angenehmer Aktivitäten

Selbstwertstärkung/-steigerungAufbau angenehmer AktivitätenAktivitätsaufbauDie Technik des Aktivitätsaufbaus als verhaltenstherapeutische Maßnahme kommt bei vielen Störungsgruppen zur Anwendung, z. B. bei der DepressionDepression/depressive StörungenAufbau angenehmer Aktivitäten (Hautzinger 1998). Der Einsatz dieser Methode ist dann indiziert, wenn Patienten ein vermindertes Aktivitäts- und Belastungsniveau aufzeigen. Insbesondere Patienten mit depressiven Störungen erleben oft einen Rückgang an positiver Verstärkung, was zu sozialem Rückzug, unsicherem Auftreten und Niedergeschlagenheit führt. Angenehme Aktivitäten werden definiert als vom Patienten positiv empfundene Aktivitäten, die aktiv initiiert werden oder spontan in Beruf, Freizeit oder Alltag auftreten. Durch den Aufbau angenehmer Aktivitäten werden positive Verstärker und eine positivere Stimmung geschaffen. So wird der Teufelskreis der Depression durchbrochen. Weiterhin wird durch Wochenpläne und Tagesprotokolle das Selbstbeobachtungsverhalten gefördert. Die rasche und verständliche Vermittlung der Therapiestrategien stellt einen Vorteil dieser Technik dar. bei Patienten mit Depressionen wurde eine gute Wirksamkeit festgestellt (Lawlor und Hopker 2001).

Resümee

Aufbau angenehmer Aktivitäten

Die Selbstwirksamkeit der Patienten wird erhöht, da sie durch die Protokollierung von Aktivitäten und Stimmung erkennen, dass sie selbst den Teufelskreis durchbrechen können. Weiterhin nimmt die gesteigerte Belastbarkeit im Selbstkonzept Einfluss: Patienten erleben sich in neuen sozialen Rollen und beziehen diese in ihr Selbstkonzept ein – Veränderungen in Selbstkonzeptstruktur und Selbstwert können resultieren. Eine Erhöhung des Selbstwerts kann außerdem durch den (Wieder-)Aufbau sozialer Kontakte eintreten, durch die sich die Patienten als sozial kompetenter wahrnehmen und die das physische und psychische Wohlergehen positiv beeinflussen (Wills 1985).

Förderung von Selbstzuwendung, Selbstakzeptanz, Selbstvertrauen

Potreck-Rose und Jacob (2012) stellen spezifische Interventionen zur SelbstwertsteigerungSelbstwertstärkung/-steigerung vor. Als die vier Säulen des SelbstwertsSelbstwertSäulen beschreiben sie:
  • 1.

    SelbstakzeptanzSelbstakzeptanz (positive Einstellung zu sich selbst als Person – die Facette des emotionalen Selbstwerts)

  • 2.

    SelbstvertrauenSelbstvertrauen (positive Einstellung zu den eigenen Fähigkeiten und Leistungen – die Facetten des leistungsbezogenen Selbstwerts)

  • 3.

    Soziale KompetenzSoziale Kompetenz(en)Selbstwert (Erleben von Kontaktfähigkeit)

  • 4.

    Soziales NetzSoziales Netz (Eingebundensein in positive soziale Beziehungen)

Während sich Selbstakzeptanz und Selbstvertrauen auf den subjektiven, intrapersonellen Aspekt des Selbstwerts beziehen, spiegeln soziale Kompetenz und soziales Netz seinen interpersonellen Aspekt wider. Die interpersonelle Dimension wird in therapeutischen Gruppenverfahren angesprochen (Kap. 12.7.2). Der Schwerpunkt der von Potreck-Rose und Jacob (2012) vorgestellten Interventionen liegt auf der Förderung von Selbstakzeptanz und Selbstvertrauen und deren wichtigster Grundlage, der Selbstzuwendung.
Ein erster Schritt zur Entwicklung von SelbstvertrauenSelbstvertrauenEntwicklungSelbstakzeptanzEntwicklung und Selbstakzeptanz ist nach Potreck-Rose und Jacob (2012) die positive SelbstzuwendungSelbstzuwendung, positive. Dazu gehört der achtsame Umgang mit sich selbst. Übungen zur Achtsamkeit zielen auf eine wertschätzende Wahrnehmung des Körpers, der Sinne, der Gefühle und der Bedürfnisse ab. Die einzelnen Schritte werden mithilfe des Akronyms InSELInSEL am Beispiel der Sitzhaltung verdeutlicht (Jacob et al. 2006):
  • Innehalten (In) meint die Zuwendung der inneren Aufmerksamkeit zu einem Aspekt der aktuellen Tätigkeit, z. B. der Wahrnehmung der Sitzposition.

  • Dieser folgt die Bewertung der Situation (S), z. B. die Frage „Ist diese Sitzposition bequem für mich?“

  • Anschließend wird mit Alternativen experimentiert (E), bequemere Sitzposition können ausprobiert und wieder verworfen werden.

  • Im letzten Schritt wird versucht, eine gute Lösung zu finden (L); die positiv bewertete Alternative wird gewählt, also eine bequemere Sitzposition eingenommen.

Dieser achtsame Umgang mit sich selbst wird in alltäglichen Situationen (z. B. hastiges Essen, Frieren oder nächtliches Wachliegen) geübt und hat das Ziel, gewohnte Muster zu erkennen, zu bewerten und ggf. zu verändern.
Im zweiten Schritt wird die Förderung der SelbstakzeptanzSelbstakzeptanz vorgestellt. In Interventionen wie „Die sieben LebensgeboteSieben Lebensgebote“ oder „Der RollenkünstlerRollenkünstler“ wird das Werte- und Normensystem differenziert. Bestehende Lebensregeln und Werte werden anhand von Protokollen und Arbeitsblättern identifiziert, auf ihre Funktionalität überprüft und „entrümpelt“, um neuen Regeln Platz zu machen, die der jeweiligen Lebensphase der Person, ihren Wünschen und Zielen besser entsprechen. Gleichzeitig wird auf die Flexibilität des neuen Systems geachtet, sodass bei Änderungen der Lebensbedingungen die Diskrepanzen zwischen dem, was die Person tun möchte, und dem, was sie tatsächlich tut, verringert und die Voraussetzungen für selbstwertförderliche Aktivitäten geschaffen werden.
Die Förderung des SelbstvertrauensSelbstvertrauen, des sozialen und leistungsbezogenen SelbstwertsSelbstwertFörderung wird im dritten Schritt mit Strategien zur Selbstregulation und Selbstkontrolle (Selbstmanagementansatz, Kanfer et al. 2011) vorgestellt. Interventionen zielen hierbei auf die Entwicklung eines stabilen und gesunden Selbstwerts durch die Reduzierung und Veränderung selbstwertschädlicher Verhaltensweisen (z. B. Prokrastination oder Unpünktlichkeit). Im Rahmen des Selbstmanagements wird dabei die Zielerreichung (Ziele festlegen, Schritte planen, Energieeinsatz festlegen, Selbstbelohnung planen, Ergebnis kontrollieren) fokussiert, womit das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten (Selbstwirksamkeit) erhöht und der adaptive Einsatz von Selbstwertregulationsstrategien geübt werden soll.

Dialektisch-behaviorale Therapie

Dialektisch-behaviorale Therapie (DBT)Borderline-PSSeit den 1980er-Jahren existiert für die Behandlung der Borderline-PSBorderline-PersönlichkeitsstörungDialektisch-behaviorale Therapie eine manualgestützte, kognitiv-behavioral orientierte Therapie, die Dialektisch-behaviorale Therapie (DBT; Linehan 1996). Neben klassischen kognitiven und verhaltenstherapeutischen Methoden werden in der DBT weitere Strategien aus anderen therapeutischen Schulen sowie fernöstliche Meditationstechniken eingesetzt (ausführlichere Darstellung Kap. 21.4). Empirisch hat sich gezeigt, dass DBT den Selbstwert, insbesondere die emotionale und soziale Selbstwertfacette, von Patientinnen mit Borderline-PS erhöht (Roepke et al. 2011).
Jacob et al. (2006) stellen ein Gruppentherapiemodul zur Stärkung des Selbstwerts bei Patienten mit Borderline-PS vor. Die ersten Sitzungen der sechs ModuleDialektisch-behaviorale Therapie (DBT)Module sind der Arbeit an dysfunktionalen Grundannahmen gewidmet. Ähnlich der in Kap. 12.7.1 beschriebenen kognitiven Umstrukturierung sollen die Auswirkungen negativer selbstbezogener Einstellungen erkannt und Alternativen erarbeitet werden. Dabei werden Diskrepanzen zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung, Argumente für und gegen die Aufrechterhaltung negativer Annahmen und alternative Verhaltensweisen gesammelt. Relevante Ereignisse und Gedanken werden in Hausaufgaben beobachtet und protokolliert, um so einen besseren Transfer in den Alltag zu ermöglichen. In den anschließenden Sitzungen zur Selbstzugewandtheit sollen positive Erfahrungen mit der eigenen Person unterstützt werden (vgl. InSEL-Technik, Kap. 12.7.4). Auf der Ebene der Kognitionen soll am Aufbau einer wertschätzenden Haltung gegenüber der eigenen Person gearbeitet werden. In Bezug auf das Verhalten sollen ein achtsam-freundlicher Umgang mit sich selbst gefördert und angenehme Aktivitäten aufgebaut werden. Im Rahmen des therapeutischen Settings werden dabei Gruppenprozesse genutzt, um Diskrepanzen zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung aufzuzeigen und den Erfahrungsaustausch mit anderen Teilnehmern zu fördern.
Jacob et al. (2006) argumentieren, dass dieses Modul nicht als störungsspezifisch anzusehen ist, sondern auch im Rahmen verhaltenstherapeutischer Interventionen bei anderen psychischen Störungen verwendet werden kann. In einer Pilotstudie zeigten sich größere Verbesserungen des Selbstwerts in der Interventionsgruppe als in der Kontrollgruppe (Jacob et al. 2010). Jacob et al. (2006) berichten von einer sehr hohen Akzeptanz bei den Patienten.

Fazit

Selbstkonzept, Selbstwertschätzung und Selbstwertregulation spielen im menschlichen Erleben und Verhalten eine bedeutende Rolle. Die Wahrnehmung und die Bewertung der eigenen Person beeinflussen psychische wie physisches Wohlbefinden und das Interaktionsverhalten. Da ein Großteil der psychischen Erkrankungen mit Störungen des Selbstkonzepts und der Selbstwertregulation sowie einer Verminderungen des Selbstwerts einhergeht, setzen psychotherapeutische Interventionen häufig an der Erarbeitung einer gesunden Selbstwahrnehmung und eines gesunden Selbstwerts an.
Die Komplexität des „Selbst“-Phänomens zeigt sich in den verschiedenen Komponenten des Selbstkonzepts und des Selbstwerts. Aufseiten des Selbstkonzepts werden inhaltliche und strukturelle Aspekte unterschieden. So ist nicht nur der Grad der Differenzierung einzelner Selbstaspekte von Interesse, sondern auch deren Organisation. Auch aufseiten des Selbstwerts genügt es nicht, die Höhe der Selbstwertschätzung zu betrachten: Vielmehr gilt es neben den Facetten auch die Stabilität, die Quellen sowie die Strategien der Selbstwertregulation zu berücksichtigen.
Die wohl engste Verbindung mit Störungen des Selbstkonzepts, des Selbstwerts und der Selbstwertregulation findet man bei Depressionen, Essstörungen, Borderline-PS, vermeidend-selbstunsicheren, dependenten und narzisstischen PS. Die diagnostischen Kriterien der Depression beinhalten geringen Selbstwert und Gefühle der Wertlosigkeit. Zentrale Kriterien verschiedener Essstörungen sind der übertriebene Stellenwert, den Figur und Gewicht für das Selbstkonzept und die Selbstwertung haben. Instabilität des Selbstbilds und der Selbstwahrnehmung bis hin zur Selbstabwertung kennzeichnen die Borderline-PS. Zur narzisstischen PS gehören Selbstüberschätzung und problematische Strategien der Selbstwertregulation.
Auch wenn die Stärkung der Selbstwertschätzung in der Psychotherapie eine zentrale Rolle spielt, finden sich doch keine reinen störungsspezifischen verhaltenstherapeutischen Verfahren, die auf eine Stärkung und Stabilisierung des Selbstwerts ausgerichtet sind. In anderen therapeutischen Schulen wird der Selbstwert durch einen lösungs- und ressourcenorientierten Ansatz viel stärker betont, wobei auch hier kein störungsspezifischer Behandlungsansatz verfolgt wird. Im Hinblick auf die Verhaltenstherapie kann jedoch eine Berücksichtigung des Selbstkonzepts, des Selbstwerts und der Selbstwertregulation in den störungsübergreifenden Standardmethoden der kognitiven Umstrukturierung und des Trainings sozialer Kompetenzen festgestellt werden.
Da diese Methoden Bestandteile von Therapieverfahren mit guter Wirksamkeit sind (Überblick in Hautzinger 2000), ist es evtl. auch nicht notwendig, dass selbstwertbezogene Interventionen auf bestimmte Störungen zugeschnitten werden. So wurden in den letzten Jahren Interventionsmethoden vorgestellt, in denen dem Selbstwert bzw. dem Selbstkonzept in bestehenden verhaltenstherapeutischen Methoden eine zentrale Rolle beigemessen wird (teilweise in störungsspezifischer Form mit Manual). So schlägt Zimmer (2005) eine Variante der kognitiven Umstrukturierung vor, mit der ein positives Selbstkonzept gefördert werden soll. Fairburn (2011) präsentiert ein Modul zur Behandlung extrem geringen Selbstwerts im Rahmen der Therapie von Essstörungen. Potreck-Rose und Jacob (2012) stellen Interventionen zur Förderung von Selbstvertrauen und Selbstakzeptanz vor. Ein evaluiertes Gruppentherapiemodul zur Stärkung des Selbstwerts bei Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung wird von Jacob et al. (2006) berichtet.

Literaturauswahl

Baumeister et al., 1996

R.F. Baumeister L. Smart J.M. Boden Relation of threatened egotism to violence and aggression: The dark side of high self-esteem Psychol Rev 103 1996 5 33

Leary and Tangney, 2012

M.R. Leary T.J. Tangney Handbook of Self- and Identity 2nd ed. 2012 Guilford New York

Orth et al., 2010

U. Orth K.H. Trzesniewski R.W. Robins Self-esteem development from young adulthood to old age: A cohort-sequential longitudinal study J Pers Soc Psychol 98 2010 645 658

Potreck-Rose and Jacob, 2012

F. Potreck-Rose G. Jacob Selbstzuwendung, Selbstakzeptanz, Selbstwahrnehmung. Psychotherapeutische Interventionen zum Aufbau von Selbstwertgefühl 9. A. 2012 Klett-Cotta Stuttgart

Roepke et al., 2011

S. Roepke M. Schröder-Abé A. Schütz Dialectic behavioral therapy has an impact on self-concept clarity and facets ofself-esteem in women with borderline personality disorder Clin Psychol Psychother 18 2011 148 158

Schütz, 2005

A. Schütz Je selbstsicherer desto besser? Licht und Schatten positiver Selbstbewertung 2005 Beltz Weinheim

Schütz and Hoge, 2007

A. Schütz L. Hoge Positives Denken VorteileRisikenAlternativen. Eine kritische Bestandsaufnahme 2007 Kohlhammer Stuttgart

Schütz et al., 2016

A. Schütz K. Rentzsch I. Sellin Die Multidimensionale Selbstwertskala (MSWS) 2. A. 2016 Hogrefe Göttingen

Sowisol and Orth, 2013

J.F. Sowisol U. Orth Does low self-esteem predict depression and anxiety? A meta-analysis of longitudinal studies Psychol Bull 139 2013 213 240

Vater et al., 2013

A. Vater M. Schröder-Abé K. Ritter The Narcissistic Personality Inventorya useful tool for assessing pathological narcissism? Evidence from patients with narcissistic personality disorder J Pers Assess 95 2013 301 308

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