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B978-3-437-23731-7.00017-X

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978-3-437-23731-7

Selbstregulation bestehend aus bewusst/absichtsvollen und selbstorganisierten Prozessen, die sich ergänzen und miteinander interagieren

Grundmodell der SelbstregulationSelbstregulationGrundschleife

nach Carver und Scheier (1998)

SpannungslandschaftSpannungslandschaft als metaphorische Darstellung möglicher Zustände in einem selbstorganisierenden System (nach Caspar et al. 1992). Erläuterung im TextSelbstorganisationSpannungslandschaft

Sekundäre Schleife mit Veränderung der Sollwerte SelbstregulationSollwert-Veränderung

(nach Carver und Scheier 1998)

Einbindung der Wünsche anderer in eigenes Handeln (nach Carver und Scheier 1998). Carver und Scheier heben soziale Normen hervor; in Therapien geht es oft auch um Familiennormen oder Normen in Beziehungen zu bestimmten anderen Menschen, die oft früh geprägt werden. SelbstregulationBerücksichtigung der Wünsche anderer

Selbstregulation

Franz Caspar

Kernaussagen

  • SelbstregulationSelbstregulation ist eine Perspektive, aus der das adaptive und maladaptive Funktionieren von Menschen betrachtet werden kann. Es geht um die Frage, wie ein Individuum es schafft oder eben nicht schafft, seine Bedürfnisse zu befriedigen oder – in der Terminologie von Grawes Konsistenztheorie (1998) – Konsistenz herzustellen und zu wahren. Wie wird laufend überprüft, ob die aktuelle Situation den eigenen Bedürfnissen/Zielen/Werten/Normen entspricht? Was wird eingesetzt, um Übereinstimmung zu erreichen? Wie wirken dabei bewusste, absichtsvolle und nichtbewusste, implizite, selbstorganisierte Regulation zusammen? Wo und wie können psychische Probleme als Konsequenzen maladaptiver Selbstregulation betrachtet werden?

  • Selbstregulation setzt die explizite oder implizite Annahme voraus, dass man selber Einfluss auf das Geschehen und/oder dessen Verarbeitung hat (Kanfer und Hagerman 1981; Kanfer et al. 2012). Dass diese Annahme z. B. bei erlernter Hilflosigkeit oder dem präoperativen Denken von chronisch Depressiven (McCullough 2006) nicht selbstverständlich ist, muss berücksichtigt werden.

Begriffe

SelbstregulationSelbstregulationDefinition wird hier verstanden als das Gesamt dessen, was ein Mensch bewusst oder nicht bewusst tut, um eine gute Übereinstimmung seiner Wahrnehmung der aktuellen Situation mit seinen Zielen (Bedürfnissen/Zielen/Werten/Normen) herzustellen (Abb. 17.1).
Es gibt auch andere Definitionen, nach denen Selbstregulation nur die bewusst-absichtsvollen Teile umfasst (Baumeister et al. 2007b). Wir verwenden jedoch die weitere Definition. Abzugrenzen ist der ähnliche Begriff „SelbstkontrolleSelbstkontrolle/-management“: Damit werden i. Allg. Prozesse bezeichnet, bei denen es darum geht, konkurrierende Handlungstendenzen im Griff zu behalten bzw. zu unterdrücken. Selbstkontrolle kann damit Teil von Selbstregulation sein, ist mit dieser aber nicht identisch (Carver und Scheier 1998). Andere Autoren wie Kanfer et al. (2012) verwenden „Selbstkontrolle“ recht umfassend, ähnlich zu dem hier vertretenen Selbstregulationsbegriff, allerdings beschränkt auf KonfliktsituationenKonflikteSelbstkontrolle.
Ein weiterer verwandter Begriff ist „Selbstmanagement“, wie er u. a. von Kanfer et al. (2012) verwendet wird: Selbstmanagement-Ansätze haben gemeinsam, „dass Klienten zu besserer Selbststeuerung angeleitet und möglichst aktiv zu einer eigenständigen Problembewältigung fähig werden. Wenn dieser systematische Lern- und Veränderungsprozess erfolgreich abläuft, sind Klienten (wieder) in der Lage, ihr Leben ohne externe professionelle Hilfe in Einklang mit ihren Zielen zu gestalten.“ Der Begriff „Selbstmanagement“ schließt damit eine zusätzliche Bedeutung des „Selbst“, nämlich den Gegensatz zu einer Abhängigkeit vom Therapeuten oder anderen ein.

Merke

Selbstregulation ist eine Perspektive, aus der das ganze adaptive und maladaptive Funktionieren von Menschen gesehen werden kann. Wie schafft es ein Mensch (besser oder schlechter), seine Bedürfnisse zu befriedigen?

„Selbstregulation“ wird unterschiedlich definiert: Hier umfasst es bewusst-absichtsvolle und nichtbewusst-selbstorganisierte Regulation.

Grundlagen

SelbstregulationsmodelleSelbstregulationTOTE-Modell haben eine lange Tradition in der Psychologie und werden ebenfalls seit Langem klinisch genutztPsychotherapieSelbstregulation. Ein älteres Modell ist das allgemein-psychologische Plankonzept von Miller et al. (1960), das diese entwickelten, um die Grenzen des Behaviorismus zu sprengen. Sie formulierten das TOTE-Modell (Test-Operate-Test-Exit). Danach testet ein Mensch, ob ein bestimmtes Ziel erreicht ist, wenn nicht, tut er etwas, das der Zielerreichung dienen soll, überprüft wieder, und wenn das Ziel erreicht ist, verlässt er diese Schleife der Handlungsregulation. Ziel und Handlung machen nach Miller et al. zusammen einen Plan aus. Pläne sind hierarchisch gegliedertPläneHierarchie: Zuoberst in einer Planhierarchie stehen BedürfnisseGrundbedürfnisseSelbstregulation, zuunterst Verhalten-in-Situationen. Pläne sind im Gegensatz zur umgangssprachlichen Bedeutung nach Miller et al. großenteils nicht bewusst; um diesen Unterschied hervorzuheben, schrieben sie Plan im Englischen mit großem „P“. Wie bewusste und nicht bewusste Teile zusammenwirken, arbeiten sie allerdings nicht detailliert aus.
In besonderer Weise mit Selbstregulation sind im Weiteren v. a. die Namen Carver und Scheier sowie Baumeister verbunden. Erstere beziehen sich ausdrücklich auf Miller et al. und weiten das Konzept aus. Von ihnen stammt auch die klassische Abbildung, in der die „Grundschleife“ der Selbstregulation beschrieben wird (Abb. 17.2):
Ausgangspunkt sind Sollwerte eines Individuums. Das können Ziele, Motive, Standards, Bezugsgrößen u. Ä. sein. Ein Komparator vergleicht diese dann mit einem Istzustand (Input, WahrnehmungWahrnehmungsubjektive). Stimmen Ist- und Sollwert hinreichend überein, dann erfolgen keine Handlungen. Wenn ein Sollwert nicht erfüllt ist, erzeugt das Individuum (jedenfalls im Prinzip) einen Output, eine Handlung, mit welcher der Ist- an den Sollwert angenähert werden soll. Das kann auch eine intrapsychische Handlung sein. In der Regel kann zumindest im zwischenmenschlichen Bereich, um den es hier ja vor allem geht, das Verhalten nicht direkt eine Veränderung bewirken; es kommt auch die Umwelt, das Verhalten anderer Personen, ins Spiel. Sie können sich begünstigend oder auch behindernd verhalten. Beides zusammen hat dann eine Wirkung, die wahrgenommen als Input aufgenommen wird, womit das System dann in die nächste Runde geht.
Ein Beispiel aus der technischen Welt ist das Funktionieren einer thermostatgesteuerten Heizung: Sollwert z. B. 22 °C, Wahrnehmung der aktuellen Temperatur 19 °C. Komparator stellt Differenz fest, Heizung wird eingeschaltet und heizt (Verhalten), strömt Wärme aus (Output). Die Umwelt (z. B. offenes Fenster/Sonneneinstrahlung) kühlt aus oder heizt zusätzlich auf. Daraus resultiert eine neue Raumtemperatur, die mehr oder weniger valide gemessen und dem Komparator gemeldet wird usw. Die Verwendung dieses einfachen Beispiels dient der Veranschaulichung der Basisprinzipien und soll nicht suggerieren, man könne Patienten wie Heizsysteme betrachten. Beim lebenden Menschen kommt wichtige Komplexität dazu, die im Folgenden in einzelnen Stichpunkten weiter beschrieben wird.

Klinische Anwendungen

Grawe und Dziewas (1978) haben das Konzept von Miller et al. (1960) ihrer Vertikalen VerhaltensanalyseVerhaltensanalysevertikaleVertikale Verhaltensanalyse (VVA) zugrunde gelegt, mit der sie Möglichkeiten zu einem differenzierteren und ganzheitlicheren Verständnis des Verhaltens und Erlebens von Patienten in der Therapiesituation schufen. Caspar (1985/2007) hat später dieses klinisch-psychotherapeutische Konzept namentlich um die Möglichkeiten eines systematischen Bezugs zwischen PlänenPläneEmotionen und EmotionenEmotion(en)Pläne und der systematischen Analyse auch der therapierelevanten Probleme von Patienten erweitert. Weil damit deutlich mehr als nur Verhalten analysiert wurde, wurde die VVA in PlananalysePlananalyse umbenannt (s. auch Kap. 1, Kap. 3 und Kap. 11): „Plan“ ganz im Sinne von Miller et al. (1960), also im Gegensatz zur Umgangssprache auch Nichtbewusstes umfassend. Kennzeichnend ist, dass Motive aus dem beobachteten und berichteten Verhalten und Erleben erschlossen werden, weil davon ausgegangen wird, dass Menschen nur über den im Selbstkonzept abgebildeten Teil ihres eigenen Funktionierens Auskunft geben können. Ein großer Teil des Funktionierens erfolgt nicht bewusst oder implizit und ist deshalb über Auskünfte weder in Fragebögen noch im Gespräch direkt zugänglich. Gerade um das Aufreißen alter, lebensgeschichtlich, oft schon vorsprachlich erworbener Wunden (z. B. ausgelacht oder kritisiert zu werden beim Zeigen von Bedürfnissen) zu vermeiden, werden teils aufwendige nichtbewusste Strategien bis hin zur Partner- und Berufswahl entwickelt (s. auch Kap. 3 und Kap. 4). Die fehlende Bewusstheit kann mit ein Grund für maladaptive SelbstregulationSelbstregulationmaladaptive sein, deshalb ist es besonders wichtig, dass auch die impliziten, nichtbewussten „selbstorganisierten“ Teile des Funktionierens einbezogen werden. Später hat Grawe (1998) seinen konsistenztheroretischen Ansatz, der ausdrücklich bewusste und implizite Strategien zum Herstellen und Aufrechterhalten von Konsistenz umfasst, stark auf Konzepte der Selbstregulation, namentlich von Powers (1973; stärkeres Gewicht auf dem Herstellen von Wahrnehmungen) sowie Carver und Scheier gestützt.
Eine andere wichtige Anwendung von Selbstregulationskonzepten findet sich bei Kanfer, in Deutsch am umfassendsten zugänglich durch Kanfer et al. (2012). Sein zentrales Thema ist Selbstmanagement. Wesentliche Elemente davon sind Selbstbeobachtung, Selbstinstruktionen, Zielklärung und -setzung, Selbstbewertung, Selbstverstärkung, Selbstkontrolle (Kap. 17.4) – auch beim Selbstinstruktionsansatz, wie wir ihn hier verstehen, wichtige Themen. Kanfer et al. verstehen unter Selbstregulation allerdings nur die bewusste, kontrollierte Regulation und heben hervor, dass sie insbesondere einsetzt, wenn automatisierte Abläufe durch plötzliche Hindernisse bei der Verfolgung bisheriger Interessen, Unsicherheit der Person über den nächsten Schritt in der Verhaltenskette, Konflikte zwischen mehreren Verhaltensweisen oder Schwierigkeiten beim Erreichen eines angestrebten Zieles aufgrund fehlender Verhaltenskompetenzen unterbrochen werden. Das „SelbstSelbst“ hat bei Kanfer noch eine zusätzliche Bedeutung: Er hebt das Befähigen des Patienten hervor, sein Schicksal möglichst bald und möglich konsequent unabhängig vom Therapeuten (wieder) selbst in die Hand zu nehmen. Der „Selbstmanagement“-Therapieansatz ist stark darauf ausgerichtet, dies zu begünstigen.

Merke

  • In der Selbstregulation vergleicht ein „Komparator“ Ist- und Sollwerte.

  • Bei Abweichungen handelt ein Individuum, um festgestellte Diskrepanzen zu reduzieren.

  • Bei allen Elementen der Selbstregulation spielt die subjektive Wahrnehmung eine wichtige Rolle.

  • Es gibt auch klinische Ansätze, bei denen Selbstregulation eine bedeutende Rolle spielt.

Wichtige Themen beim Selbstregulationsansatz

Dual-Process-Modelle: bewusste/explizite/absichtsvolle vs. nichtbewusste/implizite/selbstorganisierte Steuerung

SelbstregulationDual-Process-ModelleDie Begriffe „bewusst/explizit/absichtsvoll“ und „nichtbewusst/implizit/selbstorganisiert“ meinen Ähnliches. Präferenzen für den einen oder anderen Begriff ergeben sich aus den Konzepten, auf die sich einzelne Autoren als theoretischen Hintergrund beziehen. In diesem Beitrag werden i. Allg. die Begriffe „absichtsvoll“ (als deutscher Begriff für engl. deliberate) vs. „selbstorganisiert“ verwendet. Zentral ist dabei die Vorstellung, dass Selbstregulation nur zu verstehen ist, wenn man absichtsvolle und selbstorganisierte Prozesse und das Wechselspiel zwischen den beiden einschließt. Beide Arten der Steuerung haben ihre Vor- und Nachteile und ergänzen sich im Idealfall gut (Carver und Scheier 2002). Es gibt Aufgaben in der SelbstorganisationSelbstorganisation, die besser durch serielle und damit mehr RessourcenRessourcenSelbstregulation bindende absichtsvoll-bewusste SteuerungSelbstregulationabsichtsvolle vs. selbstorganisierte Steuerung und andere, die besser durch selbstorganisierte Steuerung erledigt werden. Jedes Element im Selbstregulationsprozess kann entweder bewusst/absichtsvoll oder selbstorganisiert gesteuert werden, ohne dass wir uns normalerweise für das eine oder andere bewusst entscheiden müssen, und normalerweise funktioniert dieses Wechselspiel gut.
Im klinischen Kontext beschäftigen wir uns aber gerade auch mit Fällen, bei denen die Zusammenarbeit der beiden Prozesse nicht gut funktioniert. So können selbstorganisierte Muster das VerhaltenVerhaltenselbstorganisierte Muster auch gegen bewusste Ziele bestimmen. Der Autor verhält sich i. Allg. sehr umweltbewusst. Es kommt aber immer wieder vor, dass er beim Zähneputzen das Wasser zu einem Zeitpunkt anstellt, zu dem er es gar nicht zum Spülen braucht. Warum er das tut, ist dem Bewusstsein nicht zugänglich. Er merkt es aber meist schnell und ist dann ohne Weiteres in der Lage, den Hahn zuzudrehen. Diese Fähigkeit, selbstorganisiertes Fehlverhalten festzustellen und bewusst auf alternatives, günstigeres Verhalten umzuschalten, fehlt typischerweise bei klinischen Problemen.
Noch ein etwas komplexeres nichtklinisches Beispiel (nach Norman 1981) für eine Entgleisung im Alltag: Ein Professor will am Abend nach einem anstrengenden Arbeitstag noch ins Theater gehen (absichtsvoll). Er stellt fest, dass er dazu nicht gut genug angezogen ist (Komparator stellt bewusst Abweichung Ist-/Sollwert fest). Er geht ins Schlafzimmer zum Kleiderschrank, um einen Anzug herauszuholen, nimmt dann aber einen Pyjama, legt sich ins Bett und schläft ein. Was ist passiert? Er hat sich in eine Umgebung begeben, die sehr stark mit einem Muster „ins Bett gehen und schlafen“ assoziiert ist, und das Ins-Bett-Gehen muss normalerweise nicht bewusst gesteuert werden; es hat also unbemerkt ein Umschalten auf selbstorganisierte Steuerung stattgefunden, begünstigt wohl auch durch seine Müdigkeit. Warum hat der Komparator nicht gemeldet, dass das Ins-Bett-Gehen nicht mit dem Motiv des Theaterbesuchs vereinbar ist? Wir können nur spekulieren: Vielleicht war das Motiv doch nicht so stark, oder er war zu müde oder als zerstreuter Professor beim Zubettgehen und Einschlafen durch anderes vom eigentlich geplanten Theaterbesuch abgelenkt.Suizidalitätselbstorganisiertes Verhalten
Klinische Beispiele für Probleme im Zusammenspiel der beiden Arten von Prozessen:
  • Suizid: Menschen, bei denen Suizid nicht mit wichtigen bewussten Motiven vereinbar ist (Familie nicht belasten, Unvereinbarkeit mit Religion, …) können sich nur umbringen, wenn sie in einem weitgehend selbstorganisierten Zustand sind, wozu z. B. Schlafmangel oder der Einfluss einer besonderen Situation, akute Emotionen, aber auch das Sich-Abkoppeln von Kontakten beitragen kann.

  • DepressionDepression/depressive Störungenselbstorganisierte Prozesse ist bekanntlich bei vielen Patienten stark von Rumination geprägt, d. h. selbstorganisierten Prozessen, die zu unterbrechen Voraussetzung für erfolgreiche Therapie und Prävention ist. Die Wirkung von Mindfulness-Interventionen kann man so verstehen.

  • ZwängeZwangsstörungenselbstorganisierte Prozesse können dadurch aufrechterhalten werden, dass sie durch Konzentration auf konkrete Scheinprobleme helfen, den Komparator von der Beschäftigung mit wirklich wichtigen, aber bedrohlichen Inkonsistenzen abzuhalten (s. u.).

  • Rückfälle in SubstanzkonsumAbhängigkeitserkrankungenselbstorganisierende Muster trotz soliden Wissens des Patienten samt unzweifelhafter Abstinenzmotivation können verstanden werden als Folge eines Umkippens in selbstorganisierende alte Muster usw.

  • In der Therapie neu gelernte Verhaltensweisen können noch hölzern wirken und damit auch uneffektiv sein, solange sie noch bewusst, Schritt für Schritt gesteuert werden und solange Selbstorganisation noch nicht für stimmige, abgerundete Muster sorgt.

In der PsychotherapiePsychotherapieselbstorganisierte Prozesse dominiert eher das Bestreben, (maladaptive) selbstorganisierte Prozesse u. a. durch Bewusstmachen zu unterbrechen und durch bewusste Steuerung zu ersetzen. Interventionen gehen aber nicht immer in diese Richtung. Es gibt auch Menschen, die sich zu sehr bewusst zu steuern versuchen und dabei vor allem in der zwischenmenschlichen Interaktion unnatürlich wirken. Ein Nachteil von zu viel bewusster Steuerung ist ja auch, dass zu viele Informationsverarbeitungsressourcen gebunden werdenRessourcenSelbstregulation, wodurch anderes, was für eine ganzheitlichere Sicht als Basis für eine erfolgreiche Bewältigung auch wichtig wäre, unbeachtet bleibt. Zu viel bewusste Steuerung ist auch ganz einfach sehr anstrengend und begünstigt damit gerade auch das Abkippen in maladaptive selbstorganisierte Zustände an anderer Stelle (s. Ego-Depletion, Kap. 17.4.9).
Bewusstmachen, Überführen in die absichtsvolle Regulation, ist ein zentrales Anliegen der psychodynamischen, in gewissem Ausmaß aber auch der meisten anderen psychotherapeutischen Ansätze: Der Vorteil der größeren Freiheitsgrade ist dabei offensichtlich. Für Menschen, die gelernt haben, dass die mit größerer Freiheit verbundene Verantwortungsübernahme zu Schwierigkeiten führt (z. B. durch besserwisserische, vorwurfsvolle, mit Schuldgefühlen arbeitende Eltern), ist das aber auch problematisch und kann zu Widerstand in einer Freiheitsgrade erhöhenden Therapie führen.
Nach einer ersten Phase, die auf Bewusstmachung und bewusste Selbstregulation hinarbeitet, wird dann in einer zweiten Phase vieles wieder in die Selbstorganisation delegiert. So sollte bei einem Training sozialer Kompetenzen das, was erst etwas hölzern und unnatürlich wirkt, so gut automatisiert und integriert werden, dass es wieder in die Selbstorganisation delegiert werden kann. Erst dann wirken z. B. Partygespräche locker, das Werben um einen neuen Partner authentisch, erst dann kann man auch damit rechnen, dass die Regulation nicht mehr zu viele Ressourcen besetzt und dass das Muster auch unter Stress, emotionaler Belastung und Erschöpfung zur Verfügung steht.

Selbstorganisation

SelbstregulationSelbstorganisationEs war schon mehrfach von SelbstorganisationSelbstorganisationneuronale Netzwerkmodelle die Rede, ohne Erklärung, wie diese funktioniert. Als Alternative und in Ergänzung zu „klassischen“, die bewusste, zentrale Steuerung hervorhebenden Modellen der InformationsverarbeitungInformationsverarbeitungNetzwerkmodelle, neuronale und Handlungssteuerung wurden seit den 1980er-Jahren konnektionistische oder neuronale NetzwerkmodelleNeuronale NetzwerkmodelleSelbstorganisation entwickelt (Rumelhart et al. 1986). Danach kann Erleben, Verhalten und insbesondere auch Lernen ohne eine bewusste, zentrale Steuerung funktionieren. In Anlehnung an das Funktionieren des zentralen Nervensystems (deshalb auch „neuronale Netzwerkansätze“) wird angenommen, dass Informationen in sehr großen vernetzten Verbänden von Knoten repräsentiert und verarbeitet werden. Diese werden in den typischen konnektionistischen Modellen als subsymbolisch angesehen, d. h. Begriffe oder Objekte aus dem Alltag wie „Hund“, „Beruf“ etc. sind jeweils in einem größeren Muster von Knoten repräsentiert, von denen keiner allein eine „symbolische“ Bedeutung (wie ein Alltagsbegriff) hat.
Konnektionistisches LernenLernenkonnektionistisches funktioniert so, dass nach dem Prinzip der Spannungsminimierung Netzwerke sich selbstorganisiert und ohne zentrale Steuerung so verändern, dass die Spannung minimiert wird. Spannung entsteht, wenn negativ miteinander verbundene Knoten gleichzeitig aktiviert sind. Spannung wird dann minimiert, wenn nur positiv in gut zusammenpassenden spannungsfreien Mustern miteinander verbundene Elemente gleichzeitig aktiviert werden. Solche Lernprozesse und darauf aufbauende Verhaltensproduktion können mathematisch genau modelliert werden, was für den Laien aber zu kompliziert ist. Dass das funktioniert, kann u. a. mit Programmen illustriert werden, die das richtige Aussprechen englischer Silben lernen, ohne dass ihnen eine einzige Regel beigebracht wurde. Erst „brabbelt“ das Programm etwas wie ein Kleinkind, bekommt dann Rückmeldung, wie weit die (erst zufällige) Aussprache der richtigen Aussprache entspricht, und nähert sich dann durch Veränderung der Verbindungen, die parallel im ganzen System, ohne bewusste zentrale Steuerung, selbstorganisiert stattfinden kann, der erwünschten Aussprache an, bis es am Schluss einigermaßen nach korrektem Englisch klingt.
In der Weise wird, so kann man sich vorstellen, vom Menschen vieles gelernt, vorsprachlich, aber auch das ganze Leben lang, auch nach der Entwicklung sprachlicher, bewusster Lernfähigkeiten. Muster können sich entwickeln und, ohne dass Menschen sich dessen bewusst sind und das bewusst steuern könnten, Verhalten und Erleben prägen. Das hat die Psychoanalyse natürlich schon immer gesagt; man kann nun aber aufgrund neuerer Informationsverarbeitungsmodelle auch grundlegend besser verstehen, wie das funktionieren kann und wie es zu einigen Phänomenen kommt. Dazu gehören z. B. Wiederholungszwänge, Widerstand und vieles mehr, was traditionellen Informationsverarbeitungsmodellen (mit bewusster Verarbeitung, zentraler Steuerung etc.) schwerer zugänglich ist (Caspar et al. 1992).
SelbstorganisationSpannungslandschaftSelbstorganisationsmodelle sind allerdings nicht zuletzt dann, wenn sie subsymbolisch sind, im Detail recht schwer zu verstehen. Das ist aber auch nicht nötig, weil man einiges aus ihnen auch metaphernhaft nutzen kann. Ein Beispiel dafür ist die sog. SpannungslandschaftSpannungslandschaft (Abb. 17.3). Sie stellt die Gesamtspannung aller Zustände dar, in die ein Individuum geraten kann.
Tiefer in der Spannungslandschaft bedeutet spannungsfreier, in der Logik der Modelle also besser. Die Wahrscheinlichkeit, in spannungsarmen Tälern zu landen und zu verharren, ist größer als auf spannungsreichen Hügeln. Aufs Ganze gesehen am geringsten ist die Spannung im „globalen Minimum“. Eine Diskussion, ob die absolute Spannungsfreiheit wirklich ideal ist, ist obsolet, weil dieser Zustand ohnehin kaum erreicht wird.
Daneben gibt es „lokale Minima“, bei denen die Talsohle eine hohe Spannung aufweisen kann. Sie sind aber im Vergleich zur unmittelbaren Umgebung (deshalb „lokal“) spannungsärmer. Lokale Minima stehen für Muster, in denen Elemente wie Kognitionen, Emotionen, Verhalten, biologische Zustände und Umwelt gut zusammenpassen und die deswegen in sich keine Spannung aufweisen. Sie sind deshalb wahrscheinlicher und stabiler als die Umgebung. Lokale Minima können nicht ohne Erhöhung der Spannung verlassen werden.
Die klinische Relevanz ergibt sich daraus, dass auch psychische StörungenPsychische StörungenSpannungslandschaften wie z. B. DepressionenDepression/depressive StörungenSpannungslandschaften beim Betroffenen als lokale Minima verstanden werden können. Depressive Muster mit allem, was dazugehört, passen gut zusammen und haben in sich wenig Spannung. Die Talsohle liegt aber hoch mit entsprechender Spannung, die etwa als „Leidensdruck“ erlebt wird, weil zwischen dem depressiven Muster und anderen Teilen des Funktionierens hohe Spannung besteht. Dennoch ist es schwierig, ein depressives lokales Minimum zu verlassen, weil dazu erst die Spannung erhöht werden muss. Wohlmeinende Therapeuten, die etwa versuchen, wenigstens einzelne depressiogene Kognitionen durch positivere zu ersetzen, stören diese Muster und erhöhen die Spannung, was Patienten dann zu neutralisieren versuchen, etwa mit Bemerkungen wie „Das ist es ja gerade, dass ich mich darüber nicht mehr freuen kann“.
Bemühungen des Therapeuten, Patienten spannungserhöhend „über den Hügelrand zu bewegen“, wird Widerstand entgegengesetzt, wenn der Patient intuitiv davon ausgeht, dass die gespürte Spannungserhöhung anzeige, dass die Therapie auf dem falschen Wege sei. Ohne Bewusstheit würden selbstorganisierte Prozesse bewirken, dass wieder die relativ spannungsarme Talsohle aufgesucht wird. Eine Erklärung dieser Zusammenhänge kann helfen, eine bewusste Steuerung wiederherzustellen, nachdem der Patient begreift, welche Streiche ihm hier die Selbstorganisation spielt. Patienten begreifen die Spannungslandschaft-Metapher erfahrungsgemäß gut, fühlen sich darin in der Regel gut verstanden und können sie zugunsten einer Unterbrechung maladaptiver Selbstorganisation nutzen.
Eine Möglichkeit, wie selbstorganisierte Prozesse entstehen können, u. a. von Kanfer et al. (2012) hervorgehoben, ist die Automatisierung vormals absichtsvoller Prozesse. Durch vielfaches Durchlaufen bewusster Prozesse werden Aufgaben an automatisierte Steuerung delegiert, wodurch die Informationsverarbeitung entlastet wird. Ohne Automatisierung vormals bewusster Prozesse könnte niemand von uns den Alltag bewältigen. Zweifellos funktioniert ein Teil der SelbstorganisationSelbstorganisationautomatisierte so, und bei diesem Teil ist auch der Begriff „automatisiert“ als Gegensatz zu bewusst gerechtfertigt.
Nicht alle selbstorganisierte Regulation beruht aber auf Automatisierung. Gerade bei früh, vorsprachlich entwickelten Mustern ist nicht plausibel, dass sie erst bewusst waren und dann automatisiert wurden; sie beruhten von Anfang an auf konnektionistischer Steuerung.

Merke

  • Die Abstimmung von bewusst-absichtsvollen und nichtbewusst-selbstorganisierten Prozessen ist aus Sicht von „Dual-Process“-Modellen für adaptives und maladaptives Verhalten und Erleben bedeutsam.

  • Für das Verständnis von Selbstorganisation gibt es recht komplexe Modelle, die aber mithilfe von Metaphern gut nutzbar sind.

Selbstkontrolle

SelbstregulationSelbstkontrolleIn Kap. 17.1 wurde der Begriff „Selbstkontrolle“ schon als der Teil von Selbstregulation abgegrenzt, der es Menschen ermöglicht, bei konfligierenden Verhaltenstendenzen die zu wählen, die langfristig gesehen vorteilhafter ist. SelbstkontrolleSelbstkontrolle/-management setzt einen Konflikt voraus, wobei Kanfer zwischen zwei Arten nach der damit verbundenen Anforderung unterscheidet: eine erste Art von Konflikt, bei der, wenn die Entscheidung (z. B. einen Drink ablehnen) einmal gefallen ist, der Konflikt vorbei ist, und einer zweiten Art, bei dem die Versuchung bzw. die Anforderung, aversive Bedingungen auszuhalten, anhält (z. B. Rauchen aufgeben zugunsten langfristig besserer Voraussetzungen für die Gesundheit) (s. Kanfer et al. 2012).
Langfristige Konsequenzen sind weniger verhaltenswirksam als kurzfristige. Sie in der Vorstellung zu konkretisieren, „heiß zu machen“ (Mischel 2015) ist ein Mittel, um langfristige gegenüber kurzfristigen Konsequenzen zu stärken (Bsp. Gesundheitsverhalten; der Autor malt sich, wenn am kalten Buffet ein Zusammenbruch der Selbstkontrolle droht, aus, wie er in der nächsten Klettersaison jedes überflüssige Gramm mühsam den Felsen hochziehen muss und wie gerade die 100 g an der Spitze des Körpergewichts das Erreichen des Gipfels verhindern).
Ausdauer ist ein wichtiger Faktor im Zusammenhang mit Selbstkontrolle, wie Cloninger mit seinem Temperamentsfaktor „Ausdauer“ als etwas relativ Überdauerndes herausgearbeitet hat (Cloninger et al. 1998).
Ein wichtiger Aspekt von SelbstkontrolleSelbstkontrolle/-managementBelohnungsaufschub ist in diesem Zusammenhang der BelohnungsaufschubBelohnungsaufschub. Die Fähigkeit dazu hat Mischel (2015) in seinen berühmten Experimenten mit Kindern untersucht: Sie konnten wählen zwischen einem Stück Schokolade (oder einem Marshmallow) sofort oder zweien später. Drei Erkenntnisse aus einer langen Reihe von Untersuchungen sind besonders bedeutsam:
  • 1.

    Die Fähigkeit zu Belohnungsaufschub hat eine bedeutsame stabile Komponente, die mit Erfolg assoziiert ist: Kinder, die im Experiment auf das sofortige Schlecken zugunsten von mehr Süßigkeiten zu einem späteren Zeitpunkt verzichteten, waren über viele Jahrzehnte erfolgreicher im Leben. Mischel sieht das im Zusammenhang mit einer früh entwickelten Fähigkeit, sich zu konzentrieren und der Erfahrung, etwas über den Moment hinaus erreichen zu können. Es kann aber auch Variationen geben: Wer Süßigkeiten widerstehen kann, muss längst nicht gegenüber allen anderen Versuchungen gefeit sein.

  • 2.

    Kinder, die in einer vaterlosen Familie aufwuchsen, entschieden sich seltener für einen Belohnungsaufschub. In Mischels Interpretation haben sie gelernt, dass man sich auf Versprechen nicht verlassen kann. Nach seiner Auffassung können aber auch Kinder, die wahrscheinlich genetisch schlechte Voraussetzungen für erfolgreiche Selbstkontrolle haben, diese lernen.

  • 3.

    Kinder zeigten sich sehr erfinderisch, wenn es darum ging, der Versuchung zu widerstehen: Sie entwickelten u. a. sehr wirksame Ablenkungsstrategien. Diese Ressourcen haben, so kann man spekulieren, wohl auch Patienten, und das sollte in der Therapie genutzt werden.

PsychotherapiePsychotherapieSelbstkontrolle sollte nicht einseitig darauf ausgerichtet sein, Selbstkontrolle zu vergrößern. Selbstkontrolle ist nicht immer günstig, Handeln sollte eine adaptive Antwort auf die wahrgenommenen Wahrscheinlichkeiten in der jeweiligen Umgebung sein (McGuire und Kable 2013). Psychotherapie sollte aber Mittel einschließen, Selbstkontrolle zu fördern, wenn ein Mangel an Selbstkontrolle relevant zum klinischen Problem beiträgt.

Wahrnehmung

SelbstregulationWahrnehmungDer Komparator vergleicht nicht objektive, sondern wahrgenommene Ist-Zustände mit Sollwerten (vgl. Abb. 17.2). Bei der WahrnehmungWahrnehmungverzerrte kann einiges an Verzerrung geschehen: Menschen entwickeln Ängste und Allergien, die ihre Wahrnehmung für das Eine schärfen und akzentuieren und auch Wahrnehmungen ohne reale Basis erzeugen, für anderes blinde Flecken entstehen lassen. So findet sich bei vielen Menschen ein hochsensibles Wahrnehmungssystem für Akzeptanz vs. Ablehnung (Leary 2004). Viele psychische Probleme sind mit Fehlentwicklungen in diesem Wahrnehmungssystem verbunden. Beispiele dafür sind das „paranoide“ Achten von Sozialphobikern auf kleine Zeichen von Ablehnung bis hin zum nachträglichen Ruminieren nach eigentlich erfolgreich gemeisterten sozialen Situationen auf der Suche nach Zeichen von Kritik oder das in engen Beziehungen Bestätigung suchende Verhalten von Depressiven. Hypersensitivität des „Soziometers“ (der Einschätzung des eigenen interpersonalen Wertes für andere; Leary 2004) kann zu starken situationsabhängigen Schwankungen führen, wie wir sie etwa von Borderline-Patienten kennen.
Wo es zu bedeutsamen Verzerrungen kommt, tut sich ein weites Feld für Psychotherapie auf, vom Herausfordern von Wahrnehmungen in der kognitiven Therapie über das Herausarbeiten systemischer Einflüsse auf die Wahrnehmung bis hin zum Vermitteln korrektiver Erfahrungen in verschiedenen Therapieformen, z. B. sog. „Diskriminationsübungen“ im CBASP-Ansatz (McCullough 2006).

Komparator

SelbstregulationKomparatorDer KomparatorKomparator ist bei Carver und Scheier (1998) als simple Vergleichsfunktion konzipiert. Klinisch macht es Sinn, ihm eine größere Bedeutung zu geben. Er kann absichtsvoll eingesetzt werden, aber auch selbstorganisiert wirken, er kann öfter (kontinuierlich bzw. alle paar Sekunden beim Checken auf Zeichen von Ablehnung) oder sehr selten (alle paar Jahre, wenn eine nahestehende Person stirbt und man sich, dadurch ausgelöst, fragt, wie gesund man selbst eigentlich lebt) wirken; er kann auf feine Abweichungen von Sollwerten oder erst auf gröbere reagieren; er kann sich ganz einlullen (Abweichen von ethischen Normen, wenn damit ein großer Gewinn verbunden ist) oder ablenken lassen (Beschäftigen mit Details von Zwangshandlungen, um traumatische Bullying-Erinnerungen aus der Kindheit nicht hochkommen zu lassen). Ein Mittel, um Inkongruenzen zu „beseitigen“, ist, den Komparator auszuschalten (wer versucht, durch Flucht aus einem Kriegsgebiet sein Leben zu retten, kann es sich nicht leisten, sich ständig die Bedürfnisse bewusst zu machen, die auf einer wochenlangen Odyssee verletzt werden).
Psychotherapeutisch relevant ist, wenn der Komparator zu oft oder zu selten „anspringt“, um adaptiv zu sein, oder schon auf zu kleine oder erst auf zu große Abweichungen des Ist- vom Sollwert reagiert. Nicht selten wirkt Psychotherapie darauf hin, dass das Einschalten des Komparators nicht der Selbstorganisation überlassen bleibt. Ein Beispiel ist die explizite Frage: „Erreichen Sie mit ihrem Verhalten in Situation XY, dass Ihre wirklichen Bedürfnisse befriedigt werden?“ Psychotherapie kann darauf hinarbeiten, dass Patienten der Vernachlässigung bestimmter Bedürfnisse gewahr werden und den Komparator nicht erst auf dem Sterbebett einschalten, wenn es zu spät ist.

Output/Verhalten und Wirkung

SelbstregulationWirkung des eigenen VerhaltensSelbstregulationIstwert-VeränderungZielgerichtetes Verhalten wird entwickelt (die Planung gehört auch dazu) und realisiert, wenn es darum geht, eine vom Komparator festgestellte Abweichung durch Veränderung des Istwertes zu reduzieren. Ein Individuum kann dabei Routinen zur Verfügung haben, die selbstorganisiert ohne Belastung der bewussten Informationsverarbeitung eingesetzt werden. Das ist im guten Fall ökonomisch; im schlechten Fall wird ungeeignetes Verhalten eingesetzt, das zu alten Mustern gehören kann, für die aktuelle Situation aber gänzlich maladaptiv ist, indem es zu keiner Lösung führt und/oder reich an negativen Nebenwirkungen ist. Wenn solche Muster so stark sind, dass der Betroffene es nicht schafft, sie durch adaptiveres Verhalten zu ersetzen und der Komparator deshalb anhaltend Alarm schlägt, ist das ein typischer Anlass für die Aufnahme einer Psychotherapie. Aufgabe des Therapeuten ist es dann, bewusst zu machen, was abläuft, die Dynamik des Hineingesogen-Werdens in maladaptive Muster (die man in der Spannungslandschaft als lokale Minima betrachten kann) nachvollziehbar zu machen und die Freiheitsgrade zu erhöhen.
Die ganz konkreten therapeutischen Konsequenzen können sehr unterschiedlich sein: Es kann indiziert sein, klärungsorientiert oder auch emotionsaktivierend an Faktoren zu arbeiten, die adaptiveres Verhalten verhindern. Es kann indiziert sein, z. B. mit einem Problemlösungsansatz an Defiziten in der Planung zu arbeiten, fehlende Kompetenzen aufzubauen usw. Die generelle Devise ist, Rigidität zu reduzieren und Flexibilität zu erhöhen, damit der Betroffene situationsadäquater und damit effizienter/adaptiver reagieren kann. Dazu gehört auch die Entwicklung von Zutrauen in die eigene Handlungskompetenz.
Die Schleife der Selbstregulation (Abb. 17.2) wird dabei oft in einer bewusst oder (therapeutisch wichtig!) selbstorganisiert/implizit ablaufenden Planungsphase in einem „antizipatorischen Zyklus“ (Kanfer et al. 2012) durchlaufen: Man stellt sich lediglich vor, wie man handeln könnte, welche Konsequenzen das hätte und was der Komparator dann melden würde. Typisch ist, dass dann Verhaltensoptionen ausgeschlossen werden, die zwar eine Annäherung in Bezug auf die Ziele bringen könnten, um die es ursprünglich ging, die aber wirklich oder vermeintlich nicht mit anderen Zielen/Normen vereinbar sind. Oft spielen antizipierte negative emotionale Konsequenzen (antizipiertes Bedauern, antizipierte Schuldgefühle) dabei eine wichtige Rolle, während antizipierte positive Emotionen adaptives Verhalten unterstützen können. Tendenziell führt Antizipation von Emotionen eher zu einer Aufrechterhaltung des Status quo, sofern dieser wenigstens einigermaßen akzeptabel ist (Baumeister et al. 2007a).
Menschen handeln/unterlassen eine Handlung eher, wenn sie davon ausgehen, dass ein Unterlassen/Ausführen der Handlung (z. B. Krebsvorsorge/ungeschützter Sex) zu starkem Bedauern in der Zukunft führen würde. Wenn sie als Folge stärkere positive Emotionen erwarten, sind sie auch eher bereit, Handlungen trotz Rückschlägen weiterzuführen (Baumeister et al. 2007a).

Umwelt/Verhalten anderer und die Wirkung

SelbstregulationWirkung von UmweltreaktionenSelbstregulationIstwert-VeränderungVerhalten von Menschen bringt vor allem im zwischenmenschlichen Kontext typischerweise nicht direkt eine Wirkung im Sinne der Selbstregulation hervor, die Wirkung hängt auch vom Verhalten anderer ab. Dieses kann unterstützend oder konterkarierend oder gar bestrafend ausfallen, in der Realität, aber auch in der Vorstellung in einem antizipatorischen Zyklus. Patienten übertragen oft selbstorganisiert frühe Beziehungserfahrungen auf die Gegenwart und lassen sich von oft sehr negativen expliziten oder impliziten Annahmen zum Verhalten anderer bestimmen. Hier stecken offensichtlich Ansatzpunkte für Psychotherapie. Probleme können aber natürlich auch ganz reale Reaktionen einzelner wichtiger Personen oder ganzer Systeme bereiten, die ihrerseits auf deren Interpretationen des Handelns des Patienten beruhen. Diese günstig zu beeinflussen kann einfach sein (z. B. wenn Patienten in Rollenspielen lernen, anderen erst Positives zu sagen, bevor sie Wünsche äußern und dabei Effekte feststellen, die sie nie für möglich gehalten hätten), aber auch sehr schwierig bis unmöglich, wenn z. B. Systeme stärker sind als die besten therapeutischen Interventionen.
In jedem Fall sollten Patienten, die das zu wenig tun, lernen, dem Einfluss anderer auf das Ergebnis des eigenen Handelns angemessen Rechnung zu tragen. Dieser Einfluss kann in vielfacher Weise groß sein, nicht zuletzt bei selbstorganisierten Prozessen, die ganz überwiegend durch Umweltreaktionen „trainiert“ werden.

Sollwerte: Ziele, Motive, Werte, Normen

Wenn eine Ist-Soll-Diskrepanz nicht durch Veränderung des Istzustands verändert werden kann, liegt die Lösung vielleicht in einer Veränderung des Sollwerts. Das ist aber nicht so einfach: In diesem Teil der SelbstregulationSelbstregulationSollwert-Veränderung versteckt sich eine eigene komplexe Welt (s. auch Kap. 11), aus der an dieser Stelle nur einige wichtige Aspekte erwähnt werden können. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass zu jeder Zeit eine Vielzahl von Zielen/Motiven/Werten/Normen aktiviert sein und Eingang in Ist-Soll-Vergleiche des Komparators finden kann. Dabei ist das genaue Verhältnis von z. B. Motiven zu Normen nicht primär relevant; wichtig ist, dass die Feststellung von Abweichungen sich auf unterschiedliche Arten von Sollwerten beziehen kann. Diese können untereinander auch in Konflikt stehen, was dann Gegenstand individueller Fallkonzeptionen (Kap. 3) sein sollte.
Es gibt Menschen, die sehr enge Vorstellungen von Sollwerten für sich selber und andere haben. Dahinter können unterschiedliche Ursachen stehen, auch das ist im Einzelnen aus der individuellen Fallkonzeption zu erschließen: Es kann eine Folge von Ängstlichkeit sein, von „Regelsetzer“-Mentalität, wie sie für narzisstisch-zwanghafte Menschen typisch ist (Sachse et al. 2010), von Perfektionismus als Ablenker von fehlender wirklicher Bedürfnisbefriedigung etc. Ein Effekt ist so oder so, dass der Komparator dann häufiger Abweichungen der Ist- von den Sollwerten feststellt. Diese erzeugen in der Regel negative Emotionen und Versuche, durch eigenes Handeln eine Angleichung zu bewirken. Je nach Funktionieren des Individuums kann eine Ist-/Sollwert-Diskrepanz aber von diesem auch positiv oder zumindest ambivalent bewertet werden, wenn z. B. als Teil eines depressiven Musters die eigene Unzulänglichkeit belegt werden soll oder wenn selbstwertdienlich darauf hingewiesen werden kann, was andere alles schlecht machen.
Die Sollwerte können selber Gegenstand der Regulation werden, v. a., wenn die „normale“ Schleife (Abb. 17.2) wiederholt nicht zu einer Annäherung von Ist- und Sollwert führt. Dann kann über eine sekundäre Schleife eine Veränderung der Sollwerte vorgenommen werden (Abb. 17.4):
Leichte Veränderungen von Sollwerten in nicht so wichtigen Bereichen können relativ leicht und oft selbstorganisiert erfolgen, während Veränderungen zentraler Sollwerte stärkere Eingriffe in das Funktionieren eines Individuums bedeuten. Sie gehören damit zur Akkommodation, die nach Piaget (1981) erst vorgenommen wird, wenn assimilative Prozesse nicht zur Problemlösung führen. Weil Motive oft in starken, früh erworbenen und deshalb bewusster Reflexion und Veränderung nicht unmittelbar zugänglichen Mustern verlinkt und mit dem Selbstkonzept verbunden sind, ist deren Veränderung ohne aufwendigere therapeutische Intervention schwierig, findet aber etwa in Lebenskrisen natürlich auch spontan statt.
Das Vermeiden der sekundären Schleife kann sogar so weit gehen, dass Menschen sich mit konkreten Problemen im Sinne der primären Schleife beschäftigt halten – konkrete Probleme binden Aufmerksamkeit – um sich nicht mit grundlegenderen und auch Unsicherheiten auslösenden Revisionen von Sollwerten beschäftigen zu müssen. Das kann dazu führen, dass sie erst kurz vor dem Tod und damit zu spät merken, dass sie sehr wenig im Sinne eigener Bedürfnisse gelebt haben.
SelbstregulationEngagement/DisengagementDas Ablassen von Zielen, die verhaltensbestimmend waren, sich aber nicht realisieren lassen (z. B. berufliche Träume), oder dem Aufrechterhalten einer emotionalen Beziehung, die nicht oder nicht mehr erwidert wird, und umgekehrt das Sich-Engagieren für neue Ziele (disengagement/engagement) sind therapeutisch wichtige Themen, mit denen sich auch Carver und Scheier (1998) ausführlich beschäftigen, die hier aber nur erwähnt werden können.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Feststellung, dass es grundlagenpsychologische Gründe gibt, warum das Verhältnis von Engagement und Disengagement asymmetrisch ist. Das heißt, es braucht mehr Negatives in der Bilanz von Gründen für vs. gegen das Verfolgen eines bestimmten Ziels, um davon abzulassen, und mehr Positives, um sich neu für etwas zu engagieren. Dieselbe Bilanz kann für ein Ablassen noch nicht ausreichen, während sie für ein neues Engagement nicht ausreichen würde. Wenn Patienten also Schwierigkeiten haben, von Unerreichbarem oder allzu Negativem abzulassen oder umgekehrt sich für ein naheliegendes neues Ziel zu engagieren, sollte das nicht einfach mit individueller Irrationalität erklärt werden.
SelbstregulationBerücksichtigung der Wünsche andererEin weiteres wichtiges Thema in Bezug auf Ziele/Motive ist die Übernahme von Wünschen anderer, die einerseits für erfolgreiche zwischenmenschliche Beziehungen essenziell, andererseits aber auch für viele Probleme mitverantwortlich ist. Wie man sich die Einbindung der Wünsche anderer grundsätzlich vorstellen kann, stellen Carver und Scheier (1998) dar (Abb. 17.5):
Die Kästchen links unten eröffnen therapeutische Ansatzpunkte, wenn ein zu großes oder zu kleines Ausmaß der Wünsche anderer an Problemen maßgeblich beteiligt erscheint: Was glaube ich, wünschen sich andere von mir? Wie haben sie mir das vermittelt? Wünschen sie sich immer noch, was sie mir einmal vermittelt haben? Wünschen sich aktuelle Bezugspersonen wirklich dasselbe, was sich frühere Bezugspersonen (vielleicht) einmal gewünscht haben? Wie weit suche/vermeide ich Menschen aufgrund von Annahmen, was sie sich von mir wünschen? etc. Zum untersten Kästchen: Will ich wirklich das machen, was andere sich von mir wünschen? Welche Erwartungen habe ich? Was passiert, wenn ich das tue/nicht tue? etc.

Erschöpfung (ego depletion)

SelbstregulationErschöpfung (ego depletion)Ein besonderer und therapeutisch sehr relevanter Aspekt ist die Rolle, die ErschöpfungErschöpfung für das Verhältnis zwischen absichtsvoller und selbstorganisierter Steuerung spielen kann. Damit hat sich insbesondere Baumeister (2003) unter dem Begriff ego depletionEgo depletion beschäftigt. Er geht davon aus, dass für absichtsvolle, bewusste Steuerung, vor allem für einen Widerstand gegen Abgleiten in starke selbstorganisierte Muster, limitierte RessourcenRessourcenSelbstregulation zur Verfügung stehen. SozialphobikerSoziale PhobieEgo depletion berichten z. B., dass sie es schaffen, nicht in alte Vermeidungsmuster zu fallen, aber nur mit viel Anstrengung, und die können sie nur für limitierte Zeit mobilisieren. Ressourcen, die für Anstrengungen in einem Bereich aufgebraucht werden, so nimmt Baumeister an, stehen für andere Bereiche nicht zur Verfügung. Aber auch somatisch bedingte Erschöpfung wirkt zugunsten von selbstorganisierter und gegen absichtsvolle Steuerung: Nach einem anstrengenden Arbeitstag versagt eher die Selbstkontrolle in Bezug auf übermäßiges Trinken oder Essen. Schlafprobleme sind ein wichtiger Faktor für selbstorganisationsgesteuerte Suizide. Eine Patientin von mir hat sich einen Tag nach einem allergischen Schock mit Aufnahme als medizinischer Notfall und noch ziemlich erschöpft eher in leidvolle alte Muster ergeben und gegen ein Infragestellen derselben in der Sitzung auffällig Widerstand geleistet, während sie dazu sonst sehr stark bereit war.
Wenn in einer Therapie die absichtsvolle Regulation gefördert werden soll, ist es deshalb wichtig, darauf zu achten, wie viele Ressourcen der Patient überhaupt zu Verfügung hat, und Bemühungen um Übernahme in die absichtsvolle Regulation thematisch und zeitlich gut zu dosieren.

Kontrollierbare vs. unkontrollierbare Inkongruenz

SelbstregulationInkongruenzInkongruenzInkongruenz (Abweichen von Ist- und Sollwerten) ist dann schädlich für die psychische GesundheitGesundheit(sverhalten)Selbstregulation, wenn sie über längere Zeit in hohem Ausmaß unkontrollierbar ist, d. h. wenn die Mittel der Selbstregulation versagen und wichtige Bedürfnisse über längere Zeit massiv verletzt werden, namentlich auch das Bedürfnis, Kontrolle zu haben. Inkongruenz ist nicht an sich schlecht. Sie entsteht auch für gut funktionierende Menschen, z. B. wenn sich beim Übergang in neue Lebensphasen neue, nicht sofort zu bewältigende Aufgaben stellen.
Kontrollierbare InkongruenzInkongruenzkontrollierbare ist die Triebfeder für Anpassungen des eigenen Funktionierens, in Grawes (2004) Terminologie: die Entwicklung und Bahnung neuer neuronaler Muster, die längerfristig adaptiv sind und die selbstregulatorischen Fähigkeiten eines Menschen erweitern. Eine gute generelle Kompetenzerwartung („ich kenne die Lösung noch nicht, bin aber zuversichtlich, dass ich eine finde“) ist wichtig, wenn es darum geht, Inkongruenz als kontrollierbar zu erleben. Vorübergehend kann auch die Zuversicht wichtig sein, dass eine Psychotherapie dabei hilft.
Der Eindruck unkontrollierbarer InkongruenzInkongruenzunkontrollierbare kann zwar zu dem Leidensdruck führen, der zur Aufnahme einer Psychotherapie führt, paralysiert aber im Weiteren eher und trägt zum Sich-Ergeben in maladaptive selbstorganisierte Prozesse bei. Eine wichtige Aufgabe des Therapeuten ist es deshalb, Kontrollierbarkeit hervorzuheben, was nicht inkompatibel ist mit Akzeptanz dafür, dass nicht zu jeder Zeit alles kontrollierbar ist und sein muss. Subjektive Kontrollierbarkeit wird im guten Sinne gestärkt durch Ressourcenaktivierung beim Patienten, Vermitteln von Zuversicht und das Angebot einer unterstützenden, verlässlichen Therapiebeziehung.
Problematisch ist, wenn Menschen glauben, sehr stark von anderen abhängig zu sein (im Extrem: dependente, aber auch Borderline-Persönlichkeitsstörung), aber auch, wenn sie aus überstarkem Streben nach Autonomie und Angst vor Abhängigkeit und Bindung die Möglichkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen zu wenig nutzen und dadurch ihre Bedürfnisse nur teilweise befriedigen können.

Emotionsregulation

SelbstregulationEmotionenStarke negative Emotionen zu vermeiden und überhaupt Emotionen in Balance zu halten ist ein wichtiges Ziel (s. auch Kap. 10EmotionsregulationSelbstorganisation). Wie wichtig das Vermeiden (oder Herstellen) bestimmter Emotionen im individuellen Fall ist, sollte Thema der individuellen FallkonzeptionFallkonzeptionenEmotionsregulation sein. Es gibt auch Ansätze (Emotionsfokussierte Therapie; Greenberg 2011), die das Funktionieren eines Menschen ganz aus der emotionalen Perspektive aufzäumen. Klärung, was sich in der Emotionsregulation meist selbstorganisiert, adaptiv und maladaptiv abspielt, ist aber ein zentrales Element vieler Therapieansätze, ebenso auch das Vermitteln adaptiverer Strategien bis hin zum Skills Training in der Dialektisch-behavioralen Therapie bei Borderline-Störungen (Linehan 1996).
Vom Komparator festgestellte Inkongruenz führt generell zu negativen Emotionen, deren Qualität dann von der Art und dem Thema der Ist-Soll-Abweichung abhängt (z. B. Grenzüberschreitung → aggressive Gefühle). Primäre negative Gefühle (Greenberg 2011; Caspar 2007) unterstützen auch adaptives Handeln im Sinne der Selbstregulation (angemessener Ärger kann Selbstbehauptung unterstützen). Emotionen können in vielerlei Hinsicht Selbstregulation unterstützen, auch in ihrer Signalfunktion oder beim Bestimmen von Präferenzen zwischen rational kaum vergleichbaren Alternativen. Extreme Emotionen führen aber eher zu einem maladaptiven Abkippen in Selbstorganisation, sofern sie nicht therapeutisch genutzt werden können.
Die Umwandlung bedrohlicher negativer Gefühle in weniger bedrohliche sekundäre Emotionen (z. B. primäre Wut in sekundäre Scham), die sich bei Patienten oft findet, trägt zur Verschleierung des Problems und zur Erschwerung adaptiven Verhaltens bei, woraus sich ein wichtiger therapeutischer Ansatzpunkt ergibt.
Wichtig ist, was oben schon erwähnt wurde: Es sind oft nicht wirklich (in der Gegenwart) erlebte Emotionen, die Verhalten und Erleben steuern, sondern im Sinne eines antizipativen Zyklus erwartete Emotionen. Auch hier ergeben sich therapeutische Ansatzpunkte.

Merke

  • Zu allen Teilen und beteiligten Aspekten bei der Selbstregulation gibt es eine Fülle von klinisch-psychotherapeutischen Hinweisen.

  • Sie können Therapeuten unterschiedlicher Ansätze helfen, das Funktionieren der Selbstregulation beim einzelnen Patienten zu verstehen und schulübergreifend zu intervenieren, wofür ein besseres Funktionieren indiziert.

Fazit

Es gibt Ansätze wie den von Kanfer et al. (2012), die Selbstregulation (mit Betonung der absichtsvollen Selbstregulation) in den Vordergrund stellen. In diesem Kapitel wurde aber vor allem herausgearbeitet, dass Selbstregulation ein Teil menschlichen Funktionierens ist, der in allen Therapieansätzen eine Rolle spielt. Typischerweise konzentrieren verschiedene Ansätze sich aber auf bestimmte Teile der Selbstregulation, sodass sich für Anhänger jeden Ansatzes die Frage stellt, ob andere Aspekte noch besser berücksichtigt werden könnten.
Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass adaptive Selbstregulation erlernbar ist, dass dem aber verschiedene Hindernisse im Weg stehen können. Für das Angehen dieser Hindernisse stellen verschiedene Therapieansätze unterschiedliche Mittel zur Verfügung. Ein nicht an Therapieschulen orientierter Überblick könnte ermutigen, im Sinne von Therapieintegration bei einer konsequenten Verfolgung der Selbstregulationsperspektive auch Interventionen einzusetzen, die nicht aus dem ursprünglich erlernten Therapieverfahren stammen.
Kanfer et al. (2012) weisen darauf hin, dass moderne Selbstregulationsmodelle von zunehmender Komplexität gekennzeichnet sind: Das zutreffende Abbilden komplexen menschlichen Funktionierens erfordert komplexe Modelle. Dies erinnert an Herrmanns (1979) Komplexitätsargument, wonach mit zunehmender Komplexität die Richtigkeit vielleicht zu, der Nutzen eines Ansatzes aber tendenziell abnimmt. In diesem Kapitel wurden viele Aspekte zurückgestellt, um die wichtigsten klarer herauszuarbeiten. Jedem Therapeuten ist aber unbenommen, die Aspekte hinzuzufügen, für deren Bedeutung er besondere Gründe sieht.
Ein Fallbeispiel vermag längst nicht alle Aspekte der Selbstregulation zu illustrieren, aber typische kognitiv-verhaltenstherapeutische Überlegungen dazu:

Fallbeispiel

„Für einen wegen Studienschwierigkeiten angemeldeten Studenten der Medizin ergab sich die grundlegende Problematik aus der Diskrepanz zwischen seinem Ziel ‚Examen mit Note 1 machen‘ und seinem realen Verhalten ‚Faulenzen/Nichtstun‘. Wenn wir weitere diagnostisch bedeutsame Aspekte hier einmal ausklammern (z. B. intellektueller Fähigkeitsstand; soziale/materielle Lebenssituation), so stehen ihm für eine Lösung seiner Probleme … vier … Möglichkeiten offen:

  • 1.

    Er könnte sein Ziel beibehalten, aber sein momentanes ‚Faulenzen‘ ändern, um mit gezielter Vorbereitung und Durchführung des Studiums seine angestrebte Examensnote doch noch zu erreichen.

  • 2.

    Er könnte sein Nichtstun beibehalten und dafür sein Ziel ‚sehr gutes Examen‘ aufgeben (u. U. bis hin zum Verwerfen des Ziels ‚Examensabschluss‘/‚Studium‘).

  • 3.

    Er könnte Ziele und reales Verhalten einander annähern, indem er ein Stück weit auf ‚Faulenzen‘ verzichtet, um dadurch mehr Zeit für das Studium zu bekommen; umgekehrt könnte er sein Examensziel so weit ändern, dass er auch mit einem mittelmäßigen bis schlechten Abschluss zufrieden wäre.

  • 4.

    Ihm stünde letztlich auch eine völlige Neu-Kalibrierung offen, indem er sowohl bisherige Ziele als auch bisheriges Verhalten in eine (u. U. radikal) neue Richtung ändert: Er könnte z. B. eine handwerkliche Lehre beginnen, ohne jede Ausbildung jobben, Gärtner werden, ins Kloster gehen, ‚aussteigen‘ und durch die Welt reisen und vieles mehr …“

Aus: Kanfer et al. (2012: 43)

Literaturauswahl

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W. Mischel Der Marshmallow-Test: Willensstärke, Belohnungsaufschub und die Entwicklung der Persönlichkeit 2015 Siedler München

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