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B978-3-437-23731-7.00038-7

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Polizeiliche Anzeigen und Verurteilungen im Berichtsjahr 2014

Tab. 38.1
Anzeigen Verurteilungen
Deutschland 6 082 064 748 782
Schweiz 526 066 110 124
Österreich 527 692 32 980

Bei Drucklegung waren neuere Zahlen nicht erhältlich. Deshalb wird hier der Stand von 2014 wiedergegeben.

Straftäter und forensische Aspekte

Thomas Ross

Frank Urbaniok

Friedemann Pfäfflin

Kernaussagen

  • 1.

    Die psychotherapeutischePsychotherapieforensische Aspekte Behandlung von Straftätern ist wirksam. Behandlungstechnik:

    • Kognitiv-behavioral geprägte manualisierte Behandlungsprogramme:

      • Sex Offender Treatment Program (SOTP)

      • Behandlungsprogramm für Sexualstraftäter (BPS)

      • Dialektisch-behaviorale Therapie (DBT)

    • Psychodynamisch orientierte Ansätze bzw. Programme:

      • Übertragungsfokussierte Therapie (TFP)

      • Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT)

  • 2.

    Psychotherapie kann indiziert sein für Straftäter und für jeden, der sich in Gefahr sieht, eine Straftat zu begehen.

  • 3.

    Anbieter von Psychotherapie für Straftäter sind vor allem Justizvollzugs- und sozialtherapeutische Anstalten und der Maßregelvollzug. Daneben existieren ambulante Behandlungsmöglichkeiten und die psychotherapeutische Nachsorge nach bedingter oder endgültiger Entlassung aus einer geschlossenen Einrichtung.

  • 4.

    Psychiatrische Diagnosen können rechtliche Folgen haben. Im deutschen Strafrecht sind die §§ 20 und 21 StGB von besonderer Bedeutung. In Österreich und der Schweiz gibt es vergleichbare rechtliche Vorgaben.

  • 5.

    Einige psychische Störungen sind mit einem höheren Risiko für gewalttätige Übergriffe verknüpft. Zwischen Straftaten und psychiatrischen Diagnosen besteht aber keine unmittelbare Beziehung. Die große Mehrheit psychisch kranker Menschen begeht keine Gewalt- oder Sexualstraftaten.

Straftaten

Forensische PsychotherapieStraftatenPsychische StörungenStraftatenWelche Handlungen als StraftatenStraftat(en) definiert sind, ist im jeweils gültigen Strafgesetzbuch eines Landes nachzulesen, unterliegt aber, wie dieser Formulierung zu entnehmen ist, immer wieder Revisionen. Die für die meisten forensisch tätigen Kliniker, Gutachter und Wissenschaftler maßgeblichen Abschnitte des Strafgesetzbuchs (StGB) befinden sich im Besonderen Teil (Strafgesetzbuch 2014). Hierzu gehören u. a. die Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung (Dreizehnter Abschnitt), gegen das Leben (Sechzehnter Abschnitt), gegen die körperliche Unversehrtheit (Siebzehnter Abschnitt) und gemeingefährliche Straftaten wie z. B. Brandstiftung (Achtundzwanzigster Abschnitt). Weitere forensisch relevante Straftatbestände werden in zusätzlichen Gesetzen definiert, so etwa im Jugendgerichtsgesetz (JGG), im Betäubungsmittelgesetz (BtMG) und in der Straßenverkehrsordnung (StVO).
Der polizeilichen AnzeigenstatistikStraftat(en)polizeiliche Anzeigenstatistik (Bundeskriminalamt 2016) kann man entnehmen, wie viele Straftaten jährlich zur Anzeige gebracht werden. Für das Jahr 2014 waren das in Deutschland 6 082 064 (Tab. 38.1). Es handelt sich dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit nur um Bruchteile der tatsächlich begangenen Straftaten, wobei das Dunkelfeld je nach Straftatkategorie unterschiedlich groß ist. Im Bereich von Tötungsdelikten ist es z. B. sehr klein, bei Ladendiebstahl, Betrug oder sexuellen Übergriffen in der Familie dürfte es dagegen sehr groß sein.
Polizeiliche Anzeigen und Verurteilungen in Deutschland, in der Schweiz und Österreich sind Tab. 38.1 zu entnehmen.
Die VerurteiltenstatistikStraftat(en)Verurteiltenstatistik (Statistisches Bundesamt der BRD) gibt an, wie viele Personen tatsächlich in einem bestimmten Zeitraum verurteilt wurden (vgl. Tab. 38.1). Die Zahl der Verurteilten liegt stets erheblich unter derjenigen der angezeigten Straftaten. In Deutschland kommen auf eine Verurteilung etwa acht Anzeigen. Anders ausgedrückt: Nur jede achte Anzeige führt auch zu einer Verurteilung. Das hat mehrere Gründe:
  • Erstens hängt dies von der Aufdeckungsrate ab, die bei schwerwiegenden Verbrechen sehr viel höher liegt als bei geringfügigeren Vergehen.

  • Zweitens kann ein Täter mehrere Taten begangen haben.

  • Schließlich kann es sein, dass die vorgelegten Beweise für eine Verurteilung nicht ausreichen.

Auch in der Schweiz und in Österreich übersteigt die Zahl der Anzeigen jene der Verurteilungen deutlich, allerdings in erheblich unterschiedlichem Ausmaß (vgl. Tab. 38.1). In der Schweiz betrug die Verurteilungsquote gemessen an der Gesamtzahl der Anzeigen knapp 1 : 5, in Österreich dagegen 1 :16. Im Jahr 2014 gab es in Deutschland 922 Verurteilungen pro 100 000 Einwohner. Die entsprechenden Zahlen für die Schweiz und Österreich für das Jahr 2014 lauten 1 336 bzw. 388 pro 100 000 Einwohner. Die Gründe für diese erheblichen Unterschiede dürften neben den oben aufgeführten, die grundsätzlich auch auf die Schweiz und Österreich zutreffen, zudem in der jeweiligen Rechtsprechungspraxis zu finden sein. So spielt für die Schweiz hier auch eine im Vergleich zu früher schärfere Rechtspraxis im Umgang mit Verfehlungen im Straßenverkehr eine Rolle (Anzeigen- und Verurteiltenstatistik der Schweiz und der Republik Österreich).

Straftaten und Diagnosen

Forensische PsychotherapieDiagnosenZwischen StraftatenStraftat(en)Diagnosen, psychiatrische und psychiatrischen DiagnosenDiagnose(n)Straftat(en) gibt es keine unmittelbare Beziehung. Zwar ist Beschaffungskriminalität (z. B. Diebstahl, Raub, Einbruch) ein typisches Delikt Drogenabhängiger, doch macht sie nur einen verschwindend geringen Anteil der Eigentumsdelinquenz insgesamt aus. Körperverletzung sowie Straftaten gegen Leib und Leben werden nicht selten unter dem Einfluss psychotroper Substanzen begangen, aber auch hier gilt, dass die Zahl jener, die solche Substanzen unregelmäßig oder regelmäßig gebrauchen, ohne straffällig zu werden, um ein Vielfaches höher ist als der Anteil jener, die vor Gericht kommen. Ältere Untersuchungen fanden für einen generellen Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen und Straffälligkeit keinen statistischen Beleg (Häfner und Böker 1991). Untersucht man spezifischere Diagnosegruppen anstatt der Gesamtgruppe der Geisteskranken und Geistesschwachen, z. B. Menschen mit paranoider Schizophrenie oder mit Cluster-B-Persönlichkeitsstörung, dann zeigt sich, dass Letztere durchaus ein höheres Risiko für Straffälligkeit haben (Brennan et al. 2000; Vinkers et al. 2011; Hodgins 2012; Hodgins und Müller-Isberner 2014).

Merke

Der Zusammenhang von kriminellem Verhalten und psychischen Störungen ist in jedem Einzelfall sehr genau zu untersuchen und zu begründen. Da Gefährlichkeit und Krankheit unterschiedliche Phänomene sind, beschäftigen sich psychiatrische Sachverständige bei der Beurteilung von Risiken und bei der Wahl von risikosenkenden Interventionen mit risikorelevanten Persönlichkeitsmerkmalen, die unabhängig von psychiatrischen Diagnosen bestehen.

Diagnosen und ihre rechtlichen Folgen

Forensische PsychotherapieDiagnosenrechtliche FolgenDiagnose(n)rechtliche FolgenGenerell setzt das Strafgesetzbuch den „gesunden“ bzw. schuldfähigen Menschen voraus, trägt aber auch dem Umstand Rechnung, dass es davon Ausnahmen geben kann. In den §§ 20, 21 StGB sind diese Ausnahmen genannt. Nicht bestraft werden darf ein Mensch, der eine Straftat begangen hat, wenn er zur Zeit der Begehung dieser Tat nicht schuldfähig war. War seine SchuldfähigkeitSchuldfähigkeitStraftäter zu diesem Zeitpunkt erheblich vermindert, dann kann das Gericht dies strafmildernd berücksichtigen, muss es jedoch nicht tun. In den genannten Paragrafen werden vier Gründe genannt, die zur SchuldunfähigkeitSchuldunfähigkeit oder erheblichen Verminderung der SchuldfähigkeitSchuldfähigkeiterhebliche Verminderung führen können: SchuldfähigkeitEingangskriterien
  • „Krankhafte seelische StörungKrankhafte seelische Störung

  • „Tiefgreifende BewusstseinsstörungBewusstseinsstörung, tiefgreifendeTiefgreifende Bewusstseinsstörung

  • „SchwachsinnSchwachsinn“ oder

  • „Schwere andere seelische AbartigkeitSchwere andere seelische Abartigkeit“ (sog. juristischer KrankheitsbegriffKrankheitsbegriff, juristischer)

Forensische PsychotherapieBegutachtungZur Klärung, ob eine dieser Voraussetzungen zur Tatzeit vorlag, nimmt das zuständige Gericht psychiatrische und/oder psychologische Sachverständige zu Hilfe, die erstens anhand der Krankheitslehre ihres eigenen Fachgebiets bzw. orientiert an den Kriterien der ICD-10 GM (Version 2012) bzw. des DSM-5 (Falkai und Wittchen 2014) retrospektiv erstens zu prüfen haben, ob zur Tatzeit eine solche Diagnose vorlag, die einem dieser vier Begriffe zuzuordnen ist, und zweitens, ob die Störung vom Schweregrad her so erheblich war, dass sie womöglich Auswirkungen auf die Einsichts- und/oder Steuerungsfähigkeit des Täters hatte. Entschieden wird diese Frage dann letztlich vom Gericht.
Prinzipiell können alle Erkrankungen aus dem Formenkreis der Psychosen sowie Durchgangssyndrome, epileptische Anfallsleiden, körperliche Abhängigkeitsstörungen und schließlich auch bestimmte genetische Erkrankungen im Sinne des StGB alsKrankhafte seelische Störung „krankhafte seelische Störung“ Krankhafte seelische Störungaufgefasst werden. Als „tiefgreifende Bewusstseinsstörung“ Bewusstseinsstörung, tiefgreifendeTiefgreifende Bewusstseinsstörung können in extremen Belastungssituationen auftretende affektive Ausnahmezustände Gesunder aufgefasst werden, die „das seelische Gefüge des Betroffenen zerstört oder im Falle des § 21 StGB erschüttert“ haben (Sonderausschuss für die Strafrechtsreform, Drucksache V/4095, S. 11). Der juristische Begriff des „SchwachsinnsSchwachsinnjuristische Definition betrifft IntelligenzminderungenIntelligenzminderungforensische Aspekte ohne genetische oder organische Ursache (diese gehören in die Rubrik der krankhaften seelischen Störung). Diagnostisch sind neben dem Intelligenzquotienten auch die Sozialisationsbedingungen und, wie bei allen anderen Merkmalen auch, die jeweiligen situativen Bedingungen zu berücksichtigen. Unter das vierte Merkmal, die „schwere andere seelische Abartigkeit“Schwere andere seelische Abartigkeit, können Persönlichkeitsstörungen, progredient verlaufende sexuelle Deviationen bzw. Perversionen, neurotische Störungen u. a. fallen.
In einem weiteren Schritt ist die Auswirkung der Diagnose auf die Einsichts- und/oder SteuerungsfähigkeitSteuerungsfähigkeit, StraftäterEinsichtsfähigkeitStraftäter in Bezug auf die Tatzeitpersönlichkeit und das Verhalten bei der Tat zu prüfen, d. h. die Symptomatik näherungsweise zu quantifizieren. Die Diagnose allein sagt nämlich über die vom Gericht zu entscheidenden rechtlichen Folgen noch nicht genug aus. Es gibt keine Diagnose, die automatisch zu einer Schuldverminderung führt. Erst das Ausmaß der mit der Diagnose bezeichneten Störungen in Bezug auf das Tatverhalten ist diesbezüglich entscheidend. Hat jemand z. B. im Rahmen einer paranoiden SchizophrenieSchizophrenie/schizophrene Störungenparanoide unter dem Einfluss imperativer Stimmen einen anderen getötet, den er im Wahn für den Leibhaftigen hielt, und sich dabei sogar noch als Retter der Menschheit geglaubt, dann ist die Annahme naheliegend, dass er das Unrecht seines Handelns nicht mehr einsehen konnte. In anderen Fällen (z. B. bei Anpassungsstörungen oder Paraphilien) kann zwar die Einsicht in das Unerlaubte des Handelns erhalten, die Steuerungsfähigkeit aber erheblich vermindert sein (zu Einzelheiten vgl. Foerster und Dreßing 2009; Konrad et al. 2013; Nedopil und Müller 2012; Kröber et al. 2006–2011).
Das gleiche zweistufige Beurteilungsverfahren und dem Sinne nach ähnliche gesetzliche Regelungen finden sich auch in der Schweiz, wobei sich die diagnostischen Eingangsvoraussetzungen für die Schuldunfähigkeit bzw. die verminderte Schuldfähigkeit im Diagnosespektrum etwas unterscheiden (vgl. Dittmann 2009). Zudem ist der Ausprägungsgrad einer Verminderung der Schuldfähigkeit in drei Stufen unterteilt (leicht, mittel, schwer). Das österreichische Strafgesetzbuch bedient sich des Begriffs der Zurechnungsfähigkeit (§ 11 öStGB) mit Eingangskriterien, die denen des § 20 StGB analog sind. Dagegen fehlt im österreichischen Strafgesetzbuch die dem § 21 StGB und dem Art. 11 sStGB entsprechende verminderte Schuldfähigkeit. Stattdessen bietet es über den § 34 Z1 öStGB einen Weg zur Strafmilderung, wenn der Täter unabhängig von den juristischen Eingangsmerkmalen der vollen Unzurechnungsfähigkeit „die Tat nach Vollendung des 18., jedoch vor Vollendung des 21. Lebensjahres oder wenn er sie unter dem Einfluss eines abnormen Geisteszustandes begangen hat, wenn er schwach an Verstand ist oder wenn seine Erziehung sehr vernachlässigt worden ist“ (vgl. Dittmann und Graf 2011, 2012; Haller 2012).
Forensische PsychotherapieDiagnosenrechtliche FolgenDiagnose(n)rechtliche FolgenDiagnosen können demnach im Strafprozess beträchtliche Folgen haben, vorausgesetzt, das Gericht kommt zu dem Ergebnis, dass die Schuldfähigkeit aufgehoben oder erheblich vermindert war. Im zuerst genannten Fall kann der Täter ohne weitere Konsequenz unmittelbar auf freien Fuß gesetzt werden, was aber nur selten geschieht. Ist das Gericht nämlich zu dem Ergebnis gekommen, dass zum Zeitpunkt der Begehung der Tat Schuldunfähigkeit oder eine erheblich verminderte Schuldfähigkeit bestand, dann muss es nach § 63 StGBMaßregelbehandlung/-vollzugnach § 63 StGB prüfen, ob „die Gesamtwürdigung des Täters und seiner Tat ergibt, dass von ihm infolge seines Zustands [weitere] erhebliche rechtswidrige Taten zu erwarten sind und er deshalb für die Allgemeinheit gefährlich ist“. Werden diese beiden Fragen nach Anhörung eines Sachverständigen vom Gericht bejaht, ordnet das Gericht die unbefristete UnterbringungUnterbringungStraftäter, in psychiatrischer Klinik des Betreffenden in einer psychiatrischen KlinikPsychiatrische Klinik, Unterbringung von Straftätern des Maßregelvollzugs an. Die Notwendigkeit der weiteren Unterbringung ist in regelmäßigen Intervallen von der Strafvollstreckungskammer nach den Regeln der Maßregelvollzugsgesetze der einzelnen Bundesländer zu überprüfen.
In Österreich kann ein Täter unabhängig von der Frage der Zurechnungsfähigkeit in eine Anstalt für geistig abnorme RechtsbrecherAnstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher, Unterbringung von Straftätern eingewiesen werden, die dort wie der Strafvollzug dem Justizministerium untersteht. Statt von Maßregel spricht man in Österreich von Maßnahme und entsprechend von Maßnahmenvollzug, ÖsterreichMaßnahmenvollzug. In der Schweiz kommt, unabhängig von der Schuldfähigkeit, die richterlich angeordnete Behandlung in einer Heil- und PflegeanstaltHeil- und Pflegeanstalt, Unterbringung von Straftätern dann infrage, wenn der Geisteszustand des Täters, der zu der Tat geführt hat, ärztlicher Behandlung und Pflege bedarf und diese erwarten lassen, dass die Gefahr weiterer Straftaten vermindert wird. Besteht die Annahme, dass sich die von dem Betreffenden zu erwartende Gefährdung der öffentlichen Sicherheit durch eine stationäre Maßnahme nicht innerhalb von 5 Jahren deutlich vermindern lässt, kann das Gericht eine Verwahrung anordnen.
Für StraftatenStraftat(en)Substanzmittelmissbrauch im Zusammenhang gravierendenMaßregelbehandlung/-vollzugnach § 64 StGB SubstanzmittelmissbrauchStraftaten, gesetzliche RegelungSubstanzmittelmissbrauchs gibt es eine eigenständige, zusätzliche gesetzliche Regelung. Wurde jemand wegen einer rechtswidrigen Tat verurteilt (oder nur wegen Schuldunfähigkeit nicht verurteilt), die er aufgrund eines „Hanges, alkoholische Getränke oder andere berauschende Mittel im Übermaß zu sich zu nehmenHang“, begangen hat, „ordnet das Gericht die Unterbringung in einer EntziehungsanstaltEntziehungsanstalt an, wenn die Gefahr besteht, dass er infolge seines Hanges [weitere] erhebliche Taten begehen wird.“ Bei dieser Regelung nach § 64 StGB muss die erhebliche verminderte Schuldfähigkeit nicht erwiesen sein. Es genügt schon, wenn sie für die Tatzeit „nicht auszuschließen“ war. Die Schweiz und Österreich haben dazu ähnliche Regelungen. Zur Therapie dieser Straftätergruppe, auf die im Folgenden nicht näher eingegangen wird, sei auf Schalast (2006) und Leygraf (2009) verwiesen.

Psychotherapieindikation und -settings

Forensische PsychotherapieIndikationJeder, der sich in Gefahr sieht, demnächst eine StraftatStraftat(en)Prophylaxe zu begehen, kann sich von sich aus zum Psychotherapeuten in Behandlung begeben. Dies setzt voraus, dass der Betreffende sein Vorhaben ich-dyston erlebt und überhaupt an die möglichen Konsequenzen strafbaren Handelns denkt. Tatsächlich geschieht dies aber sehr selten.
Psychotherapeutische Behandlung wird insbesondere im Kontext von Sexual- und Gewaltdelinquenz häufig erst dann gesucht, wenn bereits kriminalpolizeiliche Ermittlungen im Gange sind, meist auf Anraten des Anwalts, der seinem Klienten erklärt, er habe dann im Prozess bessere Chancen, mit einer geringeren Strafe davonzukommen.
Anfängliche Fremdmotivation oder gar opportunistische Gründe stehen dem nicht entgegen, dass zusammen mit dem Psychotherapeuten eine autochthone Motivation erarbeitet wird und eine tragfähige Arbeitsbeziehung entstehen kann. Das gilt auch für eine nach einer Verurteilung unter richterlicher Weisung begonnene Psychotherapie.

Psychotherapie ohne Ermittlungsverfahren

Forensische PsychotherapieSettingsPsychotherapieohne ErmittlungsverfahrenDie meisten Psychotherapeuten betrachten eine Aufnahme der Therapie ohne Ermittlungsverfahren als die günstigste Behandlungsvoraussetzung, weil sie dem entspricht, was sie von ihren anderen Patienten zu kennen glauben. Manche Patienten, die den Psychotherapeuten ohne Ermittlungsverfahren konsultieren, suchen bei diesem Entlastung von Strafangst und vielleicht auch von Gewissensqualen, ohne jedoch die Bereitschaft zu zeigen, strafbare Handlungen wie z. B. Inzesthandlungen, die sie bereits seit geraumer Zeit begehen, aufzugeben. In solchen Fällen muss der Therapeut von vornherein klarstellen, dass er sich nicht zum geheimen Mitwisser machen lassen und auf seine SchweigepflichtSchweigepflichtGrenzen berufen wird. Diese hat nämlich dort ihre Grenzen, wo Verbrechen noch verhindert werden können. Es gibt Konstellationen, bei denen es um schwere Verbrechen geht, in denen man dem Patienten nahelegen muss, sich selbst der Gerichtsbarkeit zu stellen, und ihn, falls er dieser Empfehlung nicht nachkommen will, darauf hinweisen muss, dass man dann als Therapeut dazu verpflichtet ist, ihn anzuzeigen.
Mit Patienten, die zu sexueller oder anderer GewalttätigkeitGewalttätigkeit, Neigung zu neigen, solche in ihren Fantasien prämeditieren und von früheren Impulsdurchbrüchen berichten, muss möglichst vertraglich von vornherein geregelt werden, dass sie davon während der Behandlung Abstand nehmen. Komorbidität ist zu beachten und bedarf ggf. der parallelen medikamentösen Behandlung bei einem psychiatrischen Kollegen. Außerdem sollte Vorsorge getroffen werden, wohin sich Patienten z. B. bei Abwesenheit des Therapeuten am Wochenende oder in anderen Notfallsituationen ersatzweise wenden können. Terminabsprachen sind immer so zu treffen, dass man z. B. als Psychologische Psychotherapeutin nicht in den späten Abendstunden allein mit dem Patienten in der Praxis ist, wenn dieser ein Problem mit sexueller Gewalt gegen Frauen hat. In besonderen Fällen kann auch die freiwillige Aufnahme in einer geschlossenen psychiatrischen Abteilung vereinbart werden. Ohnehin finden sich dort auch eigentliche Maßregelpatienten, die jedoch wegen Überfüllung von Maßregelkrankenhäusern dort bisher noch nicht aufgenommen werden konnten (Leygraf 2006b). Freiwillige Aufnahme in eine Maßregelvollzugsklinik ist aus rechtlichen Gründen bedauerlicherweise nicht möglich, obwohl dort in der Regel kompetentes Personal anzutreffen wäre (Kap. 9, Kap. 14, Kap. 22 und Kap. 23).

Psychotherapie im Ermittlungsverfahren

Psychotherapieim ErmittlungsverfahrenWenn ein Patient eine schwerwiegende Straftat begangen hat, bereits ein Ermittlungsverfahren läuft und damit zu rechnen ist, dass er zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wird, sollte sich die psychotherapeutische Intervention allenfalls auf Krisenintervention konzentrieren, da noch völlig offen ist, wohin der Patient nach der Verurteilung kommen wird und ob die Behandlung dann noch fortgesetzt werden kann. Ein früher Behandlungsbeginn kann in Einzelfällen indiziert sein, wenn abzusehen ist, dass der Betreffende in der entsprechenden Einrichtung bleiben wird.

Psychotherapie nach einer Verurteilung

Ambulante Psychotherapie
Psychotherapienach einer VerurteilungForensische PsychotherapieambulanteFür die ambulante Behandlung nach einer Verurteilung unter richterlicher Weisung gelten zunächst einmal die Kap. 38.4.1 genannten Bedingungen mit dem Unterschied, dass der Patient nunmehr einen Bewährungshelfer zugeteilt bekommen hat, mit dem der Psychotherapeut kooperieren sollte. Das Mindeste, was er tun muss, ist formal Auskunft über die wahrgenommenen Termine zu geben. Häufig ist aber auch eine inhaltliche Absprache nützlich, obwohl manche Psychotherapeuten der Auffassung sind, das verletze die Vertraulichkeit der gemeinsamen Arbeit mit dem Patienten. Wie die prospektive Prognosestudie von Seifert (2005) zeigt, ist mangelnde Zusammenarbeit eines Probanden mit dem Bewährungshelfer ein Prädiktor für RückfälligkeitStraftäterbehandlungPrädiktoren für Rückfälligkeit. Zeigt sich der Psychotherapeut an der Zusammenarbeit mit dem Bewährungshelfer interessiert, dürfte dies auch die Zusammenarbeit zwischen Patient und Bewährungshelfer stärken. Ambulante Behandlung kann einen hohen sekundärpräventiven Effekt haben (vgl. Leygraf 2006a). Von 164 Personen, die zwischen 2003 und 2010 in der Hamburger Präventionsambulanz aufgenommen wurden, sind während oder kurz nach Abschluss der Behandlung 7,4 % erneut mit Gewalttaten auffällig geworden. Die Rückfälligkeit in ein Sexualdelikt war mit 1,5 % sehr gering. Verdachtsfälle waren während des Untersuchungszeitraums jedoch weitaus häufiger (Yoon et al. 2013).
Psychotherapie in einer Justizvollzugsanstalt
Psychotherapiein einer JustizvollzugsanstaltSeit dem Gesetz zur Bekämpfung von Sexualdelikten und anderen gefährlichen StraftatenGesetz zur Bekämpfung von Sexualdelikten und anderen gefährlichen Straftaten vom 26.1.1998 (BGBl I, S. 160) hat sich die Behandlungssituation in Justizvollzugsanstalten verbessert, obwohl sie noch weit davon entfernt ist, ideal zu sein. Dieses Gesetz erschwerte einerseits die Voraussetzungen für die Aussetzung des Strafrestes zur Bewährung, die Entlassung aus dem psychiatrischen Maßregelvollzug und die Löschung von Einträgen im Bundeszentralregister. Gleichzeitig erleichterte es die Anordnung der Sicherungsverwahrung, stellte aber auch bessere Behandlungsmöglichkeiten in Aussicht, u. a. die gegen den Willen eines Betroffenen mögliche Einweisung in eine Sozialtherapeutische Anstalt zur dortigen Behandlung. Auf dieses Gesetz zurückgehend wurden zwar neue Therapieplätze geschaffen, aber die Überbelegung deutscher Justizvollzugsanstalten und die gegenwärtigen Sparmaßnahmen haben dazu geführt, dass die psychotherapeutische Versorgung von Straftätern im Justizvollzug nach wie vor nicht gewährleistet ist.
Psychotherapie in einer sozialtherapeutischen Anstalt
Sozialtherapeutische AnstaltPsychotherapiein einer Sozialtherapeutischen AnstaltSeit dem Gesetz zur Bekämpfung von Sexualdelikten und anderen gefährlichen Straftaten ist die Zahl der Sozialtherapeutischen Anstalten und der darin zur Verfügung gestellten Behandlungsplätze etwa verdreifacht worden (Elz 2014, vgl. Niemz 2015). Waren es 1997 noch 20 Einrichtungen mit 888 Behandlungsplätzen, so zählten die Behandlungsplätze im Jahr 2014 bereits 2 365 und die der Einrichtungen 68 (Elz 2014: 7–9). Trotzdem gibt es noch immer Engpässe. Straftäter, die nach der Verurteilung zunächst in eine normale Justizvollzugsanstalt eingewiesen werden, müssen je nach Bundesland bis zu 2 Jahre warten, ehe sie in einer Sozialtherapeutischen Anstalt aufgenommen werden können. Damit haben Straftäter mit einer zeitlich weniger langen Freiheitsstrafe kaum Aussicht, dort Psychotherapie zu bekommen, weil die Sozialtherapeutischen Anstalten Gefangene nur dann aufnehmen, wenn sie noch einen hinreichend langen Strafrest haben, damit es sich überhaupt lohnt, Psychotherapie mit ihnen zu beginnen. Problematisch ist auch die Verschiebung der Klientel. Sexualstraftäter, die 1997 noch 23,2 % der Plätze in Anspruch genommen hatten, waren 2003 mit 51,3 % bereits in der Überzahl; ihre Zahl stieg im Jahr 2008 auf einen Rekordwert von 62,5 %. Dieser Trend war fortan zwar rückläufig (2014: 50,7 %), aber es dürften für andere Straftäter, insbesondere solche, die gewaltsame Eigentumsdelikte begangen haben, noch immer Engpässe bestehen (Egg 2005, 2006; Egg und Niemz 2012; Elz 2014; Niemz 2015).
Psychotherapie im Maßregelvollzug
Psychotherapieim MaßregelvollzugForensische PsychotherapieMaßregelvollzugSowohl in Sozialtherapeutischen Anstalten als auch in Maßregelvollzugskliniken stellt Psychotherapie nur ein Element einer breiteren Palette von Behandlungsmaßnahmen dar. Während in Sozialtherapeutischen Anstalten ausschließlich Straftäter behandelt werden, die voll schuldfähig und in diesem Sinne „gesund“ sind oder bei denen allenfalls „nicht auszuschließen“ war, dass ihre Schuldfähigkeit erheblich vermindert war, ohne dass diese Feststellung positiv getroffen werden konnte, finden sich in Maßregelvollzugskliniken ausschließlich Patienten, bei denen das Gericht die Voraussetzungen zur Anwendung der §§ 20, 21 StGB festgestellt hatte. Je nach MaßregelvollzugsklinikMaßregelbehandlung/-vollzugPatientenklientel ist darunter ein großer Anteil psychotischer Patienten, bei denen die psychopharmakologische Behandlung im Vordergrund steht oder mindestens so wichtig ist wie die begleitende Psychotherapie und andere Therapieformen wie Ergotherapie, Beschäftigungstherapie, Musiktherapie sowie Verfahren, die nicht im engeren Sinne Psychotherapieverfahren, sondern psychoedukativer und lebenspraktischer Natur sind (vgl. Leygraf 2006b, d).

Straftäterbehandlung

Anfänge

Forensische PsychotherapieGeschichteHistorisch gehen die Anfänge der StraftäterbehandlungStraftäterbehandlungHistorie auf den Pädagogen und Psychoanalytiker Aichhorn zurück, der vor 100 Jahren in einem Fürsorgeheim am Stadtrand Wiens mit verwahrlosten Jugendlichen arbeitete und dabei das entwickelte, was später in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg als „korrigierende emotionale ErfahrungKorrigierende emotionale Erfahrung zum Stichwort für die psychodynamisch orientierte StraftäterbehandlungStraftäterbehandlungpsychodynamische wurde, insbesondere in Großbritannien (vgl. Böllinger 1979; Cordess und Cox 1998; Welldon und van Velsen 1997) und den Niederlanden (van Marle 1995), aber auch in einzelnen deutschen Maßregelvollzugskliniken und Sozialtherapeutischen Anstalten, bevor dort die kognitiv-behaviorale Wende vollzogen wurde. Aichhorns Prinzip bestand darin, die Bestrafungswünsche seiner Patienten zu frustrieren. Zeigten sie erneut delinquentes Verhalten, bemühte er sich gemeinsam mit ihnen darum zu verstehen, was sie zu ihren Handlungen bewogen hatte. Anstatt sie zu bestrafen, entwickelte er zusammen mit ihnen alternative, sozial akzeptable Verhaltensmodelle.
Anknüpfend an Aichhorn hatte Eissler (1953) erläutert, dass Delinquenten aufgrund ihrer BeziehungsstörungenBeziehungsstörungenDelinquenz, ihrer AggressivitätAggression/AggressivitätStraftäterbehandlung und ihrer narzisstischen Störungen keine positive ÜbertragungÜbertragungStraftäterbehandlung zum Therapeuten entwickeln könnten. Außerdem könnten sie Gefahren nicht differenzieren, reagierten in Situationen, in denen sie Angst erlebten, gleich mit Panik bzw. destruktivem Agieren. Letzteres diene der Angstabwehr. Deshalb müsse ihnen der Therapeut mit besonderem Wohlwollen begegnen, nicht mit analytischer Abstinenz, um ihre Angst zu mindern. Darüber hinausgehend müsse er ihre Neugier wecken, anstatt ihnen mit vorgefertigten Deutungen zu begegnen, und gelegentlich müsse er ihnen auch reale Befriedigungen gewähren. Erst nach einer solchen Basisbehandlung verwandle sich die Aggression in Angst und könne dann weiter mit psychoanalytischen Methoden bearbeitet werden.
Forensische PsychotherapiepsychodynamischeIn der weiter entwickelten psychoanalytischen Theoriebildung und Behandlungstechnik kristallisierten sich die folgenden Elemente als für eine psychodynamische StraftäterbehandlungStraftäterbehandlungpsychodynamische wesentlich heraus: Der Patient braucht eine ihn anerkennende, empathische, ihn fördernde und neugierig machende therapeutische BeziehungTherapeutische BeziehungStraftäterbehandlung und/oder ein therapeutisches Team, die ihm Sicherheit vermitteln, damit seine Angst reduziert wird und er sich der Auseinandersetzung mit inneren Konflikten stellen und äußere Konflikte in sozial verträglicher Weise meistern kann. Neuere Erkenntnisse der Bindungstheorie und deren Anwendung im forensischen Kontext bestätigen diese Grundannahmen (Fonagy 2004; Yakeley und Meloy 2012). Auch zeigt die schulenübergreifende Psychotherapieforschung, dass die wichtigsten Wirkfaktoren der Psychotherapie die Qualität der therapeutischen Beziehung, die affektive Aktualisierung der Konflikte, deren kognitive Verarbeitung, Mastery und Coping, und schließlich die Aktivierung der Ressourcen des Patienten sind (Lambert 2013), ungeachtet dessen, dass diese Wirkfaktoren in den verschiedenen Therapieschulen jeweils anders benannt werden mögen.
Vor diesem Hintergrund gab es historisch betrachtet einen zweiten Ansatz der StraftäterbehandlungStraftäterbehandlungVerhaltenstherapie Verhaltenstherapie(Sexual-)Straftäterbehandlungin der Verhaltenstherapie mit einem besonderen Fokus auf der SexualstraftäterbehandlungSexualstraftäterVerhaltenstherapie. Symptomzentriert wurde ab etwa den 1960er-Jahren versucht, unerwünschte sexuelle Fantasien, Reaktionen und Verhaltensweisen durch einfache Konditionierung aversiv zu löschen, z. B. durch dosierte Elektroschocks oder unangenehme Geruchsreize. Reagierten die Patienten auf die Präsentation bestimmter Bilder mit je nach sexueller Präferenz potenziell sexuell stimulierenden Inhalten etwa mit einer Volumenzunahme des Penis, wurde diese Reaktion mit einem aversiven Reiz gekoppelt, um dadurch die Spontanreaktion zu löschen. Während anfangs viele Berichte über die Erfolge solcher AversionsbehandlungenAversionsbehandlung, Straftäter publiziert wurden, gelten sie seit rund 20 Jahren als überholt und sogar schädlich, weil sie langfristig sogar zu einer Verstärkung devianter sexueller Präferenzen und damit zu einer Verschlechterung der Symptomatik führen (Hall 1995).

Kognitiv-behaviorale Programme für Sexualstraftäter

Forensische Psychotherapiekognitiv behaviorale Programme, SexualstraftäterSexualstraftäterkognitive VerhaltenstherapieKognitive VerhaltenstherapieSexualstraftäterIn Fortsetzung der frühen verhaltenstherapeutischen Ansätze mit Modulen zur Aversionsbehandlung von Sexualstraftätern wurden vor allem in US-amerikanischen und kanadischen Gefängnissen zunehmend differenzierte Programme entwickelt, die nicht mehr ausschließlich deliktbezogen waren und die Symptombeseitigung ins Visier nahmen, sondern differenziertere positive Zielsetzungen verfolgten, z. B. die Entwicklung basaler Kompetenzen, um soziale Defizite zu überwinden und im Leben generell besser zurechtzukommen (Abel et al. 1992). Einübung sozialer FertigkeitenFertigkeitentrainingStraftäterbehandlung (social skills training), SelbstsicherheitstrainingSelbstsicherheitstraining (assertiveness trainingAssertiveness Training), sexuelle Aufklärung, Behandlung sexueller Funktionsstörungen, Paartherapie, Behandlung von Alkohol- und Drogenabhängigkeit wurden zunehmend als Basismodule in die Programme eingeführt. Die Veränderung von Einstellungen und Werten, die Bearbeitung von Bagatellisierungen, Verleugnung und Spaltung sowie Selbstwertregulierung und die Entwicklung von Empathie mit dem Opfer wurden zu unverzichtbaren Bestandteilen der Sexualstraftäterbehandlung (Marshall et al. 1998, 2011; Marshall und Marshall 2011, 2014; Elsner 2006; Barnett und Mann 2013).
Rückfallpräventionsprogramme für Sexualstraftäter (RP)
Forensische PsychotherapieRückfallpräventionfür SexualstraftäterSexualstraftäterRückfallpräventionDiese Programme entstanden bereits in den 1970er-Jahren in den USA im Kontext der Behandlung von Alkohol- und Drogenabhängigkeit als Antwort auf die Beobachtung, dass in stationären Behandlungen zwar rasch Abstinenz erreicht werden konnte, nach Entlassung der Anteil der Rückfälligen aber fast ebenso schnell wieder auf hohe Prozentsätze stieg (vgl. Schalast 2006). Pithers und Mitarbeiter adaptierten diese Programme für die Sexualstraftäterbehandlung, da man mit den bis dahin zur Verfügung stehenden verhaltenstherapeutischen Programmen für Sexualstraftäter ähnlich negative Erfahrungen gemacht hatte, was deren langfristige Stabilisierung der Patienten betraf (Pithers 1990). Zunächst ausschließlich konzipiert als ambulante Nachbehandlungen, wurden die Programme zunehmend zur Hauptbehandlung ausgebaut und vielfach modifiziert.
Im Vergleich zu der Euphorie, mit der die Rückfallpräventionsprogramme in der Praxis aufgenommen und verbreitet worden waren, blieb die Datenlage zum Nachweis ihrer Wirksamkeit schmal, wohl auch deshalb, weil gleichzeitig zu viele unterschiedliche Modifikationen im Umlauf waren und unter den Bedingungen ambulanter Nachbehandlung die Programmintegrität nicht immer garantiert werden konnte (Marshall und Anderson 1996; Pfäfflin 2001). In jüngerer Zeit mehren sich hingegen wieder Hinweise, dass gute Rückfallpräventionsprogramme nicht viel schlechter abschneiden als Ansätze, die dem heute favorisierten Good-Lives-ModellGood-Lives-Modell, Rückfallpräventionsprogramm folgen (Barnett et al. 2014; vgl. Boer et al. 2011).
Reasoning & Rehabilitation (R&R)
StraftäterbehandlungReasoning & RehabilitationForensische PsychotherapieReasoning & RehabilitationReasoning and Rehabilitation Program, StraftäterbehandlungAnders als die bisher erwähnten manualisierten Programme richtete sich das im kanadischen Justizvollzug entwickelte Reasoning & Rehabilitation Programme (R&R, Ross et al. 1986) nicht an eine bestimmte Tätergruppe, sondern war von vornherein tatsächlich als ein Verfahren konzipiert, dass bei Straftätern generell häufig anzutreffende kognitive, emotionale und soziale Defizite bearbeiten und dazu zu einer generellen Stabilisierung der Teilnehmer beitragen sollte. Haina führte das Programm 1998 als erste Maßregelvollzugseinrichtung in Deutschland ein (Gretenkord 2002). In 35 vorstrukturierten Gruppensitzungen von je 2 Stunden Dauer, die in der Regel Vor- und Nacharbeit in Form von Hausaufgaben erfordern, werden anhand audiovisueller Präsentationen, Rollenspielen, Denkaufgaben und Gruppendiskussionen mit Videofeedback kognitive und behaviorale Fertigkeiten eingeübt, die sieben Schwerpunkte haben: Problemlösen, Einüben sozialer Fertigkeiten, Verhandlungsfertigkeiten, Umgang mit Emotionen, kreatives Denken, Entwicklung von Werten und Rücksicht auf die Belange anderer und schließlich kritisches Denken. Inhaltlich werden allgemeine Beispiele, aber auch solche gewählt, die mit strafbaren Handlungen zusammenhängen.
Die Akzeptanz ist groß, und dies gilt auch für die Wirksamkeit, vorausgesetzt, die Gestaltung der Gruppensitzungen erfolgt in einer die Neugier und das Lernverhalten fördernden Weise (Kap. 38.5).
Das Sex Offender Treatment Programme (SOTP)
SexualstraftäterSex Offender Treatment Programme (SOTP)SOTP (Sex Offender Treatment Programme)Dieses ebenfalls hoch strukturierte und zeitlich intensive kognitiv-behaviorale Programm wurde bereits 1992 in weiten Teilen des englischen Gefängnissystems eingeführt. Inzwischen werden pro Jahr etwa 1 000 Sexualstraftäter damit behandelt. Sowohl Teilnehmer als auch Personal werden zunächst einem Auswahlverfahren unterzogen, und das Personal wird geschult, wobei das Manual wiederum nur an Schulungsteilnehmer abgegeben wird (Rooke 2002).
Alle Sitzungen werden auf Video aufgezeichnet und regelmäßig supervidiert. Das Basisprogramm umfasst 20 inhaltliche Einheiten, die in 85 Sitzungen in großer Dichte vermittelt werden. Inhaltlich enthält es viele Elemente der bisher schon genannten manualisierten Programme. Es gibt Varianten für Intelligenzgeminderte, für offene Gruppen, Auffrischungssitzungen und erweiterte Spezialprogramme, die alle regelmäßig aktualisiert werden (Lau 2006). Eingeführt wurde das Programm in Deutschland zunächst in einer Sozialtherapeutischen Anstalt des Justizvollzugs in Hamburg, und gleichzeitig wurde es um psychodynamische Komponenten erweitert (Berner und Preuss 2002; Preuss und Lietz 2004). Es wird heute in mehreren deutschen Maßregelvollzugskliniken praktiziert (vgl. Feil und Knecht 2007).
Behandlungsprogramm für Sexualstraftäter (BPS)
BPS (Behandlungsprogramm für Sexualstraftäter)Behandlungsprogramm für Sexualstraftäter (BPS)SexualstraftäterBehandlungsprogramm BPSEs handelt sich um ein dem kognitiv-behavioralen Programm von Marshall und Mitarbeitern (vgl. „Kognitiv-behaviorale Programme für Sexualstraftäter“), dem R&R sowie dem SOTP (s. o.) verwandtes Programm, das sowohl in Sozialtherapeutischen Anstalten als auch im Justizregelvollzug und in Maßregelvollzugskliniken praktiziert wird (Wischka 2005, 2013). Man könnte es eine Sparversion der anderen Programme nennen, denn vor allem der Justizvollzug hat weit geringere Mittel für therapeutische Aktivitäten übrig als der Maßregelvollzug.
Dialektisch-behaviorale Therapie (DBT)
Forensische PsychotherapieDialektisch-behaviorale TherapieDialektisch-behaviorale Therapie (DBT)StraftätertherapieEntwickelt primär für präsuizidale Borderline-Patientinnen (Linehan 1996a, b; Burmeister et al. 2014), zielt die DBT auf Verhaltensänderung über Entwicklung, Ausprobieren und Bewertung von Handlungsalternativen. Technisch wird positives Verhalten verstärkt, negatives Verhalten aversiv beantwortet (was im Maßregelvollzug Probleme bereiten kann), eine kognitive Umstrukturierung bewirkt, und schließlich werden psychosoziale Fertigkeiten in der Gruppe trainiert.
Die DBT wird im stationären Setting besonders deshalb sehr geschätzt, weil Krankenschwestern und Pfleger sehr stark in therapeutische Aufgaben einbezogen werden. Sie wurde mittlerweile in verschiedenen forensischen Settings erprobt (Berzins und Trestmann 2004; Galietta und Rosenfeld 2012), im deutschen Maßregelvollzug wiederum zuerst in der Klinik für Forensische Psychiatrie in Haina (Bauer 2002) und inzwischen in einer Reihe weiterer Maßregelkliniken (Oermann 2013). Sie eignet sich insbesondere für Sexualtäter mit komorbider Persönlichkeitsstörung des Cluster B. Für diese spezielle Gruppe kann sie um Module zur Deliktbearbeitung erweitert werden. Eine ausführliche Darstellung der einzelnen Module findet sich in Kap. 21.

Andere Programme

Forensische Psychotherapiemanualisierte ProgrammeZu den offensichtlichen Vorzügen manualisierter Programme zählen ihre gute Vermittelbarkeit bei der Ausbildung von Therapeuten; leichte Überprüfbarkeit, ob die Programmintegrität eingehalten wird; ökonomische Applikation; Lernen von Peers und schließlich auch die überschaubaren wissenschaftlichen Evaluationsmöglichkeiten. Für bestimmte Module kann auch nichtakademisches Personal (Pflegepersonal, Justizbeamte) geschult werden.
Es gibt aber auch eine Reihe von Nachteilen. Dazu gehören Burnout-Symptome der Therapeuten, weshalb Therapeuten im SOTP immer wieder längere Pausen einlegen müssen, bevor sie einen neuen Turnus beginnen. Die spezifischen Fähigkeiten von Therapeuten zur Gestaltung der therapeutischen Beziehung können u. U. ungenutzt bleiben, weil das vorgegebene Programm dafür nicht ausreichend Raum lässt. Je stärker strukturiert ein Programm ist, desto starrer kann seine Anwendung werden, und Anwender ebenso wie Patienten können sich dann leicht langweilen, sodass Behandlungseffekte eher flach und angelernt bleiben. Der feste Zeitrahmen erlaubt oft nicht, auf langsamer vorankommende Teilnehmer zu warten. Das Timing einzelner Module ist nicht prozessorientiert und kann daher an den Bedürfnissen der Teilnehmer vorbeigehen. Eine Wiederholung des gesamten Programms kann für die Nachzügler aber auch wieder eine Unterforderung darstellen. Beliebig häufige Wiederholung wirkt öde. Das ist nicht zuletzt im Zusammenhang mit Komorbidität zu bedenken, denn es gibt inzwischen für viele verschiedene Störungen manualisierte Therapieprogramme, in denen sich ähnliche Basismodule finden wie in einigen der hier genannten Programme. Muss ein Patient diese Module immer wieder neu durcharbeiten, wird seine Neugier erlahmen und in Widerstand gegen die Therapie umschlagen.
Es gibt einige Programme, die zwar im Wochenrhythmus die Zeitvorgaben genau strukturieren, in der Gesamtdauer der Programmanwendung aber flexibel bleiben. Dazu gehören u. a. die in den beiden folgenden Abschnitten vorgestellten Programme.
Übertragungsfokussierte Therapie (TFP)
Forensische PsychotherapieÜbertragungsfokussierte Therapie (TFP)Übertragungsfokussierte Psychotherapie (TFP)StraftäterbehandlungEbenso wie die DBT wurde die Übertragungsfokussierte Therapie (Transference Focused Psychotherapy, TFP; Clarkin et al. 1999; Doering et al. 2010; Levy et al. 2012; Diamond et al. 2013, 2014) primär für Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstruktur, narzisstischen und antisozialen Zügen entwickelt (Kap. 24.5.6). Sie zielt auf strukturelle Veränderung, um maladaptive Verhaltensweisen, die zu affektiven Störungen und zu Beeinträchtigungen interpersoneller Beziehungen führen, zu korrigieren. Behandlungstechnisch stützt sie sich auf Klärung, Konfrontation und Interpretation bzw. Deutung unbewusster Objektbeziehungen, die sich in Übertragung und Gegenübertragung manifestieren.
Anders als bei den anderen bisher vorgestellten manualisierten Programmen handelt es sich hier um Einzeltherapie, und die einzelnen Elemente bzw. Module sind in ihrer Anwendung zeitlich nicht fixiert, sondern variabel und jederzeit wiederholt anwendbar, da die Inhalte des zu Bearbeitenden nicht in gleicher Weise wie in den anderen Programmen vorgegeben, sondern weitgehend der Spontanschilderung des Patienten überlassen werden. Angewandt wird die TFP in einigen Maßregelvollzugskliniken, im österreichischen Maßnahmenvollzug (der dort der Justizbehörde untersteht) und im ambulanten Setting des Forensisch Therapeutischen Zentrums Wien (FTZW) (vgl. Fontao et al. 2006).
Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT)
Forensische PsychotherapieMentalisierungsbasierte Therapie (MBT)Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT)StraftäterbehandlungDie MBT (Bateman und Fonagy 2007, 2013; Allen und Fonagy 2014) ist eine weitere Variante eines manualisierten Behandlungsprogramms mit psychodynamischem Hintergrund. Es knüpft an Ergebnisse der Bindungsforschung an und wurde wie die TFP für Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstruktur entwickelt (Kap. 24.5.5). Durch die Förderung von Mentalisierungs- und Symbolisierungsfähigkeit sollen Identitätsentwicklung und die Kohärenz des Selbst gefördert und Empathie für andere entwickelt werden. Die MBT weist strukturelle Ähnlichkeiten mit der TFP auf und lässt sich deshalb gut mit ihr vereinbaren. Wirksamkeitsnachweise für Borderline-Patienten liegen bereits seit Längerem vor (Kap. 24.6), aber mittlerweile gibt es auch einige Veröffentlichungen, die darauf hindeuten, dass MBT im forensischen Setting wirksam sein kann (Bateman und Fonagy 2004, 2007, 2008, 2012, 2013; McGauley et al. 2011; Yakeley 2014).
Das Zürcher PPD-Modell
Forensische PsychotherapieRückfallpräventionForensische PsychotherapieZürcher PPD-ModellZürcher PPD-Modell, StraftäterbehandlungDer moderne Zürcher Justizvollzug sieht sich in erster Linie dem Ziel der Rückfallprävention verpflichtet. Auf unterschiedlichen Ebenen (Untersuchungshaft, Schutzaufsicht, Bewährungshilfe, Therapieprogramm u. a.) kommen spezifische Konzepte der professionellen Beurteilung und des nachhaltigen Managements von Risiken zum Einsatz.
Mit dem Psychiatrisch-Psychologischen Dienst (PPD)Psychiatrisch-Psychologischer Dienst (PPD) wurde in Zürich ein forensisch-psychiatrisch/psychotherapeutischer Schwerpunkt in die Organisationsstrukturen des Justizvollzugs integriert. Er versteht sich als interdisziplinär eingebetteter und ebenso arbeitender Dienstleister innerhalb dieser Struktur, zuständig einerseits für die psychiatrisch-psychotherapeutische Grundversorgung für alle Justizinstitutionen im Kanton Zürich, die Durchführung deliktpräventiver, intra- und extramural durchgeführter Therapien sowie die Risikobeurteilung, wenn es um die Frage der Entlassung aus Vollzugsanstalten geht. Es befinden sich jeweils etwa 250 Täter, die als hoch rückfallgefährdet gelten, in deliktpräventiven Therapien, die ein breites Spektrum unterschiedlicher Intensität aufweisen: stationäre Behandlungsplätze mit hoher Behandlungsintensität, und, am anderen Ende des Spektrums, langfristige Nachbetreuungen von Straftätern, die sich in Freiheit befinden (Noll et al. 2008, 2010; Borchard et al. 2012).
Die Mitarbeiter bewerten die enge Einbindung in die justiziellen Vollzüge nicht als Nachteil, sondern im Gegenteil als Vorteil, weil sich der Strafvollzug dadurch auch über die Dauer des Freiheitsentzugs dem Präventionsgedanken verpflichtet (Urbaniok 2003; Stürm und Schmalbach 2013).
Das primäre Ziel der Therapie ist die DeliktpräventionStraftäterbehandlungDeliktpräventionDeliktprävention. Die übergeordnete Strategie des Zürcher PPD-Modells lässt sich wie folgt zusammenfassen:
  • 1.

    Die kleine Gruppe unbehandelbarer, hoch gefährlicher Gewalt- und Sexualstraftäter soll frühzeitig erkannt und langfristig gesichert werden.

  • 2.

    Spezialisierte deliktpräventive Therapieangebote werden für so viele rückfallgefährdete Gewalt- und Sexualstraftäter wie möglich vorgehalten – innerhalb und außerhalb des Justizvollzugs.

  • 3.

    Die Therapie von stark rückfallgefährdeten Tätern wird als langfristiger intra-und extramuraler Risikomanagementprozess betrachtet. Dieser Prozess orientiert sich vorrangig an den etwa 80 Risiko-Eigenschaften, die im Forensischen Operationalisierten Therapie- und Risiko-Evaluations-System (FOTRESFOTRES (Forensischers Operationalisiertes Therapie- und Risiko-Evaluations-System)) enthalten sind (Urbaniok 2016).

  • 4.

    Permanente Risikobeurteilungen sind ein integraler Bestandteil jeder deliktpräventiven Therapie.

Als Standard für die Behandlung von nicht primär psychotischen Tätern gelten spezielle deliktorientierte Therapieinterventionen, die jeweils flexibel und prozessorientiert eingesetzt werden. Therapietechniken, die dabei regelmäßig Verwendung finden, sind die Deliktrekonstruktion, die Deliktteilarbeit und die Fantasiearbeit (Urbaniok 2012; Urbaniok und Endrass 2006; Urbaniok und Gnoth 2012).
Programmunabhängige Verfahren
Forensische Psychotherapieprogrammunabhängige VerfahrenNicht immer lassen sich in Justizvollzugs- und Maßregeleinrichtungen hinreichend homogene und konstante Gruppen zusammenstellen, mit denen die oben genannten Programme durchführbar sind, und erst recht gilt dies für das ambulante Setting in Flächenstaaten. Zudem gibt es einzelne Straftäter, die nicht gruppenfähig sind, weil sie sich durch die Gruppenarbeit vollkommen überfordert fühlen oder aber weil sie die Gruppe mit ihrer spezifischen Störung überfordern würden (Schott 2004, 2009). Intelligenzgeminderte (Seifert 2006, 2014) ebenso wie therapeutisch vorgebildete Sexualstraftäter und Priester (Hanson et al. 2004, vgl. Calcins Mercado et al. 2011) können eine Gruppe lahm legen. Insofern bleiben Einzeltherapien mit oder ohne Kombination mit Gruppenbehandlung auch zukünftig unverzichtbar.

Behandlungsergebnisse

Maßregelbehandlung

Maßregelbehandlung/-vollzugBehandlungsergebnisseDie LegalbewährungForensische PsychotherapieLegalbewährung nach einer bedingten Entlassung gilt als der valideste Erfolgsparameter zur Beurteilung der Effizienz von Maßregelbehandlungen (vgl. Leygraf 2006d; Bezzel 2010; Schalast et al. 2009). In Deutschland wurden in den vergangenen 20 Jahren einige methodisch vergleichbare Studien publiziert, die übereinstimmend günstige Ergebnisse des psychiatrischen Maßregelvollzugs widerspiegeln (Dimmek und Dunker 1996; Dessecker 1997; Gretenkord 2001; Jockusch und Keller 2001; Seifert 2005). Beispielhaft sei hier die bundesweite Prognosestudie von Seifert (2005) erwähnt, in der von 255 entlassenen Maßregelpatienten innerhalb eines Katamnesezeitraums von 4 Jahren 42 (16,5 %) wieder delinquent wurden. Es handelte sich dabei überwiegend um gewaltlose Eigentumsdelikte. 17 Patienten (6,7 %) hatten ein Sexual- oder Gewaltdelikt begangen; 4 Patienten (1,6 %) kamen wegen des Rückfalldelikts in Strafhaft, 14 Patienten (5,5 %) erneut in den Maßregelvollzug. Bei weiteren 7 Patienten (2,7 %) erfolgte ein Widerruf der bedingten Entlassung wegen Verstoßes gegen Bewährungsauflagen, ohne dass es zu einer erneuten Straftat gekommen war. Im Follow-up zu dieser Studie betrug die allgemeine Rückfallrate 31,5 %, und 10,3 % der ehemaligen MRV-Patienten waren mit weiteren Gewalt- bzw. Sexualdelikten auffällig geworden (Seifert 2010).
Fasst man die oben zitierten Studien zusammen, liegt die Zahl erneut aktenkundig gewordener Straftaten bei einem mittleren Katamnesezeitraum von 4–11 Jahren bei 16–43 %, wobei in 10–26 % der Fälle ein erneuter Freiheitsentzug erfolgte. Die Zahl der Rückfälle mit Gewalt- bzw. Sexualdelikten variiert zwischen 7 und 11 %.
Diese Zahlen zu bewerten ist nicht einfach, da national und international aufgrund unterschiedlicher Rechtssysteme geeignete Vergleichsgruppen fehlen. Zu Vergleichszwecken am ehesten geeignet sind die „Karrieretäter“ aus der Studie von Dünkel und Geng (1994, n = 510, mindestens drei Vorstrafen), bei denen es in 65 % der Fälle innerhalb von 5 Jahren zu einem erneuten Freiheitsentzug (n = 340) kam. Nach Entlassung aus dem dortigen Behandlungsvollzug (n = 160) lag die Rückfallquote bei 42 %.
In einer Übersichtsarbeit kommen Groß und Nedopil (2005) zu dem Schluss, dass nach 5 Jahren etwa 70 % der aus dem Regelvollzug entlassenen Straftäter erneut festgenommen und etwa 45 % erneut verurteilt wurden und etwa 38 % eine neue Haftstrafe angetreten haben dürften. Es zeigt sich also, dass die Rückfälligkeit nach Entlassung aus dem Maßregelvollzug erheblich geringer ist als nach Entlassung aus dem Strafvollzug.

Sozialtherapie

Sozialtherapie f. Straftäter, BehandlungsergebnisseDer Gesamteffekt der sozialtherapeutischen Behandlung liegt bei etwa r = 0,10 (vgl. Lösel et al. 1987). Lösel (1994) konnte diesen Effekt nochmals bekräftigen und auch eine von amerikanischen und deutschen Forschern gemeinsam durchgeführte Metaanalyse (Egg et al. 2001) kam zu ähnlichen Ergebnissen (mittlere Effektstärke: r = 0,13). Diese Ergebnisse entsprechen älteren Befunden aus anderen Ländern (z. B. Andrews et al. 1990; Lipsey 1992; Lipsey und Wilson 1993; Hall 1995; Redondo et al. 1999), wobei i. Allg. manualgeleitete und strukturierte kognitiv-behavioral orientierte Behandlungsprogramme am besten abschneiden, z. B. das R&R-Programm mit einer mittleren Effektstärke von r = 0,14 (Tong und Farrington 2006). Neuere Programme, die sich nach Andrews und Bontas RNR-Prinzipien richten und auf eine konsequente Förderung von Stärken bzw. Verhaltensressourcen der Patienten abzielen, können noch deutlich höhere Effekte (vereinzelt bis zu r = 0, 50) erzielen (Landenberger und Lipsey 2005; Andrews et al. 2011; Lipsey 2012; Koehler et al. 2013).
SexualstraftäterPsychotherapie, EffektstärkenDie Behandlung von Sexualstraftätern weist ebenfalls hohe Effektstärken auf (Hanson und Bussière 1998; Hanson et al. 2002, 2004; Hanson und Morton-Bourgon 2005, 2009; Marshall und Marshall 2014). In der Metaanalyse von Hanson et al. (2002) ergaben sich für 43 Studien mit insgesamt 9 454 Probanden bei einem mittleren Follow-up-Intervall von 4–5 Jahren deutliche positive Effekte. Neuere manualgeleitete und kontrolliert durchgeführte Behandlungsprogramme schnitten dabei am besten ab (Reduktion der allgemeinen Rückfälligkeit von 51 auf 32 % und der einschlägigen Rückfälligkeit von ohnehin schon vergleichsweise niedrigen 17 auf 10 %).
Eine weitere bedeutende Metaanalyse zur Wirksamkeit der Behandlung von Sexualstraftätern stammt von Schmucker (2004). In diese Arbeit gingen 69 Studien mit einem Gesamt-N von 22 181 Probanden ein. Die Effekte sind noch deutlicher als die der oben zitierten Arbeiten. Für die behandelten Sexualstraftäter wird im Vergleich mit den unbehandelten Kontrollpersonen eine Senkung der einschlägigen Rückfallhäufigkeit um fast 40 % berichtet (vgl. auch Lösel und Schmucker 2005). Insgesamt gilt auch für die Behandlung von Sexualstraftätern, dass Behandlungsansätze, die sich die RNR-Prinzipien zu eigen machen, die besten Ergebnisse erzielen (Hanson et al. 2009; vgl. Boer et al. 2011).

Literaturauswahl

Andrews et al., 2011

D.A. Andrews J. Bonta J.S. Wormith The Risk-Need-Responsivity (RNR) model. Does adding the Good Lives Model contribute to effective crime prevention? Criminal Justice and Behavior 38 2011 735 755

Bateman and Fonagy, 2008

A. Bateman P. Fonagy Comorbid antisocial and borderline personality disorders: Mentalization-based treatment J Clin Psychol 64 2008 181 194

Boer et al., 2011

D.P. Boer R. Eher L.A. Craig International Perspectives on the Assessment and Treatment of Sexual Offenders 2011 John Wiley Chichester

Clarkin et al., 1999

J.F. Clarkin F.E. Yeomans O.F. Kernberg Psychodynamische Therapie der Borderline-Persönlichkeit. Manual zur Transference Focused Psychotherapy (TFP) 1999 Schattauer Stuttgart, New York

Egg and Niemz, 2012

R. Egg S. Niemz Die Entwicklung der Sozialtherapie im Justizvollzug im Spiegel empirischer Erhebungen B. Wischka W. Pecher H. van den Boogaart Behandlung von Straftätern. Sozialtherapie, Maßregelvollzug, Sicherungsverwahrung 2012 Centaurus Herbolzheim 1 19

Hodgins, 2012

S. Hodgins Violence Among the Mentally III: Effective treatments and management strategies Vol. 90 2012 Kluwer Dordrecht, Boston, London

Landenberger and Lipsey, 2005

N.A. Landenberger M.W. Lipsey The positive effects of cognitive-behavioral programs for offenders: A meta-analysis of factors associated with effective treatment J Exp Criminol 1 2005 451 476

Linehan, 1996a

M. Linehan Dialektisch-Behaviorale Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung 1996 CIP-Medien München

Urbaniok, 2015

F. Urbaniok FOTRES: Forensisches Operationalisiertes Therapie-Risiko-Evaluations-System 2015 Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Berlin

Yakeley and Meloy, 2012

J. Yakeley J.R. Meloy Understanding violen Does psychoanalytic thinking matter? Aggress Violent Behav 17 2012 229 239

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