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B978-3-437-46202-3.00001-9

10.1016/B978-3-437-46202-3.00001-9

978-3-437-46202-3

Abb. 1.1

[L190]

Die Hauptebenen und -achsen des Körpers. Entsprechend den drei Ebenen des Raums wird die Frontalebene (blau), die Transversalebene (gelb) und die Sagittalebene (rot) unterschieden. Jede Ebene wird aus zwei der drei Achsen des Körpers – also der Longitudinal-, der Horizontal- oder der Sagittalachse – gebildet.

Abb. 1.2

[L190]

Die wichtigsten Richtungsbezeichnungen am Körper

Abb. 1.3

[L190]

Der Aufbau des menschlichen Körpers mit Beispielen für die unterschiedlichen Organisationsebenen

Abb. 1.4

[190]

Die sechs Merkmale von LebewesenMerkmaleLebewesen in ihren Wechselbeziehungen zur Umwelt

Abb. 1.5

[L190]

Übersicht über die großen Körperhöhlen und -räume

Abb. 1.6

[L190]

Allgemeiner Regelkreis mit negativer Rückkopplung (links) sowie Regelkreis am Beispiel der Blutdruckregulation (rechts)

Abb. 1.7

[L190]

Zonen gleicher Temperatur eines Erwachsenen in warmer und kalter Umgebung

Abb. 1.8

[L190]

Regelkreis der Körpertemperatur. Rezeptoren in der Haut und im Körperkern messen die Körpertemperatur und übermitteln sie an das Gehirn, wo der Istwert mit dem Sollwert verglichen wird. Von dort wird über Wärmebildung, Veränderung der Durchblutung, Schweißsekretion und sinnvolles Verhalten (z. B. Anziehen eines Mantels) die notwendige Temperaturanpassung eingeleitet. Nicht abgebildet ist die Wärmebildung durch braunes Fettgewebe, da sie nur bei Neugeborenen eine Rolle spielt.

Abb. 1.9

[L190]

OrgandurchblutungOrgandurchblutung in Ruhe und bei schwerer körperlicher Arbeit. Insbesondere die Durchblutung der Skelettmuskulatur steigt an, und zwar bis auf das Zehnfache. Im Gegenzug sinkt die Durchblutung der Verdauungsorgane um mehr als zwei Drittel.

Abb. 1.10

[L190]

Herzfrequenz bei einer Arbeit unterhalb und oberhalb der Dauerleistungsgrenze. Ist die Dauerleistungsgrenze überschritten, wird kein Gleichgewichtszustand (Steady State) mehr erreicht.

Abb. 1.11

[J747]

Professionelles Thermometer

Abb. 1.12

[M839]

Pathophysiologie des Hitzschlags

Abb. 1.13

[J787-020]

Funktionen des Lebens im Spannungsfeld der drei Eckpfeiler der Gesundheit nach dem Verständnis der Weltgesundheitsorganisation

Abb. 1.14

[L190]

Ablauf der Entzündungsreaktion bis zur Entstehung der Kardinalsymptome

Organsysteme des Menschen Organsystem

Tab. 1.1
Organsystem Dazu gehören Wichtige Aufgaben
Bewegungs- und Stützapparat (Kap. 6) Knochen (Skelett) mit den sie verbindenden Bändern sowie Sehnen und Muskeln
  • Stütz- und Haltefunktion

  • (Willkürliche) Bewegungen

  • Ort der Blutzellenbildung, Mineralspeicher

  • Wärmeproduktion

Haut (Kap. 7) Ober- und Lederhaut, Unterhaut (mit Fettgewebe) sowie Hautanhangsgebilde wie z. B. Haare, Nägel, Schweiß- und Duftdrüsen
  • Schutz des Körpers vor Außeneinflüssen

  • Mitregulation v. a. von Temperatur, Flüssigkeitshaushalt

  • Sinnesorgan für Temperatur, Druck und Schmerz

  • Vitamin-D-Synthese, Fettspeicher

Nervensystem (Kap. 8, Kap. 9) Zentrales und peripheres Nervensystem, Sinnesorgane
  • Informationsaufnahme, -verarbeitung und -speicherung

  • Denken und Planen

  • Schnelle Regulation fast aller Körperaktivitäten, Regulationszentrum für das innere Milieu

Hormonsystem (Kap. 10) Drüsen und verstreute Zellen/Zellgruppen, die Hormone produzieren Langsame und mittelschnelle Regulation fast aller Aktivitäten des Körpers
Immunsystem (Kap. 5, Kap. 11) Lymphbahnen, -knoten, weiße Blutkörperchen, Thymus, Knochenmark, sekundäre lymphatische Organe (z. B. Milz)
  • Erkennung und Ausschaltung von körpereigenen und -fremden schädlichen Substanzen sowie (Mikro-)Organismen

  • Immunologisches Gedächtnis

  • Mithilfe bei Entzündungs-/Heilungsvorgängen

Herz-Kreislauf-System (Kap. 12, Kap. 13) Herz, Blutgefäße, Blut
  • Motor und Bahnen der Blutzirkulation

  • Sauerstoff- und Nährstofftransport zu den Zellen

  • Abtransport von Stoffwechselprodukten

  • Regulation der Körpertemperatur

  • Verschluss von Blutungsquellen (Gerinnungssystem)

  • Aufnahme der Lymphe in den venösen Kreislauf

Atmungssystem (Kap. 14) Atemwege (Nase, Rachen, Kehlkopf, Luftröhre, Bronchien) und Lungen
  • Sauerstoffaufnahme, Kohlendioxidabgabe

  • Mitregulation des Säure-Basen-Gleichgewichts

Verdauungssystem (Kap. 15) Mund, Speiseröhre, Magen, Darm, Leber, Bauchspeicheldrüse
  • Aufnahme von Flüssigkeit und Nahrungsmitteln

  • Verdauung und Resorption von Nährstoffen

  • Ausscheidung

  • Leber: „Stoffwechselzentrale“, Mitregulation des inneren Milieus

Harntrakt (Kap. 16) Nieren, Harnleiter, Harnblase, Harnröhre
  • Urinproduktion und -ausscheidung

  • Mitregulation von Blutdruck, Flüssigkeits-, Elektrolyt-, Säure-Basen-Haushalt

Fortpflanzungssystem (Kap. 17) Äußere und innere Geschlechtsorgane
  • Libido (Geschlechtstrieb)

  • Fortpflanzung (Erhaltung der Art)

  • Ernährung des Säuglings

Stadieneinteilung der HypothermieStadienHypothermie

Tab. 1.2
Stadium Symptome
Leicht: < 35–32 °C Muskelzittern, Tachykardie, Tachypnoe, Vasokonstriktion; im weiteren Verlauf: Beeinträchtigung des Urteilsvermögens, Apathie, Ataxie
Mittel: < 32–28 °C Bewusstseinseintrübung, Bradykardie, weite Pupillen, Muskelzittern sistiert, Hyporeflexie, Hypotonie, Verwirrtheit
Schwer: < 28 °C Bewusstlosigkeit, Kreislaufstillstand, Atemstillstand, Herzrhythmusstörungen

Gradeinteilung der ErfrierungGradeinteilungErfrierung

Tab. 1.3
Grad Symptome/Schädigung
1. Grad Hautschwellung, Vasodilatation, Haut grau-weiß, anfangs gefühllos, dann brennender Schmerz
2. Grad Schädigung der Cutis und Subcutis, Blasenbildung
3. Grad Haut: blass, später blau, Einblutungen, schmerzlose schwarze Nekrosen (arterielle Thrombose)
4. Grad Gangrän ganzer Extremitäten, irreversible Gewebszerstörung

Allgemeines zu Körperaufbau und Regulation, Gesundsein und Kranksein

Frank Flake

Maren Koop

Inhaltsübersicht

Orientierung am Körper

  • Denkt man sich den Menschen in ein dreidimensionales Koordinatennetz gestellt, so können drei jeweils rechtwinklig aufeinandertreffende Hauptachsen unterschieden werden.

  • An jeder Achse gibt es zwei einander entgegengesetzte Richtungen.

  • Die medizinische Terminologie ist aus vielen Sprachen entstanden, vor allem aus dem Griechischen und Lateinischen.

Organisationsebenen des menschlichen Körpers

  • Chemische Bausteine unseres Körpers sind die Atome.

  • Zellen sind die Grundeinheiten aller lebenden Organismen. Jede Zelle besitzt einen Zellkern mit dem Erbgut der Zelle und das Zytoplasma, die wässrige Grundsubstanz der Zelle.

  • Mehrere räumlich beieinanderliegende Gewebe bilden ein Organ.

  • Die Psyche (Seele) des Menschen ist den Organsystemen übergeordnet, da sie ihnen ein Ziel bzw. einen Willen gibt, dem alle Teile des Körpers gehorchen sollen.

  • Körper und Seele machen die Ganzheit des Menschen aus und beeinflussen sich wechselseitig.

Was sind Lebewesen?

  • Zu den Kennzeichen von Lebewesen gehören die Zellstruktur, ein Stoffwechsel sowie die Fähigkeit, äußere Reize aufzunehmen und darauf zu reagieren.

  • Unter Stoffwechsel (Metabolismus) werden sämtliche ständig im Organismus ablaufenden chemischen Reaktionen verstanden, die dem Auf- und Abbau von Stoffen dienen.

  • Jeder Organismus kann nur überleben, wenn er fortlaufend Reize, z. B. Helligkeit oder Dunkelheit, Hitze oder Kälte, registriert.

Körperhöhlen

  • Der Gesamtorganismus ist in Teilräume untergliedert. Diese Teilräume heißen Körperhöhlen.

  • Beispiel: Der Bauch-Beckenraum wird von der äußeren Bauchmuskulatur, der Lendenwirbelsäule, dem knöchernen Beckenring sowie nach oben vom Unterrand des Zwerchfells begrenzt.

  • Die Schädelhöhle umfasst und schützt das sehr weiche und empfindliche Gehirn.

  • Die Brusthöhle wird in die drei Teilräume der beiden Pleurahöhlen und des Mediastinums unterteilt.

Inneres Milieu – Grundbedingung zur Aufrechterhaltung des Lebens

  • Die Gesamtheit der für das Funktionieren der Zellen erforderlichen konstanten Umgebungsbedingungen wird als inneres Milieu bezeichnet.

  • Jede gröbere Abweichung im inneren Milieu beeinträchtigt sofort die Lebensfähigkeit des Gesamtorganismus.

Regulations- und Anpassungsvorgänge

  • Alle Regulationsvorgänge in unserem Körper folgen dem einheitlichen Prinzip des Regelkreises.

  • Die meisten Regelkreise in unserem Organismus arbeiten nicht nur mit einem, sondern mit mehreren Stellgliedern.

  • Die inneren Organe (etwa Leber, Milz, Nieren, Herz, Rückenmark und Gehirn) brauchen eine konstante Temperatur des Körperinneren für ihre Stoffwechselleistung.

  • Bei schwerer Muskelarbeit muss bis zu 500-mal mehr Sauerstoff zur Muskulatur transportiert werden als in körperlicher Ruhe.

  • Durch den enormen Blutbedarf der Muskulatur bei schwerer körperlicher Arbeit muss die Herzarbeit um ein Vielfaches ansteigen.

  • Fieber ist eine Erhöhung der Körperkerntemperatur auf über 38 °C infolge einer Erhöhung des Temperatursollwerts.

  • Bei sehr hohem Fieber, etwa ab 41,5 °C, beginnen die Körpereiweiße zu denaturieren. Dies führt zum Hitzetod, wenn keine Gegenmaßnahmen (z. B. Wadenwickel oder Gabe von fiebersenkenden Medikamenten) ergriffen werden.

Hyperthermische Notfälle

  • Als Hyperthermie wird eine unphysiologische Erhöhung der Körperkerntemperatur über den Sollwert von 37 °C bezeichnet.

  • Beim Hitzekrampf kommt es durch starkes Schwitzen bei hoher körperlicher Beanspruchung (z. B. sportliche Aktivität, Arbeit) kommt es zum Verlust von Elektrolyten, vor allem NaCl-Ionen, mit Störungen der Muskelentspannung.

  • Die Hitzeohnmacht resultiert aus der wärmeinduzierten Weitstellung der Gefäße und dem anschließenden Absacken des Blutes in die Körperperipherie.

  • Der Hitzschlag mit Beteiligung des Zentralnervensystems ist lebensbedrohlich.

Hypothermische Notfälle

  • Sinkt die Körpertemperatur unter 36 °C, spricht man von Unterkühlung.

  • Bei Kälteeinwirkungen und Körperkerntemperaturen < 35 °C wird vom Körper eine Gegenregulation durchgeführt.

  • Die Wiedererwärmung sollte langsam und behutsam erfolgen; der Patient sollte dabei so wenig wie möglich bewegt werden.

  • Lokale Einwirkung von Kälte führt in Abhängigkeit von der Außentemperatur, dem einwirkenden Medium, z. B. trockene Kälte, Luft oder Nässe, und der Einwirkdauer zu Erfrierungen unterschiedlicher Schwere und Ausdehnung.

Gesundsein und Kranksein

  • Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Gesundheit als Zustand völligen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens („Well-Being“).

  • Nach einer anderen ganzheitlichen Definition ist Gesundheit das harmonische Gleichgewicht zwischen Bau und Funktionen des Organismus einerseits und dem seelischen Erleben andererseits.

  • Vorbeugende Maßnahmen zur Verhütung von (Zweit-)Erkrankungen werden als Prophylaxen bezeichnet.

Zell- und Gewebeschäden

  • Zu den typischen Zell- und Gewebeschäden gehört die krankhafte Ablagerung von Substanzen. Eine wichtige Form intrazellulärer Ablagerungen ist die Verfettung, die oft die Leber betrifft.

  • Wenn ein schädigender Einfluss die Anpassungsfähigkeit der Zelle übersteigt, so entwickelt sich eine Nekrose (Zelltod).

1.11. Entzündung

  • Die Entzündung stellt eine universale Reaktion des Organismus auf Zell- und Gewebsschäden dar.

  • In dem geschädigten Gebiet werden Mediatoren (Botenstoffe) freigesetzt, die den Ablauf der Entzündungsreaktion steuern.

  • Neben akuten Entzündungen, die plötzlich eintreten und rasch wieder heilen, gibt es auch Entzündungen mit lang anhaltendem Verlauf, sog. chronische Entzündungen.

Krankheitsverläufe

  • Unter Heilung versteht man die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands der Gewebe bzw. des inneren Gleichgewichts und damit der vollen Anpassungsfähigkeit des Organismus.

  • Chronisch-kontinuierliche Erkrankungen sind solche, die auf einem gewissen Krankheitsniveau verharren, während chronisch-progrediente Erkrankungen voranschreiten.

Hauptziel dieses Buches ist es, die Funktionsweise des menschlichen Körpers zu vermitteln – und zwar die des gesunden Körpers genauso wie die des erkrankten Körpers. Um verstehen zu können, was geschieht, wenn der Körper verletzt wird, wenn er infektiös erkrankt oder unter extremem Stress steht, muss man ein Grundverständnis für die verschiedenen Organisationsebenen des Körpers entwickeln.

In diesem Kapitel wird außerdem eine Einführung in die verschiedenen Regionen und die Organsysteme des Menschen gegeben. Spätere Kapitel besprechen dann ausführlich die einzelnen Organsysteme und ihre Wechselwirkungen untereinander.

Orientierung am Körper

Es genügt nicht, den Körper in seinen Funktionen allgemein beschreiben zu können. Bei fast jeder Erkrankung – man denke z. B. an einen Tumor – ist die genaue Kenntnis der Lage erkrankter Körperteile und Organe von zentraler Bedeutung für die korrekte Diagnostik und Therapie. Die Medizin braucht deshalb ein System von anatomischen Positionen und Lagebeschreibungen.

Hauptachsen des Körpers

Denkt man sich den Menschen in ein dreidimensionales Koordinatennetz gestellt, so können drei jeweils rechtwinklig aufeinandertreffende Hauptachsen unterschieden werden (Abb. 1.1):KörperHauptachsen
  • Die LängsachseLängsachse des Körpers, auch als LongitudinalachseLongitudinalachse bezeichnet.

  • Die QuerachseQuerachse wird HorizontalachseHorizontalachse genannt. Sie steht senkrecht auf der Längsachse und verläuft von links nach rechts.

  • Die SagittalachseSagittalachse verläuft von der Hinter- zur Vorderfläche des Körpers in der Richtung eines Pfeils (sagitta) und steht jeweils senkrecht zu den beiden vorher genannten Achsen.

Hauptebenen des Körpers

Als SagittalebeneKörperHauptebenenSagittalebene wird jene Ebene bezeichnet, die durch die Longitudinal- und die Sagittalachse gebildet wird. Die Schnittfläche einer Schweinehälfte bildet z. B. eine Sagittalebene.
Eine parallel zur Stirn liegende Ebene, welche die Longitudinal- und Horizontalachse einschließt, wird FrontalebeneFrontalebene genannt. Beispiel hierfür sind die Brillengläser.
Die TransversalebeneTransversalebenen werden aus Sagittal- und Horizontalachse gebildet. Bei aufrechtem Stand liegen sie „quer“. Man kann es sich auch so vorstellen: Wäre der Mensch eine Salami, so wären die Salamischeiben die Transversalebenen. Auch der Computertomograf erzeugt meist Transversalebenen (Transversalschnitte).

Richtungsbezeichnungen

An jeder Körperachse werden zwei einander entgegengesetzte Richtungen festgelegt (Abb. 1.2). Im Einzelnen sind das:KörperRichtungsbezeichnungen
  • Für die Longitudinalachse oben (superiorsuperior) bzw. unten (inferiorinferior). Alternativ wird häufig auch das Begriffspaar kopfwärts (kranialkranial) und steißwärts (kaudalkaudal) verwendet.

  • Für die Longitudinalachse von Armen und Beinen näher zur Körpermitte (proximalproximal) bzw. von ihr entfernt (distaldistal) liegend.

  • Für die Sagittalebene vorn (anterioranterior) bzw. hinten (posteriorposterior) oder im Rumpfbereich auch bauchwärts (ventralventral) bzw. rückenwärts (dorsaldorsal).

  • Für die Transversalebene rechts (dexterdexter) bzw. links (sinistersinister) oder alternativ seitwärts (laterallateral) bzw. zur Körpermitte hin (medial).

Warum der Begriffswirrwarr in der Medizin?

Wie man sieht, überlappen sich sehr viele Begriffe (z. B. bezeichnen kaudal und distal häufig dasselbe). Das ist eine in der medizinischen Begriffskunde (Terminologie) Terminologie, medizinischeleider häufig anzutreffende Erscheinung:
  • Die medizinische Terminologie ist aus vielen Sprachen entstanden, vor allem aus dem Griechischen und Lateinischen.

  • Sie ist im Vergleich z. B. zur Computer-Fachsprache „uralt“ – das heißt historisch gewachsen.

  • Sie ist stark mit der Alltagssprache verwoben: Jeder kennt z. B. den Begriff „Rheuma“ – wer aber denkt daran, dass der Mediziner hierunter eine große Gruppe z. T. recht unterschiedlicher Krankheitsbilder versteht?

Merke

Terminologie

Alle in der Medizin tätigen Berufsgruppen müssen mit einer gewissen terminologischen Unübersichtlichkeit leben. Dazu gehört auch das Rettungsfachpersonal. Es ist entscheidend für die Berufsgruppen, sich mit der Terminologie auseinanderzusetzen und diese zu beherrschen, nicht zuletzt, um sich im Bedarfsfall sicher und rasch verständigen zu können.

Organisationsebenen des menschlichen Körpers

Atome und Moleküle

Chemische Bausteine unseres Körpers sind die KörperOrganisationsebenenAtomAtome; der Körper selbst besteht hauptsächlich aus den Elementen Wasserstoff, Kohlenstoff, Sauerstoff und Stickstoff (Tab. 2.1). Atome verbinden sich durch Bindungskräfte zu größeren Verbänden, den MolekülMolekülen. Beispiele für lebenswichtige Moleküle sind die Eiweiße, Kohlenhydrate, Fette und Vitamine.

Organellen

Die nächstgrößeren Organisationseinheiten sind die OrganellenOrganellen. Sie werden aus dem Zusammenschluss vieler chemischer Verbindungen gebildet. Organellen sind Funktionseinheiten, die z. B. für den Aufbau eines Stoffes, für seine Ausschleusung oder Speicherung zuständig sind. Sie unterscheiden sich von bloßen Ansammlungen gleichartiger Moleküle durch ihre Grenzstrukturen (Scheidewände oder Membranen – z. B. die Mitochondrienwand in Abb. 1.3 und Abb. 3.9).

Zellen

Mehrere Organellen sind Bestandteile einer ZelleZelle, der nächsthöheren Organisationsstufe. Zellen sind die Grundeinheiten aller lebenden Organismen. Jede Zelle besitzt einen Zellkern mit dem Erbgut der Zelle und das Zytoplasma, die wässrige Grundsubstanz der Zelle. Im Zytoplasma befinden sich die Organellen, die jeweils spezifische Teilaufgaben der Zelle übernehmen. Durch die Zellmembran sind Zellen von der Außenwelt abgegrenzt (Abb. 3.3).
Der menschliche Körper enthält viele verschiedene Zellarten, z. B. Muskelzellen, Nervenzellen, Blutzellen und Drüsenzellen. Jede dieser unterschiedlichen Zellen hat einen individuellen Aufbau und eigene Funktionen im Dienst für den Gesamtorganismus.

Gewebe

Das nächsthöhere Organisationsniveau des Körpers ist das Gewebe. Gewebe sind Verbände ähnlicher Zellen, die in der Regel eine gemeinsame Funktion erfüllen.Gewebe

Organe

Mehrere räumlich beieinanderliegende Gewebe bilden ein OrganOrgan.
Organe haben eine charakteristische Gestalt und sind leicht mit bloßem Auge erkennbar. Beispiele für Organe sind Herz, Leber, Lunge, Gehirn oder Magen. Organe sind aus mehreren verschiedenen Geweben zusammengesetzt, die jedoch eine gemeinsame Funktion übernehmen (z. B. im Fall der Lunge den Gasaustausch zwischen dem Körperinneren und der Außenwelt).
Fast alle Organe bestehen dabei aus FunktionsgewebeFunktionsgewebe (ParenchymParenchym), das die Kernaufgabe des Organs erfüllt, und umgebendem BindegewebeBindegewebe (StromaStroma), welches die Parenchymverbände abstützt und zur Formgebung des Organs beiträgt. Das Parenchym ist meist aus dicht gedrängten Zellverbänden gebaut, während sich das Stroma vor allem aus nichtzellulären Strukturen zusammensetzt (z. B. straffen Kollagenfasern).

Organsysteme

Die OrgansystemOrgansysteme (Tab. 1.1) bilden den sechsten Organisationsgrad. Ein Organsystem besteht aus eng miteinander in Beziehung stehenden Organen, die gemeinsame Aufgaben haben. Der Atemtrakt ist das in Abb. 1.3 dargestellte Organsystem und besteht aus folgenden Organen: Mund, Nase und Rachenraum, Kehlkopf, Luftröhre, Bronchien und den beiden Lungenflügeln.
Tab. 1.1 gibt einen einführenden Überblick über die zehn wichtigsten Organsysteme des menschlichen Körpers und ihre Aufgaben für den Gesamtorganismus.

Psyche

Die PsychePsyche (SeeleSeele) des Menschen ist den Organsystemen übergeordnet, da sie ihnen ein Ziel bzw. einen Willen gibt, dem alle Teile des Körpers gehorchen sollen. Zugleich ist die Psyche aber abhängig vom Funktionieren aller Organsysteme.
Der Psyche kann man kein spezielles Organ zuordnen, sie ist jedoch aufs Engste mit dem Nervensystem, speziell dem Großhirn, verknüpft.

Merke

Das Wechselspiel von Körper und Seele

Ein gesunder KörperSeeleKörper und ein gesunder Geist gehören idealerweise zusammen – das wussten schon die alten Römer. Körper und Seele machen die Ganzheit des Menschen aus und beeinflussen sich wechselseitig.
Bei psychosomatischen Krankheiten etwa manifestieren sich seelische Konflikte in körperlichen Symptomen – in der Psychosomatik wird in diesem Fall von „Ausdruckskrankheiten“ gesprochen.
PsychosomatikPsychosomatische Einflüsse kommen bei jeder Krankheit vor. Im engeren Sinne versteht man unter psychosomatischen Erkrankungen jedoch solche Leiden, die sich im Zusammenhang mit einem chronischen Konflikt entwickeln. Typisch dafür sind z. B. manche Formen von Hautjucken („Etwas ist zum Aus-der-Haut-fahren“).
Psychisches Wohlbefinden kann den Körper aber auch positiv beeinflussen. Die Volksweisheit, dass gute Laune gesund hält, hat auch eine naturwissenschaftliche Grundlage: So haben Wissenschaftler herausgefunden, dass häufiges Lachen das Immunsystem stimuliert und die Abwehrkräfte des Organismus stärkt.
Ähnlich wie die seelische Verfassung den Körper beeinflusst, kann umgekehrt auch der körperliche Zustand Auswirkungen auf die Psyche haben. Eine derartige psychosomatische Beeinflussung findet sich z. B. bei den organischen Psychosyndromen, bei denen sich die psychischen Symptome als Folge einer körperlichen Grunderkrankung entwickeln. Beim endokrinen Psychosyndrom etwa kommt es durch hormonelle Störungen zu Wesensveränderungen.

Was sind Lebewesen?

Vergleicht man alle LebewesenLebewesen (Organismen), egal ob Bakterium, Pflanze, Tier oder Mensch, so fallen grundsätzliche Gemeinsamkeiten auf, die Lebewesen von den nichtlebenden Strukturen unterscheiden. Kennzeichen von Lebewesen sind ganz allgemein:
  • Aufbau aus einer oder vielen Zellen

  • Stoffwechsel

  • Erregbarkeit

  • Motilität

  • Wachstum und Entwicklung

  • Selbstständige Vermehrung

Für den Menschen wie auch alle anderen höheren Organismen sind die in Abb. 1.4 dargestellten sechs „Lebensprozesse“ charakteristisch.

Stoffwechsel

Unter Stoffwechsel (StoffwechselMetabolismusMetabolismus) werden sämtliche ständig im Organismus ablaufenden chemischen Reaktionen verstanden, die dem Auf- und Abbau von Stoffen dienen.
Chemische Reaktionen, welche die Energie erzeugen, die der Körper zur Aufrechterhaltung der Lebensvorgänge benötigt, werden als KatabolismusKatabolismus bezeichnet. Die Energie wird dabei meistens durch Zerlegung und Verbrennung von Nahrungsbestandteilen gewonnen, seltener durch das Verbrennen von körpereigenen Substanzen (z. B. Einschmelzen von „Fettpölsterchen“).

Merke

Verbrennung

Unter Verbrennung verstehen Mediziner und Biologen keine unter Flammenbildung verlaufende Reaktion, sondern im weiteren Sinne die Energiebereitstellung aus Nahrungsbestandteilen unter Sauerstoffverbrauch (oxidative Energiegewinnung).
Dem Katabolismus steht als andere Phase des Stoffwechsels der AnabolismusAnabolismus gegenüber. Im anabolen Stoffwechsel wird die aus dem Katabolismus gewonnene Energie dazu verwendet, körpereigene Substanzen aufzubauen – also neue Moleküle, neue Organellen, neue Zellen, neue Gewebe und im Falle der Schwangerschaft sogar einen neuen Organismus.

Erregbarkeit und Kommunikation

Erregbarkeit ist die Fähigkeit, Veränderungen innerhalb und außerhalb des Organismus aufzunehmen, wahrzunehmen und auf sie zu antworten.KommunikationErregbarkeit
Jeder Organismus kann nur überleben, wenn er ständig Reize, z. B. Helligkeit oder Dunkelheit, Hitze oder Kälte, registriert. Neben der Informationsaufnahme muss er aber ferner zur Informationsverarbeitung fähig sein. Die Erregbarkeit höherer Lebewesen ist an eine ganze Reihe von spezialisierten SinnesorganeSinnesorganen gebunden, deren Informationen meist vom Gehirn weiterverarbeitet und interpretiert werden.
Jeder höhere Organismus ist darauf angewiesen, die Informationen von einer Körperregion zur anderen, von einer Zelle zur Nachbarzelle, weiterzugeben. Dem Menschen stehen hierfür mehrere innere Kommunikationssysteme zur Verfügung:
  • Das Nervengewebe übermittelt seine Impulse elektrisch über winzige Ströme und leitet diese chemisch über spezielle Botenstoffe, die Neurotransmitter, weiter.

  • Das Hormonsystem mit den Hormonen als Signalstoffen.

  • Das Immunsystem (Abwehrsystem) mit einer Vielzahl von Botenstoffen.

  • Eine Vielzahl weiterer, teils noch ungenügend erforschter Botenstoffe bzw. Mediatoren.

Motilität

Der Mensch muss auf äußere Reize aktiv durch Bewegungen reagieren können (z. B. durch eine Fluchtreaktion). Hierzu bedarf es aktiv beweglicher (kontraktiler) Gewebe. Muskelfasern besitzen einen hohen Grad an Kontraktilität, der dem Gesamtorganismus in der Zusammenarbeit mit dem Stützapparat aus Knochen und Bindegewebe die erforderliche Beweglichkeit (Motilität) gibt.MotilitätKontraktilität

Wachstum und Entwicklung

Die Entwicklung des menschlichen Organismus ist über 20 Jahre lang mit Wachstum verbunden. Wachstum kann sich auf mehrere Arten vollziehen:EntwicklungWachstum
  • Vorhandene Zellen können größer werden.

  • Die Zahl der Zellen kann sich erhöhen.

  • Nichtzelluläre Strukturen (z. B. die Mineralsubstanz des Knochens) können an Substanz zunehmen.

Vermehrung (Reproduktion)

Die Grundeinheiten des Körpers, die Zellen, können sich teilen, also reproduzieren. Diese Zellteilungen sind für das Wachstum, die ständige Regeneration von Zellen mit nur kurzer Lebensdauer (z. B. Blutkörperchen), für die Heilungsvorgänge z. B. nach Verletzungen und für die Fortpflanzung erforderlich.VermehrungReproduktion

Differenzierung

Alle höheren Organismen bestehen aus vielen, vielen Zellen, der Mensch z. B. aus 10 000 Milliarden (1013) Zellen. Alle „Vielzeller“ entwickeln sich aber aus einer einzigen Zelle, die sich durch vielfache Teilungen vermehrt.Differenzierung
Die neuen Zellen spezialisieren sich dabei zunehmend in ihrer Funktion. Nur durch diese weitgefächerte Differenzierung sind die vielfältigen speziellen Leistungen des Organismus möglich.

Körperhöhlen

Der Gesamtorganismus ist in Teilräume untergliedert (Abb. 1.5). Einige davon sind von einer Deckzellschicht ausgekleidet: Diese Teilräume heißen Körperhöhlen.Körperhöhlen

Schädelhöhle

Die Schädelhöhle wird von den Schädelknochen des Hirnschädels und den Hirnhäuten gebildet. Sie umfasst und schützt das sehr weiche und empfindliche Gehirn.Schädelhöhle

Brusthöhle

Die Brusthöhle (Cavitas thoracis, auch Thorakalraum) wird von außen durch die Rippen, die Brustwirbelsäule und das Brustbein begrenzt. Unten wird die Brusthöhle durch das Zwerchfell verschlossen, während kopfwärts keine scharfe Grenze zur Halsregion existiert. Innerhalb der Brusthöhle werden wieder drei Teilräume unterschieden:Brusthöhle
  • Die beiden PleurahöhlenPleurahöhlen, welche die beiden Lungenflügel umschließen. Sie werden durch das Lungen- bzw. Rippenfell abgeschlossen.

  • Das MediastinumMediastinum (MittelfellraumMittelfellraum) liegt zwischen den beiden Pleurahöhlen und umfasst die übrigen Organe und Verbindungswege. Hierzu gehören das Herz und die Thymusdrüse als eigenständige Organe sowie Speiseröhre, Luftröhre, Bronchien und die herznahen großen Blut- und Lymphgefäße als Verbindungswege.

Bauch-Beckenraum

Der Bauch-Bauch-BeckenraumBeckenraumBeckenraum wird von der äußeren Bauchmuskulatur, der Lendenwirbelsäule, dem knöchernen Beckenring sowie nach oben vom Unterrand des Zwerchfells begrenzt. Im Bauchraum trennt eine dünne Membran, das BauchfellBauchfell oder PeritoneumPeritoneum, die PeritonealhöhlePeritonealhöhle ab. Dadurch ist der Bauch-Beckenraum ebenfalls in drei Teilräume unterteilt, die äußerlich nur schwer abgrenzbar sind:
  • In die Peritonealhöhle eingelassen (intraperitonealintraperitoneal) liegen Magen, Milz, Leber, Gallenblase, Dünndarm, Eierstöcke und Teile des Dickdarms.

  • Hinter der Peritonealhöhle (retroperitonealretroperitoneal) liegen Nieren, Nebennieren, Bauchspeicheldrüse und Teile des Dickdarms.

  • Obwohl keine scharfe Grenze zum Retroperitonealraum besteht, wird aus praktischen Gründen der Raum unterhalb des Peritoneums (präziser: unterhalb einer Linea terminalis genannten Kante im knöchernen Beckenring, Details Kap. 6.10) bis hin zum Beckenboden als kleines Becken oder auch nur kurz Becken bezeichnet. In ihm liegen Blase, Mastdarm und die Mehrzahl der Geschlechtsorgane.

Inneres Milieu – Grundbedingung zur Aufrechterhaltung des Lebens

Inneres Milieu

Wie schon erläutert, setzt sich der menschliche Körper aus vielen Organsystemen zusammen, von denen jedes wieder aus Milliarden von Zellen besteht. Diese Zellen brauchen stabile Umgebungsbedingungen, um effektiv arbeiten und ihren Beitrag zum Überleben des Gesamtorganismus leisten zu können.inneres MilieuMilieu, inneres
Die Gesamtheit dieser für das Funktionieren der Zellen erforderlichen konstanten Umgebungsbedingungen wird als inneres Milieu bezeichnet. Kann der Körper sein inneres Milieu konstant halten, befindet er sich in einem Zustand des Gleichgewichts, der HomöostaseHomöostase genannt wird. Die Homöostase ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass der gesamte Organismus überhaupt auf Dauer existieren kann.

Entscheidend: Extrazellulärflüssigkeit

Für diese Konstanz des inneren Milieus ist zunächst einmal die richtige Zusammensetzung der Extrazellulärflüssigkeit (also der Flüssigkeit zwischen den Zellen, auch in den Blutgefäßen, Abb. 3.12) von Bedeutung. Hierbei haben speziell die Salze der Elemente Natrium, Chlor, Kalium und Kalzium ihre besonderen Aufgaben innerhalb der Homöostase.Extrazellulärflüssigkeit
Fast genauso wichtig sind eine optimale KörperkerntemperaturKörperkerntemperatur (ca. 37 °C), ein optimaler pH-WertpH-Wert („Säurewert“ des Blutes, Kap. 2.5.3) und eine ausreichende, aber auch nicht zu hohe Konzentration der gelösten Gase Sauerstoff und Kohlendioxid.

Lebensgefahr bei Störungen des inneren Milieus

Jede gröbere Abweichung im inneres MilieuStörungeninneren Milieu beeinträchtigt sofort die Lebensfähigkeit des Gesamtorganismus. So drohen durch Sauerstoffmangel, pH-Wertabweichungen oder abweichende Salzkonzentrationen rasch ausgeprägte Gewebeschäden. Diese Abweichungen sind meistens Folge von schweren Erkrankungen wie z. B. einer Bauchwassersucht (Aszites) bei Herzversagen oder von starken äußeren Einwirkungen wie z. B. einer unfallbedingten Verletzung mit schwerem Blutverlust.
Wird das innere Milieu nicht innerhalb kurzer Zeit durch intensivmedizinische Behandlung wieder ins Lot gebracht, führt dies zum Tod des Gesamtorganismus.

Regulations- und Anpassungsvorgänge

Aber nicht nur Krankheiten und Unfälle bedrohen die Konstanz unseres inneren Milieus. Auch im „Normalbetrieb“ sind die Umgebungsbedingungen des Organismus Mensch alles andere als gleichbleibend: Man denke nur an trockene Kälte oder schwüle Hitze, Windstille oder Sturmböen, Meeresklima oder Hochgebirgsluft. Auch opulente Mahlzeiten oder Hungern, „Trinkstöße“ im Bierzelt oder Dursten, körperliche Ruhe oder anstrengender Sport drohen ständig, das innere Milieu durcheinanderzubringen. Ebenso bedürfen die komplexen Lebensvorgänge unseres Organismus (z. B. im Rahmen der Fortpflanzung) einer genauen Abstimmung.

Merke

Konstanthaltung des inneren Milieus

Die Konstanthaltung des inneren Milieus im menschlichen Organismus ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Leistung. Unser Körper muss sich dauernd auf neue Umgebungsbedingungen und Situationen einstellen; anders ausgedrückt: Es finden in jeder Sekunde tausendfach Regulationsvorgänge im Körper statt.

Prinzipien der Regulation

Alle Regulationsvorgänge in unserem Körper folgen einem einheitlichen Prinzip, dem des Regelkreises.Regulationinneres MilieuRegulation
Regelkreise existieren aber nicht nur in hochentwickelten Organismen, sondern auch in der Technik, etwa zur Regulation einer Heizungsanlage. Immer haben solche Regelkreise dieselben Grundelemente, die auf bestimmte Art zusammenarbeiten:
Regelkreis
Die Größe, die konstant gehalten werden soll (etwa der Blutdruck), heißt Regelgröße. Messfühler (RezeptorRegelkreisRezeptoren) im Körper registrieren ständig den aktuellen IstwertIstwert dieser Größe (z. B. 90/50 mmHg; sprich: „90 zu 50“; Abb. 13.21) und melden ihn an den Regler (meist ein bestimmtes Gehirngebiet) weiter, der den Istwert mit einem vorgegebenen SollwertSollwert (z. B. 120/80 mmHg) vergleicht. Bei deutlichen Regelabweichungen, verursacht durch Störgrößen (z. B. einen Blutverlust), werden StellgliederStellglieder aktiviert, die den Istwert durch geeignete Korrekturmaßnahmen dem Sollwert annähern. Beispielsweise ziehen sich bei einem zu niedrigen Blutdruck die Arteriolen (kleine Blutgefäße, Kap. 13.1.3) zusammen, damit der Blutdruck wieder steigt. Die Veränderungen des Istwertes (hier der Blutdruckanstieg) werden an den Regler zurückgemeldet, der daraufhin die Aktivierung der Stellglieder zurücknimmt (negative RückkoppelungRückkoppelung = negatives Feedback).
Dieses ganze, in sich geschlossene (gewissermaßen kreisförmige) und sich selbst regulierende System wird als Regelkreis bezeichnet (Abb. 1.6).
Komplexität physiologischer Regelkreise
Ganz so einfach, wie oben dargestellt, sind die Verhältnisse in unserem Körper allerdings nicht:
  • Die meisten RegelkreiseRegelkreisphysiologischer in unserem Organismus arbeiten nicht nur mit einem, sondern mit mehreren Stellgliedern. Beispielsweise sind nicht nur die Arteriolen, sondern ist auch das Herz ein Stellglied der Blutdruckregulation (bei einem Blutdruckabfall etwa beginnt das Herz schneller zu schlagen).

  • Auch der Sollwert ist nicht immer konstant. Beim Fieber etwa ist der Sollwert der Körpertemperatur zu höheren Werten verschoben (Kap. 1.6.4).

  • Die Regelkreise unseres Körpers sind eng miteinander vernetzt: Der Blutdruck ist Sollwert des Regelkreises „Blutdruckregulation“, gleichzeitig aber auch eines von mehreren Stellgliedern des Regelkreises „Sauerstoffversorgung der Gewebe“.

Praktisch alle Organ- und Funktionssysteme unseres Körpers unterliegen einer teils sehr komplizierten körpereigenen Regulation, wobei in der Regel mehrere Stellglieder, oft sogar auch mehrere Regelkreise ineinandergreifen.
Krankheit als Versagen des Regelkreises
Viele Erkrankungen können (auch) als Versagen des betreffenden KrankheitRegelkreisesRegelkreisVersagen verstanden werden: Beispielsweise bricht bei einem Hitzschlag (Kap. 1.7.2) die Temperaturregulation zusammen; die körpereigenen Mechanismen vermögen den Körper nicht ausreichend zu kühlen. Der Bluthochdruck (Kap. 13.4.1) kann als krankhaft erhöhter Sollwert der Blutdruckregulation gedeutet werden.

Temperaturregulation

Der Mensch gehört zu den Temperaturregulationhomoiothermhomoiothermen (gleichwarmen) Lebewesen, d. h., seine Körpertemperatur ist im Wesentlichen unabhängig von der Umgebungstemperatur. Dies bietet im Vergleich zu den poikilothermpoikilothermen (wechselwarmen) Lebewesen zahlreiche Vorteile, insbesondere die Möglichkeit gleichbleibend hoher Aktivität trotz unterschiedlicher Umgebungstemperaturen.
Konstante Temperatur im Körperkern
Die inneren Organe (etwa Leber, Milz, Nieren, Herz, Rückenmark und Gehirn) brauchen eine konstante Temperatur des Körperinneren für ihre Stoffwechselleistung: Bei Temperaturen unter 35 °C funktionieren viele lebenswichtige, durch Enzyme (Kap. 2.7) beschleunigte Stoffwechselreaktionen kaum noch; bei Temperaturen über 41,5 °C werden die Enzymeiweiße zerstört (denaturiert). Die KörperkerntemperaturKörperkerntemperatur beträgt beim Gesunden ca. 37 °C.
Den Körperkern umgibt die Körperschale. Hierzu zählen vor allem die Haut und die Extremitäten, die deutlich mehr als der Körperkern an den Schwankungen der Umgebungstemperatur teilnehmen (Abb. 1.7): Bei einer Raumtemperatur von 20 °C und einer Körperkerntemperatur von 37 °C weisen Füße und Hände im Durchschnitt Werte von nur 28 °C auf. An heißen Tagen oder beim Schwitzen können sie sich aber auch über die Körperkerntemperatur hinaus erwärmen.
Steuerung der Temperatur
Die Konstanthaltung der Körpertemperatur erfordert eine genaue Temperaturregulation (ThermoregulationThermoregulation): Nur wenn Wärmeproduktion und Wärmeaufnahme einerseits und Wärmeabgabe andererseits im Gleichgewicht miteinander stehen, bleibt die Körpertemperatur gleich.
Wärmeproduktion und Wärmeaufnahme
Körperwärme wird vor allem durch den Stoffwechsel innerer Organe, durch willkürliche Muskelbewegung (körperliche Anstrengung) oder unwillkürliche Muskelarbeit (Kältezittern) produziert. Die zitterfreie Wärmebildung im braunen Fettgewebe, einem besonderen Typ des Fettgewebes, spielt nur bei Säuglingen eine Rolle.WärmeproduktionWärmeaufnahme
Befinden sich warme Strahler (z. B. Infrarotstrahler, Sonne) in der Umgebung und/oder ist die Umgebungstemperatur sehr hoch, nimmt der Körper zusätzlich Wärme aus der Umgebung auf.
Wärmeabgabe
Physikalisch betrachtet, kommen bei der Wärmeabgabe vier Mechanismen des Wärmetransports zum Tragen:Wärmeabgabe
  • KonvektionKonvektion (WärmeströmungWärmeströmung, Wärmetransport durch ein bewegtes Medium), z. B. der Wärmeabtransport durch die bewegte Luft an der Hautoberfläche.

  • KonduktionKonduktion (WärmeleitungWärmeleitung, Wärmetransport durch ruhende Stoffe): Die verschiedenen Körpergewebe tauschen so Wärme aus.

  • WärmestrahlungWärmestrahlung (elektromagnetische Strahlung): Ähnlich wie ein Heizungsradiator gibt der Körper Wärme als Wärmestrahlung ab.

  • Wärmeabgabe durch Verdunstung: Über die Verdunstung von Schweiß kann der Körper eine beträchtliche Wärmemenge abgeben.

Regelkreis der Temperaturregulation
Temperaturempfindliche Messfühler, die ThermorezeptorenTemperaturregulationRegelkreisTemperaturregulationThermorezeptoren, messen ununterbrochen die Temperatur (= Regelgröße) im Körperkern, in der Haut und im Rückenmark. Es lassen sich dabei Rezeptoren für „warm“ und „kalt“ unterscheiden. Die Thermorezeptoren melden ihre Werte über die Nervenbahnen an das thermoregulatorische Zentrum im Hypothalamus (= Regler). Stimmt der Istwert nicht mit dem Sollwert überein, so erfolgt über Muskulatur, Hautdurchblutung, Schweißbildung und Verhaltensmodifikationen (z. B. Anpassung der Bekleidung) als Stellglieder eine weitestmögliche Annäherung an den Sollwert (Abb. 1.8).
Akklimatisierung
Bei der Wochen bis Jahre dauernden Anpassung an länger dauernde Wärme oder Kälte spricht man von thermischer Akklimatisierung oder Adaptation:Akklimatisierung
  • Bei der Wärmeanpassung steigert der Körper die Schweißmenge. Gleichzeitig setzt er die Salzkonzentration des Schweißes herab. Dadurch erreicht er eine beschleunigte Verdunstung des Schweißes und vermeidet Salzverluste. Zusätzlich verspürt der Betroffene größeren Durst und trinkt regelmäßig mehr.

  • Die Anpassungsfähigkeit an Kälte ist geringer und in ihren Einzelheiten noch ungeklärt. Am wichtigsten ist hier sicher sinnvolles Verhalten (z. B. warme Kleidung, ausreichende Heizung).

Organismus bei körperlicher Arbeit

Bei schwerer Muskelarbeit muss bis zu 500-mal mehr Sauerstoff zur Muskulatur transportiert werden als in körperlicher Ruhe. Gleichzeitig müssen auch die vermehrt anfallenden Stoffwechselprodukte Kohlendioxid und Milchsäure (Laktat) abtransportiert werden. Beides erfordert eine verstärkte Organdurchblutung der Muskulatur sowie entsprechende Anpassungsvorgänge von Herz-Kreislauf-System und Atmung (Abb. 1.9).Arbeit, körperliche
Vasodilatation der kleinsten Gefäße
Die stark vermehrte Durchblutung der Muskulatur wird durch eine Weitstellung der Muskelgefäße erreicht. Auslöser für diese Weitstellung (Vasodilatation) sind die in die kleinsten Blutgefäße zurückfließenden Stoffwechselprodukte des anaeroben (= ohne Sauerstoff ablaufenden) Energiestoffwechsels (insbesondere Laktat), die in den ersten Minuten körperlicher Arbeit in großer Menge anfallen. Zusätzlich wirkt der fallende Sauerstoffpartialdruck gefäßerweiternd.Vasodilatation
Allerdings wird bei reiner Haltearbeit (z. B. Hakenhalten in Operationssaal) die vermehrte Durchblutung z. T. dadurch behindert, dass der ununterbrochen angespannte Muskel seine eigenen Gefäße abdrückt; er ermüdet daher bei statischer Haltearbeit besonders schnell. Günstiger dagegen sind rhythmisch-dynamische Arbeiten, bei denen Kontraktion und Erschlaffung einander abwechseln, wie es z. B. beim Gehen oder Ballspielen geschieht.
Steigerung der Herzarbeit
Durch den enormen Blutbedarf der Muskulatur muss die HerzarbeitHerzarbeit um ein Vielfaches ansteigen. Erreicht wird dies sowohl durch eine erhöhte Herzfrequenz, die von 70 Schlägen in Ruhe auf bis zu 180 Schläge pro Minute ansteigen kann, als auch durch eine ca. 25-prozentige Steigerung des Herzschlagvolumens (Kap. 12.6.1). Dadurch pumpt das Herz statt des Ruhewerts von 5 l pro Minute beim Untrainierten bis zu 20 l und beim Ausdauersportler bis zu 32 l Blut pro Minute in den Körperkreislauf. Der systolische Blutdruck (Kap. 13.3.4) steigt dabei auf Werte von über 185 mmHg, während der diastolische Blutdruck in etwa gleich bleibt. Dagegen sinkt die Durchblutung der inneren Organe wie etwa Niere und Magen-Darm-Trakt bei körperlicher Arbeit.
  • Bei leichter und mittelschwerer Arbeit pendeln sich die Laktatkonzentration wie auch die Herzfrequenz bald auf einen mittleren, konstanten Wert (sog. Steady State) ein – es tritt damit keine Ermüdung ein (Abb. 1.10).

  • Bei schwerer Arbeit jedoch kann das Herz die erforderliche Dauerleistung nicht aufbringen; es ermüdet – wodurch die Herzleistung sogar wieder sinkt. Diese Ermüdung wird durch die steigende Laktatkonzentration verstärkt, die dadurch entsteht, dass das anfallende Laktat nur unvollständig abgebaut werden kann (Abb. 1.10).

Steigerung der Atmung
Durch tieferes und schnelleres Atmen kann die AtmungAtmung bei körperlicher Arbeit erheblich gesteigert werden – von einem Atemminutenvolumen (Kap. 14.7.5) um 8 l pro Minute in Ruhe auf etwa 120 l pro Minute bei extremer körperlicher Anstrengung.

Fieber

Fieber ist eine Erhöhung der Körperkerntemperatur auf über 38 °C infolge einer Erhöhung des Temperatursollwerts.Fieber
Fieber ist ein notwendiger Mechanismus bei Entzündungsreaktionen: Die erhöhte Temperatur hilft, die Entzündungs- und Abwehrvorgänge schneller in Gang zu bringen und damit die Heilung zu beschleunigen.

Merke

Fieber in der Notfallmedizin

Während Fiebermessen innerhalb der Notfallmedizin vor vielen Jahren kaum eine Rolle spielte, gehört es heute zu den Standardmaßnahmen. Nicht selten ist Fieber ein differenzialdiagnostisches Kriterium. Ebenso werden häufig präklinisch schon fiebersenkende Maßnahmen ergriffen, z. B. beim Schlaganfall (Kap. 8.20.4), bei dem durch Fieber die Penumbra (geschädigtes Randgebiet) vergrößert wird. Weitere wichtige Indikationen sind z. B. der Fieberkrampf oder das gezielte Temperaturmanagement (TTM = Target Temperature Management) nach Reanimation.
Von großer Bedeutung ist die exakte Bestimmung der Temperatur. Nicht selten werden hier Fehler begangen, die dann in weiterer Konsequenz zu fehlerhaften Messergebnissen führen, z. B. bei nicht korrekter Anwendung eines Ohrthermometers.
Meist kommt Fieber durch die Einwirkung von PyrogenePyrogenen zustande. Dies sind fiebererzeugende Stoffe, die von Bakterien, Viren und Pilzen produziert werden und zu einer Erhöhung des Temperatursollwerts im Gehirn führen. Aber auch körpereigene Aktivatoren wie Prostaglandine können Fieber auslösen. Die stärksten Pyrogene sind die der gramnegativen Bakterien.

Praxistipp

Rettungsdiensttaugliche Fieberthermometer

FieberthermometerSowohl Quecksilberthermometer (zu lange Messdauer) als auch einfache digitale Thermometer (Home Care) sind für den Rettungsdienst nicht geeignet und auch nicht zugelassen. Geeignet sind hingegen Geräte mit einer unteren Skalengrenze von 20 °C (Ohrthermometer oder elektrische Temperatursonden). Es handelt sich um sog. Professional-Geräte (Abb. 1.11).
Als Folge der Sollwerterhöhung liegt die Körperkerntemperatur unter dem Sollwert. Der Körper regelt die Temperatur nach, indem er die Hautgefäße verengt und Kältezittern auslöst. Im Fieberanstieg friert der Kranke also, obwohl seine Körpertemperatur vielleicht schon erhöht ist. Ist die Krankheit überwunden, sinkt der Sollwert wieder auf 37 °C ab. Der Istwert ist nun im Vergleich zum Sollwert zu hoch: Die Gefäße erweitern sich, der Kranke schwitzt und fühlt sich heiß an.
Fiebersenkende Maßnahmen
Bei sehr hohem Fieber, etwa ab 41,5 °C, beginnen die Körpereiweiße zu denaturieren. Dies führt zum FieberSenkungHitzetodHitzetod, wenn keine Gegenmaßnahmen (z. B. WadenwickelWadenwickel oder Gabe von fiebersenkenden Medikamenten) ergriffen werden.
In der Regel steigert der Körper bei Fieber die Hautdurchblutung, um die Wärmeabgabe über die Haut zu erhöhen. Diese Tatsache macht man sich beim Anlegen von Wadenwickeln zunutze, wenn bei hohem Fieber fiebersenkende Maßnahmen angeordnet werden. Die feuchtkalten Wickel erzeugen Verdunstungskälte und entziehen dem sehr gut durchbluteten Hautgewebe dadurch viel Wärme.
Vor dem Anlegen ist darauf zu achten, dass die Füße warm und gut durchblutet sind und die Temperatur des Wickels nur knapp unter der des Patienten liegt. Ansonsten führen die kalten Wickel zu einer Engstellung der Gefäße und eine Wärmeabgabe ist kaum möglich. Für Wadenwickel werden dünne Tücher verwendet. Angelegt werden Wadenwickel über eine Stunde, wobei sie alle 10 Minuten gewechselt werden, spätestens jedoch, wenn sich der Wickel warm anfühlt.

Praxistipp

Wadenwickel im Rettungsdienst?

Wadenwickel können auch im Rettungsdienst angelegt werden. Nicht selten kommen sie bei Säuglingen und kleinen Kindern zur Anwendung. Zusätzlich werden fiebersenkende Suppositorien (Zäpfchen) verabreicht. Reicht auch dies nicht (bei Erwachsenen), kommen entsprechende intravenös zu verabreichende Medikamente zum Einsatz.

Hyperthermische Notfälle

Verbrennungen Kap. 7.3
Als HyperthermieHyperthermie wird eine unphysiologische Erhöhung der Körperkerntemperatur über den Sollwert von 37,5 °C (normal 36–37,5 °C) bezeichnet. Betroffen sind vor allem Säuglinge, Kinder und ältere Personen. Schon ab 39 °C können die unten beschriebenen Symptome auftreten.
Statistische DatenNotfallhyperthermischer zur Häufigkeit von hyperthermischen Notfällen gibt es kaum. Grund hierfür sind u. a. die oft unterschiedlichen Definitionen und die schwierige Diagnostik. Epidemiologische Studien während Hitzewellen in den USA gehen für den Hitzschlag von Zahlen zwischen 17,6 und 26,5 Betroffenen pro 100 000 Einwohner in städtischen Gebieten aus. Meist handelt es sich dabei um sehr junge, ältere oder nicht sozial integrierte Menschen. In Saudi-Arabien variieren die Zahlen aufgrund der dort vorherrschenden Hitze saisonabhängig zwischen 22 und 250 Fällen auf 100 000 Einwohner. Für Deutschland liegen keine Zahlen vor; aufgrund des milden Klimas ist aber von einer deutlich geringeren Inzidenz auszugehen.

Ursachen

Während beim Fieber die HyperthermieUrsachenTemperaturerhöhung meist durch eine Infektion ausgelöst wird, liegt die Ursache bei der Hyperthermie gewöhnlich an einer erhöhten Außentemperatur sowie erhöhter körperlicher Anstrengung. Kommen Flüssigkeitsmangel und eine hohe Luftfeuchtigkeit hinzu, sind die körpereigenen Mechanismen überfordert.

Pathophysiologie

Überhitzt der Körper HyperthermiePathophysiologieaufgrund der o. g. Ursachen, kommt es zunächst zur Vasodilatation der Gefäße. Das Blut sackt in die Peripherie ab. Durch den körpereigenen Mechanismus des Schwitzens sinkt das Extrazellulärvolumen und der Körper dehydriert. Folgen sind ein Blutdruckabfall und eine Senkung des Herzzeitvolumens (HZV). Hieraus resultieren dann die Symptome Schwindel, allgemeine Schwäche, Übelkeit und ggf. hypotone Orthostasen (Ohnmachtsanfälle).

Merke

Kurzzeitige Wärmebelastung

Bei einer kurzzeitigen Wärmebelastung wird die Wärmeabgabe erhöht: Durch Gefäßweitstellung (Vasodilatation) steigt die Hautdurchblutung und als Folge die Wärmeabgabe an die Umgebung. Die gerötete Haut bei körperlicher (oder psychischer) Anstrengung ist Folge dieses Regelmechanismus. Zusätzlich wird die Schweißdrüsentätigkeit erheblich gesteigert. Die Muskelaktivität wird nach Möglichkeit gesenkt (s. u.).
Hitzekrämpfe
Durch starkes Schwitzen bei hoher körperlicher Beanspruchung (z. B. sportliche Aktivität, Arbeit) kommt es zum Verlust von Elektrolyten, vor allem NaCl. Für die Muskelrelaxierung nach einer Kontraktion sind Ionentransporte mit Austausch intrazellulären Kalziums gegen Natrium erforderlich. Mögliche Folge eines Natriummangels sind deshalb schmerzhafte Muskelfaszikulationen an den Extremitäten, Bauch- und Brustmuskulatur. Durst, Kopfschmerzen oder Übelkeit begleiten diese Symptomatik. Hitzekrämpfe gehen nicht automatisch mit einer Erhöhung der Körperkerntemperatur einher und sind nicht lebensbedrohlich.HyperthermieHitzekrämpfeHitzekrämpfe
Hitzeohnmacht (Hitzesynkope)
Die Hitzeohnmacht resultiert aus der wärmeinduzierten Weitstellung der Gefäße und dem anschließenden Absacken des Blutes. Das Gehirn wird meist im Stehen nicht mehr genügend mit Blut und damit mit Sauerstoff versorgt. Es kommt zur Synkope, die aber im Liegen meist schnell wieder behoben werden kann. Nicht selten sind Patienten betroffen, die unter einer Hypotonie leiden. Oft zeigen diese Patienten bei der folgenden Untersuchung einen niedrigen Blutdruck und eine Tachykardie.HyperthermieHitzesynkopeHyperthermieHitzeohnmachtHitzeohnmachtHitzesynkope

Praxistipp

Ursachen der Synkope

Andere Ursachen von plötzlichem Bewusstseinsverlust können eine Hypoglykämie, ein Schlaganfall, die Bradykardie oder Herzrhythmusstörungen sein. Diese sind bei der weiteren Untersuchung auszuschließen (Kap. 13.2.3).
Hitzeerschöpfung
Die Hitzeerschöpfung ist der Vorläufer des Hitzschlags. Durch hohe Umgebungstemperaturen, unzureichende Kompensation des Körpers und fehlende Flüssigkeitssubstitution kommt es zur Dehydratation. Daraus resultiert eine Exsikkose mit Symptomen wie Verwirrtheit, Erregung, deliranten Erscheinungen, Schwindel, Durst und blasser, kaltschweißiger Haut. Werden zügig Behandlungsmaßnahmen ergriffen, ist die Prognose sehr gut.HyperthermieHitzeerschöpfungHitzeerschöpfung
Hitzschlag
Wird die Hitzeerschöpfung nicht behoben und reichen die bereits beschriebenen Mechanismen der Wärmeabgabe nicht mehr aus (z. B. bei tropischen Außentemperaturen und unzureichender Schweißbildung), staut sich die Wärme im Körper. Dies löst bei besonders hohen Temperaturen einen Hitzschlag aus. Die Körperkerntemperatur liegt dann über 40 °C. Der Betroffene schwitzt nicht mehr. Im Gegensatz zur Hitzeerschöpfung ist hier das zentrale Nervensystem beteiligt, wodurch es zu einem Hirnödem und neurologischen Symptomen kommt. Kinder sind besonders gefährdet, da ihr Wärmeregulationsvermögen noch nicht ausgereift ist und die Schweißbildung erst mit Verzögerung erfolgt.HyperthermieHitzschlagHitzschlag

Achtung

Hitzschlag ist lebensbedrohlich!

Während alle anderen hier beschriebenen Formen der hyperthermen Notfälle nicht lebensbedrohlich sind, ist der Hitzschlag eine akut lebensbedrohliche Situation, die umgehendes Handeln erfordert. Der Tod tritt bei einer Körperkerntemperatur von etwa 43,5 °C ein. Wer einen Hitzschlag überlebt, hat nicht selten ein Leben lang neurologische Ausfälle.
Zwei Formen des HitzschlagsHitzschlagFormen werden unterschieden:
  • Klassischer Hitzschlag: betrifft v. a. alte Menschen bzw. Patienten mit kardiovaskulären Vorerkrankungen, Diabetes mellitus, Alkoholismus, diuretischer Medikation

  • Anstrengungshitzschlag: betrifft gesunde, aber nicht hitzeakklimatisierte Personen unter körperlicher Belastung, z. B. Sportler, Soldaten

Die Betroffenen haben starke Kopfschmerzen, Schwindel, eine Tachykardie und eine beschleunigte Atmung.
Beim Hitzschlag ist also die Körpertemperatur bei normalem Temperatursollwert erhöht – man spricht auch von Hyperthermie.
Pathophysiologie des Hitzschlags
Die zunehmende Hitzebelastung des Körpers führt zu einer reflektorischen Erhöhung der Hautdurchblutung und zur Abnahme der Darmdurchblutung. Hierdurch versucht der Körper, die Wärmeabgabe an die Umgebung zu erleichtern. Die Ischämie des Darms führt zu einer erhöhten Durchlässigkeit der Epithelgewebemembran und zum Eintreten von Endotoxinen in die systemische Zirkulation. Rezeptoren erkennen das molekulare Muster des zugeordneten Endotoxins und stimulieren die entzündungsfördernde und entzündungshemmende Zytokinproduktion. Die für viele Organe toxische Hitze stimuliert die Sekretion von Hitzeschockproteinen, die mit Zytokinen und anderen Proteinen interagieren. Im Extremfall kann ein Übertritt von Darmbakterien in das Blut auch eine SEPSIS (Kap. 13.5.5) hervorrufen. Weitere Reaktionen des peripheren und zentralen Nervensystems in Kombination mit Zytokinen und anderen Mediatoren sollen dafür sorgen, die negativen Folgen des Hitzschlags zu mindern, und können in der Endstrecke zu einem Multiorganversagen mit Todesfolge führen (Abb. 1.12).HitzschlagPathophysiologie
Sonnenstich
Bei genauer Betrachtung ist der SonnenstichHyperthermieSonnenstichSonnenstich kein direkter hyperthermischer Notfall, da er nicht durch eine Erhöhung der Körperkerntemperatur hervorgerufen wird. Vielmehr kommt es hierbei durch direkte Sonnenbestrahlung des unbedeckten Kopfes und Nackens zur Reizung der Hirnhäute. Daraus resultieren ein heißer, hochroter Kopf, Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Schwindel. Im weiteren Verlauf kann es zu einem Hirnödem kommen. Hier dominieren dann die Symptome eines erhöhten Hirndrucks.

Hypothermische Notfälle

Merke

Kurzzeitige Kältebelastung

Wenn die Thermorezeptoren NotfallhypothermischerHypothermieder Haut eine zu niedrige Außentemperatur melden, laufen entgegengesetzte Vorgänge wie bei Wärmebelastung ab: Noch bevor die Körperkerntemperatur sinkt, drosselt der Körper die Hautdurchblutung, um die Wärmeabgabe einzuschränken. Durch eine gesteigerte Wärmebildung kann er dem Auskühlen weiter entgegenwirken. Dazu dienen zum einen willkürliche Muskelbewegungen, wie sie z. B. mit den Füßen stampfende Menschen an einer Bushaltestelle im Winter ausführen. Reichen die willkürlichen Bewegungen nicht aus, löst das thermoregulatorische Zentrum unwillkürliche Muskelaktionen aus: Das Kältezittern, bei dem viele winzige Muskelfasern in Aktion treten, dient der Wärmebildung und wirkt dem Auskühlen des Körperkerns entgegen.
Hinzu kommt die Temperaturregulation durch sinnvolles Verhalten: Bei Hitze ist einem jede körperliche Aktivität zu viel und der Schatten am angenehmsten, vor Kälte schützen wir uns z. B. durch das Anziehen warmer Kleidung und indem wir uns „warmarbeiten“.

Unterkühlung

Sinkt die Körpertemperatur unter 36 °C, UnterkühlungHypothermieUnterkühlungspricht man von Unterkühlung. Sie wird in drei Stadien eingeteilt (Tab. 1.2).
Ursachen der Unterkühlung
Normalerweise merkt jeder Mensch, wenn eine Unterkühlung droht. Er fängt an zu zittern und ihm ist schlicht und einfach kalt. Er sucht eine wärmere Umgebung auf. Wird dieser Schutz aus besonderen Gründen aufgehoben, z. B. bei Patienten mit Alkohol- oder Drogenintoxikation, droht eine Hypothermie. Nicht selten sind auch Obdachlose oder Unfallverletzte bei kalter Witterung betroffen. Besonders gefährdet sind außerdem alte und dünne Menschen.
Beeinflussende Faktoren
UnterkühlungUrsachenBei der Unterkühlung spielen Unterkühlungprädisponierende Faktoreneinige Einflussfaktoren für das Ausmaß der Hypothermie eine wichtige Rolle. Hierbei werden drei Gruppen unterschieden:
  • Äußere Faktoren: Außentemperatur, Windgeschwindigkeit, Luftfeuchtigkeit („trockene oder feuchte Kälte“) sowie die Dauer der Kälteeinwirkung.

  • Individuelle Faktoren: Sie werden jeweils von der unterkühlten Person beeinflusst. Hierzu zählen frühere Frostschäden, Ernährungszustand, Training, Disziplin, Erfahrung sowie die psychische Widerstandskraft des betroffenen Menschen. Nicht zu unterschätzen sind außerdem Faktoren wie geografischer Ursprung sowie Alter und bestehende Vorerkrankungen.

  • Sonstige beitragende Faktoren.

Des Weiteren wird das Ausmaß des Schadens durch den Schutz gegen Wind und Wetter, z. B. Kleidung, sowie durch die Körperbewegung und Beschäftigung während der Exposition ganz entscheidend beeinflusst.
Pathophysiologie der Unterkühlung
Bei Kälteeinwirkungen und Körperkerntemperaturen < 35 °C wird vom Körper eine Gegenregulation durchgeführt. Hauptmaßnahmen sind Muskelzittern, Vasokonstriktion und Tachykardie. Die kompensatorische Verengung (Konstriktion) der peripheren Gefäße bewirkt eine verminderte Wärmeabgabe an die Haut. Durch das Zittern steigt der Energieverbrauch, vor allem Glukose wird verbraucht.
UnterkühlungPathophysiologieBei Kerntemperaturen < 32 °C stellt der Körper das Muskelzittern ein. Das Herzzeitvolumen (HZV) und der myokardiale Sauerstoffverbrauch sinken, was unter anderem bei der Reanimation einen positiven Effekt haben kann, sofern der Kreislaufstillstand nicht zu lange besteht. Durch den enormen Verbrauch an Glukose kommt es in diesem Stadium zur Hypoglykämie.
Bei Temperaturen < 30 °C treten verstärkt Arrhythmien auf. Der Sauerstoffverbrauch sinkt um 50 %; dies wirkt sich positiv auf die Hypoxietoleranz des Gehirns aus.
Sinkt die Körpertemperatur auf Werte < 28 °C, droht Kammerflimmern. Durch Abnahme des antidiuretischen Hormons (ADH), das im Hypothalamus gebildet wird, wird vermehrt Flüssigkeit aus dem Blut herausgefiltert und ausgeschieden. Es kommt dadurch zur kälteinduzierten Diurese und als Folge davon zur Hypovolämie. Bei der Atmung nehmen mit zunehmendem Temperaturabfall Atemfrequenz und Atemtiefe ab. Ab ca. 24 °C tritt der Atemstillstand ein.
Das zentrale Nervensystem wird als Auswirkung der abfallenden Körperkerntemperatur gedämpft und die motorische Aktivität nimmt ab. Ab ca. 33 °C treten Bewusstseinsstörungen auf und ab ca. 30 °C kommt es zur Bewusstlosigkeit.

Merke

„No one is dead until he is warm and dead“

Dieser Satz hat präklinisch immer noch eine hohe Bedeutung. Die Hypothermie ist einer der wenigen Fälle, in denen der Transport eines Patienten unter Reanimationsbedingungen in eine Klinik gerechtfertigt ist. Aufgrund der erhöhten Hypoxietoleranz des Gehirns und des herabgesetzten myokardialen Sauerstoffverbrauchs besteht nach Wiedererwärmung in der Klinik für den Betroffenen eine sehr hohe Chance, das Ereignis ohne neurologische Schäden zu überleben.
Sonderfall: Unterkühlung im Wasser
Besonders schwerwiegend ist eine Unterkühlung im Wasser,Unterkühlungim Wasser da hier der Wärmeverlust eines Menschen ca. 25-mal größer ist als an der Luft. Eine Wassertemperatur von 30 °C würde einer äquivalenten Lufttemperatur von 5 °C entsprechen. Ein längerdauerndes Überleben ohne Hilfsmittel wie z. B. einen Trocken- oder Kälteschutzanzug ist nur bei Wassertemperaturen von mehr als 25 °C möglich. Bei Wassertemperaturen < 20 °C nimmt die Überlebenswahrscheinlichkeit steil ab. Bei den üblichen Wassertemperaturen in Nord- und Ostsee von durchschnittlich 8–10 °C beträgt die Überlebenszeit nur 1–4 Stunden; die Zahl der Überlebenden bei Schiffskatastrophen ist dementsprechend gering. Durch hektisches Schwimmen und verzweifelte Anstrengungen wird die Wärmeabgabe an das Wasser erhöht. Die Verstärkung der Konvektion hat einen schnelleren Verbrauch der Energiereserven zur Folge.

Praxistipp

Medikamente und Defibrillation bei Hypothermie

GemäßHypothermieMedikamente, Defibrillation ERC Guidelines 2015 und der oben beschriebenen Pathophysiologie unterliegt der Einsatz von Medikamenten und der Defibrillation bei einem hypothermen Herz-Kreislauf-Stillstand besonderen Regeln. Unter einer Körperkerntemperatur (KKT) von 30 °C ist nur ein dreimaliger Defibrillationsversuch sinnvoll. Medikamente sollen unterhalb dieser KKT gar nicht verabreicht werden.
Zwischen 30–34 °C wird normal defibrilliert. Bei den eingesetzten Medikamenten soll das Repetitionsintervall verdoppelt werden (z. B. Adrenalin alle 6–10 Minuten). Begründung: Da der Kreislauf herabgesetzt ist, ist die Halbwertszeit der Medikamente vermutlich erhöht. Werden nun zu viele Medikamente innerhalb zu kurzer Zeit verabreicht, kann es nach Erreichen der normalen KKT zu einem vermehrten Freisetzen der Wirkstoffe mit entsprechenden Nebenwirkungen kommen.

Achtung

After Drop

Ein gefürchtetes Phänomen ist der After UnterkühlungAfter DropAfter DropDrop, ein weiteres Absinken der Körperkerntemperatur nach Beendigung der Kälteexposition durch zum Kern zurückströmendes kaltes Blut v. a. aus (weiter werdenden) Extremitätengefäßen. Die zentrale Wiedererwärmung ist die einzige Maßnahme, dem zu begegnen. Dies ist allerdings im Wesentlichen erst in der Klinik möglich, weshalb der zügige, schonende Transport in eine geeignete Klinik nach Stabilisierung der Vitalfunktionen schnellstens durchgeführt werden muss.
Wiedererwärmung
Die Wiedererwärmung WiedererwärmungUnterkühlungWiedererwärmungsollte langsam und behutsam erfolgen; der Patient sollte so wenig wie möglich bewegt werden, was der Prophylaxe eines After Drop dient.
Die zentrale Wiedererwärmung wird klinisch mit Methoden wie Peritoneallavage, Hämodialyse sowie dem Anschluss an eine Herz-Lungen-Maschine durchgeführt, weshalb der Auswahl der geeigneten Zielklinik eine entscheidende Bedeutung zukommt.

Erfrierung

Während man von einer Unterkühlung bei einem Absinken der Körperkerntemperatur unter 36 °C spricht, ist eine Erfrierung HypothermieErfrierungErfrierungdefinitionsgemäß ein örtlich bzw. lokal begrenzter Kälteschaden ohne Absinken der Körperkerntemperatur, hervorgerufen durch ein einmaliges intensives Kältetrauma. Vorwiegend tritt sie an den Akren („Körperenden“) wie Zehen, Fingern, Nase, Ohren, Fingern bzw. Händen und Zehen bzw. Füßen auf; sie kann zum Untergang von Gewebe bis hin zur Nekrose führen.
Ursachen
Ursache ist eine ungeschützte ErfrierungUrsachenKälteexposition bei sehr niedrigen Temperaturen oder langer Expositionsdauer, z. B. während einer Expedition oder Arbeiten ohne Handschuhe. Selten sind dabei ganze Extremitäten betroffen.
Pathophysiologie
Lokale Einwirkung von ErfrierungPathophysiologieKälte führt in Abhängigkeit der Außentemperatur, dem einwirkenden Medium, z. B. trockene Kälte oder Nässe, und der Einwirkdauer zu Erfrierungen unterschiedlicher Schwere und Ausdehnung (Tab. 1.3). Ein häufiger Trugschluss ist, dass Temperaturen oberhalb des Gefrierpunkts keine Erfrierungen verursachen können; sie benötigen nur ausreichend lange Zeit. Tiefe Temperaturen, wie sie z. B. beim Umgang mit Stickstoff auftreten können, benötigen für eine massive Gewebeschädigung oft nur Sekunden. Mit zunehmender Abkühlung kommt es zur Vasokonstriktion der Gefäße, wobei die Hautdurchblutung in schweren Fällen um bis zu 90 % gesenkt werden kann. Eine Verlangsamung des Blutflusses ist die Folge. Im Gewebe und zwischen den Zellen bilden sich nun leicht Eiskristalle aus, welche die Natriumpumpe beeinträchtigen und damit zum Aufbrechen der Zellmembranen führen. Rote Blutkörperchen (Erythrozyten) verklumpen und führen zu Thrombosen und Mikroembolien, die Durchblutungsstörung schreitet weiter voran. Am Ende steht der Untergang von Gewebe (Nekrose; Kap. 1.10.2).

Gesundsein und Kranksein

Gesundheit nach WHO

Merke

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Gesundheit als Zustand völligen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens („Well-Being“; Abb. 1.13).

Diese Definition ist jedoch für den medizinischen und sozialen Alltag nur wenig brauchbar, hat doch jeder Mensch mindestens fünf, wenn nicht 25 Gründe, sich in der einen oder anderen Hinsicht nicht wohlzufühlen:
  • Die Hälfte der deutschen Bevölkerung ist fehlsichtig, aber wer würde sich schon deshalb als krank bezeichnen?

  • Die meisten Menschen haben „Defekte“ wie z. B. Narben, Wunden, kleine angeborene Mängel (und seien es nur solche ästhetischer Natur) oder lästige Kopfschmerzen – dennoch leidet die Lebens- und Arbeitsfähigkeit darunter meist nur wenig.

  • Im seelischen und sozialen Bereich ist das Wohlbefinden praktisch nie ganz erreichbar. Die kranke Schwiegermutter, der Vorgesetzte oder der Bruder, mit dem man im Streit lebt, die Arbeitskollegin, die unerträglich scheint – all dies wirkt sich unweigerlich auf das eigene Wohlbefinden aus, würde aber wohl von kaum jemandem als Krankheit aufgefasst werden.

Man hat die WHO-Definition deshalb auch als konkrete Utopie bezeichnet, die zwar einen wünschenswerten Idealzustand beschreibt, aber keine praktikablen Maßstäbe liefert – wer Beschwerden hat, ist noch lange nicht krank, und umgekehrt (z. B. der Tumorkranke im frühen Stadium).
Andere Modelle erscheinen geeigneter, Gesundheit und Krankheit voneinander zu trennen, z. B. das der Homöostase:

Prinzip der Homöostase

Nach einer ganzheitlichen Auffassung ist Gesundheit das harmonische Gleichgewicht zwischen Bau und Funktionen des Organismus einerseits und dem seelischen Erleben andererseits. Auf der Ebene der Gewebe wird dieses Gleichgewicht (die Homöostase) des Organismus durch den ständigen Auf- und Abbau seiner Bestandteile garantiert. Überwiegt der Aufbau, so kommt es zur Strukturzunahme – zur Hypertrophie bzw. Hyperplasie, im Extremfall zum Tumor. Überwiegt dagegen der Abbau, so kommt es zur Strukturabnahme, das heißt zur Atrophie und Leistungsminderung.
Die Homöostase der Funktionen unseres Organismus lässt sich ganz wesentlich an der Konstanz messbarer Größen, etwa der Körpertemperatur, der Blutglukosekonzentration, des Blutdrucks oder des Blut-pH-Werts, ablesen. Diese und viele andere Parameter geben Auskunft über das innere Milieu (Kap. 1.5). Nur wenn sie sich in einem engen physiologischen Regelbereich befinden, ist der Gesamtorganismus lebens- und aktionsfähig.
inneres MilieuGleichgewichtAuch für die psychophysiologischen Grundbedürfnisse gilt das Prinzip des Gleichgewichts. Zum Beispiel ist Gesundheit nur in einem Rhythmus zwischen ausreichenden Schlaf- und Wachphasen möglich. Ebenso müssen die Bedürfnisse nach sozialer Gemeinschaft, partnerbezogener Zuwendung, aber auch Zurückgezogenheit in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander befriedigt werden.

Grundbegriffe der Krankheitslehre

Um die Art und die Ursachen einer Krankheit zu ergründen, ist meist eine genaue Kenntnis der medizinischen Vorgeschichte, der Anamnese, KrankheitslehreGrundbegriffeAnamnesevon Bedeutung. Kann der Patient selbst die entsprechenden Angaben machen, spricht man von seiner Eigenanamnese; ist er dazu nicht in der Lage, sodass Angehörige oder andere Begleitpersonen befragt werden müssen, handelt es sich um eine Fremdanamnese. FremdanamneseDie Anamnese gibt zusammen mit den vorliegenden Krankheitszeichen, den Symptomen und Befunden (Kap. 20)Symptom, Hinweise auf die infrage kommenden Erkrankungen. Anhand dieser Hinweise entscheidet der behandelnde Arzt, welche speziellen Untersuchungen zur Diagnosestellung erforderlich sind: Als Diagnose Diagnosebezeichnet man die Erkennung und Benennung einer bestimmten Krankheit. Die Unterscheidung von Krankheitsbildern mit ähnlichen Symptomen wird Differenzialdiagnose (DifferenzialdiagnoseDD) genannt.
In der Regel soll eine möglichst genaue Diagnose gestellt werden, bevor mit der Krankheitsbehandlung, der Therapie, Therapiebegonnen wird. Es gibt äußerst vielfältige therapeutische Maßnahmen; sie umfassen vor allem die Gabe von Medikamenten, Operationen, Bestrahlungen, Diäten und die Verfahren der Physiotherapie und Psychotherapie. Als Physiotherapie (Physiotherapieoder physikalische Therapie) wird die Krankheitsbehandlung mit naturgegebenen physikalischen Mitteln, d. h. mit Wasser, Wärme, Kälte, Licht, Luft, Massagen, Heilgymnastik oder Reizströmen, bezeichnet. Unter Psychotherapie Psychotherapieversteht man hingegen die Behandlung von Störungen des emotionalen Befindens und des Verhaltens durch verschiedene, meist auf Gesprächen beruhende Methoden.
Meist kann schon vor dem Wirksamwerden einer Therapie der wahrscheinliche Verlauf einer Erkrankung vorausgesagt werden. Eine solche Vorhersage, die auf statistischen Erkenntnissen wie auch auf persönlicher ärztlicher oder pflegerischer Erfahrung beruht, wird als Prognose Prognosebezeichnet. Prognostische Angaben betreffen die Überlebenschancen eines Patienten oder seine Aussichten auf Heilung bzw. Wiederherstellung bestimmter Fähigkeiten. Die Gesamtprognose einer Gesundheitsstörung hängt oftmals nicht nur vom Grundleiden, sondern auch von der Wahrscheinlichkeit bestimmter Komplikationen ab; unter KomplikationenKomplikation versteht man dabei Zweiterkrankungen, die in einem engen zeitlichen oder ursächlichen Zusammenhang mit der ersten Erkrankung stehen. So bergen z. B. alle Krankheitszustände, die zu längerer Bettlägerigkeit zwingen, insbesondere bei älteren Menschen, eine Reihe von Gefahren: Es drohen Lungenentzündung und Thrombosen (Kap. 11.6.5); außerdem liegen sich unbewegliche Patienten nicht selten „durch“, d. h., sie entwickeln Dekubitalgeschwüre (Kap. 7.2.4).

Merke

Prophylaxe

Vorbeugende Maßnahmen zur Verhütung von (Zweit-)Erkrankungen werden als ProphylaxeProphylaxen bezeichnet. Sie setzen eine sorgfältige Krankenbeobachtung zur Einschätzung der jeweiligen Gefährdung voraus. Prophylaxen nehmen im Pflegealltag eine zentrale Stellung ein; wichtig sind dabei insbesondere:
  • Thromboseprophylaxe (Verhütung von Blutpfropfbildungen), die indirekt auch eine Vorbeugung gegen lebensbedrohliche Lungenembolien darstellt (Kap. 14.5.2)

  • Pneumonieprophylaxe (Verhütung von Lungenentzündungen) und Aspirationsprophylaxe (Vermeidung der Einatmung von Mageninhalt und anderen Fremdkörpern)

  • Dekubitusprophylaxe und Kontrakturenprophylaxe (Verhütung von Dekubitalgeschwüren bzw. Gelenkversteifungen)

  • Obstipationsprophylaxe (Vorbeugung gegen Stuhlverstopfung)

  • Zystitisprophylaxe (Verhütung von Harnwegsinfekten)

Eine herausragende Rolle unter den Prophylaxen spielt die Mobilisierung des Patienten, die z. B. möglichst frühzeitig nach einer OP einsetzen sollte. Sie dient gleichzeitig der Verhütung von Thrombosen, Pneumonien, Dekubitalgeschwüren, Kontrakturen und Obstipation.

Zell- und Gewebeschäden

Viele schädliche Einflüsse (Noxen), die auf den Organismus einwirken können, führen zu morphologischen (d. h. mit bloßem Auge oder mikroskopisch sichtbaren) Veränderungen an Zellen und Geweben. Es gibt dabei typische Schädigungsmuster, die in verschiedenen Organen prinzipiell gleichartig auftreten und den Ablauf zahlloser Krankheiten bestimmen. Diese werden hier in Bezug auf die jeweils gestörten Funktionen besprochen.

Krankhafte Ablagerung von Substanzen

Intrazelluläre Ablagerungen
ZellschädenGewebeschädenAblagerungen AblagerungkrankhafteAblagerungintrazelluläreinnerhalb von Zellen kommen bei sehr unterschiedlichen Störungen des Zellstoffwechsels vor; betroffen sind meist Zytoplasma, Lysosomen oder auch der Zellkern. Es können vielerlei Substanzen abgelagert werden, vor allem Fette, Eiweiße, Glykogen (Speicherform der Glukose), Metalle (z. B. Eisen, Kupfer) und der Gallenfarbstoff Bilirubin (Ikterus, Kap. 15.17.2).
Eine wichtige Form ist die Verfettung. VerfettungSie betrifft oft die Leber und ist Folge von Sauerstoffmangel (mit gestörter „Fettverbrennung“ in den Mitochondrien), übermäßigem Alkoholkonsum oder einer Fettstoffwechselstörung, z. B. bei Diabetes mellitus (Kap. 15.2.2).
Die intrazellulären Ablagerungen werden in unterschiedlichem Ausmaß von den Zellen toleriert; eine massive Zellüberladung mit angesammeltem Material kann in den Zelltod einmünden.
Häufige intra- und extrazelluläre Ablagerungen
Manche Substanzen, die normalerweise chemisch gelöst im Organismus vorkommen, fallen unter bestimmten AblagerungextrazelluläreBedingungen als Salze im Gewebe (innerhalb und außerhalb von Zellen) aus. Ein wichtiges Beispiel sind die KalkablagerungenKalkablagerung.
Normal ist die Einlagerung von Kalksalzen in die Knochen insbesondere während des Wachstums oder der Heilung von Brüchen. Außerhalb der Knochen fallen Kalksalze vornehmlich in nekrotischen oder vermindert vitalen Bezirken aus, z. B. in tuberkulösen Nekrosen oder ernährungsgestörten Tumoranteilen. Hierher gehört auch die klassische Arterienverkalkung im Rahmen der Arteriosklerose (Kap. 13.1.3). Ferner sammelt sich in Konkrementen (z. B. Gallen- und Nierensteinen) nicht selten Kalk an.
Alle größeren Kalkablagerungen sind auf Röntgenaufnahmen erkennbar und können deshalb in der Krankheitsdiagnostik hilfreich sein: So deuten z. B. gruppierte kleine Kalkeinlagerungen (Mikroverkalkungen) des Brustdrüsengewebes auf das Vorliegen eines Mammakarzinoms hin. Kalkeinlagerungen der Lungen sind oft Zeichen einer früheren Tuberkulose.

Nekrose

Wenn ein schädigender Einfluss die Anpassungsfähigkeit der Zelle übersteigt, so entwickelt sich eine Nekrose (NekroseZelltod).Zelltod
Wichtige Ursachen solcher Zelluntergänge sind:
  • Sauerstoffmangel (Hypoxie), meist infolge von Durchblutungsstörungen; Beispiel: Herzinfarkt

  • Physikalische Schädigungen wie radioaktive oder UV-Strahleneinwirkung, Verbrennungen oder Erfrierungen sowie mechanische Verletzungen

  • Giftstoffe; Beispiel: Lebernekrosen durch Knollenblätterpilzvergiftung

  • Infektionen und Infektabwehr; Beispiel: Abszess (Kap. 1.11.6)

  • Sonstige immunologische Reaktionen; Beispiel: Abstoßung von Transplantaten

Als Gangrän (GangränBrand) bezeichnet man Nekrosen, die sich durch Einflüsse der Umwelt schwärzlich verfärben und dann „wie verbrannt“ aussehen. Sie kommen an durchblutungsgestörten Extremitäten vor, am häufigsten an den Füßen, aber auch an inneren Organen mit Kontakt zur Außenwelt (Lungen-, Darmgangrän).

Ödem

Unter Ödemen im engeren Sinne werden Flüssigkeitsvermehrungen im interstitiellen (d. h. zwischen den Zellen gelegenen) Bindegewebe verstanden. Daneben wird jedoch auch eine Flüssigkeitsansammlung in den Lungenalveolen als Ödem (Lungenödem) bezeichnet. Alle Ödeme kommen durch gesteigerten Austritt von Blutflüssigkeit aus den Blutgefäßen bzw. verminderten Rückfluss in die Gefäße zustande.

Merke

Das Ödem im Rettungsdienst

ÖdemIm rettungsdienstlichen Alltag trifft man sehr häufig auf Ödeme verschiedenster Art. Nicht selten tritt z. B. ein Lungenödem (Kap. 14.8.3) auf. Aus diesem Grund ist eine genaue Kenntnis der pathophysiologischen Vorgänge sehr wichtig, um zu verstehen, wie man diesen Erkrankungen begegnet.

Erguss

Ergüsse sind Flüssigkeitsansammlungen in vorgebildeten Körperhöhlen, z. B. im Pleuraspalt oder einem Gelenkspalt. Sie entstehen am häufigsten bei
  • ErgussBlutstauungen; so kommt es bei Herzinsuffizienz oft zu Pleuraergüssen (Kap. 14.6.2), bei Pfortaderhochdruck zur Bildung von Aszites (Kap. 13.2.2). Die Ergussflüssigkeit ist in diesen Fällen klar und eiweißarm; man nennt sie Transsudat.

  • TranssudatEntzündungen; die Erhöhung der Gefäßdurchlässigkeit lässt dabei auch Serumeiweiße austreten und es wandern Entzündungszellen in die Ergussflüssigkeit, die man als Exsudat Exsudatbezeichnet.

  • Tumorwachstum in der Wandung der Körperhöhle; im Erguss finden sich dann mikroskopisch meist Tumorzellen, oft auch Erythrozyten (hämorrhagischer Erguss).

Fibrose

Von einer Fibrose spricht man, wenn ein Gewebe zu viel kollagenes Bindegewebe enthält.
FibroseZu den wichtigsten Ursachen zählen:
  • Länger dauernde Entzündungen; Beispiel: chronische Polyarthritis.

  • Nichtentzündliche Ödeme; Beispiel: Induration (Verhärtung) von stauungsbedingten Unterschenkelödemen.

  • Nekrosen von Funktionsgeweben (Parenchym) mit narbiger Bindegewebsvermehrung; Beispiel: Leberfibrose mit möglichem Übergang in eine Zirrhose. Die im Rahmen einer Arteriosklerose entstehende Intimafibrose (Kap. 13.1.3) ist Folge von Ödemen und kleinen Nekrosen der Gefäßwand.

Fibrosen bewirken eine Verhärtung (Sklerose) Skleroseund Elastizitätsabnahme des betroffenen Gewebes. Sie können zu schweren Funktionsstörungen führen, indem sie z. B. die Beweglichkeit eines Gelenks, die Dehnungsfähigkeit der Lungen oder die Durchgängigkeit eines Gefäßes beeinträchtigen.

Entzündung

Die Entzündung stellt eine universale Reaktion des Organismus auf Zell- und Gewebsschäden dar. Die Entzündungsreaktion dient dabei der Eingrenzung einer Gefahr, also dem Schutz des übrigen Körpers vor der Ausbreitung einer Noxe, und der Entfernung des schädigenden Stoffes aus dem Körper, d. h. dem Abbau der Schadstoffe bzw. der Vernichtung von infektiösen Erregern.
EntzündungAuslöser einer Entzündung können sein:
  • Gewebszerstörung mit Entstehung von Gewebstrümmern

  • Infektiöse Erreger (v. a. Bakterien, Viren, Pilze) und ihre Toxine (Giftstoffe)

  • Fremdkörper (z. B. Dorn), Chemikalien

  • In Ausnahmefällen auch körpereigenes Gewebe, das als „Autoaggressor“ wirkt (Näheres hierzu Kap. 5.6.2)

Kardinalsymptome

Die entzündliche Reaktion geht mit körperlichen Beschwerden (Symptomen) einher. Im Einzelnen werden fast immer – wenn auch unterschiedlich ausgeprägt – die folgenden fünf sog. Kardinalsymptome der Entzündung beobachtet (Abb. 1.14):
  • EntzündungKardialsymptomeSchmerz (Dolor)

  • Rötung (Rubor)

  • Schwellung (Tumor)

  • Überwärmung (Calor)

  • Gestörte Funktion (Functio laesa)

Functio laesaDer Leser stelle sich vielleicht einmal einen Wespenstich an seiner Oberlippe vor – die genannten fünf Symptome treten wohl ohne Schwierigkeiten plastisch vor Augen.

Lokale und systemische Entzündungen

Der Ort der Entzündung richtet sich nach dem Sitz der auslösenden Noxe. Manche Entzündungsformen sind lokal auf einen kleinen Körperteil begrenzt (z. B. nach Schnittverletzung am Finger), während andere Entzündungsformen rasch auf mehrere Gewebe übergreifen oder sogar generalisieren, d. h. den gesamten Körper einbeziehen.
Die Ausbreitung der Entzündung ergibt sich dabei aus dem „Kräfteverhältnis“ zwischen der angreifenden Noxe einerseits und der Abwehrreaktion des Organismus andererseits.

Reaktionen im Entzündungsgebiet

In dem geschädigten Gebiet werden Mediatoren, EntzündungMediatoren (EntzündungMediatorenBotenstoffe) freigesetzt, die den Ablauf der Entzündungsreaktion steuern. Zu diesen Mediatoren gehören Histamin, Prostaglandine, verschiedene Zytokine, aber auch vorwiegend im Blutplasma wirksame Substanzen wie Kinine, Komplementfaktoren und C-reaktives Protein.
  • Histamin Histaminspielt insbesondere bei allergischen Entzündungsreaktionen eine wesentliche Rolle. Zu seinen wichtigsten Wirkungen gehören: Kontraktion der Bronchien (bei hoher Histaminkonzentration droht ein ausgeprägter Bronchospasmus mit Atemnot!), Erweiterung der kleinen Blutgefäße (Hautrötung), Erhöhung der Gefäßdurchlässigkeit (Ödem) und Juckreiz (Histamin ist der wichtigste juckreizerzeugende Stoff).

  • Prostaglandine Prostaglandineführen während der akuten Entzündungsreaktion zur Gefäßerweiterung mit lokaler Überwärmung, steigern die Gefäßdurchlässigkeit und sind an der Schmerzentstehung beteiligt. Verschiedene Schmerzmittel wie die Salizylate (z. B. Aspirin®) und Pyrazolonabkömmlinge (z. B. Novalgin®) entfalten ihre Wirkung hauptsächlich durch eine Hemmung der körpereigenen Prostaglandinherstellung.

  • Kinine (Kininez. B. Bradykinin) erweitern ebenfalls die Gefäße, erhöhen ihre Durchlässigkeit (Permeabilität) und aktivieren die Schmerzrezeptoren.

Am Ort der Entzündung treten aus den durch Mediatorstoffe geweiteten Poren der Kapillaren Blutplasma („Blutwasser“, Kap. 3.4) und Leukozyten aus. Diese Exsudation (Ausschwitzung) führt zur Gewebsschwellung (Ödem).
Leukozyten und ortsständige Phagozyten (Fresszellen) versuchen nun, die schädliche Noxe (z. B. die Bakterien) zu vernichten. Sie bilden einen Saum um die Gefahrenquelle und zerstören infizierte oder anderweitig geschädigte Gewebsanteile. Aus den Trümmern der Nekrosezone entsteht durch die Enzyme der Leukozyten flüssiger Eiter. EiterDurch die Gewebsverletzung wird auch das Gerinnungssystem (Kap. 11.6) aktiviert, sodass sich kleine Blutgefäße in der Nachbarschaft des Defekts verschließen. Infolgedessen stirbt weiteres umliegendes Gewebe ab; dadurch werden aber gleichzeitig die Heilungsvorgänge in Gang gesetzt (Kap. 1.11.5).

Mitreaktionen des Gesamtorganismus

Auch bei einer primär (zunächst) lokalen Entzündung bleibt die Mitreaktion des Gesamtorganismus häufig nicht aus:
  • EntzündungMitreaktion des GesamtorganismusDurch Aktivierung des Immunsystems über Mediatoren kommt es zur Ausschwemmung von weißen Blutkörperchen (Leukozyten) in das Entzündungsgebiet, aber auch in das gesamte Blut.

  • Von Bedeutung ist auch die Vermehrung bestimmter Bluteiweiße: Noch bevor Gammaglobuline als spezifische Antikörper zur Verfügung stehen, wird die Synthese sog. Akute-Phase-Proteine Akute-Phase-Proteinewie z. B. des C-C-reaktives Proteinreaktiven Proteins (CRP) CRPangekurbelt. Das CRP heftet sich an Schadstoffe und aktiviert das Komplementsystem, Leukozyten und Thrombozyten.

  • Zahlreiche Noxen rufen eine Fieberreaktion hervor. Dabei aktivieren die Noxen selbst oder die im Zuge der Entzündungsreaktion stimulierten Leukozyten und freigesetzten Prostaglandine das thermoregulatorische Zentrum im ZNS und veranlassen es zur Sollwerterhöhung der Körperkerntemperatur (Kap. 1.6.4). Solche fiebererzeugenden Substanzen nennt man Pyrogene.

  • PyrogeneGefäßweitstellung und Plasmaexsudation können bei starken bzw. ausgedehnten Entzündungen zum allgemeinen Blutdruckabfall führen, im Extremfall bis zum Kreislaufschock (septischer Schock, Kap. 13.5.5).

Heilungsprozess und Entzündungsverlauf

Die Heilungsreaktion verläuft typischerweise wie folgt: Bereits nach 12–36 Stunden kommt es zu einer gesteigerten Vermehrung von Fibroblasten HeilungsprozessEntzündungVerlaufFibroblasten(Bindegewebsgrundzellen). Sie bilden Kollagenfasern und Bindegewebsgrundsubstanz, in die neue Blutgefäße einsprossen. So entsteht nach 3–4 Tagen ein vorläufiges, gefäßreiches, „schwammiges“ Bindegewebe, das man Granulationsgewebe Granulationsgewebenennt. Dieses Gewebe wird von Zellen des üblicherweise an dieser Stelle lokalisierten Gewebes später wieder durchbaut. Wenn durch die Entzündung jedoch mehr als nur kleine Gewebsareale zerstört worden sind, endet die Bindegewebsvermehrung mit der Bildung einer funktionell minderwertigen Narbe.Narbe

Merke

Chronische Entzündungen

Neben den bisher genannten Entzündungen, die plötzlich eintreten und rasch wieder heilen (akute Entzündung), gibt es auch Entzündungen mit lang anhaltendem Verlauf.
Solche chronischen Entzündungen können:
  • sich aus einer ursprünglich akuten Entzündung entwickeln. Eine Chronifizierung tritt meist dann ein, wenn der Organismus zwar nicht an der Entzündungsursache zugrunde geht, sie jedoch auch nicht beseitigen kann – dies ist z. B. häufig bei der Tuberkulose der Fall

  • primär chronisch sein, wie z. B. die chronische Polyarthritis oder die chronisch-entzündlichen Dickdarmerkrankungen, die meist schleichend beginnen, sich langsam verschlimmern und oft lebenslang andauern.

Die verschiedenen Entzündungsformen

Obwohl bei den meisten Entzündungen alle oben genannten Reaktionen auftreten, überwiegt doch meist eine der genannten Erscheinungen (z. B. Plasmaaustritt oder Eiterbildung). Es ist deshalb sinnvoll, verschiedene Entzündungstypen zu unterscheiden:
Seröse Entzündungen
EntzündungFormenSeröse Entzündungen zeichnen sich durch die Ansammlung einer großen Menge eiweißreicher Flüssigkeit (Exsudat)EntzündungseröseExsudat aus. Zu den serösen Entzündungen gehört z. B. die Quaddelbildung der Haut (umschriebene Gewebsschwellung) nach Brennnesselkontakt oder Insektenstich. An den Schleimhäuten gibt es die serös-schleimige Entzündung, wie sie jedermann z. B. von der Anfangsphase des Schnupfens kennt.
Seröse Entzündungen finden sich auch in Körperhöhlen in Form seröser Ergüsse. Seröse Entzündungen heilen in der Regel folgenlos ab.
Eitrige (pyogene) Entzündungen
Wie erwähnt, gehen Entzündungen oft mit einer ausgedehnten Einwanderung von Leukozyten in das Entzündungsgebiet einher, die „nach getaner Arbeit“ zusammen mit Gewebstrümmern häufig als Eiter aus dem Körper ausgestoßen werden (eitrige Entzündungen). Solche Entzündungen werden vor allem durch eitererregende (pyogene) Bakterien wie z. B. Streptokokken oder Staphylokokken (Kap. 5.8) hervorgerufen.
EntzündungpyogeneEntzündungeitrigeBei einem Abszess Abszesshandelt es sich um eine Eiteransammlung in einem durch Gewebseinschmelzung entstandenen, abgekapselten Hohlraum. Am häufigsten sind hier Staphylokokken die Ursache. Eine Abszesshöhle muss meist chirurgisch eröffnet und entleert werden. Eine Sonderform des Abszesses ist der Furunkel, Furunkelder durch Staphylokokkeninfektionen der Haar- und Talgdrüsenfollikel entsteht.
Als Phlegmone Phlegmonewird die flächenhafte, diffus-eitrige Entzündung bezeichnet, die im Gegensatz zum Abszess ohne Abkapselung des Entzündungsherdes verläuft und deshalb meist bedrohlicher ist. Ausgelöst wird sie in der Regel durch Streptokokken. Sie treten häufig an der Hand auf, z. B. hervorgerufen durch Katzenbisse, Kratzer oder kleine Verletzungen (z. B. Dornenstich etc.).
Als Empyem Empyemwird die Eiteransammlung in einem vorgebildeten Hohlraum, z. B. im Herzbeutel, in der Bauchhöhle, im Pleuraspalt oder in der Kieferhöhle, bezeichnet. Eine chronische Nasennebenhöhlenentzündung geht z. B. oft mit einer Eiteransammlung in einer Kieferhöhle einher.
Ulzerierende (geschwürige) Entzündungen
Bei der ulzerierenden Entzündung entsteht ein tiefer reichender Defekt von Haut, Schleimhaut oder Gefäßinnenwand, ein EntzündungulzerierendeUlkusEntzündunggeschwürigeGeschwürUlkus (Geschwür). Es tritt z. B. als Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwür bei Überwiegen der aggressiven Magensäurewirkung gegenüber den schleimhautschützenden Faktoren auf. Bei entzündlichen Darmerkrankungen, etwa der Colitis ulcerosa, kommt es als Folge entzündlicher Herde an der Darmschleimhaut zu ausgedehnten Gewebsdefekten.
Als Komplikation droht bei Ulzera (Mehrzahl von Ulkus) ein Magen- oder Darm-Durchbruch mit lebensgefährlicher Bauchfellentzündung (Peritonitis, Kap. 15.9.5).
Proliferative und granulomatöse Entzündungen
Bei proliferativen („produktiven“) Entzündungen steht die Neubildung (Proliferation)ProliferationEntzündungproliverativeEntzündunggranulomatöse von Fibroblastenzellen, die Bindegewebe produzieren, im Vordergrund. Es entsteht übermäßig viel faserreiches Bindegewebe (Fibrose, Kap. 1.10.5), das oft zu Funktionseinschränkungen führt.
Bei der granulomatösen Entzündung kommt es zur knötchenförmigen Ansammlung von Entzündungszellen und Bindegewebe in Form von sog. Granulomen.Granulome Beispiele sind die Granulome bei der Tuberkulose (Kap. 5.8.6) und beim Morbus Crohn (Kap. 15.13.5).

Krankheitsverläufe

Unabhängig von einer bestimmten Krankheitsursache und der speziellen Erkrankungsart reagiert der Körper auf lange Sicht recht gleichförmig – entweder er überwindet die Erkrankung (Heilung), er geht an ihr zugrunde (Tod) oder die Krankheit besteht in begrenztem Umfang fort.

Heilung

Unter Heilung KrankheitsverlaufHeilungHeilungversteht man die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands der Gewebe bzw. des inneren Gleichgewichts und damit der vollen Anpassungsfähigkeit des Organismus. Der Mediziner spricht von Restitutio ad integrum (Restitutio ad integrumWiederherstellung des unversehrten Zustands). Dies bedeutet:
  • Die Krankheitsursache (z. B. das Bakterium oder ein durch die Haut eingedrungener Fremdkörper) wurde vollständig entfernt.

  • Die geschädigten Gewebe, etwa die verletzten Hautabschnitte, wurden vollständig durch gleichwertiges Gewebe ersetzt, das aus dem Wundgebiet nachgewachsen ist.

Defektheilung

Bleibt bei größeren Verletzungen KrankheitsverlaufDefektheilungDefektheilungoder schweren Infektionen ein Defekt zurück, spricht man von Defektheilung. Ein Beispiel hierfür ist die Narbenbildung.
Müssen nach einem Unfall Finger oder gar Extremitäten amputiert werden, so ist ein Nachwachsen des Körperteils nicht mehr möglich. Die Haut um die Amputationslinie, z. B. das Kniegelenk, heilt zwar wieder, die Leistungsfähigkeit der Extremität ist aber dauerhaft (chronisch) gemindert.
Ist das Herz z. B. infolge eines schwereren Herzinfarkts nicht mehr ausreichend leistungsfähig, so kommt es zur Herzinsuffizienz (Herzschwäche) mit dauernder Beeinträchtigung der körperlichen Leistungsfähigkeit (Kap. 12.5.2).

Krankheitsrezidiv

Tritt dieselbe Erkrankung nach einem TumorrezidivKrankheitsverlaufRezidivbeschwerdefreien Intervall erneut auf, spricht man von Rückfall oder Rezidiv. RezidivDabei kann die Krankheit vor dem zweiten Auftreten völlig ausgeheilt gewesen sein oder ohne klinische Erscheinungen weiter bestanden haben.
Nach einer Endokarditis (Entzündung der Herzinnenhaut) z. B. bleiben oft symptomlose Defekte an einer Herzklappe zurück. Bei einer erneuten bakteriellen Infektion, z. B. an den Tonsillen, kommt es sehr leicht zu einem Rezidiv der Endokarditis mit zusätzlicher Klappenschädigung.
Häufig sind Tumorrezidive nach scheinbar vollkommener Beseitigung eines Primärtumors zu beobachten. Diese Rezidive treten meist ein bis zehn Jahre nach der Erstbehandlung auf und gehen von wenigen verbliebenen Tumorzellen aus.

Chronifizierung

Heilt eine Krankheit nicht aus oder KrankheitsverlaufChronifizierungkann die Krankheitsursache nicht beseitigt werden, so kommt es zur Chronifizierung (Chronifizierungwörtlich „schleichender Verlauf von langer Dauer“).
Chronisch-kontinuierlicher Verlauf
Chronisch-kontinuierliche Erkrankungen sind solche, die auf einem gewissen Krankheitsniveau verharren. Ein Beispiel hierfür ist die Nagelmykose (Pilzbefall des Nagels), die nicht weiter stört, aber auch kaum jemals spontan ausheilt. Auch die sehr häufige Kurzsichtigkeit ist eine chronisch-kontinuierliche Erkrankung.
Chronisch-rezidivierender Verlauf
Das chronische Asthma bronchiale (Kap. 14.4.4) ist dagegen meist keine permanente Erkrankung. Vielmehr kommt es immer wieder – der Mediziner sagt chronisch-rezidivierend – zu Atemnotanfällen durch Engstellung der Bronchialwege, Sekretion eines zähen Bronchialsekrets und Schwellung der Bronchialschleimhaut.
Auch die meisten Allergien verlaufen chronisch-rezidivierend, ebenso bestimmte Darmentzündungen wie die Colitis ulcerosa und der Morbus Crohn (Kap. 15.13.5), bei denen es infolge einer Fehlsteuerung des Immunsystems meist über Jahre zu wiederholten Krankheitsschüben mit Durchfällen kommt.

Dekompensation und Progredienz

Chronische Defekte können KrankheitsverlaufProgredienzKrankheitsverlaufDekompensationDekompensationfunktionell ausgeglichen (kompensiert, z. B. kompensierte Herzinsuffizienz mit noch erhaltener Leistungsfähigkeit innerhalb des täglichen Lebens) oder dekompensiert sein (also bei der Herzinsuffizienz z. B. zur Bettlägerigkeit zwingen).
Viele chronische Erkrankungen entwickeln durch sich selbst verstärkende Mechanismen eine Eigendynamik und werden zunehmend schlimmer; man spricht von chronischer Progredienz. ProgredienzDie chronische Polyarthritis und viele weitere Systemerkrankungen sind oftmals chronisch progredient.

Wiederholungsfragen

  • 1.

    Wie nennt man die drei Hauptachsen des Körpers? (Kap. 1.1)

  • 2.

    Was beschreiben die Begriffe kaudal, kranial und lateral? (Kap. 1.3)

  • 3.

    Aus welchen 4 chemischen Elementen besteht unser Körper hauptsächlich? (Kap. 1.2.1)

  • 4.

    Aus welchen beiden Komponenten sind fast alle Organe aufgebaut? (Kap. 1.2.5)

  • 5.

    Was versteht man unter dem Begriff Stoffwechsel? (Kap. 1.3.1)

  • 6.

    Welche Organe befinden sich im Mediastinum? (Kap. 1.4.2)

  • 7.

    Wie hoch ist die normale Körperkerntemperatur? (Kap. 1.5.2)

  • 8.

    Nennen Sie die 4 Mechanismen des Wärmetransports. (Kap. 1.6.2)

  • 9.

    Ab welcher Körpertemperatur spricht man von Fieber? (Kap. 1.6.4)

  • 10.

    Ab welcher Körperkerntemperatur beginnen Körpereiweiße zu denaturieren? (Kap. 1.6.4)

  • 11.

    Welche Maßnahmen zur Senkung der Körpertemperatur gibt es? (Kap. 1.6.4)

  • 12.

    Welcher der hyperthermischen Notfälle ist lebensbedrohlich? (Kap. 1.7.2)

  • 13.

    Ab welcher Körperkerntemperatur spricht man von einer Unterkühlung? (Kap. 1.8.1)

  • 14.

    Ab welcher Körperkerntemperatur wirken Medikamente im Rahmen der Reanimation nicht mehr? (Kap. 1.8.1)

  • 15.

    Was bezeichnet der Begriff „After Drop“? (Kap. 1.8.1)

  • 16.

    Was versteht man unter einer Homöostase? (Kap. 1.9.2)

  • 17.

    Nennen Sie die Kardinalsymptome einer Entzündung. (Kap. 1.11.1)

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