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B978-3-437-48043-0.00028-5

10.1016/B978-3-437-48043-0.00028-5

978-3-437-48043-0

Entscheidungsfindung

[L157]

Führungskreis

[L231]

Massenanfall von Verletzten in einem Autobahntunnel

[U133]

Ersteintreffende Einsatzkräfte

[O429]

Einsatzleiter Feuerwehr und Sanitätseinsatzleitung (SanEL)

[U133]

Sichtung der Patienten

[O429]

MANV-Stufen

Tab. 28.1
MANV-Stufe Anzahl verletzter Patienten
MANV I 5–10 verletzte/erkrankte Personen
MANV II 11–20 verletzte/erkrankte Personen
MANV III 20–50 verletzte/erkrankte Personen
MANV IV/ÜMANV > 50 verletzte/erkrankte Personen

Schnelleinsatzgruppen

Tab. 28.2
SEG Aufgabenschwerpunkt
Sanität Behandlung von Patienten, Einrichtung einer Patientenablage. Errichtung von Behandlungsplätzen (BHP 25, BHP 50)
Transport Beförderung von Patienten von dem Behandlungsplatz in ein Krankenhaus
Betreuung und Verpflegung Betreuung von unverletzten Patienten und Versorgung mit Verpflegung
Führungsunterstützung Unterstützung der örtlichen oder technischen Einsatzleitung mit Personal und materiellen Ressourcen

Sichtungskategorien

Tab. 28.3
Sichtungskategorie Kennfarbe Vitaler Bedrohungsgrad
SK I Rot vital bedroht, sofortige Behandlung
SK II Gelb schwer verletzt, dringende Behandlung
SK III Grün leicht verletzt, spätere oder ambulante Behandlung
SK IV Blau hoffnungslos, Betreuung und Analgesie unerlässlich

Einsatztaktik und Einsatzorganisation

Sinan Özmen

  • 28.1

    Führung im rettungsdienstlichen Einsatz514

  • 28.2

    Massenanfall von Verletzten und Erkrankten516

  • 28.3

    Leitstelle519

Die Tätigkeit im Rettungsdienst verlangt ein hohes Maß an medizinischem Fachwissen und die Fähigkeit, komplexe Einsatzsituationen unter hohem Entscheidungs- und Handlungsdruck zu erfassen. Aus dieser ersten Situationserfassung muss eine sinnvolle Vorgehensweise abgeleitet werden. Dazu sind Kenntnisse in EinsatztaktikEinsatzTaktik und EinsatzorganisationEinsatzOrganisation vor allem in besonderen Einsatzlagen, z. B. Großschadensereignisse oder Massenanfall von Verletzten, unerlässlich.

Im alltäglichen Einsatzgeschehen sind insbesondere bei der FahrzeugaufstellungFahrzeugAufstellung an der Einsatzstelle grundlegende Punkte zu beachten. Das Rettungsmittel muss so positioniert werden, dass es nachrückenden Kräften möglich ist, die Einsatzstelle ebenfalls zu erreichen oder zu passieren. Die Fahrzeugaufstellung ist so zu wählen, dass die Einsatzkräfte in Gefahrensituationen den Einsatzort schnellstmöglich verlassen können.

Bei Einsätzen mit der Feuerwehr, z. B. bei Wohnungsbränden, ist darauf zu achten, dass ausreichend Fläche für den Löschzug vorhanden ist. Insbesondere bei der Rettung von Menschen über Hubrettungsfahrzeuge (z. B. Drehleiter) der Feuerwehr muss eine ausreichende Stellfläche vorhanden sein. Bei Hilfeleistungseinsätzen, bei denen Patienten durch die Feuerwehr mit hydraulischem Rettungsgerät aus dem Fahrzeug befreit werden müssen, muss ausreichend Raum um das verunfallte Fahrzeug verfügbar sein, da dort die Gerätschaften der Feuerwehr direkt zum Einsatz gebracht werden und der Brandschutz sichergestellt werden muss.

Führung im rettungsdienstlichen Einsatz

Die sinnvolle, speziell auf die Lage im rettungsdienstlichen Einsatz abgestimmte Vorgehensweise im Rahmen eines Gesamtkonzepts zur Einsatzabwicklung wird in der Führungslehre als TaktikTaktik bezeichnet.

Merke

Rettungstaktik ist der zielgerichtete Einsatz von Menschen und Material in einem Rettungsdiensteinsatz, wobei Aufwand und Nutzen in einem vernünftigen Verhältnis zueinander stehen müssen.

Taktisches Ziel jedes Rettungsdiensteinsatzes ist die Abwendung einer Lebensgefahr von den Betroffenen, wobei die Einsatzführung häufig unter Zeit- und Öffentlichkeitsdruck in einer ungeklärten Situation stattfinden muss. Viele unterschiedliche Einflussgrößen erschweren die Entscheidungsfindung und damit die Führung der Einsatzkräfte. Entscheidungsfindung EinsatzEntscheidungsfindungunter Stress ist nur möglich, wenn die Einflussgrößen, wie in Abb. 28.1 dargestellt, systematisch analysiert und verarbeitet werden.
Der Führende muss umgehend und absolut entscheiden. Das verlangt klare Regeln und von jedem am Einsatz Beteiligten nachvollziehbare Führungsmechanismen. Da Führung im Einsatz trotz unterschiedlicher Einsatzsituationen wiederkehrenden Gesetzmäßigkeiten unterliegt, kann man diese in einem Algorithmus bzw. einem Regelkreis darstellen. Der Algorithmuszur EinsatzführungAlgorithmus zur taktischen Einsatzführung wird als EinsatzFührungskreisFührungskreis (Abb. 28.2) bezeichnet.
Führungskreis
Der Führungskreis Führungskreismacht Einsatzabläufe vergleichbar und vereinfacht die Informationsbeschaffung, Informationsbeurteilung und Entscheidungsfindung. Durch seine Anwendung wird verhindert, dass vorschnell Entschlüsse in die Tat bzw. in einen Befehl oder eine Anweisung umgesetzt werden. Bei systematischer Vorgehensweise anhand des Führungskreises werden z. B. im Rahmen der Lagefeststellung ausschließlich Informationen zur Schadenslage gesammelt.
Die eigene Lage, als Bestandteil der Lagefeststellung, ergibt sich u. a.
  • aus der momentan zur Verfügung stehenden Menge an Rettungsmitteln,

  • aus der Anzahl und Qualifikation des Rettungsfachpersonals und

  • den zur Verfügung stehenden Ressourcen im Einsatzbereich.

Erkundung
Das Mittel zur systematischen und umfassenden InformationssammlungEinsatzInformationssammlung, die der Entscheidungsfindung dient, ist die Erkundung.

Merke

Aus rettungsdienstlicher Sicht erforderliche Informationen zur Erkundung:

  • Art und Umfang des Geschehens

  • Besondere Gefahren

  • Anzahl der Verletzten

  • Schweregrad der Verletzungen

  • Zugänglichkeit der Verletzten

Ist die Lageerkundung abgeschlossen, werden die Erkundungsergebnisse beurteilt. Mit in die LagebeurteilungEinsatzLagebeurteilung sollen das Wetter an der Einsatzstelle, der Einsatzort und die Einsatzzeit einfließen. Aus der Beurteilung der Lage resultiert die Entscheidung für oder gegen eine oder mehrere Maßnahmen. So könnte z. B. eine Entscheidung sein, zunächst nicht zu behandeln, sondern mit dem Feuerlöscher des RTW den Entstehungsbrand eines Pkw zu bekämpfen. Eine weitere Entscheidung könnte sich auf die Ordnung des Einsatzraums, also auf die Fahrzeugaufstellung, und den Einsatz weiterer Rettungskräfte beziehen.
Rückmeldung
Spätestens nach Beurteilung der Lage muss eine Rückmeldung an die Leitstelle erfolgen, falls dies erforderlich ist. Dem Disponenten in der Leitstelle ist es oftmals bis zu dieser ersten Rückmeldung nicht möglich, die Lage vor Ort klar einzuschätzen.

Merke

Die EinsatzRückmeldungRückmeldung an die Leitstelle enthält mindestens folgende Informationen:

  • Funkkennung und Einsatzort

  • Art und Umfang des Geschehens

  • Besondere Gefahren

  • Anzahl schwer verletzter und leicht verletzter Patienten

  • Zugänglichkeit der Patienten

  • Nachforderung

  • Bereitstellungsraum Rettungsmittel

Die EinsatzentscheidungEinsatzEntscheidung wird in eine Anweisung oder einen Befehl umgesetzt und an die Einsatzkräfte weitergegeben. Grundsätzlich ist der Führungskreis in jedem Rettungsdiensteinsatz nutzbar und sollte vor jeder Entscheidungsfindung durchlaufen werden. Durch die Form „Kreis“ soll dargestellt werden, dass der Führungskreis immer wieder durchlaufen werden muss. Erkundung, Beurteilung, Befehlsgebung und Kontrolle sind kontinuierliche Aufgaben des Führenden. Nur so sind rettungsdienstliche Lagen in ihrer gesamten Dynamik und Komplexität zu erfassen und zu beherrschen.
Vor allem bei sehr komplexen Einsatzlagen ist es notwendig, den Führungskreislauf kontinuierlich zu durchlaufen, um Befehle und daraus folgende Maßnahmen zielgerichtet beurteilen zu können.

Massenanfall von Verletzten und Erkrankten

Eine besondere rettungsdienstliche Lage ist der Massenanfall von VerletztenEinsatzMassenanfall von VerletztenMassenanfall von Verletzten und/oder Erkrankten (MANV, Abb. 28.3). Innerhalb kürzester Zeit sieht sich der einzelne Rettungssanitäter und Rettungsassistent mit einer nicht mehr durch ihn allein zu versorgenden Anzahl von Patienten konfrontiert. Rettungsdienstliche Großschadenslagen RettungsdienstGroßschadenslageGroßschadenslagetreten mit zunehmender Industrialisierung und Technisierung unseres Lebens gehäuft auf. Eine zusätzliche, konkrete Gefährdungslage besteht seit einigen Jahren durch Terrorakte, die zu Großschadenslagen mit einem nicht mehr kalkulierbaren Umfang führen können.
Trotz etablierter Führungsstrukturen im Rettungsdienst, z. B. durch die Einrichtung Leitender-Notarzt-Systeme, entsteht ein „führungsfreies Intervall“ an diesen Einsatzstellen, wenn die zuerst eintreffenden Rettungsdienstkräfte keine Führungsaufgaben wahrnehmen, sondern direkt mit der Patientenversorgung beginnen.
Die Kreise und kreisfreien Städte als Träger des Rettungsdienstes haben zusammen mit den Leistungserbringern entsprechende MANV-Konzepte für die Versorgungsbereiche etabliert. So werden bestimmte Einsatzlagen vordefiniert und nach MANV-StufenMassenanfall von VerletztenStufenMANV-Stufen klassifiziert (Tab. 28.1 als Beispiel). Den Stufen wird eine Anzahl von verletzten Personen zugeordnet und in den Leitstellen werden die MANV-Stufen mit zugeordneten Rettungsmitteln hinterlegt. Diese Konzepte ermöglichen die bedarfsgerechte Vorplanung und Strukturierung bei Großschadenslagen.
Die Anzahl der Patienten, die den MANV-Stufen zugeordnet werden, ist regional unterschiedlich. Maßgeblicher Faktor sind die potenziellen Gefahren im Rettungsdienstbereich (z. B. Industrieanlagen, Infrastruktur, hohe Verkehrsströme). In ländlich geprägten Versorgungsbereichen können Einsätze zügiger zu einem MANV-Einsatz erhöht werden, da eine hohe Anzahl von Verletzten die Rettungsmittel aus dem Regelrettungsdienst stark fordert.
Ersteintreffende rettungsdienstliche Kräfte
Der Erfolg der Massenanfall von VerletztenFührungAbwicklung eines Massenanfalls von Verletzten hängt in hohem Maße von der Qualität der Einsatzführung, der Disziplin der ersteintreffenden rettungsdienstlichen Einsatzkräfte (Abb. 28.4) und den klaren Strukturen im Einsatzraum ab. Selbstverständlich ergeben sich viele Entscheidungen im täglichen Rettungseinsatz aus der Einsatzerfahrung der täglichen Routine heraus. Die Entscheidungsprozesse laufen zu einem großen Teil unbewusst ab. Das ersteintreffende Rettungsmittel legt den Grundstein für den Einsatzerfolg und übernimmt organisatorische und einsatztaktische Aufgaben.
Wird die Situation aber komplexer und unübersichtlicher, z. B. bei einem Massenanfall von Verletzten, greifen die in der täglichen Einsatzpraxis erworbenen Führungserfahrungen nur noch bedingt. Aufgrund der geringen Häufigkeit dieser Einsätze fehlen den Mitarbeitern im Rettungsdienst meist bewährte Handlungsmuster für diese Situationen, sodass hier jeder einzelne Schritt zur Einsatzabwicklung neu überlegt und geplant werden muss. Gerade dann kommt es auf eine klare und eindeutige Führung an, um in dieser für alle Einsatzkräfte neuen, unübersichtlichen und umso beschwerlicheren Situation das rettungsdienstliche Ziel zu erreichen.

Merke

Der Massenanfall von Verletzten führt zu einem Missverhältnis zwischen benötigten und tatsächlich vorhandenen Einsatzkräften und Einsatzmitteln.

Dieser Fall tritt schon bei allen Einsatzlagen auf, innerhalb derer z. B. die Besatzung eines Notarzteinsatzfahrzeuges oder Rettungswagens mit mehreren Verletzten im Rahmen eines Verkehrsunfalls konfrontiert wird. Führung in einer solchen Situation wird dadurch erschwert, dass der überwiegende Anteil rettungsdienstlicher Arbeit in der Regel individualmedizinisch geprägt ist. Taktische und medizinische Maßnahmen sowie strategische Ziele sind auf einen Patienten ausgerichtet. In der Lage „Massenanfall von Verletzten“ aber trifft das Rettungsfachpersonal auf eine Vielzahl Verletzter in einer nicht überschaubaren Szene. Massenanfall von VerletztenZielDas rettungsdienstliche Ziel besteht jetzt darin, einer möglichst großen Anzahl von Betroffenen das Überleben zu sichern und sich nicht nur auf einen Patienten zu konzentrieren. Dazu ist eine von der individualmedizinischen Versorgungs- und Einsatzstrategie abweichende Vorgehensweise erforderlich.
Grundsätzliche Vorgehensweise
Bei Massenanfällen von Verletzten sind Unterschiede in den Unfallmechanismen, den Betroffenen und den Rahmenbedingungen festzustellen. Für ersteintreffende Rettungsdienstkräfte lässt sich jedoch eine grundsätzliche Vorgehensweise bestimmen, die taktisch sinnvoll erscheint.

Merke

Regeln für ersteintreffende Rettungsdienstkräfte

Rettungsfachpersonalersteintreffendes
  • Lage auf Sicht an die Leitstelle

  • Keine Individualmedizin, keine Patientenversorgung

  • Sichtbar die Einsatzleitung übernehmen

  • Einsatzstellen-/Lageerkundung

  • Besondere Gefahren beachten

  • Rückmeldung an die Leitstelle

  • Vorhandene Kräfte einteilen

  • Raumordnung für nachrückende Kräfte planen

  • Sichtung aller Patienten, z. B. durch den ersten Notarzt

  • Delegation der Patientenversorgung

  • Übergabe an Einsatzleitung, wenn vor Ort eingetroffen

Abhängig vom Umfang der Einsatzlage wird eine Einsatzleitung EinsatzLeitung im Großschadensfallgebildet, die den bisher führenden Rettungsdienstmitarbeiter aus der Führungsverantwortung nimmt. In den meisten Bundesländern regeln die Rettungsdienstgesetze (26.2.2) die Zusammensetzung der Einsatzleitung bei einem Massenanfall von Verletzten. Die Gesamteinsatzleitung liegt jedoch immer bei einem Gesamteinsatzleiter, der als Technischer/Örtlicher Einsatzleiter (TEL, technische EinsatzleitungTEL/ÖEL, örtliche EinsatzleitungÖEL) bezeichnet wird. Der Gesamteinsatzleiter kann bei einer Berufsfeuerwehr ein Beamter des höheren Dienstes, ein Mitglied der Kreis- oder Stadtbrandinspektionen oder eine Führungskraft der zuständigen Verwaltungsbehörde sein. Allen ist gemeinsam, dass sie bereits im Vorfeld eines Schadensereignisses von der zuständigen Gebietskörperschaft (Stadt oder Landkreis) für ihre Führungsaufgabe bestellt worden sind.
Führungsstrukturen Rettungsdienst
Der Einsatzleiter der Feuerwehr arbeitet bei Großschadensereignissen eng mit der SanitätseinsatzleitungSanitätseinsatzleitung (SanEL) zusammen (Abb. 28.5). Die Sanitätseinsatzleitung umfasst den Leitenden NotarztLeitenderNotarzt (LNA) und den Organisatorischen Leiter Rettungsdienstorganisatorischer LeiterRettungsdienst (OrgL).
Die Sanitätseinsatzleitung wird in die gesamte Führungskonstellation der Gesamt- oder örtlichen Einsatzleitung integriert. Aufgaben des Leitenden Notarztes sind die Führung und Lenkung der medizinischen Einsatzkräfte, wobei er v. a. den medizinischen Einsatz leitet und in medizinisch-organisatorischen Aufgaben tätig wird. Der Organisatorische Leiter Rettungsdienst leitet den Einsatz im taktisch-organisatorischen Bereich, z. B. Sicherstellung der Kommunikation, Anlage und Betrieb von Behandlungs- und Krankenwagenhalteplätzen, Nachforderung weiterer Rettungsmittel, Kommunikation mit der Leitstelle über die Verfügbarkeit von Krankenhausbetten und Führung des Rettungsfachpersonals.
Ergänzend kommen, je nach Struktur des Landkreises oder der kreisfreien Stadt, RettungsdienstSchnelleinsatzgrupperettungsdienstliche SchnelleinsatzgruppeSchnelleinsatzgruppen (SEG) zum Einsatz (26.5.1). Diese verfügen über Personal- und Materialressourcen, mit denen die Leistungsfähigkeit des Rettungsdienstes optimiert werden kann. Gleichzeitig werden durch ihren Einsatz die Versorgung und/oder der Transport einer größeren Anzahl von Verletzten sichergestellt. Neben der direkten Unterstützung am Schadensort können Schnelleinsatzgruppen auch als Reserve eingesetzt werden, um den Regelrettungsdienst zu unterstützen, sofern qualifiziertes Personal und Rettungsmittel zur Verfügung stehen.
Die Schnelleinsatzgruppen (SEG) haben z. T. unterschiedliche Aufgabenschwerpunkte (Tab. 28.2). Neben den unten aufgeführten Beispielen gibt es weitere Schnelleinsatzgruppen mit spezieller Aufgabenprägung. Die Kräfte der Schnelleinsatzgruppen sind überwiegend ehrenamtlich organisiert; sie werden aber z. T. auch durch dienstfreies hauptamtliches Personal ergänzt.
Sichtung
Da bei einem Massenanfall von Verletzten die zeitgleiche Versorgung aller Patienten nicht möglich ist, müssen Kriterien geschaffen werden, die eine Versorgungsreihenfolge festlegen. Diese Sortierung der Patienten unter medizinischen Gesichtspunkten bezeichnet man als Sichtung, KategorienSichtung (Abb. 28.6).
Neben der Erkundung zur Feststellung der Gesamtlage gehört die Sichtung der Patienten zu einer der wichtigsten rettungsdienstlichen Aufgaben im Rahmen eines Massenanfalls von Verletzten. Die Sichtung ist eine rein ärztliche Maßnahme und wird entweder durch den ersteintreffenden Notarzt oder den Leitenden Notarzt durchgeführt. Der Rettungsdienst kann den Notarzt bei der Sichtung unterstützen. Durch die „Sichtung“ aller Patienten wird deren vitaler Bedrohungsgrad festgestellt und gleichzeitig, mit Zuordnung des Patienten in eine der vier folgenden DringlichkeitKategorienSichtungskategorien (SK), dessen Behandlungspriorität festgelegt. Die Kennfarbe entspricht der Farbkennzeichnung auf der Verletztenanhängekarte (Tab. 28.3).
Um alle Patienten in einem vertretbaren Zeitrahmen sichten zu können, soll die Sichtung pro Patient maximal zwei Minuten in Anspruch nehmen und ohne diagnostische Hilfsmittel erfolgen. Anschließend wird das Sichtungsergebnis auf einer geeigneten Verletztenanhängekarte dokumentiert und diese am Patienten befestigt. Die Versorgung der so gekennzeichneten, gesichteten und registrierten Patienten erfolgt dann an hierfür speziell z. B. durch eine SEG eingerichteten Plätzen.
Damit bei der Sichtung die schwer verletzten Patienten möglichst schnell identifiziert und markiert werden können, kommen AlgorithmenAlgorithmusPRIOR zur Anwendung. Nach dem PRIOR-Algorithmus (primäres Ranking zur initialen Orientierung im Rettungsdienst) untersucht der Notarzt mit Unterstützung des Rettungsdienstes die Patienten und vergibt nach den Untersuchungsergebnissen die Verletztenanhängekarte mit der Sichtungskategorie.

Leitstelle

Nicht nur im Rahmen eines EinsatzLeitstelleMassenanfalls von Verletzten oder Erkrankten, sondern auch im täglichen Rettungsdienst- RettungsdienstLeitstelleund Krankentransporteinsatz obliegt die Führung aller Rettungsmittel der LeitstelleLeitstelle eines Landkreises oder einer kreisfreien Stadt.
Leitstellentypen
Aufgrund unterschiedlicher geschichtlicher Entwicklungen und politischer Entscheidungen haben sich in den Bundesländern verschiedene Leitstellenformen mit unterschiedlichen Aufgabenstellungen etabliert:
  • Rettungsleitstellen

  • Feuerwehrleitstellen oder Feuerwehreinsatzzentralen

  • Integrierte Leitstellen

  • Kooperative Leitstellen

Rettungsleitstellen, die ausschließlich im Rahmen der rettungsdienstlichen Gesetzgebung tätig werden, koordinieren die Einsätze des Rettungsdienstes und Krankentransporteinsätze. Unter Umständen nehmen sie über die NotrufNummerNotrufnummer 112 auch Einsatzlagen der Feuerwehr an und geben diese nach Alarmierung der Feuerwehr an die zuständige Feuerwehreinsatzzentrale oder Feuerwehrleitstelle weiter.
Da durch die Auftrennung der Leitstellen für Rettungsdienst und Feuerwehr viele Synergieeffekte verloren gehen, werden zukünftig in der Integrierten LeitstelleintegrierteLeitstelle beide Dienste zusammengefasst. Die Mitarbeiter der Integrierten Leitstellen verfügen sowohl über eine feuerwehrtechnische als auch eine rettungsdienstliche Ausbildung. Diese wird durch eine leitstellenspezifische Weiterbildung ergänzt.
Seit einigen Jahren gibt es auch in Deutschland kooperative Leitstellen. Diese sind für alle Notrufe von Rettungsdienst, Feuerwehr und Polizei zuständig und entsprechend sind Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei auch gemeinsam in einer Leitstelle tätig. Formal und technisch sind dabei die beiden Bereiche der polizeilichen und nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr zwar noch getrennt, aber durch räumliche und organisatorische Maßnahmen (z. B. „Tisch an Tisch“ bzw. Glaswände mit Verbindungstüren) ist ein gemeinsames und engeres Zusammenarbeiten aller drei Bereiche möglich, wodurch Hilfeersuchen und Einsatzabwicklung besser und integrierend bearbeitet werden können. Aufgrund der unterschiedlichen Farben von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst spricht man auch von „bunten“ Leitstellen.
Leitstellenaufgaben
Das Personal der LeitstelleLeitstelleAufgaben nimmt die Notrufe entgegen, bewertet die Notrufmeldung und alarmiert geeignete Einsatzkräfte. Im Rettungsdienst ist die Leitstelle den eingesetzten Rettungskräften weisungsbefugt; ausgenommen davon sind lediglich medizinische Entscheidungen. Demgegenüber fungiert die Leitstelle der Feuerwehr als reine Alarmierungs- und Unterstützungszentrale. Der Feuerwehreinsatz wird vor Ort vom Einsatzleiter der Feuerwehr geführt, die Leitstelle wird lediglich unterstützend tätig.
Neben den typischen Leitstellenaufgaben, wie Notrufabfrage, Alarmierung der Einsatzkräfte, Heranführung der Kräfte an die Einsatzstelle, Durchführung der Nachalarmierungen und Verständigung anderer Dienststellen, werden von den meisten Leitstellen auch „sonstige Leitstellenaufgaben“ wahrgenommen, wie:
  • Entgegennahme Hausnotruf

  • Bereitschaftsdienst Ärzte und Apotheken

  • Handwerkernotdienste

  • Telefonvermittlung

Eine weitere Aufgabe der Disponenten in der Leitstelle ist die Anleitung einer Reanimation über das Telefon. Stellt sich im Rahmen des strukturierten Abfrageschemas in einem Notrufgespräch heraus, dass es sich am Einsatzort um eine reanimationspflichtige Person handelt, wird neben der Disponierung der Rettungsmittel parallel die TelefonreanimationTelefonreanimation angeleitet. Dabei erklärt der Disponent dem Anrufer genau, welche Schritte dieser einzuleiten hat, und ist dabei ein durchgehender Ansprechpartner. Die Telefonreanimation wird fortgeführt, bis die alarmierten Rettungsmittel am Einsatzort eintreffen und die Reanimation übernehmen.
Leitstellenausstattung
Die LeitstelleAusstattungLeitstelle ist 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr besetzt und über verschiedene Kommunikationswege an die Außenwelt angebunden. Zunächst finden sich die drahtgebundenen Kommunikationsmittel wie Telefon und Fax, darüber hinaus das drahtlose Kommunikationsmittel Funk. Etwa 90 % der Leitstellen in Rettungsdienst und Feuerwehr arbeiten EDV-gestützt mit einem Einsatzleitrechner. Über diesen werden alle Alarmierungen durchgeführt. Die Datenbanken unterstützen den Disponenten weiterhin bei der Zuordnung der Rettungsmittel zu den Einsätzen mithilfe einer Alarm- und Ausrückordnung. Hierin wird über ein Einsatzstichwort, z. B. „Hausunfall“, eine bereits im Vorfeld festgelegte RettungsmittelKetteRettungsmittelkette zur Alarmierung, z. B. auch in Abhängigkeit vom Einsatzort und der Tageszeit, vorgeschlagen. Die letztendliche Entscheidung zur Alarmierung trifft jedoch immer der Disponent.

Wiederholungsfragen

  • 1.

    Was verstehen Sie unter dem Begriff „Taktik?“ (28.1)

  • 2.

    Wozu dient der Führungskreis und welche Stationen beinhaltet er? (28.1)

  • 3.

    Welche Bedeutung kommt der Führung durch ersteintreffende Kräfte beim Massenanfall von Verletzten zu? (28.2)

  • 4.

    Welche Regeln gelten für ersteintreffende Kräfte bei einem Massenanfall von Verletzten? (28.2)

  • 5.

    Was verstehen Sie unter einer Integrierten Leitstelle? (28.3)

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