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B978-3-437-48043-0.00029-7

10.1016/B978-3-437-48043-0.00029-7

978-3-437-48043-0

Giftgasunfall mit Austritt von Nitrose-Gasen

[O429]

Einsatzstelle bei Nacht – Person im Bereich der nicht abgesicherten Einsatzstelle

[O429]

Person unter nicht gesichertem Heck (Spaltbildung)

[O429]

Zimmerbrand

[O429]

Radladerbrand

[O429]

Beispiele für Gefahrenklassen Gefahrenklassen

[E243]

Warntafel

[A400]

Auf Erkundung bei einem Gefahrgutunfall

[W254]

Dekontaminationsstelle

[W254]

Gefahrstoffe

Tab. 29.1
Buchstabe Gefahrstoffe
C chemisch
B biologisch
R radioaktiv
N nuklear

Gefahrenlehre, Brandbekämpfung, Gefahrgutunfälle

Sinan Özmen

  • 29.1

    Gefahren der Einsatzstelle524

  • 29.2

    Zusammenarbeit an der Einsatzstelle526

  • 29.3

    Brandbekämpfung526

  • 29.4

    Gefahrgutunfälle und Rettungsdienst527

    • 29.4.1

      Kennzeichnung gefährlicher Stoffe und Güter527

    • 29.4.2

      Taktische Vorgehensweise530

Neben der Behandlung und vor allem der Beförderung von Patienten sind im Rettungsdienst viele weitere Aufgaben zu bewältigen. Dabei bildet das Themengebiet der Gefahrenlehre einen großen Teil der Aus- und Weiterbildung zur Schaffung eines ausgeprägten Gefahrenbewusstseins, zur Sensibilisierung für die Wahrnehmung und Auswertung von Gefahrensignalen und zur Bildung von Verhaltensmustern für gefährliche Situationen. Ziel der Gefahrenlehre ist es, Gefahren zu erkennen, Gefahren zu bewältigen und Gefahren zu vermeiden.

Gefahren der Einsatzstelle

Der größte Teil rettungsdienstlicher Einsätze hat ausschließlich die Abwendung einer akuten Lebensgefahr für den Notfallpatienten zum Ziel. In der Regel ist der Patient frei zugänglich. Jedoch kommt es immer wieder zu Einsatzlagen, die zunächst der technischen Rettung des Patienten bedürfen. An diesen Einsatzstellen sind besondere Gefahren zu erwarten. Hier steht zunächst nicht die medizinische Versorgung im Vordergrund, sondern die Abwägung, ob eine Annäherung an den Patienten für das Rettungsfachpersonal überhaupt möglich ist. Unter subjektiv empfundenem Zeit- und Handlungsdruck ist es schwierig, zunächst eine EinsatzstelleRisikoanalyseRisikoanalyse zu erstellen und nicht dem Handlungsdruck nachzugeben. Eine Möglichkeit der systematischen Erfassung möglicher Gefahren der Einsatzstelle stellt das GefahrenschemaGefahrenschema dar.

Merke

Gefahrenschema (4A-1C-4E-Regel)

A temgifte
A usbreitung
A tomare Gefahren
A ngstreaktionen
C hemische Gefahren
E lektrizität
E xplosion
E insturz
E rkrankung/Verletzung
Je nach Literatur wird die 4A-1C-4E-Regel durch Hinzufügen von
  • A bsturz

  • B iologische Gefahren

  • E rtrinken/Wassergefahren

zur 5A-1B-1C-5E-Regel erweitert. Das Gefahrenschema hilft bei konsequenter Anwendung, mögliche Gefahren der Einsatzstelle zu erkennen und, falls der Rettungsdienst über entsprechende Möglichkeiten verfügt, sich davor zu schützen. Im Folgenden sind beispielhafte Einsatzsituationen aufgeführt, um zu verdeutlichen, wie das Gefahrenschema eingesetzt werden kann (Abb. 29.1, Abb. 29.2, Abb. 29.3).

Beispiel

Beispiele für Gefahren an Einsatzstellen

  • Atemgifte: EinsatzstelleGefahrenWohnungsbrände, Fahrzeugbrände, Unfälle in Schwimmbädern

  • Ausbreitung: alle Brandeinsätze, auslaufende Flüssigkeiten, Infektionskrankheiten

  • Atomare Gefahren: Straßenverkehr, radiologische Arztpraxen, Industriegebäude

  • Angstreaktionen: Verkehrsunfälle, Massenveranstaltungen

  • Absturz: Höhenrettung, Absturzsicherung

  • Biologische Gefahren: Infektionserkrankungen, Tiere

  • Chemische Gefahren: Unfälle auf den Verkehrsträgern, Industrieanlagen, Lagerhallen

  • Elektrizität: Bahnunfälle, Betriebsunfälle, Hausunfälle

  • Explosion: Gasausströmung, Brandeinsätze, Unfälle mit gefährlichen Stoffen

  • Einsturz: Unfälle auf Baustellen, Gebäudeeinstürze, Hochbauunfälle

  • Erkrankung/Verletzung: bei allen vorstehenden Beispielen möglich

  • Ertrinken/Wassergefahren: Tauch- und Wassersport

Die Gefahren der Einsatzstelle wirken sowohl auf die Einsatzkräfte als auch auf die betroffenen Personen. An jeder Einsatzstelle ist abzuwägen, ob das Gefährdungspotenzial ein Risiko für die Einsatzkräfte darstellt oder der Zugang zum Patienten ohne Eigengefährdung möglich ist. Im Zweifelsfall ist das Eintreffen der Feuerwehr abzuwarten.

Zusammenarbeit an der Einsatzstelle

Besonders im Bereich der technischen Rettung ist die ZusammenarbeitEinsatzstelleZusammenarbeit mit der Feuerwehr erforderlich. Hier kann es unter Umständen zu Konflikten kommen, wenn Rettungsdienst und Feuerwehr voneinander abweichende Vorstellungen zur Einsatzabwicklung haben und in unterschiedlichen Führungsstrukturen agieren. Grundsätzlich ist der Einsatzleiter der Feuerwehr im Bereich der Einsätze mit technischer Rettung auch Gesamteinsatzleiter und trägt somit die Verantwortung für alle Entscheidungen im Einsatzverlauf. Um die Zusammenarbeit möglichst reibungslos zu gestalten, sollten folgende Regeln beachtet werden:
  • Nach Eintreffen umgehend beim Einsatzleiter melden

  • Gemeinsame Lagefeststellung/Lagebeurteilung

  • Ablauf der rettungsdienstlichen Versorgung festlegen

  • Ablauf der technischen Rettung festlegen

  • Festlegung der Raumstrukturen an der Einsatzstelle

Immer wieder stellt sich die Fahrzeugaufstellung an gemeinsamen Einsatzstellen als problematisch dar. Grundsätzlich müssen die Fahrzeuge der Feuerwehr direkt an die Einsatzstelle heranfahren können und verlassen die Einsatzstelle erst nach Einsatzende. Für die Fahrzeuge des Rettungsdienstes gilt daher der Grundsatz, die Fahrzeuge in ausreichendem Abstand zur Einsatzstelle zu positionieren. Diese Vorgehensweise stellt sicher, dass alle Rettungsmittel auch während des Einsatzes mit Patienten die Einsatzstelle ungehindert verlassen können.

Brandbekämpfung

Wie kaum eine andere Gefahr an der Einsatzstelle erfordert ein BrandbekämpfungEntstehungsbrand (Abb. 29.4 und Abb. 29.5) sofortiges und entschlossenes Eingreifen des Rettungsfachpersonals. Gerade wenn Personen durch das Feuer gefährdet und nur durch Eigengefährdung zu befreien sind, kann das Eintreffen der Feuerwehr nicht abgewartet werden. Das dem Rettungsfachpersonal immer zur Verfügung stehende Löschgerät ist der FeuerlöscherFeuerlöscher, ein sogenanntes Kleinlöschgerät.
Nach DIN EN 1789 befindet sich auf jedem Rettungswagen ein PulverlöscherPulverlöscher mit 8 kg Löschpulvervorrat. Das Löschmittel Pulver wird durch gespeicherte oder bei Inbetriebnahme erzeugte Druckenergie ausgestoßen. Feuerlöscher dienen grundsätzlich nur der Bekämpfung von Entstehungsbränden. Aufgrund des begrenzten Vorrats an Löschmittel haben sie nur eine Löschdauer von wenigen Sekunden. Diese Tatsache bedingt die Einhaltung einiger weniger taktischer Grundregeln, um den größtmöglichen Löscherfolg zu erzielen.

Merke

Taktische Regeln für die Brandbekämpfung

  • Immer mit der Windrichtung vorgehen!

  • Löschmittel von vorne und unten beginnend in die Flammen einbringen!

  • Löschmittel gezielt auf den Brandherd geben!

  • Löschmittel stoßweise aufbringen!

  • Löschmittelreserven für Rückzündungen bereithalten!

Neben dem Pulverlöscher in verschiedenen Größen kommen, je nach Brandklasse, auch Kohlendioxidlöscher, Wasserlöscher und Schaumlöscher sowie Löscher mit speziellen Löschmitteln für besondere Gefährdungspotenziale zum Einsatz. Um die Löschmittel den verschiedenen Brandgeschehen eindeutig zuordnen zu können, wurden alle brennbaren Stoffe verschiedenen BrandklassenBrandklassen zugeteilt.

Merke

Brandklasseneinteilung

  • Brandklasse A: brennbare feste Stoffe

  • Brandklasse B: brennbare flüssige/flüssig werdende Stoffe

  • Brandklasse C: brennbare Gase

  • Brandklasse D: brennbare Leichtmetalle

  • Brandklasse F: Fettbrände

Das Ablöschen von Personen ist bei allen aufgeführten Löschmitteln unbedenklich; die zur Anwendung kommenden Löschmittel sind nicht gesundheitsschädlich. Sie sollten jedoch nicht direkt im Gesichtsbereich eingesetzt werden. Sowohl die mechanische als auch die löschmittelspezifische Wirkung (es könnte z. B. feinkörniges Löschpulver ins Auge gelangen) können nachteilige Folgen in Form von Reizungen der Schleimhäute und der Augen für den Patienten haben. Das Einatmen der Brandgase oder die thermischen Verletzungen durch das Feuer sind als höhere Gefahr für den Patienten einzuordnen. Durch rasches und überlegtes Handeln lässt sich jeder Entstehungsbrand unter Kontrolle bringen. Dazu ist der sichere Umgang mit dem Feuerlöscher, neben dem taktischen Wissen zur Brandbekämpfung, Voraussetzung für den Erfolg.

Gefahrgutunfälle und Rettungsdienst

Im Rettungsdienst kommt es immer wieder zu Einsätzen,Gefahrgutunfall bei denen die Vorgehensweise im Umgang mit gefährlichen Stoffen und Gütern bekannt sein muss, z. B. im Rahmen von Unfällen im Straßenverkehr oder in gewerblichen Bereichen. Da diese Einsätze selten sind, fehlen dem Rettungsdienstpersonal oftmals entsprechende Bewältigungsstrategien. Hinzu kommen Gefahren, die nicht direkt erkennbar sind und daher übersehen werden können.
Es sind Situationen denkbar, in denen Patienten mit gefährlichen Stoffen in Berührung gekommen sind. Patienten können eingeklemmt und/oder schwer verletzt, aber für den Rettungsdienst, bedingt durch die Gefährlichkeit der transportierten Güter, nicht zugänglich sein. In diesen Einsatzlagen sind die enge Zusammenarbeit mit der Feuerwehr, Basiswissen im Umgang mit gefährlichen Stoffen und Gütern sowie eine klar strukturierte Vorgehensweise von entscheidender Bedeutung für den rettungsdienstlichen Einsatzerfolg.
Unter dem Kürzel CBRN lassen sich die in Tab. 29.1 aufgeführten GefahrstoffgruppenGefahrstoffGruppen klassifizieren.

Kennzeichnung gefährlicher Stoffe und Güter

Gefährliche Stoffe und Güter GefahrstoffKennzeichnungbegegnen dem Rettungsdienst im Bereich nahezu aller Verkehrsträger, insbesondere aber auf der Schiene und der Straße. Etwa 60 % aller gefährlichen Stoffe und Güter werden auf der Straße transportiert. Der übrige Teil erfolgt über Bahn und Seewege. Der Transport erfolgt grundsätzlich in zwei Formen:
  • als Stückgut (flüssig, fest oder gasförmig) auf entsprechenden Lastkraftwagen oder

  • als Flüssigkeit oder Gas in Tankfahrzeugen.

Unter bestimmten Bedingungen unterliegen Transporte gefährlicher Stoffe und Güter einer Kennzeichnungspflicht. Die Kennzeichnung wurde mittlerweile EU-weit vereinheitlicht, sodass auch das von Fahrzeugen aus Anrainerstaaten ausgehende Gefahrenpotenzial eindeutig klassifizierbar ist. In der Praxis bleibt die Stoffidentifikation dennoch ein großes Problem, da die Kennzeichnung durch Spediteure und Fahrer nicht in jedem Fall konsequent eingehalten wird.
Kennzeichnung an der Verpackung
Die Kennzeichnung eines Gefahrgutes erfolgt an der Verpackung mittels eines GefahrenzettelsGefahrenzettel. Hierbei handelt es sich um ein auf die Spitze gestelltes Quadrat. Darauf findet sich ein meist eindeutiges Symbol, das die vom Stoff ausgehende Gefahr beschreibt (Abb. 29.6). Bei Tankfahrzeugen oder Aufsetztanks sind ein oder mehrere Gefahrenzettel auch am Tank angebracht.
Kennzeichnung am Transportfahrzeug
Unter bestimmten Voraussetzungen ist auch eine Kennzeichnung des Transportfahrzeuges erforderlich. Diese erfolgt über eine in zwei Hälften geteilte orangefarbene WarntafelWarntafel. In der oberen Hälfte steht die Nummer zur Kennzeichnung der Gefahr und in der unteren Hälfte die Nummer zur Kennzeichnung des Stoffes (Abb. 29.7).
Gefahrkennzeichnung
Die Nummer zur Kennzeichnung der Gefahr besteht aus zwei oder drei Ziffern. Die Verdopplung einer Ziffer weist auf die Zunahme der Gefahr hin. Die erste Ziffer beschreibt die Hauptgefahr, die zweite Ziffer die Nebengefahr. Wenn die Gefahr eines Stoffes ausreichend von einer einzigen Ziffer angegeben werden kann, wird dieser Ziffer eine Null angefügt.
Das „X“ vor der Gefahrnummer Gefahrstoffweist darauf hin, dass der Stoff in gefährlicher Weise mit Wasser reagiert. Die Kennzeichnung mit dem Buchstaben „X“ hat auch rettungsdienstliche Bedeutung: Kontaminierte Patienten dürfen nicht mit Wasser dekontaminiert werden. Ist ein Patient mit einer so gekennzeichneten Substanz kontaminiert, ist er auch schnellstmöglich gegen Regen zu schützen.
Findet sich an einem Stückgutfahrzeug oder einem Tanklastzug eine leere, aber sichtbare orange Warntafel, werden auf diesem Fahrzeug unterschiedliche gefährliche Stoffe und Güter transportiert. Soweit es sich um Fahrzeuge mit mehreren Kammern handelt, ist an Tanklastzügen seitlich an jeder Kammer eine weitere Warntafel mit der Kennzeichnung des Stoffes in der jeweiligen Kammer montiert. Bei Stückgutfahrzeugen findet sich die Stoffkennzeichnung am Stückgut auf der Ladefläche.

Merke

Bedeutung der Warntafel-Kennziffern

2: Entweichen von Gas durch Druck oder durch chemische Reaktion WarntafelKennziffern
3: Entzündbarkeit von flüssigen Stoffen (Dämpfen) und Gasen
4: Entzündbarkeit fester Stoffe
5: oxydierende (brandfördernde) Wirkung
6: Giftigkeit
7: Radioaktivität
8: Ätzwirkung
9: Gefahr einer spontanen heftigen Reaktion
0: ohne Bedeutung
Stoffkennzeichnung
Die Nummer zur Kennzeichnung des Stoffes besteht immer aus vier Ziffern, mit Ausnahme der Kennzeichnung von Explosivstoffen und explosionsfähigen Stoffen, die lediglich mit drei Ziffern dargestellt werden. Die Identifikation des Stoffes erfolgt mithilfe von Datenbanken oder in Nachschlagewerken, die jeweils in den Leitstellen vorgehalten werden.

Beispiel

Beispiele für Nachschlagewerke

  • Hommel G. (Hrsg.): Handbuch der gefährlichen Güter, 30. Auflage. Springer-Verlag, Heidelberg 2016

  • Six: Schnellinformation Gefahrgut. Medienverlag, Karlsruhe 1988

  • Nüßler HD: Gefahrgut-Ersteinsatz, 8. Auflage. Storck Verlag, Hamburg 2013

  • Kühn R., Birett K.: Gefahrgut-Schlüssel. ecomed Verlagsgesellschaft, Landsberg 2016

  • Birett K., Ridder K.: Gefahrgut-Merkblätter. ecomed Verlagsgesellschaft, Landsberg 2015

Dazu kommen zahlreiche EDV-Anwendungen, entweder in entsprechende Leitstellenrechner integriert oder als transportable Geräte zur Direktinformation an der Schadenstelle.
Transportunfall-, Informations- und Hilfeleistungssystem
Eine zusätzliche Informations- und Beratungsquelle bei Unfällen mit gefährlichen Stoffen und Gütern ist das von der chemischen Industrie ins Leben gerufene Transportunfall-, Informations- und Hilfeleistungssystem TransportUnfall-, Informations- und Hilfeleistungssystem(TUIS). Ziel dieses Informationssystems ist eine Regelung der Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Feuerwehren und den Experten der chemischen Industrie bei Transportunfällen auf allen Verkehrswegen. Die Hilfe erfolgt auf Anforderung durch die zuständige Leitstelle in drei Stufen:
  • Fachberatung am Telefon

  • Beratung am Unfallort

  • Beratung und aktive Hilfe mit Firmenausrüstung am Unfallort

Weitere Informationen über TUIS und die angeschlossenen Firmen sind zu erhalten beim Verband der Chemischen Industrie e. V. in Frankfurt/Main, Telefon: 069/2556–0, Homepage: www.vci.de.
Neben möglicher Unterstützung der Feuerwehr in technischen Fragen kann auch der Rettungsdienst über dieses Informationssystem stoffspezifische und medizinische Versorgungsinformationen erhalten.

Taktische Vorgehensweise

Aufgrund der Gefahrenvielfalt, die von vielen gefährlichen Stoffen und Gütern ausgeht, hängt der Einsatzerfolg stark von der Vorgehensweise ab. Hier sind grundsätzlich zwei Szenarien für den Rettungsdienst denkbar, in denen unterschiedliche taktische Vorgehensweisen gefordert sind.
Gefahrgutunfall bekannt
Wird der Rettungsdienst Gefahrgutunfallzu einem bei der Alarmierung bekannten Gefahrgutunfall nachgefordert, befindet sich die Feuerwehr unter Umständen bereits an der Einsatzstelle. In diesem Fall ist das Fahrzeug mit ausreichendem Abstand zur Einsatzstelle aufzustellen. Anschließend meldet sich der Fahrzeugführer des RTW oder NEF beim Einsatzleiter der Feuerwehr. Das weitere Vorgehen wird hier festgelegt, eigenmächtige Entscheidungen sind zu unterlassen. Befindet sich die schon alarmierte Feuerwehr noch nicht vor Ort, ist deren Eintreffen vor weiteren Maßnahmen abzuwarten.
Gefahrgutunfall nicht bekannt
Wesentlich komplizierter stellt sich die Lage dar, wenn die Einsatzmeldung der Leitstelle nicht auf einen Gefahrgutunfall schließen ließ bzw. dieser durch die Leitstelle nicht als ein solcher erkannt wurde. Die Besatzung des eintreffenden Rettungsmittels sollte daher bei Verkehrsunfällen, Eisenbahnunfällen oder rettungsdienstlichen Lagen auf Lastschiffen oder im Bereich von Lagerhallen immer auf folgende Hinweise achten:

Merke

Mögliche Hinweise auf einen Gefahrgutunfall

  • Sind Lastkraftwagen, Tanklastfahrzeuge, Kesselwaggons, Tankschiffe oder Lagerhallen beteiligt?

  • Ist Qualm- oder Rauchentwicklung erkennbar?

  • Sind ausgetretene Substanzen erkennbar?

  • Sind besondere Gerüche/Geräusche wahrnehmbar?

  • Stehen Personen mit auffälligen Verhaltensweisen (z. B. Reizhusten) an der Einsatzstelle?

Diese Aufzählung ist nicht vollständig. Durch Beachtung vorstehender Hinweise wird aber zumindest die Gefahr reduziert, unbedacht in eine Einsatzsituation zu geraten, die auch für die Einsatzkräfte ein hohes Gefahrenpotenzial birgt.
Können eine oder mehrere der vorstehenden Fragen positiv beantwortet werden, ist abzuwägen, ob eine weitere Erkundung ohne Selbstgefährdung überhaupt durchführbar ist. Die Einsatzstelle sollte dann weiträumig umgangen und von mehreren Seiten erkundet werden, bevor eine sorglose Annäherung erfolgt (Abb. 29.8). Im Rahmen der Erkundung sind folgende Fragestellungen für die weitere Einsatzentwicklung wichtig:

Merke

Erkundung Gefahrgutunfall

  • Art und Umfang des GefahrgutunfallErkundungGeschehens?

  • Sind Personen betroffen und/oder kontaminiert?

  • Sind Personen eingeklemmt?

  • Kennzeichnung des/der Fahrzeuge sichtbar?

  • Tritt Substanz aus und in welcher (geschätzten) Menge?

  • Sind sonstige Gefahren erkennbar?

Insbesondere bei Gefahrgutunfällen muss nach der Erkundung sofort eine Rückmeldung an die Leitstelle erfolgen. Die Rückmeldung sollte das Erkundungsergebnis wiedergeben und so abgefasst sein, dass sich der Leitstellendisponent ein Bild von der Lage vor Ort machen kann. Je schneller und präziser die Rückmeldung abgesetzt wird, umso exakter kann der Leitstellendisponent die notwendigen Einsatzkräfte auswählen und alarmieren.
Sind Patienten mit dem frei gewordenen Gefahrgut in Berührung gekommen und/oder mit dem Stoff kontaminiert, muss vor der Versorgung immer eine Dekontamination Dekontaminationdes Patienten in geeigneten mobilen Einrichtungen erfolgen (Abb. 29.9). Dekontaminationseinrichtungen werden, abhängig von den regionalen Gegebenheiten, durch die Feuerwehren oder die Hilfsorganisationen vorgehalten.
Bei der Einrichtung einer Notdekontamination erfolgt eine strikte Aufteilung in einen weißen und einen schwarzen Bereich. Kontaminierte Patienten werden durch Einsatzkräfte dekontaminiert, der Gefahrstoff wird entfernt und sämtliche Patientenkleidung gesichert. Diese Maßnahmen geschehen im schwarzen Bereich. Nach Abschluss der Dekontamination dürfen die Patienten den weißen Bereich betreten. Auch Einsatzkräfte, die sich im Gefahrenbereich aufgehalten oder gearbeitet haben, durchlaufen die Dekontamination und dürfen erst dann den weißen Bereich betreten. So wird sichergestellt, dass es zu keiner Kontaminationsverschleppung kommt.
Die Gesamteinsatzleitung liegt in diesen Fällen aufgrund der zentralen Bedeutung der Eindämmung von speziellen Gefahrenpotenzialen ebenfalls bei der Feuerwehr. Schwerpunktaufgabe des Rettungsdienstes ist nur die Versorgung der durch die Feuerwehr geretteten Personen außerhalb des Gefahrenbereichs. Dieser wird durch die Feuerwehr festgelegt. Ihr stehen für die Festlegung der Fläche des Gefahrenbereichs besondere Erkenntnisse, z. B. Messungen der Konzentration einer Substanz in der Umluft, zur Verfügung. Zwischen dem Einsatzleiter der Feuerwehr und den Rettungskräften besteht ein hoher Abstimmungsbedarf, um eigene Einsatzkräfte nicht zu gefährden. Grundsätzlich gilt die GAMS-Regel:GAMS-Regel

Merke

GAMS-Regel

G efahr erkennen
A bsperren
M enschenrettung, wenn möglich
S pezialkräfte nachfordern

Wiederholungsfragen

  • 1.

    In welchen Bereichen kann der Rettungsdienst mit gefährlichen Stoffen und Gütern konfrontiert werden und wo liegen die besonderen Gefahren? (29.1.)

  • 2.

    Welche Umstände können an Einsatzstellen auf einen Gefahrgutunfall hinweisen? (29.4.1, 29.4.2)

  • 3.

    Was bedeuten die oberen/unteren Ziffern auf einer orangefarbenen Warntafel? (29.4.1)

  • 4.

    Welche Fakten sind bei einem Gefahrgutunfall zu erkunden? (29.4.2)

  • 5.

    Was verstehen Sie unter den Begriffen Kontamination/Dekontamination? (29.4.2)

  • 6.

    Wofür stehen die Buchstaben GAMS in der Merkregel? (29.4.2)

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