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B978-3-437-48043-0.00025-X

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978-3-437-48043-0

Möglichkeiten der Giftaufnahme GiftAufnahme

[A400]

Suizidversuch mit Tabletten

[K183]

Angeritzte Mohnkapsel

[W170]

Cannabisstaude

[W170]

a) Kohlenmonoxidvergiftung durch Holzkohlenfeuer im geschlossenen Raum; b) Rosafärbung der Haut durch Kohlenmonoxidvergiftung

[M235]

Überblick über Intoxikationen mit ArzneimittelnArzneimittelvergiftung

Tab. 25.1
Substanzgruppe Beispiele für Handelsnamen Spezielle Symptome Spezielle Therapie Bemerkungen
Barbiturate („Schlafmittel“) Luminal®
  • Narkoseähnlicher Schlaf

  • Blasenbildung auf der Haut (Auflagestellen)

symptomatisch
  • Hohe Sterblichkeit

  • Wirkungsverstärkung in Kombination mit Alkohol

Psychopharmaka
  • Benzodiazepine

  • Neuroleptika

  • Antidepressiva

  • Valium®

  • Tavor®

  • Haldol®

  • Aponal®

  • Narkoseähnlicher Schlaf

  • Extrapyramidal-motorisches Syndrom

  • Anticholinerges Syndrom

  • Antidot Flumazenil (z. B. Anexate®) i. v.

  • Symptomatisch

Benzodiazepine:
  • Verwendung auch als Schlafmittel (haben Barbiturate verdrängt)

  • Flumazenil hat eine kürzere Halbwertszeit als die Benzodiazepinwirkung; daher ist mit erneuter Eintrübung zu rechnen.

Kardiaka
  • Betablocker

  • Kalziumantagonisten

  • Antiarrhythmika

  • ACE-Hemmer

  • Herzglykoside

  • Parasympatholytika

  • Antihypertonika

  • Beloc®

  • Dilzem®

  • Rytmonorm®

  • Delix®

  • Novodigal®

  • Atropin®

  • Amlopidin®

sehr unterschiedlich; je nach der Wirkungsweise der Medikamente:
  • Neurotoxisch: Sehstörungen, Kopfschmerzen, Schwindel, Ohrensausen, Bewusstseinsstörungen

  • Gastrointestinal: Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö

  • Kardiovaskulär: Herzrhythmusstörungen aller Art (7.5), Blutdruckabfall, Tachykardie/Bradykardie

  • Respiratorisch: Dyspnoe, respiratorische Insuffizienz bis Apnoe

symptomatisch
  • Hohe Letalität

  • Alle Antiarrhythmika können neue Herzrhythmusstörungen auslösen.

Intoxikationen

Jürgen Luxem

  • 25.1

    Allgemeine Toxikologie446

  • 25.2

    Elementar- und Basismaßnahmen im Vergiftungsnotfall447

  • 25.3

    Spezielle Vergiftungen448

    • 25.3.1

      Intoxikationen mit Arzneimitteln448

    • 25.3.2

      Drogenintoxikationen448

    • 25.3.3

      Kohlenoxidintoxikationen451

Jede chemische Substanz kann allein oder in Kombination zu Funktionsbeeinträchtigungen des Körpers führen. Ob sie eine Giftwirkung entfalten kann, ist abhängig von der Substanzmenge (Dosis). Wird eine Grenzdosis überschritten, schädigt die Substanz den Körper. Dieser Vorgang wird als VergiftungVergiftung (IntoxikationIntoxikation) bezeichnet.

Merke

„Alle Dinge sind Gift und nichts ist ohne Giftigkeit. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“

(Paracelsus, 1493–1541)

Bei endogenen Vergiftungen wirken körpereigene Substanzen als GiftGift. Sie entstehen als Folge von Stoffwechselentgleisungen im Körper. Exogene Vergiftungen werden durch die Aufnahme körperfremder Gifte verursacht.

Allgemeine Toxikologie

Giftaufnahme
Bei Vergiftungen werden verschiedene Aufnahmewege (Abb. 25.1) unterschieden. Gifte können über Magen oder Darm, die Atemwege oder über die Haut aufgenommen werden. Auf allen drei Wegen gelangen sie ins Blut und können den Körper schädigen.
Giftwirkung
Nach der Aufnahme in GiftWirkungden Körper können Gifte den Organismus auf unterschiedliche Weise schädigen:
  • Direkte Schädigung des Körpers (Primärschaden) durch

    • Unmittelbare Giftwirkung am Zielorgan: direkte und akute Beeinträchtigung von Vitalfunktionen (z. B. führt eine Opiatintoxikation zu einer Blockierung der Opiatrezeptoren, wodurch Atemstillstand und Bradykardie verursacht werden können)

    • Mittelbare Giftwirkung am Zielorgan: direkte, aber chronische Beeinträchtigung von Organen (z. B. beeinträchtigt langjähriger Alkoholabusus die Leberfunktion, was zu einer Leberzirrhose führen kann)

  • Indirekte Schädigung des Körpers (Sekundärschaden) durch Ausfall von Schutzreflexen und Bewusstseinsstörungen infolge der Gifteinwirkung auf andere Organsysteme (z. B. führt eine Überdosierung mit Benzodiazepinen zum Koma; dadurch kommt es zum Verlust der Schutzreflexe; es droht Aspiration bei Erbrechen, gefolgt von Hypoxie und Atemstillstand)

Entgiftung
Um das Gift wieder aus dem Körper zu entfernen, werden je nach Giftstoff folgende Methoden der EntgiftungEntgiftung angewandt:
Dekontamination
Die Maßnahmen der DekontaminationVergiftungDekontamination zielen auf die Verhinderung der Giftaufnahme durch Unterbrechung des Kontakts zwischen Patient und Gift. Die Dekontaminationsverfahren orientieren sich am Aufnahmeweg des Giftes.
  • Für Vergiftete mit oral aufgenommenen Giftstoffen ist die Magenentleerung mithilfe der MagenSpülungMagenspülung möglich. Aufgrund der hohen Komplikationsrate wird die Indikation zur Magenspülung jedoch sehr zurückhaltend gestellt, wenn seit der Giftaufnahme bereits mehr als eine Stunde vergangen ist.

  • Durch InhalationsgifteInhalationsgifte bedrohte Personen müssen so schnell wie möglich aus der toxischen Umgebung an die frische Luft gebracht werden.

  • Über die Haut eingedrungene Toxine (KontaktgifteKontaktgifte) werden durch Reinigungsmaßnahmen von der Haut entfernt.

Neutralisation
Als Neutralisation, VergiftungNeutralisation wird die Umwandlung der giftigen Substanz in nicht resorbierbare oder weniger giftige Substanzen (GiftInaktivierungGiftinaktivierung) verstanden.
  • Aktivkohle kann große Mengen an oral aufgenommenen Giften im Magen binden und die Resorption der Gifte verhindern.

  • Oleum paraffinum (Paraffinöl) bindet organische Lösungsmittel (fettlösliche Substanzen) wie Benzin und Petroleum und kann die weitere Resorption verhindern.

  • Bei Einnahme von Schaum bildenden Substanzen (Tenside) kommen Entschäumer (z. B. Sab Sab simplex®simplex®) zum Einsatz. Durch Verringerung der Oberflächenspannung werden die Schaumblasen zerstört.

Elimination
Die Elimination, VergiftungElimination fördert die beschleunigte Giftausscheidung aus dem Körper über
  • die natürlichen Ausscheidungswege Blase, Darm, Niere (forcierte Diurese) und Lunge oder

  • Hämodialyse oder Hämofiltration.

In der Regel ist das Eliminationsverfahren der weiterbehandelnden Klinik vorbehalten.
Antidottherapie
Gegengifte (Gegengift siehe AntidotAntidotVergiftungAntidote) zielen auf die Inaktivierung der Giftwirkung durch direkte chemische und physikalische Reaktionen am Giftstoff selbst oder durch Verminderung der pharmakologischen Wirkung am Organ oder Rezeptor.

Elementar- und Basismaßnahmen im Vergiftungsnotfall

Elementarmaßnahmen
MedikamenteVergiftungBei jedem Verdacht auf eine Vergiftung müssen Faktoren berücksichtigt werden, die eine Einschätzung der Gefährlichkeit des mutmaßlichen Giftstoffes und seiner Wirkung auf den Organismus ermöglichen:
  • Liegt eine Gefährdung für das Rettungsfachpersonal vor? Wenn ja, in welcher Weise und in welchem Umfang? Welche Vorkehrungen sind zu treffen (Eigenschutz)?

  • Liegt überhaupt eine Vergiftung vor?

  • Welcher Art und Menge ist das aufgenommene Gift?

  • Besteht die Möglichkeit einer speziellen Antidottherapie oder muss symptomatisch behandelt werden?

Die Beantwortung der ersten Frage ist von entscheidender Bedeutung, denn die Behandlung von Vergifteten beginnt erst dann, wenn die Gefahren an der Einsatzstelle unter Kontrolle oder beseitigt sind bzw. sich der Betroffene außerhalb des Gefahrenbereichs befindet.

Merke

Die Eigensicherung ist die wichtigste Elementarmaßnahme! Kontaktgifte, z. B. E605, können bei ungeschütztem Patientenkontakt auf das Rettungsfachpersonal übertragen werden und dieses lebensgefährlich vergiften.

Die beiden nächsten Fragen sind meistens nur schwer zu beantworten, da die ersten Vergiftungssymptome oft sehr uncharakteristisch sind und überwiegend aus Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und/oder Schwindel bestehen. Daher ist grundsätzlich bei jedem Verdacht auf einen toxikologischen Notfall der Notarzt zu alarmieren. In dieser Situation ist die genaue und gezielte Anamneseerhebung von entscheidender Bedeutung, um für die medizinische Versorgung möglichst viele und genaue Informationen über die Vergiftung zu erhalten.
Durch gezielte Fragen an den Patienten (Anamnesebei VergiftungEigenanamnese) und seine Angehörigen (Fremdanamnese) sollten folgende Fragen beantwortet werden:
  • Wer hat das Gift eingenommen (Alter, Gewicht, Vorerkrankungen)?

  • Wann begann die Giftexposition?

  • Warum kam es zu der Vergiftung (Suizidabsichten, Arbeitsunfall, Unfall)?

  • Welche(s) Gift(e) hat/haben die Intoxikation herbeigeführt (möglichst genaue Identifizierung)?

  • Wie viel wurde aufgenommen (Dosis, möglichst genaue Menge, ggf. potenzielle Maximalmenge)?

  • Worüber wurde das Gift aufgenommen (Aufnahmeweg in den Körper)?

Merke

Die Früherkennung einer Vergiftung und das Einleiten einer zielgerichteten Therapie können lebensrettend sein.

Basismaßnahmen
Die medizinischen Basismaßnahmen zielen auf die Erhaltung und Wiederherstellung der Vitalfunktionen des Patienten. Verlegte Atemwege werden freigemacht und freigehalten, ggf. werden die Patienten unter Zuhilfenahme eines Beatmungsbeutels beatmet. Reanimationsmaßnahmen werden nach den Standardverfahren durchgeführt. Bewusstlose werden in die stabile Seitenlage gebracht, die bei vorliegendem Kreislaufschock mit der Schocklage kombiniert werden kann. Alle Vergifteten erhalten, in Abhängigkeit von ihrem klinischen Zustand, eine ausreichende Menge an Sauerstoff. Wenn die Möglichkeit einer speziellen Antidottherapie besteht, wird diese frühzeitig durchgeführt.

Merke

Kein Patientenkontakt ohne Schutzhandschuhe! Keine Mund-zu-Mund-Beatmung!

Spezielle Vergiftungen

Intoxikationen mit Arzneimitteln

MedikamenteVergiftungVergiftungen mit ArzneimittelvergiftungArzneimitteln nehmen mit etwa 60 bis 90 % den größten Anteil unter den Vergiftungen ein. Drei Viertel aller Suizidversuche werden mit Arzneimitteln unternommen (Abb. 25.2). Bei etwa 40 % liegt eine MischintoxikationMischintoxikation mit Alkohol vor, die meistens die Arzneimittelwirkung verstärkt. Am häufigsten sind Vergiftungen mit rezeptpflichtigen Schlaf- bzw. Beruhigungsmitteln und Psychopharmaka, VergiftungPsychopharmaka (Neuroleptika, Antidepressiva). Darunter haben die BenzodiazepineVergiftungBenzodiazepine die zahlenmäßig größte Bedeutung.
Aber auch rezeptfreie Substanzen wie Paracetamol, Aspirin® oder Antihistaminika können lebensbedrohliche Störungen hervorrufen. Vor diesem Hintergrund ist festzuhalten, dass Intoxikationen mit nahezu allen Medikamenten – verschreibungspflichtigen wie verschreibungsfreien – möglich sind (Tab. 25.1).

Merke

„Was im Haus ist, wird genommen.“

Drogenintoxikationen

Suchtmittel (DrogenDrogen)Suchtmittel sind körperfremde Substanzen, die im Organismus differenzierte Wirkungsweisen entfalten (z. B. Stimulation, Rausch, Euphorie, Sedierung) und zu Toleranzentwicklung und Abhängigkeit führen.
Folgende Stoffe können Abhängigkeiten entwickeln und den Körper schädigen:
  • Alkohol

  • Opiate (Abb. 25.3)

  • Cannabisprodukte (Abb. 25.4)

  • Halluzinogene, z. B. LSD

  • Nikotin

  • Lösungsmittel/Inhalantien, z. B. Verdünner, Fleckenwasser, Benzin

  • Designerdrogen

Alkohol
Der missbräuchliche Konsum von AlkoholvergiftungAlkohol ist das größte und wichtigste Drogenproblem. Der Anteil an alkoholbedingten Todesfällen an allen Todesfällen im Alter zwischen 35 und 65 Jahren beträgt bei Männern 25 % und bei Frauen 13 % (insges. 21 %). Alkoholkonsum führt vielfach zu körperlichen, geistigen und sozialen Problemen.
Symptome
Es werden in Abhängigkeit von der BlutalkoholkonzentrationBlutalkoholkonzentration im Körper (BAK in Promille [‰]) unterschieden (durch eine individuelle Gewöhnung der Patienten können sich die Promilleangaben der einzelnen Stadien nach oben verschieben):
  • Exzitation (= euphorisches Stadium, 1–2 ‰)

    Euphorie, Aggressivität, Unruhe, Enthemmung, Rausch, Hyperventilation, gerötete Augen, Gleichgewichtsstörungen, lallende Sprache, Erbrechen, Foetor, Tachykardie

  • Hypnose (= Rauschstadium, 2–2,5 ‰)

    Bewusstseinsstörung (aus Schlaf erweckbar), eingeschränkte Schmerzwahrnehmung, Pupillen eng bis mittelweit, Amnesie, Haut heiß und trocken, Muskelerschlaffung, Hypoglykämie

  • Narkose (2,5–4 ‰)

    Bewusstlosigkeit, Blutdruckabfall, Tachykardie, Maschinenatmung, Mydriasis, träge Lichtreaktion, Stuhl- und Harnabgang (Inkontinenz)

  • Asphyxie (> 4 ‰)

    Koma, Aufhebung der Schutzreflexe, abnehmende Spontanatmung, Hypoxie, Zyanose, Hypothermie, Schock, Herz-Kreislauf-Versagen, Atemlähmung bis zum Tod

Basismaßnahmen
Die Therapie der Alkoholvergiftung erfolgt symptomatisch. Die Vitalfunktion Bewusstsein ist beim alkoholisierten Patienten grundsätzlich beeinträchtigt. Durch Bewusstseinsverlust kann es bereits bei niedrigen Blutalkoholkonzentrationen zu Beeinträchtigungen der Schutzreflexe (Zurückgleiten der Zunge) und bei höheren Alkoholkonzentrationen zur direkten Beeinträchtigung kommen (Koma). Die weitere Sicherung der Vitalfunktionen Atmung und Kreislauf, die Sauerstoffgabe und die gesonderte Lagerung des Patienten in stabiler Seitenlage werden durch regelmäßige Blutdruckmessung und Blutzuckerkontrolle (Gefahr der Hypoglykämie) ergänzt. Da Alkohol die Blutgefäße erweitert und die Patienten daher schneller auskühlen und oft auch bei schlechter Witterung im Freien aufgefunden werden, sind Maßnahmen zur Vermeidung einer Unterkühlung zu ergreifen (z. B. nasse Kleidung entfernen).
Opiate
Die Leitsubstanz der OpiateIntoxikationOpiate ist das MorphiumMorphium. Es ist der Hauptbestandteil des Opiums, einer Substanz, die aus dem Schlafmohn gewonnen wird. Durch chemische Umwandlung des Morphiums entsteht HeroinHeroin. Heroin ist seit den 1970er-Jahren eine der dominierenden Drogen auf dem internationalen Markt; die Zahl der Heroinkonsumenten hat jedoch in den letzten Jahren nachgelassen.
Symptome
Im zentralen Nervensystem bewirken Opiate eine ausgeprägte Engstellung der Pupillen (Miosis) sowie eine Dämpfung des Atemzentrums. Die sofort auffallenden „stecknadelkopfgroßen Pupillen“ sind neben der respiratorischen Insuffizienz (Bradypnoe, Apnoe) das Leitsymptom der Opiatvergiftung. Einstichstellen früherer Injektionen und das Vorhandensein von Fixerutensilien in unmittelbarer Nähe geben Hinweise auf eine Heroinvergiftung.
Basismaßnahmen
Die Basismaßnahmen zielen auf die Aufrechterhaltung der Vitalfunktionen. Zur gezielten Therapie der Opiatvergiftung steht dem Notarzt das spezifische Antidot NaloxonNaloxon (Narcanti®) zur Verfügung. Bleibt die einmalige intravenöse Gabe ohne Erfolg, so kann die Injektion zwei- bis dreimal wiederholt werden. Bei der Anwendung von Naloxon ist zu beachten, dass dieses AntidotOpiatintoxikationAntidot eine kürzere Halbwertszeit als die meisten Opiate besitzt. Daher ist nach Abklingen der Antidotwirkung mit einer erneuten Ateminsuffizienz und Bradykardie zu rechnen (sog. „Rebound-Effekt“Rebound-Effekt).

Kohlenoxidintoxikationen

Vergiftungen mit Kohlenoxide, IntoxikationKohlenoxiden treten in der Regel in Kombination bei Bränden oder im Rahmen einer unvollständigen Verbrennung (z. B. defekter Kamin/Ofen, Motorabgase) auf und können in ihrer Toxizität stark variieren.
Kohlenmonoxid
Kohlenmonoxid, IntoxikationKohlenmonoxid (CO) ist ein farb-, geruch- und geschmackloses Gas mit einer sehr hohen Affinität zum Hämoglobinmolekül nach Einatmung über die Lunge. Diese Affinität liegt 200–300-mal höher als die des Sauerstoffs, d. h., das Hämoglobinmolekül im Blut nimmt Kohlenmonoxid eher auf als Sauerstoff. Außerdem ist das Kohlenmonoxid fester an das Hämoglobin gebunden als Sauerstoff. Dies führt zu einer Sauerstoffverarmung des Körpers. Bereits ein CO-Gehalt der Raumluft von 0,1 Vol.-% führt zu einer Blockierung von 50 % des Hämoglobins mit Kohlenmonoxid. Steigt der CO-Gehalt auf nur 0,5 Vol.-% an, sind bereits 90 % des Hämoglobins für das Sauerstoffmolekül nicht mehr zugänglich.
Symptome
Die Symptome der Kohlenmonoxidvergiftungen variieren stark und sind abhängig von der Konzentration des mit Kohlenmonoxid beladenen Hämoglobinanteils im Blutkreislauf (HbCO). Sie sind eher unspezifisch und reichen von Kopfschmerzen, Augenflimmern, Schwindelgefühl über Übelkeit und Erbrechen bis hin zur Atemnot und Bewusstlosigkeit. Eine Rosafärbung der Haut (durch das HbCO) ist meist erst bei an dieser Vergiftung verstorbenen Patienten zu erkennen (Abb. 25.5).
Basismaßnahmen
Die Therapie der Kohlenmonoxidvergiftung besteht in einer möglichst frühen Inhalation von Sauerstoff. Die Eliminationshalbwertszeit von Kohlenmonoxid beträgt bei Atmung in Raumluft etwa 4 Stunden, bei Atmung von 100 % Sauerstoff etwa 60 Minuten und bei Beatmung mit 100 % Sauerstoff etwa noch 20 Minuten. Da die Ausscheidung des Kohlenmonoxids nur über die Lunge möglich ist, ist unter normalen klinischen Bedingungen die längerfristige Beatmung mit 100 % Sauerstoff die einzige Möglichkeit, den HbCO-Gehalt im Blut beschleunigt abzubauen.
Den Königsweg stellt allerdings die Anwendung SauerstoffTherapie, hyperbareeiner hyperbaren Sauerstofftherapie in einer Druckkammer dar. Bei erhöhtem Umgebungsluftdruck atmen die Patienten in einer Druckkammer (hier unter Beatmung) reinen Sauerstoff ein. Der Sauerstoff kann das Kohlenmonoxid vom Hämoglobin noch schneller verdrängen.
Kohlendioxid
KohlendioxidIntoxikationKohlendioxid (CO2) ist ein farb- und geruchloses Gas. Es findet sich bei der vollständigen Verbrennung von kohlenstoffhaltigen Substanzen sowie – und dort ist es besonders gefährlich – immer dort, wo organische Abbauprozesse, z. B. Gärung oder Verwesung, stattfinden. Dies geschieht meist in geschlossenen Räumen wie Weinkellern, Silos oder Biogasanlagen. Das an und für sich ungiftige Kohlendioxid wird durch sein hohes spezifisches Gewicht von 1,5 (Luft = 1) insbesondere am Boden angereichert, wodurch es den Sauerstoff verdrängt. Bei hohen Kohlendioxidkonzentrationen bilden sich sauerstofflose Kohlendioxidseen bis in Kopfhöhe aus, sodass eine Einatmung von Sauerstoff nicht mehr möglich ist.
Symptome
Die Symptome der Kohlendioxidvergiftung sind sehr unspezifisch. Sie äußern sich in Kopfschmerzen, Herzklopfen, Blutdruckanstieg, Atemnot, Krämpfen, Bewusstlosigkeit bis hin zum Atemstillstand. Bei hohen Konzentrationen allerdings können die Vergifteten wie vom Schlage getroffen plötzlich bewusstlos zusammenbrechen. Aufgrund der hohen Eigengefährdung dürfen zur Rettung der Patienten aus diesen Räumen nur Fachkräfte mit umluftunabhängigen Atemschutzgeräten eingesetzt werden.
Basismaßnahmen
Die Therapie der Wahl ist bei der Kohlendioxidvergiftung ebenfalls die Gabe (ggf. auch mittels Beatmung) von Sauerstoff.

Wiederholungsfragen

  • 1.

    Erläutern Sie den Begriff Intoxikation. (Kap. 25)

  • 2.

    Welche Aufnahmewege kommen für Intoxikationen infrage? Erläutern Sie die Resorptionsmechanismen und geben Sie Beispiele. (25.1)

  • 3.

    Auf welche Arten können Gifte den Organismus schädigen? (25.1)

  • 4.

    Welche Bedeutung hat Aktivkohle bei der Behandlung von Vergifteten? (25.1)

  • 5.

    Nennen Sie Dekontaminationsverfahren bei Intoxikationen. (25.1)

  • 6.

    Welche Substanzen sind Schaumbildner? Wie kann die Schaumbildung unterdrückt werden? (25.1)

  • 7.

    Worauf müssen Sie achten, wenn Sie sich bei Intoxikationen einen Überblick über die Einsatzsituation verschaffen? (25.2)

  • 8.

    Nennen Sie Elementar- und Basismaßnahmen bei Intoxikationen. (25.2)

  • 9.

    Beschreiben Sie die Bedeutung von Intoxikationen mit Arzneimitteln im Rettungsdienst. (25.3.1)

  • 10.

    Welche Arzneimittelvergiftung erzeugt Blasen an den Aufliegeflächen? (25.3.1)

  • 11.

    Bei welcher Vergiftung wird Anexate® eingesetzt? Was muss dabei beachtet werden? (25.3.1)

  • 12.

    Welche Substanzen zählen zu den Psychopharmaka? Welche Vergiftungssymptome erwarten Sie? (25.3.1)

  • 13.

    Nennen Sie Beispiele für Kardiaka. Beschreiben Sie die Vergiftungssymptome. (25.3.1)

  • 14.

    Wie ist der Begriff „Droge“ definiert? Nennen Sie Beispiele für wichtige Drogen. (25.3.2)

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