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B978-3-437-48043-0.00010-8

10.1016/B978-3-437-48043-0.00010-8

978-3-437-48043-0

a) Intraossäre Injektion an der proximalen Tibia (blau hervorgehoben ist die Kniescheibe, schwarz das Ligamentum patellae; das Gebiet zur sicheren Punktion wurde rot markiert.); b) Intraossäre Injektion am proximalen Humerus/an der proximalen Tibia (schwarz hervorgehoben ist der Verlauf der langen Bizepssehne, blau die beiden Knochenhügel [Tuberculum majus vorne, Tuberculum minus hinten]; das Gebiet zur sicheren Punktion wurde rot markiert.)

[M302]

EZ IO™ Kanüle mit Konnektor

[M302]

Bone Injektion Gun™

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EZ IO™ Set

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Sauerstoffmaske mit Verneblereinheit im Einsatz

[M302]

MAD

[M302]

MAD Sprühnebel

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Diverse Ampullen

[M302]

Ampullensäge

[M302]

Infusionsflasche mit Spike

[M302]

Sicherheitsclip am Ende des Metallmandrins einer Venenverweilkanüle

[M302]

Infusionssystem

[K183]

Vorbereiten einer Infusion

[M302]

Aufziehen einer Ampulle

[M302]

Material für das Legen eines intravenösen Zugangs

[J747]

VenenPunktionsschemaVenenpunktionsschema

[M302]

Perfusor und Perfusorspritze

[U223]

Medikamenten-Applikation

Andreas Lobmüller

Jürgen Luxem

  • 10.1

    Applikationsformen212

    • 10.1.1

      Enterale Gabe212

    • 10.1.2

      Parenterale Gabe212

  • 10.2

    Darreichungsformen218

  • 10.3

    Material für Infusion und Injektion220

    • 10.3.1

      Vorbereiten einer Infusion221

    • 10.3.2

      Vorbereiten von Medikamenten221

    • 10.3.3

      Vorbereiten und Durchführen einer Venenpunktion224

    • 10.3.4

      Spritzenpumpen227

  • 10.4

    Häufige Komplikationen und Lösungsmöglichkeiten227

    • 10.4.1

      Falsche Lage des Venenzugangs227

    • 10.4.2

      Paradoxe Wirkungen oder unerwünschte Reaktionen228

Die Gabe von MedikamenteApplikationMedikamenten (ApplikationApplikation) kann auf vielfältige Art und Weise geschehen. Dank vieler Innovationen der letzten Jahre konnte das Spektrum der verschiedenen Applikationsformen durch neue Medizinprodukte erweitert werden, um eine gezielte Wirkung zu erreichen. Unabhängig von der Art der Verabreichung muss die Applikation unter allen Umständen sorgsam und unter Berücksichtigung der Unversehrtheit und des gültigen Verfallsdatums aller Produkte erfolgen. Je nach Applikationsart kann der Körper die Wirkstoffe in unterschiedlichster Geschwindigkeit aufnehmen und verarbeiten.

Applikationsformen

Enterale Gabe

Orale Applikation (p. o.)
Medikamente, die Applikationsformoral ApplikationoraleApplikationenteraleeingenommen werden (per os, p. o.), entfalten ihre Wirkung langsam, da sie erst den Magen-Darm-Trakt passieren müssen, um an einer geeigneten Stelle im Darm resorbiert werden zu können. Vom Darm gelangen sie über die Pfortader direkt zur Leber und unterliegen dort einer ersten Verstoffwechselung (First-Pass-First-Pass-EffektEffekt). Diese in der Leber stattfindende Verarbeitung kann Medikamente sowohl inaktivieren oder abbauen als auch aktivieren. Medikamente, die primär inaktiv sind und erst durch eine Verstoffwechselung in der Leber aktiviert werden, nennt man Prodrugs. Hierdurch können Nebenwirkungen vermindert werden. Bei Lebererkrankungen können Medikamente aufgrund des fehlenden Abbaus kumulieren und sogar toxisch wirken oder auch durch eine fehlende Aktivierung unwirksam bleiben.
In einer Notfallsituation ist die orale Darreichungsform weniger geeignet, da die gewünschte Wirkung in aller Regel nicht schnell genug einsetzt. Des Weiteren besteht die Gefahr einer Aspiration, weshalb oral zuzuführende Medikamente nur bei vollständig erhaltenem Bewusstsein des Patienten verabreicht werden dürfen.
Einige Medikamente sind jedoch nur in oraler Darreichungsform verfügbar, weshalb auch in der Notfallmedizin nicht ganz auf sie verzichtet werden kann. So kann im Notfall beim wachen Patienten in Wasser gelöstes AktivkohleAktivkohlepulver die weitere Resorption von oral aufgenommenen Giften verhindern. Auch schaumbildende Stoffe (z. B. Spülmittel) werden durch die orale Gabe von Entschäumern (Sab Simplex®) behandelt. Ein weiteres Beispiel sind blutverdünnende Tabletten (z. B. Plavix®), die in manchen Rettungsdienstbereichen bei Notfallpatienten mit einem gesicherten ST-Strecken-Hebungsinfarkt im Notarztwagen verabreicht werden.
Rektale Applikation
Das Blut des ApplikationrektaleAnalkanals fließt nicht wie das Blut des Magen-Darm-Trakts zur Leber ab, sondern mündet direkt in die untere Hohlvene. Rektal verabreichte Medikamente unterliegen daher nicht dem First-Pass-Effekt der Leber und erreichen nach Resorption direkt den Systemkreislauf. Beispiele hierfür sind das Sedativum DiazepamApplikationDiazepam, das als Rektaltube zur Verfügung steht, oder das Glukokortikoid Rectodelt®, ApplikationRectodelt®, das als Zäpfchen (SuppositoriumSuppositorium) verabreicht wird.

Parenterale Gabe

Werden Medikamente so verabreicht, dass der Magen-Darm-Trakt umgangen wird, spricht man von parenteraler ApplikationApplikationparenterale. Diese kann sowohl invasiv als auch nichtinvasiv erfolgen. Beispiel für eine nichtinvasive parenterale Applikation ist neben der Verabreichung über die Mundschleimhaut (bukkal), den Nasen-Rachen-Raum (nasal) oder die Haut (dermal) die Inhalation von vernebelten Medikamenten in die Lungen.
Invasive Methoden der parenteralen Applikation erfordern eine Verletzung der intakten Körperoberfläche. Die direkte Injektion von Medikamenten in das Blutgefäßsystem kann sowohl über einen Venenkatheter als auch über einen intraossären Zugang erfolgen. Außerdem ist es möglich, Medikamente direkt in das Unterhautfettgewebe (subkutan) oder einen Muskel (intramuskulär) zu injizieren. Dadurch entstehen jedoch potenzielle Eintrittspforten für Krankheitserreger wie Bakterien, Viren oder Pilze, die eine mitunter schwere Infektion zur Folge haben können. Daher ist beim Umgang mit Medikamenten stets auf ordentliche und saubere Verhältnisse, beim Aufziehen und Injizieren von sterilen Pharmaka auf die strenge Einhaltung der Sterilität zu achten.
Intra-/zentralvenöse Applikation (i. v.)
Die gebräuchlichste ApplikationzentralvenöseApplikationintravenöseApplikationsform im Rettungsdienst ist die InjektionInjektion eines aufgelösten Medikaments in eine periphere Vene. Idealerweise erfolgt die Gabe mittels einer Venenverweilkanüle, die zumeist in einer großlumigen Vene am Handrücken, Unterarm oder in der Ellenbeuge platziert wird und eine kontinuierliche Darreichung gewährleistet. Der Wirkstoff muss nicht erst resorbiert werden und unterliegt zudem nicht dem First-Pass-Effekt der Leber, sondern steht sofort zur Verfügung.
Bei schlechten Venenverhältnissen oder im Falle eines Kreislaufschocks wird von Notärzten die große periphere Halsvene (V. jugularis externa) punktiert; in Ausnahmefällen wird auch ein zentralvenöser Katheter gewählt, da hierdurch die Medikamente schnell und sicher in die Zirkulation gelangen. Zentralvenös bedeutet, dass ein Katheter über eine große, zentrale Vene (V. jugularis interna oder V. subclavia) direkt bis vor den rechten Vorhof des Herzens geschoben wird.

Merke

Im KreislaufSchock, MedikamentenapplikationKreislaufschock führt die Zentralisation zu einer eingeschränkten Durchblutung der peripheren Gefäße. In diesem Fall sollten Medikamente mithilfe einer Trägerlösung (NaCl 0,9 %, Ringer®-Lösung) in die Zirkulation eingeschwemmt werden, um einen schnelleren Wirkungseintritt zu erzielen.

Intraossäre Applikation (i. o.)
Ein sicherer Zugang zum ApplikationintraossäreGefäßsystem des Patienten ist ein wesentlicher Bestandteil jeder Rettungsmaßnahme, jedoch in besonders kritischen Situationen, wie z. B. einem ausgeprägten Schock, nicht immer möglich. Um zeitraubende Punktionsversuche der kollabierten Venen zu verhindern, wurde bereits vor vielen Jahren die Möglichkeit entdeckt, die Knochenmarkhöhle als Zugangsweg zum Kreislauf des Patienten zu nutzen. Medikamente und Infusionslösungen, die hierüber verabreicht werden, gelangen über die abführenden Venengeflechte sicher in das venöse Kreislaufsystem.
Das Verfahren der intraossären PunktionintraossärePunktion war jedoch bis vor wenigen Jahren noch ausschließlich der Anwendung bei Säuglingen und Kleinkindern vorbehalten. Der Grund hierfür ist die harte Knochenschale Jugendlicher oder Erwachsener, die nur schwer von Hand punktiert werden konnte. Erst durch die Entwicklung neuer Geräte konnte das intraossäre Punktionsverfahren für alle Altersklassen etabliert werden.
Die Durchführung eines intraossären Zugangs folgt dabei einem einheitlichen Verfahren. Zunächst werden der geeignete Punktionsort, die passende Nadelgröße und ggf. die Eindringtiefe ausgewählt. Zur Anlage eignen sich Körperstellen, an denen der Knochen direkt unter der Haut gut tastbar ist (Abb. 10.1). Anschließend wird die Punktionsstelle sorgfältig desinfiziert, um eine Kontamination der Markhöhle mit Keimen zu verhindern. Bei wachen Patienten kann eine lokale Betäubung der Punktionsstelle erforderlich sein. Nun wird die Kanüle in einem Winkel von 90° steril auf die Haut aufgesetzt und die Markhöhle punktiert. Im Anschluss wird der Metallmandrin aus der im Knochen verbliebenen Kanüle entnommen und diese sicher befestigt. Auch hier sollte bei wachen Patienten eine Injektion von Lokalanästhetika erwogen werden, da die intraossäre Injektion schmerzhaft sein kann.
Über den Luer-Lock-Anschluss kann nun eine Infusionslösung direkt angeschlossen werden (Abb. 10.2). Meist ist nach erfolgreicher Punktion ein Freispülen des Zugangs von Gewebetrümmern notwendig. Hierzu reicht im Normalfall die rasche Injektion (Bolus) von 10 ml 0,9-prozentiger Kochsalzlösung völlig aus.
Wurden die ersten Intraossärnadeln ursprünglich noch von Hand in die Knochenhöhle eingebohrt, sind nun moderne Applikationsvorrichtungen verfügbar, mit deren Hilfe die Nadeln schnell und sicher in die Markhöhle platziert werden können. Eines dieser Instrumente ist die Bone Injection Bone Injection Gun™Gun™, kurz B. I. G.™ (Abb. 10.3). Diese besteht aus einem einfachen Handstück, das im Inneren einen Federmechanismus enthält. An diesem ist eine sterile Punktionskanüle angebracht, die mit hoher Kraft in den Knochen „gefeuert“ wird. Hierzu muss der Sicherheitsverschluss an der Rückseite abgezogen werden. Danach ist das Gerät punktionsbereit und kann durch vorsichtigen Druck auf den hinteren Bereich aktiviert werden. Nachdem das Handstück abgenommen wurde, kann die Kanüle nach dem eingangs beschriebenen Verfahren verwendet werden.
Trotz der einfachen Handhabung konnte sich die B. I. G.™ jedoch nicht flächendeckend durchsetzen. Von großem Nachteil war neben dem hohen Anschaffungspreis und der nur einmaligen Auslösbarkeit des Mechanismus die nicht immer hundertprozentige Erfolgsquote. Bei kräftigen oder sportlichen Patienten mit zu festem Knochenmantel (Kortikalis) kann trotz richtiger Anwendung des Geräts der Knochenmarkraum nicht immer erreicht werden.
Aktueller Stand der Technik ist die handliche KnochenBohrmaschineKnochenbohrmaschine mit dem Namen EZ-EZ-IO™IO™ (aus dem Englischen für „easy-intraosseous“). Dieses System besteht aus einer kleinen, batteriebetriebenen Handbohrmaschine, einer sterilen Bohrkanüle und einem abgewinkelten Verlängerungsstück (Abb. 10.4). Die Bohrkanüle wird zur Anlage direkt auf den Handbohrer aufgesetzt und durch einen kleinen Magneten in Position gehalten. Anders als bei der B. I. G.™ muss die Kanüle hierbei zunächst durch die intakte Haut gestochen werden, bevor sie eingebohrt werden kann. Waren bei der B. I. G.™ noch Fehlpunktionen aufgrund zu geringer Durchdringungskraft möglich, verfügt dieses System bei korrekter Anwendung über eine äußerst hohe Treffsicherheit. Zudem werden die Kanülen sehr fest in den Knochen eingebracht, was eine versehentliche Entfernung durch Zug an der Infusion unwahrscheinlicher macht.
Nachdem die EZ-IO™-Nadel sicher in den Knochen gebohrt wurde, kann das Stilett (ähnlich einem Mandrin) entfernt und ein mit Kochsalz befülltes EZ-Connect®-System angeschlossen werden. Über eine aufgedrehte Luer-Lock-Spritze kann die EZ-IO™-Bohrkanüle sicher herausgedreht und entfernt werden. Hierbei sollte an der Bohrnadel nicht gerüttelt werden, da diese vom Metalldorn abbrechen kann.
Auffinden der intraossären Punktionsstelle
Eine geeignete Punktionsstelle hängt von Alter, Größe und Körperbau des Patienten ab. Die beiden bevorzugten Punktionsstellen befinden sich an der proximalen Tibia und am proximalen Humerus (Abb. 10.2).
Zur Punktion des proximalen Oberarmknochens wird der Patient am Oberkörper entkleidet und aufrecht oder halbsitzend gelagert. Anschließend wird der Unterarm um 90° gebeugt und bequem auf den Bauch gelegt. Hierdurch wird der Oberarmknochen nach innen rotiert und der große Knochenhöcker (Tuberculum majus humeri) kann an der Vorderseite getastet werden. Das Auffinden des Tuberculum majus kann bei kräftigen Patienten mit ausgeprägter Muskulatur oder dickem Haut-Weichteilmantel erschwert sein und ist nicht immer sicher möglich. Ferner sind Kenntnisse in der Anatomie des Oberarms nötig, da sich z. B. die lange Bizepssehne in unmittelbarer Nähe befindet.
Die Punktion am Unterschenkel erfolgt beim entkleideten und liegenden Patienten, wobei das Knie mit einer Knierolle in leicht gebeugter Haltung gelagert wird. Nun werden der Schienbeinhöcker und der Kniegelenksspalt identifiziert. Anschließend kann medial und leicht distal des Schienbeinhöckers die Punktionsstelle an der medialen Tibia als glatte Fläche auch bei sehr kräftigen Patienten sicher ertastet werden. Es empfiehlt sich immer, den Kniegelenksspalt zu ertasten, um eine Fehlpunktion des Kniegelenks zu verhindern.
Das Aufsuchen der Punktionsstellen wird je nach Herstellerangaben der verschiedenen Produkte leicht unterschiedlich angegeben. Unabhängig von kleinen Abweichungen ist jedoch eine sichere und korrekte Platzierung der Knochennadeln unter Schonung wichtiger anatomischer Strukturen vorrangig (Bizepssehne am Humerus, Kniegelenksspalt oder Wachstumsfuge beim Kind am Kniegelenk).

Praxistipp

Die EZ-IO™ ist für die akut lebensbedrohliche Notfallsituation geeignet, in der eine Venenpunktion nicht möglich ist oder zu viel Zeit in Anspruch nimmt (z. B. Reanimation)!

Merke

Eine Entzündung der Knochenmarkhöhle ist lebensgefährlich und muss durch die sorgfältige Desinfektion unbedingt vermieden werden!

Endobronchiale Applikation (e. b.)
Die starke Durchblutung der Lunge ermöglicht die Aufnahme von endobronchial verabreichten Medikamenten. Diese ApplikationsformApplikationendobronchiale wurde noch vor wenigen Jahren standardmäßig im Rahmen der Herz-Lungen-Wiederbelebung angewandt. Konnte ein sicherer Venenzugang nicht rechtzeitig angelegt werden, wurden die Medikamente direkt über den frühzeitig platzierten Endotrachealtubus in die Bronchien appliziert. Die Einführung des intraossären Zugangs hat dieses Verfahren jedoch vollständig verdrängt.
Inhalative Applikation (p. i.)
Im Gegensatz zur endobronchialen ApplikationApplikationinhalative, bei der flüssige Medikamente direkt in das Bronchialsystem verabreicht wurden, wird bei der inhalativen Applikation (per inhalationem, p. i.) mithilfe spezieller Sauerstoffmasken mit integrierter Verneblungseinheit ein feiner Nebel erzeugt (Abb. 10.5). Dies bietet bei Patienten mit obstruktiven Atemwegserkrankungen viele Vorteile. Hierdurch lassen sich Medikamente verabreichen, die durch einfache Inhalation und ohne invasive Maßnahmen schnell und nebenwirkungsarm zum Ort der gewünschten Wirkung gelangen.
Der zufließende Sauerstoff wird durch eine kleine Flüssigkeitskammer der Atemmaske geleitet, in der sich das gewünschte Medikament befindet. Der hierbei entstehende, angefeuchtete Medikamentennebel kann über die Maske angeboten und direkt eingeatmet werden. Durch den feinen Nebel ist eine falsche Anwendung wie z. B. bei den Aerosolen nahezu ausgeschlossen. Das gelöste Medikament kann, ohne den Umweg über den Systemkreislauf, seine Wirkung direkt in der Lunge entfalten. Als Beispiel ist die Anwendung von β2-Sympathomimetika und/oder Anticholinergika (11.2.9) bei COPD oder Asthma brochiale zu nennen.
Auch Aerosole werden inhalativ verabreicht. Die Patienten erhalten über fertige Dosieraerosole Wirkstoffe, die sie mit tiefen Atemzügen einatmen und nach Inhalation über kurzes Luftanhalten „einwirken“ lassen. Beispiele hierfür sind BronchospasmolytikaApplikationBronchospasmolytika, wie das Berotec®-Spray, oder KortikoideApplikationKortikoide. Vor Beginn der Inhalation sollten diese Sprays kräftig geschüttelt werden, um eine gleichmäßige Wirkstoffverteilung zu gewährleisten.
Sublinguale (s. l.) und bukkale Applikation
Die starke Durchblutung des ApplikationsublingualeZungengrundes und der Zunge ermöglicht die Gabe bestimmter Medikamente direkt unter Applikationbukkaledie Zunge (sublingual) oder auf die Mund- oder Zungenschleimhaut (bukkal). Diese werden dort schnell resorbiert und unterliegen nicht dem First-Pass-Effekt der Leber, da sie mit dem venösen Blut direkt in die obere Hohlvene geleitet werden und sofort wirken können.
Aufgrund des raschen Wirkungseintritts sind diese Applikationsformen für den Rettungsdienst sehr gut geeignet und spielen in der Behandlung von Angina-pectoris-Anfällen (Nitrolingual®ApplikationNitrolingual®-Spray oder als Kapsel), beim akuten Koronarsyndrom (Zerkauen von ASS gemäß ESC-Leitlinie) oder der Therapie von akutem Bluthochdruck (Bayotensin®-Phiole) Adalat®Applikationeine große Rolle.
Nasale Applikation (i. n.)
Die Nasenhöhlen verfügen Applikationnasaleüber eine große Oberfläche und sind mit einer dünnen und sehr gut durchbluteten Schleimhaut, besetzt von Flimmerepithel, ausgekleidet. Eingesprühte Medikamente werden hierüber ebenfalls rasch resorbiert und weitgehend vom First-Pass-Effekt der Leber verschont.
Im Rettungsdienst gewinnt die nasale Applikation zunehmend an Bedeutung. Hierfür kommen spezielle ZerstäuberZerstäuber, sogenannte MADs (mucosal atomization device; Abb. 10.6) zum Einsatz, die auf handelsübliche Luer-Lock Spritzen (Drehgewinde) aufgesetzt werden können und einen feinen Sprühnebel erzeugen (Abb. 10.7).
Als typische Beispiele von Medikamenten, die nasal gegeben werden können, sind Ketamin (Ketanest®, Ketanest S®ApplikationKetanest®) oder Midazolam (Dormicum®ApplikationDormicum®) zu nennen. Die Vorteile der nasalen Applikation sind vor allem die geringe Invasivität, die gute Bioverfügbarkeit und der rasche Wirkungseintritt.

Praxistipp

Nasal verabreichte Medikamente sollten zu gleichen Teilen auf beide Nasenlöcher verteilt werden. Hierdurch kann die Resorption deutlich verbessert werden.

Intramuskuläre Applikation (i. m.)
Die Injektion in einen Applikationintramuskuläregroßen Muskel, z. B. am Oberarm (M. deltoideus) oder am Gesäß (M. gluteus), dient der langsamen und kontinuierlichen Abgabe des Wirkstoffes (WirkstoffdepotWirkstoffdepot). Die intramuskuläre Medikamentenapplikation wird im Rettungsdienst nur sehr selten angewendet, soll aber dennoch kurz erläutert werden.
Die Injektionsstelle in den M. deltoideus befindet sich wenige Zentimeter unterhalb der knöchernen Schulterhöhe (Akromion), die am proximalen Oberarm seitlich gut zu tasten ist. Zur Punktion wird der Arm entspannt auf dem Bauch gelagert und nach sorgfältiger Desinfektion die i. m.-Kanüle rechtwinklig in die Hauptmasse des M. deltoideus eingestochen. Anschließend muss zunächst aspiriert werden, um eine Gefäßpunktion auszuschließen. Erst dann kann das Medikament langsam injiziert werden. Nach Entfernen der Nadel sollte die Injektionsstelle steril verbunden und noch kurze Zeit komprimiert werden.
Subkutane Applikation (s. c.)
Das Unterhautfettgewebe verfügt Applikationsubkutanelediglich über eine sehr spärliche Durchblutung. Daher werden Medikamente, die in das subkutane Fettgewebe injiziert werden, nur verzögert vom Körper aufgenommen. Die subkutane Injektion eines Medikaments kann als WirkstoffdepotWirkstoffdepot angesehen werden. Durch die langsame Resorption werden im Gegensatz zur venösen Injektion Spitzenspiegel vermieden und eine nahezu kontinuierliche Wirkstoffabgabe gewährleistet. Als Beispiele hierfür können Heparin zur Thromboseprophylaxe nach Operationen, Insulin und dessen Abkömmlinge zur Behandlung eines insulinpflichtigen Diabetes oder bestimmte Analgetika (zumeist Opioide) zur Behandlung chronischer Schmerzen angeführt werden. Als Einstichstelle wird eine mit zwei Fingern abgehobene Falte des vorderen Bauches benutzt. Dort ist das subkutane Fettgewebe leicht zu erreichen. Die subkutane Applikation wird im Rettungsdienst nur selten praktiziert. Eines der wenigen Medikamente, das im Notfall subkutan verabreicht wird, ist das β2-Sympathomimetikum Terbutalin, ApplikationTerbutalin (Bricanyl®). Dieses wird beim lebensbedrohlichen Asthmaanfall verabreicht und bewirkt eine Erweiterung der Bronchien.
Transkutane Applikation
Auch über die Haut (transkutan) können Medikamente und Gifte resorbiert werden. So besitzen z. B. Wirkstoff-PflasterWirkstoff-Pflaster die Eigenschaft, Medikamente über mehrere Tage konstant abzugeben, weshalb sie einen festen Stellenwert in der Behandlung von Patienten mit chronischen Schmerzen haben. Trotz der sehr langsamen Resorption der Wirkstoffe (z. B. Opiate) ist eine Überdosierung jedoch nicht selten und sollte beim bewusstseinsgetrübten Patienten stets differenzialdiagnostisch bedacht werden. Zudem muss bei der Defibrillation darauf geachtet werden, dass im Bereich der Stromabgabe keine Medikamentenpflaster aufgeklebt sind.

Darreichungsformen

Ampullen
AmpulleMedikamente werden in diversen Darreichungsformen angeboten. Am gängigsten sind die Glas- oder auch BrechampulleBrechampullen, die das Arzneimittel in einem kleinen Glasbehältnis steril verwahren (Abb. 10.8). Neben klaren, durchsichtigen Medikamentenlösungen sind oft auch Zubereitungen auf Sojabasis (weiße, milchähnliche Konsistenz) erhältlich, die weniger venenreizende Reaktionen verursachen.
Früher mussten GlasampulleGlasampullen mittels einer kleinen Ampullensäge (Abb. 10.9) angeritzt werden, um sie aufzubrechen, während heutzutage der Flaschenhals mit einer kleinen Sollbruchstelle versehen ist. Diese Stelle ist durch einen farbigen Ring oder Punkt gekennzeichnet und ermöglicht eine einfache Handhabung. Wichtig ist, sich vor dem Aufziehen oder Zubereiten von Medikamenten zu vergewissern, ob das Arzneimittel noch haltbar, die Verpackung einwandfrei, ohne Beschädigungen und die Lösung klar ist (Arznei verwendbar) oder ob sich bereits leichte Flocken in der Ampulle bilden (Arznei nicht verwendbar).
Stechampullen
StechampulleStechampullen bieten meist ein größeres Volumen, sind an ihrer Oberseite mit einem Gummistopfen steril verschlossen und mit einer Kappe abgedeckt. Der Gummistopfen kann nach Abziehen der Ampullenkappe durchstochen werden. Oft sind Stechampullen nur mit einem Pulver des Medikaments gefüllt. Dieses ist durch die (Gefrier-)Trocknung in seinen chemischen Eigenschaften viel länger haltbar als in bereits gelöster Form. Trockensubstanzen werden in einer Trägerlösung, zumeist destilliertes Aqua®, gelöst und vorsichtig geschwenkt. Auch hier sollte die Lösung anschließend klar sein und keinerlei Ausflockungen zeigen. Stechampullen werden in verschiedenen Größen angeboten. Ab einem bestimmten Volumen kann die Entnahme statt mit herkömmlichen Kanülen über einen sogenannten SpikeSpike (Abb. 10.10) erfolgen, der in die Ampulle/Infusionsflasche gestochen wird und über den mehrmals kleinere Dosen steril entnommen werden können. Sehr große Stechampullen können auch direkt mit einem Infusionssystem an einen periphervenösen Zugang angeschlossen werden.
Gebrauchsfertige Spritzen
FertigspritzenFertigspritze zur intravenösen Anwendung werden nicht in allen Rettungsdienstbereichen verwendet, da sie zumeist deutlich teurer sind und eine größere Belastung für die Umwelt darstellen. In Notfällen sind sie jedoch äußerst schnell einsetzbar, da sie nur ausgepackt und zusammengeschraubt werden müssen. Anschließend können sie sofort wie eine normale Spritze benutzt werden.
Subkutan oder intramuskulär anzuwendende Fertigspritzen werden dagegen sehr häufig vorgehalten. Diese werden bevorzugt bei akuten Notfällen verwendet, wenn noch kein sicherer Gefäßzugang besteht (z. B. EpiPen® bei Anaphylaxie oder Glucagen-Hypokit® bei Hypoglykämie). Nach dem Öffnen der Packung sind diese Spritzen rasch einsatzbereit und können, bevorzugt intramuskulär, angewendet werden. Auch in der Klinik haben gebrauchsfertige Spritzen, z. B. Heparin-Subkutanspritzen bei der Thromboseprophylaxe, einen festen Stellenwert.
Dosieraerosole
Viele Patienten mit chronischen Atemwegserkrankungen tragen Dosieraerosole mit sich. Hierbei handelt es sich um kleine Druckbehälter, die zumeist mit bronchodilatativen Medikamenten befüllt sind. Werden diese durch Druck aktiviert, wird das entsprechende Medikament über ein Treibgas fein zerstäubt und kann direkt eingeatmet werden.
DosieraerosoleDosieraerosole sind bei richtiger Anwendung sehr effektiv; die Anwendung erfordert jedoch ein wenig Übung. Die Patienten werden aufgefordert, stark auszuatmen und das Aerosol mit den Lippen zu umschließen. Anschließend sollen sie tief Luft holen, während der Einatmung einen Sprühstoß (Hub) abgeben und danach kurz die Luft anhalten. Zur leichteren Anwendung, insbesondere für Kinder, stehen spezielle Kunststoffreservoirs (Spacer) zur Verfügung. Diese werden auf das Dosieraerosol aufgesetzt und können den Wirkstoff optimal anreichern, bevor sie eingeatmet werden.
Rektiolen/Zäpfchen (Suppositorien)
RektiolenRektiolen und ZäpfchenSuppositoriumZäpfchen werden im Rettungsdienst vor allem in pädiatrischen Notfallsituationen verwendet, da sie einfach zu handhaben sind und eine sichere und schnelle Applikation ermöglichen. Ihr Wirkstoff wird im unteren Enddarm freigesetzt und zeitlich etwas verzögert über den venösen Abfluss, unter Umgehung der Leber, in den Körperkreislauf gebracht.
Kapseln
Handelsübliche Tabletten spielen in der Notfallmedizin eine eher untergeordnete Rolle, da der Wirkungseintritt durch die Magen-Darm-Passage und verzögerte Resorption nur sehr langsam einsetzt. Lediglich spezielle KapselnMedikamentenkapseln finden im rettungsdienstlichen Alltag Verwendung. Ein klassisches Beispiel ist das NifedipinApplikationNifedipin (Adalat®) Adalat®Applikationzur Bluthochdrucktherapie, das aufgrund seiner Lichtempfindlichkeit in roten Schutzkapseln aufbewahrt wird. Um den erforderlichen Wirkungseintritt zu beschleunigen, sollten die Kapseln entweder mit einer Kanüle angestochen und unter der Zunge des Patienten ausgedrückt oder vom Patienten direkt zerbissen und erst dann heruntergeschluckt werden.

Material für Infusion und Injektion

Das Rettungsfachpersonal muss sich stets vor der Verwendung steril verpackter medizinischer Produkte zuerst von der noch gültigen Haltbarkeit und der absoluten Unversehrtheit der Verpackung und des Inhalts überzeugen.
Um überhaupt Medikamente direkt ins Blutgefäßsystem injizieren zu können, bedarf es eines sicheren Venenzugangs.Zugangvenöser Um optimale Verhältnisse für die Punktion zu schaffen, wird der venöse Rückstrom mittels eines Staubandes durch leichtes Zuziehen unterbunden. Die Gefäße füllen und erweitern sich. Der Zugang zur Vene kann durch die direkte Punktion einer Vene mit einer Kanüle (Hohlnadel, die direkt auf eine Spritze aufgesetzt werden kann) erfolgen.
Bei Notfallpatienten kann es jedoch erforderlich werden, mehrere Medikamente nacheinander oder zeitlich versetzt zu applizieren oder eine Dauertropfinfusion zu infundieren. Hierfür stehen spezielle VenenVerweilkanülenVenenverweilkanülen zur Verfügung, die in eine periphere Vene eingestochen werden und dort längere Zeit verbleiben können. Sie besitzen einen sehr feinen Kunststoffschlauch (Katheter), in dem eine Metallnadel (Mandrin) steckt. Diese dient dem sonst flexiblen Schlauch als Einstich- und Einführungshilfe in die Vene. Kommt der Katheter in der Vene zu liegen, wird der Mandrin aus Metall nach hinten aus dem Venenzugang herausgezogen. An Letzteren kann nun ein Infusionssystem angeschlossen werden. Auf den äußeren Anteil des Venenverweilkatheters ist in der Regel ein Zuspritzventil aufgesetzt, das mit einer leicht zu öffnenden Kappe verschlossen werden kann. Hier können handelsübliche Spritzen unmittelbar aufgesteckt und Medikamente verabreicht werden.
Durch Vorschriften und Richtlinien der Berufsgenossenschaften (BGR 250/TRBA 250), nach denen sichere Arbeitsgeräte vorgeschrieben sind, wurden in den letzten Jahren spezielle Venenverweilkanülen eingeführt, die mit Sicherheitssystemen ausgestattet sind. Diese sind äußerlich meist an den farblich gekennzeichneten Befestigungsflügeln zu erkennen. Sie verfügen je nach Hersteller über unterschiedliche Sicherungssysteme, z. B. über einen kleinen Sicherheitsclip aus Metall, der sich um die Spitze der Metallnadel legt, sobald diese aus dem Katheter gezogen wird (Abb. 10.11), um Kanülenstichverletzungen zu vermeiden.

Merke

Spritzen, Kanülen, Venenkatheter, Infusionssysteme und andere Medizinprodukte sind sterile Einmalartikel und müssen nach Verwendung sicher entsorgt werden.

Vorbereiten einer Infusion

Für eine InfusionInfusionVorbereitungInfusion benötigt man neben der Infusionslösung selbst noch eine Zuleitung (Infusionssystem, Abb. 10.12), welche direkt an einen Venenkatheter angeschlossen wird und die Infusionslösung sicher und steril in das Blutgefäßsystem leitet.
Praktische Vorgehensweise
  • Infusionsflasche/-beutel und Infusionssystem auf Unversehrtheit und Haltbarkeit überprüfen (Abb. 10.13a+b).

  • Infusion auspacken und die Schutzkappe der Einstichstelle für das Infusionssystem öffnen, ohne sie zu berühren.

  • Das Infusionssystem vorsichtig auspacken und die Infusionsleitung durch Zudrehen des Verschlussrädchen schließen (Abb. 10.13c).

  • Die Schutzkappe des Infusionsdorns abnehmen (Abb. 10.13d) und ihn sofort in die vorgesehene Öffnung einstechen (Abb. 10.13e).

  • Die Tropfkammer zusammendrücken, bis sie zur Hälfte mit Flüssigkeit gefüllt ist (Abb. 10.13f).

  • Das Verschlussrädchen langsam öffnen, um die noch in der Leitung befindliche Luft vollständig zu entfernen (Abb. 10.13g). Bei Glasflaschen (z. B. Natriumbikarbonat) muss das Belüftungsventil geöffnet werden.

  • Vorbereitete Infusion im Fahrzeug am Infusionshalter aufhängen. Verschlusskäppchen am unteren Ende des Infusionsschlauchs erst unmittelbar vor Anschluss an den venösen Zugang entfernen (Abb. 10.13h).

Vorbereiten von Medikamenten

Praktische Vorgehensweise bei Glasampullen
  • Tupfer, Kanüle, richtiges MedikamenteVorbereitungMedikament und Spritze herrichten.

  • Materialien und das Medikament auf Haltbarkeit und Unversehrtheit überprüfen (Abb. 10.14a).

  • Die Spritze auspacken und die Stahlkanüle aufstecken, ohne die Konnektionsenden zu berühren (Abb. 10.14b).

  • Flüssigkeit im Ampullenköpfchen einfach durch leichtes Beklopfen entfernen.

  • Markierte Sollbruchstelle an der Ampulle aufsuchen; Ampulle von dem Punkt weg aufbrechen. Hierzu empfiehlt sich die Verwendung eines Tupfers (Abb. 10.14c), da die Ampullenköpfchen leicht bersten und Schnittverletzungen verursachen können (Abb. 10.14d).

  • Die Schutzkappe an der Kanüle abziehen und diese vorsichtig in die Glasampulle einstecken (Abb. 10.14e).

  • Die Flüssigkeit langsam aus der schräg gehaltenen Ampulle absaugen.

  • Spritze mit der Nadel nach oben halten (Abb. 10.14f) und die eingesaugte Luft durch Klopfen im oberen Teil sammeln.

  • Luft durch leichtes Drücken des Spritzenkolbens vollständig entfernen.

  • Stahlnadel verwerfen (Abb. 10.14h).

Achtung

Nie mit der blanken Nadel umherlaufen!

Am Notfallort wird der Abwurfbehälter (TaschenabwurfTaschenabwurf) zur Nadel geführt. Im Rettungswagen wird die Spritze dagegen in der Nähe des fest verbauten Spritzenabwurfs aufgezogen.

  • Den mit dem Wirkstoff bestückten Spritzenkörper anreichen und die verwendete Medikamentenampulle vorzeigen, damit sich der Anwender über den Inhalt der Spritze vergewissern kann (Abb. 10.14g).

  • Sofern die Spritze nicht sofort Verwendung findet, muss sie zwingend mit einem Kombistopfen fest verschlossen und beschriftet werden.

Unterschiede in der praktischen Vorgehensweise bei Stechampullen
  • Vor Durchstechen der Gummikappe diese durch Aufsprühen von Hautdesinfektionsmittel desinfizieren und vor dem Einstechen bereits die gleiche Menge an Luft in den Spritzenkörper einsaugen, wie Flüssigkeit aus der Stechampulle entnommen werden soll.

  • Gummistopfen mit der Kanüle durchstechen und die zuvor eingesaugte Luft ausdrücken; so kann man ein Vakuum verhindern und die gewünschte Medikamentenmenge leichter entnehmen.

Unterschiede in der praktischen Vorgehensweise bei Ampullen mit Trockensubstanz (Pulver)
  • Zuerst das Lösungsmittel wie oben beschrieben vollständig aufziehen und die Kanüle im Anschluss nicht verwerfen.

  • Vor dem Durchstechen der Gummikappe die Fläche gut desinfizieren.

  • Gummistopfen mit der Kanüle durchstechen und einen Teil der zuvor aufgezogenen Lösung einspritzen.

  • Die Trockensubstanz durch leichtes Schwenken (wegen Blasenbildung nicht schütteln) auflösen.

  • Die klare Lösung durch Umdrehen der Stechampulle durch die noch eingestochene Kanüle langsam wieder in den Spritzenkörper absaugen; anschließend die Spritze dem Anwender entlüftet und unter Vorzeigen der Medikamentenampulle anreichen.

Merke

Manche MedikamenteVerdünnungMedikamente müssen aufgrund ihrer starken Wirksamkeit oder einer zu hohen Konzentration des Wirkstoffs in der Ampulle vor der Applikation verdünnt werden. Zumeist erfolgt dies im Verhältnis 1 : 10, d. h., das Medikament selbst nimmt in einer 10-ml-Spritze nur 1 ml Volumen ein und wird zusammen mit weiteren 9 ml Verdünnungslösung (NaCl 0,9 % oder Aqua®) aufgezogen.

Achtung

1 mg Suprarenin®VerdünnungSuprarenin® wird in einer 1-ml-Ampulle vorgehalten. Da es jedoch eine sehr starke Wirkung entfaltet, empfiehlt sich die fraktionierte (portionsweise) Medikamentengabe, die aber bei einem Volumen von nur einem Milliliter kaum möglich ist. Daher wird der Inhalt der 1-ml-Ampulle mit 9 ml NaCl 0,9 %® aufgefüllt (verdünnt). Das nunmehr 10 ml umfassende Gemisch lässt sich anschließend problemlos milliliterweise dosieren.

Bei der Reanimation wird je nach Rettungsdienstbereich auch das pure Aufziehen von Suprarenin® empfohlen, das nach Injektion mittels Infusionsträgerlösungen in den Systemkreislauf eingeschwemmt werden muss.

Vorbereiten und Durchführen einer Venenpunktion

Die Anlage eines Venenkatheters in den Körper eines Patienten gilt rechtlich als Körperverletzung (31.2.1) und darf, abgesehen von gewissen Ausnahmen (11.1, Arzneimittel und rechtliche Grundlagen), nur nach Einwilligung des Patienten von einem Arzt oder Notfallsanitäter durchgeführt werden. Zur PunktionVenePunktion Zugangvenösereiner Vene müssen entsprechende Vorbereitungsmaßnahmen erfolgen und ein ruhiges Arbeitsklima im Team herrschen.
Zunächst müssen alle erforderlichen Materialien (Handschuhe, Desinfektionsmittel, Venenkatheter verschiedener Größen, Tupfer, spezielle Pflaster zur Fixierung, Stauband, die vorbereitete Infusionslösung und Klebestreifen) hergerichtet und auf Haltbarkeit und Unversehrtheit überprüft werden (Abb. 10.15).
Praktische Vorgehensweise zur Durchführung einer Venenpunktion
  • Materialien VenenPunktionzusammenstellen und gesammelt in einer Nierenschale zum Patienten bringen, Schutzhandschuhe verwenden.

  • Patienten von dem Vorhaben der Injektion unterrichten, die Notwendigkeit (wenn nicht schon geschehen) kurz erklären und die mündliche Einwilligung einholen; in der Folge jeden weiteren Schritt erklären. Aufsuchen einer geeigneten Vene, z. B. am Handrücken (Kontraindikationen: z. B. Dialyse-Shunt oder Lymphschwellung am gleichen Arm).

  • Vorsichtiges Anbringen der Staumanschette oder die Blutdruckmanschette anlegen und einen venösen Stau erzeugen (die Stauung nicht zu fest oder zu lange anlegen) (Abb. 10.16a).

  • Aufsuchen einer geeigneten Vene mit möglichst geradem Verlauf in ausreichender Entfernung zum Handgelenk (ansonsten ist eine schmerzhafte Bewegungseinschränkung durch den einliegenden Venenkatheter möglich).

  • Vorsichtiges Beklopfen der Vene mit den Fingerkuppen in ihrem Verlauf. Sorgfältige, zweimalige Desinfektion der Einstichstelle (Abb. 10.16b).

  • Nach der zweiten Desinfektion sollte die saubere Punktionsstelle nicht mehr berührt oder abgewischt werden.

  • Die „Flügel“ des Venenkatheters abklappen und die Schutzkappe abziehen.

  • Die Haut spannen, damit sie sich beim Einstechen nicht verschiebt, die geeignete Vene mit der Punktionsspitze aufsuchen und die Vene in einer flüssigen Bewegung punktieren. Hierbei wird die Nadel nur leicht schräg und fast parallel zum Verlauf der Vene gehalten (Abb. 10.16d). Wenn sich die hintere Kammer der Venenverweilkanüle mit Blut füllt, sollte diese noch ein kleines Stück weiter vorgeschoben werden, da die Stahlnadel wenige Millimeter länger als der Kunststoffmandrin ist (Abb. 10.16e).

  • Die Venenverweilkanüle nun nicht weiter vorschieben und auch den Metallmandrin nicht aus der Kanüle ziehen. Festhalten des Metallmandrins (Abb. 10.16f) und vorsichtiges, möglichst vollständiges Vorschieben des Plastikverweilsystems entlang des Metallmandrins (dient als Leitschiene) (Abb. 10.16g). Diesen nicht wieder in das Plastikverweilsystem einführen (Gefahr der Durchstechung des Plastikverweilsystems).

  • Das Stauband öffnen und den Venenkatheter sofort mit einem speziellen Fixierpflaster oder mit Pflasterstreifen und einem Wundpflaster fixieren (zuerst die seitlichen Flügel fixieren, Abb. 10.16h, anschließend hinter der Nadel ein gegenläufiges Pflaster kleben, Abb. 10.16i).

  • Anschließend wird der Metallmandrin aus dem Plastikverweilsystem entfernt. Den entfernten Metallmandrin unverzüglich entsorgen. Dazu die Nadel nicht quer durch das Fahrzeug tragen, sondern eine Taschenabwurfbox zur Nadel bringen, um die Gefährdung für das Personal zu minimieren.

  • Um den Austritt von Blut zu verhindern, wird der in der Vene liegende Mandrin der Venenverweilkanüle an seiner Spitze durch leichten Druck komprimiert. Nun kann eine vorbereitete Infusion angebracht werden.

  • Die vorbereitete, sicher entlüftete Infusion anreichen, die Schutzkappe am unteren Ende des Infusionssystems abziehen und das System vorsichtig an den hinteren Teil des Venenkatheters anschrauben (Abb. 10.16j).

  • Nun muss die korrekte Lage der Kanüle in der Vene überprüft werden. Hierzu die Infusion aufhängen und langsam aufdrehen. Ein zunehmendes Tropfen in der Tropfkammer weist zwar auf einen Fluss hin, beweist jedoch noch nicht die richtige Lage in der Vene. Hierzu muss die Punktionsstelle auf zunehmende Schwellungen beobachtet werden (paravasale Lage). Werden die Infusionsflasche und das System während des Eintropfens abgehängt und in einer tieferen Position als der Infusionsarm gehalten, kann optimalerweise ein Rückfluss von Blut in das Infusionssystem beobachtet werden. Tropft die Infusion nicht ein, kann dies auf eine Fehlpunktion, ein noch anliegendes Stauband oder die Anlage direkt vor einer Venenklappe hinweisen. Wenn die Infusion auch nach vorsichtigem Zurückziehen des Katheters nicht eintropft, sollte eine erneute Punktion erfolgen.

  • Anschließend den Infusionsschlauch in Schlaufe legen und mit einem Pflasterstreifen fixieren (Abb. 10.16k).

  • Möchte der Anwender Medikamente applizieren, kann ein Spritzenkörper auf den Venenverweilkatheter aufgesteckt werden.

Die oben aufgeführte Liste dient lediglich dazu, den Arbeitsablauf zu erklären und den die Punktion durchführenden Anwender (Arzt, Notfallsanitäter) optimal zu unterstützen.

Spritzenpumpen

Wenn es erforderlich wird, ein Medikament über einen längeren Zeitraum in gleichmäßiger und exakt vorbestimmter Menge zu verabreichen, um so einen konstanten Wirkstoffspiegel im Körperkreislauf zu erzielen und zu erhalten, empfiehlt sich die Verwendung einer SpritzenpumpeSpritzenpumpe (PerfusorPerfusor, Abb. 10.17). Das Medikament wird auf das Volumen einer Perfusorspritze (50 ml) aufgezogen oder verdünnt. Die Verdünnungen wechseln von Klinik zu Klinik, im Zweifel nachfragen. Grundsätzlich werden die Verdünnung und der Wirkstoffgehalt des Spritzeninhaltes auf einem Klebestreifen auf der Perfusorspritze vermerkt.

Häufige Komplikationen und Lösungsmöglichkeiten

Falsche Lage des Venenzugangs

Kommt im Rahmen einer Venenpunktion Zugangfalsche Lagedie Punktionsnadel nicht im Inneren der Vene zu liegen, wird die Vene durchstochen oder platzt bei einem Patienten bei einer regelrechten Punktion die Blutgefäßwand, weil das Gefäß vorgeschädigt ist, gelangt die infundierte oder injizierte Flüssigkeit nicht wie geplant in die Vene, sondern in das sie umgebende Unterhautfett- oder Bindegewebe.
Das die Punktionsstelle umgebende Gewebe färbt sich durch das austretende Blut blau (Hämatom) und wird durch einlaufende (Infusion/Medikament) oder austretende Flüssigkeit (Blut) dick. Ist dies der Fall, stellt man die Infusion sofort ab, entfernt den Katheter und komprimiert die Punktionsstelle einige Minuten, um eine Vergrößerung des Hämatoms zu verhindern. Anschließend versorgt man die Wunde mit einem Wundschnellverband.

Achtung

Bei Patienten, die regelmäßig Medikamente zur Hemmung der Blutgerinnung einnehmen, kann so eine „banale Verletzung“ stark bluten und die Blutung schlecht zu stillen sein.

Hat es den Anschein, dass der Venenverweilkatheter ordnungsgemäß in der Vene platziert ist, die Infusionsflüssigkeit aber dennoch nicht richtig in die Vene einläuft, ist der Kunststoffschlauch möglicherweise direkt an einer Venenklappe zu liegen gekommen. Der Infusionsfluss kann durch sachtes Zurückziehen des Venenverweilkatheters um wenige Millimeter verbessert werden. Gelegentlich kann durch vorsichtiges Anspülen des Venenzugangs die Venenklappe umgangen werden.
Wird bei der Durchführung der Venenpunktion versehentlich eine Arterie verletzt, führt dies zu einer pulsierenden Blutung. Die Blutung muss durch sofortiges Aufdrücken einer sterilen Auflage und Anlage eines Druckverbandes gestoppt werden, da sich die Punktionswunde durch den höheren Blutdruck in der Arterie im Gegensatz zu einer Vene nicht so schnell verschließt.
Werden versehentlich Punktionversehentliche arterielleMedikamente in eine Arterie infundiert, kommt es zu einer chemischen Reizung der muskelstarken Arterien und nachfolgend zu einer starken Gefäßverengung. Der Patient klagt über heftige Schmerzen. Die Gefäßverengung in der Arterie vermindert die Sauerstoffversorgung des entsprechenden Körpergewebes und es kommt im schlimmsten Fall zu einem Gewebeverlust. Als erste Maßnahme muss die weitere Medikamentenapplikation sofort unterbrochen werden, wobei die Venenverweilkanüle in der Arterie belassen wird. Weitere Maßnahmen werden vom Notarzt durchgeführt (Spülen). Eine lückenlose Dokumentation der FehlpunktionFehlpunktion ist im Einsatzprotokoll vorzunehmen.

Paradoxe Wirkungen oder unerwünschte Reaktionen

Wird ein MedikamenteApplikation, paradoxe ReaktionMedikament zu schnell appliziert, kann dies außer einer Venenreizung auch gravierendere Auswirkungen zur Folge haben. Neben einem plötzlichen Blutdruckabfall oder einer reflektorischen Tachykardie können völlig unerwartete, sogenannte paradoxe Reaktionen auftreten (z. B. Blutdruckabfall bei zu schneller Benzodiazepingabe). Aus diesem Grund dürfen Medikamente nur unter genauer Beobachtung des Patienten in einer angemessenen Geschwindigkeit von Ärzten verabreicht werden.
Vollelektrolytlösungen (z. B. balancierte Elektrolytlösungen, 11.2.17) werden nur langsam tropfend verabreicht, wenn sie nicht zur Volumentherapie oder zum Einschwemmen venenreizender Medikamente verwendet werden. Die langsam laufende Infusion hält den venösen Zugang frei von Gerinnseln (Koageln) und wird vom Kreislauf problemlos toleriert. Infundiert man dem Patienten unnötigerweise zu viel Flüssigkeit, führt dies zu gefährlichen Wassereinlagerungen (Ödemen) im Körper.
Klagt ein Patient während oder kurz nach der Injektion eines Medikaments über plötzlich auftretende und sehr unangenehme Symptome, wie Atemnot (durch Bronchokonstriktion), Schwindel, Hitzegefühle, Bauchschmerzen, Juckreiz, oder zeigen sich rote oder quaddelartige Hautveränderungen, so muss von einer allergischen allergische Reaktionnach InjektionReaktion (9.3.2) auf das applizierte Medikament ausgegangen werden. Als erste Maßnahme muss hier ebenfalls die weitere Medikamentengabe sofort eingestellt werden.

Wiederholungsfragen

  • 1.

    Was bedeutet „enterale Applikation“? (10.1.1)

  • 2.

    Was bedeutet „parenterale Applikation“? (10.1.2)

  • 3.

    Welche Formen der parenteralen Applikation kennen Sie? (10.1.2)

  • 4.

    Welche Applikationsformen sind für den Rettungsdienst besonders geeignet? (10.1.2)

  • 5.

    Vergleichen Sie die Aufnahmegeschwindigkeit der verschiedenen Applikationsformen. (10.1.2)

  • 6.

    Welche Darreichungsformen kennen Sie? (10.2)

  • 7.

    Was markiert der farbige Punkt am Ampullenköpfchen? (10.2)

  • 8.

    Beschreiben Sie, wie Sie eine Infusion vorbereiten würden. (10.3.1)

  • 9.

    Beschreiben Sie, wie Sie eine Spritze aufziehen würden. (10.3.2)

  • 10.

    Welche Materialien benötigen Sie für eine Venenpunktion? (10.3.3)

  • 11.

    Wie gehen Sie vor, wenn nach Punktion einer Vene ein größer werdendes Hämatom entsteht? (10.4.1)

  • 12.

    Ein Patient klagt kurz nach Applikation eines Medikaments über zunehmende Atemnot, Schwindel und Kopfschmerzen. Welche Ursache kann dies haben und wie gehen Sie vor? (10.4.2)

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