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B978-3-437-48043-0.00017-0

10.1016/B978-3-437-48043-0.00017-0

978-3-437-48043-0

Regelkreis der Körpertemperatur Körpertemperatur, Regelkreis

[L190]

Teufelskreis der Hyperthermie

[L143]

Verbrennung 2. und 3. Grades

[F206]

Neunerregel nach Wallace

[L108]

Schrittspannung

[L231]

Verbrennungen 3. Grades nach Starkstromunfall

[F206]

Gegenüberstellung der Symptome bei Hitzeerkrankungen

Tab. 17.1
Hitzekrämpfe Hitzeerschöpfung Hitzschlag
Bewusstsein
  • Keine Störungen

  • Unruhe (Agitation)

Desorientierung, delirante Erscheinungen
  • Bewusstseinsstörungen

  • Desorientierung

  • Bewusstlosigkeit

  • Zerebrale Krämpfe

Atmung normal schnell, flach
  • Zunächst schnell und flach

  • Dann langsam und flach

  • Dyspnoe

  • Kußmaul-Atmung

Kreislauf normal
  • Tachykardie

  • Hypotonie

  • Tachykardie

  • Herzrhythmusstörungen

  • Hypotonie

Körpertemperatur normal (37 °C) bis erhöht (> 38 °C) normal (37 °C) bis erhöht (> 38 °C) > 40 °C
Haut starkes Schwitzen
  • Zunächst warm und rot

  • Später blass und kaltschweißig

  • Stehende Hautfalten

  • Zunächst hochroter, trockener und heißer Kopf ohne Schwitzen

  • Dann kühle, blasse und graue Haut

Nebenbefunde
  • Schmerzhafte Muskelkrämpfe

  • Schwäche

  • Durst

  • Schwindel

  • Kopf- und Gliederschmerzen

  • Übelkeit, Erbrechen

  • Sehstörungen

  • Deutliche Erschöpfung

  • Durst

  • Schwindel

  • Kopfschmerzen

  • Übelkeit, Erbrechen

  • Leistungsschwäche

  • Abgeschlagenheit

Verbrennungsgrade und VerbrennungGradeSymptome

Tab. 17.2
Grad Betroffener Hautabschnitt Symptome Heilung
I
  • Oberflächlich

  • Nur Oberhaut betroffen (z. B. Sonnenbrand)

  • Hautrötung (keine Blasenbildung)

  • Normale Gewebestruktur

  • Gute Durchblutung der Wunde

  • Schmerz

  • Spontan

  • Ohne Narben

  • Ca. 1 Woche

IIa
  • Oberflächlich

  • Oberhaut und Lederhaut betroffen

  • Tiefe Anteile der Lederhaut und Hautanhangsgebilde erhalten

  • Hautrötung

  • Blasenbildung der Haut mit rotem und feuchtem Blasengrund (gute Durchblutung)

  • Starke Schmerzen

  • Spontan

  • Ohne Narben

  • Ca. 2 Wochen

IIb
  • Tief

  • Weitgehender Verlust der Lederhaut, tief liegende Hautanhangsgebilde erhalten

  • Hautblässe

  • Offene Blasen mit weißem und trockenem Blasengrund (verminderte Durchblutung)

  • Verminderte Schmerzempfindung (Nadeltest)

  • Langsame Heilung

  • Narbenbildung

  • Ca. 4 bis 9 Wochen

III
  • Tief

  • Vollständiger Verlust der Ober- und Lederhaut und der Hautanhangsgebilde (auch Zerstörung der Schmerzrezeptoren)

  • Graubraune Hautfarbe

  • Keine Durchblutung des Wundgebietes (Ischämie)

  • Schmerzempfindung erloschen (Nadeltest)

  • Langsame Heilung

  • Narbenbildung

IV
  • Tief

  • Vollständiger Verlust von Haut und Gewebe (Gefäße, Nerven, Muskeln, Sehnen, Knochen)

  • Verkohlung

Schmerzempfindung erloschen Keine Heilung möglich

Einteilung von Verbrennungen nach Verbrennungstiefe und Flächenausdehnung

Tab. 17.3
Leichte Verbrennungen Mittelschwere Verbrennungen Schwere Verbrennungen Schwerste Verbrennungen
Erwachsene
  • < 2 % KOF bei Verbrennung 3. Grades

  • < 10 % KOF bei Verbrennung 2. Grades

  • < 20 % KOF bei Verbrennung 1. Grades

  • < 10 % KOF bei Verbrennung 3. Grades

  • 10 bis 20 % KOF bei Verbrennung 2. Grades

  • > 20 % KOF bei Verbrennung 1. Grades

  • Alle Verbrennungen beider Hände oder Füße, des Gesichts oder des Genitalbereichs

  • 10 bis 20 % KOF bei Verbrennung 3. Grades

  • 25 bis 50 % KOF bei Verbrennung 2. Grades

  • Alle chemischen oder elektrothermischen Verbrennungen

  • > 20 % KOF bei Verbrennung 3. Grades

  • > 50 % KOF bei Verbrennung 2. Grades

  • Alle Verbrennungen mit lebensgefährlichen Zusatzverletzungen wie Inhalationstrauma oder Polytrauma

Kinder
  • < 5 % KOF bei Verbrennung 2. Grades

  • < 10 % KOF bei Verbrennung 1. Grades

  • < 5 % KOF bei Verbrennung 3. Grades

  • 5 bis 10 % KOF bei Verbrennung 2. Grades

  • > 10 % KOF bei Verbrennung 1. Grades

  • Alle Verbrennungen beider Hände oder Füße, des Gesichts oder des Genitalbereichs

  • > 10 % KOF bei Verbrennung 2. oder 3. Grades

  • Alle chemischen oder elektrothermischen Verbrennungen

  • > 50 % KOF bei Verbrennung 2. oder 3. Grades

  • Alle Verbrennungen mit lebensgefährlichen Zusatzverletzungen wie Inhalationstrauma oder Polytrauma

Symptome bei Unterkühlung in Gegenüberstellung aller Stadien

Tab. 17.4
Abwehrstadium (Schweizer Klassifikation Stadium I – mild) Erschöpfungsstadium (Schweizer Klassifikation Stadium II – moderat) Lähmungsstadium (Schweizer Klassifikation Stadium III – schwer) Scheintod (Schweizer Klassifikation Stadium IV – schwerst)
Bewusstsein
  • Wach und orientiert (GCS 15)

  • Unruhe, Erregung

  • Schläfrig (GCS 12 bis 10)

  • Teilnahmslos

  • Desorientiert

  • Bewusstlos (GCS 9 bis 4)

  • Keine Schmerzempfindung

  • Bewusstlos (GCS 3)

  • Ohne Reflexe

Atmung
  • Schnell

  • Tief

  • Hyperventilation

  • Langsam

  • Flach

  • Unregelmäßig

  • Extrem langsam

  • Flach

  • Unregelmäßig

  • Extrem langsam

  • Apnoe

Puls schnell
  • Langsam

  • Arrhythmien möglich

  • Langsam

  • Unregelmäßig

  • Kammerflimmern und Asystolie möglich

  • Schwach, fadenförmig

  • Extrem bradykard

  • Kammerflimmern oder Asystolie

Blutdruck Hypertonie Hypotonie Hypotonie nicht mehr messbar
Nebenbefunde
  • Unwohlsein

  • Kältegefühl

  • Muskelzittern

  • Bläulich-blasse Haut

  • Schmerzen

  • Zunehmende Muskel- und Gelenkstarre

  • Nachlassen der Schmerzempfindung

  • Weite Pupillen

  • Reduzierter Muskeltonus

  • Entrundete und lichtstarre Pupillen

  • Kein Muskeltonus

Einteilung der Erfrierungsgrade ErfrierungGrade

Tab. 17.5
Grad Symptome der Erfrierung Symptome der Wiedererwärmung
I
  • Blasse, kalte Haut

  • Gefühlsstörungen

  • Gräulich-weiße Verfärbung durch Blutgefäßverengung

  • Rötung

  • Juckreiz, einsetzende Sensibilität

  • Brennender Schmerz durch vermehrte Durchblutung bei Wiedererwärmung

II
  • Kalte Haut, Rötung

  • Blasenbildung und Schmerzen durch Schädigung der Haut infolge von Blutgefäßverengung und direkter Kälteeinwirkung

Bei Wiedererwärmung tritt Plasma in das Gewebe und in die Blasen aus. Es kommt zu schmerzhaften Frostbeulen und zur Schwellung des Gewebes.
III
  • Blass-bläuliche Verfärbung der Haut mit Ausbildung schwarzer Hautnekrosen

  • Gefühl- und Schmerzlosigkeit aufgrund zerstörter Hautnervenendigungen

Bei Wiedererwärmung können Gefäßspasmen wegen arterieller Thrombosen der Blutgefäße nicht mehr gelöst werden. Die erfrorene Körperregion stirbt ab.
IV
  • Schwarze Verfärbung der Haut aufgrund von Nekrose des Wundgebietes

  • Zerstörung aller Gewebestrukturen

  • Keine Gewebereaktion, da alle Gewebestrukturen zerstört sind

  • Fäulnis nach Wiedererwärmung

Thermische Notfälle

Jürgen Luxem

  • 17.1

    Wärmeregulation326

  • 17.2

    Hitzeerkrankungen327

  • 17.3

    Verbrennungen330

  • 17.4

    Kälteschäden333

    • 17.4.1

      Unterkühlung333

    • 17.4.2

      Erfrierungen335

  • 17.5

    Strom- und Blitzunfälle336

Thermische NotfallthermischerNotfälle bilden eine Gruppe von Erkrankungen und Verletzungen, die entweder durch Kälte oder durch Hitze verursacht werden.

Bei der Betrachtung dieser Erkrankungsbilder ist zu beachten, dass das Überleben der Körperzellen von einer konstanten Körperkerntemperatur von 37 °C abhängig ist. Bei dieser Temperatur herrschen im Körper die optimalen Bedingungen für die maximale Leistungsfähigkeit des menschlichen Stoffwechsels. Durch das gegenseitige Wechselspiel von Wärmeabgabe und Wärmeproduktion wird die Körpertemperatur reguliert. Allerdings führen bereits geringe Abweichungen von diesem Sollwert zu charakteristischen körperlichen Veränderungen.

Wärmeregulation

Zur Erhaltung seiner biologischen Funktionen ist der Organismus auf die Aufrechterhaltung einer stabilen KörperkernTemperaturKörperkerntemperatur angewiesen. Die Wärmeregulation des Organismus steht unter der Kontrolle des Hypothalamus (Abb. 17.1) und wird vom endokrinen System über Hormone sowie vom vegetativen Nervensystem beeinflusst. Wärmerezeptoren im Körperkern (KörperkernGehirn, Thorax, Baucheingeweide) und in der Körperschale (KörperschaleMuskulatur, Haut, Extremitäten) messen ständig die Körpertemperatur. Realisiert wird die Wärmeregulation nach Auswertung im ZNS über die Anpassung der Wärmeproduktion und Wärmeabgabe.
Die Körperkerntemperatur beträgt 37 °C und die Temperatur der Körperschale etwa 28 °C. Insbesondere die Temperatur der Körperschale unterliegt einer großen Schwankungsbreite (sie kann bis zu 20 °C unter der Körperkerntemperatur liegen), da die Wärmeverteilung über Veränderungen der Durchblutung in der Körperschale umgesetzt wird.
Die Erhöhung der Körperkerntemperatur (Wärmebildung) Wärmebildungerfolgt vornehmlich durch die Vermeidung eines weiteren Wärmeverlustes und die zusätzliche Steigerung der Wärmeproduktion, insbesondere über:
  • Drosselung der Durchblutung der Körperschale (durch Blutgefäßverengung der peripheren Blutgefäße)

  • Steigerung der Stoffwechselaktivität durch Hormone

  • Körperliche Bewegung und Muskelarbeit

  • Verstärkte Tätigkeit der quergestreiften Muskulatur (Muskelzittern)

Vermindert wird die Körperkerntemperatur (Wärmeabgabe) Wärmeabgabevornehmlich durch die Verstärkung des Wärmeverlustes über die Körperschale nach außen, insbesondere durch:
  • Verstärkung der Durchblutung der Körperschale (durch Vasodilatation der peripheren Blutgefäße)

  • Konduktion: KonduktionWärmeabgabe über Kontakt zu anderen Oberflächen (z. B. Kleidung)

  • Konvektion: KonvektionWärmeabgabe über Kontakt zur kälteren Umgebungsluft

  • Wärmetransport durch Abstrahlen von Wärmeenergie

  • Schweißproduktion und Verdunstung von Schweiß auf der Hautoberfläche (Verdunstungskälte)

Merke

Die Schweißproduktion und somit die Wärmeabgabe über Verdunstungskälte ist die effektivste Form des Wärmetransports nach außen.

Hitzeerkrankungen

HitzeerkrankungDie Körperkerntemperatur wird auch bei erhöhten Umgebungstemperaturen konstant gehalten. Die vermehrte Wärmeabgabe des überhitzten Körpers erfolgt im Wesentlichen über die Schweißabsonderung. Wird nun in der erhöhten Umgebungstemperatur durch körperliche Anstrengung vermehrt Wärme im Körper produziert, können sich die üblichen Mechanismen der Wärmeabgabe schnell erschöpfen. So stößt die Wärmeabgabe – besonders über die Verdunstungskälte – bei hoher Luftfeuchtigkeit oder mangelnder Umgebungsventilation (z. B. Windstille) schnell an Grenzen.

Merke

Oberhalb einer Körpertemperatur von etwa 39 °C versagt die Schweißproduktion und damit konsekutiv die Möglichkeit der Wärmeabgabe über Verdunstungskälte.

Die mangelnde Wärmeabgabe führt zu einer Erhöhung der Körperkerntemperatur, die wiederum eine Erhöhung der Stoffwechselaktivität nach sich zieht.Hyperthermie Diese löst erneut eine Erhöhung der Körpertemperatur aus. Auf diese Weise entsteht ein Teufelskreis (Abb. 17.2), aus dem z. T. lebensbedrohliche Krankheitsbilder resultieren können.
Hitzekrämpfe
Durch starkes Schwitzen scheidet der Körper erhebliche HitzekrämpfeMengen an Flüssigkeit und Kochsalz (Natriumchlorid, NaCl) aus. Wenn diese Verluste nicht ausreichend durch elektrolythaltige, sondern irrtümlich durch elektrolytarme Getränke (z. B. Kaffee oder Tee) ersetzt werden, entsteht ein extrazellulärer Flüssigkeits- und Kochsalzmangel (hypotone DehydratationhypotoneDehydratation, 3.9.2). Im Vordergrund dieses Krankheitsbildes steht der ElektrolytmangelElektrolytmangel (Salzmangel). Zu einem Anstieg der Körpertemperatur kommt es nur selten. Durch den erhöhten Sympathikotonus wird verstärkt Natrium (Na+) in die Zelle aufgenommen. Folge ist eine verstärkte intrazelluläre Kalziumaktivität (Ca2+), die zu schmerzhaften, aber ungefährlichen Krämpfen der Muskulatur führt. Von Hitzekrämpfen (Tab. 17.1) sind meist Personen in guter körperlicher Verfassung z. B. bei schwerer körperlicher Arbeit in heißer Umgebung betroffen.
Basismaßnahmen
Die Basismaßnahme bei durch Elektrolytmangel ausgelösten Hitzekrämpfen besteht in der oralen Zufuhr von ausreichend elektrolythaltigen Getränken (z. B. Elektrolytlimonade, Mineraldrinks, Fruchtsäfte, Zugabe von ein bis zwei Teelöffeln Kochsalz pro Liter Wasser). Nur wenn keine kochsalzreichen Getränke vorhanden sind, kann als erweiterte Maßnahme ein venöser Zugang angelegt und eine balancierte Vollelektrolytlösung infundiert werden.
Hitzeerschöpfung
Eine HitzeerschöpfungHitzeerschöpfung (Tab. 17.1) ist trotz des verharmlosenden Namens durch die Kombination von Hyperthermie und Dehydratation ein dramatisches Notfallereignis. Ursache ist auch hier ein Mangel an Körperflüssigkeit und Kochsalz. Im Vordergrund der Hitzeerschöpfung steht jedoch der Flüssigkeitsmangel (Wassermangel), der eine hypertone DehydratationhypertoneDehydratation (3.9.2) verursacht. Die Hitzeerschöpfung entsteht, wenn die Patienten nicht genügend Flüssigkeit zu sich nehmen, weil z. B. kein Wasser vorhanden ist (Wüstenklima). Die Symptome sind Überhitzung, quälender Durst und Verwirrtheitssymptome bis zum Delirium sowie bei stärkster Ausprägung ein Schockgeschehen.
Basismaßnahmen
Die Basismaßnahmen zielen auf die Stabilisierung der Kreislaufsituation. In leichten Fällen reicht es aus, die Patienten in eine kühlere Umgebung (z. B. Schatten) zu bringen und durch ausreichende Flüssigkeitszufuhr ihren Wasser- und Elektrolythaushalt wieder zu normalisieren. Beengende Kleidung wird geöffnet und es wird für körperliche Ruhe und Betreuung gesorgt. Überdies wird eine ausreichende Luftbewegung sichergestellt. Feuchtkühle Tücher werden zur physikalischen Kühlung in den Nacken und auf die Stirn gelegt. Im Falle einer ausgeprägten Verschiebung des Wasser- und Elektrolythaushalts muss als erweiterte Maßnahme durch einen Notarzt ein venöser Zugang angelegt werden, um rasch 1 000 ml balancierte Vollelektrolytlösung infundieren zu können. Die endgültige Normalisierung der Elektrolytverschiebung muss in einem Krankenhaus erfolgen.
Zur Überwachung des Patienten wird ein fortlaufendes Monitoring (EKG, Blutdruckmessung, Sauerstoffsättigung) durchgeführt. Außerdem werden die Körpertemperatur gemessen und der Blutzuckergehalt bestimmt. Die Höhe der Sauerstoffgabe über eine Insufflationsbrille oder Sauerstoffmaske orientiert sich an den Vitalfunktionen. Die Lagerung erfolgt bei Bewusstseinsstörung in stabiler Seitenlage, sonst in Flachlagerung mit angehobenen Beinen. Bei Hirndruckzeichen wird der Oberkörper im 30°-Winkel hochgelagert.
Hitzschlag
Der Hitzschlag (HitzschlagTab. 17.1) ist eine seltene, aber die mit Abstand gefährlichste Form der Hyperthermie und kann unbehandelt zum Tode führen. Charakteristisch für den Hitzschlag ist die Störung der zentralen WärmeregulationStörungWärmeregulation durch Überhitzung des Organismus aufgrund der Behinderung der Wärmeabgabe, z. B. in feuchtwarmer Umgebung oder durch unzweckmäßige Kleidung. Seltener liegt die Ursache in einer erhöhten Wärmezufuhr oder Wärmeproduktion. Die Körpertemperatur steigt auf Werte über 41 °C. Überschreitet sie eine Temperatur von 42 °C, denaturieren die körpereigenen Eiweiße und die Zellen werden irreversibel geschädigt.
Basismaßnahmen
Die Basismaßnahmen zielen auf eine möglichst rasche Wiederherstellung der normalen Körpertemperatur. Die betroffene Person wird umgehend in eine kühle, schattige Umgebung gebracht. Beengende Kleidung wird zumindest geöffnet oder der Patient wird vollständig entkleidet. Die gesamte Körperoberfläche wird gekühlt (z. B. Kühlung durch Wasser oder Zuwedeln von Luft, Absprühen mit Desinfektionsmittel). Die Kühlmaßnahmen werden beendet, wenn die Körpertemperatur unter 38,5 °C sinkt. Bei vollständig erhaltenem Bewusstsein erfolgt eine orale Substitution verlorener Flüssigkeits- und Elektrolytreserven mit Elektrolytlimonade, Mineraldrinks, Fruchtsäften oder über die Zugabe von ein bis zwei Teelöffeln Kochsalz pro Liter Wasser. Innerhalb der ersten Stunde sollten die Betroffenen ein bis zwei Liter trinken.
Zusätzlich muss die Stabilisierung und Erhaltung der vitalen Funktionen durch erweiterte Maßnahmen erfolgen. Sie beinhalten bei vorliegender Schocksymptomatik die Platzierung eines venösen Zugangs durch den Notarzt und die rasche Infusion von ein bis zwei Litern balancierter Vollelektrolytlösung innerhalb der ersten ein bis zwei Stunden. Beim Hitzschlag wird der erste Liter balancierte Vollelektrolytlösung innerhalb von 15 Minuten infundiert. Bewusstlose Patienten werden intubiert und beatmet. Zerebrale Krampfanfälle werden medikamentös durchbrochen. Nach Stabilisierung der Vitalfunktionen muss der Patient auf einer Intensivstation weiterbehandelt werden, denn die nachhaltige Überhitzung des Körperkerns ist eine Erkrankung, die zu schwerwiegenden Komplikationen führen kann.
Sonnenstich
Bei einem Sonnenstich (SonnenstichHeliosis, HeliosisInsolation) Insolationführt die direkte, länger andauernde Sonneneinstrahlung auf den Kopf zu einem isolierten Anstieg der Temperatur innerhalb des Schädels und zu einer Reizung des Gehirns und der Hirnhäute. Die Körperkerntemperatur erhöht sich dabei nicht. Besonders gefährlich ist die Hitzewirkung auf den unbedeckten Kopf bzw. auf gering behaarte Köpfe von Neugeborenen, Säuglingen, Kleinkindern oder Erwachsenen.
Symptome
Ein Sonnenstich tritt typischerweise zeitlich verzögert zur Sonnenexposition (z. B. nachts) auf. Der Kopf des Patienten ist hochrot und erhitzt, der übrige Körper ist kühl und kaltschweißig. Die betroffenen Personen beklagen Schwindel, Übelkeit und Erbrechen, heftige Kopfschmerzen und Sehstörungen. Gelegentlich tritt eine Nackensteifigkeit (Meningismus) Meningismusauf. Infolge der Hirnhautreizung ist die Beweglichkeit der Halswirbelsäule und des Kopfes derart eingeschränkt, dass die Patienten nur unter großen Schmerzen in der Lage sind, das Kinn auf die Brust zu beugen.
Basismaßnahmen
Die Basismaßnahmen orientieren sich an denen der Hitzeerkrankungen. Oft genügt es, den Patienten mit erhöhtem Oberkörper in kühler Umgebung zu lagern. Eine wohltuende Kühlung des Nackens und des Kopfes mit feuchten Tüchern lindert die Beschwerden.

Verbrennungen

Verbrennungen Verbrennungoder Verbrühungen Verbrühungsind durch Wärmestrahlung oder Wärmeleitung ausgelöste Schädigungen der Haut. Sie können hervorgerufen werden durch:
  • Flammeneinwirkung (z. B. offenes Feuer)

  • Heiße, siedende oder kochende Flüssigkeiten und Dämpfe (z. B. Verbrühungen durch Wasser, Wasserdampf)

  • Heiße, feste Gegenstände (z. B. Herdplatte, Bügeleisen)

  • Elektrothermische Verbrennungen (z. B. Strom, Blitzschlag)

  • Explosionen (z. B. Industrieunfälle)

  • Strahlung (z. B. Sonne, Röntgenstrahlung, atomare Strahlung)

Entscheidend für das Ausmaß der thermischen Gewebeschädigung sind:
  • Die auf die Haut einwirkende Höhe der Temperatur

  • Die Expositionsdauer gegenüber der Energiequelle

  • Die Flächenausdehnung

  • Die Tiefenausdehnung im Gewebe

Die Einwirkung relativ niedriger Temperaturen über einen längeren Zeitraum (z. B. Wärmflasche/-kissen an schlecht durchbluteten Hautarealen) kann ebenso schwerwiegende Folgen haben wie die kurzzeitige Einwirkung sehr hoher Temperaturen (z. B. sehr heißes oder kochendes Wasser, Stichflamme).
Verbrennungsgrade
Der Schweregrad einer Verbrennung wird durch die Tiefen- und die Flächenausdehnung in dem betroffenen Gewebe bestimmt. Die Schweregrade werden anhand klinischer Untersuchungsbefunde in vier Verbrennungsgrade eingeteilt (Tab. 17.2).
Meistens liegen verschiedene Verbrennungsgrade nebeneinander vor (Abb. 17.3).
Inhalationstrauma
Als InhalationstraumaInhalationstrauma wird TraumaInhalations-eine direkte thermische Schädigung der Atemwege durch Stichflammen, Explosion oder Brandrauch verstanden, welche die Betroffenen im Moment der Hitzeeinwirkung durch Einatmen erleiden. Durch die Hitzeeinwirkung kann es zu lebensbedrohlichen Schwellungen der Atemwege und zu einer Zerstörung der Schleimhaut des Respirationstrakts bis zu den Alveolen kommen. Auf ein vorliegendes Inhalationstrauma weisen Verrußung oder Verbrennung im Gesicht und Mund-Nasen-Rachenraum hin.

Merke

Bei Verbrennungen immer an ein Inhalationstrauma und eine Rauchgasvergiftung denken, auch wenn zunächst keine eindeutigen Symptome vorliegen.

Flächenausdehnung
Die Ausdehnung einer Verbrennung über die Körperoberfläche (KOF) wird in Prozent angegeben. Zur Ermittlung wird im Rettungsdienst die sogenannte „Neunerregel“Neunerregel nach Wallace nach Wallace, NeunerregelWallace angewandt (Abb. 17.4), welche die unterschiedlichen anatomischen Proportionen von Kindern berücksichtigt. Bei unvollständig verbrannten Körperteilen kann die Flächenausdehnung auch anhand der sogenannten HandflächenregelHandflächenregel bestimmt werden. Sie besagt, dass die Fläche der Handinnenseite des Patienten ein Prozent der Körperoberfläche darstellt.
Eine Einteilung von Verbrennungen nach Verbrennungstiefe und Flächenausdehnung zeigt Tab. 17.3.
Verbrennungskrankheit
Zunächst VerbrennungKrankheitimponiert der Primärschaden der Haut, der sich bei fortdauernder Hitzeeinwirkung in die Tiefe der Gewebe fortsetzen kann („Tieferbrennen“). Selbst nach Beseitigung der Wärmequelle kann die Haut durch weiterhin hohe Gewebetemperaturen nachhaltig geschädigt werden, denn die aufgenommene Wärme kann nur langsam an die Umgebung abgegeben werden. Daher wird die gespeicherte Hitze auch noch 30 Minuten nach dem Trauma an noch nicht geschädigte Zellverbände weitergeleitet.
Neben den Brandwunden entwickelt sich bei ausgedehnten Brandverletzungen sekundär ein komplexes Schädigungsbild unter Mitbeteiligung aller Organsysteme des Körpers, die sogenannte Verbrennungskrankheit.
Frühphase
Erwachsene sind ab etwa 10 bis 15 % verbrannter Körperoberfläche (KOF) und Kinder ab etwa 10 % KOF von einem VerbrennungSchockVerbrennungsschock bedroht. Dieser bildet sich bereits in der Frühphase der Verbrennungskrankheit durch den Verlust an lebenswichtigen Flüssigkeiten und Eiweißen aus.
Spätphase
Im weiteren Krankheitsverlauf können sich Funktionsstörungen vieler Organsysteme (Multiorganversagenbei VerbrennungMultiorganversagen) einstellen, deren Ursachen in der gestörten Mikrozirkulation während des Verbrennungsschocks liegen.
Je früher in die Entwicklung der Verbrennungskrankheit eingegriffen wird, desto besser kann das Verletzungsausmaß eingegrenzt und Komplikationen vorgebeugt werden. Versäumnisse in der Behandlung innerhalb der ersten Stunden wirken sich negativ auf die Prognose des Patienten aus. Das Trauma durch Verbrennung oder Verbrühen ist eine absolute Notarztindikation.
Basismaßnahmen
Um einen Hitzestau im Körpergewebe und weitere Verbrennungen zu vermeiden, müssen folgende Erstmaßnahmen ergriffen werden:
  • Brennende Kleidung/Person ablöschen: Fluchtbewegung stoppen, Flammen durch Rollen auf dem Boden oder durch Überwerfen einer Decke ersticken, mit Wasser übergießen, Feuerlöscher einsetzen.

  • Durchtränkte oder verbrannte Kleidung rasch, aber vorsichtig entfernen.

  • Alle auf der Kleidung haftenden Brandstoffe sofort entfernen, alle auf der Haut haftenden Brandstoffe belassen.

Die unkritische und anhaltende Kühlung von ausgedehnten Brandverletzungen muss unterbleiben. Untersuchungen haben ergeben, dass Kühlung nur unmittelbar nach der Hitzeexposition nutzbringend ist und später einsetzende Kühlmaßnahmen sogar schädlich sein können, z. B. durch Verschlechterung der Gewebedurchblutung oder Unterkühlung. Bei größeren Verbrennungen (> 10 % KOF) muss die Kühlung daher wegen der Gefahr der Hypothermie bei reduzierter körpereigener Wärmeproduktion unterbleiben.
Bei Verbrennungen < 10 % KOF können dagegen die verbrannten Areale etwa zehn Minuten lang mit handwarmem Leitungswasser (kein Eiswasser oder zu kaltes Wasser) übergossen werden. Die optimale Wassertemperatur liegt zwischen 18 und 22 °C. Bei dieser Temperatur besteht keine Gefahr der Unterkühlung des Patienten. Sinnvollerweise wird die Kühlung auf die brandverletzte Hautoberfläche reduziert. Dadurch kann ein beschleunigtes Auskühlen des Patienten vermieden werden.
Die Untersuchung des Verletzten umfasst die Beurteilung der Verbrennungsschwere, die Lokalisation der Verbrennungen, das Erfassen von Begleitverletzungen und das Überprüfen eines vorliegenden Inhalationstraumas (davon sind ca. 20 % der Brandverletzten betroffen). Ein Monitoring (EKG, Blutdruckmessung, Pulsoxymetrie) ist obligat. Parallel zur Untersuchung des Patienten beginnt die Sicherung der Vitalfunktionen. Ansprechbare Patienten werden mit aufrechtem Oberkörper gelagert. Alle Brandverletzten erhalten Sauerstoff über eine Insufflationsmaske, unabhängig von der Verletzungsschwere.
Kleinere Verbrennungswunden können nach wie vor mit handwarmem Leitungswasser gekühlt werden (Schmerzreduktion). Brandwunden müssen zur Vermeidung von Infektionen steril abgedeckt werden. Zur Verfügung stehen alle herkömmlichen Verbandstoffe, die nicht mit der BrandwundeVerbandBrandwunde verkleben können, z. B. BrandwundeVerbandpäckchenBrandwundenverbandpäckchen, Metalline-Metalline-VerbandtücherVerbandtücher, OP-Abdecktücher, die mit Wasser oder Infusionslösung benetzt werden können. Beim Befeuchten ist aber zu beachten, dass je nach Witterung mit einer verstärkten Auskühlung zu rechnen ist.

Merke

Die Anfeuchtung mit Wasser- oder Infusionslösungen ist sofort einzustellen, wenn die verbliebene Hitze aus dem betroffenen Gebiet abgeleitet wurde (Gefahr der Hypothermie).

Kälteschäden

Unterkühlung

Als Unterkühlung (UnterkühlungHypothermie) Hypothermiewird das Absinken der Körperkerntemperatur unter 35 °C verstanden. Die Unterkühlung ist eine häufig auftretende und oft übersehene Komplikation, da im Zusammenhang mit anderen Erkrankungen oder Verletzungen immer wieder Wärmeverluste des Patienten entstehen können. Die Entwicklung der Unterkühlung hängt dabei im Wesentlichen von der Erkrankung oder Verletzung und den klimatischen Umständen, unter denen sie eintritt, ab. Wesentliches Kriterium für den Wärmeverlust ist dabei die Geschwindigkeit der Wärmeabgabe im Verhältnis zur Wärmeproduktion.
Typische Situationen, in den Patienten unterkühlen können, sind:
  • Aufenthalt in kalter Umgebung mit unangemessener Kleidung (z. B. Obdachlose, desorientierte alte Menschen)

  • Aufenthalt in kalter Umgebung mit zweckmäßiger Kleidung (Lawinenunfall, Kletterunfall, Skiunfall mit verlängerten Rettungszeiten)

  • Patiententransport in unzureichend geheizten Rettungsdienstfahrzeugen (z. B. Absinken der Körpertemperatur während des Transports bei analgosedierten Patienten)

  • Begleiterkrankungen (z. B. reduzierter Allgemeinzustand, Erschöpfung, alkoholisiert) oder Begleitverletzungen (z. B. Verbrennungen, Schock, Polytrauma)

  • Aufenthalt im Wasser (z. B. Beinahe-Ertrinken, Eiseinbruch)

Merke

Wegen der relativ größeren Körperoberfläche sinkt die Körperkerntemperatur bei Kindern erheblich schneller als bei Erwachsenen.

Symptome
Bei Körpertemperaturen zwischen 35 und 32 °C (Abwehrstadium) setzt als auffälligstes Symptom das Muskelzittern ein. Durch die Steigerung des Muskelstoffwechsels wird die Wärmeproduktion zunächst gesteigert. Gleichzeitig wird die Durchblutung der Extremitäten vermindert und die Hautdurchblutung durch Vasokonstruktion gedrosselt (Wärmedämmung). Reflektorisch wird die Atemfrequenz gesteigert, um das vermehrt anfallende Kohlenstoffdioxid aus dem Muskelstoffwechsel abzuatmen. Darüber hinaus wird auch die Herz-Kreislauf-Funktion gesteigert. Folglich steigt der Sauerstoffverbrauch um ein Vielfaches des Grundumsatzes an.
Bei weiterer Abkühlung der Körperkerntemperatur unter 32 °C lässt das Muskelzittern nach und die Muskeln werden steif (Erschöpfungsstadium). In diesem Stadium vermindert sich die Atmung und wird zunehmend flacher und unregelmäßiger. Zusätzlich treten Bewusstseinsstörungen auf.
Bei weiterer Abkühlung der Körperkerntemperatur unter 28 °C (Lähmungsstadium) besteht Lebensgefahr. Der Patient wird bewusstlos und die Schutzreflexe gehen verloren. Unterhalb von 24 °C laufen die Stoffwechselvorgänge nur noch extrem verlangsamt ab (Vita reducta oder Vita reducta, minimaminima). Der Organismus bewegt sich auf dem untersten energetischen Niveau (TodSchein-Scheintod).
ScheintodTypische Symptome der einzelnen Unterkühlungsstadien in Anlehnung an das Schweizer Klassifizierungsmodell der Hypothermie zeigt Tab. 17.4.
Basismaßnahmen
Im Vordergrund steht zunächst die schonende Rettung des Patienten unter Beachtung von Begleitverletzungen (Einsatz der Schaufeltrage). Bei fortgeschrittener Unterkühlung (< 32 °C) ist besonders darauf zu achten, dass keine übermäßigen aktiven oder passiven Bewegungen des Patienten stattfinden. Durch Bewegung kann kaltes Blut aus der Körperschale in den Körperkern gelangen, dort die Körperkerntemperatur weiter absenken und die Unterkühlung verstärken (After-Drop). After-DropAuf diese Weise kann die Körpertemperatur um bis zu 3 °C weiter absinken. Im ungünstigsten Fall kann der rasante Abfall der Körperkerntemperatur reflektorisch einen Herz-Kreislauf-Stillstand auslösen (Bergungstod). BergungstodDie Rettung ist so zu gestalten, dass die initiale Körperlage nicht verändert wird. Zur Rettung wird der Patient immobilisiert gelagert (z. B. auf einer Vakuummatratze). Unverzüglich nach der Rettung werden die Vitalfunktionen überprüft. Anschließend wird der Patient an einen warmen und windstillen Ort gebracht; dort wird nasse Kleidung entfernt. Ist das nicht möglich, bleibt der Patient vollständig bekleidet und es wird nur so viel Kleidung entfernt, wie es für die Notfallversorgung unbedingt notwendig ist. In jedem Fall wird der Patient in eine luftundurchlässige und isolierende Folie, eine sogenannte Rettungsdecke, eingewickelt, bis er in den warmen, vorgeheizten RTW gebracht werden kann. Die Rettungsdecke soll das Auskühlen durch Verdunstung verhindern, ist aber nur dann effektiv, wenn weiterhin niedrige Außentemperaturen bestehen und die Decke nicht direkt der Haut aufliegt. Liegt der Patient bereits im warmen RTW, ist die Rettungsdecke nicht zuträglich, weil sie das langsame Erwärmen der Körperschale verhindert.
ReanimationHypothermieReanimationsmaßnahmen werden wegen der verbesserten HypoxieToleranz des ZNSHypoxietoleranz des ZNS und der verbesserten Wiederbelebungschancen nicht abgebrochen, ehe die normale Körperkerntemperatur wieder erreicht wird, denn die Unterkühlung führt bereits bei Temperaturen um 32 °C zu einer hirnprotektiven Wirkung. Durch die Drosselung der Schalendurchblutung und die Bradykardie wird der Sauerstoffbedarf gesenkt. Bei einer Körpertemperatur von 30 °C beträgt der Sauerstoffbedarf nur noch ca. 50 % des normalen Umsatzes. Über diese Mechanismen steigt die Hypoxietoleranz der Gewebe an und die Wiederbelebungszeit des Zentralnervensystems verlängert sich. Für die BLS-Maßnahmen gilt daher, dass Beatmung und Thoraxkompressionen uneingeschränkt durchgeführt werden müssen.
Die Defibrillationbei HypothermieDefibrillation ist jedoch unterhalb einer Körpertemperatur von 30 °C nicht sicher wirksam. Daher werden bei Auftreten von Kammerflimmern Defibrillationen durchgeführt, wenn die Körpertemperatur auf über 30 °C angestiegen ist.

Merke

No one is dead until he is warm and dead.

Niemand ist tot, solange er nicht warm und tot ist.

Erfrierungen

Werden Körperregionen über einen Erfrierunglängeren Zeitraum intensiver Kälte ausgesetzt, versagt der Mechanismus der Wärmeerhaltung und es kann zu lokalen Erfrierungen kommen. Besonders von Erfrierungen betroffen sind vom Körperkern entlegene und ungeschützte Regionen, wie Finger, Zehen, Nasen und Ohren (Körperspitzen). Bereits bei Temperaturen oberhalb des Gefrierpunktes kann es zu Erfrierungen kommen, da nicht nur die Temperatur, sondern auch Art, Geschwindigkeit und Dauer der Kälteeinwirkung das Ausmaß einer Erfrierung bestimmen. Begünstigend wirken Bewusstlosigkeit, Alkoholmissbrauch und Schock, da hier die periphere Vasoregulation gestört ist.
Über eine Blutgefäßverengung in dem betroffenen Gewebe versucht der Körper, sich vor einer Auskühlung des Körperkerns zu schützen, und nimmt dafür die Auskühlung der Körperperipherie hin. Dies führt jedoch zu Sauerstoffmangel und verlangsamtem Blutfluss (Blutstase) mit Blutstaseder Stasezunehmenden Gefahr von Thrombenbildung. Zusätzlich bewirken die peripheren Durchblutungsstörungen eine stärkere Durchlässigkeit der Gefäßwände und verursachen so Flüssigkeitsverschiebungen (Ödembei ErfrierungÖdeme).
Analog zu den Verbrennungen werden Erfrierungen in vier Schweregrade eingeteilt (Tab. 17.5).
Basismaßnahmen
Die Basismaßnahmen zielen auf eine langsame Erwärmung der erfrorenen Körperteile. Weil immer von einer Unterkühlung des gesamten Körpers ausgegangen werden muss, wird die betroffene Person – um eine weitere Kälteeinwirkung zu verhindern – in eine warme Umgebung gebracht. Dort wird ggf. nasse Kleidung entfernt und der Patient schonend gelagert. Die von Erfrierungen betroffenen Körperregionen werden warm eingepackt. Durch die Körperwärme kommt es zu einer langsamen Erwärmung.
Es darf keinesfalls der Versuch unternommen werden, durch Reiben oder andere mechanische Manipulationen die erfrorenen Körperteile wieder zu erwärmen, da dies zu zusätzlichen Gewebeschäden führt. Da die Reperfusion erhebliche Schmerzen bereitet, muss der Notarzt zur Schmerzbekämpfung nachgefordert werden. Er behandelt den Patienten mit Opiaten oder peripher wirksamen Analgetika.

Strom- und Blitzunfälle

Wenn Strom StromUnfalldurch den menschlichen Körper fließt, wirkt der Körper als elektrischer Leiter und ist Teil eines geschlossenen Stromkreises. Ein direkter Stromschlag StromSchlagist definiert als Kontakt mit spannungsführenden Teilen und Übergang des Stroms auf den Körper. Als indirekter Stromschlag werden Ereignisse bezeichnet, die sich durch bloße Annäherung an einen hochspannungsführenden Leiter durch LichtbogenüberschlagLichtbogenüberschlag oder Schrittspannung (Abb. 17.5) ereignen.
Schrittspannung
Beim Einschlag eines SchrittspannungBlitzes in die Erdoberfläche treten starke, aber kurzzeitige elektrische Ströme im Bereich zwischen 10 und 500 kA auf, die am elektrischen Widerstand des Erdbodens zu einer hohen elektrischen Spannung (einer Potenzialdifferenz) führen. Rund um den Einschlagspunkt bildet sich kurzzeitig ein sogenannter „Potenzialtrichter“ (starkes Spannungsfeld) aus, dessen Größe von der Leitfähigkeit des Erdreiches abhängig ist. Um den Einschlagspunkt verteilt sich der Blitzstrom im Boden und breitet sich kreisförmig aus. Mit zunehmender Entfernung vom Einschlagpunkt wird damit die auftretende Spannung zwischen zwei Punkten mit gleichem Abstand immer geringer.
Wenn nun ein Mensch die Erdoberfläche im Umfeld dieses Einschlagpunktes (Potenzialtrichters) mit seinem Körper (z. B. mit den Füßen) an unterschiedlichen Stellen berührt, setzt er seinen Körper einer Spannung von einigen 100 V aus, die durch gehende oder liegende Personen abgegriffen wird (sog. Schrittspannung). Je stärker dabei der elektrische Strom und je höher der elektrische Widerstand des Bodens ist, desto größer ist die Spannung, die einen Strom durch den menschlichen Körper verursacht. Der durch den Körper fließende Stromfluss wirkt direkt auf elektrisch erregbare Strukturen im Organismus (z. B. Myokard, Skelettmuskulatur, Nervensystem) oder löst eine hohe Wärmeentwicklung mit schwerwiegenden Verbrennungen aus.

Merke

Blitz ist nicht gleich Blitz – und Boden ist nicht gleich Boden, und der Strom nimmt den Weg des geringsten Widerstandes, wodurch der Strom auch wieder nach „oben“ durch den Körper fließen kann.

Niederspannungsunfälle
Niederspannungsunfälle UnfallNiederspannungmachen den größten StromSpannungTeil aller Stromunfälle aus und treten bei Spannungen unter 1 000 Volt auf. Im Haushalt gebräuchlich ist eine Spannung von 230 V mit einer Frequenz von 50 Hz.
Im Bereich Verkehr und Industrie sind Spannungen von 400 V und höher anzutreffen. Aufgrund der geforderten Anzugsmomente der Motoren kommt hier oftmals Gleichspannung zum Einsatz, z. B. Fahrdraht der Straßenbahn.
Niederspannungsunfälle ereignen sich meist im Umgang mit mobilen Elektrogeräten oder unsachgemäßen Eingriffen an diesen Geräten. Das Verletzungsbild ergibt sich bei Wechselspannung hauptsächlich aus der direkten elektrischen Wirkung der Frequenz des Stroms auf Muskel- und Nervengewebe (Herzrhythmusstörungen, Kammerflimmern) und bei Gleichspannung aus der durch den Stromfluss hervorgerufenen Wärmewirkung (Verbrennungen an den Stromeintritts- und Stromaustrittsstellen, Strommarken).
Hochspannungsunfälle
Hochspannungsunfälle Hochspannungtreten bedeutend seltener auf und setzen Stromspannungen von über 1 000 V voraus. Hochspannung kommt in Fahrdrähten der Eisenbahn (15 000 V, 16,7 Hz Wechselspannung), in Überlandleitungen, Elektrizitätswerken oder StarkstromunfallUmspannstationen (bis zu 400 000 V, Wechselstrom) vor. Meistens ereignen sich Hochspannungsunfälle im Rahmen von Arbeitsunfällen, Freizeitunfällen (z. B. Paragliding) oder Suizidversuchen durch direkten Kontakt oder Lichtbogenwirkung. Das Verletzungsbild ergibt sich hauptsächlich durch die freiwerdende elektrothermische WirkungelektrothermischeWirkung (Abb. 17.6). Zwischen den Ein- und Austrittsstellen des Stroms können schwerwiegende Verkochungen (Verbrennungen 4. Grades) mit Zerstörung der Knochen auftreten. Zusätzlich können weitere schwere Verletzungen hervorgerufen werden, wenn die betroffene Person durch den Stromschlag oder Lichtbogen weggeschleudert wird.
Eine besondere Gefahr geht von spannungsführenden elektrischen Leitungen aus, wenn diese reißen und unter Strom stehend den Boden berühren. Die (herabgefallene) spannungsführende Leitung bildet in ihrer Umgebung einen trichterförmig ansteigenden Verlauf der Spannung an der Erdoberfläche aus (Spannungstrichter). Bei gut leitenden Böden (z. B. nasser Lehm) ist der Spannungstrichter klein, bei schlecht leitenden Böden (z. B. trockener Sand) ist er groß. In diesen Fällen darf keine Rettung oder Bergung erfolgen. Es muss ein Sicherheitsabstand von mindestens 10 m eingehalten werden.
Blitzunfall
Ein Blitzunfall Blitzunfallist eine Sonderform des Hochspannungsunfalls. Wenn zwischen Wolken und Erde eine atmosphärische Funkenentladung auftritt, entlädt sich diese in Form eines hochgespannten Flammbogens (Blitz) zur Erde. Ein Blitz dauert nur wenige Mikrosekunden an, enthält eine Stromspannung von 10 bis 30 Megavolt und erzeugt Temperaturen von mehreren tausend Grad Celsius. Durch die große Hitze bei direktem Blitzkontakt oder Blitzeinschlag in mittelbarer Umgebung wird das Körpergewebe schlagartig erhitzt, was zu großflächigen Verbrennungen führt. Weitere Schäden können durch die Druckwelle, BlitzDruckwelle (z. B. Trommelfellriss, Wegschleudern mit zusätzlichen Verletzungen) oder die fotoelektrische WirkungfotoelektrischeWirkung, die zu Sehstörungen bis zum Erblinden führen kann, entstehen.
Basismaßnahmen
Im Rahmen von Stromunfällen ist auf den Selbstschutz des Rettungsfachpersonals höchste Aufmerksamkeit zu verwenden. Allzu leicht wird die Eigensicherung vergessen. Vor allen medizinischen Maßnahmen muss sich das Personal einen Überblick
  • über die Art der Spannung,

  • die Expositionsdauer,

  • die Begleitumstände und

  • den Schädigungsmechanismus

verschaffen, um nicht selbst in Gefahr zu geraten.

Achtung

Im Bereich von Niederspannung gilt vor Rettungsversuchen des Verunglückten folgende Vorgehensweise:

  • Gerät abschalten bzw. „stromfrei schalten“ und gegen Wiedereinschalten sichern. Gerät abschalten reicht insbesondere im Haushalt nicht aus, da die Polarität (Phase/Nulleiter) nicht klar vergeben ist (d. h., es kommt darauf an, wie der Stecker in der Steckdose steckt).

  • Gerät sicher vom Netz trennen (Netzstecker ziehen).

  • Eventuell erden (wenn möglich).

Dann erst kann mit der medizinischen Versorgung des Patienten begonnen werden.

Achtung

Im Bereich von Hochspannung gilt bei allen Rettungsversuchen: Warten!

Die Rettung oder Bergung des Verunglückten kann erst dann erfolgen, wenn folgende Voraussetzungen durch Fachpersonal umgesetzt wurden. Die Feuerwehr gilt in diesem Zusammenhang nicht als Fachpersonal, sondern nur der Betreiber der Anlage (Bahn, Verkehrsbetriebe etc.):
  • Schrittspannung und Lichtbögen sind ausgeschlossen.

  • Ein ausreichender Sicherheitsabstand von mindestens 5 m wird eingehalten.

  • Die Hochspannungsleitung ist ausgeschaltet und vor Wiedereinschalten gesichert.

  • Die Rettung oder Bergung erfolgt grundsätzlich nur in Anwesenheit eines Fachmannes (VDE, Bahn AG).

Unmittelbar nach Rettung des Verunglückten können die lebenswichtigen Basismaßnahmen eingeleitet werden. Sie richten sich nach dem Ausmaß der Verletzungen und folgen den üblichen Maßnahmen im Rahmen der Sicherung der Vitalfunktionen. Sauerstoffgabe, Monitoring (vor allem Herzrhythmusüberwachung), Lagerung sowie Maßnahmen gegen Verbrennungen, Herzrhythmusstörungen (7.5) und Begleitverletzungen (Kap. 18) vervollständigen die Basismaßnahmen.

Wiederholungsfragen

  • 1.

    Beschreiben Sie die Wärmeregulation. Wie erfolgt die Wärmeproduktion und wie die Wärmeabgabe? (17.1)

  • 2.

    Welche Art von Krämpfen treten bei Hitzekrämpfen auf? Nennen Sie weitere Symptome. (17.2)

  • 3.

    Welche Leitsymptome charakterisieren die Hitzeerschöpfung? (17.2)

  • 4.

    Nennen Sie die Leitsymptome des Hitzschlags. (17.2)

  • 5.

    Was ist ein Sonnenstich? Nennen Sie Ursachen, Symptome und therapeutische Maßnahmen. (17.2)

  • 6.

    Was ist eine Verbrennung? Durch welche Hitzequellen können Verbrennungen hervorgerufen werden? (17.3)

  • 7.

    Erläutern Sie den Begriff „Inhalationstrauma“ und nennen Sie die Symptome. (17.3)

  • 8.

    Nennen Sie die Verbrennungsgrade und beschreiben Sie die auftretenden Symptome. (17.3)

  • 9.

    Welche Flächenausdehnung haben bei einem Erwachsenen Verbrennungen des rechten Beins und des gesamten vorderen Rumpfbereichs? (17.3)

  • 10.

    Beschreiben Sie die Vorgänge bei der Verbrennungskrankheit. Ab wie viel Prozent verbrannter Körperoberfläche muss bei Erwachsenen mit einem Verbrennungsschock gerechnet werden? (17.3)

  • 11.

    Beschreiben Sie das therapeutische Vorgehen bei Verbrennungen und erläutern Sie die Therapieprinzipien. (17.3)

  • 12.

    Definieren Sie den Begriff „Unterkühlung“ und nennen Sie die typischen Ursachen für das Auftreten von Unterkühlungen. Welche Rolle spielt Alkohol in diesem Zusammenhang? (17.4.1)

  • 13.

    In welchen Stadien verläuft eine Unterkühlung? Nennen Sie die charakteristischen Symptome. (17.4.1)

  • 14.

    Erläutern Sie die zerebroprotektiven Eigenschaften einer Unterkühlung. Welche Schlussfolgerungen müssen daher für die Therapie von Unterkühlungen abgeleitet werden? (17.4.1)

  • 15.

    Erläutern Sie die Begriffe „Bergungstod“ und „After-Drop“. Wann können sie auftreten? (17.4.1)

  • 16.

    Beschreiben Sie das Vorgehen bei Unterkühlung. Was ist bei der Anwendung einer Rettungsdecke zu beachten? Was gilt für die Defibrillation und Anwendung von Medikamenten bei Unterkühlung? (17.4.1)

  • 17.

    Was ist eine Erfrierung und wie kommt diese zustande? Welche Körperregionen sind bedroht? (17.4.2)

  • 18.

    Welche Erfrierungsgrade können unterschieden werden? Erläutern Sie die therapeutischen Maßnahmen. (17.4.2)

  • 19.

    Worin liegt der Unterschied zwischen einem direkten und einem indirekten Stromschlag? Erläutern Sie in diesem Zusammenhang die Begriffe Schrittspannung und Lichtbogen. (17.5)

  • 20.

    Erläutern Sie die Faktoren, die das körperliche Ausmaß eines Stromunfalls bestimmen. Warum wird in Nieder- und Hochspannungsunfälle unterteilt? (17.5)

  • 21.

    Wo liegt die Grenze zwischen Nieder- und Hochspannung und welche Auswirkungen haben Unfälle im Nieder- bzw. Hochspannungsbereich auf den Körper? Nennen Sie Beispiele für Ereignisse, die zu Stromunfällen führen können. (17.5)

  • 22.

    Wie ist ein Blitzunfall einzuordnen? Nennen Sie die besonderen körperlichen Schäden, die durch einen Blitz verursacht werden können. (17.5)

  • 23.

    Welche Schutzmaßnahmen sind bei Nieder- bzw. Hochspannungsunfällen zu beachten? Welche Therapieregime werden bei Stromunfällen verfolgt? (17.5)

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