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B978-3-437-48043-0.00018-2

10.1016/B978-3-437-48043-0.00018-2

978-3-437-48043-0

Quetschverletzung der Hand

[M235]

Bisswunde an der Wange durch einen Menschen

[E471]

Messerstichverletzung des Thorax

[M235]

Schusswunde im Thorax/Herz

[M235]

Schnittverletzung am Hals

[M235]

Ablederung am Rumpf

[M235]

Skalpierung der Kopfhaut

[M235]

Technik des Druckverbandes

[L190]

Abdrückpunkte zur Arterienkompression

[L231]

  • a)

    Anlage eines Tourniquets am Oberschenkel

  • b)

    Abbinden mit einer Blutdruckmanschette

  • a)

    [M839]

  • b)

    [L231]

a) Totale Oberschenkelamputation; b) subtotale Oberschenkelamputation

[M235]

Anwendung des Replantatbeutels

[L190]

Geschlossene Sprunggelenkluxation

[M235]

Offene Sprunggelenksfraktur

[M235]

Unterarmfraktur (geschlossen)

[M235]

Gradeinteilung der offenen Fraktur

[L190]

Frakturarten der Wirbelsäule: Kompressionsfraktur (links), Luxationsfraktur (Mitte), Schubfraktur (rechts)

[L231]

Fraktur des 2. Halswirbels

[M235]

Halsschienengriff zur manuellen HWS-Stabilisierung. Die linke Hand unterstützt den Nacken, die rechte Hand fixiert den Kopf gegen den linken Unterarm.

[L231]

Handhaltung bei der Helmabnahme

[J747]

Spineboard, sinnvolle Ergänzung zu Schaufeltrage und Vakuummatratze

[J747]

Blutungen ins Schädelinnere

[L190]

AnisokorieAnisokorie bei SHT: Pupillenstatus als wichtiges Diagnoseverfahren

[E623]

Stumpfes Thoraxtrauma

[M235]

Instabiler ThoraxThoraxinstabiler bei Rippenserienfraktur rechts (paradoxe Atmung)

[L190]

Verschiedene Formen des Pneumothorax

[L190]

Milzruptur

[M519]

Angepasste Schocklage

[L231]

Polytraumatisierter und eingeklemmter Patient nach Unterfahrung eines Lkw

[T337]

Stabilisierung der HWS von Hand in der Initialphase der Versorgung eines eingeklemmten Patienten

[O429]

Rautek-Rettungsgriff

[J747]

Schonende Rettung ohne Zeitdruck. a) Betreuung des Patienten durch das zerstörte Seitenfenster (Zugangsöffnung); b) Entfernung der Frontscheibe (weitere Zugangsöffnung); c) Entfernung der Fahrertür (Versorgungsöffnung); d) + e) Erweiterung der Fahrgastzelle zur Beseitigung der Einklemmung (Befreiungsöffnung); f) freier Zugang zum Patienten (Rettungsöffnung)

[O429]

Schussverletzung durch 9-mm-Projektil aus einer Polizeiwaffe, Einschuss Rücken unter Schulterblatt (Lungensteckschuss)

[M235]

Multiple Stichverletzungen im Bauchbereich

[M235]

Zu erwartende Blutverluste in Zusammenhang mit FrakturenFrakturBlutverlust

Tab. 18.1
Frakturlokalisation Möglicher Blutverlust nach innen
Oberarm 800 ml
Unterarm 500 ml
Oberschenkel 2 000 ml
Unterschenkel 1 000 ml
Becken 5 000 ml

Traumatologie

Benjamin Lorenz

Jürgen Luxem

  • 18.1

    Wunden und Blutungen343

    • 18.1.1

      Wundarten – Gefahren und Entstehung343

    • 18.1.2

      Wundversorgung und Verbandlehre346

    • 18.1.3

      Blutstillung347

    • 18.1.4

      Fremdkörperverletzungen348

    • 18.1.5

      Amputationsverletzungen349

  • 18.2

    Verletzungen des Bewegungsapparates351

    • 18.2.1

      Gelenkverletzungen351

    • 18.2.2

      Frakturen351

  • 18.3

    Verletzungen der Wirbelsäule353

    • 18.3.1

      Verletzungen der Wirbel353

    • 18.3.2

      Verletzungen des Rückenmarks354

    • 18.3.3

      Therapie der Wirbelsäulenverletzung354

  • 18.4

    Schädel-Hirn-Trauma358

    • 18.4.1

      Klinische Unterteilung nach dem Schweregrad358

    • 18.4.2

      Schweregradbeurteilung anhand des GCS-Scores359

    • 18.4.3

      Traumatische intrakranielle Blutungen360

  • 18.5

    Verletzungen des Brustkorbes (Thoraxtrauma)361

    • 18.5.1

      Verletzungen der Brustwand362

    • 18.5.2

      Verletzungen des Brustkorbinneren363

  • 18.6

    Verletzungen des Bauchraums (Abdominaltrauma)365

    • 18.6.1

      Verletzungen der Bauchorgane365

    • 18.6.2

      Magen- und Darmverletzungen366

    • 18.6.3

      Therapie der Abdominalverletzungen366

  • 18.7

    Polytrauma367

  • 18.8

    Einklemmungstrauma368

    • 18.8.1

      Schonende Rettung369

    • 18.8.2

      Crashrettung369

  • 18.9

    Spezielle traumatologische Notfallsituationen371

    • 18.9.1

      Schussverletzungen371

    • 18.9.2

      Stichverletzungen371

    • 18.9.3

      Verletzungen durch Erhängen oder Strangulation372

Die sachgerechte, zielgerichtete Versorgung traumatisierter Patienten stellt hohe Anforderungen an das Rettungsfachpersonal aller Qualifikationsgrade. In der präklinischen Versorgung von Traumapatienten werden die entscheidenden Weichen gestellt, die sowohl auf das Überleben des Patienten als auch auf die weitere Überlebensqualität entscheidenden Einfluss haben. Versäumnisse der rettungsdienstlichen Therapie können von einer noch so guten klinischen Therapie oft nicht wieder behoben werden. Die Effizienz der Notfalltherapie entscheidet auch über das Ausmaß sekundärer Schäden (z. B. schockbedingtes Multiorganversagen), die es zu vermeiden gilt.

Grundsätzlich stützt sich die Versorgung von TraumapatientenTrauma auf einige wenige elementare Säulen:

  • Retten aus Gefahr

  • Versorgung nach einer klaren Struktur: ABCDE-Schema (PHTLS, ITLS, ATLS …)

  • Sicherstellen einer ausreichenden Atmung/Oxygenierung

  • Kreislaufstabilisierung (Blutvolumen erhalten bzw. ersetzen)

  • Wärmeerhalt

  • Sachgerechte, der Situation angemessene Immobilisation, Schienung, Wundversorgung, Lagerung, Transport

  • Schmerzbekämpfung, Betreuung

  • Angemessenes Zeitmanagement („Golden Hour of Trauma“)

Merke

Die „Golden Hour of TraumaGolden Hour of Trauma“ besagt, dass ein Patient die besten Überlebenschancen hat, wenn er innerhalb der ersten Stunde nach Entstehung des Traumas einer definitiven klinischen Versorgung zugeführt wird.

Wunden und Blutungen

Wundarten – Gefahren und Entstehung

Die Haut als größtes Organ des menschlichen Körpers wird selten in ihrer Bedeutung anerkannt. Als „Multitalent“ erfüllt sie unterschiedliche Funktionen: Sie wirkt mit bei der Regulierung des Wasserhaushalts (3.9.2) und des Wärmehaushalts (17.1). Ferner dient sie als Sinnesorgan (3.4.1) und nicht zuletzt als Schutzbarriere gegen viele schädliche Faktoren. Kommt es zu Störungen der Kontinuität der Haut durch Gewalteinwirkung oder sonstige zerstörende Einflüsse (Hitze, Chemikalien), entstehen WundenWunde.
Gefahren
Bei Betrachtung der umfangreichen Funktionen der Haut liegen die Gefahren durch die Entstehung von WundenWundeGefahren auf der Hand. Die wichtige Schutzbarriere gegen schädigende Einflüsse (Krankheitserreger) fehlt. Infektionen, die auch tief gelegene Strukturen betreffen können, sind die Folge. Je nach Tiefe der Schädigungen können kleine und große Gefäße verletzt sein, was zu bedrohlichen Blutungen führen kann. Die Blutung kann offen nach außen hin oder, z. B. bei Prellungen, in den Zwischenzellraum erfolgen. Ein Bluterguss (Hämatom) ist dann die Folge. Außerdem können Nerven geschädigt werden. Sind ausgedehnte Hautareale betroffen (z. B. Verbrennung), können große Mengen Flüssigkeit aus dem Interstitium verloren gehen (Verbrennungsschock, 17.3).
Wundarten
WundenWundarten lassen sich anhand des Mechanismus, durch den sie entstanden sind, beschreiben.
Platzwunden
PlatzwundenPlatzwunde entstehen durch stumpfe Gewalteinwirkung auf die Körperoberfläche. Die Haut platzt auf und ein leicht unregelmäßiger Wundrand entsteht. Die Stärke der Blutung kann variieren.
Schürfwunden
SchürfwundenSchürfwunde entstehen durch einen Abrieb der Haut. Die Tiefe der Wunde, d. h., welche Hautschichten betroffen sind, und deren Ausdehnung können stark variieren.
Quetschwunden
Gewalteinwirkungen aus mindestens zwei Richtungen gleichzeitig führen zu QuetschwundenQuetschwunde. Größere, schmerzhafte Weichteildefekte mit Hämatombildung in der Tiefe sind die Folge (Abb. 18.1).
Bisswunden
Ursächlich für BisswundenBisswunde sind Bisse von Tieren oder Menschen. Sie können unterschiedlich in Erscheinung treten. Tiefe und Ausdehnung können variieren. Von Bisswunden geht aufgrund der Keimbesiedlung der Mundflora eine große Infektionsgefahr aus (Abb. 18.2).
Stichwunden
StichwundenStichwunde, durch Messer oder spitze Gegenstände verursacht, sehen oft sehr harmlos aus. Tiefe und Ausmaß des inneren Schadens sind ohne genaue Diagnostik nicht einzuschätzen. Es gilt, eine besonders große Sorgfalt beim Bodycheck an den Tag zu legen und beim Vorliegen einer Stichwunde eher von einer schwereren Verletzung auszugehen (Abb. 18.3).
Schusswunden
SchusswundenSchusswunde entstehen durch das Eindringen von Projektilen aus einer Schusswaffe in den Körper. Die Wundballistik ist dabei von Faktoren wie Kaliber, Projektilart und Entfernung des Schützen abhängig. Die Einschussöffnung ist, je nach Munitionsart, eher klein und mit scharf begrenzten Wundrändern, während die Ausschussöffnung meist größer ist und über unregelmäßige Wundränder verfügt. Bei Einschussöffnungen aus nächster Nähe sind häufig Pulverreste (Schmauchspuren) zu erkennen (Abb. 18.4). Auch hier gilt, dass kleine, vermeintlich unscheinbare Verletzungen nicht übersehen oder unterschätzt werden dürfen!
Schnittwunden
SchnittwundenSchnittwunde haben scharf begrenzte Wundränder und neigen zu starken Blutungen. Die Tiefe ist dabei oft schwer einzuschätzen (Abb. 18.5).
Verbrennung
VerbrennungenVerbrennung entstehen durch thermische Einwirkung auf den Körper. Die Haut wird dabei unterschiedlich stark zerstört (Abb. 17.3). Die Tiefe der Verbrennung wird, soweit keine komplette Verkohlung vorliegt, durch drei Verbrennungsgrade beschrieben (17.3).
Erfrierungen
ErfrierungenErfrierung entstehen ähnlich wie Verbrennungen; die Schädigung wird im Gegensatz zur Verbrennung allerdings durch die Einwirkung von Kälte hervorgerufen (17.4.2). Betroffen sind meist in der Körperperipherie gelegene Körperteile wie z. B. die Ohren.
Ablederung
Von AblederungenAblederung spricht man, wenn es zu großflächigen Ablösungen der Haut im Rahmen eines Traumas kommt (z. B. Überrolltraumen; Abb. 18.6). Es entstehen erhebliche Blutungen. Bei Ablederungen im Bereich des Kopfes spricht man von Skalpierungen (Abb. 18.7). Sie sind vom offenen SHT abzugrenzen, bei dem es zu einer Eröffnung des Schädelknochens und der harten Hirnhaut kommt (18.4).

Wundversorgung und Verbandlehre

Merke

Bei der Versorgung von Wunden und in allen Situationen, in denen ein Kontakt mit Blut, Sekret oder Erbrochenem möglich ist, müssen die Helfer unbedingt eine geeignete persönliche Schutzausrüstung (Schutzhandschuhe, Schutzbrille) tragen.

Das Anlegen von Verbänden ist WundeVersorgungeine einfache und effektive Basismaßnahme, die das Rettungsdienstpersonal beherrschen muss. Durch das Verbinden von Wunden kann viel Schaden vom Patienten abgewendet werden. Verbände erfüllen dabei mehrere Funktionen.
Kommt es zum Eindringen von Krankheitserregern in eine offene Wunde, besteht die Gefahr einer Infektion. Verbände sollen daher als sterile WundauflageWundauflage das Eindringen der Keime verhindern. Auf sauberes Arbeiten muss geachtet werden. Eine weitere wichtige Aufgabe erfüllen Verbände im Rahmen der Blutstillung. Korrekt und schnell angebrachte Verbände ermöglichen es, (starke) Blutungen zum Stillstand zu bringen und somit Blutvolumen zu sparen. Sie können durchaus lebensrettend sein und sind ein wichtiges Instrument in der Vorbeugung und Bekämpfung des Volumenmangelschocks.
Anforderungen an einen Verband
Um den gewünschten Effekt bei der Anlage eines Verbandes zu erzielen, müssen an den Verband einige Anforderungen gestellt werden, welche die Effizienz dieser Maßnahme garantieren.
Ein VerbandVerband muss
  • rutschfest sein: Ein Verband muss so angelegt werden, dass er nicht von der Wunde rutschen kann. Dies würde das Ausmaß der Wunde vergrößern. Durch die erneute Öffnung könnten Krankheitserreger in die Wunde eindringen.

  • steril sein: Die direkt auf der Wunde aufliegende Wundauflage muss steril sein. Ziel eines Verbandes ist es, das Eindringen von Schmutz und Krankheitserregern in die Wunde zu verhindern. Dies kann nur erreicht werden, wenn mit dem Verbandmaterial sorgfältig gearbeitet und das Umfeld der Wunde so keimfrei wie möglich gehalten wird.

  • trocken sein: Die Wundauflage muss trocken sein, um ihre Saugfähigkeit zu erhalten und ein Aufschwemmen von Wundrändern durch Wasser zu verhindern. Ausnahmen: Beim Austritt von Abdominalorganen sollten diese mit einem feuchten Verbandtuch bedeckt werden.

  • zweckmäßig sein: Die Art und die Größe des Verbandes sollen der vorliegenden Verletzung in Form, Größe und Verbandtechnik angemessen sein.

Nach Anlage eines Verbandes an einer Extremität muss überprüft werden, ob der Verband zu fest sitzt. Deshalb ist stets eine DMS-KontrolleDMS-Kontrolle (Durchblutung, Motorik, Sensibilität) durchzuführen. Ein zu festes Bandagieren kann durch Behinderung des venösen Abflusses zu Störungen der Durchblutung an der betroffenen Extremität oder gar zu einer arteriellen Durchblutungsverminderung der Extremität führen. Ausnahme: Tourniquetanwendung bei lebensbedrohlichen Blutungen. In diesem Fall ist es das Ziel, die Durchblutung zu unterbrechen.
Führt der Verband an einer nicht lebensbedrohlichen Blutung zu einer Beeinträchtigung des Blutflusses, muss diese umgehend beseitigt werden. So können z. B. bei einem Druckverband die Seiten des Verbandes mit einer Verbandschere eingeschnitten werden, um für Entlastung zu sorgen, ohne dass der Verband komplett entfernt werden muss.
Verbandmittel
Für das Anlegen von Verbänden zur Blutstillung und zur Wundabdeckung stehen im Rettungsdienst unterschiedliche VerbandmittelVerbandmittel und Hilfsmittel zur Verfügung, die je nach Art und Umfang der Verletzung einzeln oder in Kombination Anwendung finden. Beim Umgang mit Verbandmitteln muss stets darauf geachtet werden, dass sauber gearbeitet wird, um eine weitere Kontamination der Wunde zu vermeiden. So dürfen Wundauflagen niemals mit den Händen an der Auflagefläche berührt werden.
Als Verbandmittel kommen infrage:
  • Als Wundauflage:

    • Verbandpäckchen

    • Sterile Kompressen

    • Blutstillende Verbände (Hämostyptika)

    • Verbandtücher

    • Wundschnellverband

  • Zum Fixieren:

    • Dreiecktuch

    • Mull-/elastische Binden

    • Leukoplast

Sollte es erforderlich sein, eine Wunde druckentlastet zu verbinden, z. B. beim Austreten von Bauchorganen, so kann aus einer Dreiecktuchkrawatte ein Ringpolster gefertigt werden. Dieses Ringpolster wird um die Wunde herumgelegt und dann mit sterilem Material bedeckt.

Blutstillung

Die StillungBlutstillung einer bedrohlichen Blutung ist eine der wichtigsten Basismaßnahmen.
Im Rahmen der Schockvorbeugung muss unbedingt das Blutvolumen erhalten werden, um Blutverluste und das daraus resultierende Einsetzen des Schocks zu verhindern (9.3.1). Die Blutstillung muss deshalb schon früh im Primary Assessement (C-ABCDE, 6.2.2) durchgeführt und mit den zu Verfügung stehenden Mitteln konsequent und ggf. eskalierend verfolgt werden. Die Blutstillung lässt sich dabei oftmals schon mit einfachen Mitteln realisieren.
Art und Zeitpunkt der Anwendung zur Verfügung stehender Hilfsmittel ist abhängig von der Gesamtsituation sowie der Schwere und Lokalisation der Blutung. In der Wahl der Maßnahmen zur Blutstillung muss zwischen Blutungen an den Extremitäten und Blutungen am Körperstamm unterschieden werden. Unabhängig vom Ort der Blutung ist das Anwenden von Druck auf die Blutungsquelle mit der Hand (mit oder ohne Mullkompresse) die einfachste Maßnahme, um die Blutung schnell einzugrenzen. Anschließend werden ein DruckverbandDruckverband mit einem Verbandpäckchen und einem Druckpolster (Abb. 18.8) oder ein Tourniquet (Extremitäten) angelegt (Abb. 18.10a). Sofern im zivilen Rettungsdienst spezielle Verbände, die zur lokalen Blutstillung beitragen (Hämostyptika, z. B. Combat-Gauze) zur Verfügung stehen, können diese ebenfalls angewandt werden.
Blutungen am Kopf
Blutungen am Kopf (Abb. 18.7) lassen sich am einfachsten durch Aufdrücken steriler Kompressen stillen. Danach sollte ein Druckverband angelegt werden. Kommt es beim offenen Schädel-Hirn-Trauma (SHT) zum Austritt von Hirnmasse, muss diese locker, druckentlastet und steril mit einem Polster (z. B. mit einem Verbandtuch) bedeckt werden.
Blutungen am Rumpf
Blutungen am Körperstamm lassen sich ebenfalls durch manuelle Kompression mit Kompressen zum Stillstand bringen. Wenn möglich, sollte auch hier ein Druckverband angelegt werden. Für penetrierende Verletzungen des Brustkorbes stehen zur Vermeidung von Ventilmechanismen (18.5) selbstklebende Verbände, sog. Chest-Seals, zur Verfügung.
Blutungen an den Extremitäten
Liegt eine Blutung an einer Extremität vor, so muss diese umgehend hochgelagert werden. Des Weiteren muss die zuführende Arterie proximal der Blutung komprimiert werden, um die Blutung bis zum Anlegen eines Druckverbands zu vermindern. Abdrückpunkte (Abb. 18.9) sind am Arm die A. brachialis und am Bein die A. femoralis. Lässt sich die Kompression der A. brachialis recht einfach umsetzen, so ist für das Abdrücken der A. femoralis ein hoher Kraftaufwand erforderlich (z. B. beide Hände oder Knie des Helfers). Anschließend muss auch bei Blutungen an den Extremitäten schnellstmöglich ein Druckverband angelegt werden. Blutet ein Druckverband durch, so muss ein zweiter Druckverband über dem ersten angelegt werden. Besteht eine größere Wundhöhle (z. B. tiefe Weichteilverletzung am Oberschenkel), kann es sinnvoll sein, diese mit sterilem Mullmaterial bzw. idealerweise mit Hämostyptika zu tamponieren („Woundpacking“), bevor ein Druckverband angelegt wird.
Das manuelle Abdrücken und die Anlage eines Druckverbandes unterbricht allerdings nicht die Durchblutung der gesamten Extremität und führt somit u. U. auch nicht zu einem totalen Stillstand der Blutung, da die kollateralen Gefäße weiterhin durchblutet werden. Kann in diesen Situationen durch alle genannten Methoden (Hochhalten, Abdrücken, Kompression, Druckverband) keine Blutstillung erzielt werden, muss bei lebensbedrohlichen Blutungen die Extremität abgebunden werden, um ein Verbluten des Patienten zu verhindern. Zur Abbindung einer Extremität empfiehlt sich die Verwendung eines breiten Staubands (TourniquetTourniquet, Abb. 18.10a). Steht kein industriell gefertigtes Tourniquet (z. B. C. A. T.) zur Verfügung, kann man sich alternativ mit einer Blutdruckmanschette (Abb. 18.10b) oder einer Dreiecktuchkrawatte behelfen.

Merke

Eine komplette Unterbrechung der Blutzufuhr ist nur durch einen zirkulären Druck um die Extremität zu gewährleisten.

Die Anlage des Tourniquets erfolgt körperstammnah, d. h. ca. eine Handbreit unter der Achsel bzw. der Leistenbeuge. Tourniquets verursachen starke Schmerzen während der Anlage, wobei der Schmerz mit dem Abbindedruck und der Breite des Tourniquets korreliert (schmal und hoher Druck = stärkste Schmerzen). Daher ist eine ausreichende Analgesie notwendig.
Kommt ein Tourniquet frühzeitig zum Einsatz, soll es schnellstmöglich, d. h. innerhalb von 2 Stunden, im Rahmen der weiteren medizinischen Versorgung durch einen Druckverband ersetzt werden. Längere Abbindezeiten sind zwar möglich, aber nicht wünschenswert und daher zu vermeiden. Sobald Tourniquets am Patienten geschlossen angelegt sind, muss der Zeitpunkt sorgfältig dokumentiert und bei der Patientenübergabe klar und deutlich übergeben werden. Tourniquets sollten nach Anlage nur in einer Klinik entfernt werden.

Fremdkörperverletzungen

Befinden sich FremdkörperFremdkörperin Wunden in einer Wunde, dürfen sie niemals entfernt werden. Dies gilt sowohl für kleine Verunreinigungen als auch für Gegenstände bei Pfählungsverletzungen. Eine Wundreinigung durchzuführen ist nicht Aufgabe des Rettungsdienstes, sondern muss in der Klinik erfolgen.
Da bei PfählungsverletzungenPfählungsverletzung meist weder Tiefe noch die beteiligten Gewebestrukturen der Verletzung abzuschätzen sind, dürfen Gegenstände nicht aus der Wunde herausgezogen werden. Anderenfalls könnten unkontrollierbare Blutungen provoziert werden, falls der Gegenstand in seiner Position z. B. ein betroffenes Gefäß komprimiert. Weiterhin kann das Ausmaß der Wunde vergrößert werden, da man nicht abschätzen kann, ob sich der Fremdkörper beim Herausziehen evtl. verhakt und weitere Verletzungen hervorruft. Der in der Wunde steckende Gegenstand wird mit sterilen Kompressen umfasst und danach umpolstert (z. B. mit Mullbinden und Pflaster), um Bewegungen des Fremdkörpers zu vermeiden. Handelt es sich um längere oder größere Gegenstände (Armiereisen, Zaunlatten), müssen sie u. U. gekürzt werden, um den Patienten transportieren zu können. Hierzu ist es erforderlich, die Feuerwehr zur technischen Hilfeleistung hinzuzuziehen.

Amputationsverletzungen

Von AmputationAmputationsverletzung spricht man, wenn ein Körperteil komplett (totale Amputation, Abb. 18.11a) oder zum Teil (subtotale Amputation, Abb. 18.11b) vom Körper abgetrennt ist. Amputationsverletzungen stellen besondere Anforderungen an die Rettungskräfte. Es gilt nicht nur, den Patienten zu versorgen, vielmehr ist es zusätzlich von größter Wichtigkeit, das Amputat ebenfalls sachgerecht zu behandeln, um eine Replantation zu ermöglichen.
Die Sicherung der Vitalfunktionen des Patienten und die Schockvorbeugung stehen im Mittelpunkt der Therapie. Zu Beginn hält sich der Blutverlust durch eine reflektorische Vasokonstriktion der betroffenen Blutgefäße am Amputationsstumpf meist in Grenzen. Dennoch kann es sehr schnell zur Ausbildung eines hypovolämischen Schocks (9.3.1) kommen. Der Patient muss auf jeden Fall in Rückenlage bzw. in die Schocklage gebracht werden. Der Amputationsstumpf wird hochgelagert. Die Wunde wird anschließend mit sterilen Kompressen und Verbandtüchern abgedeckt und ein Druckverband angebracht. Hierbei kann das Bandagieren mit elastischen Binden hilfreich sein. Zeigt der Druckverband alleine keine Wirkung, wird der Stumpf bis zur Patientenübergabe in der Klinik mit einem Tourniquet abgebunden.
Im Falle einer subtotalen Amputation (Abb. 18.11b) darf eine noch bestehende Hautbrücke, wie klein sie auch sein mag, auf keinen Fall durchtrennt werden! Durch sie kann im Idealfall noch eine Restdurchblutung des abgetrennten Teils erfolgen. Bei subtotalen Amputationen muss zum Stabilisieren zusätzlich zur Wundversorgung eine Schiene (z. B. Kramer-Schiene oder Sam-Splint®) angelegt werden.
Sind die Vitalfunktionen gesichert und ist der AmputationsstumpfAmputatversorgung versorgt, gilt die Aufmerksamkeit dem Amputat selbst. Es wird vorsichtig in steriles Material eingewickelt und in eine wasserdichte Plastiktüte verpackt (Abb. 18.12). Im Rettungswagen werden hierfür spezielle Beutel (Replant-SetReplant-Set) vorgehalten.
Das Amputat wird in dem inneren der beiden miteinander verbundenen Beutel trocken gelagert. Anschließend wird dieser innere Beutel (AmputatbeutelAmputatbeutel) verschlossen. Der äußere Beutel (Kühlbeutel) wird mit kaltem Wasser oder künstlichem Eis gefüllt, um eine Kühlung des Amputats zu erreichen. Ideal zur Sicherung des Amputats ist eine Temperatur von 4 °C, um die Ischämietoleranz des Gewebes und das Zeitfenster bis zur Replantation zu vergrößern. Ist das umgebende Milieu allerdings zu kalt, kann das Amputat Schaden nehmen und eine Replantation unmöglich werden. Auf keinen Fall darf das Amputat mit Wasser in Verbindung geraten.
Kann das Amputat nicht sofort gefunden werden, aber zwingt der Zustand des Patienten zu einem schnellen Transport, dann muss es später in die Klinik nachgebracht werden, egal in welchem Zustand es sich befindet. Eine Entscheidung über eine ReplantationReplantation kann erst in der Klinik getroffen werden.
Eine weitere Amputationssituation im weitesten Sinne, die an dieser Stelle erwähnt werden soll, stellt der Umgang mit ausgeschlagenen ZähnenZähneausgeschlagene dar. Ausgeschlagenes Zahnmaterial kann, wie andere Amputate auch, einer Replantation zugeführt oder in Teilen für eine Rekonstruktion verwendet werden. Entscheidend ist, Zahnmaterial zu asservieren und richtig zu lagern. Idealerweise lagert man Zahnmaterial in physiologischer Infusionslösung. Als Behältnis kann ein handelsüblicher Spritzenkolben in passender Größe, gefüllt mit balancierter Infusionslösung, dienen.

Verletzungen des Bewegungsapparates

Gelenkverletzungen

Distorsionen
Von einer VerstauchungVerstauchung (DistorsionDistorsion) spricht man, wenn durch eine Gewalteinwirkung ein Körpergelenk über seine funktionelle Dehnfähigkeit hinaus belastet wird. Distorsionen können Muskulatur, Bänder und Sehnen betreffen. Schmerz, Bewegungseinschränkung und ein Anschwellen der um das Gewebe liegenden Hautstrukturen sind die Folgen. Bei Verdacht auf eine Distorsion muss die Extremität ruhig gestellt und hochgelagert werden. Das Gelenk sollte gekühlt werden, um die Schwellung zu verzögern und Schmerzen zu vermindern. Bei starken Schmerzen muss der Notarzt zur Analgesie hinzugezogen werden.
Luxationen
Bei einer VerrenkungVerrenkung (LuxationLuxation) kommt es, ähnlich wie bei der Verstauchung, zu einer Gewalteinwirkung auf ein Gelenk. Allerdings wird das Gelenk dabei zu stark belastet und aus seiner Position verdrängt, sodass es nicht mehr von selbst in seine Ausgangslage zurückspringen kann (Abb. 18.13). Dies ist nur durch eine Reposition möglich. Da es zu beträchtlichen Schäden an der Gelenkkapsel kommt, sind Luxationen sehr schmerzhaft. Nerven und Gefäße können erheblich verletzt werden. Deshalb müssen Durchblutung, Motorik und Sensibilität der Extremität ständig überprüft werden. Ein Notarzt sollte in jedem Fall zur Analgesie und Reposition hinzugezogen werden. Besondere Eile ist bei Luxationen des Sprunggelenks geboten. Sie führen zu starken Belastungen der Haut mit Minderdurchblutung des Gewebes, was erhebliche Nekrosen zur Folge haben kann. Deshalb müssen Luxationen des Sprunggelenks schnell durch den Notarzt reponiert werden. Danach wird die Extremität immobilisiert und der Patient schonend in eine geeignete Klinik transportiert.

Frakturen

Frakturen können Frakturoffeneoffen (Abb. 18.14) oder Frakturgeschlossenegeschlossen (Abb. 18.15) vorliegen. Bei geschlossenen Frakturen bleibt die Haut unverletzt. Es kommt zu Einblutungen ins Weichteilgewebe. Diese Blutungen können je nach Lokalisation lebensbedrohliche Ausmaße annehmen (Tab. 18.1).
Eine Fraktur wird als offen bezeichnet, wenn eine Verletzung der Haut im Bereich der Fraktur vorliegt. Offene FrakturenFrakturGradeinteilung lassen sich in vier Grade einteilen (Abb. 18.16):
  • I. Grades: Durchspießung der Haut durch Knochen mit leichtem Hautdefekt

  • II. Grades: größere Hautverletzung durch den Knochen von innen

  • III. Grades: großer Defekt an Haut und Weichteilen; Nerven, Sehnen, Gefäße und Muskeln sind betroffen

  • IV. Grades: subtotale Amputation

Bei offenen Frakturen besteht immer eine erhebliche Infektionsgefahr. Eine ordentliche Wundversorgung ist deshalb unerlässlich.
Frakturzeichen
Wichtig für die Erwartung einer Fraktur ist die Rekonstruktion des Unfallmechanismus. Weiterhin unterscheidet man sichere und unsichere FrakturzeichenFrakturZeichen:
  • Unsichere Frakturzeichen:

    • Schmerzen

    • Schwellungen

    • Hämatome

    • Funktionseinschränkung

  • Sichere Frakturzeichen:

    • Fehlstellung

    • Stufenbildung

    • Abnorme Beweglichkeit

    • Sichtbare Knochenfragmente

    • Krepitation (Geräusch, das beim Aneinanderreiben von Knochenfragmenten entsteht)

    • Subtotale Amputation

Basismaßnahmen
Frakturen, ob offen oder geschlossen, müssen am Unfallort achsengerecht unter Längszug reponiert und adäquat geschient werden. Die Durchführung eines achsengerechten Längszuges verhindert eine Ausdehnung des Weichteilschadens durch Entlastung der Muskulatur und führt zu einer Reduktion der Schmerzen. Des Weiteren werden komprimierte Gefäße und Nerven entlastet. Die Durchführung des Längszuges muss so früh wie möglich erfolgen. Ist die Fehlstellung allerdings erheblich und liegt eine starke reflektorische Verkrampfung der Muskulatur vor, so müssen das Eintreffen des Notarztes und die Analgesie abgewartet werden.
Beim Schienen der Fraktur gilt der Grundsatz, dass beide der Fraktur anliegenden Gelenke ebenfalls ruhig gestellt werden müssen. Der achsengerechte Längszug muss durch die Schiene aufrechterhalten bleiben. Offene Wunden werden vor dem Anlegen der Schiene mit sterilen Kompressen bedeckt. Zur Schienung von Frakturen stehen unterschiedliche Hilfsmittel zur Verfügung:
  • VakuumschienenVakuumschiene oder pneumatische SchienenSchiene, pneumatische: Sie eignen sich zur Immobilisation von Unterschenkel- und Sprunggelenksfrakturen. Liegen Weichteildefekte mit Blutungen vor, können diese durch den Druck einer pneumatischen Schiene tamponiert werden, nachdem sie zuvor steril abgedeckt wurden.

  • Sam-Splint®-SchienenSam-Splint®-Schiene: Sie sind sehr flexibel, werden mit einer elastischen Binde fixiert und finden Anwendung bei Unterarmfrakturen, Sprunggelenksfrakturen, Unterschenkelfrakturen und Frakturen der Finger.

  • DreiecktuchDreiecktuch: Es eignet sich zur Ruhigstellung von Unterarmfrakturen (Armtragetuch).

  • VakuummatratzeVakuummatratze: Sie dient zur Ruhigstellung von Frakturen des Oberschenkels, des Unterschenkels, des Beckens, der Wirbelsäule sowie der Schulter und des Oberarmes.

  • BeckenschlingeBeckenschlinge: Sie dient der Schienung von Beckenfrakturen; speziell bei sog. „Open-Book-Frakturen“ verkleinert die Beckenschlinge durch Kompression von außen den Raum im Becken und reduziert somit den Blutverlust in das Becken.

  • KED®-SystemKED®-System: Es dient zur Rettung von Wirbelsäulenverletzten z. B. aus einem Pkw.

Erweiterte Maßnahmen
Wie immer hat die Sicherung der Vitalfunktionen Vorrang. Der Patient bekommt Sauerstoff verabreicht und wird unter Beachtung seiner Verletzung gelagert. Der Schockprophylaxe kommt angesichts der möglichen Blutverluste bei Frakturen eine große Bedeutung zu. Die Schocklage muss bei Frakturen der unteren Extremitäten u. U. auf einer Schaufeltrage durchgeführt werden. Der Wärmeerhalt, die Betreuung, ein engmaschiges Monitoring und die Anlage von 1–3 venösen Zugängen für eine angemessene Infusionstherapie mit balancierten Infusionslösungen ergänzen die erforderlichen Maßnahmen. Die Indikation zur Nachalarmierung des Notarztes muss angesichts der Schmerzen des Patienten und der Schockgefahr großzügig gestellt werden. Ist der Patient transportfähig, wird er in eine geeignete Klinik transportiert, wo die endgültige Reposition und operative Versorgung erfolgt.

Verletzungen der Wirbelsäule

Verletzungen der WirbelsäuleWirbelsäuleVerletzung stellen die am häufigsten übersehene Verletzung durch äußere Gewalteinwirkung dar. Neben Verletzungen der knöchernen Struktur, des Bandapparates und der umgebenden Muskulatur kann im schlimmsten Falle das Rückenmark ebenfalls geschädigt sein. Aufgrund der fehlenden Regenerationsfähigkeit des Nervengewebes des ZNS sind entstandene Schädigungen am Rückenmark irreversibel und endgültig. Abgesehen von einer sich in der Akutsituation möglicherweise sofort entwickelnden lebensbedrohlichen Situation durch einen spinalen Schock (9.3.4), Schockspinalerkann es infolge einer Verletzung des Rückenmarks zu einer QuerschnittslähmungQuerschnittslähmung mit lebenslanger Beeinträchtigung der Lebensqualität kommen. Es gilt, mögliche Verletzungen der Wirbelsäule rechtzeitig zu identifizieren und den Patienten sachgerecht, d. h. unter Immobilisation der Wirbelsäule, zu lagern und zu transportieren, ohne dass weitere Schäden durch die Rettung entstehen können.

Verletzungen der Wirbel

Gewalteinwirkung auf die WirbelsäuleWirbelsäuleFrakturarten führt häufig zu Frakturen der WirbelWirbelFraktur. Je nach Art und Richtung der Gewalteinwirkung unterscheidet man mehrere Arten von Frakturen (Abb. 18.17).
Stauchungen der Wirbelsäule (z. B. durch einen Sturz, bei dem der Betroffene mit den Beinen aufkommt) führen häufig zu KompressionsfrakturenKompressionsfraktur. Bei Rotation, Flexion und Hyperflexion der Wirbelsäule hingegen kommt es meist zur Entstehung von LuxationsfrakturenLuxationFraktur. Bei Frakturen der Wirbel besteht stets die Gefahr einer Verletzung des Rückenmarks durch abgleitende Knochenfragmente.

Verletzungen des Rückenmarks

Frakturen oder Luxationen der Wirbel können zu Verletzungen des RückenmarksRückenmarkVerletzung führen. Doch auch ohne eine Fraktur kann es bei entsprechender Krafteinwirkung zu Erschütterungen, Prellungen oder Quetschungen des Rückenmarks mit oder ohne Einblutungen in den Spinalkanal kommen. Diese Verletzungen führen ebenfalls zur Funktionseinschränkung des Rückenmarks mit nachfolgenden Lähmungen.
Besonders gefährlich sind Verletzungen des Rückenmarks oberhalb des 4. Halswirbels (Abb. 18.18). Schädigungen im Bereich des 2. bis 4. Halswirbels führen zum Tod des Patienten durch Atemlähmung aufgrund des Funktionsausfalls des N. phrenicus (Zwerchfellinnervierung). Kommt es zu Gewalteinwirkungen auf den 1. und 2. Halswirbel (Atlas und Axis), besteht zusätzlich die Gefahr des Abbrechens und Abgleitens des Dens axis in das verlängerte Rückenmark (Medulla oblongata).

Therapie der Wirbelsäulenverletzung

Unfallmechanismus
Wegweisend für die Annahme einer WirbelsäulenverletzungWirbelsäuleImmobilisierung ist bereits die Beachtung des Unfallmechanismus. Besteht dabei der Verdacht auf eine Beteiligung der Wirbelsäule, muss diese immobilisiert werden (z. B. mittels Vakuummatratze, Spineboard, Abb. 5.12). Folgende Unfallmechanismen sind hier wegweisend:
  • Stürze jeglicher Art (insbesondere Sturz kopfüber ins Wasser)

  • Einklemmung bei Verkehrsunfällen

  • Begleitverletzungen, Polytrauma

  • Überrolltraumen

  • Hängetraumen

  • Dezeleration

  • Hochgeschwindigkeitstraumen

  • Erhängen, Strangulation

Merke

Bei Bewusstlosen muss im Zweifelsfall immer von einem Wirbelsäulenschaden ausgegangen werden.

Symptome
Die Symptome der WirbelsäulenverletzungWirbelsäuleVerletzung manifestieren sich durch:
  • Schmerzen (nicht zwingend!)

  • Gefühlsstörungen unterhalb der vermuteten Verletzung (können fehlen!)

    • Sensibilitätsstörungen

    • Missempfindungen

    • Seitenunterschied

  • Motorische Störungen

  • Prellmarken der Wirbelsäule

  • Unkontrollierter Abgang von Stuhl und Urin

  • Warme, rosige Extremitäten unterhalb der vermuteten Verletzung bei Schockzeichen und sonst zentralisierten Extremitäten (spinaler Schock, 11.3.4)

Das Fehlen der aufgeführten Symptome schließt allerdings eine Verletzung der Wirbelsäule und die Gefahr einer Rückenmarksschädigung nicht vollkommen aus. Daher ist immer der Unfallmechanismus mit zu betrachten.
Basismaßnahmen

Merke

If in doubt, immobilize!

Im Zweifelsfall immer immobilisieren!

Wie bei allen traumatischen Zuständen erfolgt zuerst die Sicherung und Wiederherstellung der Vitalfunktionen.

Achtung

Maßnahmen der Immobilisation dürfen weder die Durchführung des Primary Assessments noch die Behebung von eventuellen ABCDE-Problemen verzögern. Alle Maßnahmen sollen möglichst unter Einhaltung der physiologischen Achse der Wirbelsäule erfolgen.

Vor dem Freimachen der Atemwege muss an Verletzungen der Halswirbelsäule gedacht werden. Ein Überstrecken des Halses zur Atemkontrolle und zum Freihalten der Atemwege sollte daher zur Vermeidung einer weiteren Verletzungsgefahr unterbleiben. Als Alternative beim Bewusstlosen ist der Esmarch-Handgriff (Abb. 8.3) anzuwenden. Durch ihn wird der Zungengrund angehoben, ohne dass es zur Hyperflexion der Halswirbelsäule kommt.
Nach Möglichkeit sollte die stabile Seitenlage beim bewusstlosen, am Halswirbel verletzten Patienten vermieden werden. Als Alternative gilt hier das Einlegen eines Guedel- oder Wendl-Tubus unter ständiger Absaugbereitschaft. Dies ist gleichzeitig Voraussetzung, um den Patienten in der zur medizinischen Versorgung zu bevorzugenden Rückenlage zu belassen.

Merke

Life before limb!

Sicherung der Vitalfunktionen hat immer Vorrang vor der Versorgung weniger bedeutsamer Verletzungen.

Steht keine dieser Methoden zur Verfügung und droht dem Patienten in Rückenlage die Aspiration, muss der Patient in die stabile Seitenlage (Abb. 6.3) verbracht werden, bis eine verlässliche Sicherung eines Atemwegs erfolgen kann. Atmet der Patient spontan, wird ihm frühzeitig Sauerstoff über eine Maske verabreicht.
Die klassische Schocklage kann beim wirbelsäulenverletzten Patienten nicht angewandt werden. Als Alternative bietet sich die Patientenlagerung auf einer Schaufeltrage, einem Spineboard oder dem hydraulischen Tragetisch im RTW an. Mit diesen Hilfsmitteln können die Beine angehoben werden, um einen Blutrückfluss ohne Bewegung der Wirbelsäule zu gewährleisten. Der frühzeitige Wärmeerhalt und eine adäquate Betreuung sind selbstverständlich. Die Indikation zur Notarztnachforderung ist großzügig zu stellen.

Merke

Der Patient muss bei Verdacht auf eine Wirbelsäulenverletzung sachgerecht und schonend immobilisiert und transportiert werden. Dazu müssen die zur Verfügung stehenden Hilfsmittel so weit wie möglich kombiniert werden, um Manipulationen an der Wirbelsäule während der Umlagerung und des Transports zu vermeiden. Die Restbeweglichkeit der Wirbelsäule muss durch die Immobilisationsmaßnahmen so weit wie möglich reduziert werden.

Ruhigstellung der Halswirbelsäule
Die Maßnahmen zur Immobilisation beginnen in der Regel mit der sofortigen Ruhigstellung der HalswirbelsäuleHalswirbelsäuleImmobilisation (HWS) unmittelbar beim ersten Patientenkontakt. Aufgrund der lebensbedrohlichen Komplikationen eines hohen Querschnitts (Atemlähmung) muss die Immobilisation schnell und sicher erfolgen.

Merke

Die schnelle Immobilisation der HWS kann lebensrettend sein.

Bei Verdacht auf eine Verletzung der Halswirbelsäule wird diese vom Rettungsfachpersonal von Hand fixiert, z. B. mit dem HalsschienengriffHalsschienengriff (Abb. 18.19). Nach erfolgter Kontrolle der Vitalfunktionen und nach evtl. erforderlicher ABCDE-Intervention muss umgehend ein passender HWS-Stützkragen angelegt werden (Herstellerangaben zur Größenermittlung beachten). Findet sich kein passender Stützkragen, muss die Halswirbelsäule während der ganzen Versorgung von Hand stabilisiert werden, bis eine Alternative (z. B. Kopffixierblöcke auf Spineboard oder eine Vakuummatratze) zur Verfügung steht. Die alleinige Anlage einer Zervikalstütze reicht nicht aus! Wenn die HWS immobilisiert wird, erfolgt im Verlauf zwingend eine Ganzkörperimmobilisation!
Trägt der Patient einen MotorradhelmMotorradhelm, Abnahme, muss dieser selbstverständlich zuerst entfernt werden. Hierzu fixiert ein Mitarbeiter des Rettungsdienstes vom Kopfende her den Helm, um Bewegungen der Halswirbelsäule zu vermeiden. Ein zweiter Mitarbeiter positioniert sich seitlich vor dem Patienten. Er übernimmt die Ansprache des Patienten durch das geöffnete Visier und nimmt, falls vorhanden, die Brille des Patienten ab. Anschließend öffnet er den Kinnriemen des Motorradhelms und fixiert Kopf und Halswirbelsäule mit der einen Hand am Hinterhaupt und der anderen Hand am Kinn des Patienten (Abb. 18.20). Nun zieht der erste Mitarbeiter am Kopfende mit vorsichtigen Bewegungen den Helm ab und legt dem Patienten einen HWS-Stützkragen an. Der Kopf kann nun behutsam abgelegt werden. Ergibt sich durch das Zurücklegen des Kopfes eine Überstreckung der Halswirbelsäule, muss eine Decke unter den Kopf gelegt werden, um die Neutralposition der HWS zu erhalten.
Umlagerung und Ruhigstellung der gesamten Wirbelsäule
Ist der Patient bei Bewusstsein, muss er aufgefordert werden, sich so wenig wie möglich zu bewegen. Die erforderlichen Maßnahmen zur Umlagerung und Ruhigstellung müssen ihm ausführlich erklärt werden.
Um den Patienten zur Ruhigstellung der gesamten WirbelsäuleWirbelsäuleUmlagerungWirbelsäuleRuhigstellung auf ein geeignetes Transportgerät umzulagern, werden Schaufeltrage (5.5.1) und Vakuummatratze eingesetzt. Die Schaufeltrage dient dabei ausschließlich als Gerät zur Umlagerung auf die Vakuummatratze. Diese hingegen dient nur als stabilisierende Unterlage beim Transport.
Ein Transport nur auf der Schaufeltrage sowie ein Umhertragen des Patienten nur in der Vakuummatratze sind unbedingt zu vermeiden. Muss ein Patient eine längere Wegstrecke transportiert werden, wird er zuerst mit der Schaufeltrage auf die vorbereitete Vakuummatratze umgelagert. Danach wird diese auf die Schaufeltrage gelegt und mit Gurten fixiert.
Bevor der Patient auf die Schaufeltrage gelagert wird, muss diese in der Länge seiner Körpergröße angepasst werden. Zum Umlagern darf der Patient achsengerecht leicht auf die Seite gedreht werden, um die Teile der Schaufeltrage von der Seite her unter den Körper schieben zu können. Zum Verschließen wird zuerst das Schloss am Kopfende und danach das Schloss am Fußende der Schaufeltrage zusammengeführt.
Die Vakuummatratze muss vor der Umlagerung ebenfalls vorbereitet werden. Dazu wird die Matratze mit der Patientenseite nach unten auf eine ebene Fläche gelegt und glatt gestrichen. Im Anschluss wird die Matratze abgesaugt und das Ventil verschlossen. Die Matratze wird nachfolgend umgedreht (Patientenseite nach oben). Hierbei ist darauf zu achten, dass das Ventil am Kopfende des Patienten positioniert wird. Es hat sich bewährt, auf die Vakuummatratze ein Umbetttuch o. Ä. zu legen, um die Matratze vor Splittern zu schützen und um den Patienten später in der Klinik leichter umlagern zu können. Es muss darauf geachtet werden, dass dieses Tuch faltenfrei auf der Vakuummatratze liegt. Ist die Vakuummatratze wie beschrieben vorbereitet, wird der Patient mit der Schaufeltrage auf die abgesaugte Matratze gelegt. Nach Entfernung der Schaufeltrage wird das Ventil geöffnet und der Patient sinkt in die Matratze ein. Nun wird die Matratze von allen zur Verfügung stehenden Helfern an den Patientenkörper angeformt (Arme des Patienten hochlagern und Matratze dicht an den Rumpf anformen) und anschließend wieder abgesaugt. Das Kopfende muss hierbei nach oben hin frei bleiben, um Kompressionen der Halswirbelsäule (z. B. beim Abkippen der Trage zur Schocklage) zu vermeiden.
Alternativ oder in Kombination mit Schaufeltrage und Vakuummatratze kann auch ein Spineboard (5.5.2) zur GanzkörperimmobilisationGanzkörperimmobilisation und zum Transport eines Wirbelsäulenverletzten genutzt werden. Speziell zur Rettung von Personen aus dem Wasser oder aus Unfallwracks (Einklemmungstrauma, 18.8) bietet das Spineboard aufgrund seiner Schwimmfähigkeit und seiner glatten Oberfläche Vorteile gegenüber der Schaufeltrage. Zusätzliche Stabilisierung der Halswirbelsäule mit nahezu 0 % Restbeweglichkeit geben die auf dem Board platzierten Kopffixierpolster (Abb. 18.21 und Abb. 5.12). Aktuelle Empfehlungen zeigen, dass bei einer Ganzkörperimmobillisation auf einem Spineboard die zusätzliche Anlage einer Zervikalstütze keinen zusätzlichen Vorteil bringt. Die Verwendung von Kopffixierungen ergibt bei intubierten Patienten eine größere Sicherheit, da eine Dislokation des Tubus durch Reduktion der Kopfbewegungen verhindert werden kann. Gerade bei vitalgefährdeten, zeitkritischen Patienten bietet ein Spineboard insofern Vorteile, dass die Vorbereitung und die achsengerechte Umlagerung deutlich weniger Zeit in Anspruch nehmen als bei der Verwendung von Schaufeltrage und Vakuummatratze.
Aktuell wird in der Forschung diskutiert, ob eine Immobilisation von Traumapatienten überhaupt einen Vorteil in der Patientenversorgung bringt, und wenn ja, welche Immobilisationsgeräte dann angewendet werden sollten. Studien konnten bisher keine eindeutigen Ergebnisse aufzeigen, die für oder gegen eine Immobilisation sprechen. Unbestritten ist aber, dass der erfahrene Helfer im Einzelfall kritisch prüfen und anhand der vorliegenden Fakten (Unfallmechanismus, klinisches Bild des Patienten) entscheiden muss, ob Maßnahmen zur Immobilisation der Wirbelsäule angezeigt sind. Wenn er sich für die Immobilisation entscheidet, sollte er wissen, dass die derzeitige Studienlage (2016) eine mutmaßlich bessere Immobilisation durch die Vakuummatratze als durch das Spineboard andeutet und der Vakuummatratze infolgedessen der Vorzug für den Transport zu geben ist.

Schädel-Hirn-Trauma

Unter einem Schädel-Hirn-TraumaTraumaSchädel-Hirn-Schädel-Hirn-Trauma (SHT) werden alle Arten von Verletzungen des Kopfes und des Gehirns verstanden, die durch eine stumpfe oder spitze Gewalteinwirkung verursacht werden. Schädel-Hirn-Verletzungen werden in geschlossene und offene Verletzungen unterteilt. Von einem offenen Schädel-Hirn-Trauma spricht man, wenn die Dura mater (3.3.3) eröffnet ist und somit eine Verbindung nach außen besteht. Dadurch wird das Eindringen von Krankheitserregern in das Schädelinnere und dadurch die Gefahr schwerer Infektionen begünstigt. Beim geschlossenen Schädel-Hirn-Trauma ist die Dura mater unverletzt.
Durch die einwirkende Gewalt auf den Kopf kann es neben äußerlichen Verletzungen der Kopfhaut zu primären (direkten) oder sekundären (indirekten) Schädigungen von Gehirn, Hirnnerven und Hirnhäuten kommen. Ausschlaggebend für diese Klassifizierung ist der Zeitpunkt der Entstehung des Schädel-Hirn-Schadens durch die Verletzung.
Primäre Hirnschäden sind HirnSchaden, Klassifizierungsubstanzielle Beschädigungen der Hirnstrukturen, die im Moment der Gewalteinwirkung direkt entstehen. Sie sind in der Regel irreversibel und durch die rettungsdienstlichen Maßnahmen nicht mehr beeinflussbar. Ziel der weiteren notfallmedizinischen Maßnahmen ist es daher, eine Ausdehnung des primären Hirnschadens abzuwenden und die Ausbildung sekundärer Hirnschäden zu verhindern.
Sekundäre Hirnschäden treten als Folge von Komplikationen (z. B. Blutung, Ödem) durch die Gewalteinwirkung zeitversetzt nach dem Unfall in Erscheinung. Sie entstehen infolge einer Störung der physiologischen Abläufe (Hypoxie, Perfusionsstörungen) im Gehirn, lassen sich aber durch entsprechende Therapiemaßnahmen in ihrem Schweregrad verringern oder gar vermeiden. Die größte Gefahr geht bei sekundären Hirnschäden von Störungen der Vitalfunktionen aus. Störungen des Bewusstseins und eine daraus resultierende Verlegung der Atemwege oder eine Störung der Atemregulation im Gehirn führen zu Hypoxie und nachfolgend zu einer Schädigung der Nervenzellen. Störungen der Kreislauffunktion, insbesondere durch Blutdruckabfall, bedingen ebenfalls eine Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff. Diese Unterversorgung sowie der Verlust der Autoregulation der Hirndurchblutung bewirken einen Anstieg des Volumens im Schädelinneren. Dies hat zur Folge, dass auch der Hirndruck ansteigt und sich ein Hirnödem entwickelt. Dieses wiederum verstärkt den Hirndruck weiter und führt im Verlauf zum vollständigen Verlust der Hirnfunktion. Ein schwer zu durchbrechender Teufelskreis ist in Gang gesetzt.
Für die Beurteilung des Schweregrades einer Schädel-Hirn-Verletzung gibt es mehrere Herangehensweisen. Eine genaue Beurteilung und Benennung der Schädel-Hirn-Verletzung kann endgültig erst nach ausführlicher Diagnostik (CT, MRT) in einer geeigneten Klinik erfolgen.

Klinische Unterteilung nach dem Schweregrad

Klinisch werden drei Schweregrade des Schädel-Hirn-Traumas unterschieden. Orientierend kann man davon ausgehen, dass ein Patient, der auf Ansprache die Augen nicht öffnet und keine gezielte Reaktion auf Schmerzreize zeigt, eine höhergradige Bewusstseinsstörung aufweist. Die Einteilung der Schweregrade bezieht sich auf die Dauer der Bewusstlosigkeit.
SHT I
Als Schädel-Hirn-TraumaSchädel-Hirn-TraumaSchweregrade 1. Grades bezeichnet man die GehirnErschütterungGehirnerschütterung (Commotio Commotio cerebricerebri). Die Bewusstlosigkeit setzt sofort ein und hält nur kurz an. Ein Schaden der Hirnsubstanz ist in der Klinik später nicht nachweisbar. Die Commotio cerebri ist durch eine initiale Bewusstlosigkeit von weniger als 15 Minuten gekennzeichnet. Erlangen die Patienten ihr Bewusstsein zurück, sind sie oft verwirrt, verlangsamt und weisen eine Erinnerungslücke um den Unfallzeitpunkt herum auf (retrograde oder antegrade Amnesie). Weitere Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen, Schwindelgefühl und Kopfschmerzen sind häufig, aber reversibel.
Auf jeden Fall muss ein Patient mit Verdacht auf eine Commotio cerebri zur Beobachtung in ein Krankenhaus gebracht und 24 Stunden überwacht werden, um schwerwiegendere Schäden (Schädelfraktur, Blutung in das Schädelinnere) auszuschließen.
SHT II
Bei der GehirnPrellungGehirnprellung (Contusio Contusio cerebricerebri) liegt in jedem Fall eine offene oder gedeckte Schädigung der Hirnsubstanz vor, oftmals ausgelöst durch Unfallmechanismen, die eine Beschleunigung der Hirnmasse zur Folge haben. Durch Beschleunigungs- oder Verzögerungseffekte prallt das Gehirn durch die Trägheit der Masse gegen die Innenseite des Schädels und nimmt Schaden. Die Gehirnprellung kann aber auch die Folge einer offenen Schädelverletzung sein. Die Contusio cerebri ist durch eine primäre Bewusstlosigkeit, die länger als 15 Minuten anhält, gekennzeichnet.
SHT III
GehirnQuetschungGehirnquetschungen (Compressio Compressio cerebricerebri) sind Folge einer erheblichen Gewalteinwirkung auf den Schädel. Die Hirnsubstanz ist hierbei stark geschädigt. Der Bewusstseinsverlust hält über mehrere Tage bis Wochen an. Mit bleibenden Schäden ist zu rechnen.
Unabhängig vom Ausmaß des direkten Schadens der Hirnsubstanz kann es durch Gewalteinwirkung auf den Schädel zu Blutungen ins Schädelinnere kommen (Abb. 18.22). Die Blutungen werden nach ihrer Lokalisation im Verhältnis zur harten Hirnhaut (Dura mater) bezeichnet. Alle Blutungen im Schädelinneren führen zu einem Anstieg des Hirndrucks mit Funktionsbeeinträchtigung des Gehirns und begünstigen die Bildung eines Hirnödems.

Schweregradbeurteilung anhand des GCS-Scores

Zur Einschätzung des Schweregrades eines Schädel-Hirn-Traumas sind präklinisch die Dauer der Bewusstlosigkeit und die Bewertung nach der Glasgow Coma ScaleSchädel-Hirn-TraumaGlasgow Coma ScaleGlasgow Coma ScaleSchädel-Hirn-Trauma (Tab. 6.2) maßgeblich. Erste Hinweise auf das Vorliegen eines Schädel-Hirn-Traumas ergeben sich in der Regel aus dem Unfallmechanismus sowie sichtbarer Verletzungen am Schädel. Leitsymptom der Schädel-Hirn-Verletzung ist der Zustand des Bewusstseins und ggf. dessen Veränderungen im zeitlichen Verlauf seit dem Unfallereignis.
Für den Rettungsdienst ist es zweckmäßig und am aussagekräftigsten, den potenziellen Schweregrad eines Schädel-Hirn-Traumas, die Gefährdung des Patienten und die Trendentwicklung mit der Glasgow Coma Scale objektiv zu klassifizieren. Aus der Beurteilung des Schweregrades anhand der GCS leiten sich für den Rettungsdienst auch die zu ergreifenden Maßnahmen ab. Dabei gilt:
  • GCS 13–15: leichtes SHT

  • GCS 9–13: mittelschweres SHT

  • GCS ≤ 8: schweres SHT (Schutzreflexe nicht mehr ausreichend, Intubation erwägen)

Die GCS sollte so früh wie möglich erhoben und in kurzen Abständen neu erfasst und bewertet werden, um eine Zustandsveränderung sofort zu registrieren. Auch ein anfangs vermeintlich als leicht eingestuftes SHT kann sich schnell zum schweren SHT entwickeln. Ein Abfall des Punktwertes von ≥ 2 Punkten ist hierbei als Alarmsignal zu betrachten. Die ermittelten Werte sind im Protokoll zu dokumentieren.

Traumatische intrakranielle Blutungen

Epidurales Hämatom
Ein epidurales HämatomHämatomepidurales (Abb. 18.22) entsteht durch eine Blutung oberhalb der Dura mater zwischen Schädelknochen und harter Hirnhaut (Epiduralraum). Ursächlich ist meist eine arterielle Blutung aus der Hirnhautarterie (A. meningea). Gekennzeichnet ist die epidurale Blutung durch eine kurze primäre Bewusstlosigkeit, aus welcher der Patient zunächst wieder erwacht. Nach einem symptomfreien Intervall von meist nur wenigen Stunden trübt sich das Bewusstsein des Patienten erneut ein. Dies ist direkte Folge der Raumforderung des Hämatoms im Schädelinneren.
Subdurales Hämatom
Ein subdurales HämatomHämatomsubdurales (Abb. 18.22) entsteht durch eine Blutung unterhalb der Dura mater zwischen harter und weicher Hirnhaut (Subduralraum). Ursächlich ist meist eine venöse Blutung aus den Brückenvenen. Das symptomfreie Intervall kann hier Tage bis Wochen andauern. Eine gründliche Anamnese (vermeintliche Bagatellverletzungen, Stürze in letzter Zeit, chronischer Alkoholmissbrauch, Blutverdünner) und Betrachtung des möglichen Unfallmechanismus sind deshalb unerlässlich. Häufig sind Kinder und ältere Menschen betroffen.
Intrazerebrale Blutung
Ein intrazerebrales HämatomHämatomintrazerebrales (Abb. 18.22) entsteht durch eine Blutung innerhalb der Hirnmasse durch Zerreißen dort befindlicher Blutgefäße (Hirnmassenblutungen). Bei Hirnmassenblutungen kann es, abhängig vom Ort der Blutung, sehr schnell zu typischen Hirndruckzeichen wie Bewusstseinstrübung, Erbrechen, Blutdruckanstieg (cave: Schock), Bradykardie oder Pupillenveränderungen (Anisokorie, Abb. 18.23) kommen. Die Prognose intrazerebraler Blutungen ist als schlecht zu bewerten. Besonders schlecht ist sie bei Einbruch der Blutung in das Ventrikelsystem des Gehirns.
Basismaßnahmen
Nach Rettung aus einem Gefahrenbereich muss der erste Blick des Rettungsfachpersonals auf den Zustand der Vitalfunktionen (ABCDE) ausgerichtet sein. Die Indikation zur Nachforderung des Notarztes muss großzügig gestellt werden.

Merke

Treat first what kills first!

Behandle zuerst, was deinen Patienten unmittelbar tödlich bedroht!

Die Sicherung der Vitalfunktionen hat deshalb oberste Priorität in der Behandlung des Schädel-Hirn-Traumas.
Ist eine ausreichende und gesicherte spontane Atmung vorhanden, muss dem Patienten dennoch Sauerstoff verabreicht werden, am besten über eine Maske mit Reservoir (cave: Aspiration bei Erbrechen).

Merke

Beim Vorliegen eines SHT muss ein Abfall der Sauerstoffsättigung < 90 % unbedingt vermieden werden.

Eine ständige Absaugbereitschaft muss gewährleistet sein (cave: kein nasales Absaugen bei Verdacht auf eine Schädelbasisfraktur → Abgleiten des Katheters ins Gehirn). Sind die Atemwege gesichert, erfolgt spätestens jetzt die Ruhigstellung der HWS. Hierbei muss gemäß den aktuellen Empfehlungen bedacht werden, dass eine starre HWS-Schiene u. U. den Hirndruck erhöhen und ein Atemwegsmanagement erschweren kann. Bestehen Bedenken gegenüber einer Zervikalstütze, muss die Stabilisierung alternativ mit Spineboard oder Vakuummatratze erfolgen.

Merke

Beim Vorliegen eines Schädel-Hirn-Traumas muss bis zum Beweis des Gegenteils immer von Begleitverletzungen der Halswirbelsäule ausgegangen werden.

Anschließend ist ein engmaschiges Monitoring zu gewährleisten (Puls, Blutdruck, Sauerstoffsättigung, EKG, GCS, Pupillenstatus, Kapnometrie). Besondere Bedeutung erhält an dieser Stelle die Bestimmung des Blutzuckers.

Merke

Ein bewusstseinsgestörter Patient ist bis zum Beweis des Gegenteils als hypoglykämisch anzusehen.

Eine vollständige Notfalluntersuchung (6.2.2) muss erfolgen. Bei Kopfverletzungen ist beim Vorliegen eines ausreichenden Blutdrucks eine Lagerung mit 15–30° erhöhtem Oberkörper anzustreben, um den venösen Rückstrom aus dem Kopf zu verbessern (HirnödemprophylaxeHirnÖdemprophylaxe). Die Umlagerung auf die Trage erfolgt natürlich, unter Beachtung vorliegender Begleitverletzungen, mit Immobilisation der Wirbelsäule (Schaufeltrage, Vakuummatratze, Spineboard).
Wunden im Bereich des Kopfes müssen auf jeden Fall frühestmöglich steril abgedeckt werden. Tritt Hirnmasse aus, sollte die Wunde locker, steril und druckentlastet verbunden werden. Auf keinen Fall dürfen Repositionsversuche der Hirnmasse unternommen werden.
Bei arterieller Beteiligung (z. B. A. temporalis) kann es z. T. zu erheblichen Blutungen kommen. Diese sollten mit einem sterilen Druckverband oder Kompression zum Stillstand gebracht werden.
Bei extrem niedrigen Blutdruckwerten ist die Flachlagerung in Betracht zu ziehen. Grundsätzlich sind unbedingt ausreichend hohe Blutdruckwerte anzustreben (beim isolierten SHT ≥ 90 mmHg systolisch), um eine ausreichende Durchblutung des Gehirns zu gewährleisten. Eine Hypotonie begünstigt erheblich eine Minderdurchblutung des Gehirns und fördert die Entstehung eines Hirnödems. Die Stabilisierung des Kreislaufs muss deshalb so früh wie möglich begonnen werden.
Erweiterte Maßnahmen
Erweiterte Maßnahmen in Form der Anlage von ein bis zwei periphervenösen Zugängen und einer anschließenden Infusionstherapie durch den Notarzt sollten so früh wie möglich vorbereitet werden. Liegt eine anhaltende Bewusstseinsstörung vor (GCS < 8; 6.2.1), lassen sich die Atemwege nicht sichern (z. B. Blutung Mund-Rachen-Raum) oder bestehen schwere Begleitverletzungen, muss die Indikation zur Intubationsnarkose und Beatmung durch den Notarzt großzügig gestellt werden. Bei kontrollierter Beatmung muss darauf geachtet werden, dass der Patient nicht hyperventiliert wird, da dies zu einer Verschlechterung der Hirndurchblutung führt. Daher muss beim intubierten Patienten, sofern vorhanden, eine Kapnometrie zur Bestimmung des endexspiratorischen CO2-Gehalts (etCO2) zum Einsatz kommen (Zielwert etCO2 35–45 mmHg). Um den Patienten in eine Klinik mit der Möglichkeit zur neurochirurgischen Intervention zu verbringen und um die Prähospitalzeit zu verkürzen, sollte die Anforderung eines Rettungshubschraubers großzügig erfolgen.

Verletzungen des Brustkorbes (Thoraxtrauma)

Nach dem Schädel-Hirn-Trauma TraumaThoraxstellen Verletzungen des Brustkorbes die zweithäufigste Todesursache bei Traumapatienten dar. Die größte Gefahr bei diesen Verletzungen ist die Störung der Sauerstoffaufnahme über die Lunge (Hypoxie).
Verletzungen des Brustkorbes werden in stumpfe (geschlossen, gedeckt) oder in spitze (penetrierend, offen) Verletzungen unterteilt. Unabhängig davon, ob eine offene oder geschlossene Verletzung vorliegt, können mehrere Strukturen des Brustkorbes in Mitleidenschaft gezogen sein (Abb. 18.24).

Verletzungen der Brustwand

Knöcherne Verletzungen
Die knöchernen Strukturen (Rippen und Brustbein) geben dem Brustkorb seine Form und schützen die inneren Organe des Thorax. Ein Thoraxtrauma entsteht durch Gewalteinwirkung auf den Brustkorb, wenn diese Kräfte nicht mehr ausreichend durch die Knochen absorbiert werden können. Hier sind vor allem die Frakturen der Rippen zu nennen. Sie stellen die wohl häufigste Form von knöchernen Verletzungen des Thorax dar.
Isolierte Rippenfrakturen verlaufen in der Regel komplikationslos und gefährden den Patienten nicht. Da aber am unteren Rand jeder Rippe je eine Vene, eine Arterie sowie ein Nerv entlangziehen, können auch hier erhebliche Komplikationen (z. B. Blutverlust) entstehen. Zu beachten ist weiterhin, dass einzelne gebrochene Rippen wie ein spitzer Gegenstand in den Brustraum eindringen und innere Organe (Lunge, Herz) verletzen können.
Sind mehr als drei Rippen einer Körperseite oder zwei benachbarte Rippen betroffen, so spricht man von einer RippenserienfrakturFrakturRippenserien-RippenSerienfraktur (Abb. 18.25). Sie kann weitaus bedrohlicher sein, denn durch die Rippenserienfraktur entsteht eine erhebliche Beeinträchtigung der Atemmechanik. Die Thoraxwand verliert ihre Stabilität und der physiologische Ablauf der Einatmung wird beeinträchtigt, manchmal sogar unmöglich. Im Rahmen der Atemmechanik (3.2.4) beruht die Einatmung auf einem durch Ausdehnung des Brustkorbes und Kontraktion des Zwerchfells entstehenden Unterdruck im Brustraum, wodurch sich die Lungen mit Luft füllen. Diese Atemmechanik kann jedoch nur aufrechterhalten werden, wenn die Stabilität des Brustkorbes gewährleistet bleibt. Sind Rippen an mehreren Stellen gebrochen, werden Teile der Brustwand während der Einatmung infolge des im Brustkorbinneren herrschenden Unterdrucks in den Brustkorb hineingezogen und während der Ausatmung aufgrund des dann herrschenden Überdrucks nach außen gedrückt. Die Brustkorbbewegung im Bereich der verletzten Brustwand verläuft also entgegengesetzt der bei normaler AtmungAtmungparadoxe zu erwartenden Bewegung. Dieses Phänomen bezeichnet man als paradoxe Atmung. Folge ist eine lebensbedrohliche Gasaustauschstörung durch eine Minderbelüftung der verletzten Brustkorbseite mit Sauerstoff.
Frakturen des Brustbeins (Sternum) FrakturBrustbeinführen ebenfalls durch Unterbrechung der knöchernen Verbindung zum übrigen Brustkorb zu einer paradoxen Atmung.
Weichteilverletzungen
Verletzungen der WeichteileWeichteilverletzung der Brustwand (Muskulatur, Haut) können in Form von Prellungen, Quetschungen, Abschürfungen oder Schnittverletzungen vorliegen. Vermeintlich oberflächliche Verletzungen des Brustkorbes bedürfen immer der Abklärung, ob eine penetrierende Verletzung vorliegt und/oder innere Organe beteiligt sind. Penetrierende Verletzungen (z. B. Messerstiche) erscheinen aufgrund der kleinen Einstichstelle oftmals harmloser, als sie es in Wirklichkeit sind (Abb. 18.3). Eine sorgfältige Inspektion des Brustkorbes ist deshalb unerlässlich.

Verletzungen des Brustkorbinneren

Verletzungen des Herzens
Kommt es zu Verletzungen des HerzensHerzVerletzung und/oder der benachbarten Gewebestrukturen, besteht einerseits die Gefahr einer direkten Gewebeschädigung des Herzens (Myokardquetschung oder Myokardeinriss) oder einer Verletzung der zu- und abführenden Blutgefäße mit dem Verlust der regelrechten Pumpfunktion. Anderseits kann es als Folge der Verletzung zu einer Einblutung in den Herzbeutel kommen (HerzbeuteltamponadeHerzBeuteltamponade). Diese führt zu einer Einengung des Herzens durch das zunehmende Blutvolumen im Herzbeutel und somit zu einer verminderten Füllungs- und Auswurfleistung der Herzräume (kardiogener Schock, 9.3.3).
Wegweisend für die Diagnosestellung sind präklinisch:
  • Hypotonie (rasch einsetzend, andere Ursache nicht zu erkennen)

  • Tachykardie

  • Gestaute Halsvenen

  • EKG-Veränderungen (Niedervoltage, Rhythmusstörungen, ST-Veränderungen)

  • Unfallmechanismus (Stichverletzungen, Prellmarken)

Da die Herzbeuteltamponade eine absolut lebensbedrohliche und zeitkritische Verletzung ist, die häufig zu spät erkannt wird, ist ein zügiger Transport anzustreben. Der Verlauf ist oft fulminant. Eine definitive Therapie (ThorakotomieThorakotomie) kann in der Regel erst in der Klinik eingeleitet werden.
Verletzungen der Pleura
Das Lungenfell (3.2.3) liegt außenPleuraVerletzung direkt dem Lungengewebe auf und grenzt die Lunge ab. An der Lungenspitze und an der Lungenbasis schlägt das Lungenfell um und bildet das Rippenfell. Lungen- und Rippenfell werden gemeinsam Brustfell Pleura(Pleura) genannt.
Im Pleuraspalt herrscht ein Unterdruck. Eine Verletzung, die den PleuraspaltPleuraSpalt nach innen (Verletzung der Lunge) oder außen (Brustwand) eröffnet, führt zu einem Einströmen von Luft, die den Unterdruck im Pleuraspalt aufhebt. Die Folge ist ein Zusammenfallen des Lungenflügels auf der betroffenen Körperseite. Dieser Zustand wird als Pneumothorax (Abb. 18.26) bezeichnet. Erfolgt der Lufteintritt von innen, spricht man von einem geschlossenen PneumothoraxPneumothorax. Tritt Luft durch die Brustwand (z. B. Stichverletzung) in den Pleuraspalt ein, wird dies als offener Pneumothorax bezeichnet.
Ein Pneumothorax kann traumatisch, aber auch spontan (ohne vorhergehende Verletzung) auftreten. Ein SpontanpneumothoraxSpontanpneumothorax wird oft bei jungen Männern beobachtet oder findet sich bei Patienten mit vorgeschädigter Lunge (COPD, Emphysem). In beiden Fällen kommt es zu einem spontanen Einreißen des Lungengewebes.
Der traumatische Pneumothorax hingegen entsteht durch Unfallmechanismen, bei denen der Brustkorb einer schnellen, heftigen Gewalteinwirkung ausgesetzt wird, die mit einer Erhöhung des intrathorakalen Drucks einhergeht und so zu Schäden an der Lunge führt (vergleichbar dem Platzenlassen einer aufgeblasenen Papiertüte).
Symptome des Pneumothorax
Infolge des Zusammenfalls des betroffenen Lungenflügels kommt es zu einer Abschwächung des Atemgeräusches auf der betroffenen Seite (Seitendifferenz). Diese lässt sich bei der Auskultation mit dem Stethoskop präklinisch nicht immer erkennen. Ebenso kann die Atembewegung der betroffenen Seite vermindert sein. Der Patient wird eine subjektive Dyspnoe beschreiben. In der Regel zeigt der Pneumothorax keine Auswirkung auf den Kreislauf des Patienten. Der Pneumothorax stellt somit im Normalfall, d. h., wenn er isoliert beim sonst Gesunden auftritt, kein unmittelbar lebensbedrohliches Krankheitsbild dar.
Symptome des Spannungspneumothorax
Bildet die zugrunde liegende Brustkorbverletzung einen Ventilmechanismus, d. h., Luft kann während der Einatmung in den Pleuraspalt gelangen, aber in der Ausatemphase nicht mehr entweichen (z. B. durch ein Gewebeteil, das sich vor die Öffnungswunde legt), entwickelt sich ein lebensbedrohlicher Spannungspneumothorax. Er führt zu einem stetig ansteigenden Druck im Pleuraspalt und zu einem vollständigen Zusammenpressen des Lungengewebes der verletzten Seite. Wird der SpannungspneumothoraxSpannungspneumothorax nicht umgehend behandelt, führt der weiterhin ansteigende Druck im Pleuraspalt der verletzten Seite zu einer Verdrängung des Herzens und der im Brustkorb liegenden Blutgefäße zur gesunden Seite hin. Es kommt zu einer Kompression der gesunden Lunge und des Herzens mit negativem Einfluss auf die Auswurfleistung (kardiogener Schock, 9.3.3).
Der Patient erlebt eine massive, zunehmende Dyspnoe. Eine ausgeprägte Zyanose wird sich entwickeln. Das Atemgeräusch der betroffenen Seite ist erheblich abgeschwächt oder fehlt sogar gänzlich. Die Atemfrequenz ist gesteigert.
Klassische Zeichen, die den Spannungspneumothorax kennzeichnen, sind:
  • Gestaute Halsvenen (Einflussstauung vor dem rechten Herzen)

  • Hypotonie (kardiale Minderleistung)

  • Hautemphysem (Luftansammlung unter der Haut durch den hohen intrathorakalen Druck)

Basismaßnahmen
Sowohl der wache als auch der bewusstlose Patient erhält unverzüglich hochdosiert Sauerstoff über eine Maske (Flow 8–15 l/min), um einer Hypoxie vorzubeugen. Bei bewusstlosen Traumapatienten ist grundsätzlich die Rückenlage als ideale Lagerung für die Notfallversorgung anzustreben. Entscheidet man sich für die medizinische Versorgung in dieser Lage, muss allerdings die Freihaltung der Atemwege permanent und sicher gewährleistet sein. Ein Rettungsdienstmitarbeiter verbleibt daher unter ständiger Absaugbereitschaft am Kopf des Patienten und hält dessen Atemwege offen. Die Einlage eines Guedel- oder Wendl-Tubus (cave: kein Aspirationsschutz) ist obligat. Erbricht der Patient, ist er sofort achsengerecht zur Seite zu drehen (Halsschienengriff, Abb. 18.19) und der Mund auszuräumen. Im Zweifelsfall verbleibt der Patient in der stabilen Seitenlage.
Ist der Patient wach und ansprechbar, wird er mit erhöhtem Oberkörper (erleichterte Atmung) und nach Möglichkeit auf die verletzte Körperseite gelagert (Ausnahme: Verdacht auf Wirbelsäulentrauma). Die Lagerung auf die verletzte Brustkorbseite führt zu einer Verbesserung der Ventilation der unverletzten Lunge. Eine genaue Untersuchung und ein engmaschiges Monitoring (RR, EKG, SpO2, Auskultation) sind selbstverständlich. Der Notarzt sollte bei Brustkorbverletzungen prinzipiell großzügig nachalarmiert werden.
Grundsätzlich müssen Begleitverletzungen der Wirbelsäule bedacht werden. Daher ist schon im Zweifelsfall eine Immobilisation (HWS-Schiene, Schaufeltrage, Vakuummatratze, Spineboard) der Wirbelsäule durchzuführen.
Eine Wundversorgung kann in Form eines lockeren, bei starker Blutung aber auch in Form eines festen Druckverbandes erfolgen. Besteht der Verdacht, dass eine die Brustwand/Pleura durchdringende Wunde vorliegt, muss die Wunde verbunden werden. Ein luftdichtes Verbinden offener Thoraxverletzungen ist dabei nicht sinnvoll, weil hierdurch ein Pneumothorax nicht verhindert, ein Spannungspneumothorax aber provoziert werden kann, da die Pendelbewegung der Luft durch das Leck in der Thoraxwand bei einem luftdichten Verband verhindert wird. Alternativ kann, wenn vorhanden, die offene Thoraxwunde mit einem Chest-Seal®-Verband verbunden werden, der ein Entweichen der Luft aus dem Pleuraspalt zulässt. Fremdkörper (etwa bei Stichverletzungen) werden in der Wunde belassen, da sie verletzte Gefäße häufig komprimieren und so den Umfang der Blutung verringern.
Erweiterte Maßnahmen
Es ist sofort der Notarzt nachzufordern, sofern eine parallele Alarmierung durch die Leitstelle nicht erfolgt ist. Weiterhin muss der Patient mit ein bis zwei großlumigen periphervenösen Zugängen versorgt werden sowie kristalloide Infusionen erhalten. Durch den Notarzt ist eine adäquate Analgesie sowie – bei nicht beherrschbarer Ateminsuffizienz des Patienten – die Einleitung einer Intubationsnarkose durchzuführen, deren Indikation großzügig gestellt werden sollte.
Bei einem Spannungspneumothorax muss eine sofortige Druckentlastung im Pleuraspalt durch Anlage einer Thoraxdrainage erfolgen.

Verletzungen des Bauchraums (Abdominaltrauma)

Ein Abdominaltrauma entsteht TraumaAbdominal-durch stumpfe oder spitze Gewalteinwirkung auf die Bauchwand mit Verletzung der in der Bauchhöhle gelegenen Organe und Hohlorgane. Stumpfe (geschlossene) BauchverletzungenBauchverletzung entstehen neben Anprallverletzungen (z. B. Lenkrad) oftmals durch Dezelerationsverletzungen, die durch schlagartiges Abbremsen des Körpers (z. B. Verkehrsunfall) verursacht werden. Durch die Trägheit der Masse prallen die inneren Organe gegen die Bauchwand und nehmen Schaden.
Spitze (offene) Bauchverletzungen, z. B. durch Messerstiche, sind dagegen weitaus seltener. Neben der Gefahr umfangreicher Einblutungen in die Bauchhöhle besteht bei offenen Bauchverletzungen die Gefahr der Infektion des Bauchfells.

Verletzungen der Bauchorgane

Leberruptur
Verletzungen der LeberLeberRuptur entstehen durch stumpfe Gewalteinwirkung auf die rechte untere Brustkorbseite. Meist treten sie in Zusammenhang mit Rippenfrakturen der rechten unteren Thoraxseite auf, die zur Durchspießung des Lebergewebes führen. Isolierte Leberverletzungen sind selten. Ein LeberrissLeberRiss (Leberruptur) kann zu erheblichen Blutverlusten in die freie Bauchhöhle führen (ca. 4 000 ml) und stellt eine unmittelbar lebensbedrohliche Situation für den Patienten dar, weil sich diese starken Blutungen außerhalb der Klinik nicht beherrschen lassen. Eine Leberruptur muss umgehend in einer Klinik operativ versorgt werden.
Milzruptur
Der MilzrissMilzRiss (MilzrupturMilzRuptur, Abb. 18.27) ist die häufigste Organverletzung eines Bauchorgans nach stumpfer Gewalteinwirkung. Die Verletzung der Milz tritt meist in Zusammenhang mit Rippenfrakturen der linken unteren Thoraxseite auf.
Es werden zwei Formen der Milzruptur in Abhängigkeit vom Zeitpunkt des Einreißens der Milzkapsel unterschieden:
  • Einzeitige Milzruptur: Milzparenchym und Milzkapsel werden unmittelbar durch die Verletzung zerrissen. Die lebensbedrohliche Blutung gelangt sofort in die freie Bauchhöhle. Der Patient klagt augenblicklich über starke Bauchschmerzen, die mit einer zunehmenden Abwehrspannung der Bauchdecke einhergehen. Er entwickelt schnell das Vollbild eines hämorrhagischen Schocks.

  • Zweizeitige Milzruptur: Bei der zweizeitigen Milzruptur kommt es zunächst nur zu einer Verletzung des Milzparenchyms. Die Milzkapsel bleibt anfangs unverletzt und die Blutung in der Milz gelangt nicht in die freie Bauchhöhle. Die bestehende Sickerblutung kann sich über Stunden oder Tage fortsetzen, bis sich der zunehmende Druck auf die Milzkapsel von innen entlädt. Es kommt schlagartig zum Einreißen der Kapsel mit lebensbedrohlicher Einblutung von bis zu 2 000 ml in die freie Bauchhöhle.

Auch die Milzruptur muss umgehend in einer Klinik operativ versorgt werden.

Magen- und Darmverletzungen

Im Rahmen von Bauchverletzungen kann es zur Eröffnung (Perforation) von MagenMagenPerforation und Darmabschnitten kommen. Die Magen- und/oder DarmperforationDarmPerforation durch äußere Gewalteinwirkung führt zu einem Austritt von Nahrungsresten und Verdauungssäften in die Bauchhöhle. Eine schwerwiegende Bauchfellentzündung, die oft tödlich endet, ist die Folge. Zu Perforation von Magen und Darm kann es sowohl im Rahmen stumpfer als auch spitzer Gewalteinwirkung kommen.
Offene Bauchverletzungen können zum Austritt von Darmschlingen durch die Bauchdecke führen. In diesem Falle müssen Repositionsversuche der Darmschlingen unterlassen werden.

Therapie der Abdominalverletzungen

Basismaßnahmen
Die Therapie des Abdominaltraumas muss zügig und zielgerichtet erfolgen. Der Patient muss schnellstmöglich in die nächste Klinik zur operativen Versorgung transportiert werden, denn nur dort ist die Blutung definitiv zu stillen. Neben der Sicherung der Vitalfunktionen (C-ABCDE) ist ein lückenloses Monitoring (Puls, EKG, RR, SpO2, BZ) selbstverständlich. Dem Patienten muss großzügig Sauerstoff über eine Maske (Flow 8–15 l/min) verabreicht werden.
Der wache Patient mit erhaltenen Schutzreflexen wird in Schocklage mit einer Knierolle gelagert, um die Bauchdecke zu entlasten. Bei bewusstlosen Patienten wird die SchocklageSchockLage der Erfordernis der stabilen Seitenlage angepasst, indem diese auf einer Trage durchgeführt wird, die dann am Fußteil angehoben werden kann (angepasste Schocklage, Abb. 18.28).
Wunden müssen unbedingt locker und steril bedeckt werden (Verbandtuch). Fremdkörper werden in der Wunde belassen und umpolstert.
Erweiterte Maßnahmen
Der Notarzt muss bei Abdominaltraumata grundsätzlich hinzugezogen werden. Eine Infusionstherapie muss vorbereitet und durch den Notarzt eingeleitet werden. Dazu wird der Patient mit 2–3 großlumigen intravenösen Zugängen versorgt. Es ist wichtig, die Volumentherapie differenziert durchzuführen. Bei Hypotonie sollte das Ziel ein systolischer Blutdruck von 90 mmHg sein (permissive HypotensionHypotension, permissive). Dieser Blutdruck reicht aus, um das Gehirn und andere wichtige Organe (z. B. Niere) ausreichend mit Sauerstoff zu versorgen. Es empfiehlt sich, kristalloide und kolloidale Infusionen in einem Verhältnis 2 : 1 zu verwenden. Die Analgesie und die Narkoseeinleitung (Narkose bei Polytrauma, Bewusstseinsstörung und massivem Schock) sind dem Notarzt vorbehalten.
Eine bessere Einschätzung der Schwere eines abdominalen Traumas (cave: abdominale Traumen werden gern unterschätzt) ist heutzutage durch den Einsatz von präklinischen Ultraschallgeräten möglich. Durch die sogenannte „FAST-Sonografie“ (focused abdominal sonography in trauma) ist es möglich, freie Flüssigkeit im Bauchraum bereits am Notfallort zu identifizieren und die Therapie schon auf dem Transport zu optimieren (z. B. Volumentherapie).

Polytrauma

Merke

Unter einem Polytrauma versteht man gleichzeitig entstandene Verletzungen mehrerer Körperregionen, von denen mindestens eine oder die Kombination mehrerer lebensbedrohlich ist.

Das PolytraumaTraumaPoly-Polytrauma stellt auch heute noch eine der größten Herausforderungen an das Rettungsfachpersonal dar. Dieses ist bei der Versorgung auf das Äußerste gefordert, wenn es darum geht, das Leben und die Gesundheit des Patienten zu retten. Um den bestmöglichen Erfolg für den Patienten zu gewährleisten, ist ein zielgerichtetes, schnelles und klar strukturiertes Vorgehen nach dem ABCDE-Schema (6.2.2) erforderlich. Es müssen klare Prioritäten bei der Versorgung gesetzt werden. Es ist wichtig, lebensbedrohliche Situationen sofort zu erfassen und unverzüglich zu beseitigen („Treat first what kills first“).
Im Rettungsdienst müssen alle Register der intensivmedizinischen Therapie, soweit präklinisch möglich, gezogen werden. Allerdings darf nie vergessen werden, dass die definitive, lebensrettende Therapie (z. B. operative Blutstillung oder die Druckentlastung des Gehirns) nur in einer dafür geeigneten Klinik erfolgen kann. Jedoch ist die Effizienz der Notfalltherapie im Rettungsdienst maßgeblich für eine gute Heilungsprognose des Patienten; ja, man kann sagen, Überlebensrate und Ausmaß der Sekundärschäden entscheiden sich bereits am Unfallort durch die Qualität der Notfallversorgung.
Der Patient sollte zwar am Notfallort stabilisiert und die Transportfähigkeit hergestellt werden, aber geheilt und definitiv therapiert werden kann er nur in der Klinik! Deshalb kommt dem zügigen Transport in die für ihn geeignete Klinik eine gleichermaßen hohe Bedeutung zu wie einer aggressiven notfallmedizinischen Ersttherapie am Notfallort. Ziel muss es sein, die „Golden Hour of Trauma“ einzuhalten, d. h., der Patient muss spätestens eine Stunde nach dem traumatischen Ereignis in der Klinik eintreffen.

Merke

Ein polytraumatisierter Patient hat in der Regel weniger als 60 Minuten Überlebenszeit. Das heißt nun nicht unbedingt, dass er nach 60 Minuten tot sein wird. Befindet er sich aber nach Ablauf dieser Frist nicht an der richtigen Stelle und in der Behandlung der richtigen Leute, dann sind seine Überlebenschancen sehr viel geringer. Er wird nicht gleich sterben; sein Leiden kann drei Tage oder zwei Wochen dauern, aber in der ersten Stunde sind die entscheidenden irreparablen Schäden im Organismus abgelaufen.

(Dr. R. Adams Cowley, University of Maryland, Begründer des Prehospital Trauma Life Support [PHTLS])

Statistiken zufolge steigert sich die Sterblichkeit von polytraumatisierten Patienten bei einer Therapieverzögerung von 30 Minuten um 300 %. Die Verweildauer an der Einsatzstelle sollte deshalb so kurz wie möglich gehalten werden. Besteht keine Einklemmungssituation (18.8), sollte sie im Bereich von 15 Minuten liegen. Dies kann nur mit einem professionell arbeitenden, eingespielten Rettungsteam ermöglicht werden.

Einklemmungstrauma

Statistisch ist EinklemmungstraumaTraumaEinklemmungs-in den letzten Jahren, trotz steigender Kraftfahrzeug-Zulassungen, erfreulicherweise ein deutlicher Rückgang an Situationen zu verzeichnen, bei denen Personen nach Unfällen in ihren Kraftfahrzeugen eingeklemmt sind. Waren vor einigen Jahren Verkehrsunfälle mit eingeklemmten Personen an der Tagesordnung, stellen sie heute im Vergleich zum Gesamteinsatzspektrum eher die Ausnahme dar. Dies steht garantiert im Zusammenhang mit der verbesserten Sicherheitstechnologie bei Kraftfahrzeugen neuerer Bauart. Während man angesichts der Verbesserungen in der Karosserietechnik davon ausgehen kann, dass immense Kräfte notwendig sind, um eine moderne Fahrgastzelle so zu deformieren, dass die Insassen eingeklemmt werden, so ist bei älteren Kraftfahrzeugen aufgrund der fehlenden Sicherheitssysteme (z. B. Airbag) mit schweren Verletzungen der Patienten zu rechnen.
Grundsätzlich wird bis zum Beweis des Gegenteils bei eingeklemmten Patienten davon ausgegangen, dass diese mehrfach verletzt sind und eine Schädigung der Wirbelsäule vorliegt (Abb. 18.29). Diese beiden Fakten bestimmen das weitere Vorgehen des Rettungsfachpersonals. Der Einsatz von Notarzt und Feuerwehr ist bei jedem Unfall mit eingeklemmten Personen erforderlich. Die Feuerwehr bringt die notwendige technische Ausrüstung (z. B. Rettungsschere, Hebekissen) zur technischen Rettung mit und stellt den Brandschutz an der Einsatzstelle sicher. Zur Patientenrettung ist eine enge Absprache zwischen Rettungsfachpersonal und dem Einsatzleiter der Feuerwehr erforderlich, um den Patienten schonend und zügig aus seiner Zwangslage zu befreien.

Merke

Der Zustand des Patienten bestimmt das Tempo und das Vorgehen bei der Rettung, d. h., die Rettung erfolgt patientenorientiert.

Der Patient muss während der gesamten Rettung ständig betreut werden, weil die Einklemmungssituation, die Schmerzen und die Geräuschkulisse an der Einsatzstelle (Aggregate der Feuerwehr, Geräusche beim Zerschneiden von Fahrzeugteilen) eine enorme psychische Belastung für ihn darstellen. Weiterhin muss der eingeklemmte Patient unbedingt vor Splittern (z. B. beim Zersägen der Frontscheibe) und umherfliegenden Teilen geschützt werden. Deshalb wird sein Kopf mit einem Helm und der restliche Körper mit einer schwer entflammbaren Decke geschützt.
Gegen die Auskühlung des Patienten können mehrere Scheinwerfer mit Stativen in unmittelbarer Nähe des Kraftfahrzeuges aufgestellt werden. Die Wärmestrahlung wirkt einem Auskühlen entgegen.
Zur patientenorientierten Rettung werden in Abhängigkeit des Patientenzustands zwei Vorgehensweisen unterschieden.

Schonende Rettung

Voraussetzung für die schonende RettungRettungschonende ist, dass sich der Patient in einem stabilen Verletzungszustand befindet und die Vitalfunktionen nicht beeinträchtigt sind. Es darf aufgrund der Verletzungsschwere des Patienten kein Zeitdruck auf den Rettungsarbeiten lasten. Im Rahmen der schonenden Rettung kann der Patient so weit wie möglich im Wrack medizinisch erstversorgt werden (Blutstillung, Oxygenierung, HWS-Schienung, Infusionstherapie, Analgesie), während die Feuerwehr in enger Absprache mit dem Rettungsfachpersonal das gesicherte Kraftfahrzeug so weit öffnet, dass eine Rettungsöffnung entsteht (Abb. 18.32).
Es hat sich bewährt, im Idealfall das Dach komplett entfernen zu lassen. Dies schafft Platz für die medizinische Versorgung und ermöglicht eine achsengerechte Rettung unter maximaler Immobilisation der Wirbelsäule, d. h., der Patient erhält frühzeitig eine HWS-Schiene sowie ein KED®-System angelegt. Im Rettungskorsett, gegen Manipulationen an der Wirbelsäule geschützt, wird der Patient nun in Verlängerung zur Rückenlehne auf ein Spineboard oder eine Schaufeltrage gezogen. Für die Anlage des KED®-Systems sollten nicht mehr als 3–4 Minuten verwendet werden. Der gesamte Befreiungsvorgang sollte nach 15–25 Minuten abgeschlossen sein. Der Patientenzustand ist dabei ständig zu beurteilen. Bei einer Verschlechterung bleibt abzuwägen, ob eine Crashrettung vorzuziehen ist. Grundsätzlich ist jedoch die schonende Rettung immer anzustreben.

Crashrettung

Der Begriff „CrashrettungCrashrettungRettungCrash-beschreibt die Befreiung des Patienten unter erheblichem Zeitdruck, um eine unmittelbare Lebensgefahr von ihm abzuwenden. Die Lebensgefahr kann eine im Fahrzeug nicht zu beherrschende Vitalstörung oder eine externe Gefahrenquelle (z. B. Fahrzeug brennt) für den eingeklemmten Patienten sein, die binnen Sekunden oder Minuten seinen Tod zur Folge hätte.
Trotz der Dringlichkeit sollte auf eine Immobilisation der Halswirbelsäule nicht verzichtet werden. Ein HWS-Stützkragen ist in Sekundenschnelle angelegt. Meist steht diese Zeit zur Verfügung, während die Feuerwehr eine Befreiungsöffnung schafft. Ist kein HWS-Stützkragen vorhanden, muss die Halswirbelsäule unbedingt von Hand stabilisiert werden (Abb. 18.30). Die Crashrettung des Patienten wird nach Herstellung der Befreiungsöffnung durch die Feuerwehr z. B. mit dem Rautek-Rettungsgriff (Abb. 18.31) durchgeführt oder der Patient wird idealerweise so achsengerecht wie möglich durch die Rettungsöffnung auf ein Spineboard oder eine Schaufeltrage gezogen.

Spezielle traumatologische Notfallsituationen

Das Rettungsfachpersonal gerät immer wieder in Notfallsituationen, die den Helfer mit visuellen Eindrücken überfluten, deren Anblick auch für gestandenes Rettungsfachpersonal eine starke seelische Belastung darstellt. Diese Situationen stehen oftmals im Zusammenhang mit Gewalttaten, Tötungsdelikten oder Suiziden. Solche Einsätze erfordern eine besondere Vorgehensweise und Vorsicht des Personals. Die Abschätzung der Eigengefährdung, das Erfassen der Gesamtsituation und ein zielgerichtetes Arbeiten unter dem Eindruck stark belastender Anblicke und oft bizarrer Situationen stellen eine große Herausforderung dar.

Schussverletzungen

Auch wenn SchussverletzungenSchussverletzung (Abb. 18.33) im europäischen Raum weitaus seltener als z. B. in Nordamerika vorkommen, gehören sie mittlerweile doch auch in Europa zur rettungsdienstlichen Realität.
Das Erscheinungsbild einer Schussverletzung am Körper variiert in Abhängigkeit von Kaliber, Geschossart und Entfernung, aus der das Projektil abgefeuert wird. Der Weg des Geschosses lässt sich u. U. aus der Lage von Einschuss- und Austrittswunde nachvollziehen und ist zur Abschätzung von betroffenen Organen, die im Schusskanal liegen, von Bedeutung. Besonders tückisch sind hier Kleinkalibergeschosse, da sie auf ihrer Bahn durch den Körperstamm durch große Knochen von einer geraden Flugbahn abgelenkt werden können und anschließend ihren Weg quer durch den Körper fortsetzen. Dies hat erhebliche Verletzungen der inneren Organe zur Folge.
Die Sicherung und Wiederherstellung der Vitalfunktionen ist wie immer oberstes Prinzip. Die Wundversorgung und Blutstillung müssen mit großer Sorgfalt erfolgen. Schockprophylaxe und zügiger Transport sind selbstverständlich.

Achtung

Beim Alarmierungsstichwort „Schussverletzung“ ist vor dem Patientenkontakt auf Eigenschutz zu achten!

Stichverletzungen

StichverletzungenStichverletzung (Abb. 18.34) sind oft die Folge von Unfällen oder kriminellen Handlungen wie Tötungsdelikten oder Selbstverstümmelung. Sie dürfen in ihrem Ausmaß nie unterschätzt werden, da der Blutverlust oft nur schwer abzuschätzen ist. Stichverletzungen sind immer als lebensbedrohlich anzusehen.

Achtung

Beim Alarmierungsstichwort „Stichverletzung“ ist vor dem Patientenkontakt grundsätzlich auf Eigenschutz zu achten!

Verletzungen durch Erhängen oder Strangulation

Bei Erhängungs- oder StrangulationsverletzungenErhängungsverletzungStrangulationsverletzung wirkt die Gewalt auf die Halsregion. Tödlich ist in der Regel nicht die Fraktur der Halswirbelsäule (sogenannte „Hangman FractureHangman Fracture“), sondern die oftmals erhebliche Verletzung der großen Blutgefäße des Halses durch Unterbindung (Aa. carotides, Vv. jugulares), die eine Störung der zerebralen Durchblutung mit Sauerstoffmangel zur Folge hat. Ebenso kann es zu Verletzungen der Atemwege, z. B. die Zerstörung des Larynx oder der Trachea, kommen, welche die regelrechte Atmung behindern oder unmöglich machen.
Wird eine erhängte oder strangulierte Person aufgefunden, die noch keine sicheren Todeszeichen aufweist (6.4.1), muss sie sofort aus der hängenden Lage befreit werden (Abschneiden). Dies sollte so gestaltet werden, dass der Betreffende dabei nicht zu Boden fällt und sich weitere Verletzungen zuzieht. Auf strenge Immobilisation der HWS muss geachtet werden. Diese darf die Rettung aus der Strangulation aber nicht verzögern. Ansonsten erfolgt die Sicherung bzw. Wiederherstellung der Vitalfunktionen nach den gültigen Vorgaben (Basic Life Support, 8.2.3).
Bei mutmaßlichen Selbstmord- bzw. Gewalttaten (insbesondere mit Todesfolge) sollte das Rettungsfachpersonal darauf bedacht sein, die Szenerie für spurensichernde Maßnahmen der Kriminalpolizei so wenig wie möglich zu verändern.

Wiederholungsfragen

  • 1.

    Erläutern Sie die Grundsätze der Versorgung eines Traumapatienten. (Kap. 18)

  • 2.

    Welche Forderungen sind an einen adäquaten Wundverband zu stellen? (18.1.2)

  • 3.

    Unter welchen Umständen ist das Abbinden einer Extremität zur Blutstillung statthaft? (18.1.3)

  • 4.

    Warum müssen Fremdkörper unbedingt in der Wunde belassen werden? (18.1.4)

  • 5.

    Was versteht man unter sicheren Frakturzeichen? (18.2.2)

  • 6.

    Welche Grundsätze müssen Sie bei der Ruhigstellung von Frakturen beachten? (18.2.2)

  • 7.

    Mit welchem Blutverlust muss bei einer Beckenfraktur gerechnet werden? (18.2.2)

  • 8.

    Wann ist die Anlage einer HWS-Schiene angezeigt? (18.3)

  • 9.

    Welche Formen intrakranieller Blutungen sind Ihnen bekannt? (18.4)

  • 10.

    Wie lagern Sie einen bewusstseinsklaren Patienten mit Verdacht auf ein SHT? (18.4)

  • 11.

    Wann spricht man von einem offenen SHT? (18.4)

  • 12.

    Warum sollte das nasale Absaugen bei einem SHT unterbleiben? (18.4)

  • 13.

    Welche Bedeutung hat die Kontrolle der Pupillen bei Patienten mit SHT? (18.4)

  • 14.

    Welche Bedeutung kommt der „Glasgow Coma Scale“ bei der Beurteilung von Patienten mit SHT zu? (18.4)

  • 15.

    Wann spricht man von einer Rippenserienfraktur? (18.5)

  • 16.

    Was ist ein Spannungspneumothorax? Wodurch ist er gekennzeichnet? (18.5)

  • 17.

    Wie lagern Sie einen Patienten mit Verdacht auf eine Rippenserienfraktur? (18.5)

  • 18.

    Welche Gefahren bestehen bei einem Abdominaltrauma? (18.6)

  • 19.

    Was ist der Unterschied zwischen einer einzeitigen und einer zweizeitigen Milzruptur? (18.6)

  • 20.

    Was ist ein Polytrauma? (18.7)

  • 21.

    Was besagt die Idee der „Golden Hour of Trauma“? (18.7)

  • 22.

    Was bedeutet schonende Rettung? (18.8)

  • 23.

    Wann sollte der Einsatz eines KED®-Systems erwogen werden? (18.8)

  • 24.

    Wann ist eine Crashrettung angebracht? (18.8)

  • 25.

    Welche Maßnahmen ergreifen Sie bei einem Patienten mit einer Schussverletzung am Brustkorb? Mit welchen Verletzungen müssen Sie rechnen? (18.9)

  • 26.

    Mit welchen Verletzungen rechnen Sie bei einem Patienten, der sich im Rahmen eines Suizidversuches erhängt hat? (18.9)

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