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B978-3-437-44536-1.00002-4

10.1016/B978-3-437-44536-1.00002-4

978-3-437-44536-1

Einige gegenwärtig verlaufende WortschatzSyntaxPhonologieMorphologieGrammatikalisierungSprachwandelprozesse

Tab. 2.1
Bereich Veränderung Beispiele
Phonologie Apokope (Schwund) unbetonter Schwa-Silben dunkele Nacht → dunkle Nacht
geben → gebm → gem
Nasal-Obstruent-Assimilation fünf → fümf
Input → Imput
Morphologie am Substantiv Abbau Genitiv Singular das Haus meines Vaters →
das Haus von meinem Vater
Abbau Dativ Plural in Präpositionalphrasen Eis mit Früchten →
Eis mit Früchte
Ausbreitung s-Plural Visa-s, Firma-s, Konto-s
Abbau e-Plural mit Umlaut bei Feminina Grüfte → Gruften
(Aus)flüchte → (Aus)fluchten
Morphologie am Verb Abbau starker Verben focht/gefochten → fechtete/gefechtet
riet/geraten → ratete/geratet
Perfekt als Präteritum sagte → habe gesagt
wartete → habe gewartet
doppeltes Perfekt/Plusquamperfekt habe/hatte gewartet gehabt
Morphologie bei Präpositionen Verschmelzung mit Artikel zu der Wiese → zur Wiese
hinter dem Haus → hinterm Haus
Kasuswechsel nach Präpositionen wegen des Wetters →
wegen dem Wetter
Syntax Artikelabbau ich zahl mit der Karte →
ich zahl mit Karte
weil-Sätze mit Verbzweitstellung …, weil er krank ist →
…, weil er ist krank
Trennung von Präpositional-/Interrogativadverbien/ dafür kann er nichts →
da kann er nichts für
Verlaufsform bei Verben er arbeitet gerade →
er ist am Arbeiten
brauchen als Modalverb er braucht nicht zu kommen →
er braucht nicht kommen
bekommen-Passiv auch bei zweiwertigen Verben geschickt bekommen → geschimpft bekommen
Wortschatzwandel Nomen erhält Adjektivpendant das sieht wie Scheiße aus → das sieht scheiße aus
Bedeutungswandel geil = sexuell erregt → geil = toll/aufregend
Grammatikalisierung lokales von … her zu limitativem von … her von draußen her →
von der Tendenz her
zum Ableitungssuffix Maß – mäßig → urlaubsmäßig
technisch → urlaubstechnisch
zur Präposition zuerst/zu Anfang → anfangs
mit Namen/im Namen von → namens

Zum Verhältnis von Sprachwandel und Spracherwerb

Dagmar Bittner

Sprachwandel – Daseinsform von Sprache

Zum SprachwandelEnde des Jahres 2013 erschien der Erste Bericht zur Lage der deutschen Sprache (Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung 2013). Er bespricht Veränderungen des Deutsch:sprachliche VeränderungenDeutschen in Wortschatz und Grammatik im Laufe der letzten 100 Jahre. Nun sind 100 Jahre kein langer Zeitraum im Leben einer Sprache, und wir würden das um 1900 gesprochene Hochdeutsch heutzutage ohne Weiteres verstehen; schließlich verstehen wir auch das noch weitere 100 Jahre zurückliegende Deutsch Goethes. Es würde uns aber wie ein ungewohnter, etwas antiquierter Dialekt erscheinen. Und das nicht nur, was den WortschatzWortschatz betrifft.1

1

Veränderungen im Wortschatz wurden offenbar auch auf der 2013 geschlossenen Online-Plattform schülervz diskutiert. In einem Chat aus dem Jahr 2008 findet sich folgender Hinweis darauf: „(Falls du noch in dem Alter bist) Im schülervz gibt's da eine sehr nette Gruppe zu: ‚Obacht du Schelm, nun ist's genug mit der Firlefanzerei!‘.“ Dort von den Schülern als veraltet gelistete Wörter waren u. a.: Knilch, Firlefanz, Tunichtgut, Knabe, Kauz, Rabauke, Schelm, Lümmel, Larifari, ungezogen, bombastisch, fabelhaft, herzig, Liebchen, wundervoll, kolossal, fesch, großartig, überwältigend, urig, ulkig, seltsam, hahnebüchen, delikat, frohlockend, vortrefflich, gar, dereinst, hurtig, flugs, fix, garstig, kiebig, hold, umwerfend, jüngsthin, Unbehagen, gewitzt, Ganove, Gauner, Querulant, aufmüpfig, top, foppen, fad, keck, neckisch, Schwerenöter, drangsalieren. (http://de.answers.yahoo.com/question/index?qid=20090529140328AA6JQOK; abgerufen 29.12.2013)

Auch die Grammatik käme uns etwas merkwürdig vor. Sätze wie: Sie liest im Journale, es sei wegen des Wetters mit Erkältungen zu rechnen/Sie ist voll des Lobes/Er entbehrte seines Rates sind heute nicht mehr standardsprachliche Norm. Und so wie heute niemand mehr den „Verlust“ der Genitiv- und Dativmarkierungen am Substantiv beklagt, wird in einigen Jahrzehnten niemand mehr die Verbreitung des weil-Satzes mit Verbzweitstellung (Ich kann nicht kommen, weil ich bin krank) oder den Abbau des definiten Artikels in prädikativen Satzgliedern (Ich hab Karte mit/Ich fahr mit Bus) oder den Übergang weiterer Verben von der starken zur schwachen Flexion (raten: geratengeratet; lügen: loglügte, gelogengelügt) beklagen.
Jede aktiv genutzte Sprache balanciert permanent zwischen Kontinuität und Wandel. Der Sprachwandel:QuellenWandel hat zwei Quellen: eine externe, d. h. die Anforderungen aus den Lebensverhältnissen der Sprecher (hieraus resultiert zu einem gewissen Teil der Wortschatzzuwachs und -wandel), und eine interne, d. h. die gegenläufigen Optimierungsbedürfnisse beim Sprechen (Komprimierung) und Hören (klare Differenzierung) – hieraus resultiert vor allem der Wandel phonologische Strukturen:Wandelphonologischer und grammatischer Strukturen und die Entstehung von Wörtern aus Syntagmen (z. B. adel aar „edler Vogel“ → Adler). Die auf Optimierung ausgerichteten internen Sprachwandelfaktoren bilden ein äußerst komplexes System, da jede sprachliche Ebene eigene und den anderen Ebenen z. T. gegenläufige Optimierungsparameter hat. Daher kommt auch selten ein Sprachwandel allein. Das recht komplexe Artikelsystem des Deutschen ist u. a. ein Ausgleich für den Abbau der Kasusflexion am Substantiv. Sprecherseitige Optimierungen in der MorphologieMorphologie (Wortlängenoptimierung) haben hier zu einer hörerseitigen Verschlechterung bei der Differenzierung von Satzgliedern und als Reaktion darauf zu einem Wandel im Bereich der SyntaxSyntax geführt.
Gegenwärtig befindet sich Deutsch:sprachliche Veränderungendas Deutsche, wie viele andere europäische Sprachen, in einer besonders aktiven Phase sprachlicher Veränderungen.
  • Zum einen breitet sich durch den massiven Mobilitätsdruck die überregionale Standardsprache bzw. das Hochdeutsche auf Kosten der Dialekte aus. Zum Teil werden dabei Eigenheiten von Dialekten allgemeiner Usus; so hört man heute auch im Norden Deutschlands die Formulierung an Weihnachten, und im Bereich der Grammatik hat sich die Verlaufsform der Verben (am Arbeiten sein) und die Trennung von davon, dafür oder auch die Bildung da dafür über ihre ursprünglichen Dialektgrenzen hinweg ausgebreitet. Es verblassen also einerseits die Dialektunterschiede.

  • Zum anderen führen die seit über 50 Jahren anhaltende Migrationsbewegung, die so entstandenen multikulturellen Lebensverhältnisse, in denen viele Herkunftssprachen in der neuen Umgebung aktiv verwendet werden, und die neue Dimension des medialen Transports von Sprachen zu einer Fülle von Einflüssen anderer Sprachen auf das Deutsch:Einflüsse anderer SprachenDeutsche. Jeder fünfte Einwohner Deutschlands (20 % der Gesamtbevölkerung) galt Ende 2012 als Einwohner mit Migrationshintergrund.2

    2

    Das Statistische Bundesamt betrachtet als Einwohner mit Migrationshintergrund alle, die nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland zugezogen sind, alle in Deutschland geborenen Ausländer/-innen und alle in Deutschland mit deutscher Staatsangehörigkeit Geborenen mit zumindest einem zugezogenen oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil.

  • Allein die Stadt Berlin hatte Mitte 2012 Einwohner aus nahezu 90 Ländern, darunter mehrere tausend Einwohner aus dem vielsprachigen Indien.3

    3

    Angaben des Büros des Beauftragten des Senats von Berlin für Integration und Migration. (www.berlin.de/lb/intmig/statistik/ – abgerufen 29.12.2013)

    Es lebten also Sprecher von über 100 verschiedenen Sprachen in der Stadt. Diese Kontaktsituation beeinflusst nicht nur die „fremden“ Sprachen, sie hat auch Einflüsse auf das Deutsche. Der unmittelbarste Ausdruck der multikulturellen Sprachsituation ist das in den Großstädten entstandene Kiezdeutsch der Jugendlichen (Wiese 2012). Auf das Deutsche wirkt sich die Kontaktsituation so aus, dass einige im System angelegte Prozesse, wie z. B. der Kasusabbau am Substantiv, der Artikelabbau in prädikativen Satzgliedern und die Verschmelzung von Präposition und Artikel (zu demzum), schneller verlaufen als unter stärker monolingualen Bedingungen.

Sprachwandel:ProzesseSprachwandel ist letztlich allgegenwärtig, aber nur ein sehr kleiner Teil davon ist auch den Sprechern gegenwärtig. Das wird vielleicht bei einem Blick auf Tabelle 2.1 deutlich, die wohlgemerkt nur einen kleinen Ausschnitt der aktuell verlaufenden Sprachwandelprozesse zeigt.4

4

Eine vollständige Zusammenfassung ist letztlich nicht möglich, da Wandelprozesse bei einzelnen Formen beginnen und vielfach – auch von Linguisten – lange unbemerkt bleiben.

SprachwandelSprachwandel im Bereich der Grammatik beginnt immer mit einer Abweichung von der Norm. Das ist ein Faktum, das bei der Untersuchung, Diagnostik und Therapie von Spracherwerbsverzögerungen und klinischen SprachstörungenSprachstörungen in Rechnung gestellt werden muss. In institutionalisierten Bereichen der Sprachverwendung – dazu gehören u. a. der schriftliche Sprachverkehr, das Schulsystem und die Bereiche des sog. öffentlichen Lebens (insbesondere die „seriösen“ Medien) – werden Strukturen, die einen Sprachwandel einleiten, lange als Normverstoß empfunden und sanktioniert. Das ist einerseits legitim, da sich insbesondere sehr heterogene Sprechergemeinschaften auf einen gemeinsamen Code einigen müssen. Starres Normverständnis kann aber andererseits zu Fehleinschätzungen von sprachlichen Leistungen führen. Und hier wird der Sprachwandel:und SprachstörungenSprachwandel für das Fachgebiet der SprachstörungenSprachstörungen relevant. Schwierigkeiten mit der Kasus-/Numerusmarkierung am Substantiv und seinen Begleitern oder der starken Flexion von Verben oder auch die Verwechslung von als und wie sind nicht notwendig ein Ausdruck einer Sprachentwicklungsstörung. Sie liegen gewissermaßen im Trend. Kindern mit SprachentwicklungsstörungenSprachentwicklungsstörungen in solchen von Sprachwandel betroffenen Bereichen die (gerade noch geltende) Norm vermitteln zu wollen, wäre nicht nur ein Kampf gegen Windmühlenflügel, sondern ist auch eine unverantwortliche Belastung für das Kind. Sprachdiagnostische und -therapeutische Materialien müssen, mit anderen Worten, sprachwandelkonform sein. Der Input, den Kinder im SpracherwerbSpracherwerb erhalten, verändert sich mit den Sprachwandelprozessen. Bisher ist dieses Faktum wenig berücksichtigt worden. Auch deshalb, weil der Wandel des Deutschen bis ins letzte Jahrhundert eher langsam und unbemerkt verlief. Die Aufmerksamkeit, die Bastian Sick mit seinen Kolumnen, Büchern und Vorträgen zum „schlechten“ Deutsch erreichen konnte5

5

2013 erschien die 5. Auflage von Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“. André Meinunger hat 2008 in seinem Buch „Sick of Sick? – Ein Streifzug durch die Sprache als Antwort auf den Zwiebelfisch“ den Sprachwandel-Hintergrund vieler der von Sick monierten „Fehlverwendungen“ dargestellt.

, und die linguistischen Reaktionen darauf, u. a. der eingangs erwähnte Bericht zur Lage des Deutschen, sind Indiz für eine neue Situation. Gegenwärtig erreicht eine Reihe schon lange verlaufender Sprachwandelprozesse die Phase des Normumbruchs, zugleich werden andere Prozesse durch die oben angesprochene Sprachkontaktsituation „von außen“ beschleunigt. Damit steigt die Relevanz der Prozesse für die sprachdiagnostische und -therapeutische Forschung und Praxis. In den 1990er-Jahren setzten intensive Forschungen zum Erwerb mehrerer Sprachen, zur gegenseitigen Beeinflussung der Sprachen im Erwerbsprozess, zu SprachstörungenSprachstörungen bei mehrsprachig aufwachsenden mehrsprachig aufwachsende Kinder:SprachstörungenKindern und in diesem Zusammenhang auch die Forschung zur Veränderung der Migrationssprachen im Kontakt mit dem Deutschen ein. Was bisher nicht vorliegt, sind auf die neue Situation bezogene Analysen zur Veränderung des Inputs im Erwerb des Deutschen und zu einem eventuellen Einfluss des Spracherwerbs auf die neue Sprachwandelsituation.

Sprachwandel, Spracherwerb und Sprachevolution

Insbesondere die letzte Frage, die nach dem Einfluss des kindlichen Spracherwerbs auf den SprachwandelSprachwandel, hat eine lange Tradition. Der vorliegende Beitrag wird die historischen Positionen zu dieser Frage aufzeigen und sie zugleich in den Kontext stellen, in dem sie in den letzten 40 Jahren am intensivsten diskutiert wurde, den Zusammenhang von Sprachevolution; Sprachwandel und Spracherwerb. So wenig das Verhältnis von Spracherwerb:im Verhältnis zu Sprachevolution und -wandelSpracherwerb und Sprachwandel bisher geklärt ist, so heftig umstritten ist auch das Verhältnis der beiden Bereiche zur Sprachevolution. Der nachfolgende Abriss der Debatte um evolutionäre Erklärungsmodelle soll deutlich machen, dass Überlegungen zum Verhältnis von Spracherwerb und Sprachwandel gegenwärtig eng an Überlegungen zur SprachevolutionSprachevolution geknüpft sind. Jüngstes Beispiel dafür ist Givón (2009). Ausgehend von dieser Arbeit werden in Abschnitt 2.3 Pro-Argumente für das Wirken der gleichen evolutionären Entwicklungsprinzipien in Sprachevolution, Sprachwandel und Spracherwerb vorgestellt. Die Kontra-Positionen dazu fasst Abschnitt 2.4 zusammen. Hier werden die Arbeiten von Slobin (2002) und Andersen (2006) als Ausgangspunkt herangezogen. Abschnitt 2.5 schließlich stellt die Positionen zum Verhältnis von Sprachwandel und Spracherwerb vor.
Ein erster Blick auf die jüngere Forschung zu sprachlichen Entwicklungs- bzw. Veränderungsprozessen vermittelt den Eindruck, dass zu Beginn des 21. Jahrhunderts gemeinsame Entwicklungsprinzipien:gemeinsame, von Spracherwerb, Sprachevolution, SprachwandelEntwicklungsprinzipien für Evolution, Wandel und Erwerb von Sprache aufgezeigt werden können oder dies zumindest in greifbarer Nähe ist. Alle drei Phänomene scheinen durch die Darwinschen (und Lamarckschen) Evolutionsprinzipien gesteuert zu sein. Aus unterschiedlichen Perspektiven wird argumentiert, dass stets eine graduelle, durch adaptives Verhalten gesteuerte Entwicklung hin zu komplexeren Strukturen vorliegt. Die jeweils ökonomischeren, effektiver angepassten, robusteren, leichter perzipier- und produzierbaren Strukturen setzen sich gegenüber den jeweils weniger ökonomischeren, robusteren etc. Strukturen durch bzw. werden früher erworben (u. a. Bickerton 1990; Keller 1994; Deacon 1997; Lass 1997, 2003; Kirby 1999a; Nettle 1999; Yang 2000, 2002; Croft 2000, 2008; Mufwene 2001, 2008; Briscoe 2002; Lightfoot 2002; Blevins 2004; Ritt 2004; Mendívil-Giró 2006; Niyogi 2006; Christiansen & Chater 2008; Evans & Levinson 2009, Givón 2009). Die evolutionäre Übereinstimmung wird vor allem für die Entstehung (Evolution) und die Veränderung (Wandel) von Sprache diskutiert. Fast immer werden dabei der Spracherwerb:im Verhältnis zu Sprachevolution und -wandelSpracherwerb und die Entstehung von Sprachen via Pidgin- und Kreolisierung6

6

Als Pidgin bezeichnet man Sprachen, die spontan bei der Verständigung zwischen verschiedensprachigen Menschen entstehen. Historisch passierte das v. a. in den Kolonialgebieten und in Sklavengemeinschaften. Typisch ist das weitgehende Fehlen morphologischer und syntaktischer Alternationen, d. h. die Reduzierung auf die Lexik, die mit unterschiedlichem Anteil den verschiedenen Sprachen entnommen wird. Wird ein Pidgin von einer neuen Sprechergeneration als Muttersprache erlernt, wird es zu einem sogenannten Kreol. Kreols können aber auch direkt durch intensiven Kontakt und Vermischung verschiedener Sprachen entstehen. Typisch ist auch hier eine vereinfachte Grammatik bei den ersten Sprechergenerationen.

als die empirischen Bereiche angeführt, in denen die Durchsetzung der evolutionär favorisierten Strukturen in der Sprechergemeinschaft erfolgt (u. a. Croft 2000).
Wenn das so ist, muss auch der Spracherwerbsprozess evolutionären Prinzipien unterliegen. Und das wird auch angenommen; so z. B. von Clark & Roberts (1993). Sie gehen in ihrer Argumentation von Ähnlichkeiten in der Übertragungs- bzw. Vererbungssituation von Sprache und DNA aus: Sowohl DNA als auch Sprache werden über Transmitter (Polymerase-Enzyme bei DNA, auditive und/oder visuelle Stimuli bei Sprache) weitergegeben, sie werden nicht direkt vererbt. Im Übertragungsprozess werden mehrere Quellen zusammengeführt; beide Prozesse sind dabei gleichermaßen akkurat bzw. fehler-/veränderungsanfällig; aufgrund dieser Faktoren ist die jeweils neue Struktur keine 1-zu-1-Kopie der Ausgangsstruktur. Fügt man hinzu, dass im Spracherwerb die eindeutigsten und am häufigsten verwendeten Strukturen typischerweise vor den weniger eindeutigen und weniger frequenten erworben werden, und dass die zu beobachtenden Übergeneralisierungen häufig mit aktuellen Sprachwandeltendenzen korrelieren (vgl. etwa die Übergeneralisierung des Infinitivstamms auf den Imperativ starker Verben werf/geb/ess statt wirf/gib/iss), erscheint eine evolutionäre Modellierung des Spracherwerbs intuitiv plausibel.
Es gibt jedoch auch Gegenstimmen zu dieser evolutionären Position. So verweisen u. a. McMahon (1994), Dahl (1999), Itkonen (1999), Dalby (2002) und Andersen (2006) auf grundlegende Unterschiede zwischen biologischen Systemen und Sprachsystemen. Während sich biologische Systeme evolutionär so verändern können, dass neue Spezies entstehen, verändern Sprachen sich nur innerhalb bestimmter Grenzen. Egal in welcher historischen Periode eine Sprache gesprochen wurde, sie unterscheidet sich in ihrem strukturellen Aufbau, ihren universellen Bestandteilen, nicht grundlegend von früheren oder späteren Sprachen. LateinLatein, AltgriechischAltgriechisch und andere untergegangene Sprachen bräuchten wohl eine Auffrischung ihres Wortschatzes, wären dann aber ein lebens-(anwendungs)fähiges Remake. Weiter wird angeführt, dass evolutionäre Veränderung nur innerhalb der Spezies mit der Generationenabfolge (vertikal), nicht aber durch den Kontakt oder gar die Vermischung mit anderen Spezies (horizontal) erfolgt. Kontaktsituationen von Sprachen gleich ob verwandt oder nicht – können dagegen durchaus und z. T. recht unmittelbar zu strukturellen Veränderungen führen.
Möglicherweise wird der Eindruck eines bevorstehenden Nachweises gemeinsamer evolutionärer Entwicklungsprinzipien nicht unwesentlich durch die gegenwärtig größere Zahl an Anhängern dieser Position und eine größere Aufmerksamkeit für die evolutionäre Position in den Medien erzeugt. Das Jahr 2009 war Darwinjahr, und der aktuelle Zeitgeist bevorzugt den genetischen Determinismus als Erklärungsansatz. Wir sind also gewarnt und sollten uns nicht voreilig die Sicht auf andere Betrachtungsweisen verstellen.
Wie zentral die Frage nach den Entwicklungsprinzipien:gemeinsame, von Spracherwerb, Sprachevolution, SprachwandelEntwicklungsprinzipien in Sprachevolution, -wandel und -erwerb ist, zeigt sich, wenn man die gegenseitige Relation der drei Bereiche klären möchte. Wenn Sprache evolutionären Entwicklungsprinzipien unterliegt, wie unterscheidet sich dann Sprachevolution – also die Entstehung der heute bekannten sprachlichen Systeme – von Sprachwandel und wie Sprachevolution und -wandel wiederum von Spracherwerb:im Verhältnis zu Sprachevolution und -wandelSpracherwerb? Handelt es sich dann nicht um verschiedene Phasen oder Daseinsformen des gleichen Gegenstands? Etwa so: Evolution betrifft E-language (Performanz), Wandel betrifft I-language (Kompetenz),7

7

Mit I-language/Kompetenz wird in der generativen Grammatik auf die allgemeine Sprachfähigkeit und das mental gespeicherte sprachliche Wissen referiert; die Begriffe E-language/Performanz dagegen referieren auf die aktuelle Sprachverwendung, die immer nur einen Teil des sprachlichen Wissens repräsentiert, kontextabhängig ist und fehlerbehaftet sein kann.

Erwerb betrifft I-und E-language?
Sprachevolution müsste dann die sukzessive Veränderung von Sprache durch ewig wiederholten Erwerb sein. Wo führt das hin? Wenn Sprachevolution als Prozess der Herausbildung grammatisch organisierter Sprachsysteme8

8

Der Begriff „grammatisch organisiertes Sprachsystem“ wird verwendet, um potenzielle vorgrammatische Sprachstufen – wie immer sie auch ausgesehen haben mögen – von grammatischen Sprachstufen zu unterscheiden. Vorgrammatische Sprachzustände sind solche, die (noch) nicht das fiktive Verlassen des Ich-hier-jetzt-Standpunkts sowie die unterschiedliche Perspektivierung desselben Sachverhalts durch grammatische Mittel erlauben.

aufgefasst wird, inwiefern vollzieht sich seit der Existenz solcher Systeme die Evolution? Führen Wandel und Erwerb zu qualitativ neu organisierten grammatischen Systemen? Was ist mit den angenommenen Universalien und was mit der Universalgrammatik (UG), wird die evolutionäre Veränderung die Art der angeborenen Universalien ändern? – Treiben wir es gerade zu weit?

Unterscheiden sich die drei Bereiche deutlich(er) voneinander, wenn man nicht von gemeinsamen evolutionären Entwicklungsprinzipien Entwicklungsprinzipien:gemeinsame, von Spracherwerb, Sprachevolution, Sprachwandelausgeht?

  • SprachevolutionSprachevolution umfasst die Prozesse und Elemente, die an der Herausbildung grammatisch organisierter Sprachsysteme beteiligt waren.

  • SprachwandelSprachwandel umfasst die Prozesse und Elemente, die zur Herausbildung und Durchsetzung neuer sprachlicher Strukturen führen.

  • SpracherwerbSpracherwerb schließlich umfasst die Prozesse und Elemente, die zum Aufbau lexikalischen, grammatischen (inkl. prosodischen) Wissens und schließlich einem individuell verfügbaren Sprachsystem führen.

Handelt es sich hier um Unterschiede, die die Gegenstände der drei Bereiche qualitativ voneinander abgrenzen?

Unterschiede gibt es zumindest in der Ausgangsbasis. Sprachevolutionäre Prozesse greifen auf vorgrammatische Sprachzustände zu, Sprachwandel- und Spracherwerbsprozesse – zumindest seit der Herausbildung grammatisch organisierter Sprachsysteme – auf ebendiese. Doch Einschränkungen bzw. Erweiterungen sind nötig. Sprachkontaktsituationen, die zu Pidgins führen, erzeugen eine vorgrammatische Ausgangsbasis für den Spracherwerb:im Verhältnis zu Sprachevolution und -wandelSpracherwerb. Inwiefern diese mit der in der ursprünglichen Sprachevolution übereinstimmt, wissen wir nicht.
Wie so oft in der Sprachwissenschaft verlaufen die Pro- und Kontra-Positionen zum evolutionären Ansatz im Wesentlichen entlang der Favorisierung eines generativen vs. nichtgenerativen Grammatikmodells. Das verweist auf einen bisher nicht angesprochenen, für die Diskussion und Gedankenführung aber durchaus zentralen Aspekt: die Angeborenheit sprachlicher Universalien. Werden essenzielle grammatische Parameter als angeboren betrachtet, wie es die Generative Grammatik insbesondere im Bereich der SyntaxSyntax tut (Chomsky 1968), sollten diese anderen Erwerbsmechanismen unterliegen und veränderungsresistenter sein als die nichtangeborenen Strukturbereiche. In alternativen Modellen, die Universalien primär in den unabdingbar zu versprachlichenden kognitiven Dimensionen (u. a. Finitheit, Definitheit, Modalität, Temporalität) verorten (Coseriu 1958/1974, Seiler 1978), sind syntaktische syntaktischer WandelStrukturen sprachliche Techniken, deren Wandel möglich ist und unmittelbar integriert werden kann. Für generative Grammatikmodelle ist syntaktischer Wandel nur als Folge anderer Wandelprozesse integrierbar; syntaktische Parameter sind hier UG-Parameter und damit genetisch fixiert (Longobardi 2001). Findet dennoch syntaktischer Wandel statt, wie z. B. die Veränderung der Stellung des finiten Verbs vom Alt- zum Neuhochdeutschen, hat dieser dann den Status einer Mutation im angeborenen Grammatikmodul bzw. den angeborenen der UG-Parameter und könnte er zu einem evolutionären Schritt führen? – Treiben wir es wieder zu weit?

Die evolutionäre Position

Seit den 1970er-Jahren beschäftigt sich Talmy Givón mit Fragen der Genese und Entwicklung sprachlicher Systeme und der Entstehung der menschlichen Sprache schlechthin. Die Ausgangshypothese für seine umfangreichen diachronen und typologischen Untersuchungen und insbesondere für seine sprachevolutionären Überlegungen lautet: Alles Menschliche ist immer auch biologisch. Alle grundlegenden Veränderungen von Arten und damit auch der menschlichen Daseinsweise haben eine biologische Komponente. Für die (biologische) Evolution in geschichtlicher Dimension ist dabei das adaptive Verhalten der Spezies an ihre Umwelt entscheidender als mutante genetische Sprünge. Adaptives Verhalten führt zu graduellen evolutionären Veränderungen. Von diesen Prämissen ausgehend, führt Givón die SprachevolutionSprachevolution auf eine Anpassung der Kommunikationsmöglichkeiten an sich verändernde Umweltbedingungen zurück und betrachtet sie als eingebettet in einen allgemeinen Prozess der Zunahme hierarchischer Organisation. Er nimmt weiterhin an, dass sich das Szenario der Sprachevolution aus der Untersuchung aktueller Entwicklungsprozesse rekapitulieren lässt, da die universellen evolutionären Prozesse – adaptives Verhalten und Aufbau komplexer hierarchischer Strukturen – nach wie vor und in allen Entwicklungsprozessen wirken.
In „The genesis of syntactic complexity“ fasst Givón (2009) nun seine Sicht auf die Herausbildung der menschlichen Sprache und die dafür verfügbaren Evidenzen zusammen. Seinen theoretischen Zugang zu Grammatik beschreibt er eingangs kurz und prägnant als „functional-adaptive approach to grammar, an approach that is biological in the grand tradition of Aristotle and Darwin. We owe to Aristotle the observation … that extant biological structures are functionally motivated. We owe to Darwin the elucidation … of the mechanism that makes it possible for extant biological structures to perform their functions – adaptive selected evolution“ (Givón 2009: 19). Givón stellt sich damit in die Traditionslinie der Funktionalen Grammatik, die durch Forscher wie Wilhelm von Humboldt, Hermann Paul, Edward Sapir und Otto Jespersen geprägt wurde. Er wendet sich mit dieser Einordnung explizit gegen die strukturalistische Forschungslinie, die für ihn mit den Namen von Saussure und Chomsky verbunden ist. Den Gedanken der Arbitrarität konkreter sprachlicher Strukturen, der Chomsky dazu geführt hat, die parole bzw. Performanz als uninteressant für eine Theorie der Sprache einzuordnen, lehnt er ab. Jede Wahl einer bestimmten sprachlichen Struktur und auch eines bestimmten sprachlichen Zeichens ist für Givón motiviert, und zwar durch den gegebenen Kontext und die Interessen des Sprechers. Die Funktion einer Äußerung im Diskurs, und damit die Diskursebene, ist für ihn eine unverzichtbare Größe in einer Theorie der Sprache.
In der Aufzählung der historischen Größen der Funktionalen Grammatik fehlen Namen wie Karl Bühler, Charles Sanders Peirce, Roman Jakobson und Eugenio Coseriu. Daran lässt sich die Verortung von Givóns sprachtheoretischer Position im Spektrum der Funktionalen Grammatik ablesen. Für Givón ist Sprache syntaktische Struktur plus kommunikative Absicht. Funktion ist entsprechend definiert als Äußerungsabsicht: „the speaker's communicative intent; that is, the speaker's mental representation of the interlocutor's relevant shifting mental states during communication“ (Givón 2009: 26). Bühler, Peirce, Jakobson, Coseriu (und andere) stellen zusätzlich – wie sich am Organon-Modell Bühlers (1934) ablesen lässt – die Bedeutung, und zwar die Bedeutung jedes einzelnen Zeichens, jeder Zeichenkombination und jeder strukturellen Position, ins Zentrum der funktionalen Betrachtung. Sprache als Zeichensystem erfüllt ihre kommunikative Funktion über die Bedeutungsfunktion der Zeichen und ihre systematischen Oppositionen. Der praktische Unterschied dieser Positionen zeigt sich im Stellenwert von PhonologiePhonologie und MorphologieMorphologie in den Theoriegebäuden. Für Givón bleiben sie – wie in der Generativen Grammatik – der Syntax nachgeordnet. Für die semiotisch orientierten Funktionalisten sind Phoneme und Morpheme ebenso relevante Zeichen und Träger grammatischer Bedeutungsoppositionen wie Lexeme und Syntagmen.
Ausgehend davon, dass die SyntaxSyntax die Wirbelsäule der Sprache und Träger ihres aufrechten Ganges ist, beziehen sich Givóns Überlegungen auf die Herausbildung komplexer syntaktischer syntaktische StrukturenStrukturen. Im Spracherwerb:syntaktische StrukturenSpracherwerb ist das die Entwicklung von Einwort- zu Mehrwort- zu Satzäußerungen und weiter zu parataktischen und schließlich hypotaktischen Strukturen. Als Beispiele diskutiert er den Erwerb von Relativsätzen und kausaler Subordination. Für den Bereich Sprachwandel/Diachronie wird die Herausbildung serieller Verbgefüge und verbaler Funktionswörter aus parataktischen Strukturen vorgestellt. Die aus solchen GrammatikalisierungGrammatikalisierungsprozessen gewonnene Evidenz für die Entwicklungssequenz Lexikon(eintrag)Lexikon → Satzbildung → parataktische Verknüpfung → hypotaktische Verknüpfung und die ihr innewohnende Komplexitätszunahme als Grundprinzip untermauert und erweitert er durch eine Fülle an Befunden aus verschiedensten nicht-linguistischen Forschungsbereichen.
Syntaktische syntaktische KomplexitätKomplexität misst Givón an der Tiefe der hierarchischen Organisation von Äußerungen, die wiederum durch die Tiefe der in der Generativen Grammatik verwendeten Strukturbäume repräsentiert ist. Dennoch unterscheidet er seine theoretische Position zur SprachevolutionSprachevolution dezidiert von der der Generativen Grammatik. Insbesondere lehnt er die von Hauser, Chomsky und Fitch (2002) postulierte Auffassung ab, es gäbe einen Kernbereich des menschlichen Sprachsystems, die narrow language faculty, der sich nur durch eine sprunghafte genetische Veränderung im Erbgut herausgebildet haben kann, die unabhängig vom kommunikativen Verhalten der Vorfahren des sprechenden Menschen stattfand. Aufgrund des Fehlens von Belegen für den Übergang von vor-menschlicher zu menschlicher Sprache zu postulieren, „the body … has evolved gradually and adaptively, but not the mind“, ist für Givón (2009: 306) Ausdruck einer „die-hard adherence to Descartes' mind-body dualism“.9

9

Givón spricht hier Chomskys expliziten Bezug auf die Philosophie von René Descartes an. Descartes (1596–1650) gilt als Begründer des modernen Rationalismus. Seine Unterscheidung zweier grundlegender miteinander wechselwirkender Substanzen, Geist und Materie, ist auch als Cartesianischer Dualismus bekannt.

Givón plädiert für eine graduelle, durch kommunikative Bedürfnisse und adaptives Verhalten vorangetriebene Evolution der menschlichen SprachevolutionSprache bzw. eben der Syntax; eingeschlossen der Rekursivität, die Hauser, Chomsky & Fitch (2002) als das Merkmal betrachten, das die menschliche Sprache von Kommunikationssystemen anderer Spezies unterscheidet und das nur durch einen (sprachunabhängigen) evolutionären Sprung möglich geworden ist.
In allen Bereichen des menschlichen Daseins laufen nach Givón neben jeweils spezifischen Prozessen unbewusste adaptive Prozesse einer Entwicklung vom Einfachen zum Komplexen ab.
  • Sprachintern sind für ihn Parallelen der Entwicklungsprozesse in SprachwandelSprachwandel/Diachronie und SpracherwerbSpracherwerb/Ontogenese die entscheidenden Hinweise. Zusätzlich führt er Prozesse der Entstehung von Pidgin- und Kreolsprachen, der Sprachverarbeitung sowie Störungsbilder bei Aphasie als Hinweisquellen an.

  • Sprachextern werden Forschungserkenntnisse zur menschlichen Kognition, Kommunikation bei Tieren, biologischer Evolution anderer Spezies und der menschlichen Vorgeschichte in die Argumentation einbezogen.

Setzt man dieses Puzzle zusammen bzw. synthetisiert die Gemeinsamkeiten, lässt sich Givón zufolge ein Szenario inferieren, wie sich die menschliche Sprache und die für sie wesentliche syntaktische syntaktische KomplexitätKomplexität herausgebildet haben dürfte. Im 12. und letzten Kapitel seines Buches fasst Givón die Merkmale zusammen, die seiner Auffassung nach übereinstimmend die Entwicklungsprozesse in Diachronie, Ontogenese und den sichtbaren Abschnitten der Phylogenese bestimmen. Für ihn sind sie Ausdruck der beiden „foundational notions of Darwinian evolution – adaptive selection and graduality“ (Givón 2009: 306).
Die (pre-human) Kommunikationssituation der höheren Primaten leitet Givón aus den Erkenntnissen zu ihrer kulturellen und kommunikativen Situation sowie dem kommunikativen Code ab. Die kulturelle Situation ist danach geprägt durch kleine, verwandtschaftsbasierte Gruppen und Gruppenorganisation, genetische und kulturelle Homogenität der Gruppenmitglieder, einen räumlich begrenzten Aktionsradius und einen als Autoritätsperson akzeptierten Familienältesten sowie eine charismatische Führungsperson der Gesamtgruppe bei sonst flachen Organisationsstrukturen. Aus diesen Merkmalen resultiert – als Voraussetzung für die Evolution von Sprache – Stabilität und Homogenität der Information: „the bulk of relevant generic knowledge – the conceptual-semantic map of the physical, social and mental universe – is equally shared by all group members and requires no elaboration“ (Givón 2009: 309).
Die Sprachevolution:kommunikative Situationkommunikative Situation zeichnet sich durch die folgenden Merkmale aus:
  • situationsgebundene spatio-temporale Referenz, kein sprachliches Verlassen des situativ gegebenen Standpunkts

  • manipulative Sprechakte (imperativisch), keine informativen (deklarativen oder interrogativen) Sprechakte

  • monopropositionale Äußerungen (pro turn eines Sprechers), keine multipropositionalen Botschaften

  • wenige adaptiv wichtige Inhalte (Nahrung, Fortpflanzung, Aufzucht, Revierverteidigung, Dominanz)

  • extreme Kontextgebundenheit, beschränktes Zeicheninventar, gegenseitiges Verstehen, das auf kontextueller Inferenz basiert, die entweder auf den gemeinsamen Lebenskontext (semantic memory) oder die aktuelle Sprechsituation (attention/working memory) zurückgreift; Kommunikation über bereits Erlebtes bzw. Geäußertes (episodic memory) fehlt weitgehend.

Der kommunikative kommunikativer CodeCode ist in der beschriebenen Situation eher holistischer als kompositionaler Natur. Es gibt keinen lexikalischer Codelexikalischen und keinen grammatischen Code, der referentielle deklarative Äußerungen ermöglicht. Äußerungen haben unmittelbar manipulative Ziele.
Aus den erfolgreicheren Versuchen, Tieren Sprache beizubringen, schließt Givón auf folgende präsprachliche Merkmale der Kommunikation:
  • Der Referenzbezug ist primär situationsgebunden. Über nicht in der Situation Vorhandenes kann mit Gegenwarts- oder Zukunftsbezug kommuniziert werden, aber nur in manipulativen Sprechakten.

  • Sprechakte sind primär manipulativ. Informative Sprechakte können erlernt und in einer passenden Kontextsituation verstanden und produziert werden.

  • Die Sprechakte sind primär monopropositional.

  • Die Äußerungen sind primär Ein-, maximal Zweiwortäußerungen.

  • Das Vokabular umfasst deutlich mehr Nomen als Verben. Die Nomen bezeichnen Konkreta.

  • Grammatik wird weder in der Produktion noch im Verständnis verarbeitet.

  • Das Sprachverständnis:lexikbasiertesSprachverständnis ist besser als die Sprachproduktion; es ist Lexiklexikbasiert.

Fast alle diese Merkmale treffen nach Givón auch auf die frühe Spracherwerbssituation und die erste Phase der kindlichen SprachproduktionSprachproduktion zu. Im Hinblick auf die kulturelle Situation weichen nur drei der acht Merkmale ab:
  • 1.

    Es besteht keine kulturelle Homogenität zwischen Kind und Eltern; sie wird erst über einen größeren Zeitraum hergestellt.

  • 2.

    Die Autorität der Eltern ist gesetzt; sie beruht nicht auf Konsens, wird aber durch Empathie und Fürsorge der Eltern ausgeglichen.

  • 3.

    Es besteht keine Stabilität und Homogenität, in anderen Worten Balance, in den sprachlichen Inhalten, die vom Kind bzw. den Eltern kommuniziert werden; dies wird wiederum durch die Anpassung der Eltern an das Verarbeitungsvermögen des Kindes ausgeglichen.

In der kommunikativen Situation sieht Givón keine Abweichungen „… the child's communicative development, much like the evolution of communication, shoots out along all five parameters towards the mature human standard“ (Givón 2009: 314). Damit gleicht die kulturelle und kommunikative Ausgangsbasis für den kindlichen SpracherwerbSpracherwerb der der Pre-human-Situation.
Auch in der Sprachproduktion sieht Givón zu Beginn dieselben Eigenschaften wie in den Kommunikationsformen der höheren Primaten. Nur Schritt für Schritt werden die nur dem Menschen zugänglichen komplexeren Strukturen, die Referenz auf situativ nicht Gegebenes, deklarative und interrogative Sprechakte, epistemische (d. h. eine Sprechereinstellung wiedergebende) Äußerungen, kohärente diskursive Verknüpfung und automatisierte syntaktische syntaktische VerarbeitungVerarbeitung möglich. Der Motor für alle Erwerbsprozesse liegt in der biologischen Prädisposition des Kindes, sich an seine Umwelt anzupassen, er ist adaptiver Natur.

Kritik der evolutionären Position

Das Auftreten der von Givón zusammengefassten Merkmale sowohl in SpracherwerbSpracherwerb, -wandel und den sichtbaren Abschnitten der SprachwandelSprachevolutionSprachevolution ist nicht von der Hand zu weisen. Es gibt diese Analogien in den jeweiligen Entwicklungsprozessen. Die Kritiker der evolutionären Position argumentieren aber, die postulierten Parallelen seien zu einem nicht geringen Teil oberflächlicher Natur und verflüchtigen sich bei einer genaueren Untersuchung der Phänomene. Die Intuition, es gäbe ursächliche (eben evolutionäre) Gemeinsamkeiten, entstehe vor allem aus der metaphorischen Verwendung von Begriffen wie Selektion und Adaption. Trifft das zu, wäre es etwa so, als wenn man die Entstehung eines Sterns mit demselben Vokabular beschreibt wie die Geburt eines Kindes und dann folgert, dass beide Ereignisse durch dieselben Prozesse bewirkt werden.
Unter anderen hat Dan I. Slobin, einer der bekanntesten – und insbesondere wie Givón typologisch orientierten – Spracherwerbsforscher, grundsätzliche Einwände gegen die Annahme gemeinsamer evolutionärer Entwicklungsprinzipien in Sprachevolution und SpracherwerbSpracherwerb (Slobin 1994, 2002). Sein Beitrag von 2002 erschien interessanterweise in einem von Givón mitherausgegebenen Tagungsband. Givón (2009) wehrt Slobins Einwände als eine Verwechslung der von ihm hervorgehobenen Analogien mit Identifizierung ab. Doch letztlich postuliert er aufgrund dieser Analogien einen identischen Entwicklungsmechanismus. Dagegen erheben auch andere Forscher Einwände, sowohl aus der Perspektive des Spracherwerbs als auch aus der der Diachronie (u. a. Andersen 2006; Walkden 2011, 2012).

Kritik von Spracherwerbsforschern

Aus der Perspektive des SpracherwerbSpracherwerbs betrifft der häufigste und auch von Slobin (2002) zuerst genannte Einwand die qualitativ klar verschiedene Ausgangssituation beim Aufbau eines grammatikalisierten grammatikalisiertes SprachsystemSprachsystems in Evolution\t \"Siehe SprachevolutionEvolution und Erwerb\t \"Siehe SpracherwerbErwerb.
  • In der Evolution muss jede neue Facette des Systems aus dem Nichts erschaffen werden. Es liegt kein Input und kein Modell vor, an dem entlang dies passieren kann.

  • Im Spracherwerb dagegen muss ein in der Umwelt vorliegendes System internalisiert werden. Es gibt eine Vorgabe und es geht darum, diese in ihrem Aufbau und ihrer Funktionsweise zu verstehen und anwenden zu lernen.

Ähnliches gilt auch für den Erwerb von Sprache durch Tiere, der vielfach als vergleichbare Evidenz für die evolutionäre Anfangsphase der Sprachentstehung vorgebracht wird. Auch hier ist ein grammatikalisiertes Sprachsystem:grammatikalisiertesSprachsystem der Ausgangspunkt, nämlich das moderner menschlicher Sprachen (typischerweise des EnglischEnglischen). Während Givón diese Unterschiede als nicht relevant für die Natur der ablaufenden Prozesse ansieht, sind die Kritiker skeptisch, ob unter diesen Umständen die Entwicklungsprozesse tatsächlich die gleichen (gewesen) sein können und, vor allem, ob es gerechtfertigt ist, von heutigen Erwerbssituationen direkt auf prähistorische Verläufe zu schließen.10

10

Zur Heranziehung tierischen Verhaltens und Könnens, speziell dem der nächsten Verwandten des Menschen, in der Evolutionsdiskussion gibt MacWhinney (2002) zu bedenken, dass auch diese Spezies eine evolutionäre Entwicklung durchgemacht haben. Ihr an heutige Lebensbedingungen angepasstes Verhalten ist nicht notwendig das gleiche wie vor einigen 100.000 Jahren.

Den von Givón und auch Bickerton (1990) herausgestellten Strukturähnlichkeiten zwischen der von Tieren erlernten Sprache und der frühen Kindersprache hält Slobin Befunde aus dem kindlichen SpracherwerbSpracherwerb entgegen, die einen Niederschlag sprachspezifischer Eigenschaften bereits in der Ein- und Zweiwortphase belegen. Dass Tiere im Wesentlichen Einzelzeichen lernen und nur geringe Ansätze einer Verbindung zu Mehrwortkombinationen zeigen, ist kein Beleg für das Vorliegen einer evolutionären Anfangssituation im Spracherwerb. Schon in den frühen Phasen ist der Erwerbsprozess eben nicht in allen Aspekten in allen Sprachen gleich, er ist beeinflusst vom vorliegenden System. So beherrschen Kinder flexionsmorphologische flexionsmorphologische KontrasteKontraste beim Erwerb einer agglutinierenden Sprache wie TürkischTürkisch deutlich vor dem 2. Geburtstag. Ebenso werden sprachspezifische Wortstellungsmuster wie die Stellung des Verbs vor oder nach dem Objekt oder die Substantiv-Adjektiv-Stellung bereits zu Beginn der Zweiwortphase eingehalten. Besonders starke Evidenz für die frühen Einflüsse des Modells der zu erlernenden Sprache(n) auf den Erwerbsprozess kommen aus dem Spracherwerb mehrsprachig aufwachsender mehrsprachig aufwachsende Kinder:SpracherwerbKinder (vgl. Meisel 2001).
Ein weiterer Unterschied in der Ausgangsbasis von Sprachevolution und kindlichem Spracherwerb betrifft die Struktur des Gehirns. Die SprachevolutionSprachevolution vollzieht sich im Zusammenhang mit evolutionären Veränderungen des Hominidengehirns. Dieses hatte (und hat) nicht die Struktur und Arbeitsweise des Gehirns eines Homo sapiens. Slobin führt Befunde von Langer (2001) zum Erwerb physikalischen und logisch-mathematischen Wissens durch Kinder, Schimpansen und Affen an. Während Kinder beide Kognitionsbereiche früh und simultan entwickeln, geht bei Schimpansen die physikalische Kognition der logisch-mathematischen voran und der gesamte Prozess dauert zudem mehrere Jahre länger. Affen schließlich entwickeln nur physikalisches, kein logisch-mathematisches Wissen.
Der nächste Einwand betrifft die Parallelisierung von Spracherwerbs- und Sprachwandel- bzw. Grammatikalisierung:und Spracherwerb/-wandelGrammatikalisierungsprozessen. Dieser Einwand richtet sich direkt gegen Givóns zentrale These, in Evolution, Diachronie und Erwerb erfolge eine durch die gleichen evolutionären Prinzipien gesteuerte Zunahme der syntaktischen syntaktische KomplexitätKomplexität und Hierarchisierung. Slobin argumentiert für grundlegend unterschiedliche Mechanismen in Erwerb und Diachronie. Kinder extrahieren aus dem grammatisch strukturierten Input Formen und deren Bedeutung. Dieser Prozess wird u. a. durch die Salienz bestimmter Formen und Bedeutungen, d. h. ihre Relevanz für die Lebensprozesse des Kindes, ihre Form-Bedeutungsklarheit, ihre Frequenz u. ä. bestimmt (vgl. auch das Competition Model von Bates & MacWhinney 1987). So begründet sich die anfängliche Beschränkung auf bestimmte Strukturen, z. B. Manipulativ-Aktiv-Konstruktionen. Grammatikalisierungsprozesse dagegen beruhen auf Abstraktionen, die über die salienten Strukturen und Bedeutungen hinausgehen. Sie setzen mehr voraus als im sprachlichen Wissen des Kindes präsent ist. Bereits 1994 hat Slobin diesen Aspekt so formuliert: „New meanings of grammatical forms arise in adult language use on the base of pragmatic inferences drawn from existing referential and propositional meanings. Pre-school age children are not yet able to draw most of such inferences, and are limited to core semantic concepts and pragmatic functions.“ (S. 129f.) Damit sind wir bei der Frage, ob und in welcher Weise der Spracherwerb an der Initiierung und Durchsetzung von Grammatikalisierung und Sprachwandel Grammatikalisierung:und Spracherwerb/-wandelbeteiligt ist. Sie wird in Abschnitt 2.5 weiter betrachtet.
Mit Verweis auf die Befunde von Romaine (1984) wendet sich Slobin auch gegen die These, erst der Spracherwerb durch neue Generationen führe zur Herausbildung grammatikalisierter Kreolsprachen aus relativ grammatikfreien Pidginsprachen. Die dazu notwendigen Grammatikalisierungs- und Sprachwandelprozesse erfolgen im Zusammenhang mit sich ändernden kommunikativen Anforderungen und werden von der gesamten Sprechergemeinschaft getragen: „A creole language develops over time, in contexts of expanding communicative use of a limited pidgin language. Child learners help to push the process forward, arriving at a grammar that is more regular and automated – but they do not appear to be innovators“ (Slobin 1994: 387).

Kritik von Sprachhistorikern

Kritik am Modell einheitlicher evolutionärer Entwicklungsprinzipien in Ontogenese, Diachronie und Phylogenese kommt nicht nur von Spracherwerbsforschern, sondern auch von Sprachhistorikern; besonders dezidiert wieder gerade von Forschern, die wie Givón in ihren Forschungen als Typologen ausgewiesen sind. So hat Henning Andersen in seinem Eugenio Coseriu gewidmeten Artikel „Synchrony, Diachrony, and Evolution“ eine entschiedene Gegenposition eingenommen: „The aim of this paper is to show that there is no chance of explaining language change by the mechanisms of evolutionary theory“ (Andersen 2006: 59) lautet der zweite Satz des Artikels. Eine Identifikation der Entwicklungsprozesse ist nur unter Missachtung der ontologischen Unterschiede in der Evolution lebender Spezies und kultureller Phänomene möglich, so Andersen. Der zentrale ontologische Unterschied ist der, dass Evolution auf dem letztlich zufälligen Entstehen von Varianten einer Spezies aufbaut.11

11

Klein (2004: 36f.) macht darauf aufmerksam, dass der Prozess der Entstehung neuer Arten (Spezies) allein durch den Verweis auf natürliche Selektion nicht geklärt ist. Evolution durch natürliche Selektion ist eigentlich ein irreführender Begriff, weil natürliche Selektion nur die Auswahl, eigentlich das Wegsterben von Varianten beschreibt, nicht aber das Entstehen neuer Arten.

Diese VariantenVarianten können funktional sein oder nicht. Erhalten bleiben diejenigen, die zufällig zu einer vorteilhaften Anpassung an die Umweltbedingungen führen. Varianten im Sprachwandel:VariantenSprachwandel dagegen entstehen aufgrund von Struktur- und Bedeutungsanalysen, Reanalysen genau genommen. Sie sind nie dysfunktional und bilden keinen Alternativenpool, aus dem sich im Sinne eines trial-and-error-Prozesses auswählen lässt. Welche Variante sich sprachgeschichtlich durchsetzt, hängt von einer Reihe systeminterner und -externer Faktoren ab, nicht aber von einer Auswahl nach „Fitness“-Kriterien. Diese erfüllt jede Variante, es ist ihre Geburtsbedingung, weil es von vornherein um Bedeutung und ihre (system)angemessene(re) Kodierung geht. Einen weiteren ontologischen Unterschied sieht Andersen in der kontextuellen Angepasstheit und Funktionalität von Varianten. Sprache bzw. der Sprecher schafft Varianten u. a., um in unterschiedlichen Kontexten angemessen dieselben Inhalte kommunizieren zu können (vgl. die strukturellen Varianten Würdest du mir bitte das Salz geben und Ich brauche mal das Salz). Eine vergleichbar motivierte Schichtung von Varianten in der biologischen Evolution gibt es nicht. Die Argumentation lässt sich weiter zuspitzen:
  • Das Initialereignis der biologischen Evolution, eine fehlerhafte Kopie der DNA im Vererbungsprozess, ist zufällig.

  • Das Initialereignis eines Sprachwandels ist nicht zufällig, es erfüllt ein Kommunikationsbedürfnis, sei es durch die Schließung einer lexikalischen Lücke, die Systematisierung einer Strukturbildung, die Anpassung von Strukturen an bestimmte kommunikative Situationen oder andere Aspekte der Sprachverwendung.

Der bekannte Spruch „Die Natur braucht uns nicht“ gilt für alle biologischen Arten. Die Erde hat keinen Bedarf an Arten und kein Limit für sie, nur Rahmenbedingungen für ihre Existenz. Arten selbst haben Bedürfnisse, die meisten u. a. das nach Kommunikation.12

12

Natürlich ist jede entstehende Art in ein ökologisches System eingebunden. Ihre Entstehung ist jedoch nicht durch einen Bedarf des Systems an dieser Art motiviert.

Während Arten keinen Zweck erfüllen, zumindest nicht von vornherein,12 erfüllen Kommunikationssysteme einen Zweck.

Und dieser Zweck gibt den Rahmen und das Limit für ihre Veränderbarkeit vor. Sprachliche Veränderungen sind von vornherein zielgerichtet. Auch wenn nicht jede sprachliche Innovation in einen Sprachwandel mündet, entsteht sie nie zufällig und ungerichtet.

Andersen (2006) diskutiert dies im Detail für vier Typen von SprachwandelSprachwandel:Typen: Neubildung (neologism), Erweiterung (extension), Reanalyse (reanalysis) und Übernahme (adoption), die er als Hauptformen des Sprachwandels betrachtet und die seiner Auffassung nach auf allen Ebenen des Sprachsystems auftreten. Etwas abgewandelt und auf die Ebenen des Sprachsystems bezogen, lässt sich festhalten: Es gibt
  • lexikalischen Sprachwandellexikalischer Sprachwandel, der durch Wortneuschöpfungen oder Bedeutungswandel erfolgt und Bezeichnungsbedürfnisse erfüllt;

  • strukturellen Sprachwandel, der primär durch Reanalyse, d. h. Reinterpretation der Funktion von morphologischenmorphologische Strukturen und/oder syntaktischen Strukturensyntaktische Strukturen erfolgt und in jeweils bestimmter Hinsicht Bedürfnisse nach einem in sich systematisch strukturierten grammatischen System erfüllt, sowie

  • Wandel durch Übernahme vorhandener Strukturen in neue Register, der Bedürfnisse nach kontextueller Angemessenheit von Äußerungen erfüllt.

  • Ein hier nicht erfasster weiterer Typ ist der Lautwandel als gerichteter Prozess auf der phonologischen Ebenephonologische Ebene, der Bedürfnisse nach Erleichterungen bei der Perzeption bzw. Produktion von Äußerungen erfüllt.

Umfassendere Untersuchungen haben gezeigt, dass jeder dieser Prozesse lokale Optimierungen bewirkt, gleichzeitig aber durchaus an anderen Stellen des Systems zu Verschlechterungen führen kann, da die einzelnen Ebenen des Sprachsystems z. T. gegensätzlichen Optimierungsmaximen unterliegen (Paul 1880; Wurzel, Bittner & Bittner 1994). Deshalb befinden sich Sprachsysteme in einem ständigen intern und extern angetriebenen Ausgleichsprozess. Ein in jeder Hinsicht optimales Sprachsystem gibt es nicht.
Im SprachwandelSprachwandel:Varianten sind somit Optimierungsbedürfnisse der Sprecher Quelle und Ausgangspunkt von VariantenbildungVarianten:Sprachwandel. In der Evolution biologischer Spezies ist dagegen Optimierung im Sinne einer besseren Angepasstheit an Umweltbedingungen ein Nachfolgeprodukt der Variantenbildung. Die menschliche Sprache ist von Beginn an ein Werkzeug, ein Kulturprodukt, und unterlag deshalb schon für Coseriu (1958/1974: 203) nicht der biologischen Evolution: „Sprach-‚Entwicklung‘ [ist] keine Evolution eines Naturobjekts …, sondern Gestaltung eines Kulturobjekts.“
Es hat den Anschein, dass die evolutionäre Basierung von Spracherwerbs- und Sprachwandelprozessen vor allem von Sprachevolutionstheoretikern postuliert wird. Bisher wurden mehr Modelle des SprachwandelsSprachwandel und des SpracherwerbsSpracherwerb ohne einen Bezug auf evolutionär basierte Entwicklungsprinzipien vorgeschlagen und für plausibel erachtet als Modelle mit diesem Bezug. Sicher ist nicht von der Hand zu weisen, dass Sprecher sich adaptiv verhalten und ihre Sprache(n) an ihre Kommunikationsbedürfnisse anpassen. Aber ist das schon ausreichend evolutionsrelevant? Sind historisch aufeinanderfolgende oder durch regionale Separation entstehende Varianten von Sprachen mit der Entstehung neuer Spezies gleichzusetzen? Haben nicht alle Sprachen die gleiche Grundstruktur und vor allem Funktion? Ist das nicht genau das, was Linguisten in Form von Universalien dingfest zu machen versuchen? Müssten nicht neben neuen Varianten von Sprache (vgl. Lightfoot 2006 – ein ebenfalls evolutionsbezogenes Konzept) auch neue Sprachspezies mit anderen Daseinsformen entstehen? Ist die Schriftsprache, die ja aufgrund ihrer anderen Rezeptionsweise auch andere, komplexere Strukturen zulässt, solch eine neue Sprachspezies? Entstehen neue Sprachspezies durch die Computerisierung von Sprache? Versucht man es mit der Anwendung des Hauptkriteriums zur Bestimmung einer Art – miteinander fortpflanzungsfähig zu sein –, wird es schwierig. Bis jetzt kann man gesprochene Sprachformen miteinander und mit den typischerweise schriftlich und online verwendeten Formen sowie mit Gebärdensprache und anderen Zeichensprachen mischen, und sie beeinflussen sich gegenseitig in ihrer Entwicklung. In jedem Fall sind die Mechanismen oder – um den schöneren Begriff der Sprachhistoriker und Grammatiker zu nehmen – die Prinzipien von Spracherwerb und Sprachwandel in keiner Weise umfassend durch adaptives Verhalten und graduelle Zunahme von Hierarchisierungskomplexität erfasst. Das hat natürlich auch niemand behauptet. Wenn aber die Faktoren und Prozesse in den beiden Bereichen unterschiedlicher Natur (d. h. Qualität) sind, sind Adaptivität, Gradualität und zunehmende Hierarchisierung „nur“ Teil des Gesamtrahmens, innerhalb dessen sich menschliches Verhalten und damit auch die kulturellen Taten des Menschen vollziehen.
Ein etwas anderer Ansatz, die offensichtlich vorhandenen Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den drei diskutierten Bereichen zu erfassen, findet sich in Klein (2005). Klein zufolge sind in SprachevolutionSprachevolution (SprachschöpfungSprachschöpfung bei Klein) und SpracherwerbSpracherwerb – und so wohl auch im SprachwandelSprachwandel – die gleichen kognitiven Fähigkeitenkognitive Fähigkeiten:Spracherwerb, -wandel, -evolution am Werk: das Konstruktionsvermögen (K1), das Kopiervermögen (K2) und das Kommunikationsvermögen (K3). Sie sind es aber in unterschiedlicher Gewichtung: „Bei der Sprachschöpfung ist K1 bestimmend, K2 jedoch auch beteiligt; die Sprachschöpfung ist ein kollektiver Prozess, der wechselseitige Nachahmung erfordert. Beim Spracherwerb ist das Verhältnis umgekehrt: es müssen in erster Linie Regelhaftigkeiten kopiert werden, ohne dass deshalb ein Mitwirken von K1 ausgeschlossen wäre. In beiden Fällen spielt jedoch auch K3 eine Schlüsselrolle. Es ist dieses Vermögen, das über die Trivia von K1 hinaus die Ausbildung komplexer Teilsysteme ermöglicht … “ (Klein 2005: 38).

Spracherwerb und Sprachwandel

Die Diskussion um die Bedeutung des SpracherwerbsSpracherwerb:und Sprachwandel für den Sprachwandel wird in der Linguistik nicht erst seit Hermann Pauls „Prinzipien der Sprachgeschichte“ (1880) geführt. Sie ist seitdem aber nicht mehr abgerissen. Paul hat seine Sicht in die 2. Auflage der „Prinzipien“ eingefügt, nachdem ihm eine zu starke Verortung der Veränderungsprozesse im Einzelindividuum vorgeworfen wurde: „Aber die hauptperiode der beeinflussung ist doch die zeit der ersten aufnahme, der spracherlernung. Diese ist principiell von der sonstigen beeinflussung nicht zu sondern, erfolgt auch im allgemeinen auf die gleiche weise; es lässt sich auch im leben des einzelnen nicht wol ein bestimmter punkt angeben, von dem man sagen könnte, dass jetzt die spracherlernung abgeschlossen sei. Aber der graduelle unterschied ist doch ein enormer. Es liegt auf der hand, dass die vorgänge bei der spracherlernung von der allerhöchsten wichtigkeit für die erklärung der veränderungen des sprachusus sind, dass sie die wichtigste ursache für diese veränderungen abgeben“ (Paul 1886/1995: 31). Später ist vielfach nur der letzte Satz dieser Passage zitiert worden, und im linguistischen Alltagsbewusstsein hat sich die Auffassung eingenistet, Sprachwandel vollziehe sich einzig und allein durch Spracherwerb. Nach Paul haben so einflussreiche Linguisten wie Roman Jakobson (u. a. 1944/1971) und Otto Jespersen (1922/1925) die Wechselwirkung mit der älteren Sprechergemeinschaft sowie soziale Faktoren des Sprachwandels betont. Jakobson bekräftigt exakt die Position Pauls, als er schreibt: „… die Sprachveränderung ist kein äusserer Beitrag, den die Kinder dem Sprachgebilde aufzwingen, sondern sie antizipieren dessen innerlich vorherbestimmte, sozusagen in der Luft schwebenden Umwandlungen“ (Jakobson 1944/1971: 332f.). Kinder können danach nur im Sprachsystem angelegte Wandelmöglichkeiten befördern. Jespersen stellt sich sogar explizit gegen eine herausgehobene Rolle des kindlichen Spracherwerbs: „… nichts steht der annahme entgegen, daß diese änderungen gleich gut in einer gesellschaft vor sich gehen könnten, die durch hunderte von jahren aus denselben unsterblichen, kinderlosen erwachsenen bestünde“ (Jespersen 1925: 148) und kommentiert die damalige Forschungssituation so: „… fragt man, ob diese veränderungen, unvermeidlich wie sie zu sein scheinen, hauptsächlich den kindern und ihrer fehlerhaften nachahmung der elterlichen sprache zuzuschreiben sind oder ob die kindersprache im allgemeinen in der sprachgeschichte überhaupt keine rolle spielt, so treffen wir auf gelehrte, die völlig verschiedene ansichten vorbringen, ohne daß die frage jemals wirklich gründlich untersucht worden wäre“ (ebd.: 142).
Die ersten empirischen Versuche machte Paul (1886/1995) selbst. Sie begründen seine Vorsicht, dem SpracherwerbSpracherwerb:und Sprachwandel die alleinige oder dominierende Rolle im Sprachwandel zuzuschreiben. Zwar stellt er für den Übergang starker Verben zur schwachen Flexion im Deutschen fest, dass „die stärksten abweichungen vom usus in der kindersprache“ liegen, konstatiert dann aber, dass „auf diesem gebiete die abweichungen der kindersprache keine konsequenzen für die allgemeine weiterentwicklung der sprache zurück[lassen]“, da sie im Erwerbsprozess zunehmend wieder verschwinden. Eher vorsichtig klingt sein Nachsatz „… aber hie und da bleiben doch spuren zurück“ (Paul 1886/1995: 94).
Mehr als ein halbes Jahrhundert vergeht, bis die von Jespersen eingeforderte empirische Überprüfung angegangen wird. Mit dem Aufkommen des Strukturalismus hatte in der Allgemeinen Linguistik das Interesse an historischen Fragestellungen wieder nachgelassen. Auch Spracherwerbsforschung wurde zwischen 1925 und 1960 eher zurückhaltend betrieben. So blieb die Erhebung größerer Datenkorpora als notwendige Voraussetzung für solche Untersuchungen aus. Sie kam erst in den 1960er-Jahren in Auseinandersetzung mit Piagets Theorie der kognitiven Entwicklung (Piaget 1944, 1972) und dem Behaviorismus (Skinner 1957) wieder in Gang. Nun bestand auch die Möglichkeit, deutlich größere Datenmengen mittels Tonaufzeichnung zu erheben. Die heute in der CHILDES-Datenbank enthaltenen Daten zum EnglischenEnglisch von Roger Brown, das Simone-Korpus von Max Miller zum DeutschenDeutsch sowie die von Dan I. Slobin initiierte crosslinguistische Sammlung von Narrationen zur frog-story gehören zu diesen ersten größeren Korpora. Mitte der 1970er-Jahre erfolgte mit dem Aufkommen neuer theoretischer Ansätze wie der Universalientypologie (Greenberg 1966, 1978; Seiler 1978), der Natürlichen Morphologie (Mayerthaler 1977) und erneuten Überlegungen zur SprachevolutionSprachevolution (u. a. Givón 1979) auch wieder eine Hinwendung zu Fragen des Sprachwandels und des Spracherwerbs.
Zuerst erschienen empirische Studien zu PhonologiePhonologie und MorphologieMorphologie, den bereits früher im Fokus der Erwerb-Wandel-Diskussion stehenden Bereichen. Vihman (1980) analysiert den Erwerb phonologischer phonologische Strukturen:WandelStrukturenphonologische Strukturen:Erwerb, deren diachrone Entwicklung sprachübergreifend klar erfasst ist. Einige Prozesse, wie die Auslautverhärtung (bad>/bat/) und die Reduzierung von Konsonantenclustern (scharf>/schaf/) weisen dieselbe Richtung in Erwerb und Wandel auf. Es zeigen sich jedoch auch unterschiedliche Präferenzen in den beiden Bereichen: Während Konsonanten im Erwerb eher gestärkt werden (fortition; kopf>topf), dominiert in der Diachronie die Schwächung (lenition; appel>apfel); die Reduktion unbetonter Silben bei Mehrsilbern betrifft im Erwerb die unbetonte Anfangssilbe (banane>nane), in der Diachronie eher das Wortende (ge:ben>ge:m), und die Silben werden reduziert statt weggelassen; Onset-Coda-Assimilationen (engl. duck>guck) sind im Spracherwerb deutlich stärker ausgeprägt als in der Diachronie, bei Vokalharmonie (s. TürkischTürkisch, sowie die Umlautbildung im Deutschen) verhält es sich dagegen umgekehrt.

Die Differenzen dürften sich aus der unterschiedlichen Ausgangssituation erklären:

  • Für Kinder, die sich in die phonologische Differenzierung von Lauten einarbeiten, bieten einfache CVC-Strukturen mit maximalen Vokal-Konsonant-Kontrasten die klareren Kategorisierungen (Jakobson 1944/1971). Die interne Differenzierung der Klassen, ihrer Merkmale und Einheiten ist ein Lernprozess, der Zeit braucht.

  • Für Erwachsene, die über das ausdifferenzierte System verfügen, geht es um den optimalen artikulatorischen Aufwand. Sie „verrechnen“ dabei wesentlich komplexere Einheiten und setzen daher Optimierungsbestrebungen ganz natürlicherweise auf einer Komplexitätsebene an, die im frühen Spracherwerb noch gar nicht vorliegt.

Kerswill (1996) unternimmt den Versuch, die Akzeptanz und Übernahme einer regionalen, mit sozialer Konnotation versehenen phonologischen VarianteVarianten durch verschiedene Altersgruppen und in Kommunikationssituationen mit unterschiedlicher sozialer Konstellation zu erfassen. In die Analyse werden auch die grammatischen Parameter einbezogen, in denen die Variante auftreten kann. Kerswill kann die Komplexität der Faktoren verdeutlichen, die in die Ausdehnung einer VariationVariation, sprachliche und damit eine mögliche Durchsetzung bis zum Sprachwandel einfließen. Und er findet, dass in Abhängigkeit von den beteiligten Faktoren das größere Übernahme- und Durchsetzungspotenzial mal bei den jüngeren Kindern und mal bei den älteren Sprechern liegt.13

13

An dieser Stelle sei auf die zunehmende Forschung zu altersabhängigen sprachlichen Fähigkeiten verwiesen (u. a. Sankoff 2012), die hier nicht berücksichtigt werden konnte.

Faust (1980) untersuchte den Übergang von starken zu schwachen Verben im Deutschen und von unregelmäßigen zu regelmäßigen Pluralformen im EnglischenEnglisch:Verben bei Vorschulkindern. Eine Beförderung der im Sprachwandel zu beobachtenden Prozesse kann er nicht feststellen. Er räumt ein, dies sei möglicherweise auf die doch immer noch zu knappe Datenbasis zurückzuführen. Doch auch weitere Studien kommen zu diesem Ergebnis. Bybee & Slobin (1982) untersuchen die Präteritum-Bildung starker Verben im Englischen, in der – so wie im Deutschen – ein Sprachwandel hin zur schwachen Flexion verläuft. Die auftretenden Schwachbildungen weisen bei allen drei Altersgruppen (Vorschulkinder, Grundschulkinder, Erwachsene) eine negative Korrelation mit der Gebrauchsfrequenz der Verben auf. Übereinstimmend wurden außerdem Verben mit d>t-Wechsel (build – built) am häufigsten regularisiert und Verben mit Vokalwechsel (sing-sang-sung) nicht normgerecht gebildet. Lediglich bei den auf /d/ oder /t/ endenden unveränderbaren Verben (hit, cut) unterschieden sich die Altersgruppen, wobei die Bildung schwacher Formen (cut – cut-ed) mit dem Alter nicht ab, sondern zunahm.
Bittner (2000) wertete spontan produzierte, nicht-normgerechte Pluralbildungen deutscherDeutsch:Pluralbildung Kinder und Jugendlicher bis zum Alter von 19 Jahren aus. Für die frühen Abweichungen gilt, was bereits Paul und dann auch Bybee & Slobin feststellten: Sie stimmen zwar mit den beobachtbaren Sprachwandeltendenzen überein, verschwinden aber mit zunehmendem Alter wieder – vermutlich weil sie den relativ frequent gebrauchten WortschatzWortschatz betreffen, Nomen also, für deren Pluralform es viel (Gegen-)Evidenz gibt. Die frühen Abweichungen werden auf anfänglich zu allgemeine Hypothesen über die Pluralbildungsregeln und noch nicht gefestigte Einzelspeicherung der Formen zurückgeführt. Nach dem 8. Geburtstag betreffen die Fehler – oder besser Übergeneralisierungen – einen anderen Bereich des Wortschatzes. Sie treten bei weniger frequenten Nomen auf, ganz überwiegend bei Komposita (streitmacht-en, tierpark-e, besucherstrom-s, rockband-en [zu engl. Rockband]) und Fremdwörtern (kaktuss-e, winchester-n, kamera-n). Die Datenbasis ist wiederum zu knapp, um hier eine Vorhersage für den Einfluss auf Sprachwandelprozesse zu machen. Für einen entsprechenden Generationenvergleich wären ohnehin auch „Fehler“-Daten älterer Generationen zu erheben. In Übereinstimmung mit den vorangegangenen Arbeiten kann aber ein deutlicher und direkter Einfluss des frühen SpracherwerbsSpracherwerb:und Sprachwandel auf Sprachwandelprozesse in der deutschen Pluralbildung ausgeschlossen werden.
Wie für die MorphologieMorphologie konnten auch für die SyntaxSyntax Parallelen in Erwerbsprozess und Sprachveränderung aufgezeigt werden. Insbesondere verläuft der Prozess der Aneignung und Organisation grammatischer Funktionen und Kategorien im Erwerb in einer gewissen Parallelität zu GrammatikalisierungsprozessenGrammatikalisierung. So etablieren Kinder analog zum Grammatikalisierungsprozess bei vielen Strukturen die stärker semantischen Lesarten vor den abstrakter grammatischen. Diessel (2012) verweist u. a. auf Befunde zu Präpositionen (lokal > temporal z. B. bei vor und nach), zum englischen be-going-to-Futur (Bewegung > Intention > Futur) und zum Perfekt (resultativ er hat [fertig] gebaut > kontinuativ er hat [gerade] gebaut). Diese Parallelitäten verweisen jedoch mehr auf die interne Struktur von grammatischen Phänomenen und ihre Kategorisierungspfade. Neue Sprechergenerationen haben ganz sicher einen Einfluss auf das Vorantreiben solcher Grammatikalisierungszyklen, es gibt aber keinen Nachweis, dass sie sie in Gang setzen oder besondere Schübe verursachen. Sind wir am Ende also auch hier wieder bei Hermann Paul?
Der syntaktische Wandelsyntaktischer Wandel ist die Ebene, auf der generative bzw. aus dieser Tradition kommende Grammatiker die Diskussion um Spracherwerb und -wandel führen. Givón (Kap. 2.3) äußert sich nicht explizit dazu, ob Sprachwandel via Spracherwerb erfolgt oder entscheidend befördert wird. Ihm geht es um die gemeinsamen evolutionären Entwicklungsprinzipien. Diejenigen, die sich äußern, verorten Sprachwandel typischerweise im Spracherwerb; so bereits Halle (1962) und Kiparsky (1968), gegenwärtig u. a. Lightfoot (1999, 2006) und Meisel (2010).
Kinder sind für Lightfoot „the vehicles of structural shifts“. Sein Buch leitet er mit dem Satz ein: „I shall argue that a significant part of change needs to be understood through the mechanisms of children's language acquisition“ (Lightfoot 2006: vii). SprachwandelSprachwandel wird in Lightfoots Modell durch beim Spracherwerb erfolgende Merkmalsinterpretationen (cues) vorangetrieben, die eine von der Erwachsenensprache abweichende Konstituierung der I-language bewirken. Dabei kommen im Input und in der E-language der Kinder (zunächst) auch die Varianten vor, die zur Konstituierung der I-language der vorherigen Generation(en) geführt haben, nur weniger präsent. Lightfoots Modellierung ist nicht wirklich neu. Sie integriert vielmehr vorhandene Überlegungen zum Grammatikerwerb durch Input-Analyse – s. das Abduktions-Modell (Andersen 1973) und das Competition-Modell (Bates & MacWhinney 1987) – in den generativen Ansatz. Als Theorie über den Locus des Sprachwandels ist sie allerdings zu flach. Sie erfasst weder die Phase des Entstehens von VariantenVarianten noch die Phase ihrer Koexistenz, noch Faktoren ihrer Stärkung und Schwächung (vgl. Kerswill 1996). Auch wenn Lightfoot sich vor allem auf die Entstehung von Kreols und Gebärdensprachen bezieht, das entscheidende Argument, warum der Sprachwandel primär im SpracherwerbSpracherwerb:und Sprachwandel zu verorten ist, gibt es – soweit ich sehen kann – nicht. Die in Abschnitt 2.4 zitierte Passage von Slobin (2002: 387), der mit Verweis auf die empirischen Befunde von Romaine (1984) die Verortung von Kreolisierungsprozessen im Spracherwerb ablehnt, könnte hier wiederholt werden. Eine andere Frage ist, wie sich Lightfoots Konzept des Wandels syntaktischer Parameter der I-language zu Longobardis (2001) Feststellung verhält, syntaktische Parameter seien als angeborene UG-Parameter nicht (direkt) durch Sprachwandel veränderbar. Lightfoot (2006) sagt dazu nichts.
Meisel geht wie Longobardi von der Unveränderbarkeit einmal gesetzter UG-Parameter durch Sprachwandel aus: „It has been shown repeatedly that parameters once fixed on a specific value cannot be reset in the course of first language development“ und „… there is no evidence that syntactic parameters … can be changed in the course of adult life“ (Meisel 2010: 123). Die zu beobachtenden Grammatikalisierungs- und Reanalyseprozesse – z. B. der Abbau von Kasusflexion bei Erhalt der Tiefenkasus oder der Wandel von nominalen zu grammatischen Ausdrücken (etwa zu einer Präposition, z. B. in Bezug auf > bezüglich) – können zwar die syntaktische Oberflächenstruktur, die E-language beeinflussen, jedoch nicht die einmal erfolgte Parametersetzung, die I-language ändern.

Syntaktischer syntaktischer WandelWandel per se und damit das Entstehen einer neuen Grammatik ist daher – so Meisel – nur möglich, wenn der Input für den Spracherwerb:sukzessiverSpracherwerb unvollständig ist. Diese Situation liegt vielfach bei sukzessivem Erwerb mehrerer Sprachen in der Kindheit vor:

  • Zum einen, weil der Input für die Nicht-Muttersprache(n) der älteren Generation und ab etwa der dritten Migrationsgeneration auch der Input in der ursprünglichen Muttersprache nicht dem Input durch native Sprecher entspricht.

  • Zum anderen, weil beim Erwerb der später hinzukommenden Sprachen die sensible Phase für bestimmte Erwerbsprozesse vorbei ist.

Unter diesen Umständen eines unvollständigen und strukturell inkonsistenten Sprachangebots können im Spracherwerb – und nur dort, siehe die obige Beschränkung – neue Parametersetzungen vorgenommen werden.

So plausibel das Szenarium in seinen Teilen erscheint, und so ungeheuer wichtig es ist, die Faktoren in die Sprachwandel- und Spracherwerbsforschung einzubeziehen, die aus verstärktem Sprachkontakt unter Migrationsbedingungen resultieren, warum sollen gerade hier die Erwachsenen nicht an der Setzung der Parameter und der Ausdifferenzierung einer neuen Grammatik beteiligt sein? Bilden die Kinder eine so stabile Kommunikationsgemeinschaft, dass sie es ohne, neben und trotz der Erwachsenen schaffen? Woran erkennen Kinder in einsprachigen Erwerbssituationen, dass sie ein vollständiges und systematisches Sprachangebot erhalten? Auch sie erfassen doch zunächst nur einen Ausschnitt des Systems. Und: Wie genau unterscheidet sich die sprachliche Ausgangssituation für die neue Parametersetzung von der in Pidgin- und Kreolsprachen, für die der Spracherwerb als alleiniger Locus (s. o.) umstritten ist?
Es sind viele Fragen offen. Nicht zuletzt auch die, wie es unter den generativen Prämissen zum typologischen Wandel von Sprachen bzw. sprachlichen Strukturbereichen kommen kann, deren Historie über Jahrhunderte zurückverfolgbar ist; von Sprachen also, die nicht durch Kreolisierung, Sprachkontakt, Sprachmischung neu entstanden sind.

Fazit

Am Ende dieses Einblicks in die Forschungssituation zum Verhältnis von Sprachwandel, Spracherwerb und Sprachevolution kann wohl nur noch einmal wiederholt werden, was bereits eingangs festgestellt wurde: Die Beziehungen zwischen den drei Bereichen sind wenig geklärt. Selbst – oder gerade – wenn man die Sprachevolution aus der Betrachtung ausnimmt, überwiegen die offenen Fragen. Zwar besteht Einigkeit darin, dass der Spracherwerb ein wichtiger Faktor im Sprachwandel ist. In welchen Konstellationen und wie genau er in die Veränderungsprozesse eingreift, ist jedoch trotz der schon lange anhaltenden Debatte nur in sehr kleinen Ausschnitten sichtbar und nach wie vor mehr als umstritten. Dass der Spracherwerb durch die intensivierten Sprachkontaktsituationen und die sich damit und insgesamt vollziehenden Sprachwandelprozesse heute unter anderen Inputbedingungen erfolgt als noch vor 50 Jahren, ist sicher. Die Forschung zu MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit und zu SprachstörungenSprachstörungen bei mehrsprachig aufwachsenden mehrsprachig aufwachsende Kinder:SpracherwerbKindernmehrsprachig aufwachsende Kinder:Sprachstörungen hat auf die Veränderungen der Herkunftssprachen und deren Relevanz für den Spracherwerb aufmerksam gemacht. Forschungen dazu, welche Veränderungen des Deutschen gleichermaßen relevant sind, stehen noch aus.

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