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978-3-437-44516-3

Prognose und Prädiktion der weiteren Sprachentwicklung bei Late-Talkern

Entwicklungswege von Late-Talkern

Leslie Rescorla
Eine Late-Talkerverzögerte expressive Sprachentwicklung zählt zu den häufigsten Gründen, aus denen KleinkinderKleinkinder zur Untersuchung überwiesen werden (Rescorla 2013; Rescorla & Lee 2000; Whitehurst & Fischel 1994). Eine frühe expressive Sprachentwicklungsverzögerung ist oft Folge einer globaleren primären Störung (Rescorla & Lee 2000; Whitehurst & Fischel 1994), wie einer geistigen geistige BehinderungBehinderung/IntelligenzminderungIntelligenzminderung oder einer Autismus-Spektrum-Autismus-Spektrum-StörungStörung. Auch aufgrund von HörstörungenHörstörungen, neurologischen neurologische StörungenStörungen oder starker VernachlässigungVernachlässigung beginnen Kinder oft später zu sprechen. Wenn keine anderen Ursachen vorliegen, werden Kinder, die erst im Alter von 18–36 Monaten zu sprechen beginnen, oft als „Late-Talker“ bezeichnet. Bei einigen ist lediglich die expressive, bei anderen auch die rezeptive Sprachentwicklung verzögert.
Obwohl sich differenzialdiagnostisch leicht verschiedene Gruppen einer expressiven Sprachentwicklungsverzögerung (Kleinkinder mit Intelligenzminderung, Autismus-Spektrum-, Hörstörungen etc.) abgrenzen lassen, ist ihr Prozentanteil an der Gesamtbevölkerung weniger gut dokumentiert. In Deutschland ging eine Studie von Buschmann et al. (2008) dieser Frage nach; sie untersuchten 100 Zweijährige, bei denen niedergelassene Kinderärzte eine expressive Sprachentwicklungsverzögerung festgestellt hatten (65 % Jungen): 78 der 100 Kinder waren Late-Talker, bei 18 ging die Sprachentwicklungsverzögerung mit einer kognitiven kognitive StörungenStörung einher, bei vier Kindern lag ein Autismus vor. Bezüglich der Geschlechterverteilung, der Stellung in der Geschwisterreihe und des Bildungsgrads der Mutter bestanden keine Unterschiede zwischen den drei Gruppen. Für 40 % der Kinder mit verzögerter Sprachentwicklung, aber nur für 4 % der Kinder mit typischem Erwerb wurde eine familiäre Sprachstörung in der Anamnese angegeben. Von den 78 Late-Talkern hatten 61 eine rein expressive und 17 eine kombinierte rezeptiv-expressive Entwicklungsverzögerung. Nur bei Late-Talkern mit einer rezeptiv-expressiven Verzögerung lag der nonverbale IQ:nonverbalerIQ unter dem von typisch entwickelten Kindern, nicht hingegen bei Late-Talkern mit rein expressiver Verzögerung.
Kinder mit sekundärer Sprachentwicklungsverzögerung infolge einer Autismus-Spektrum-Störung bzw. Intelligenzminderung machen tendenziell nur langsame Fortschritte und erreichen mitunter nie ein normales Sprachniveau. Dagegen haben Late-Talker trotz variabler Entwicklungsverläufe im Allgemeinen prognostisch bessere Aussichten. In diesem Kapitel werden die Ergebnisse unterschiedlicher Studien:epidemiologischeStudiendesigns zusammengefasst:
  • kleinformatige LängsschnittstudienLängsschnittstudien mit Late-Studien:LängsschnittstudienTalkern und

  • groß angelegte epidemiologische epidemiologische StudienStudien mit Kleinkindern. Late-Talker:Studien

Typische Ausschlusskriterien für die kleineren Studien waren Hörstörungen, neurologische Störungen, Autismus-Spektrum-Störungen und Intelligenzminderung. In einigen Stichproben wurden auch Kinder mit rezeptiver Sprachentwicklungsverzögerung ausgeschlossen, so etwa in der Kohortenstudie von Rescorla (2013). Wie unten erläutert, liegen zwar aus mehreren kleineren Late-Talker-Studien Studien:Late-TalkerDaten für Siebenjährige vor, doch für höhere Altersgruppen hat bisher nur Rescorla (2002, 2005, 2009) erste Untersuchungsergebnisse veröffentlicht. In den groß angelegten epidemiologischen Studien sind möglicherweise Kinder mit einer sekundären Sprachentwicklungsverzögerung (infolge einer primären Störung) nicht ausgeschlossen worden. Meines Wissens erstreckt sich der längste Nachbeobachtungszeitraum (Follow-up) dieser epidemiologischen Studien derzeit bis zu einem Alter von sieben Jahren.

Ergebnisse kleiner Late-Talker-Studien

Ergebnisse (Outcomes) bei Kindern im Vorschulalter
Wie im Folgenden näher beschrieben, zeigen kleinere Late-Talker-Längsschnittstudien Late-Talker:Längsschnittstudienim VorschulalterVorschulalter, dass die meisten Kinder bei Sprachtests im Alter von 4–5 Jahren innerhalb des Normalbereichs abschnitten und dass grammatikalische Entwicklungsverzögerungen länger anhielten als lexikalische. Da sich die signifikanten (Outcome-)PrädiktorenPrädiktoren der Studien unterschieden, bleiben die Gründe für die Varianz:der Ergebnisse (Outcomes)Varianz der Outcomes ungeklärt.
Fischel, Whitehurst, Caulfield & De Baryshe (1989) berichteten über eine der ersten Late-Talker-Studien mit 22 Kindern, deren Ergebnisse im Expressive One-Word Picture Vocabulary Test (EOPVT; Gardner 1981) mehr als zwei Standardabweichungen (standard deviation, SD) unter dem Durchschnitt lagen und deren mittlerer WortschatzWortschatz im Alter von 24–38 Monaten weniger als 20 Wörter umfasste. Mit 3;6 Jahren erreichten 88 % ein Ergebnis über 85 im EOPVT1

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und damit innerhalb des Normbereichs (Anm. d. Hrsg.)

, mit 5;6 Jahren schafften 95 % diesen Wert (Whitehurst, Fischel, Arnold & Lonigan 1992).
Laut Thal, Tobias & Morrison (1991) waren vier von zehn Kindern, die im Alter von zwei Jahren als Late-Talker diagnostiziert wurden, auch ein Jahr später noch in ihrer Entwicklung verzögert, die sechs anderen dagegen nicht. Als beste PrädiktorenPrädiktoren erwiesen sich das SprachverständnisSprachverständnis und die Verwendung kommunikativer kommunikative GestenGesten. Thal, Miller, Carlson & Vega (2005) berichteten über die weitere Entwicklung von 20 Kindern, deren expressiver Wortschatz im Alter von 16 Monaten unterhalb der 10. Perzentile des Communicative Development Communicative Development Inventory\t \"Siehe CDICDI (Communicative Development Inventory)Inventory (CDI; Fenson et al. 1993) lag. Obwohl die Late-Talker-Gruppe im Alter von vier Jahren in Sprach- und kognitiven Tests Ergebnisse im Normalbereich erzielte, schnitt sie gegenüber den 44 Kindern einer Vergleichsgruppe mit typischem Spracherwerbsverlauf signifikant schlechter ab.
Feldman et al. (2005) dokumentierten den Entwicklungsverlauf von 113 Dreijährigen, deren Wortschatz im Alter von zwei Jahren unterhalb der 10. Perzentile des CDI getestet wurde; über die Hälfte der Kinder kam aus einkommensschwachen Familien. Dass viele Kinder mit früher lexikalischer Entwicklungsverzögerung diesen Rückstand bis zum dritten Lebensjahr aufholten und viele Kinder mit vermeintlich normaler Entwicklung im Alter von zwei Jahren als Dreijährige Verzögerungen aufwiesen, spricht für eine geringe Sensitivität von lediglich 50 % und einen positiven Vorhersagewert (predictive value) von lediglich 64 %.
Mittels CDI-Messungen verfolgten Lyytinen, Poikkeus, Laakso, Eklund & Lyytinen (2001) die sprachliche Entwicklung von 200 finnischen Kindern im Alter von 14, 24, 30 und 42 Monaten; etwa 50 % der Kinder stammten aus Familien, in denen bereits LegasthenieLegasthenie aufgetreten war. In einer Untergruppe von 34 Late-Talkern (20 aus Familien mit anamnestisch bekannter Legasthenie) lagen die expressiven Sprachtestergebnisse eine Standardabweichung unter dem Mittelwert für Zweijährige. Mit 42 Monaten erzielten die Late-Talker aus Familien ohne Fälle von Legasthenie in den Sprachtests Durchschnittswerte, während die expressive und rezeptive Sprachentwicklung der anderen Kinder weiterhin verzögert war.
Fernald & Marchman (2012) untersuchten die lexikalische Entwicklung im Alter von 18–30 Monaten. Ihre Stichprobe umfasste 36 Late-Talker, die mit 18 Monaten unterhalb der 20. Perzentile des CDI getestet wurden, und 46 typisch entwickelte Kinder. Auch mit 30 Monaten blieben 39 % der 36 Late-Talker noch unterhalb der 20. Perzentile, während die Ergebnisse der übrigen 61 % oberhalb dieses Cut-off-/Grenzwerts lagen. Für den LWL-Test (looking while looking while listening\t \"Siehe LWL-Testlistening)LWL-Test (looking while listening), mit dem sich online die bevorzugte Blickrichtung bei lexikalischen Verarbeitungsaufgaben feststellen lässt, gaben Fernald & Marchman (2012) zudem an, dass Late-Talker mit 18 Monaten niedrigere Genauigkeits- und Geschwindigkeitswerte erzielten als Kinder mit typischer Sprachentwicklung. Schnellere ReaktionszeitenReaktionszeiten und eine größere Genauigkeit im LWL-Test im Alter von 18–30 Monaten konnten hier einen steileren Anstieg des Wortschatzzuwachses in der Late-Talker-Gruppe vorhersagen.
Paul und Kollegen untersuchten im Alter von 20–34 Monaten als Late-Talker diagnostizierte Kinder und eine altersentsprechende Vergleichsgruppe (Paul 1993, 1996; Paul, Murray, Clancy & Andrews 1997). In der Late-Talker-Gruppe waren rund 25 % der 30 Kinder sowohl in der rezeptiven als auch der expressiven Sprachentwicklung verzögert. Im Alter von drei und vier Jahren erzielten sämtliche Late-Talker dieser Studie (Paul 1993) durchschnittliche Ergebnisse in den Bereichen WortschatzWortschatz (rezeptiv und produktiv) sowie GrammatikGrammatik (rezeptiv). Eine als „Leistung oberhalb der 10. Perzentile im DSS“ (Developmental Sentence Score; Lee 1974) definierte Verbesserung (Recovery) erreichten 41 % dieser Stichprobe mit drei Jahren und 57 % mit vier Jahren.
Rescorla führte eine Kohortenstudie mit 40 Kindern der mittleren bis oberen Mittelschicht (36 Jungen und 4 Mädchen) durch, die im Alter zwischen 24 und 31 Monaten als Late-Talker diagnostiziert worden waren. Die hinsichtlich des sozioökonomischer StatusFamilie(nvariablen):sozioökonomischer Statussozioökonomischen Familienstatus und der nonverbalen nonverbale FähigkeitenFähigkeiten „gematchte“ Vergleichsgruppe bestand aus 39 Kindern (38 Jungen und 1 Mädchen) mit normaler Sprachentwicklung. Zu den Ausschlusskriterien für die Late-Talker-Gruppe gehörten ein Wert über 85 auf den Bayley Mental Development Scales2

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Ab einem Wert von 85, der eine Standardabweichung unter dem Durchschnitt liegt, spricht man von unterdurchschnittlichen kognitiven Fähigkeiten im Sinne einer Lernbehinderung, ab einem Wert <70 von einer Intelligenzstörung/geistigen Behinderung (Anm. d. Hrsg.)

(BMDS; Bayley 1969), ein maximal drei Monate vom chronologischen Alter (CA) abweichender Wert auf Reynells Receptive Language Scale (Reynell 1977), wobei ein Late-Talker fast vier Monate vom CA abwich, sowie ein mindestens sechs Monate unter dem chronologischen Alter liegender Wert auf Reynells Expressive Language Scale. In der Vergleichsgruppe mussten die beiden ersten Kriterien erfüllt sein, und zudem durften die Kinder auf Reynells Expressive Language Scale nur drei Monate vom chronologischen Alter abweichen (bei einem Kind waren es allerdings knapp vier Monate). Obwohl es innerhalb des Beobachtungszeitraums von 15 Jahren – hauptsächlich durch den Wegzug von Familien – zu gewissen Änderungen kam, blieb die Zusammensetzung der Late-Talker- und der Vergleichsgruppe während der gesamten Follow-up-Periode und in allen Altersstufen unverändert in Bezug auf die Aufnahmekriterien für die ursprünglichen Kohorten (d. h. sozioökonomischer Status, Bayley- und Reynell-Werte, Language Development Survey).
Durch Rescorlas Ausschlusskriterien ergaben sich zwei Gruppen, die zwar hinsichtlich ihres sozioökonomischen Status und ihrer nonverbalen Fähigkeiten gut zueinander passten, sich in ihren sprachlichen Ausdrucksfähigkeiten jedoch stark unterschieden. Die Differenz (d) zwischen der Late-Talker- und der Vergleichsgruppe betrug fast 2 Standardabweichungen vom z-Wert in Reynells Expressive Language Scale. Zudem verfügten die Kinder der Late-Talker-Gruppe nach dem Language Development LDS (Language Development Survey)Language Development Survey\t \"Siehe LDSSurvey (LDS; Rescorla 1989) auch nur über einen mittleren Wortschatz von 20,75 Wörtern gegenüber durchschnittlich 226,79 Wörtern in der Vergleichsgruppe (d>2,0). Um Rescorlas Follow-up-Daten richtig interpretieren zu können, ist zu beachten, dass die Kinder der Late-Talker-Gruppe trotz rezeptiv-sprachlicher Fähigkeiten im mittleren Bereich um mehr als eine ¾-Standardabweichung bzw. mit einem Gruppenunterschied von d=0,78 (Cohen 1988) schlechter abschnitten als die Kinder der Vergleichsgruppe, deren Sprachverständnis für ihr Alter weiter fortgeschritten war.
Rescorla, Dahlsgaard & Roberts (2000) berichteten über den Entwicklungsstand der Late-Talker-Kohorte (34 Kinder) im Alter von drei und vier Jahren: Mit drei Jahren erzielten 41 % von ihnen Ergebnisse oberhalb der 10. Perzentile in Bezug auf die mittlere Äußerungslänge, mittlere\t \"Siehe MLUÄußerungslänge (MLU (mittlere Äußerungslänge)MLU) und 34 % in Bezug auf den Index of Productive Index of Productive Syntax\t \"Siehe IPSynSyntax (IPSynIPSyn; Scarborough 1990). Mit vier Jahren betrug der jeweilige Anteil 71 % bzw. 29 %, was vermuten lässt, dass der IPSyn in dem Alter eine größere Trennschärfe besitzt als die MLU. Für dieselbe Stichprobe teilten Rescorla, Roberts & Dahlsgaard (1997) folgende Befunde bei den Dreijährigen mit: Ergebnisse über der 16. Perzentile erzielten jeweils 79 % der Late-Talker im EOPVT, 58 % auf Reynells Expressive Language Scale (Reynell 1977), 35 % in Bezug auf die MLU und 24 % in Bezug auf den IPSyn. Das bedeutet, dass der Rückstand der grammatischen Fähigkeiten besonders lange persistiert.
Um signifikante PrädiktorenPrädiktoren für die Ergebnisse von Dreijährigen identifizieren zu können, arbeiteten Rescorla et al. (2000) mit Regressionsanalysen. Während die Einbeziehung von Reynells (1977) expressivem z-Wert in die Berechnungen 21–34 % der Varianz in den Testergebnissen der Dreijährigen erklären konnte, erwies sich Reynells rezeptiver z-Wert als ebenso wenig signifikant wie die Bewertung nonverbaler nonverbale FähigkeitenFähigkeiten in dieser Altersgruppe. Wichtig ist anzumerken, dass sich bei den 34 Late-Talkern (im Alter von 24–31 Monaten) ganz ähnliche Rohwerte unter Einbeziehung von Reynells Expressive Language Scale zeigten. Reynells z-Werte sind jedoch altersbasiert, sodass sie bei älteren Kindern niedriger als bei jüngeren waren (Rescorla et al. 1997). Weil sich bei ungestörter Entwicklung die expressiven sprachlichen Fähigkeiten im Alter zwischen 24 und 36 Monaten in einer steil ansteigenden Kurve rasch verbessern, fallen Late-Talker in dieser Phase, je älter sie werden, umso stärker dahinter zurück. Das kommt in dem negativen Korrelationskoeffizienten (–0,76) zwischen Alter und Reynells expressivem z-Wert zum Ausdruck (Rescorla et al. 2000).
Ergebnisse für Kinder im Schulalter
Wie unten näher erläutert, deuten die Ergebnisse von kleineren Late-Talker-Studien im SchulalterSchulalter darauf hin, dass die meisten Late-Late-Talker:StudienTalker, obwohl sie mit sechs oder sieben Jahren im Normalbereich liegen, durchgängig schlechter abschneiden als ihre Peers mit typischer Sprachentwicklung. Hinzu kommt, dass nur etwa die Hälfte der Ergebnisvarianz in diesen Studien:im SchulalterStudien erklärbar war, da die als signifikante Prädiktoren für das Schulalter verwendeten Variablen variierten.
Girolametto, Wiigs, Smyth, Weitzman & Pearce (2001) berichteten über eine Follow-up-Studie mit 21 Kindern, die im Alter von 24–33 Monaten anhand von CDI-Ergebnissen unterhalb der 5. Perzentile als Late-Talker diagnostiziert worden waren und als Zweijährige an einem 11-wöchigen elternbasierten Interventionsprogramm:elternbasiertesInterventionsprogramm teilgenommen hatten. Auch wenn die meisten von ihnen bei der Nachuntersuchung mit fünf Jahren durchschnittliche Messergebnisse in verschiedenen Sprachtests erzielten, schnitten sie deutlich schlechter ab als Kinder mit typischem Erwerbsverlauf, besonders wenn es um die Erhebung komplexerer sprachlicher Fähigkeiten (z. B. Erzählen einer Geschichte) ging.
In der Kohortenstudie von Paul (1996; Paul et al. 1997) erreichten 74 % der Late-Talker im Kindergarten-/Vorschulalter und 84 % im Grundschulalter Ergebnisse oberhalb der 10. Perzentile des DSS (Lee 1974). Nach den Kriterien der TOLD-P2 Expressive Language Scale (Newcomer & Hammill 1988) schnitten jedoch selbst die als „Aufholer“ (Recovery) eingestuften Late-Talker mit sieben Jahren schlechter ab als die ungestört entwickelten Kinder der Vergleichsgruppe. Während sich diejenigen, die „aufgeholt“ hatten, in Bezug auf Sprachverständnis, Lesen, Buchstabieren, IQ und phonologische Fähigkeiten nicht mehr von der Kontrollgruppe unterschieden, hatten Kinder, deren Sprachentwicklung weiterhin verzögert war (unterhalb der 10. Perzentile des DSS), sich in allen Bereichen, außer im SprachverständnisSprachverständnis und LesenLesen/BuchstabierenBuchstabieren, gegenüber der Vergleichsgruppe verschlechtert (Paul et al. 1997). Das lässt vermuten, dass bei Kindern mit einer fortbestehenden sprachlichen (Entwicklungs-)Verzögerung später umfangreichere und schwerere Defizite vorliegen als bei Kindern, die den Rückstand aufholen konnten.
Moyle, Ellis Weismer, Evans & Lindstrom (2007) berichteten über 30 Kinder, die aufgrund von CDI-Werten unterhalb der 10. Perzentile im Alter von zwei Jahren als Late-Talker diagnostiziert worden waren. Als Fünfjährige erzielten sie in drei Subtests des TOLD-P3 (Newcomer & Hammill 1997) signifikant schlechtere Ergebnisse als die nach Alter, sozioökonomischem Status, Geschlecht und nonverbalen kognitiven Fähigkeiten „gematchte“ Vergleichsgruppe. Dabei zeigten sich in den Testbereichen mündlicher Wortschatz, grammatische Ergänzung und Imitation von Sätzen Gruppenunterschiede (Cohen-Differenz) von d=0,97 bzw. 1,46 bzw. 1,52. Für die Altersgruppe von 5;6 Jahren veröffentlichte Ellis Weismer (2007) die Ergebnisse einer Vergleichsstudie mit 40 Late-Talkern, die – als solche mit 2 Jahren diagnostiziert – in ca. 11 % eine verzögerte Entwicklung ihres Sprachverständnisses aufwiesen, sowie mit 43 typisch entwickelten Peers. Nur bei drei Kindern fand sich noch eine Standardabweichung (mind. 1 SD) vom durchschnittlichen Sprechquotienten (Speaking Quotient) des TOLD-P3. Doch selbst wenn diese drei ausgeschlossen wurden, schnitten alle anderen Kinder der Late-Talker-Gruppe sowohl beim Zuhören (Listening Quotient) als auch beim Sprechen (TOLD-P3-Quotienten) signifikant schlechter ab als die Vergleichsgruppe. Die größten Unterschiede ergaben sich bei SatzimitationsaufgabenSatzimitationsaufgaben.
Rescorla (2002) untersuchte eine Late-Talker-Gruppe von 33 Fünfjährigen und eine Vergleichsgruppe von 24 gleichaltrigen Kindern mit der Stanford-Binet Intelligence Scale IV (SB-IV; Thorndike, Hagen & Sattler 1986) und dem Patterned Elicitation Syntax Test (PEST; Young & Perachio 1983). Dabei zeigte sich ein großer und signifikanter Gruppenunterschied in Bezug auf den verbalen IQ:verbalerIQ (106,09 vs. 129,62; d=1,58), obwohl alle Kinder der Late-Talker-Gruppe durchschnittliche Ergebnisse im SB-IV-Test erzielten. Auch beim nonverbalen IQ:nonverbalerIQ lagen die Durchschnittswerte der Late-Talker-Gruppe unter denen der Vergleichsgruppe (95,76 vs. 105,17; d=0,88); dies war das einzige Mal, dass sich ein Unterschied zwischen den nonverbalen Fähigkeiten von Late-Talkern und Vergleichskindern fand. Zur Beurteilung der grammatischen Fähigkeiten diente ein Elizitierungsverfahren (PEST), bei dem es sich um ein Satzmusterwiederholungsformat handelt. Obwohl die Ergebnisse der Late-Talker-Gruppe im Mittelfeld (52. Perzentile) rangierten, lagen sie deutlich (fast 1 SD) unter den höheren Durchschnittswerten (82. Perzentile) der Vergleichsgruppe.
Im Rahmen von Mutter-Kind-Spielsituationen untersuchten Lee & Rescorla (2008) den Gebrauch von Wörtern zur psychischen Wörter:zur psychischen Zustandsbeschreibungpsychische ZustandsbeschreibungZustandsbeschreibung, um anhand dessen die Entwicklung von 30 Late-Talkern und 15 Vergleichskindern als Drei-, Vier- und Fünfjährige zu verfolgen. Mit fünf Jahren unterschieden sich beide Gruppen nicht länger hinsichtlich der Gesamtzahl oder der lexikalischen Vielfalt der verwendeten Wörter. Dennoch war weiterhin ein signifikanter Unterschied festzustellen: Bezüglich der mittleren Äußerungslänge (MLU (mittlere Äußerungslänge)MLU) erreichten nur 53 % der fünfjährigen Late-Talker Werte innerhalb einer Standardabweichung. In beiden Gruppen nahm im Alter zwischen drei und fünf Jahren die Verwendung von Wörtern zur Beschreibung des kognitiven Zustands signifikant zu. Von Begriffen wie „think“ und „know“ machten die Late-Talker allerdings deutlich weniger Gebrauch als Vergleichskinder jeden Alters. Tatsächlich verwendeten Late-Talker solche kognitiven Zustandsbeschreibungen als Fünfjährige in etwa so häufig wie Dreijährige mit einem ähnlichen MLU-Level. Darüber hinaus unterschieden sich die Kinder der Late-Talker- und der Vergleichsgruppe hinsichtlich ihres Gebrauchs von Satzergänzungen wie Komplementsätzen, z. B. „I thought that the policeman was riding a motorcycle“. Obwohl der prozentuale Anteil der Kinder, die KomplementsätzeKomplementsätze benutzten, in beiden Gruppen im Alter zwischen drei und fünf Jahren deutlich anstieg, blieb in jeder Alterstufe doch ein signifikanter Unterschied zwischen ihnen bestehen (mit fünf Jahren: 55 % vs. 100 %).
Rescorla (2002) berichtete auch über ihre Untersuchungsergebnisse zur Sprachentwicklung bis zum Alter von sechs Jahren (Test of Language Development, TOLD; Newcomer & Hammill 1988). Die Late-Talker-Gruppe umfasste 34, die Vergleichsgruppe 26 Kinder. Während nur zwei Kinder der Late-Talker-Gruppe (6 %) die untere Leistungsgrenze (10. Perzentile) in zwei TOLD-Subtests unterschritten, ließ die SpontanspracheSpontansprache von sechs Late-Talkern (17 %) eine spezifische Sprachentwicklungsstörung (SSES) vermuten. Während ihr Sprachverständnis normal entwickelt war, machten diese Sechsjährigen viele Fehler bei grammatischen Morphemen; neben einer begrenzten VerständlichkeitVerständlichkeit zeigten sich WortfindungsstörungenWortfindungsstörungen, FormulierungsschwächenFormulierungsschwächen und gering ausgeprägte ErzählfähigkeitenErzählfähigkeiten. Fünf von ihnen nahmen logopädische logopädische BetreuungsangeboteBetreuungsangebote der Schule (school-based speech-language services) in Anspruch.
Die von Rescorla (2002) publizierten Ergebnisse für Sechs-, Sieben-, Acht- und Neunjährige beruhen auf summierten Messungen („Aggregaten“) zur Einschätzung einzelner Fähigkeiten.
  • Im Alter von sechs Jahren betrugen die Unterschiede (d) zwischen Late-Talker- und Vergleichsgruppe: d=0,85 für den WortschatzWortschatz (Aggregat aus TOLD Oral Vocabulary and Picture Vocabulary), d=0,64 für die GrammatikGrammatik (Aggregat aus TOLD Grammatic Completion and Grammatic Understanding), d=0,91 für die PhonologiePhonologie (Aggregat aus TOLD Word Discrimination plus Aufgaben wie Phonem-Auslassung und Angleichen initialer Konsonanten) sowie d=1,26 für das Imitieren von Sätzen (TOLD Sentence Imitation). Keine Unterschiede zeigten sich beim RedeflussRedefluss, bei Schnellbenennungs-Schnellbenennung oder LeseaufgabenLeseaufgaben.

  • Im Alter von sieben Jahren unterschieden sich Late-Talker- und Vergleichsgruppe signifikant (d=1,53) im WortschatzWortschatz, einem Aggregat aus dem Vokabular-Subtest der Wechsler Intelligence Scale for Children-Revised (WISC-R; Wechsler 1974) und dem Boston Naming Test (Kaplan, Goodglass & Weintraub 1983). Keine Unterschiede zwischen den Gruppen zeigten sich in Bezug auf die GrammatikGrammatik, wobei das Aggregat die Subtests Formulieren von Sätzen3

    3

    Vorgabe eines Bildes und eines Zielwortes, zu denen ein Satz formuliert werden soll (Anm. d. Hrsg.)

    , Wortstruktur4

    4

    Satzergänzungsaufgabe, bei der ein Wort mit passender morphologischer Endung ergänzt werden soll (Anm. d. Hrsg.)

    und Satzstruktur5

    5

    Satz-Bild-Zuordnungsaufgabe (Anm. d. Hrsg.)

    der Clinical Evaluation of Language Fundamentals-Revised (CELF-R; Semel, Wiig, Secord & Sabers 1987) beinhaltete, sowie in Bezug auf PhonologiePhonologie- oder Lese-Aggregate. Dass sich auch keine Gruppenunterschiede in den drei WISC-R-Subtests Block-Design, Bildanordnung und Arithmetik fanden, weist auf vergleichbar gute nonverbale Fähigkeitennonverbale und mathematische mathematische FähigkeitenFähigkeiten der Siebenjährigen hin.

  • Im Alter von acht Jahren schnitten die Kinder der Late-Talker-Gruppe in allen vier „Test-Aggregaten“ deutlich schlechter ab: In Bezug auf den WortschatzWortschatz (CELF-R Wörter assoziieren6

    6

    Wortflüssigkeitsaufgabe (Anm. d. Hrsg.)

    und Wortarten7

    7

    Nach Vorgabe von 3 oder 4 Wörtern soll das inhaltlich assoziierte Wortpaar genannt werden (Anm. d. Hrsg.)

    ) betrug der Unterschied zur Vergleichsgruppe d=1,05, in Bezug auf die GrammatikGrammatik (CELF-R Linguistische Konzepte8

    8

    Verständnis von Funktionswörtern wie Konjunktionen, Quantoren etc. (Anm. d. Hrsg.)

    , Formulieren von Sätzen9

    9

    Zu einem vorgegebenen Wort soll ein Satz formuliert werden (Anm. d. Hrsg.)

    , Anordnung von Sätzen10

    10

    Vorgabe von Sätzen mit falscher Wortstellung, die korrigiert werden sollen (Anm. d. Hrsg.)

    ) d=0,94, in Bezug auf das HörverständnisHörverständnis (CELF-R Semantische Relationen11

    11

    Vorgabe eines oder mehrerer Sätze, danach soll eine Frage dazu beantwortet werden (Anm. d. Hrsg.)

    und Hören von Textabschnitten12

    12

    Vorgabe eines Textes, danach sollen Fragen dazu beantwortet werden (Anm. d. Hrsg.)

    ) d=1,24 und in Bezug auf das LesenLesen, gemessen mit den Subtests Buchstaben-Wort-Erkennen und Verstehen von Textpassagen der Woodcock-Johnson Psychoeducational Battery-Revised (WJ-R; Woodcock & Johnson 1989), d=0,84.

  • Im Alter von neun Jahren war zwischen beiden Gruppen ein signifikanter Unterschied von d=0,72 hinsichtlich der Subtests Basales Lesen und Leseverständnis des Wechsler Individual Achievement Test (WIAT; Wechsler 1992) sowie der Subtests DiktatDiktat und SchreibenSchreibproben der WJ-R festzustellen.

Mit acht und neun Jahren nahmen die Kinder jeweils auch an einer Erzählaufgabe teil, bei der ihre NarrativeNarrative zum „Frosch“-Bilderbuch Frog, Where Are You (Manhardt & Rescorla 2002) hinsichtlich folgender Faktoren bewertet wurden: fortgeschrittene syntaktische syntaktische StrukturenStrukturen (z. B. Komplement- und RelativsätzeKomplementsätzeRelativsätze), Elemente der Makrostruktur:von ErzählungenMakrostruktur von Erzählungen:MakrostrukturErzählungen (initiales Ereignis, zielgerichtete Handlung, Konsequenz, Lösung und formales Ende der Geschichte), KohäsionKohäsion (PronominalisierungPronominalisierung, KonjunktionenKonjunktionen) sowie bewertende bewertende InformationenInformationen (Kausalzusammenhang, emotionale/kognitive Bezüge, direkte oder indirekte Rede). Bei drei der vier Faktoren (außer der Kohäsion) fanden sich signifikante Gruppenunterschiede, wobei die Differenz (d) bei den syntaktischen Strukturen mit acht Jahren kleiner als mit neun Jahren war. In beiden Altersgruppen besaßen die Aspekte der TextgrammatikTextgrammatik eine beträchtliche Effektgröße (0,50–0,65), was auch auf die bewertenden Informationen zutraf.
Wie Manhardt & Rescorla (2002) feststellen konnten, verwendeten die Kinder der Late-Talker-Gruppe in geringerem Umfang als die Kinder der Vergleichsgruppe komplexe syntaktische syntaktische Strukturen:komplexeElemente. Zu diesen Elementen gehören erweiterte Nominalphrasen:erweiterteNominalphrasen (“He was a little green frog”) und Satzergänzungen bzw. KomplementsätzeKomplementsätze (“He thought the frogs were sitting on the log”), RelativsätzeRelativsätze (“The frog who climbed out of the jar was green”), ergänzende Komplementsätze zu NominalphrasenNominalphrasen (“There were ripples spreading through the pond”), ergänzende Komplementsätze zu AdjektivphrasenAdjektivphrasen (“They were happy that they had found it”), adverbiale Komplementsätze (“After the boy fell asleep, the frog escaped”) und Wh-W(h)-SätzeSätze (“He saw the frog was missing when he woke up”). Den ErzählungenErzählungen der Late-Late-Talker:ErzählungenTalker fehlten weitgehend die komplexen Satzstrukturen, die einer GeschichtenGeschichte mehr Perspektive und Tiefe verleihen, die sie abwechslungsreich und kunstvoll machen. Es sind dieselben (Stil-)Mittel, die sich in der SchriftspracheSchriftsprache, in der formaleren, elaborierten BildungsspracheBildungssprache und in Schul- Schulbuchtextebzw. LehrbuchtexteLehrbuchtexten finden. Diese syntaktischen syntaktische StrukturenStrukturen werden allerdings normalerweise weder bei einer basalen klinischen Sprachuntersuchung erfasst noch durch DiagnostikinstrumenteDiagnostikinstrumente (z. B. CELF) in entsprechender Tiefe abgebildet, was erklären würde, weshalb standardisierte Tests gewöhnlich ein „Aufholen“Aufholen von Late-Talkern anzeigen.
Die in Rescorlas Kohortenstudie für Acht- und Neunjährige erhobenen Daten deuten darauf hin, dass Late-Talker ihren Rückstand etwa bis zur Mitte der GrundschulzeitGrundschulzeit aufholen und dann altersgemäße Anforderungen in den Bereichen WortschatzWortschatz, basale SyntaxSyntax/MorphologieMorphologie und ArtikulationArtikulation erfüllen. Im Allgemeinen reichen ihre Fähigkeiten daher für durchschnittliche Leistungen in standardisierten TestverfahrenTestverfahren aus, sodass sie einem zufälligen Beobachter nicht „sprachgestört“ vorkommen. Erst bei anspruchsvolleren ErzählaufgabenErzählaufgaben treten die manifesten sprachlichen sprachliche SchwächenSchwächen von Late-Late-Talker:sprachliche SchwächenTalkern im Vergleich zu Peers mit sozioökonomisch ähnlichem Hintergrund offen zutage, sobald die zur Vermittlung komplexer Gedanken nötigen differenzierten Sprachstrukturen mit empfindlicheren Instrumenten erfasst werden.
In den Messwerten („Aggregaten“) der Sechs- bis Neunjährigen fanden sich, wie Rescorla (2002) berichtet, zahlreiche signifikante Korrelationen, sowohl zwischen den Domänen (z. B. r=0,50 zwischen WortschatzWortschatz und GrammatikGrammatik mit 8 Jahren) als auch innerhalb der Domänen (z. B. ein longitudinaler Korrelationskoeffizient von r=0,70 zwischen dem WortschatzWortschatz mit 6 und mit 7 Jahren). Rescorla (2002) legte auch Ergebnisse ihrer Regressionsanalyse vor. So konnten bei den Achtjährigen drei Variablen – der Wortschatz mit zwei Jahren (LDS-Punktzahl; Rescorla 1989), die grammatischen Fähigkeiten mit drei Jahren (MLU (mittlere Äußerungslänge)MLU- und IPSynIPSyn-Werte; Scarborough 1990) und die grammatischen Fähigkeiten mit fünf Jahren (PEST-Wert; Young & Perachio 1983) – zusammengenommen 35 % der Varianz in den CELF-R-Testergebnissen (Semel, Wiig, Secord & Sabers 1987) erklären.
Ergebnisse bei Jugendlichen
Wie die weitere Entwicklung von Late-Late-Talker:JugendlicheTalkern im JugendalterJugendalter verläuft, ist nur für Rescorlas Kohorte untersucht worden. Die bisher vorliegenden Studien:im JugendalterStudien lassen das gleiche Muster wie im SchulalterSchulalter erkennen: Nämlich dass sich trotz durchschnittlicher Testergebnisse der Late-Talker-Gruppen noch immer signifikante sprachliche sprachliche SchwächenLate-Talker:sprachliche SchwächenSchwächen im Vergleich zu ihren Peers mit ähnlichem sozioökonomischem Hintergrund und typischer Sprachentwicklungsgeschichte zeigen. Wie für die Ergebnisse im Schulalter galt auch für das Jugendalter, dass die fortgesetzt zu beobachtenden Gruppenunterschiede in Rescorlas Kohorten nicht durch das schlechte Abschneiden einiger weniger „Ausreißer“ in der Late-Talker-Gruppe zu erklären waren.
Dass sich die 28 Kinder der Late-Talker-Gruppe und die 25 ungestört entwickelten Kinder der Kontrollgruppe, über deren Sprach- und Leseergebnisse im Alter von 13 Jahren Rescorla (2005) berichtete, nicht signifikant im Block-Design-Test des WISC-III unterschieden, spricht für vergleichbare nonverbale kognitive Fähigkeiten. Auch ähnlich gute Leistungen beider Gruppen im Zahlen- bzw. Digit-Span-Test des WISC-III lassen auf vergleichbare Kapazitäten ihres numerischen ArbeitsgedächtnisArbeitsgedächtnisses schließen.
Obwohl sie in allen standardisierten Sprach- und Lese-Testaufgaben durchschnittliche Ergebnisse erzielten, schnitten die 13-Jährigen der Late-Talker-Gruppe bei den meisten Messwerten schlechter ab als Gleichaltrige mit ähnlichem sozioökonomischem Hintergrund. Zur Beurteilung des WortschatzWortschatzes wurde ein „Aggregat“ aus dem Vokabular-Subtest der Wechsler Intelligence Scale for Children (WISC-III; Wechsler 1991) und den Subtests Hören: Wortschatz und Lesen: Wortschatz13

13

Zu einem schriftlich vorgegebenen Wort sollen aus einer Auswahl mehrerer weiterer Wörter zwei zum Stimuluswort passende Wörter gefunden werden (Anm. d. Hrsg.)

des Sprachtests für Jugendliche und Erwachsene (Test of Adolescent and Adult Language, TOAL-3; Hammill, Brown, Larsen & Wiederholt 1994) verwendet. Hier rangierten die Ergebnisse der Late-Talker-Gruppe zwar im mittleren Bereich, blieben aber deutlich unter denen der Vergleichsgruppe (d=0,67). Ähnliches galt hinsichtlich der GrammatikGrammatik-Untersuchung mit einem „Aggregat“ aus den TOAL-3-Subtests Hören: Grammatik14

14

Aus drei auditiv präsentierten Sätzen sollen die beiden Sätze mit identischer Bedeutung ausgewählt werden (Anm. d. Hrsg.)

und Lesen: Grammatik15

15

Aus fünf schriftlich präsentierten Sätzen sollen die beiden Sätze mit identischer Bedeutung ausgewählt werden (Anm. d. Hrsg.)

, dem CELF-R-Subtest Formulieren von Sätzen16

16

siehe Fußnote 9

und dem Subtest Ambige Sätze17

17

Nach Vorgabe eines ambigen Satzes sollen die beiden möglichen Bedeutungen paraphrasiert werden (Anm. d. Hrsg.)

des TLC Sprachkompetenztests (Test of Language Competence, expanded edition; Wiig & Secord 1989): Trotz durchschnittlicher Ergebnisse schnitt die Late-Talker-Gruppe wesentlich schlechter ab als die Vergleichsgruppe (d=0,64). Dasselbe Muster (d=0,83) zeichnete sich auch in Bezug auf die verbale ArbeitsgedächtnisArbeitsgedächtniskapazität ab, wobei das „Test-Aggregat“ aus dem Digit-Span-Test der WISC-III sowie den CELF-R-Subtests Nachsprechen:von SätzenNachsprechen von Sätze:nachsprechenSätzen und Nachsprechen:von PseudowörternNachsprechen von Pseudowörter:nachsprechenPseudowörtern bestand.
Bei den Lese- und SchreibfunktionenLesefunktionenSchreibfunktionen der 13-Jährigen ließen sich keine signifikanten Unterschiede zwischen Late-Talker- und Vergleichsgruppe erkennen. Die „Test-Aggregate“ umfassten Leseaufgaben (Dekodieren, schnelles Lesen von Wörtern und Nichtwörtern, Buchstabieren, Lesegeschwindigkeit und Fehlerquote) bzw. drei schriftsprachliche TOWL-3-Subtests (Test of Written Language, 3rd edition; Hammill & Larsen 1996). Signifikant schlechter als die Vergleichsgruppe schnitt die Late-Talker-Gruppe allerdings in einem Test zum LeseverständnisLeseverständnis ab (d=0,84), bei dem Verständnisfragen aus dem Qualitative Reading Inventory-II (QRI-II; Leslie & Caldwell 1995) gestellt wurden. Hier ergab sich folgendes Muster: Während die Dekodierungsfähigkeiten beider Gruppen vergleichbar waren, wurden die detaillierten Erläuterungen zu Peter dem Großen in einem Sekundarstufentext von den Late-Talkern weniger gut verstanden als von ihren Peers in der Vergleichsgruppe. Dies beruht höchstwahrscheinlich auf fortbestehenden Wortschatz- und WortschatzGrammatikGrammatikschwächen.
Da die Testergebnisse im Alter von 13 Jahren recht hohe Korrelationen erkennen ließen, scheint eine beträchtliche gemeinsame Varianz in den diversen (Lese- und Schrift-)sprachlichen Messwerten vorzuliegen. So war der Wortschatz in signifikanter Weise mit Grammatik (r=0,59), Lesefunktion (0,59) und Leseverständnis (0,64) korreliert. Ähnliche Korrelationen fanden sich zwischen Grammatik und verbalem ArbeitsgedächtnisArbeitsgedächtnis (0,58) bzw. Grammatik und LesefunktionenLesefunktion (0,60) sowie zwischen verbalem Arbeitsgedächtnis und Lesefunktion (0,50). Regressionsanalysen ergaben, dass der Wortschatz im Alter von zwei Jahren (LDS-Wert) als signifikanter PrädiktorenPrädiktor mit einem Bestimmtheitsmaß (R2) von 14 %, 13 %, 21 % bzw. 14 % die Testergebnisse in den Bereichen WortschatzWortschatz, GrammatikGrammatik, verbales ArbeitsgedächtnisArbeitsgedächtnis und LeseverständnisLeseverständnis im Alter von 13 Jahren vorhersagen kann. Das deutet darauf hin, dass eine verzögerte Sprachentwicklung im Alter von 2;0 bis 2;6 Jahren noch bis ins Jugendalter nachwirkt und mit schwächeren sprachlichen Fähigkeiten als bei typisch entwickelten Gleichaltrigen verbunden ist. Keine anderen Variablen, weder der sozioökonomische Hintergrund noch Bayleys nonverbale oder Reynells rezeptive Sprachskalenwerte im Alter von zwei Jahren, erwiesen sich als signifikante Prädiktoren.
Rescorla (2009) veröffentlichte weitere Sprach- und Lese-Testergebnisse für 17-Jährige. Hinsichtlich ihrer nonverbalen kognitiven Fähigkeiten waren die Jugendlichen in den demografisch „gematchten“ Gruppen (26 in der Late-Talker- und 23 in der Kontrollgruppe) noch immer vergleichbar und unterschieden sich weder im Block-Design-Test der Wechsler Intelligence Scale for Adults (WAIS-III; Wechsler 1997a) noch im Math-Fluency-Subtest der WJ-III signifikant voneinander. Beide Gruppen schnitten im Block-Design-Test leicht überdurchschnittlich und im Math-Fluency-Test durchschnittlich ab.
Wie in den vorhergehenden Follow-up-Studien gab es auch bei den 17-Jährigen nur sehr wenige „Ausreißer“ mit Ergebnissen unterhalb der 10. Perzentile in einem der Sprach- und Lesetests, doch gegenüber den Peers mit typischer Sprachentwicklung schnitten alle Late-Talker in den Bereichen WortschatzWortschatz, GrammatikGrammatik und verbales verbales Arbeitsgedächtnis\t \"Siehe ArbeitsgedächtnisArbeitsgedächtnisArbeitsgedächtnis signifikant schlechter ab. Die größten Gruppenunterschiede fanden sich im WAIS-III-Subtest Vokabular mit d=0,80, bei GrammatikalitätsurteileGrammatikalitätsurteilen des Comprehensive Assessment of Spoken Language (CASL; Carrow-Woolfolk 1999) mit d=0,80 und im Subtest Logisches Gedächtnis (sich an Erzähltes erinnern) der Wechsler Memory Scale (WMS-III; Wechsler 1997b) mit d=1,08. Signifikant schlechter als die Vergleichsgruppe schnitt die Late-Talker-Gruppe mit 17 Jahren in Bezug auf die Faktoren Wortschatz/Grammatik (d=0,92) und verbales Arbeitsgedächtnis (d=0,93) ab. Lediglich beim Faktor Lesen/Schreiben (Mittelwert in den WJ-III-Subtests Buchstaben-Wort-Identifikation, Flüssiges Lesen/Schreiben) war der Gruppenunterschied nicht signifikant.
Während bei den 17-Jährigen der Faktor Wortschatz/Grammatik hoch mit den Faktoren verbales Arbeitsgedächtnis (r=0,65; p<0,001) und Lesen/Schreiben (r=0,64; p<0,001) korrelierte, bestand zwischen den Faktoren verbales Arbeitsgedächtnis und Lesen/Schreiben nur eine Korrelation von 0,37 (p<0,05). Bei der Regressionsanalyse zeigte sich, dass der Punktwert im LDS-Wortschatztest mit 2 Jahren, der als Erstes in die Berechnung einfloss, 17 % der Varianz im Faktor Wortschatz/Grammatik mit 17 Jahren erklären konnte. Die als zweite Variable einbezogenen expressiven und rezeptiven Reynell-Werte erwiesen sich als nichtsignifikante Prädiktoren. Erstmals konnte jedoch der zuletzt noch addierte nonverbale Bayley-Score weitere 13 % der Varianz erklären. Ähnlich fielen die Ergebnisse in Bezug auf den Faktor verbales Arbeitsgedächtnis aus: Hier ließen sich mit dem LDS-Punktwert 17 % und mit dem nonverbalen Bayley-Score weitere 11 % der Varianz erklären. Somit konnte die Varianz in den Sprachtestergebnissen der 17-Jährigen zu 28–30 % mit zwei Messwerten im Alter von zwei Jahren erklärt werden.

Ergebnisse epidemiologischer Studien

Sprachtestergebnisse bis zum Alter von 18–24 Monaten
Wie unten dargestellt, haben groß angelegte epidemiologische, prospektive Studien:prospektiveStudien:epidemiologischeepidemiologische Studien:prospektiveStudien zur sprachlichen Entwicklung von Kindern bis zum Alter von 18–24 Monaten in Australien, Norwegen und den Niederlanden gezeigt, dass demografische und Geburtsvariablen nur zu einem geringen Prozentsatz die Ergebnisvarianz mit 18 oder 24 Monaten erklären können. Selbst wenn sich der Prozentsatz durch die Einbeziehung von früheren oder mitwirkenden Entwicklungsvariablen in die Vorhersage etwas verbesserte, blieb ein Großteil der Varianz noch immer unerklärbar.
In der Early Language in Victoria Study (ELVS; Reilly et al. 2007) wurden 20 % der Kinder einer 1.720 Zweijährige umfassenden Gemeinde-Stichprobe anhand ihres expressiven Wortschatzes (CDI-Werte unterhalb der 10. Perzentile nach US-Normen [Fenson et al. 1993]) als Late-Talker diagnostiziert. Variablen wie Geschlecht, Frühgeburt, Geburtsgewicht, Geburtsrang (Geschwisterreihe), sozioökonomischer Status, mentale Gesundheit der Mutter, mütterlicher Wortschatz, Bildung und Alter der Mutter, Sprech-/Sprachstörungen in der Familienanamnese sowie nicht-englischsprachiger Familienhintergrund konnten nur 7 % der Varianz in den CDI-Werten der Zweijährigen erklären. Wurden Kommunikationsverhalten und Sprachtestwerte im Alter von 12 Monaten in das Vorhersagemodell einbezogen, erhöhte sich das partielle Bestimmtheitsmaß (R2) auf 14 %, doch die Varianz in den expressiven Sprachergebnissen mit 24 Monaten blieb dennoch zum Großteil ungeklärt.
In einer anderen großen australischen Studie untersuchten Zubrick, Taylor, Rice & Slegers (2007) die rezeptiven und expressiven Sprachfähigkeiten von 1.766 Kindern im Alter von 24 Monaten. In dieser Stichprobe erfolgte ein Screening anhand der Angaben in einem von den Eltern auszufüllenden Fragebogen (mit 6 Items). Bei 13 % der Kinder lagen die Ergebnisse mehr als eine Standardabweichung (SD >1) unter dem Mittelwert und führten zur Diagnose einer „späten Sprachentwicklung“ (late language late language emergence\t \"Siehe LLEemergence, LLE (late language emergence)LLE). Variablen wie BildungsniveauBildungsniveau, mentale mentale GesundheitGesundheit und Erziehungsstil der ElternErziehungsstil der Eltern(variablen)Eltern, mütterliches Alter, sozioökonomischer sozioökonomischer StatusStatus und „funktionierende“ Familie(nvariablen):sozioökonomischer StatusFamilie erwiesen sich nicht als signifikant. Dagegen stellten sich Variablen wie LLE-FamilienanamneseFamilienanamnese, GeschwisterGeschwisterzahl, männliches GeschlechtGeschlecht, FrühgeburtFrühgeburt, niedriges GeburtsgewichtGeburtsgewicht und gleichzeitig vorhandene nonverbale nonverbale EntwicklungsverzögerungenEntwicklungsverzögerungen:nonverbaleEntwicklungsverzögerungen als geeignete PrädiktorenPrädiktoren einer LLE LLE (late language emergence):Prädiktorenheraus. Zubrick et al. (2007) interpretierten ihre Befunde dahingehend, dass sie eher neurobiologische und genetische Erklärungsansätze:neurobiologischeErklärungsansätze:genetischeErklärungsansätze für eine Sprachentwicklungsverzögerung:neurobiologische/genetische ErklärungsansätzeSprachentwicklungsverzögerung unterstützen würden statt auf mütterliche/familiäre Faktoren fokussierte Modelle.
Die norwegische Mutter-Kind-Kohortenstudie (Schjolberg, Eadie, Zachrisson, Øyen & Prior 2011) untersuchte PrädiktorenPrädiktoren einer Sprachentwicklungsverzögerung mit 18 Monaten an 42.107 Kindern. Durch ein Regressions- bzw. Vorhersagemodell mit zahlreichen Variablen (männliches GeschlechtGeschlecht, niedriges GeburtsgewichtGeburtsgewicht/SchwangerschaftsalterSchwangerschaftsalter, MehrlingsgeburtMehrlingsgeburt, ältere GeschwisterGeschwister, geringes BildungsniveauBildungsniveau und mütterliche Variablen:BildungsniveauDistress/DepressionDepression der Mutter mütterliche Variablen:Depressionsowie nicht-norwegischer Sprachhintergrund) ließen sich lediglich 4–7 % der Ergebnisvarianz erklären, sodass die Varianz in den sprachlichen Leistungen mit 18 Monaten weitgehend ungeklärt blieb.
Mit einer 112 Wörter umfassenden holländischen Wortschatz-Checkliste, einer Kurzform des MacArthur Communicative Inventory (MCDI-N; Zink & Lejaegere 2003), testeten Henrichs et al. (2011) mögliche PrädiktorenPrädiktoren für das Abschneiden mit 18 Monaten. Dabei zeigte sich, dass mütterliches mütterliche Variablen:AlterAlter, Eltern(variablen):Erziehungsstresselterlicher (Erziehungs-)Erziehungsstress der ElternStress und ethnische ethnische ZugehörigkeitZugehörigkeit des Kindes 1 % der Varianz im expressiven Wortschatz mit 18 Monaten erklären konnten. Da SchwangerschaftsalterSchwangerschaftsalter und GeburtsgewichtGeburtsgewicht ebenfalls 1 %, GeschlechtGeschlecht und AlterAlter zusätzlich 4 % sowie der rezeptive MCDI-N-Punktwert mit 18 Monaten weitere 16 % erklärten, ergab sich insgesamt ein Prozentsatz von 22 %.
Sprachtestergebnisse von Kindern ab 16–18 Monaten
Die unten zusammengefassten Ergebnisse großer Studien:epidemiologischeepidemiologische Studien:prospektiveepidemiologischer, prospektiver Studien:prospektiveStudien zur sprachlichen Entwicklung von Kindern in den USA, Schweden und den Niederlanden deuten darauf hin, dass der Sprachstatus im Alter von 16–18 Monaten nur einen geringen positiven VorhersageVorhersagewert für spätere SprachentwicklungsverzögerungSprachentwicklungsverzögerungen (SEV\t \"Siehe SprachentwicklungsverzögerungSEV) hat und dass Kinder mit einer späteren SEV im Alter von 16–18 Monaten meist noch unauffällig waren (geringe Sensitivität). Die Varianz in den Ergebnissen mit 30 Monaten ließ sich nur zu einem kleinen Prozentsatz durch demografische Variablendemografische und GeburtsvariablenGeburtsvariablen erklären. Auch wenn sich der Prozentsatz unter Einbeziehung des früheren Sprachstatus leicht erhöhte, blieb die Varianz zum Großteil ungeklärt.
Für ihre Stichprobe mit 1.189 US-amerikanischen Kindern (35 % aus armen Familien, 15 % aus einem zwei-/mehrsprachigen häuslichen häusliches Umfeld:zwei-/mehrsprachigesUmfeld, 37 % Nichtweiße) veröffentlichten Horwitz, Irwin, Briggs-Gowan, Heenan, Mendoza & Carter (2003) folgende Ergebnisse ihres CDI-Kurzform-Tests: 12,5 % der Kinder erzielten mit 18–23 Monaten, 15 % mit 24–29 Monaten und 18 % mit 30–35 Monaten Ergebnisse unterhalb der 10. Perzentile. Obwohl ihre sprachliche Verzögerung mit demografischen Risikofaktoren (niedriges BildungsniveauBildungsniveau der Mutter, ArmutArmut, MinderheitenstatusMinderheitenstatus etc.) verbunden war, lag das relative Risiko bzw. der RR-Quotient jeweils unter 2,0 und nur bei bilingualer bilinguale HerkunftHerkunft darüber (RR=2,78).
Ellis & Thal (2008) berichteten zusammenfassend über ihre Studienergebnisse: Von 577 US-amerikanischen Kindern, die sie mit 16 Monaten untersuchten, stuften sie 461 als typisch entwickelt, 81 als Late-Talker und 35 als expressiv/rezeptiv verzögert ein. Bei 13 Kindern (2,2 %) der Stichprobe wurde mit 6 Jahren eine spezifische SSES (spezifische Sprachentwicklungsstörung)Sprachentwicklungsstörung (SSES) diagnostiziert. Mit 16 Monaten wurden sieben dieser Kinder noch als „typisch entwickelt“ beurteilt und bei den anderen sechs Kindern eine rein expressive (3 Fälle) bzw. eine gemischte expressiv-rezeptive Sprachentwicklungsverzögerung:expressiv-rezeptiveSprachentwicklungsverzögerung:expressiveSprachentwicklungsverzögerung (3 Fälle) festgestellt. Für Kinder, die mit sechs Jahren eine SSES entwickelten, wurde das relative Risiko gemäß der prozentualen Gruppenverteilung mit 8,5 % (gemischte Form), 3,7 % (expressive SEV), 1,5 % (typischer Entwicklungsverlauf) berechnet. Hier zeigte sich, dass eine Sprachentwicklungsverzögerung:frühe rezeptiv-expressivefrühe rezeptiv-expressive SEV ein größeres Risiko darstellte als eine rein expressive SEV, dass die Sprachentwicklung von mehr als der Hälfte dieser Kinder jedoch bis zur SSES-Diagnose im Alter von 6 Jahren unauffällig verlaufen war.
Westerlund, Berglund & Eriksson (2006) untersuchten die Sprachentwicklung von Kindern mit 18 Monaten und mit drei Jahren. Ihre Stichprobe bestand aus 891 Patienten, die in schwedischen Kindergesundheitszentren betreut wurden und deren Eltern den 90 Wörter umfassenden Fragebogen des Swedish Communication Screening für 18 Monate alte Kinder (SCS18; Eriksson, Westerlund & Berglund 2002) ausgefüllt hatten, in dem weniger als acht Wörter als Cut-off-/Grenzwert für eine expressive SEV definiert sind. Bei Dreijährigen setzte eine SEV-Diagnose:SEVDiagnose Sprachentwicklungsverzögerung:Diagnosevoraus, dass sie keine Dreiwortsätze produzierten oder drei von fünf Verständnisfragen der Kinderschwestern nicht verstanden. Nur bei der Hälfte der betroffenen Dreijährigen lag die SEV bereits mit 18 Monaten vor (Sensitivität von 50 %). Bei den meisten Dreijährigen war eine mit 18 Monaten festgestellte SEV nicht mehr nachweisbar (positiver Vorhersagewert von 18 %). Die meisten Kinder, die als Dreijährige keine SEV hatten, waren auch mit 18 Monaten unauffällig gewesen (Spezifität von 90 %). Eine mittels Receiver-operating Characteristics (ROC) berechnete AUC-Fläche (area under the curve) von 77 % deutete lediglich auf eine leidlich gute Vorhersagbarkeit hin.
Henrichs et al. (2011) veröffentlichten Daten zur sprachlichen Entwicklung von 3.759 holländischen Kindern, bei denen mit 18 Monaten eine Verzögerung des expressiven und rezeptiven WortschatzWortschatzerwerbs (<10. Perzentile des MCDI-N) diagnostiziert wurde. Für die inzwischen 30 Monate alten Kinder definierten sie eine expressive Wortschatzverzögerung als Ergebnis unterhalb der 10. Perzentile der holländischen Version des LDS (Language Development Survey)LDS (Rescorla 1989). Zwischen den expressiven MCDI-N-Werten mit 18 Monaten und den LDS-Werten mit 30 Monaten bestand eine viel schwächere Korrelation (0,34) als zwischen den MCDI-N- und den LDS-Werten (0,95) von Zweijährigen (Rescorla, Ratner, Jusczyk & Jusczyk 2005). Die meisten Kinder (71 %), die mit 18 Monaten anhand der MCDI-N-Werte als verzögert eingestuft wurden, erzielten mit 30 Monaten LDS-Ergebnisse im Normalbereich (positiver Vorhersagewert von 29 %), während die meisten Kinder (70 %), die mit 30 Monaten eine Verzögerung erkennen ließen, mit 18 Monaten noch keine auffälligen Befunde (<10. Perzentile) zeigten (Sensitivität von 30 %). Bei den meisten Kindern, die mit 18 Monaten normal abgeschnitten hatten, rangierten die Ergebnisse auch mit 30 Monaten weiterhin im Normalbereich (negativer Vorhersagewert von 93 %), während die meisten Kinder mit normalen Testergebnissen mit 30 Monaten auch schon mit 18 Monaten normal entwickelt waren (Spezifität von 93 %). Um die LDS-Werte bzw. den Status der Verzögerung mit 30 Monaten vorherzusagen, wurden die MCDI-N-Werte (expressiver Wortschatz) mit 18 Monaten zur Berechnung der ROC-Kurve verwendet. Unter der Kurve ergab sich eine Fläche (AUC), die mit 0,74 nur eine leidlich gute prognostische Genauigkeit anzeigte. Mütterliches mütterliche Variablen:AlterAlter und BildungsniveauBildungsniveau, Familienstand, Familie(nvariablen):EinkommenFamilieneinkommen, ethnische ethnische ZugehörigkeitZugehörigkeit und Eltern(variablen):Erziehungsstresselterlicher (Erziehungs-)Erziehungsstress der ElternStress konnten 5 % der Varianz in den LDS-Wortschatz-Ergebnissen mit 30 Monaten erklären. Darüber hinaus erklärten SchwangerschaftsalterSchwangerschaftsalter und GeburtsgewichtGeburtsgewicht 0,2 % sowie GeschlechtGeschlecht und AlterAlter (zu beiden Erhebungszeitpunkten) 1 %, die expressiven z-Werte des MCDI-N mit 18 Monaten weitere 11 % sowie die rezeptiven z-Werte mit 18 Monaten zusätzlich 0,5 %. Im Unterschied zu den Kindern, die zu keinem Zeitpunkt oder lediglich eine frühe Sprachentwicklungsverzögerung (mit 18 Monaten) aufwiesen, kamen die Kinder, die zu beiden Zeitpunkten oder erst später (bei der Erhebung mit 30 Monaten) eine SEV hatten, tendenziell aus einkommensschwachen Familie(nvariablen):einkommensschwacheFamilien mit weniger gebildeten Müttern und größeren elterlichen ErziehungsschwierigkeitenErziehungsschwierigkeiten.
Sprachtestergebnisse über 24 Monate alter Kinder
Wie die unten dargestellten epidemiologischen, prospektiven Studien:prospektiveStudien:epidemiologischeepidemiologische Studien:prospektiveStudien zur sprachlichen Entwicklung von Kindern über 2;0 Jahren zeigen, haben sechs- und siebenjährige Late-Talker trotz durchschnittlicher Testwerte noch immer signifikant schwächere sprachliche Fähigkeiten als typisch entwickelte Gleichaltrige. Bei über zweijährigen Kindern fanden sich nur wenige signifikante PrädiktorenPrädiktoren, deren positiver VorhersageVorhersagewert zudem im Allgemeinen niedrig war.
Anhand der Datensammlung des Early Child Care Research Network des National Institute of Child Health and Human Development (NICHD) verfolgten Armstrong, Marchman & Owen (2007) die sprachliche Entwicklung von 689 Kindern bis zur 5. Klasse: Die erste Gruppe bestand aus 131 Late-Talkern, die mit 36 und 54 Monaten jeweils Werte unterhalb der 10. Perzentile des CDI und Werte unter 85 auf Reynells Expressive Language Scale (Reynell & Gruber 1990) erreichten; die zweite Gruppe bildeten 39 Late-Bloomer (CDI-Werte <10. Perzentile und Reynell-Werte >85 bei der Erhebung mit 54 Monaten), die dritte Gruppe umfasste 558 typisch entwickelte Kinder (CDI-Werte >10. Perzentile mit 2;0 Jahren und Reynell-Werte >85 mit 4;6 Jahren). Diese drei Gruppen unterschieden sich in der 5. Klasse in drei Subtests der Woodstock-Johnson Psychoeducational Battery (WJ-R; Woodcock & Johnson 1989): im Bilderwortschatz, im Buchstaben-Wort-Erkennen und im Behalten von Sätzen. Auch wenn die Late-Talker-Gruppe in den ersten beiden Subtests zu allen Erhebungszeitpunkten durchschnittliche Leistungen zeigte, schnitt sie in allen Messungen am schlechtesten ab. Die typisch entwickelte Gruppe erzielte stets die besten Ergebnisse, während die Leistungen der Late-Bloomer-Gruppe zwischen diesen beiden Gruppen lagen. Dies wäre mit einem Gradienten- oder dimensionalen Gradientenmodell\t \"Siehe dimensionales Modelldimensionales Modell:SprachfähigkeitenModell sprachlicher sprachliche Fähigkeiten:dimensionales ModellFähigkeiten vereinbar.
Berichte über die sprachliche Entwicklung im Alter von 2–4 Jahren liegen auch für 1.596 Kinder der australischen ELVS-Kohorte vor (Reilly et al. 2010). Bei der klinischen Beurteilung der sprachlichen Grundlagen im VorschulalterVorschulalter (Clinical Evaluation of Language Fundamentals CELF-P2; Wiig, Secord & Semel 2006) galt eine Standardabweichung von 1,25 unter dem Mittelwert als Schwellenwert einer Sprachentwicklungsverzögerung:und SSESSprachentwicklungsverzögerung. Nach dieser Definition lag bei 13 % der Vierjährigen eine expressive und bei 16 % eine rezeptive SEV vor. Nach dem Ausschluss von Kindern mit einem niedrigen nonverbalen IQ, einer Autismus-Spektrum-Störung, Hörschwäche und nicht-englischsprachigem Hintergrund wurde bei 17 % der Kinder aufgrund ihrer rezeptiven und/oder expressiven SEV eine SSES (spezifische Sprachentwicklungsstörung):und SEVSSES diagnostiziert. Mit einem multivariaten Regressionsmodell ließen sich unter Einbeziehung von 12 Variablen (männlich, ZwillingZwilling, FrühgeburtFrühgeburt, geringes GeburtsgewichtGeburtsgewicht, ältere GeschwisterGeschwister, nicht-englischsprachiger Hintergrund, niedriger sozioökonomischer sozioökonomischer StatusStatus, familiäre Sprachstörungen:familiäreSprachstörungen, BildungsniveauBildung, psychische psychische ProblemeProbleme, Alter und Wortschatz der Mutter) 19–21 % der Varianz in den CELF-P2-Ergebnissen erklären. Wurde als weitere Variable eine SEV mit zwei Jahren addiert, erhöhte sich der Prozentsatz auf 24–30 %. Das heißt, die Befunde mit zwei Jahren erlaubten eine präzisere Prognose hinsichtlich der sprachlichen Entwicklung von Vierjährigen als die Befunde mit 12 Monaten für die sprachliche Entwicklung von Zweijährigen. Dennoch blieb die Varianz zum Großteil ungeklärt. Die stärksten PrädiktorenPrädiktoren für eine expressive SEV mit vier Jahren waren fremdsprachiges häusliches häusliches Umfeld:fremdsprachigesUmfeld, männliches GeschlechtGeschlecht, viertgeborenes GeschwisterGeschwisterkind und familiär gehäuftes Vorkommen von Sprachstörungen:familiäreSprachstörungen.
In einer britischen ZwillingsstudieZwillingsstudie untersuchten Dale, Price, Bishop & Plomin (2003) den expressiven Wortschatz. Zweijährige Kinder, die weniger als 15 Wörter beherrschten und damit die 10. Perzentile der 100 Wörter umfassenden Kurzform des MacArthur Communicative Development Inventory (MCDI-UKSF; Dionne, Dale, Boivin & Plomin 2003) unterschritten, identifizierten sie als Late-Talker. Bei 802 der 8.386 Kinder (9,6 % der Stichprobe, 65 % Jungen) wurde aufgrund von Angaben der Eltern eine frühe Sprachverzögerung (early language delay, ELD) diagnostiziert. Kinder mit einer ELD schnitten in Bezug auf nonverbale Fähigkeiten, Grammatik und Referenz auf Dinge (Objekte oder Ereignisse) außerhalb des Hier und Jetzt („displaced references“) schlechter ab und hatten zudem weniger gebildete Mütter. Mit einer Effektgröße von 5,7 % erwiesen sich die nonverbalen nonverbale FähigkeitenFähigkeiten als einflussreichste Variable. Wenn ein Punktwert unterhalb der 15. Perzentile in zwei von drei Sprachtests (WortschatzWortschatz, GrammatikGrammatik, abstrakte Sprache:abstrakteabstrakte SpracheSprache) als ELD-Kriterium angesetzt wurde, waren 11 % der Stichprobe (835 Kinder) mit drei Jahren als „sprachverzögert“ einzustufen: 61 % von ihnen waren es als Zweijährige noch nicht gewesen, bei 44 % der Dreijährigen bestand eine früher (mit zwei Jahren) diagnostizierte ELD auch weiterhin. Wurde dasselbe Kriterium bei Vierjährigen angelegt, waren 12 % (746 Kinder) sprachverzögert. Nur bei 34 % von ihnen war dies bereits mit zwei Jahren entdeckt worden; bei 40 % der Kinder lag eine mit zwei Jahren diagnostizierte ELD auch mit vier Jahren noch vor. Logistische Regressionsanalysen, die sich auf die Testergebnisse im Alter von zwei Jahren stützten, ergaben eine Sensitivität von 42 % hinsichtlich des Abschneidens mit drei Jahren bzw. von 52 % für das Abschneiden mit vier Jahren. Das bedeutet, dass sich mit diesem Modell nur für knapp die Hälfte oder noch weniger Kinder eine Sprachentwicklungsverzögerung:ModellSprachentwicklungsverzögerung an späteren Nachuntersuchungszeitpunkten vorhersagen ließ. Es zeigte sich auch, dass die sprachliche Verzögerung, die das Modell prognostizierte, nur bei 57 % der Dreijährigen und bei 64 % der Vierjährigen tatsächlich eintrat (positiver Vorhersagewert). Insgesamt sind eine Sprachentwicklungsverzögerung mit zwei Jahren und eine Reihe zusätzlicher Faktoren daher wenig geeignet, spätere Sprachbefunde vorherzusagen. Denn mehr als die Hälfte der Kinder, bei denen mit zwei Jahren eine ELD diagnostiziert wurde, erzielten mit drei oder vier Jahren normale Testergebnisse, während die meisten Drei- oder Vierjährigen, bei denen eine Verzögerung festgestellt wurde, in Sprachtests mit zwei Jahren noch normale Ergebnisse erzielt hatten.
Rice, Taylor & Zubrick (2008) berichteten, wie Kinder mit einer LLE und mit normaler Sprachentwicklung (NLE) aus der Studie von Zubrick et al. (2007) im Alter von sieben Jahren abschnitten. Mit zwei Jahren war bei 128 Kindern (19 % der Stichprobe) eine expressive und bei 88 von ihnen zusätzlich eine rezeptive Sprachentwicklungsverzögerung festgestellt worden. Zu den Ausschlusskriterien gehörten Intelligenzminderung, Autismus-Spektrum-Störung, Hörstörungen, Down-Syndrom und Zerebralparese. Als Siebenjährige unterschieden sich die Kinder der LLE-Gruppe weder in Bezug auf sozioökonomischer Statussozioökonomische bzw. demografische demografische VariablenVariablen noch in Bezug auf ihre nonverbale nonverbale IntelligenzIntelligenz von den Kindern der NLE-Gruppe; in allen Sprachtests lagen ihre Ergebnisse im Normalbereich. Signifikant schlechter als die NLE-Gruppe schnitten sie jedoch in den Bereichen rezeptiver WortschatzWortschatz, ArtikulationArtikulation und GrammatikGrammatik (mehrere Subtests) ab. Der größte Unterschied zwischen beiden Gruppen zeigte sich bei morphosyntaktischen morphosyntaktische AufgabenAufgaben. Der Prozentsatz der LLE-Kinder, die mindestens eine Standardweichung unter dem Durchschnitt lagen, schwankte in allen gemessenen Parametern zwischen 4 und 23 %. Als signifikant erwiesen sich dabei die Gruppenunterschiede in 7 der insgesamt durchgeführten 17 Subtests.

Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse

Trotz einer gewissen Variationsbreite in den veröffentlichten Sprachtestergebnissen erreichten die meisten Late-Talker mit fünf, sechs oder sieben Jahren durchschnittliche Werte (Ellis & Thal 2008; Ellis Weismer 2007; Girolametto et al. 2001; Paul et al. 1997; Rescorla 2002, 2005, 2009; Rice et al. 2008; Whitehurst et al. 1989). Wichtig ist hierzu anzumerken, dass die meisten Late-Talker im GrundschulalterGrundschulalter selbst bei Testaufgaben, die ihnen offenbar besondere Schwierigkeiten bereiten, d. h. bei Grammatik- und verbalen Gedächtnisaufgaben, im Mittelfeld rangierten (Rescorla 2002; Rice et al. 2008).
Obwohl Late-Late-Talker:GrundschulalterTalker also meistens durchschnittliche Ergebnisse während der Grundschulzeit erzielten, schnitten sie als Gruppe in vielen Sprachtests signifikant schlechter ab als Kinder mit typischem Sprachentwicklungsverlauf. Zu den Ersten, die darüber berichteten, gehörten Paul (1996) und Rescorla (2002). In späteren Studien konnte dieser Befund unter anderem von Moyle et al. (2007), Ellis Weismer (2007), Rescorla (2005, 2009), Thal et al. (2005), Armstrong et al. (2008) und Rice et al. (2008) reproduziert werden.
Dass sich Late-Talker in Bezug auf ihre rezeptiven Sprachfähigkeiten signifikant und substanziell (d=0,78) von den typisch entwickelten Kindern der Vergleichsgruppe unterschieden, obwohl zur Aufnahme in die Studie (mit 24–31 Monaten) bei allen altersgemäße rezeptive Sprachtestwerte vorausgesetzt wurden, ist ein wichtiges Forschungsergebnis von Rescorla. Dies lässt den Schluss zu, dass nicht nur die expressive Sprachentwicklung der Late-Late-Talker:JugendalterTalker von Anfang an verzögert war, sondern dass sie generell schwächere sprachliche Fähigkeiten hatten. Der beträchtliche Unterschied in den rezeptiven sprachlichen Fähigkeiten persistierte bis ins JugendalterJugendalter und ist daher vermutlich eher als nachhaltig stabiler statt nur temporärer individueller Unterschied zu betrachten (Rescorla 2009, 2013). Ein anderer wichtiger Befund von Rescorlas Untersuchungen war, dass sich der große Gruppenunterschied in den expressiven Sprachkenntnissen, der zu Beginn der Studie rund zwei Standardabweichungen betrug, bei 0,80–1,00 SD stabilisierte, sobald die Late-Talker aufholten und bezüglich ihres Wortschatzes Werte im Normalbereich erreichten. Die anfänglich starke Verzögerung im Wortschatzerwerb blieb somit nicht dauerhaft bestehen, sondern stellte sich als Frühsymptom einer in abgeschwächter Form bis ins Jugendalter (17 Jahre) anhaltenden expressiven Sprachschwäche heraus.
Sprachbegabungsspektrum – ein (mehr)dimensionaler Erklärungsansatz
Dass SprachbegabungsspektrumLate-Talker als Gruppe durchschnittliche Ergebnisse erzielen, aber dennoch hinter dem sprachlichen Leistungsniveau von Gleichaltrigen mit typischer Sprachentwicklung zurückbleiben, ist eine Tatsache, die ein dimensionales dimensionales Modell:Sprachverzögerungdimensionales Modell:SprachbegabungModell der Sprachentwicklungsverzögerung:dimensionales ModellSprachverzögerung stützt. Nach dieser Vorstellung wären Late-Talker aufgrund von quantitativen Unterschieden gegenüber Kindern mit typischer Sprachentwicklung in einem hypothetischen Sprachbegabungsspektrum links von diesen anzusiedeln (Rescorla 2009, 2013). Indem er eher einen quantitativen statt qualitativen Unterschied zwischen Late-Talkern und typisch entwickelten Kindern postuliert, impliziert der (mehr)dimensionale mehrdimensionaler Erklärungsansatz\t \"Siehe dimensionales ModellAnsatz auch, dass nicht ein einzelnes Defizit oder eine einzige Abweichung ein Kind zum Late-Talker macht. Die Modellierung von Sprachfähigkeiten als Spektrum steht mit den Vorstellungen von Leonard (1991) und von Bishop & Edmundson (1987) im Einklang. Ellis Weismer (2007) verbindet den Begriff „Sprachbegabungsspektrum“ mit der breiteren theoretischen Debatte über die Charakterisierung von Sprachstörungen als Kontinuum oder Dichotomie (Dollaghan 2004).
Wie Rescorla (2002, 2005, 2009) argumentiert, lässt sich das Sprachbegabungsspektrum – ähnlich wie Intelligenz – als Variation verschiedener Fähigkeiten konzeptualisieren, die eigenständig, aber miteinander verbunden zur Sprachbegabung beitragen. Hierbei scheinen auditive Wahrnehmung/auditive Wahrnehmung/VerarbeitungVerarbeitung, WortfindungWortfindung, verbales ArbeitsgedächtnisArbeitsgedächtnis, sprechmotorische sprechmotorische PlanungPlanung, phonologische phonologische DiskriminationDiskrimination und das Erlernen grammatischer grammatische Regeln:ErlernenRegeln eine Rolle zu spielen. Während besonders sprachbegabte Kinder in allen Bereichen ausgezeichnete Fähigkeiten haben dürften, könnten mäßig sprachbegabte Kinder in allen Bereichen durchschnittliche Fähigkeiten oder eine Mischung aus stärker und schwächer entwickelten Fähigkeiten besitzen. Dass sich eine Sprachentwicklungsverzögerung manifestiert, wird umso wahrscheinlicher, je mehr sprachliche Fähigkeiten/Bereiche eines Kindes betroffen sind. Da die Fähigkeitsprofile von Late-Talkern gewisse Variationen erkennen lassen, liegen bei einigen möglicherweise auditive Verarbeitungsdefizite vor, und bei anderen könnte statt der auditiven Verarbeitung z. B. die verbale Arbeitsgedächtnis- oder die Wortfindungskapazität eingeschränkt sein.
Ein Argument für das (mehr)dimensionale Sprachbegabung:(mehr)dimensionales ModellSprachbegabungsmodell ist der bei Messungen bzw. in Sprachtests kontinuierlich vorfindbare Zusammenhang zwischen unterschiedlichen sprachliche FähigkeitenSprachfähigkeiten. In Rescorlas Late-Talker-Studie waren Parameter wie WortschatzWortschatz, GrammatikGrammatik, verbales ArbeitsgedächtnisArbeitsgedächtnis, phonologische Fähigkeitenphonologische und LesefähigkeitenLesefähigkeiten stets miteinander korreliert; zwischen den Faktoren Wortschatz/Grammatik und verbales Gedächtnis bestand z. B. bei 17-Jährigen eine Korrelation von 0,65 und mit dem Faktor Lesen/Schreiben eine Korrelation von 0,64 (Rescorla 2009). Dieses Muster erinnert an die konstant erkennbaren positiven Korrelationen in kognitiven (IQ-)Tests, deren Muster als „g“ oder manchmal auch als „positive Mannigfaltigkeit“ bezeichnet wird. Rescorlas Studien lassen einen gemeinsamen Kernkomplex sprachverwandter Fähigkeiten vermuten, der zum großen Teil von den über einen Nachbeobachtungszeitraum von 15 Jahren ermittelten Messwerten in den Bereichen WortschatzWortschatz, GrammatikGrammatik, verbales ArbeitsgedächtnisGedächtnis und LesenLesen abgedeckt wird, wobei zwischen den drei explizit „sprachlichen“ Fähigkeiten eine engere Verbindung als zu den Lesefähigkeiten besteht. Dieser gemeinsame Kernkomplex von Sprachfähigkeiten ist der Grund, weshalb sich 17 % der Varianz in den Wortschatz-/Grammatikkompetenzen von 17-Jährigen aus ihrem 15 Jahre früher gemessenen LDS-Wert im Alter von zwei Jahren prognostizieren ließen. Da dem Erwerb des expressiven Wortschatzes mit 12–24 Monaten eine Schlüsselfunktion in der Sprachentwicklung zukommt, liegt bei den Kindern, die langsamere Fortschritte machen, wahrscheinlich ein – wenn auch nur leichtes – Defizit vor. Dieses zugrunde liegende Defizit tritt als verspäteter Sprechbeginn, verspäteterSprechbeginn (Late-Talking) in Erscheinung und manifestiert sich danach fortlaufend als schlechteres Abschneiden der Kinder in Sprachtests im Vergleich zu typisch entwickelten Peers, selbst wenn sie durchschnittliche Ergebnisse erzielen und daher strenggenommen nicht „verzögert“ sind.
Die Vorstellung von einem persistierenden Sprachbegabungsdefizit milder Ausprägung erhält zusätzliche Evidenz durch Rescorlas (2013) Entdeckung, dass sich das auffälligste Defizit von Late-Talkern im Laufe der Zeit seinem Wesen nach verändert. Genauer gesagt war die verzögerte Sprachentwicklung von Late-Talkern zunächst in der PhonologiePhonologie (sie verwendeten weniger Konsonantenlaute oder komplexe Silben) und im WortschatzWortschatz (unter der 50-Wort-Grenze mit 24–31 Monaten) erkennbar. Im Alter von drei Jahren hatten fast 80 % der Late-Talker ihren Rückstand im expressiven Wortschatz bzw. rund 50 % den Rückstand in der Phonologie aufgeholt, doch nun verfügten nur 25 % von ihnen über altersgemäße grammatische Kompetenzen. Mit fünf Jahren schienen die grammatischen grammatische FähigkeitenFähigkeiten der meisten Late-Talker den altersgemäßen Erwartungen zu entsprechen, obwohl ihre Testergebnisse noch immer ca. 1 SD unter denen der Vergleichsgruppe lagen. Jetzt trat ihre verzögerte (Sprach-)Entwicklung beim Gebrauch von anspruchsvolleren Grammatik- und Wortschatzstrukturen zutage, wie etwa KomplementsätzeKomplementsätzen und kognitiven kognitive ZustandsbeschreibungenZustandsbeschreibungen. Mit acht Jahren zeigten sich eher Defizite in den ErzählfähigkeitenErzählfähigkeiten und bei der Verwendung komplexer syntaktischer syntaktische Strukturen:komplexeStrukturen (erweiterte Nominalphrasen:erweiterteNominalphrasen, Relativ- und W-W(h)-SätzeRelativsätzeSätze bzw. propositionale Komplementsätze, Komplementsätze zu Nominal- und Adverbialphrasen), die zur abwechslungsreichen Ausgestaltung von GeschichtenGeschichten nötig sind. Verglichen mit typisch entwickelten Peers, die sich bei NarrationenNarrationen, DefinitionenDefinitionen, ErklärungenErklärungen, BeschreibungenBeschreibungen oder Darstellungen einer komplexeren, differenzierteren Sprache:komplexere, differenziertereSprache bedienen können, stellt dieses Defizit bei Late-Talkern am nachhaltigsten ihre kontinuierlich schwächere Sprachbegabung:schwächereSprachbegabung unter Beweis.
Dass sich bei bestimmten Fähigkeiten am ehesten in der Mitte der jeweiligen LernkurveLernkurve Gruppenunterschiede ausbilden, ist ein weiteres wichtiges Forschungsergebnis aus Rescorlas Late-Talker-Studien. So unterschieden sich Late-Talker- und Vergleichsgruppen mit fünf Jahren z. B. nicht in ihrer phonologischen phonologische BewusstheitBewusstheit, die Kinder in dem Alter noch nicht voll beherrschen. Bei Sechsjährigen zeigte sich ein signifikanter Unterschied zwischen beiden Gruppen, der jedoch ein Jahr später nicht mehr erkennbar war, da sich bei allen Kindern mit sieben Jahren phonologische Bewusstheitsfähigkeiten – zumindest in den verwendeten Tests – nachweisen ließen. Dasselbe Muster zeichnete sich beim dekodierenden LesenLesen ab: Bei den Sechs- und Siebenjährigen waren keine signifikanten Unterschiede erkennbar, da es sich in beiden Gruppen um Leseanfänger handelte. Mit 8–9 Jahren hatten sich beträchtliche Unterschiede zwischen den flüssig lesenden Kindern der Vergleichsgruppe und den eher gemischten Lesekompetenzen der Late-Talker-Gruppe herauskristallisiert. Mit 13 Jahren unterschieden sich beide Gruppen nicht mehr signifikant, da alle Kinder geübte „Dekodierer“ geworden waren. Dennoch lassen große Unterschiede im Leseverständnis vermuten, dass die Late-Talker auch mit 13 Jahren weniger versierte Leser als die Kinder der Vergleichsgruppe waren (Rescorla 2005). Dieses Muster ähnelt der von Scarborough & Dobrich (1990) beschriebenen „illusorischen Verbesserung“ (illusory recovery)illusorische Verbesserung (illusory recovery) der sprachlichen sprachliche Fähigkeiten:illusory recoveryFähigkeiten von Kindern, die ihren Rückstand nach einer anfänglichen Verzögerung aufzuholen scheinen, während das eigentliche Defizit in Wirklichkeit fortbesteht und sich später in etwas veränderter Form erneut manifestieren kann.
Wie die großen epidemiologischen Studien:epidemiologischeepidemiologische StudienStudien von Zubrick et al. (2007) und Reilly et al. (2010) belegen, erhöht sich durch eine FamilienanamneseFamilienanamnese mit verzögerter Sprachentwicklung die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder zu Late-Talkern werden. Darüber hinaus wird über ein familiär gehäuftes Vorkommen solcher Verzögerungen auch im Rahmen kleinerer Late-Talker-Längsschnittstudien berichtet. Lyytinen et al. (2001) fanden heraus, dass das genetische Dyslexie- bzw. Legasthenie-Legasthenie-RisikoDyslexie-RisikoRisiko bei Late-Talkern, die im Alter von zwei Jahren als solche diagnostiziert wurden, eng mit einer persistierenden Sprachentwicklungsverzögerung verbunden war. Diese Befunde lassen eine gewisse Erblichkeit von SprachbegabungErblichkeit der Sprachbegabung:ErblichkeitSprachbegabung vermuten, wobei biologische Faktorenbiologische bzw. Sprachbegabung:biologische/genetische Faktorengenetische genetische FaktorenFaktoren ihren stärksten Einfluss offenbar in frühen EntwicklungsphasenEntwicklungsphasen entfalten. Angeborene Eigenschaften werden aber immer von Umgebungseinflüssen (mit) geprägt, sodass sich in der Lernfähigkeit von Kindern, die gerade zu sprechen beginnen, sowohl ihre Begabung als auch der linguistische Einfluss ihrer Umgebung widerspiegelt. Wenn Kinder heranwachsen, wird es für ihre sprachlichen Fähigkeiten zunehmend wichtiger und entscheidender, wie viel und wie gut die Eltern mit ihnen reden.
Der (mehr)dimensionale Erklärungsansatz von Sprachbegabung:(mehr)dimensionales Modelldimensionales Modell:SprachbegabungSprachbegabung steht mit den kürzlich von Plomin (2013) formulierten Thesen zur Genetik von Verhaltens-/EntwicklungsstörungenGenetik von Verhaltens- bzw. Verhaltensstörungen:GenetikEntwicklungsstörungen:GenetikEntwicklungsstörungen im Einklang. Plomin diskutiert ein von ihm als „fehlende Erblichkeit“ (missing heritability) bezeichnetes Problem, dass nämlich Verhaltensmerkmale wie der IQ in hohem Maße erblich sein sollen, wobei die einzigen Gene, die bisher mit dem IQ in Verbindung gebracht wurden, allerdings lediglich einen kleinen Teil der Varianz erklären konnten. Daraus folgert Plomin, dass Anlagen oder Merkmale (Traits) wie der IQ oder die Lesefähigkeit (und sogar die Körpergröße) erst durch viele kleine, unterschiedliche genetische Einflüsse erblich werden. Wenn solche Merkmale durch viele kleine Effekte determiniert werden, impliziert dies auch, dass es sich um inhärente, quantitative oder mehrdimensionale Eigenschaften handeln muss. Daher konstatiert Plomin, „from a genetic perspective there are no common disorders, just the extremes of quantitative traits“ [„Aus genetischer Perspektive gibt es keine allgemeinen Störungen, sondern lediglich Extreme in der Ausprägung quantitativer Merkmale“] (Plomin 2013: 115).
Sprachbegabung und sprachliche Leistungen
Nach diesem Konzept von SprachbegabungSprachbegabung führen individuell unterschiedlich gut entwickelte Fähigkeiten, die die Sprachentwicklung unterstützen, auch zu individuell unterschiedlichen sprachlichen Leistungen (PerformanzPerformanz). Dass es zwischen den mutmaßlichen „Sprachbegabungs-Skills“ und den tatsächlichen sprachlichen Leistungen eine Verbindung geben könnte, wird allerdings erst allmählich evident. Die Verbindung zwischen auditiver Wahrnehmung/auditive Wahrnehmung/VerarbeitungVerarbeitungsfähigkeit und sprachlichen Leistungen dürfte am besten belegt sein. So deuten z. B. die Befunde von Fernald & Marchman (2012) und von Marchman & Fernald (2008) darauf hin, dass die schwächere SprachverarbeitungsfähigkeitSprachverarbeitungsfähigkeit eines der entscheidenden Defizite von Late-Talkern darstellen könnte. Bei einer lexikalischen Verarbeitungsaufgabe im Alter von 18 Monaten erwiesen sich insbesondere ReaktionszeitenReaktionszeit und Genauigkeit als prognostisch signifikant für das spätere WortschatzwachstumWortschatzwachstum, bei typisch entwickelten Kindern ebenso wie bei Late-Talkern.
Gut belegt ist auch der Zusammenhang zwischen verbalem ArbeitsgedächtnisArbeitsgedächtnis, einer weiteren mutmaßlichen Sprachbegabungsfähigkeit, und sprachlichen Leistungen. Zu den robust und konstant nachweisbaren Schwächen, die sich bei Late-Talkern manifestieren, zählen verbale Gedächtnisdefizite, trotz sprachlicher Leistungen im Normalbereich bei der Nachuntersuchung. Fernalds Studien konnten darüber hinaus eine signifikante Verbindung zwischen den lexikalischen Verarbeitungsfähigkeiten mit 18 Monaten und dem verbalen Arbeitsgedächtnis mit acht Jahren aufzeigen. Insbesondere die Kinder, die im Krabbelalter lexikalische Verarbeitungsaufgaben langsamer und weniger genau lösten, hatten noch mehr als sechs Jahre danach schwächer entwickelte verbale Arbeitsgedächtniskapazitäten.
Wenn Late-Talker Begriffe wie „Auto“, „Hund“ oder „Saft“ offensichtlich gut verstehen, die Wörter selbst aber nicht produzieren, könnten WortfindungsstörungenWortfindungsschwierigkeiten vorliegen. Auch die von Ratner (2013) beschriebenen subklinischen UnflüssigkeitenUnflüssigkeiten bei Late-Talkern gehen möglicherweise mit einer Wortfindungsschwäche einher. Zudem scheinen auch bei den Late-Talkern, die in der Grundschulzeit durchschnittliche sprachliche Ergebnisse erzielen, in Gesprächs- und Untersuchungssituationen häufiger Wortfindungsstörungen:in Gesprächs- und UntersuchungssituationenWortfindungsstörungen aufzutreten. Dieses Restsymptom einer sprachlichen Schwäche bei (ehemaligen) Late-Talkern wäre gut als Schwerpunkt zukünftiger Forschung geeignet.
Zu einer verzögerten Entwicklung des Wortschatzes scheinen auch Schwierigkeiten mit der sprechmotorischen sprechmotorische PlanungPlanung (Lautbildung in Wörtern) und der phonologischen phonologische DiskriminationDiskrimination (Unterscheidung verwandter Phoneme) beizutragen. Im Hinblick auf Late-Talker sind diese Aspekte allerdings noch nicht gründlich untersucht worden. Dass Late-Talker über ein eher begrenztes Repertoire an KonsonantenKonsonanten verfügen, einfache SilbenformenSilbenformen bevorzugen und manchmal Artikulations- und RedeflussstörungenArtikulationsstörungenRedeflussstörungen zeigen, wenn sie älter werden, lässt auf Probleme mit der Wahrnehmung und/oder Produktion von Lauten schließen; sie wären es wert, näher erforscht zu werden.
Als mutmaßliche Sprachbegabungsfähigkeit ist schließlich noch das grammatische grammatisches RegelwissenRegelwissen zu erwähnen. Für Verzögerungen der frühen Wortschatzentwicklung scheint es weniger relevant zu sein, doch die später bei Late-Talkern auftretenden Verzögerungen auf der Syntaxebene könnten eng damit zusammenhängen. Der „Erweiterte optionale Infinitiv“-Ansatz (extended optional infinitive)erweiterter optionaler Infinitiv (extended optional infinitive) von Rice & Wexler (1996) soll hier stellvertretend für Theorien genannt werden, denen zufolge sich in einer – gewöhnlich erst im Alter ab vier Jahren diagnostizierten – spezifischen Sprachentwicklungsstörung (SSES) das Unvermögen widerspiegelt, zu realisieren, dass in bestimmten grammatikalischen Kontexten keine unflektierten Verbformen (Infinitive) im Englischen erlaubt sind (z. B. „he run-s“). Obwohl die mangelhafte Beherrschung grammatischer Regeln für Late-Talker im Vorschul- und für Kinder mit SSES bis zum Grundschulalter (7 Jahre) gut dokumentiert ist, fehlen bislang Studien, die mit experimentellen Methoden (z. B. Lernen künstlicher Grammatiken) untersuchen, wie es Kindern mit SSES gelingt, sprachlichen Stimuli Regeln zu entnehmen. Auch hier böte sich ein gutes Feld für zukünftige Forschungen.
Es mag sein, dass sich in den Fähigkeiten, die das SprachbegabungsspektrumSprachbegabungsspektrum konstituieren sollen, weniger modulare, sprachspezifische sprachspezifische Kompetenzen:modulareKompetenzen als vielmehr allgemeine kognitive Funktionen:allgemeinekognitive und WahrnehmungsfunktionenWahrnehmungsfunktionen widerspiegeln. So gab es z. B. heftige Diskussionen um die Frage, ob bei Kindern mit Lese- und/oder Sprachschwierigkeiten sprachspezifische auditive auditive VerarbeitungsproblemeVerarbeitungsprobleme oder eher generalisierte auditive Verarbeitungsdefizite für Stimuli unterschiedlicher Art vorlägen (u. a. Mody, Studdert-Kennedy & Brady 1997). Wie oben erwähnt, schließt der Grammatikerwerb die Fähigkeit ein, aus der Sprache von anderen bestimmte Gesetz- und Regelmäßigkeiten ableiten bzw. folgern zu können (z. B. dass im Englischen die meisten Pluralformen auf -s enden oder dass die 3. Person Singular im Präsens meist ein -s erfordert). Obwohl es sein kann, dass es Kindern mit Sprachproblemen einfach schwerfällt, Grammatikregeln zu lernen, könnte sich hinter dieser Schwäche auch ein größeres Defizit verbergen, das allgemein die MustererkennungMustererkennung (Pattern Recognition) und das inferierende (folgernde) Lernen:von RegelnLernen von Regeln betrifft; dazu muss unter einer Vielzahl völlig verschiedener Exemplare eine Gemeinsamkeit entdeckt werden können. Meines Wissens hat bisher noch niemand untersucht, ob sich individuell unterschiedliche Grammatikkompetenzen vielleicht auch mit individuellen Unterschieden in der Mustererkennung und im inferierenden Lernen:inferierendesLernen erklären lassen.
Man könnte auch damit argumentieren, dass assoziatives Lernen:assoziativesassoziatives LernenLernen beim WortschatzerwerbWortschatzerwerb eine Rolle spielt (d. h. das Kind muss dahin kommen, die Laute /h-u-n-d/ in seiner Vorstellung mit einem felltragenden, vierbeinigen, bellenden Lebewesen zu verbinden). Deshalb könnten WortfindungsstörungenWortfindungsstörungen ein generelleres assoziatives Lernen:Defizitassoziatives Lerndefizite:assoziativeLerndefizit widerspiegeln. Während bei manchen Kindern schon nach wenigen Präsentationen eine starke Verbindung zwischen Wort und Bezugsobjekt (Referent) entsteht, benötigen andere Kinder ein wiederholtes Angebot solcher „Objekt-Begriffs-Paarungen“. Individuelle Unterschiede der assoziativen Lernfähigkeiten sind möglicherweise auch prognostisch für die (Wortschatz-)Erwerbsrate von Bedeutung.

Fazit und Ausblick

Ellis Weismer (2007) unterstreicht das verwirrende Missverhältnis zwischen dem geringen Prozentsatz an Late-Late-Talker:KindergartenalterTalkern mit manifester SSES im Alter von fünf Jahren und den 7 %, bei denen im KindergartenalterKindergartenalter eine SSES bzw. SLI diagnostiziert wird (Tomblin et al. 1997), was sie zwingend folgern lässt: „Given the relatively low proportion of late talkers who display clinical language impairment at school entry, we must continue to ask where those 7 % of kindergarten children with SLI come from if not from the ranks of late talkers“ (Ellis Weismer 2007: 95). [„Angesichts des relativ geringen Anteils an Late-Talkern, die beim Schuleintritt eine klinisch manifeste Sprachstörung aufweisen, müssen wir uns fragen, woher die 7 % Kindergartenkinder mit spezifischer Sprachentwicklungsstörung (SSES) kommen, wenn nicht aus den Reihen der Late-Talker“].
Schulkinder und Jugendliche mit einer SSES-Diagnose stellen vermutlich eine gemischte Gruppe aus weniger sprachbegabten Kindern (die bereits seit dem Krabbelalter sprachverzögert sind) und Kindern mit psychosozialen psychosoziale RisikofaktorenRisikofaktoren dar. Obwohl beide Untergruppen auf unterschiedlichen Wegen und mit unterschiedlicher Zusammensetzung der jeweiligen genetisch bzw. umgebungsbedingten Kausalfaktoren zu einer manifesten SSES gelangen, sehen sich ihre Störungsbilder am Ende recht ähnlich: mit gering entwickelter KonzentrationsfähigkeitKonzentrationsfähigkeit (beim Zuhören), einem begrenzten WortschatzWortschatz und schwachen GrammatikGrammatikkompetenzen. Daneben lassen sich Schwierigkeiten auf höheren sprachlichen Ebenen (erklären, beschreiben, erzählen können) beobachten, die alle zu einem intellektuell schwächeren Leistungsprofil beitragen.
Wie oben bereits erwähnt, gibt es bei den Kindern, die erst im Alter von 18–36 Monaten zu sprechen beginnen, verschiedene Untergruppen (z. B. mit Autismus-Spektrum-Autismus-Spektrum-StörungStörung, IntelligenzminderungIntelligenzminderung, HörstörungenHörstörungen, Late-Talker mit rezeptiver oder rein expressiver Verzögerung). Erwähnt wurde auch, dass nur sehr wenige epidemiologische Studien:epidemiologischeepidemiologische StudienStudien, die Kinder mit expressiver Sprachentwicklungsverzögerung untersuchten, sich mit deren prozentualer Verteilung auf die genannten Untergruppen befassten. Das legt den Schluss nahe, dass sich der Fokus zukünftiger Forschungen stärker auf die DifferenzialdiagnosenDifferenzialdiagnosen richten sollte, um alle Kinder mit einer expressiven Sprachentwicklungsverzögerung in solchen (epidemiologischen) Kohortenstudien identifizieren zu können.
Die Ergebnisse kleiner Längsschnittstudien mit Late-Talkern aus MittelschichtsfamilienMittelschichtsfamilien deuten daraufhin, dass sich die Störung „auswächst“ und dass die Kinder bis zum SchuleintrittSchuleintritt ihren Rückstand aufholen; nur bei einer Minderheit wird eine SSES diagnostiziert. Um festzustellen, bei welchen Late-Talkern die Sprachverzögerung persistieren und sich eine SSES manifestieren wird und bei welchen Kindern sich im Grundschulalter oder später eine SSES entwickelt, obwohl sie keine Late-Talker waren, sind allerdings größere BevölkerungsstudienBevölkerungsstudien erforderlich. Die bislang vorliegenden Studien lassen vermuten, dass bei älteren Kindern mit Sprachstörungen der sozioökonomische sozioökonomischer StatusStatus offenbar zunehmend mehr Bedeutung als ätiologischer ätiologische FaktorenFaktor gewinnt. Es bedarf jedoch weiterer Forschung, um herauszufinden, wie SprachbegabungSprachbegabung und Risiken des sozialen soziales UmfeldUmfelds zu einer Sprachverzögerung beitragen und wie sich deren relative Bedeutung als ätiologische Faktoren möglicherweise verändert, wenn die Kinder älter werden.
ForschungsbedarfForschungsbedarf besteht auch hinsichtlich der Abgrenzung von Untergruppen in der Population sprachgestörter Kinder. Zur Differenzierung einzelner UntergruppenUntergruppen könnten folgende Faktoren wichtig sein: Familienanamnese:Sprach-/LesestörungenFamilienanamnese mit Sprach-/SprachstörungenLesestörungenLesestörungen, prä-/perinatale prä-/perinatale VorgeschichteVorgeschichte (GeburtsverlaufGeburtsverlauf), GeschlechtGeschlecht, frühe Sprachentwicklung:früheSprachentwicklung, sozioökonomischer sozioökonomischer StatusStatus/bilinguale Herkunftbilingual als demografische Faktoren, nonverbale kognitive nonverbale Fähigkeitenkognitive FähigkeitenFähigkeiten, Sprache und Sprachprofil (rezeptive vs. expressive, phonologische, lexikalische, grammatische, pragmatisch-diskursive Fähigkeiten).
  • Eine Untergruppe könnte z. B. aus Jungen der Mittelschicht (aus Familien mit mittlerem sozioökonomischem Status und mit Fällen von Sprach- bzw. Leseschwierigkeiten) bestehen, die als Late-Talker diagnostiziert wurden und normale kognitive Fähigkeiten haben, die jedoch bei anspruchsvolleren Aufgaben gewisse Schwächen (in Bezug auf verbales ArbeitsgedächtnisArbeitsgedächtnis/SprachverarbeitungSprachverarbeitung, höhere Grammatikebenen:höhereGrammatikebenen, LeseverständnisLeseverständnis) erkennen lassen – was in etwa den von Rescorla, Thal, Marchman, Tomblin, Paul und Ellis Weismer beschriebenen „recovered late talkers“ entsprechen würde, die ihren Rückstand aufgeholt haben.

  • Eine andere Untergruppe könnten Kinder aus der UnterschichtsfamilienUnterschicht (Familien mit niedrigem sozioökonomischer Statussozioökonomischem oder MinderheitenstatusMinderheitenstatus, in denen noch keine Sprachverzögerung vorkam, das BildungsniveauBildungsniveau der Eltern aber generell niedrig ist) bilden, die nicht als Late-Talker eingestuft wurden und durchschnittliche phonologische phonologische FähigkeitenFähigkeiten haben, während ihre nonverbalen nonverbale FähigkeitenFähigkeiten im unteren Normalbereich liegen. Wenn sie älter werden, bleiben ihre lexikalischen, grammatischen und diskursiven diskursive FähigkeitenFähigkeiten jedoch zunehmend hinter den Altersanforderungen zurück.

In der Literatur wird noch eine weitere Schwierigkeit angesprochen. Die verfügbaren DiagnostikinstrumenteDiagnostikinstrumente stoßen an ihre Grenzen, wenn es um den Nachweis anhaltender sprachlicher Leistungsschwächen geht. Wie bereits erwähnt, scheinen die höheren sprachlichen Fähigkeiten von Late-Talkern beschränkter zu sein als die ihrer Peers. Trotzdem erzielen sie in umfassenden, grob skalierten Sprachtests (wie TOLD und CELF) oft durchschnittliche Ergebnisse. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, feinere und empfindlichere MessinstrumenteMessinstrumente zu entwickeln, mit denen dann auch die komplexeren syntaktischen und diskursiven Fähigkeiten beurteilt werden können. Es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass Sprachprobleme im mittleren Kindes- und Jugendalter weniger mit einfachen grammatischen Defiziten (wie dem Gebrauch von Vergangenheitsmarkern) zusammenhängen als vielmehr mit einer Sprache, die zu einfach strukturiert ist, um komplexe komplexe GedankenGedanken verstehen und ausdrücken zu können. Das bezieht sich sowohl auf syntaktische syntaktische StrukturenMerkmale, z. B. einfache zusammengesetzte und komplexe Sätze, Relativsätze, Wh-Sätze und Komplementsätze, als auch auf die gekonnte Nuancierung der Satzbedeutung durch lexikalische lexikalische ElementeElemente wie „dennoch“, „obwohl“, „jedoch“ und „trotzdem“.
Auch wenn wir schon viel über die Entwicklungswege von Late-Talkern wissen, müssen wir noch viel hinzulernen: Wie können Late-Talker erkannt und eingestuft werden? Welche ätiologischen Faktoren sind in den verschiedenen Altersstufen am wichtigsten? Was hat Einfluss auf den Langzeitverlauf? Und welche Subtypen einer SSES gibt es im Schulalter? Andere Fragestellungen wie die Wirksamkeit unterschiedlicher Interventionen sowie der Nutzen/Erfolg von Public-Health-Maßnahmen bei Sprachstörungen sind in diesem Kapitel nicht speziell behandelt worden – sie bleiben zukünftigen Forschungen überlassen.

Vorhersage der weiteren Entwicklung von Late-Talkern mit besonderer Berücksichtigung von deutschsprachigen Studien

Steffi Sachse
Rescorla (Kap. 7.1) und Hachul (Kap. 6) haben frühe Auffälligkeiten der Sprachentwicklung, die Late-Late-Talker:deutschsprachige StudienTalker charakterisieren, sowie Befunde zum weiteren Entwicklungsverlauf dieser Kinder beschrieben.
Rescorla hält als Ergebnis kleinerer Late-Talker-Studien fest, dass sich im weiteren Entwicklungsverlauf der Kinder die sprachlichen Auffälligkeiten mehr und mehr im durchschnittlichen Bereich bewegen, wobei sich gleichzeitig aber über alle Phasen hinweg in den Altersgruppen-spezifischen sprachlichen Leistungen deutliche Unterschiede zu Kontrollgruppen zeigen (also zu Kindern, die im Alter von 24 Monaten nicht als Late-Late-Talker:Vorhersage der weiteren EntwicklungTalker identifiziert wurden). Die Aussagen beziehen sich vorrangig auf Mittelschichtsfamilien und betreffen Kinder mit rein expressiven Auffälligkeiten. Entsprechend Rescorlas dimensionalem Modell der Sprachbegabung kann sich, wenn diese gering ausgeprägt ist und ungünstige psychosoziale Faktoren hinzukommen, eine spezifische SSES (spezifische Sprachentwicklungsstörung)Sprachentwicklungsstörung (SSES) ausbilden. Doch es sind auch andere Verläufe bei der Betrachtung von Kindern aus niedrigeren sozialen Schichten oder mit zusätzlichen Auffälligkeiten im Sprachverständnis denkbar.

Late-Talker-Längsschnittstudien aus dem deutschen Sprachraum

Auch im deutschen Sprachraum wurden in den letzten Jahren Längsschnittstudien:im deutschen SprachraumLängsschnittstudien mit Late-Talkern durchgeführt, die alle eher den von Rescorla beschriebenen „kleinformatigen Late-Late-Talker:LängsschnittstudienTalker-Studien“ entsprechen. Im deutschen Sprachraum findet sich bisher keine groß angelegte epidemiologische Studie, die z. B. die Auswirkungen sprachlicher Früherkennungsprogramme oder Interventionen systematisch untersucht hat.
In der Münchner Längsschnittstudie (Sachse & v. Suchodoletz 2009; Sachse 2007; Kademann 2009; Kühn 2010) wurde eine Stichprobe von ca. 50 Late-Talkern mit einer Kontrollgruppe von Kindern mit völlig unauffällig entwickelten sprachlichen sprachliche Leistungen:Late-TalkerLeistungen und einer Gruppe von Kindern mit sprachlichen Leistungen im Grenzbereich verglichen. Im Alter zwischen zwei und drei Jahren ergab sich in Bezug auf den spontanen Verlauf der sprachlichen Entwicklung (nur 6 % der Kinder erhielten in dem Alter eine eltern- oder kindbasierte Intervention), dass ein Drittel der ehemaligen Late-Late-Talker:sprachliche LeistungenTalker sprachlich völlig unauffällig war, bei einem weiteren Drittel wurde eine Sprachentwicklungsstörung diagnostiziert, während sich beim letzten Drittel unterdurchschnittliche sprachliche Leistungen zeigten, die aber nicht so gravierend waren, dass sie die Kriterien einer Störung erfüllten (Sachse & v. Suchodoletz 2009). Geissmann, Fahrländer, Margelist & Jenni (2013) untersuchten eine vergleichbar große Stichprobe mit ähnlichen Einschlusskriterien in der deutschsprachigen Schweiz und konnten diese Ergebnisse für die Altersgruppe zwischen zwei und drei Jahren replizieren: Von 59 Late-Talkern entwickelten sich 21 völlig unauffällig, bei 19 Kindern lag eine SSES vor und 12 Kinder wiesen sprachliche sprachliche SchwächenSchwächen auf. Auch in der Therapiestudie, die von Buschmann, Jooss, Rupp et al. (2008) durchgeführt wurde, hatte in der Kontrollgruppe ca. ein Drittel der Kinder alle Rückstände bis zum Alter von drei Jahren aufgeholt, während sich bei den restlichen Kindern Sprachentwicklungsstörungen bzw. leichtere Auffälligkeiten zeigten.
Alle drei Studien verwendeten ein ähnliches Untersuchungsinstrumentarium und ähnliche Kriterien zur Definition einer Auffälligkeit bzw. Störung. Das lässt die Daten in Bezug auf den Verlauf in diesem Altersbereich zum einen verlässlicher erscheinen und deutet zum anderen darauf hin, dass widersprüchliche Ergebnisse oftmals durch methodische Unterschiede in den Studiendesigns zu erklären sind.
Bis zum Alter von 5;10 Jahren fanden sich in der Münchner Stichprobe der ehemaligen Late-Talker noch in ca. 34 % unterdurchschnittliche sprachliche Leistungen, die bei 16 % der Kinder als umschriebene USES (umschriebene Sprachentwicklungsstörung)Sprachentwicklungsstörung (USES) klassifiziert wurden. Für die Interpretation der weiteren Verlaufsdaten gilt es jedoch zu beachten, dass ab dem Alter von drei Jahren beim Vorliegen einer Sprachentwicklungsstörung eine logopädische Therapie empfohlen und diese bei ca. 60 % der Late-Talker-Kinder im Alter zwischen drei und fünf Jahren auch durchgeführt wurde (Kühn 2010). Man kann somit davon ausgehen, dass der Anteil der Kinder mit der Diagnose USES ohne Intervention noch höher läge. Beim Vergleich der sprachlichen sprachliche Leistungen:Late-TalkerLeistungen schnitt die Gruppe der ehemaligen Late-Talker, wie von Rescorla beschrieben, durchgängig schlechter ab als die Kontrollgruppe, während die Kinder mit grenzwertigen sprachlichen Leistungen zwischen diesen beiden Gruppen einzuordnen waren. Selbst wenn ehemalige Late-Late-Talker:sprachliche LeistungenTalker im Alter von 5;7 Jahren Leistungen im Normbereich erzielten, lagen diese signifikant unter denen der Kontrollgruppe.
Marschik et al. (2007, 2009) berichten über 15 Late-Talker und 15 Kontrollkinder, die sie im Alter von 18 Monaten rekrutierten und längsschnittlich untersuchten. Die mit 24 Monaten als transiente und konsistente Late-Late-Talker:transienteLate-Talker:konsistenteTalker klassifizierten Kinder wurden mit 5;7 Jahren nachuntersucht. Nur für einen konsistenten Late-Talker ergaben sich noch immer sehr auffällige Sprachleistungen, die Leistungen der Gesamtgruppe der Late-Talker bewegten sich dagegen im unteren Durchschnittsbereich. Zur Nachuntersuchung wurde allerdings ausschließlich ein passiver Wortschatztest eingesetzt, sodass über die Entwicklung der expressiven Sprachfähigkeiten bzw. entsprechende Störungen und Auffälligkeiten keine Aussagen möglich sind.

Zusammenfassend bestätigen die Studien aus dem deutschen Sprachraum, dass ein verspäteter Sprechbeginn, verspäteterSprechbeginn einen Risikofaktor für die spätere Ausbildung einer Sprachentwicklungsstörung darstellt. Gleichzeitig wird auch aus den deutschsprachigen Late-Talker-Late-Talker:deutschsprachige StudienStudien offensichtlich, dass längst nicht alle Kinder dauerhafte Probleme beim Spracherwerb haben, sondern dass im längerfristigen Verlauf der Anteil an Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen sinkt. Zudem gibt es offenbar auch Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen, die nicht schon im Alter von zwei Jahren durch einen verminderten Wortschatz auffallen (vgl. Ullrich & v. Suchodoletz 2011a; Westerlund, Berglund & Eriksson 2006).

Um diesem Dilemma zu begegnen und auch für die klinische Praxis handhabbare Strategien zu entwickeln, ist es vor allem nötig, Faktoren zu identifizieren, die den weiteren Verlauf der sprachlichen Entwicklung vorhersagen und im Einzelfall Aussagen darüber ermöglichen, bei welchen Kindern mit hoher Wahrscheinlichkeit dauerhafte sprachliche Auffälligkeiten zu erwarten sind.

Wie entwickeln sich Late-Talker in anderen Bereichen?

Nicht unbedeutend ist zunächst ein Blick auf andere Entwicklungsbereiche sowie auf begleitende Auffälligkeiten, die sich bei Late-Talkern im weiteren Verlauf ihrer Entwicklung zeigen können. Wie oben von Rescorla beschrieben, erbrachten Nachuntersuchungen der von ihr einbezogenen Late-Talker Late-Talker:Lese- und Rechtschreibleistungenbis zum Alter von 13 Jahren signifikant schlechtere, im unteren Durchschnittsbereich liegende Lese- und Lese- und RechtschreibleistungenRechtschreibleistungen (Rescorla 2002, 2005). Dies ließ sich bei den 17-Jährigen nicht mehr erkennen, wobei allerdings auch keine komplexeren Lese- und Rechtschreibleistungen (z. B. Leseverständnis) geprüft wurden (Rescorla 2009). In einer Studie von Preston et al. (2010) fanden sich bei achtjährigen Kindern mit (rückwirkend eingeschätzter) früh verzögerter Sprachentwicklung in 30 % Lese- und Rechtschreibstörungen gegenüber 4 % innerhalb einer Gruppe von „frühen Sprechern“. In der Studie von Kühn (2010) zeigten sich bei den ehemaligen Late-Talkern im Vorschulalter verminderte Leistungen im Bereich der phonologischen phonologische BewusstheitBewusstheit als einer wichtigen Vorläuferfähigkeit späterer Lese- und Rechtschreibleistungen. In der Stichprobe von Paul (2001) erzielten die längerfristig auffälligen Late-Talker auch niedrigere Werte im Bereich Mathematik und Allgemeinwissen.
Im Hinblick auf die Entwicklung nonverbaler intellektueller nonverbale intellektuelle LeistungenLeistungen stellten Paul et al. (1996), Rescorla (2000) sowie Thal et al. (2005) – trotz Parallelisierung der Untersuchungsgruppen hinsichtlich dieser Merkmale im frühen Kindesalter – niedrigere (wenn auch noch durchschnittliche) Werte fest. Obwohl Late-Talker also mit einem ähnlichen Entwicklungsniveau starten, fallen sie im weiteren Verlauf als Gesamtgruppe hinter die Entwicklung der untersuchten Vergleichsgruppen zurück.
Betrachtet man die sozioemotionale sozioemotionale EntwicklungEntwicklung Late-Talker:sozioemotionale Entwicklungsprachentwicklungsverzögerter Kinder, weisen die Daten von Paul, Spangle Looney & Dahm (1991) auf andauernde Auffälligkeiten von Late-Talkern hin. Eine Verbesserung der sprachlichen Leistungen führte nicht automatisch zum Verschwinden von VerhaltensauffälligkeitenVerhaltensauffälligkeiten. So ließen sich in einer Folgestudie von Paul & Kellogg (1997) bei ehemaligen Late-Talkern im Alter von sechs Jahren ein ausgeprägteres Rückzugsverhalten und Schüchternheit beobachten. Auch Henrichs et al. (2013) berichten über Assoziationen zwischen einem verzögerten Sprechbeginn und internalisierendem bzw. externalisierendem Problemverhalten:internalisierendesProblemverhalten:externalisierendesProblemverhalten im Alter von drei Jahren. Bei Nachuntersuchungen zur populationsbasierten australischen Studie von Whitehouse, Robinson & Zubrick (2011) fanden sich demgegenüber allerdings keine signifikanten Unterschiede in Bezug auf externalisierendes oder internalisierendes Verhalten (erfasst über die Child Behavior Checklist, CBCL). Ebenso wenig zeigten sich Auffälligkeiten in der Nachuntersuchung der Münchner Late-Talker-Studie (Kademann 2009; Kühn 2010).

Vorhersage der weiteren Entwicklung bei Late-Talkern

Eine verlässliche Vorhersage Late-Talker:Vorhersage der weiteren Entwicklungder weiteren sprachlichen Entwicklung ist nach wie vor schwierig und gelingt nur teilweise. In diesem Zusammenhang wurde eine ganze Reihe von Variablen (meist in unterschiedlichen Studien) untersucht. Dazu zählen neben sprachbezogenen Prädiktoren, der Verwendung kommunikativer Gesten sowie Sprachverarbeitungsfähigkeiten weitere kindbezogene Variablen wie nonverbale Fähigkeiten, biologische Faktoren, sozioemotionale Variablen, familiäre Vorbelastungen, Merkmale der familiären Umwelt sowie der sozioökonomische Status. Dabei muss oft differenziert werden, ob diese Variablen bei Late-Late-Talker:PrädiktorenTalkern zum späteren Sprachentwicklungsstand (z. B. in Form einer Korrelation zwischen der Wortschatzgröße mit zwei Jahren und sprachlichen Testwerten mit fünf Jahren) in Beziehung stehen oder ob sie eine Vorhersage über die spätere Gruppenzugehörigkeit (auffällig oder unauffällig) ermöglichen. Deutlich häufiger lassen sich hierbei korrelative Beziehungen herstellen als wirklich spätere Auffälligkeiten vorhersagen.
Vorhersage über sprachbezogene Prädiktoren
Inwieweit Prädiktorendie expressiven Sprachleistungen der Late-Talker eine Vorhersage erlauben, ist aus der Studienlage nicht eindeutig ablesbar. Für den produktiven Wortschatz:produktiverWortschatz finden sich uneinheitliche Daten. Laut Westerlund et al. (2006), Thal et al. (1991) sowie Fischel et al. (1998) entwickeln sich Late-Talker mit besonders kleinem Wortschatz schlechter, während Dale et al. (2003) angeben, dass late late bloomerbloomer nur einen geringfügig höheren aktiven Wortschatz aufweisen. In den Auswertungen der Münchner Längsschnittstudie fand sich keine Möglichkeit, anhand des aktiven Wortschatzes mit zwei Jahren die Diagnose einer Sprachentwicklungsstörung mit drei Jahren vorherzusagen (Sachse 2007, Sachse & v. Suchodoletz 2009). Auch bei Buschmann & Neubauer (2012) war es nicht die absolute Größe des Wortschatzes mit zwei Jahren, die eine Vorhersage erlaubte, sondern die Fähigkeit zur Produktion von Wortverbindungen spielte eine Rolle. Geissmann et al. (2013) untersuchten Late-Talker im Alter von 2;3 Jahren erneut und stellten dabei fest, dass die zum zweiten Mal erhobene Wortschatzgröße im Gegensatz zum Wortschatz mit 2;0 Jahren eine Vorhersage der weiteren Entwicklung erlaubte.
Nimmt man phonologische Fähigkeiten in den Blick, zeigen verschiedene internationale Studien (z. B. Williams & Elbert 2003; Carson et al. 2003; Chiat & Roy 2008) ebenso wie die Schweizer Studie von Geissmann et al. (2013), dass Late-Talker mit dauerhaften sprachlichen Störungen sehr früh phonologische phonologische AuffälligkeitenAuffälligkeiten aufweisen. Dazu gehören z. B. ein geringeres Lautinventar oder die eingeschränkte Produktion von Konsonantenclustern.
Besonderes Augenmerk sollte auf dem SprachverständnisSprachverständnis liegen. Sowohl die Münchner Längsschnittstudie (Sachse & v. Suchodoletz 2009) als auch die Daten von Buschmann & Neubauer (2012) sowie von Geissmann et al. (2013) belegen, dass Late-Late-Talker:SprachverständnisTalker mit auffälligem Sprachverständnis in besonderer Weise gefährdet sind, ihre sprachlichen Rückstände nicht aufzuholen und persistierende Sprachentwicklungsstörungen auszubilden. In allen drei Untersuchungen sind es insbesondere Sprachverständnisdefizite in Form eines eingeschränkten bzw. relativ geringen Wortverständnisses im SETK-2 (Grimm, Aktas & Frevert 2000), die eine ungünstige Entwicklung bei Late-Talkern vorhersagen. Internationale Daten (z. B. von Henrichs et al. 2011; Flax et al. 2008; Lyytinen et al. 2005; Thal et al. 1991) bestätigen die besondere Relevanz der Sprachverständnisleistungen von Late-Talkern für deren weitere Entwicklung. In einer Studie von Fernald & Marchman (2012) wurde das frühe Sprachverständnis anhand sprachverarbeitender Maße erhoben. Hier fanden sich Hinweise darauf, dass die Genauigkeit und die Geschwindigkeit, mit der 18-monatige Kinder auf präsentierte Wörter reagierten, die Wortschatzentwicklung im kommenden Lebensjahr vorhersagten.
Vorhersage über nonverbale Fähigkeiten
Welchen Vorhersagewert nonverbale nonverbale FähigkeitenFähigkeiten (die ja definitionsgemäß altersgerecht ausgebildet sein müssen) haben, lässt sich nicht eindeutig aus der internationalen Literatur beantworten. Paul (2001) sowie Rescorla (2005) konnten keinen Einfluss früher nonverbaler Fähigkeiten auf die weitere Entwicklung der Late-Talker nachweisen. Dagegen waren laut Rescorla (2008) entsprechende Fähigkeiten im Alter von zwei Jahren prädiktiv für die sprachlichen Fähigkeiten von 17-Jährigen. In den deutschsprachigen Studien zeigte sich ein positiver Vorhersagewert nonverbaler Fähigkeiten im Alter zwischen zwei und drei Jahren (erfasst über die Münchner Funktionelle Entwicklungsdiagnostik mit den Skalen Handgeschicklichkeit und Perzeption [Sachse & v. Suchodoletz 2009; Sachse 2007] bzw. über die Bayley Scales, BSID-II-NL [Buschmann & Neubauer 2012]). In der Studie von Geissmann et al. (2013) wurden die kognitiven Fähigkeiten erst mit drei Jahren erfasst.
Die besondere Bedeutung von Maßen des phonologischen Arbeitsgedächtnisses für die weitere Entwicklung ist für ältere sprachentwicklungsgestörte Kinder sehr gut dokumentiert, bei Kindern im Alter von zwei Jahren allerdings auf der Verhaltensebene schwer erfassbar (z. B. Sachse 2007). Wenn die (ehemaligen) Late-Talker im Vorschulalter sind, erweisen sich Testergebnisse zum ArbeitsgedächtnisArbeitsgedächtnis auch für diese Gruppe als prädiktiv (z. B. Rescorla 2011; Kühn 2010).
Vorhersage über sozioemotionale Variablen
In der Münchner Längsschnittstudie entwickelten sich Late-Talker mit höheren Werten auf der Skala Externalisierendes Verhalten der CBCL 1½–5 im Alter zwischen zwei und drei Jahren schlechter als Kinder mit geringeren Werten. Dies betraf vor allem Kinder, deren Eltern eine geringere Ausdauer und Konzentrationsfähigkeit im Fragebogen angegeben hatten. Allerdings konnten sozioemotionale sozioemotionale VariablenVariablen die weitere Entwicklung im Vorschulalter nicht vorhersagen (Kademann 2009; Kühn 2010). Auch international sind die Befunde hierzu nicht eindeutig (z. B. Oliver et al. 2004).
Vorhersage über eine familiäre Vorbelastung mit Sprachauffälligkeiten
Im Rahmen der Anamneseerhebung wird fast immer darauf eingegangen, inwieweit in der Familie, insbesondere bei Verwandten ersten Grades, ebenfalls Sprach-, Lese- oder Rechtschreibschwierigkeiten vorliegen. Kühn (2010) zufolge erhöht sich bei einer familiären Vorbelastung mit Sprachproblemen bei Verwandten ersten Grades das Risiko für dauerhafte sprachliche Auffälligkeiten von Late-Talkern um das Vierfache. Die familiäre familiäre VorbelastungVorbelastung war in dieser Studie die einzige Variable, die bei Late-Talkern eine Vorhersage der Entwicklung bis zum Alter von knapp sechs Jahren erlaubte.
Obwohl laut Buschmann & Neubauer (2012) eine familiäre Vorbelastung nicht zur Unterscheidung zwischen „Aufholern“ und „Nichtaufholern“ bei Late-Talkern beiträgt, finden sich in internationalen Studien mehrere Belege für die Relevanz einer genetischen Vorbelastung für die weitere Entwicklung von Late-Talkern (z. B. Lyttinen et al. 2005; Flax et al. 2008; Reilly et al. 2009; Zubrick et al. 2007). Denn es zeigte sich jeweils ein erhöhtes Risiko für dauerhafte sprachliche Auffälligkeiten bei diesen Kindern.
Vorhersage über biologische Risikofaktoren
In der österreichischen Untersuchung von Marschik et al. (2007, 2009) wurden auch biologische Risikofaktoren:biologischebiologische RisikofaktorenRisikofaktoren in den Blick genommen. Gestationsalter und Geburtsgewicht hatten keinen Einfluss, doch der weitere Verlauf der Sprachentwicklung bei Late-Talkern war mit einem niedrigeren Apgar-Score sowie einer notwendigen neonatalen Intensivversorgung korreliert. Einen weiteren Hinweis auf biologische Risikofaktoren lieferte in dieser Untersuchung der Befund, dass alle Kinder der Stichprobe, die im Vorschulalter eine minimale neurologische Dysfunktion aufwiesen, zur Gruppe der ehemaligen Late-Talker gehörten. Insgesamt ist aber auch hier die Datenlage uneinheitlich (Rescorla 2011). So fanden Henrichs et al. (2011) zwar einen zusätzlichen Erklärungswert prä- und perinataler Risikofaktoren, der allerdings sehr gering und für eine Vorhersage in Einzelfällen nicht geeignet war. Rice (2012) diskutiert die Bedeutung von pränatalen Wachstumsfaktoren. In den Daten der Münchner Längsschnittstudie sind nur sehr geringe Zusammenhänge zu anamnestisch erfragten frühen biologischen Risikofaktoren erkennbar. Da biologische Risikofaktoren in einer engen Wechselwirkung mit Merkmalen der sozialen Umwelt stehen, die kompensierend wirken oder das Risiko erhöhen können, lässt sich ihr Einfluss auf die weitere Entwicklung von Late-Talkern im Einzelnen nicht eindeutig aufzeigen.
Vorhersage über sozioökonomische Faktoren
In allen Late-Talker-Studien aus dem deutschsprachigen Raum finden sich Hinweise darauf, dass der elterliche Bildungsstand eine Vorhersage der weiteren Entwicklung von Late-Talkern erlaubt. Bestätigt wird dieser Befund z. B. durch die Studie von Law et al. (2012). In großen populationsbasierten Studien ergaben sich ebenfalls (wenn auch nur kleinere) Belege für die prädiktive Aussagekraft des elterlichen Bildungsniveau:elterlichesBildungsniveaus (Reilly et al. 2010; Henrichs et al. 2011). Rescorla (2011) stellt zusammenfassend fest, dass der Einfluss sozioökonomischer Variablen auf das Vorliegen und die Ausprägung von sprachlichen Auffälligkeiten mit dem Alter der Kinder eher noch zunimmt.
Unabhängig vom sozioökonomischen sozioökonomischer StatusStatus erwies sich responsives elterliches Verhalten als Prädiktor der weiteren Sprachentwicklung (z. B. Hudson et al. 2014). Dies leitet über zu den Interventionsmöglichkeiten in Bezug auf das Interaktionsverhalten von Bezugspersonen, die in Kapitel 11 aufgegriffen werden.

Zusammenfassung und Fazit

Betrachtet man die sprachlichen Entwicklungsverläufe von Late-Talkern insgesamt (und nicht vorrangig die Vorhersage bestimmter Diagnosekategorien wie im letzten Abschnitt), zeigen sich deutliche Zusammenhänge zwischen frühen und späteren sprachlichen sprachliche LeistungenLeistungen. Dazu gehören frühe sprachliche und sprachassoziierte Leistungen wie Sprachverarbeitungsfähigkeiten, aktiver Wortschatz, rezeptive Sprachleistungen und die Verwendung von Gesten. Rescorla (2009) gelingt in diesem Zusammenhang eine Varianzaufklärung von 17 % der Sprachleistungen der 17-Jährigen. Werden nonverbale kognitive Maße hinzugenommen, lassen sich sogar 28–30 % der VarianzVarianz in den Daten von Late-Talkern aufklären. Lyttinen et al. (2001) berichten, dass 53 % der Sprachfähigkeiten mit fünf Jahren aus früheren Sprachmaßen und anderen Faktoren wie dem Bildungsstand und dem familiären Risiko für Lese-Rechtschreib-Störungen vorhergesagt werden können. Zwischen den Einzelvariablen bestehen für sich genommen aber jeweils nur sehr geringe Zusammenhänge. Nimmt man das Gesamtbedingungsgefüge in den Blick, berücksichtigt also die Gesamtheit der Risiko- und Schutzfaktoren, sind bessere Vorhersagen möglich.
Diese Betrachtung bezieht sich aber vorrangig auf die sprachliche Entwicklung einer Gruppe von Late-Talkern und führt nicht zwangsläufig zu einer klinisch relevanten Late-Talker:Vorhersage der weiteren EntwicklungVorhersage von zukünftigen Sprachauffälligkeiten im Einzelfall. Genau das aber wird in der klinischen Praxis benötigt, um für jedes einzelne Kind im Alter von zwei Jahren, z. B. im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen, die richtigen Entscheidungen hinsichtlich der weiteren Diagnostik und vor allem einer evtl. erforderlichen Intervention ableiten zu können.
Frühe sprachliche Leistungen haben einen Bezug und sicher eine Relevanz für spätere sprachliche Leistungen und andere kognitive Fähigkeiten, gleichwohl ist es immer noch sehr schwierig, bestimmte Diagnosen vorherzusagen, also frühzeitig Kinder zu identifizieren, die später tatsächlich überdauernde Sprachentwicklungsstörungen:VorhersagbarkeitSprachentwicklungsstörungen haben werden. Für Late-Talker im Einzelfall eine Prognose abzuleiten, ist immer noch mit großen Unsicherheiten verbunden. Einzelne Variablen, wie das Sprachverständnis, haben sich als relevant herausgestellt und lassen sich auch gut bei Zweijährigen erfassen, während andere Variablen, wie sprachliche Verarbeitungsleistungen, bei jungen Kindern derzeit nur schwerlich zu erheben sind.
Late-Talker können verlässlich identifiziert werden, allerdings ist „Late Talking“ nicht zwangsläufig das erste Symptom einer späteren Sprachentwicklungsstörung, wie Untersuchungen gezeigt haben. Für den deutschen Sprachraum belegen die Daten von Ullrich & v. Suchodoletz (2011a, b), dass manche Kinder bei einer Frühdiagnostik im Alter von 24 Monaten auch übersehen werden. Das heißt, bei ihnen kann sich später eine Sprachentwicklungsstörung ausbilden, ohne dass sie Late-Talker gewesen sind. Ähnliche Angaben finden sich international z. B. bei Feldman et al. (2005) oder bei Poll & Miller (2013).
Insgesamt bleibt aus den LängsschnittstudienLängsschnittuntersuchungen zu Late-Talkern im deutschen Sprachraum festzuhalten, dass ihr Risiko für spätere Sprachauffälligkeiten im Vergleich zu sprachlich unauffällig entwickelten Kindern deutlich erhöht ist (z. B. Sachse & v. Suchodoletz 2013). Für bestimmte Untergruppen, wie etwa Kinder mit Auffälligkeiten im Sprachverständnis oder mit familiären Vorbelastungen, ist die Prognose ungünstiger einzuschätzen. Als Gruppe bleiben Late-Talker im weiteren Entwicklungsverlauf hinsichtlich ihrer sprachlichen Leistungen signifikant hinter den Leistungen unauffällig entwickelter Kinder zurück. Unter erschwerten Bedingungen, die im Kind selbst oder in der Umwelt liegen können, ist es möglich, dass manifeste Sprachentwicklungsstörungen auftreten oder dass sich im weiteren Entwicklungsverlauf auch bestimmte (schrift-)sprachliche Leistungen als auffällig herausstellen. Nicht immer gelingt es mit den derzeit zur Verfügung stehenden Verfahren, komplexere Sprachleistungen und eventuelle Defizite mit ausreichender Sicherheit zu erfassen.
Wegen der hohen Bedeutung für die Gesamtentwicklung eines Kindes ist es notwendig, weitere Studien zur sprachlichen Entwicklung durchzuführen, um noch mehr über eine frühe Diagnosestellung, Prädiktoren und Entwicklungsverläufe bei Kindern mit frühen Auffälligkeiten zu erfahren und dies für die klinische Praxis nutzbar zu machen.

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