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B978-3-437-47784-3.00008-3

10.1016/B978-3-437-47784-3.00008-3

978-3-437-47784-3

Abb. 8.1

(Aus: De Bleser et al. 2004) [L261]

„Logogenmodell“Logogenmodell in Anlehnung an Patterson und Shewell (1987).

Abb. 8.2

[L261]

Subgraphematischer „Subgraphematischer Verarbeitungsweg“Verarbeitungsweg beim Schreiben (in Anlehnung an Ellis 1993)

Übersicht derzeit in Deutschland eingesetzten Verfahren der funktionalen Functional Independence Measure (FIM):AphasieFunctional Independence Measure (FIM):AphasieCommunicative Effectiveness Index (CETI):AphasieCommunicative Effectiveness Index (CETI):AphasieAssessment of Communicative Skills Interview (ACSI):AphasieAssessment of Communicative Skills Interview (ACSI):AphasieAmsterdam-Nijmegen Everyday Language Test (ANELT):AphasieAmsterdam-Nijmegen Everyday Language Test (ANELT):AphasieAphasiediagnostik

Tab. 8.1
Akronym Erklärung Methodischer Ansatz
FIM Functional Independence Measure Messung der Leistung bei Aktivitäten des täglichen Lebens (Activities of Daily Living, ADL), wobei der Bedarf an Hilfe bei der Kommunikation gemessen wird
ANELT Amsterdam-Nijmegen Everyday Language Test direkter Test der funktionalen Kommunikation im Quasi-Rollenspiel
ACSI Assessment of Communicative Skills Interview Messung der funktionalen Kommunikation im standardisierten Interview mit differenzierten Beurteilungsskalen
CETI Communicative Effectiveness Index Fremdbeurteilung durch einen Fragebogen
APPLS Assessment Protocol of Pragmatic-Linguistic Skills (Konversations-)Analyse der Kommunikation zwischen Aphasiker und Angehörigen
Dyadenanalyse

Die Verfahren werden unterschiedlich häufig angewendet.

Materialblöcke der MODAK

Tab. 8.2
Block Inhalt Beispiel
1 intransitive Verben malt, bügelt, kocht
2 transitive Verben, Akkusativobjekt, kein Artikel isst Eis, fährt Auto, gießt Blumen
3 transitive Verben, Akkusativobjekt, Artikel schiebt das Rad, liest ein Buch, singt ein Lied
4 zusammengesetzte Verben macht das Fenster zu, hängt das Bild auf
5 Verben, Akkusativobjekt, präpositionale Erweiterung schiebt den Kuchen in den Ofen, gießt den Tee in die Kanne

Mögliche Therapiebereiche der modellorientierten Aphasietherapie

Tab. 8.3
Linguistische Ebene Therapiebereiche Kritische Parameter
Semantik semantisches Kategorisieren und Assoziieren Konkretheit, Abbildbarkeit
Phonologie Zugriff auf die phonologischen Lexika im Input oder Output Worthäufigkeit (Frequenz), Familiarität
Arbeitsspeichersysteme Wortlänge
Graphematik Zugriff auf graphematische Input- oder Output-Lexika Wortfrequenz, Familiarität, Regularität
Graphem-zu-Phonem-, Phonem-zu-Graphem-Konvertierung Häufigkeit, graphematische Komplexität, visuelle Ähnlichkeit zwischen verschiedenen Graphemen

Erklärungsansätze bei Agrammatismus:Tree-Pruning-HypotheseAgrammatismus:syntaktisch-semantische ZuordnungsstörungAgrammatismus:syntaktische Störung, selektiveAgrammatismus:SpurentilgungshypotheseAgrammatismus:morpholexalische StörungAgrammatismus:Mapping-HypotheseAgrammatismus:Closed-Class-Deficit-HypotheseAgrammatismus:Argument-Structure-Complexity HypotheseAgrammatismus:AdaptationshypotheseAgrammatismus

Tab. 8.4
Art der Störung Beispiel mit Erklärung; Auswirkung auf…
Rezeption Produktion
Morpho-lexikalische Störung Closed-class-deficit Hypothese: Abruf funktionaler Elemente gestört (z. B. Funktionswörter; Flexionsmorpheme; vgl. Bradley et al. 1980)
Argument-Structure-Complexity Hypothese: Abrufstörung für Verben durch die Komplexität der Verb-Argument-Struktur beeinflusst (Thompson 2003); Einfluss auf Satzproduktion
Syntaktisch-semantische Zuordnungsstörung Mapping Hypothese: Störung beim Transfer zwischen unbeeinträchtigter syntaktischer und semantischer Repräsentationsebene (Schwartz et al. 1987)
Selektive syntaktische Störung Spurentilgungshypothese (auch: Trace-deletion hypothesis, TDH): Störung bei der Zuweisung der thematischen Rollen im Satz, wenn Nominalphrasen bewegt wurden (Grodzinsky 1995, 2000) Tree-Pruning Hypothese: Repräsentationsstörung des syntaktischen Baums; hohe syntaktische Projektionen nicht mehr verfügbar; Bildung von Satzstrukturen unmöglich, die auf diesen Strukturen beruhen; hierarchisch niedrigere Strukturen können weiterhin aufgebaut werden (Friedmann und Grodzinsky 1997)
verminderte Verarbeitungs-Kapazität Ressourcen-orientierte Ansätze: verlangsamte Satzverarbeitung und/oder schneller Zerfall aktivierter morpho-syntaktischer Informationen (für eine Übersicht vgl. Caplan 2012) Adaptationshypothese: Sprechen in Ellipsen, d. h. in kurzen vereinfachten Phrasen, als Folge der bewussten Anpassung (Kompensationsstrategie) an eine verminderte Verarbeitungskapazität (Kolk und Heeschen 1990)

Beispiele für Agrammatismus:ÜbungsaufgabenAgrammatismus:ÜbungsaufgabenÜbungsaufgaben

Tab. 8.5
Indikation Aufgabenform Beispiel
Therapie expressiver Störungen Satzergänzungsaufgaben mündliche und/oder schriftliche Ergänzung von funktionalen Elementen in Lückensätzen
Satzlegeaufgaben mit Konstituentenkarten visuelle Vorgabe von flektierten Satzkonstituenten (Wortstellung), z. B. [DER SOHN] [DEN VATER] [HAT] [GESUCHT]
Satzlegeaufgaben mit Konstituentenkarten visuelle Vorgabe von unflektierten Satzkonstituenten (Wortstellung, Ergänzung der notwendigen morphosyntaktischen Markierungen), z. B. [DER SOHN] [DEN VATER] [SUCHEN]
Benennen von Handlungsabbildungen Strukturierung durch Verwendung von Zielitems mit gleicher Verb-Argument-Struktur (z. B. SVO oder SV oder SVOO), unterstützend Einsatz von flektierten oder unflektierten Wortkarten
Satzelizitationsaufgaben mit visueller Unterstützung Handlungsabbildungen und Konstituentenkarten
Therapie rezeptiver Störungen Abgeben von Grammatikalitätsurteilen zu gesprochenen und/oder geschriebenen Sätzen mit korrektivem Feedback Auslassung/Ersetzung funktionaler Elemente in Ablenkersätzen (Verbflexionsfehler, Kasusflexionsfehler an den Nominalphrasen, Präpositionen), z. B. Der Sohn suchen den Vater. Sohn sucht Vater.
auditive/visuelle Satz-Bild-Zuordnungsaufgaben mit semantisch reversiblen Sätzen, mit korrektivem Feedback Abwechseln zwischen Aktiv- und Passivsätzen; Identifikation der thematischen Rollen im Satz, z. B.
[Der Junge]AGENS sucht [den Vater]THEMA.
[Der Vater]THEMA wird [vom Jungen]AGENS gesucht.

Vorschläge für Agrammatismus:MaterialsammlungenAgrammatismus:MaterialsammlungenMaterialsammlungen (Diagnostik und/oder Therapie)

Tab. 8.6
Quelle Material
Burchert, F., Lorenz, A., Schröder, A., De Bleser, R., Stadie, N. (2014) SÄTZE VERSTEHEN – Neurolinguistische Materialien für die Untersuchung von syntaktischen Störungen beim Verstehen von Sätzen. NAT, Hofheim. Ziel: Diagnostik des Satzverständnisses
Material: Satz-Bild-Zuordnungsaufgaben; semantisch reversible kanonische und nicht-kanonische Satztypen sowie semantisch irreversible Sätze
Bastiaanse, R., Bung, F. & Perk, Y. (2004) Action – Ein Therapieprogramm mit Verben auf Wort- und Satzebene. NAT-Verlag. Ziel: Therapie des Verbabrufs und der Satzproduktion; inkl. Screening für die Diagnostik
Material: Tätigkeitsabbildungen; Arbeitsblätter mit Lückensätzen; Schwierigkeitsgrad an den Verbabruf kann kontinuierlich gesteigert werden; Verbabruf auf Einzelwortebene; Abruf von unflektierten und flektierten Verben im Satzkontext; freie Satzkonstruktion
Peiler, C., Peiler, G. & Koebbel, P. (2013) Für Aphasiker: Übungen zur Sprachproduktion (Logopädix-Verlag) Ziel: Therapie der Sprachproduktion
Material: Übungen zur Wort-, Phrasen- und Satzebene; z. B. Übungen zur Verbflexion nach Vorgabe von Nomen und Verben im Infinitiv; Übungen zur Satzbildung nach Vorgabe von flektierten Verben und weiterer Satzkonstituenten
Neubert, C., Rüffer, N., Zeh-Hau, M. (2. revidierte Aufl. 1995) Neurolinguistische Aphasietherapie Teil 2: Agrammatismus. NAT, Hofheim. Ziel: Therapie der Satzverarbeitung (Rezeption und Produktion)
Material: überwiegend schriftsprachlich, Sammlung von Arbeitsblättern; rezeptive Auswahlaufgaben und expressive Ergänzungsaufgaben
Schröder, A., Lorenz, A., Burchert, F., Stadie, N. (2009) KOMPLEXE SÄTZE. Störungen der Satzproduktion: Materialien für Diagnostik, Therapie und Evaluation. NAT, Hofheim. Ziel: Therapie der Satzproduktion;
inkl. Material zur Diagnostik und Therapieevaluation
Material: Handlungsabbildungen und Wortkarten; semantisch reversible Sätze; kanonische und nicht-kanonische Satztypen

Übersicht Tiefendyslexiephonologische DyslexieOberflächendyslexieNeglektdyslexieDyslexie:phonologischeAlexie:reineDyslexien

Tab. 8.7
Dyslexieform Funktionelle Beeinträchtigung Symptome
Tiefendyslexie Lesen über semantische Route
  • semantische und morphologische Paralexien

  • kein Lesen von Neologismen

Oberflächendyslexie Lesen über Graphem-zu-Phonem-Konvertierung
  • regelmäßige Wörter werden besser gelesen als unregelmäßige

  • Neologismen werden gelesen

Phonologische Dyslexie selektive Beeinträchtigung der GPK
  • Lesen von Pseudowörtern beeinträchtigt bis unmöglich

  • existierende Wörter können gut gelesen werden

Beeinträchtigung des graphemischen Input-Buffers
  • mit zunehmender Wortlänge höhere Wahrscheinlichkeit von Fehlern

  • wobei weder Worthäufigkeit noch Regelmäßigkeit der Graphem-Phonem-Zuordnung Einfluss haben

Reine Alexie Störung der visuellen Analyse buchstabierendes Lesen
Neglektdyslexie Neglektstörung
  • meist wird nur die rechte Hälfte eines Wortes gelesen

  • Auslassung von Buchstaben und Buchstabenteilen

Erworbene Sprachstörungen bei Erwachsenen

  • 8.1

    Aphasien Henrik Bartels230

    • 8.1.1

      Standardsyndrome Henrik Bartels231

    • 8.1.2

      Nicht-Standardsyndrome Henrik Bartels234

    • 8.1.3

      Sprachsystematische Diagnostik Henrik Bartels235

    • 8.1.4

      Modellorientierte Diagnostik Henrik Bartels237

    • 8.1.5

      Funktionale Diagnostik Ernst G. de Langen242

    • 8.1.6

      Modalitätsorientierte Therapieansätze Henrik Bartels245

    • 8.1.7

      Linguistisch-modellorientierte Therapieansätze Henrik Bartels247

    • 8.1.8

      Kommunikativ-pragmatisch orientierte Therapieansätze Ernst G. de Langen248

    • 8.1.9

      Syntaktische Störungen – Agrammatismus Antje Lorenz250

    • 8.1.10

      Sprachliche Automatismen Gerhard Blanken257

    • 8.1.11

      Spezielle Therapieverfahren bei schweren aphasischen Störungen Henrik Bartels258

  • 8.2

    Dyslexien Henrik Bartels259

    • 8.2.1

      Verarbeitung des schriftlichen Inputs259

    • 8.2.2

      Einteilung der Dyslexien260

    • 8.2.3

      Diagnostik262

    • 8.2.4

      Therapie262

  • 8.3

    Dysgraphien Henrik Bartels263

    • 8.3.1

      Einteilung der Dysgraphien263

    • 8.3.2

      Diagnostik267

    • 8.3.3

      Therapie267

Aphasien

Henrik Bartels
Aphasie„Aphasie“: subtSprachstörungen:erworbeneAuch: Aphemie (ursprüngliche AphemieBezeichnung durch P. Broca, Kap. 8.1.1)
Erworbene Sprachstörungen im Kindesalter Kap. 9.
Die etymologisch naheliegende Ableitung „Dysphasie“ wird im deutschen Sprachraum nicht zur Bezeichnung neurologischer Sprachstörungen verwandt. Eine Ausnahme bildet hier der feststehende Begriff der „Kognitiven Dysphasie“ nach Heidler (2006), der in erster Linie Störungen der Sprachverarbeitung in der Folge beeinträchtigter Gedächtnis-, Exekutiv- oder Aufmerksamkeitsfunktionen bezeichnet.

Maßgebliche statistische Fakten

Nach Huber et al. (2006) in Deutschland mind. 100.000 Patienten mit Aphasien (Prävalenz) sowie etwa 25.000 Neuerkrankungen pro Jahr (Inzidenz).
Ursache
Ursache sind Störungen des zentralen Nervensystems mit Mangeldurchblutung der sprachrelevanten Areale in der Großhirnrinde der sprachdominanten Hemisphäre (vorwiegend perisylvischer Kortex, Inselrinde) oder in subkortikalen Strukturen wie Thalamus oder Basalganglien:
  • 80 % Schlaganfälle (ischämische Insulte)

  • 20 % Blutungen, Traumata, Hirntumoren, entzündliche oder degenerative Erkrankungen des Gehirns sowie Anfallsleiden (können zu vorübergehender oder dauerhafter sprachlicher Symptomatik führen)

Erscheinungsbild
  • produktive und/oder rezeptive Funktionen der Sprachverarbeitung können vollständig oder teilweise betroffen sein

  • meistens, jedoch nicht zwangsläufig, gleichzeitig Störungen der schriftsprachlichen Verarbeitung. Oft weicht Schädigungsgrad der Lese- oder Schreibleistung deutlich von den sprachlichen Leistungen ab (Kap. 8.2 und Kap. 8.3)

Prognose
Verschiedene Faktoren beeinflussen den Verlauf einer aphasischen Erkrankung. Sind initial noch etwa ⅓ aller Schlaganfallpatienten als aphasisch einzustufen, reduziert sich dieser Anteil im Verlauf des ersten Jahres nach dem Ereignis um die Hälfte.
Als bestimmende Faktoren für die Prognose der Erkrankung gelten:
  • initialer Schweregrad

  • Größe der Hirnläsion

  • Lokalisation der Hirnläsion

Differenzialdiagnostik
  • Störungen der SprechmotorikstörungenSprechmotorik oder der sprechmotorischen Planung zählen nicht zu den Aphasien, sondern werden als Dysarthrien bzw. Sprechapraxien bezeichnet (Kap. 10)

  • ebenso nicht als Aphasie bezeichnet werden sprachliche Auffälligkeiten, die auftreten in Folge von:

    • Demenzen

    • Verwirrtheitszuständen

    • neuropsychologischen Störungen bei Frontalhirnläsionen

    • Schizophrenien

Standardsyndrome

Henrik Bartels

Die Einteilung aphasischer Erkrankungen in verschiedene Syndrome ist insbesondere im Hinblick auf die Anwendbarkeit am einzelnen Patienten wegen des heterogenen Störungsprofils in der neueren Literatur umstritten. Die Betrachtung aphasischer Störungen verlagert sich stattdessen hin zu individuellen Profilbeschreibungen anhand von psycholinguistischen Sprachverarbeitungsmodellen (Kap. 8.1.4).

Broca-Aphasie
Auch: verbale Aphasie, motorische Aphasie:verbaleAphasie, Aphasie:motorischeefferent-motorische Aphasie. Aphasie:efferent-motorischeBenannt nach Paul Broca (1824–1880)
Aphasie mit dem Broca-AphasieLeitsymptom AgrammatismusAgrammatismus bei weitgehend erhaltenem Wortverständnis.
Läsionsorte
  • vordere Mediaastgruppe

  • vordere Insel

  • Brodmann-Areale 44/45 (Kap. 1.1.3)

Erscheinungsbild
  • Produktion sehr kurzer Sätze unter Auslassung bzw. Reduktion von Funktionswörtern und Morphologie (sog. „Telegrammstil“)

  • Verben werden oft in der Infinitivform produziert

  • allgemeines Sprachverständnis ist auch auf Satzebene vergleichsweise gering beeinträchtigt

  • stark verlangsamter Sprachfluss

  • oft begleitend Sprechapraxie (Kap. 10.2)

  • Wortfindungsstörungen

  • Kommunikation der Patienten ist schwer bis mittelschwer gestört

  • bei vielen Patienten hoher Leidensdruck durch ausgeprägtes Störungsbewusstsein

Beispiel

ja … Frau … bahol … Bahnhof … auf einmal … ooh … und Krankenwagen … und dann … Karkenhau … Krankenhaus … und dann … weg … alles weg … konnt' ich nicht spech … sprechen
Therapie (Kap. 8.1.9)
  • Reaktivierung einfacher Satzstrukturen je nach syntaktischem Schwerpunkt der Störung

  • Erarbeitung komplexerer, nicht kanonischer Strukturen (z. B. Frage- und Relativsätze), sofern es die Leistung des Patienten zulässt

  • Reaktivierung des Verbabrufs kann aufgrund der zentralen Funktion des Verbs im Satz zur Verbesserung produktiv-syntaktischer Leistungen führen

  • Satzverständnis ist nur Therapieinhalt, wenn spezielle Probleme des Agrammatikers mit nicht kanonischen, semantisch reversiblen Sätzen auftreten

Wernicke-Aphasie
Auch: sensorische Aphasie
Benannt Aphasie:sensorischenach Carl Wernicke (Wernicke-Aphasie1848–1905). Aphasie mit den Leitsymptomen ParagrammatismusParagrammatismus, semantische und phonematische Paraphasien:semantischeParaphasien:phonematischeParaphasien sowie NeologismenNeologismen (Logorrhoe).
Läsionsort
Versorgungsgebiet der Arteria temporalis posterior.
Erscheinungsbild
  • Produktion langer, oft in sich verschachtelter Sätze („Satzverschränkungen“)

  • fehlerhafte Flexionsformen

  • Verdopplung von Sätzen oder Satzteilen

  • in schweren Fällen sog. „Jargonaphasie“ Jargonaphasiemit flüssiger, jedoch unverständlicher Sprachproduktion

  • meist schwere Beeinträchtigung des Sprachverständnisses

  • besonders in der frühen Krankheitsphase nur gering ausgeprägtes Störungsbewusstsein, daher meist kein Versuch der Selbstkorrektur

Beispiel

Untersucher: Ist es mit der Sprache denn seitdem besser geworden?
Patient: Mittlerweile ja. Und dann mach' das will ich das machen. Und ich mussen ja machen. Wie das kommt und das geht so. Zum Beisch … geht die Arbeit krönke muss ich ja gehen … und dann machen wenn die gengte eine Sache die ich tun kann. Wie es soll.
Therapie
  • zunächst steht in vielen Fällen Aufbau eines grundlegenden Störungsbewusstseins sowie Verbesserung des Sprachverständnisses im Vordergrund

  • später v. a. Verbesserung der semantischen Leistungen und Reduktion der überschießenden Sprachproduktion hin zu kürzeren, strukturierten Äußerungen

Amnestische Aphasie
Auch: Anomie
AnomieAphasie Aphasie:amnestischemit dem Leitsymptom WortfindungsstörungenWortfindungsstörungen:Aphasie, amnestische.amnestische Aphasie
Läsionsort
Beim Syndrom der amnestischen Aphasie liegt kein typischer Läsionsort vor. Diskutiert werden bisweilen mögliche Läsionen im Temporal- oder auch dem unteren Parietallappen.
Erscheinungsbild
  • Wortfindungsstörungen in der Spontansprache und beim konfrontativen Benennen

  • meist flüssige Sprachproduktion

  • kompensatorischer Einsatz von Umschreibungen oder Floskeln

  • selten semantische Paraphasien mit großer Nähe zum Zielwort

  • Sprachverständnis nicht oder nur geringfügig beeinträchtigt

  • vereinzelt Satzabbrüche, die nicht durch eine syntaktische Problematik, sondern durch die Wortfindungsstörungen bedingt sind

Beispiel

Und da bin ich in das … Haus … das Kra das Krankenhaus und der … der Mann … der Arzt sagt mir: da werden wir … da werden wir Sie eine … äh … Weile da behalten und mein mein … Mann ist dann auch dageblieben.
Therapie
  • Schwerpunkt sind die Wortfindungsstörungen, mit dem Ziel, den lexikalischen Zugriff durch spezifische Strategien zu verbessern (Kap. 8.1.7)

  • Abklärung, inwieweit die Umwegstrategien des Patienten zu seiner Kommunikationsfähigkeit beitragen oder eher hinderlich sind und modifiziert werden müssen

Globale Aphasie
Auch: totale Aphasie Aphasie:globale
Schwerste Form „Aphasie:totale“einer aphasischen Störung mit Leitsymptom SprachautomatismenSprachautomatismen, insbesondere Recurring Utterances (Kap. 8.1.10).Recurring Utterances
Läsionsort
Ausgedehnte Läsion im Mediastromgebiet.
Erscheinungsbild
  • Störung rezeptiver und produktiver Modalitäten, sodass in den meisten Fällen keine Kommunikation mehr möglich ist

  • Äußerungen manchmal einzelner Wörter, oft jedoch ausschließlich Sprachautomatismen (Kap. 8.1.10), die wiederholt ohne sprachliche Intention abgerufen werden

  • Recurring Utterances („Recurring Utteranceswiederkehrende Äußerungen), Untergruppe der Automatismen mit Dominanz einzelner Silben oder Wörter ohne Sinnbezug in der Sprachproduktion

  • schwer gestörtes Sprachverständnis, meist werden nur einzelne Wörter des Gesprächspartners verstanden oder aus dem pragmatischen Kontext erschlossen

  • häufig zusätzliche neuropsychologische Störungen durch die massive Läsion in der sprachdominanten Hemisphäre, welche die sprachlichen Symptome überlagern und sich negativ auf diagnostische Einschätzung und therapeutische Intervention auswirken

Beispiel

dododo … jajajaja … dodo … do
Therapie
Bei Patienten mit globaler Aphasie gelingt es in vielen Fällen nicht, die Sprachfähigkeit in einem alltagstauglichen Maß wiederherzustellen. Insofern ist es häufig notwendig, mit den Patienten Ersatzstrategien zu trainieren, die eine basale Kommunikation im Alltag ermöglichen (Kap. 8.1.11).

Nicht-Standardsyndrome

Henrik Bartels
Leitungsaphasie
Auch: Nachsprechaphasie, afferent-Nachsprechaphasiemotorische Aphasie Aphasie:afferent-motorische
Aphasie mit Leitungsaphasieden Leitsymptomen phonematische Paraphasien und herausragend beeinträchtigtem Nachsprechen.
Läsionsort
Schädigung des Fasciculus arcuatus als Verbindung zwischen Wernicke- und Broca-Areal.
Erscheinungsbild
  • Sprachproduktion durch phonematische Entstellungen beeinträchtigt

  • spontansprachlich oft Störung der Sprechinitiierung

  • iterative Selbstkorrekturversuche im Umgang mit den eigenen phonologischen Fehlern

  • hohes Störungsbewusstsein

  • beim Nachsprechen größte Schwierigkeiten mit deutlicher Abhängigkeit von der Länge der Stimuli

  • ungestörtes Sprachverständnis

Beispiel

Geholt ham' die mich mit dem Hubkr … krau … krau … kau … nee. Hubkra … Hubschra … Hubschraber … schrader. Nee. Hub … schrauber.
Therapie (Kap. 8.1.7)
  • abhängig vom individuellen Erscheinungsbild Therapie der phonematischen Beeinträchtigungen im Vordergrund

  • Leitsymptomatik, das herausragend gestörte Nachsprechen, ist Oberflächensymptom, jedoch nicht direkter Gegenstand der Therapie

Transkortikale Aphasien
Echolalie:Aphasie, transkortikaleBesondere Aphasie:transkortikaleAphasieform mit den Leitsymptomen Echolalien und gut erhaltenem Nachsprechen, oft ohne Sinnentnahme.
Läsionsort
Ausgedehnte Läsion in der Verbindung zwischen sprachrelevanten Zentren und den sensorischen Assoziationskortizes, Nähe zu Broca-Areal.
Erscheinungsbild
Die Sprachverarbeitung ist mittelschwer bis schwer beeinträchtigt. Je nach Störungsschwerpunkt weitere Unterteilung in:
  • transkortikal-motorische Aphasie (Störungsschwerpunkt SprachproduktionsstörungenSprachproduktion)

  • transkortikal-sensorische Aphasie (Störungsschwerpunkt SprachverständnisstörungenSprachverständnis)

  • gemischt-transkortikale Aphasie (gleichmäßig betroffene Modalitäten)

Therapie
Aufgrund der großen Heterogenität des Störungsbildes bei transkortikaler Aphasie erscheint es wenig sinnvoll, typische oder allgemeine Therapieziele für diese Patientengruppe zu formulieren.

Sprachsystematische Diagnostik

Henrik Bartels
Konfrontation Aphasie:Diagnostikdes Patienten in unterschiedlichen Tests mit produktiven und rezeptiven Aufgabenstellungen, die Sprachleistungen wie Benennen, Sprachverständnis, Lesen fordern.
Formalisierte Tests
  • Konstruktion erfüllt mittels Normierung und Standardisierung die Anforderungen der Aphasie:Screeningverfahren/TestsTestgütekriterien

  • auch Untersucher ohne lange Erfahrung können ein valides Testergebnis erzielen, da die diagnostische Vorgehensweise hochstandardisiert ist und die Auswertungsrichtlinien klare Schemata zur Beurteilung der Leistungen des Patienten vorgeben

Screeningverfahren
  • nicht oder gering formalisiert

  • sind dazu gedacht, in relativ kurzer Zeit einen Überblick über das Störungsbild eines Patienten zu vermitteln

  • meist individuelle Anpassung der Testteile an die Erfordernisse des Patienten und des Therapeuten

  • korrekte Interpretation nur durch Therapeuten mit ausreichender Erfahrung möglich

In beiden Fällen eher quantitative Beschreibung der Fähigkeiten und Einschränkungen, da nicht zwingend eine Hypothese über die Genese der sprachlichen Auffälligkeiten formuliert wird. Je nach Umfang des Verfahrens erfolgt mehr oder weniger ausführliche Beschreibung des unmittelbar beobachtbaren sprachlichen Verhaltens.
Aachener Aphasie-Test (AAT, Huber et al. 1983)
Grundlagen
  • Syndromansatz (Aachener Aphasie-Tes (AAT) Kap. 8.1.1 und Kap. 8.1.2)

  • supramodalitätsorientiert

  • psychometrisch abgesichertes und normiertes Verfahren zur Diagnose aphasischer Störungen

Ziele
  • Auslese aphasischer Patienten vs. hirngeschädigter Patienten ohne Aphasie

  • Syndrom- und Schweregradklassifizierung

  • Identifizierung von Nicht-Standard-Aphasien sowie nicht klassifizierbaren Aphasien

  • Identifizierung verschiedener modalitätsspezifischer Sprach- bzw. Sprechstörungen

Testaufbau
Vorgehen anhand von 6 Testteilen, die weitere Subtests beinhalten:
  • Spontansprache

  • Token-Test

  • Nachsprechen

  • Schriftsprache

  • Benennen

  • schriftliches und verbales Sprachverständnis

Auswertung
  • Bewertung der einzelnen Aufgaben nach spezifizierten Punkteskalen

  • aus Summenergebnissen der Subtests errechnet sich mittels manueller oder computerbasierter Auswertung das diagnostische Ergebnis

  • Einordnung in das korrespondierende Aphasiesyndrom mit Angabe zum Schweregrad

  • komplexere Analysen der Ergebnisse einzelner Subtests sind möglich

  • durch Vergleich verschiedener Untertests beim gleichen Patienten zu unterschiedlichen Zeitpunkten Dokumentation signifikanter Veränderungen in den verschiedenen Testteilen über den Bezugszeitraum

Durchführungsdauer
60–90 Min.
Bielefelder Aphasie Screening zur Diagnostik akuter Aphasien (BIAS, Richter et al. 2006)
Ziele
  • Diagnostik aphasischer Bielefelder Aphasie Screening zur Diagnostik akuter Aphasien (BIAS)Störungen

  • differenzierte Erfassung sowohl schwerer als auch leichterer Symptomatik

  • Minimierung der Belastung für Patienten

  • therapierelevante Hinweise durch Stimulierung der Reaktionen in einzelnen Untertests

  • Eignung für Einsatz als Verlaufsdiagnostik

Testaufbau
Überprüfung von 6 Leistungsbereichen:
  • Spontansprache

  • auditives Sprachverständnis auf Wort- und Satzebene

  • automatisierte Sprache (Reihensprechen)

  • semantisch-lexikalische Leistungen (produktiv)

  • Lesesinnverständnis

  • schriftliche Produktion

Auswertung
Identifikation aphasischer Patienten, Einordnung der Patienten innerhalb aphasischer Normstichprobe, Festlegung des Schweregrads
Durchführungsdauer
30–40 Min.
Aphasie-Checkliste (ACL, Kalbe et al. 2002)
Ziele
  • schnell Aphasie-Checkliste (ACL)durchzuführende Diagnostik zentraler Sprachstörungen mit unterschiedlichen Hirnschädigungen

  • Erstellung eines Sprachprofils unterschiedlicher Teilfunktionen inkl. Beeinträchtigungsgraden

  • Rating der verbalen Kommunikationsfähigkeit

  • Überprüfung auf Beeinträchtigung wesentlicher kognitiver Funktionen wie Gedächtnis, Aufmerksamkeit und logisches Denken

Testaufbau
Zwei Teile (Sprache und Kognition), die in insgesamt 10 Untertests unterteilt sind; innerhalb dieser eine weitere Unterteilung in 21 verschiedene Aufgabenstellungen
Auswertung
  • Bewertung der einzelnen Aufgaben nach drei- oder vierstufigen Punkteskalen mit durch Normierung erhobenen Cut-Off-Werten für die einzelnen Aufgaben, an denen eine Beeinträchtigung identifiziert werden kann

  • anhand der erhobenen Punktwerte Erstellung eines Profils der sprachlichen Leistungen

  • Entscheidung über das Vorliegen einer aphasischen Erkrankung anhand des Gesamtwertes

Durchführungsdauer
ca. 30 Min.

Modellorientierte Diagnostik

Henrik Bartels
Diagnostikverfahren dieser Art legen den Fokus auf die Ermittlung einer oder mehrerer funktioneller Störungsorte, die zu einer beobachtbaren sprachlichen Einschränkung führen. Das ist nur möglich, sofern ausreichend spezifizierte theoretische Annahmen über den angestrebten Teilbereich der Sprachverarbeitung bestehen, welche die Grundlage für ein klinisch anwendbares Modell über die beteiligten Verarbeitungsmechanismen bilden.
Modellorientierte Verfahren wie LeMo oder die Untersuchungsverfahren von Blanken– werden beide im Folgenden noch beschrieben – beschränken sich nicht auf die quantitative Beschreibung einer Benennstörung. Sie versuchen aufgrund der qualitativen Charakteristika der Symptomatik deren funktionelle Ursache zu ermitteln. Bei einer Benennstörung könnten dies z. B. das phonologische Outputlexikon oder die semantische Verarbeitung des Patienten sein.
Logogenmodell
Neuere modellorientierte Therapie- und Diagnostikverfahren Aphasie:Logogenmodellstützen sich überwiegend auf das Logogenmodell von Morton (1980) und dessen Erweiterungen wie das Modell von Patterson und Shewell (1987; Abb. 8.1). Diese Modelle beschreiben die Verarbeitungsmechanismen der monomorphematischen Einzelwortverarbeitung anhand eines Systems von:
  • Langzeit-Wissensspeichern

  • Routen, die diese Mechanismen verbinden, aber auch eigene Verarbeitungsleistungen erbringen

  • Kurzzeitspeichereinheiten, den sog. Buffern

Auditive und visuelle Analyse (10, 11 Abb. 8.1)
Das Inputsignal wird auditiv oder schriftlich auf seine zielsprachlichen Charakteristika (segmentale Merkmale) analysiert:Aphasie:auditive und visuelle Analyseauditive Modalität: z. B. Identifizierung der lautlichen Einheiten
  • schriftliche Modalität: Erkennen der gelesenen Graphen (Buchstaben) unabhängig von der Darstellungsweise wie Druckschrift, Kursivschrift oder Handschrift

Lexika (2, 3, 4, 5 Abb. 8.1)
Lexikalische Komponenten sind rezeptive bzw. produktive Wortspeicher. Lexika:AphasieAphasie:Lexika
Hier werden bekannte Wortformen zum Abruf bereitgehalten. Als entscheidender Parameter dieser Komponenten gilt die Frequenz (Vorkommenshäufigkeit) des jeweiligen Wortes in der Zielsprache. Je häufiger ein Wort vorkommt, desto weniger zusätzliche Aktivierung wird zum Abruf benötigt. Hierüber lässt sich u. a. der Frequenzeffekt, der im Wortabruf bei vielen aphasischen Erkrankungen, aber auch im Experiment mit Normalsprechern beobachtet werden kann, erklären.
Semantisches System (1 Abb. 8.1)
Diese Komponente ist ein zentrales Modul der Sprachverarbeitung. semantisches System:AphasieAphasie:semantisches System
An dieser Stelle werden Bedeutungsmerkmale aktiviert und spezifiziert. Eine Störung des Systems führt aufgrund seiner zentralen Stellung zu übergreifenden Beeinträchtigungen von Sprachproduktion und -rezeption sowohl in der schriftlichen als auch in der mündlichen Modalität. Dabei kann es in allen Sprachleistungen, die von der semantischen Komponente abhängen, zu Konkretheitseffekten kommen. Demnach werden konkrete Begriffe, z. B. „Hammer“, zuverlässiger verarbeitet als Abstrakta, z. B. „Neid“, oder Funktionswörter.
Arbeitsspeicher (Buffer, 6, 7, 8, 9 Abb. 8.1)
Die Kurzzeitspeicher befinden sich innerhalb des Modells an Schnittstellen, an denen von segmentaler Aphasie:Arbeitsspeicherauf ganzheitliche Verarbeitung gewechselt wird und umgekehrt. So muss beim Erkennen eines Wortes wie „Hand“ zunächst segmental-temporär vorgegangen werden, d. h. dem Sprachfluss wird die Lautfolge /h-a-n-t/ entnommen und danach der lexikalische Eintrag als Ganzes im Inputlexikon aktiviert. Ein Buffer sorgt dafür, dass die Information, die im ersten Schritt aufgenommen wird, nicht innerhalb der Zeitspanne, die bis zur vollständigen Verarbeitung der Lautfolge vergeht, zerfällt. Bei einer Beeinträchtigung des Buffers kommt es zu Längen- oder Positionseffekten. Demnach werden Wörter und insbesondere Neologismen mit zunehmender Länge schlechter verarbeitet, oder es kommt zu Fehlerhäufungen am Beginn oder am Ende der Stimuli.
Segmentale Verarbeitungsrouten (12, 13, 14 Abb. 8.1)
Das Logogenmodell beschreibt drei Routen, die für die Konvertierung einzelner sprachlicher Segmente in eine andere Modalität benötigt werden: Aphasie:segmentale Verarbeitungsrouten
  • Auditiv-phonologische-Konvertierung (APK):Auditiv-phonologische-Konvertierung (APK) Übersetzung eines rezeptiven auditiven Eingangssignals in ein entsprechendes produktives Outputsignal. Auf diese Weise ist es z. B. möglich, nicht lexikalisches Material wie einen Neologismus oder ein nie zuvor gehörtes Wort nachzusprechen

  • Phonem-Graphem-Konvertierung (PGK):Phonem-Graphem-Konvertierung (PGK) ordnet einem Laut ein entsprechendes Graphem der Schriftsprache zu, was für das Diktat von Neologismen unabdingbar ist

  • Graphem-Phonem-Konvertierung (GPK):Graphem-Phonem-Konvertierung (GPK) vollzieht umgekehrt die Umwandlung einer gelesenen Buchstabenfolge in ein passendes Sprachsignal. Ohne GPK können Neologismen nicht laut gelesen werden

Bei ausschließlicher Nutzung einer segmentalen Route im Verarbeitungsprozess entsteht das Problem, dass Unregelmäßigkeiten beim Transfer von einer Modalität in die andere nicht verarbeitet werden können.

Beispiel

Das Wort „Bus“ wird mit kurzem /u/ gelesen, obwohl die deutschen Konvertierungsregeln vorgeben, dass ein Vokal, dem ein einfacher Konsonant folgt, lang ausgesprochen wird. Die korrekte Lesart dieses Wortes entsteht in der lexikalischen Verarbeitung, die für eine direkte Passung der entsprechenden Einträge im graphematischen Inputlexikon und im phonologischen Outputlexikon sorgt. Dementsprechend lesen Patienten mit Beeinträchtigung der lexikalischen Routen und intakter GPK dieses Wort zunächst falsch, worauf häufig eine Selbstkorrektur folgt.
Lexikon modellorientiert (LEMO, De Bleser et al. 2004, umfassende Überarbeitung 2013)
Grundlagen
Auf dem Lexikon modellorientiert (LEMO):AphasieAphasie:Lexikon modellorientiert (LEMO)Logogenmodell basierendes, normiertes Verfahren zur Einzelfalldiagnostik.
Ziele
  • modellorientierte Erfassung der funktionellen Ursache verbaler und schriftlicher Wortverarbeitungsstörungen, z. B. lexikalischer Zugriff oder Störung der Graphem-Phonem-Konversion

  • Erstellung individueller Patientenprofile

  • Ermittlung von Dissoziationen zwischen verschiedenen Aufgabenstellungen, von parameterspezifischen Leistungsunterschieden und von Häufungen bestimmter Fehlertypen in verschiedenen Aufgaben

Testaufbau
In insgesamt 33 Subtests werden den Patienten Bildstimuli, monomorphematische Wortstimuli oder daraus abgeleitete Neologismen präsentiert.
Aufgabenstellungen sind u. a.:
  • schriftliches sowie mündliches Benennen

  • rezeptive Zuordnungsaufgaben

  • gleich-ungleich-Entscheidung

  • Lexikalitätsentscheidung

Auswertung
  • im Verlauf der Auswertung werden die einzelnen Testergebnisse einem von drei Leistungsniveaus (normal, beeinträchtigt, Ratebereich) zugeordnet

  • mittels eines statistischen Vergleichs werden Dissoziationen und Parametereffekte im Sinne eines individuellen Leistungsprofils erfasst

  • anhand des Profils können Funktionsfähigkeit und Beeinträchtigung einzelner oder mehrerer Komponenten der Sprachverarbeitung auf der theoretischen Basis des Logogenmodells diagnostiziert werden

Durchführungsdauer
Es gibt keine Vorgaben hinsichtlich des Umfangs der Durchführung. So können für ein umfassendes Leistungsprofil alle 33 Tests durchgeführt werden. Ebenso ist es möglich, einzelne Teilmodule des Sprachverarbeitungssystems anhand der assoziierten Tests zu beurteilen. Insofern kann die Durchführungsdauer erheblich variieren.
BIWOS (Benassi, Gödde und Richter 2012)
Grundlagen
  • differenzierte Analyse der für die Wortproduktion erforderlichen Abrufprozesse. Diese Prozesse sollen im Rahmen sprachlich-assoziativer Aufgaben initiiert werden, um sprachliche Primingeffekte zu BIWOS:AphasieAphasie:BIWOSnutzen

  • Diagnostik leichter Benennstörungen

Ziele
  • Diagnose selektiver WortabrufstörungenWortabrufstörungen in Hinblick auf deren funktionale Ursache

  • Differenzierung semantische vs. lexikalisch bedingter Wortfindungsstörung

  • Identifikation bereits minimaler Beeinträchtigungen in der Wortabrufleistung sowie Abgrenzung von der Wortfindungsleistung Sprachgesunder

Testaufbau
10 Aufgabentypen, jeweils 5 zu primär lexikalischen bzw. primär semantischen Leistungsanforderungen. Die Aufgabenstellungen beinhalten z. B. das Finden von Antonymen oder Hyperonymen, Reimen oder Benennen nach Definitionsvorgabe sowie die lexikalische und semantische Wortflüssigkeit.
Auswahl der Items unter Berücksichtigung psycholinguistischer Parameter wie Frequenz oder Typikalität.
Auswertung
Auf Grundlage der vergebenen Punktwerte können T-Werte und Prozentränge ermittelt werden. Zugleich ist auch eine qualitative Auswertung der Ergebnisse hinsichtlich des funktionellen Störungsortes möglich.
Durchführungsdauer
Die Durchführung des BIWOS dauert ca. 30 Min., allerdings gibt es für die einzelnen Tests Abbruchkriterien, was die Gesamtdauer verkürzen kann.
Neurolinguistische Aphasiediagnostik (Blanken 1996, 1999; Blanken et al. 1999)
Grundlagen
  • basierend auf kognitiv-neurolinguistischen Neurolinguistische AphasiediagnostikAphasie:neurolinguistische DiagnostikWortverarbeitungsmodellen

  • Kontrolle der Testitems nach den kritischen Parametern des jeweils zu überprüfenden Moduls

Ziele
Je nach Test:
  • Diagnose semantischer Wortverständnisstörungen in der schriftlichen und mündlichen Modalität

  • Diagnose rezeptiver lexikalischer Wortabrufstörungen

  • Diagnose produktiver Sprachstörungen mündlich/schriftlich, lexikalisch/segmental

Auswertung
Die Ergebnisse der Untersuchungen werden quantitativ (Fehlerzahl) und qualitativ (Fehlerart) auf den entsprechenden Protokollbögen vermerkt. Da keine Normdaten vorliegen, nur informelle Beurteilung von Vorhandensein bzw. Schweregrad einer Beeinträchtigung.
Durchführungsdauer
Es gibt keine Vorgaben hinsichtlich des Umfangs der Durchführung. Dieser kann stark variieren, da die Tests z. T. im Schwierigkeitsgrad gestaffelt sind. Einfachere Tests können bei leichter betroffenen Patienten ausgelassen werden.
Bogenhausener Semantik-Untersuchung (BOSU, Glindemann et al. 2002)
Grundlagen
Bogenhausener Semantik-Untersuchung (BOSU):AphasieAphasie:Bogenhausener Semantik-Untersuchung (BOSU)Semantik wird als zentrale Komponente der Sprachverarbeitung gesehen, die eng, jedoch nicht zwangsläufig mit lexikalischem Wissen interagiert und selektiv beeinträchtigt sein kann, z. B. bei semantischer Demenz oder Alzheimer-Erkrankung.
Ziele
Befundung assoziativer und kategorieller Störungen der Semantik bei aphasischen Patienten und bei Patienten mit Störungen des semantischen Gedächtnisses ohne Aphasie.
Testaufbau
5 Subtests mit jeweils 10 Aufgaben, die das Zuordnen und Sortieren von Objektabbildungen in assoziativer und kategorieller Beziehung sowie das Zuordnen von Farben zu Objekten überprüfen.
Auswertung
Für die einzelnen Untertests liegen anhand der Normstichprobe ermittelte Cut-Off-Werte vor, anhand derer eine Beeinträchtigung festgestellt werden kann. Im Vergleich der Ergebnisse der Untertests 2 und 3 (semantische Haupt- vs. Nebenmerkmale) ergeben sich Hinweise auf den Schweregrad der semantischen Störung.
Durchführungsdauer
20–45 Min.
Texte verstehen (Claros Salinas 1993)
Grundlagen
Verstehen von Texte verstehen:AphasieAphasie:Texte verstehenTexten als „komplexe sprachlich-kognitive Leistung, bei der die Fähigkeit von Wort- und Satzverständnis vorausgesetzt wird und darüber hinaus die Fähigkeit, kohärente Strukturen des Textes zu erfassen bzw. durch Inferenzbildung herzustellen“.
Ziele
Orientierendes Screening zur Erfassung rezeptiver Textverarbeitungsstörungen bei leicht aphasischen Patienten, es kann jedoch auch bei Patienten mit nichtaphasischen Textverarbeitungsproblemen eingesetzt werden.
Testaufbau
Ein Screeningtext und 6 Verständnisaufgaben. Überprüfung:
  • Aufbau von Makrostrukturen

  • globales Textverständnis

Zusätzlich wird ein Therapieprogramm mitgeliefert, das aus 10 von der Anforderung her komplexen Texten besteht.
Auswertung
Die Bearbeitung des Textes wird ebenso wie die Bearbeitungsdauer protokolliert, es liegen jedoch keine Normdaten vor.
Durchführungsdauer
ca. 30 Min. (innerhalb einer Sitzung)

Funktionale Diagnostik

Ernst G. de Langen
Untersuchung Aphasie:funktionale Diagnostikder Funktionsbeeinträchtigung bzw. Integrationsstörung eines Patienten bezogen auf seinen Alltag. Funktionale Diagnostik unterscheidet sich deutlich von der neurolinguistisch-formalen Diagnostik, indem sie ausgeprägt kommunikations- und interaktionsorientiert ist.
Formale Diagnostik kann neurolinguistisch-deskriptiv oder kognitiv-neurolinguistisch orientiert sein und hat das Ziel, die Störungen als Phänomene bzw. als Läsionen in einem funktionalen Modell zu beschreiben. Dies geschieht zunächst losgelöst von der individuellen Konsequenz der jeweiligen Störung für einen Patienten (de Langen 2003, 2010).
  • konzeptueller Rahmen der funktionalen Diagnostik ist die ICF-Klassifikation der „ICF-Klassifikation“: subtWeltgesundheitsorganisation (WHO), die zwischen den Ebenen Körperstrukturen, Körperfunktionen, personenbezogene Faktoren, Umweltfaktoren sowie Aktivität und Partizipation unterscheidet (WHO 2005)

  • wird u. a. in den USA standardmäßig als Eingangsdiagnostik und zur Evaluation eingesetzt. Sie ist in vielen Fällen Grundlage für die Entscheidung, ob eine Therapie vom Kostenträger weiterfinanziert wird, sie dient der Therapieplanung in der pragmatisch orientierten Aphasietherapie und ist ein Maß für die Messung der Effektivität einer Therapie

  • in Deutschland befindet sich die funktionale Aphasiediagnostik (Tab. 8.1) noch in einem Entwicklungsstadium, wobei man sich überwiegend an Verfahren orientiert, die bereits im Ausland eingesetzt werden

Functional Independence Measure (FIM, de Langen et al. 1995)
Functional Independence Measure (FIM):AphasieAphasie:Functional Independence Measure (FIM)Weltweit am meisten verbreitetes Instrument zur Erfassung funktionaler Selbstständigkeit. Es wird in der Rehabilitation unterschiedlicher Störungen eingesetzt und ist in deutscher Übersetzung vorhanden (de Langen et al. 1995).
  • operationalisierte Bewertungskriterien

  • Gewichtung der Skalenpunkte kann mittels Rasch-Analyse von einer Ordinalskala in eine Intervallskala transformiert werden

  • erfüllt die Hauptgütekriterien Objektivität, Reliabilität, Konstruktvalidität und differenzielle Validität

Testaufbau
Umfasst 18 Items, die Aktivitäten des täglichen Lebens sowohl im motorischen als auch im kognitiven Bereich betreffen. Zwei Items beschreiben die Kommunikation.
Überprüft werden:
  • Spontansprache

  • Sprachverständnis

  • Lesen und Schreiben

Auswertung
  • Einstufung erfolgt auf einer 7-stufigen Skala

  • Bewertung orientiert sich am Hilfebedarf, die der Patient zur Bewältigung der Kommunikation benötigt

  • Bildung von Summenscores ist kritisch zu bewerten (de Langen et al. 1995)

Durchführungsdauer
20–30 Min. pro Patient
Amsterdam-Nijmegen Everyday Language Test (ANELT, Blomert und Buslach 1987)
Aphasie:Amsterdam-Nijmegen Everyday Language Test (ANELT)Amsterdam-Nijmegen Everyday Language Test (ANELT):AphasiePsychometrisch voll abgesicherter Test zur Messung der funktionalen Kommunikation (Blomert et al. 1994).
  • die gemeinsame niederländisch-deutsche Normierungsstichprobe erlaubt eine valide Aussage über die tatsächlich vorhandenen lautsprachlichen Fähigkeiten eines Patienten in der Alltagskommunikation

  • ANELT eignet sich insbesondere für eine ökologisch valide Evaluation von Therapieverläufen

Testaufbau
Das niederländische Verfahren mit deutscher Adaptation umfasst zwei Parallelversionen mit jeweils 10 Items. Bei einem Quasi-Rollenspiel soll der Patient verbal auf eine vom Untersucher geschilderte Alltagssituation reagieren.
Auswertung
  • Bewertung der sprachlichen Reaktionen auf zwei 5-stufigen Skalen

  • Bewertung hinsichtlich inhaltlicher und auditiver Verständlichkeit

  • sinnvoll bei leichten und mittelschweren Aphasien

Durchführungsdauer
mit Auswertung ca. 30 Min.
Assessment of Communicative Skills Interview (ACSI, Herrmann et al. 1989)
Assessment of Communicative Skills Interview (ACSI):AphasieStandardisiertes Interview. Aphasie:Assessment of Communicative Skills Interview (ACSI)
  • psychometrisch nicht abgesichertes Verfahren

  • Vorteile:

    • neben der sprachlichen Leistung fließt das paralinguale Verhalten des Patienten in die Bewertung ein

    • liefert spezifische Informationen für die Therapieplanung

Testaufbau
Der Test beinhaltet insgesamt 20 Fragen mit drei Fragetypen:
  • 5 Ja/Nein-Fragen

  • 7 W-Fragen

  • 8 Erzählaufforderungen

Auswertung
Für die Beurteilung der kommunikativen Fähigkeit sind zwei Skalen vorgesehen:
  • eine 5-stufige Skala zur Einschätzung der kommunikativen Beeinträchtigung

  • eine 7-stufige Skala zur Beurteilung der verwendeten Kommunikationsstrategien

Bewertung der sprachlichen Strategien sowie der nonverbalen Kompensationsstrategien, geeignet für alle Schweregrade.
Durchführungsdauer
mit Auswertung ca. 60 Min.
Communicative Effectiveness Index (CETI, Schlenck und Schlenck 1994a)
Communicative Effectiveness Index (CETI):AphasieAphasie:Communicative Effectiveness Index (CETI)Fragebogen für Angehörige, mit dem durch eine Fremdbeurteilung ein Maß für die Effektivität der Kommunikation des Patienten mit seiner vertrauten Umgebung erhoben werden soll (Lomas et al. 1989; dt. Übersetzung Schlenck und Schlenck 1994).
  • keine Gewichtung der Items, weshalb die Bildung von Summenscores methodisch fragwürdig ist

  • problematisch ist die geringe Interrater-Reliabilität

  • am ehesten für die Messung der Effektivität der Angehörigenberatung geeignet

Testaufbau
Der Fragebogen enthält ein Polaritätsprofil für jeweils 16 Items.
Auswertung
Der Beurteiler soll auf einer Analogskala seine Einschätzung ankreuzen, die vom Untersucher nachträglich quantifiziert wird. Der als Maß ermittelte CETI-Index ist der Mittelwert der 16 Bewertungen.
Durchführungsdauer
Für den Beurteiler ca. 10 Min., für den Auswerter ca. 5 Min.
Assessment Protocol of Pragmatic-Linguistic Skills (APPLS) und Dyadenanalyse
Beide Verfahren, die unmittelbar der Therapieplanung dienen, sind naturgemäß nicht psychometrisch fundiert.
APPLS (Gerber und Gurland 1989; Bongartz 1998)
  • Assessment Protocol of Pragmatic-Linguistic Skills (APPLS):AphasieAphasie:Assessment Protocol of Pragmatic-Linguistic Skills (APPLS)Konversationsanalyse eines Gesprächs zwischen Aphasiker und Partner auf Makro- und Mikroebene

  • besondere Berücksichtigung der Repairstrategien

Das zeitaufwändige Verfahren (mit Auswertung 4–6 Stunden) eignet sich für mittelschwere und leichte Aphasien und erlaubt qualitative Aussagen über die verbale Interaktion.
Dyadenanalyse
  • für schwer und schwerst Dyadenanalyse:AphasieAphasie:Dydenanalysegestörte Aphasiker entwickelt

  • in einer PACE-Situation entstandene Kommunikation wird anhand von Videoanalysen gemeinsam mit Patient und Partner analysiert

  • Zeitaufwand ist erheblich, jedoch irrelevant, weil die Analyse einen festen Bestandteil des Therapieablaufs darstellt

Modalitätsorientierte Therapieansätze

Henrik Bartels
Auditive Stimulierung nach Schuell (Schuell et al. 1964)
Auditive Stimulierung nach Schuell:AphasieAphasie:auditive Stimulierung nach SchuellKlassischer Ansatz der Aphasietherapie. Wird in ihren Grundzügen auch heute noch oft bei Patienten in der frühen Phase einer aphasischen Erkrankung zur Reaktivierung eingesetzt.
Grundannahme
Holistischer Ansatz, wonach es nur eine grundlegende Aphasieform gibt. Unterschiedliche Ausprägungen sind Folge verschiedener Schweregrade und der Beteiligung neuropsychologischer Symptome.
Prinzip
  • Reaktivierung gestörter Modalitäten durch hochfrequente Wiederholung der Übungen mit vorwiegend auditiver Vorgabe, Nach- und Mitsprechen sind gebräuchliche Methoden

  • Länge und Komplexität der Stimuli müssen der aphasischen Störung angepasst sein

  • konnte ursprünglich durch den Einsatz eines „Language Master“ unterstützt werden, auf dem mittels Magnetstreifen Nachsprechvorlagen abgespeichert werden konnten

Problem
Zentraler Kritikpunkt ist ihr theoretisches Gerüst. Da von einer unitären aphasischen Störung ausgegangen wird, ist auch das Vorgehen nicht an die individuellen Anforderungen des Patienten angepasst.
Deblockierungsmethode (Weigl 1979)
Erstmalig Deblockierungsmethode:AphasieAphasie:Deblockierungsmethodevorgestellt an der Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin als „Programm zur Rehabilitierung aphasischer Störungen“. Grundgedanken der Methode lassen sich in aktuellen Therapiemethoden wie MODAK – weiter unten vorgestellt – oder auch modellorientierten Vorgehensweisen wiederfinden.
Grundannahme
Eine beeinträchtigte Sprachleistung kann durch eine unbeeinträchtigte deblockiert werden, sofern die dafür notwendigen Grundvoraussetzungen vorliegen:
  • beide Leistungen müssen den gleichen Output besitzen, wie das Benennen und Nachsprechen den verbal-motorischen Output

  • Input muss bei Blockant (die gestörte Leistung, z. B. Benennen) und Deblockant (die nicht oder nur gering beeinträchtigte Leistung, z. B. Nachsprechen) intakt sein (hier müsste der Patient über intakten „gnostischen“ sowie „verbal-auditiven“ Input verfügen)

Prinzip
  • bei Störung des Benennens erfolgt mittels Nachsprechübungen mit dem gleichen Item eine Deblockierung der Benennleistung

  • zur Vermeidung eines echolalischen Effektes bei der nachfolgenden Benennleistung wird ein neutrales Item zwischengeschaltet

  • Ziel: Generalisierung der deblockierten Items auf das semantische Feld mit verbessertem Abruf ungeübter Items

Probleme
Wegen starrer, schematischer Vorgehensweise wird die Deblockierung in ihrer Reinform heute selten eingesetzt.
Modalitätenaktivierung (MODAK, Lutz 1997)
Integration Modalitätenaktivierung (MODAK):AphasieAphasie:Modalitätenaktivierung (MODAK)verschiedener Therapieverfahren mit dem Ziel der multimodalen Aktivierung. Besonderes Merkmal ist die starke Einbeziehung von Verben als Stimulus zur Wortfindung. So sollen kollokative Assoziationen von Nomen und Verben zur gegenseitigen Aktivierung genutzt werden.
Zielgruppe sind schwere und mittelschwere Aphasiker mit gewisser Fähigkeit zur konzentrierten Arbeit (20–25 Min.), welche die störungsspezifische Übungsphase erreicht haben.
Prinzip
  • Einteilung des Materials mit steigendem Schwierigkeitsgrad in 5 Blöcke, anhand derer spezifische Satzmuster aktiviert werden (Tab. 8.2)

  • anschließend Übungseinheiten mit dialogischem Charakter

  • methodisches Vorgehen umfasst u. a. Übungsformen wie das Zeigen von Bildvorlagen, Zuordnen von Schrift und Bildkarten bis hin zum schriftlichen Benennen der Stimuli

Als Inhalte der dialogischen Übungen empfiehlt Lutz:

  • Frage nach den Objekten: „Was trinkt die Frau? Sie trinkt ….“

  • Frage nach den Verben: „Was macht die Frau mit dem Kaffee?“

  • Nachfragen: „Trinkt sie Wein? Nein, Kaffee.“

  • Erweiterungen: „Was trinken Sie denn gern …?“

Linguistisch-modellorientierte Therapieansätze

Henrik Bartels
Modellorientierte Therapieformen gehen davon aus, dass die Beeinträchtigung einer spezifischen Komponente der Sprachverarbeitung eine spezifische Behandlungsweise erfordert. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die funktionale Lokalisation der Beeinträchtigung zwangsläufig in einer 1:1-Zuordnung auf das entsprechende Therapieverfahren verweisen muss.
  • die komponenten- bzw. modellorientierte Analyse aphasischer Fehlleistungen der Wortverarbeitung orientiert sich am Logogenmodell (Kap. 8.1.4)

  • diagnostische Verfahren sind so konstruiert, dass sie die funktionale Ursache erworbener Beeinträchtigungen der Sprachverarbeitung anhand vorhandener kognitiv-neurolinguistischer Modelle identifizieren. Beispiele finden sich bei De Bleser et al. (2004) oder auch Benassi, Gödde und Richter (2012)

Modellorientierte Aphasietherapie/Patholinguistischer Ansatz
Modellorientierte AphasietherapieAphasie:modellorientierte TherapieMöglichst spezifisches Eingehen auf die funktionale Ursache der aphasischen Störungen der Wortverarbeitung. Vorwiegend bei Störungen der verbalen und schriftlichen Wortverarbeitung, allerdings sind auch für syntaktische Störungen theoriegeleitete Therapiekonzepte vorhanden (Übersicht in Schwartz et al. 1994; Kap. 8.1.9).
Da die Vorgehensweise sehr stark von den jeweiligen Sprachverarbeitungsmodellen abhängt, erfordert die Methodik auf Seiten der Sprachtherapeuten gute theoretische Kenntnisse bzgl. dieser Modelle und der damit verbundenen Konzepte.
Therapieziele orientieren sich an neurolinguistischen Sprachverarbeitungsmodellen, insbesondere dem Logogenmodell (Kap. 8.1.4):
  • Konstruktion der Aufgaben nach den kritischen Parametern der betroffenen Module (z. B. Lexika, Semantik, Arbeitsspeichersysteme). Parameter werden durch die Verarbeitungsweise der Module festgelegt und bestimmen z. B. den Schwierigkeitsgrad verschiedener Aufgaben (Tab. 8.3)

  • beispielhafte Übungen, welche die jeweilige Verarbeitungsleistung gezielt ansprechen:

    • für Zugriffsstörungen auf die rezeptive lexikalische Verarbeitungsleistung → häufig Wort-Nichtwort-Entscheidungsaufgaben

    • Beeinträchtigungen der Arbeitsspeicher → Aufgaben zur Segmentierung und Synthese von Neologismen

    • nähere Beschreibungen des Vorgehens bei neurolinguistisch-kognitiven Therapieverfahren finden sich u. a. bei Bartels (2001) und Stadie und Schröder (2009)

Neurolinguistische Aphasietherapie (NAT, Neubert et al. 2005)
Neurolinguistische AphasietherapieAphasie:neurolinguistische TherapieIm deutschsprachigen Raum starke Verbreitung.
  • keine Therapiemethode im eigentlichen Sinne

  • stetig wachsende Sammlung neurolinguistisch strukturierten Materials

  • umfangreiche, im Verlag der Autoren veröffentlichte Arbeitshefte mit ausführlicher Sammlung von Übungsvorlagen, die auf verschiedenen sprachlichen Ebenen linguistisch fundiertes Arbeiten ermöglichen

Everyday Language Activities (ELA, Stark 1993)
  • Everyday Language Activities (ELA):AphasieAphasie:Everyday Language Activities (ELA)umfassende Sammlung von Fotokarten zur Therapie des Verbabrufs und der Erarbeitung von Sätzen

  • die auf den Karten dargestellten Handlungen sind in ihrer sprachlichen Repräsentation nach der Wertigkeit der Verben strukturiert, daher strukturiertes, schrittweites Vorgehen möglich

  • enthält ein in der syntaktischen Komplexität ansteigendes Screening zum agrammatischen Satzverständnis

Kommunikativ-pragmatisch orientierte Therapieansätze

Ernst G. de Langen
Umfasst mehrere pragmatische Aphasie:pragmatische TherapieansätzeAnsätze, die sich von der sprachsystematischen Aphasietherapie unterscheiden, indem sie die alltagsrelevante Kommunikation unabhängig von der linguistischen Qualität in den Mittelpunkt stellen.
  • Zielformulierung: Orientierung an den Ergebnissen der funktionalen Diagnostik, d. h. Therapie konkreter und für den individuellen Alltag des Patienten relevanter Kommunikationsprobleme

  • Vorgehen: Einbezug kompensatorischer Strategien; daher oft sog. „Kommunikationstherapie:bei Aphasie“Kommunikationstherapie, für die im Folgenden einige Beispiele genannt werden

Es gibt eine Vielzahl weiterer Methoden in der funktionalen Aphasietherapie, die unterschiedliche Zielsetzungen haben und für unterschiedliche Schweregradgruppen entwickelt wurden. Alternative Kommunikationstechniken, Rollenspiele und die Einbeziehung von Bezugspersonen sind dabei zentral. Eine gute Übersicht über die Möglichkeiten der funktionalen Therapie bei Globaler Aphasie findet sich in dem von Ostermann (2003) herausgegebenen Sammelband.
Promoting Aphasics Communicative Effectiveness (PACE)
Promoting Aphasics Communicative Effectiveness (PACE)Aphasie:Promoting Aphasics Communicative Effectiveness (PACE)Am weitesten verbreiteter sprachpragmatisch orientierter Ansatz (Davis und Wilcox 1985).
Ziel
Erfolgreiche Informationsvermittlung.
Vorgehen
  • Einüben unterschiedlicher Sprachhandlungen, wobei besonders auf eine in der verbalen und nonverbalen Interaktion gleichberechtigte Verteilung von Kommunikationsanteilen zwischen Patient und Gesprächspartner geachtet wird

  • Patient und Therapeut befinden sich abwechselnd in Sender-Hörer-Rollen. Gegenstand des Rollenspiels ist der Austausch unbekannter Information, beide können frei verbale und nonverbale Strategien wie Gestik, Pantomime oder Zeichnen wählen

  • Therapeut interveniert durch Hilfestellungen und Rückkopplungsstrategien

Die PACE-Methode hat verschiedene Therapeuten (Glindemann und Springer 1989; Greitemann und Eckhard 1991) dazu motiviert, spezielle Variationen der Methode zu entwickeln und in situativen Übungen einzusetzen.
Partner-Aphasiker-Kommunikations-Training (PAKT)
Partner-Aphasiker-Kommunikations-Training (PAKT):AphasieAphasie:Partner-Aphasiker-Kommunikations-Training (PAKT)Pulvermüller (1989) hat verschiedene Sprachübungsspiele entwickelt, die von Roth (1989) zum PAKT ausgebaut wurden.
Gegenstand des Trainings, das überwiegend in Rollenspielen stattfindet, sind nicht nur kommunikative Defizite, sondern auch psychosoziale Probleme. Daher ist eine familientherapeutische Ausbildung erforderlich.
Alltagsorientierte Therapie (AOT)
Von Aphasie:Alltagsorientierte Therapie (AOT)Alltagsorientierte Therapie (AOT):AphasieGötze und Höfer (1999) entwickelt.
Ziel
Lösung einer Problemsituation, z. B. die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, Einkaufen, Cafébesuch.
Vorgehen
Kommunikative Kompetenz wird in konkreten Situationen auch außerhalb eines Therapiezimmers eingeübt.
  • Vorbereitung: z. B. Kommunikationsbuch, dessen Verwendung in der realen Situation erprobt wird. Aufbauend auf dieser Erfahrung wird die jeweils eingesetzte Methode in der Nachbereitung optimiert

  • häufig Vermittlung nonverbaler Techniken im Vordergrund

Conversational Coaching von Holland (1991)
Für das Conversational Coaching:AphasieAphasie:Conversational CoachingEinüben kommunikativer Strategien bei leichteren Aphasien geeignet.
  • Evaluation der funktionalen Aphasietherapie durch entsprechende Verfahren der funktionalen Aphasiediagnostik (Kap. 8.1.5), die vorwiegend die lautsprachliche Kommunikation überprüfen

  • auch für die schriftsprachlichen Fähigkeiten auf elementarer und komplexer Ebene lassen sich konkrete und funktional relevante Zielsetzungen formulieren (de Langen 2001)

Syntaktische Störungen – Agrammatismus

Antje Lorenz
Auch: syntaktische StörungenProduktionsagrammatismusProduktionsagrammatismus; engl.: agrammatism; agrammatic agrammatic aphasiaaphasia
Kardinalsymptom der Broca-Broca-Aphasie:AgrammatismusAgrammatismusAgrammatismus:Broca-AphasieAphasie; Symptomatik auch bei anderen Aphasiesyndromen möglich (Kap. 8.1.1).
Symptomenkomplex; definiert durch vereinfachte syntaktische Strukturen in der Sprachproduktion (Spontansprache); häufig zusätzlich spezifische Satzverständnisstörung (auch: asyntaktisches Verständnis)
Ursache
Vorwiegend nach prärolandischen Läsionen (Versorgungsgebiet der A. praecentralis) der linken Großhirnhemisphäre; insbesondere Läsionen des linken inferioren Frontalgyrus
Erscheinungsbild in der Sprachproduktion
  • Leitsymptome in der Spontansprache: verkürzte Satzlänge, vereinfachte syntaktische Strukturen, Auslassung/Ersetzung von morphosyntaktischen Elementen, Unterrepräsentation von Verben (Kap. 8.1.1 für ein Beispiel)

  • häufige Begleitsymptome: unflüssige Spontansprache, verlangsamte Sprechgeschwindigkeit, viele Sprechpausen, beeinträchtigte Prosodie, mühsames Sprechen, Wortfindungsstörungen

Abgrenzung zum Paragrammatismus
Typisch paragrammatische Symptome:Paragrammatismus
  • Produktion langer und komplex angelegter Sätze, die sich durch Satzverschränkungen, Satzteilverdoppelungen sowie durch Ersetzungen und weniger durch Auslassungen funktionaler Elemente auszeichnen

  • Spontansprache meist flüssig

  • assoziiert mit Wernicke-Aphasie

Agrammatismus in der Produktion
  • syntaktisch Agrammatismus:der Produktion;Produktioneinfache, meist unvollständige Strukturen in der Spontansprache

  • Satzstruktur auf einzelne, kommunikativ wichtige Inhaltswörter, d. h. Nomen, Verben und Adjektive reduziert („Telegrammstil“)

  • Abruf von Verben schwerer beeinträchtigt als Abruf von Nomen

  • Funktionswörter wie Artikel, Konjunktionen, Präpositionen und Pronomen sowie Deklinations- und Konjugationsformen fehlen oder werden ersetzt

  • Wortfolge überwiegend kanonisch, d. h. zuerst Subjekt bzw. Agens und danach Objekt bzw. Thema einer Handlung (SVO-Sätze)

  • unflüssige Spontansprache mit Wortfindungsstörungen („Sprachanstrengung“)

  • häufig zusätzlich artikulatorische Sprechstörung wie Sprechapraxie und/oder Dysarthrophonie („Sprechanstrengung“) (Kap. 10)

Agrammatismus in der Rezeption
  • Verständnis auf Agrammatismus:in der Rezeption;RezeptionEinzelwortebene und von einfachen syntaktischen Strukturen, die semantisch irreversibel sind (z. B. „Der Junge malt das Bild.“), i. d. R. unbeeinträchtigt

  • beeinträchtigtes Verständnis von syntaktischen Strukturen, die semantisch reversibel sind; Verständnis kann hierbei nur über eine morphosyntaktische Analyse erfolgen, da beide Aktanten belebt sind (z. B. „Der Junge sucht den Vater.“); semantisch reversible Sätze mit nicht kanonischer Wortstellung i. d. R. herausragend betroffen (OVS-Struktur, z. B. „[Den Vater]Akk sucht [der Junge]Nom.“)

  • durch Anwendung einer Default-Strategie zur Zuweisung der thematischen Rollen wird bei semantisch reversiblen Sätzen die erste Nominalphrase im Satz häufig als Subjekt (bzw. Agens) interpretiert, auch wenn es sich um das Objekt (bzw. Thema) des Satzes handelt, daher häufig bessere Leistungen bei SVO- als bei OVS-Sätzen (Kanonizitätseffekt)

Definitionen
  • „semantisch irreversible Sätze“: Zuweisung der thematischen Rollen kann über die Bedeutungen der einzelnen Nominalphrasen erschlossen werden, d. h. aufgrund der Plausibilitätsbeschränkung ist es eindeutig, welche Nominalphrase Agens und welche Nominalphrase Thema der Handlung ist (z. B. „[Der Junge]Agens malt [das Bild]Thema.“)

  • „semantisch reversible Sätze“: sowohl Subjekt als auch Objekt können Agens oder Thema der Handlung sein (z. B. „[Der Junge]Agens sucht [den Vater]Thema“)

  • „Kanonizität“: bezieht sich auf Abfolge der Nominalphrasen im Satz (OVS-Strukturen: nicht kanonisch, z. B. „[Den Vater]Akk. sucht [der Junge]Nom.“; SVO-Strukturen: kanonisch, z. B. „[Der Junge]Nom. sucht [den Vater]Akk.“)

  • „Kanonizitätseffekt“: häufiger Effekt im agrammatischen Satzverständnis, SVO-Strukturen werden besser verstanden als OVS-Strukturen (auch: Wortstellungseffekt)

Beispiele für semantisch reversible, nicht kanonische Satztypen, bei denen sich häufig Verständnisstörungen zeigen

  • Topikalisierter Aktivsatz: „Den Vater sucht der Sohn.“

  • Wen-Frage: „Wen sucht der Sohn?“

  • Passivsatz: „Der Vater wird vom Sohn gesucht.“

  • Objekt-Relativsatz: „Das ist der Vater, den der Sohn sucht.“

  • Eingebetteter Objekt-Relativsatz: „Der Vater, den der Sohn sucht, ist im Garten.“

Agrammatismus ist kein homogenes Störungsbild. Die Symptomatik ist sowohl in der Produktion als auch im Verständnis variabel und scheint unterschiedliche funktionale Ursachen haben zu können (für eine Übersicht vgl. Bastiaanse und Thompson 2012). Das syntaktische Satzverständnis kann zudem völlig unbeeinträchtigt sein (Berndt et al. 1996), und vergleichbare syntaktische Verständnisstörungen können auch bei anderen Störungsbildern (z. B. bei flüssigen Aphasietypen) vorliegen (Bastiaanse und Edwards 2004).
Die Heterogenität der Symptomatik in Rezeption und Produktion hat zu unterschiedlichen Erklärungsansätzen geführt (für eine Auswahl Tab. 8.4).
Erklärungsansätze
Tab. 8.4 fasst einige Erklärungsansätze zusammen, die jedoch überwiegend nur einen Teil der Störung erklären und/oder sich nur auf die Symptomatik in einer Modalität beziehen.
Diagnostik
Untersuchungsmethoden für produktive Leistungen
Zusätzlich zur Analyse der Spontansprache überprüfen die folgenden Untersuchungsmethoden, ob eine spezifische Struktur produziert werden kann, die in der Spontansprache nicht auftrat.
  • Satzergänzungtest:AgrammatismusSatzergänzung: Vorgabe von Agrammatismus:SatzergänzungstestLückensätzen, die ergänzt werden sollen

    • Beispiel 1: Ergänzung des kasusmarkierten Artikels: „Der Junge sucht … Schlüssel.“

    • Beispiel 2: Einsetzung des flektierten Verbs: „Heute malt der Junge ein Bild. → Gestern … der Junge ein Bild.“

  • Satzelizitation: Produktion einer bestimmten Satzelizitation:AgrammatismusAgrammatismus:SatzelizitationSatzstruktur durch den Patienten, ohne den Satz vom Untersucher nur nachzusprechen, verschiedene Verfahren, z. B.

    • zwei Handlungsabbildungen mit vertauschten thematischen Rollen: Untersucher modelliert Zielstruktur an einem Ablenkerbild, Patient soll gleiche Struktur zu einem Zielbild produzieren, auf dem die gleiche Handlung mit vertauschten thematischen Rollen dargestellt ist (z. B. KOMPLEXE SÄTZE, Schröder et al. 2009)

    • Vorgabe von Kontexten, die einen bestimmten Satztyp (z. B. Fragesätze) bei dem Patienten elizitieren. Beispiel: „Sie haben Ihre Uhr verlegt und möchten wissen, wo sie ist. Was fragen Sie?“

Untersuchungsmethoden für rezeptive Leistungen
  • Satz-Bild-Zuordnungsaufgabe: mündliche oder schriftliche Präsentation eines Satzes und von zwei (oder mehr) Handlungsabbildungen. Patient soll Zielbild auswählen (z. B. SÄTZE VERSTEHEN, Burchert et al. 2014)Agrammatismus:rezeptive Leistungen, Untersuchungsmethoden

  • Objektmanipulation: Patient soll zu vorgegebenen Sätzen Handlungsabfolgen mit Gegenständen ausführen

  • Grammatikalitätsurteile: auditive oder visuelle Vorgabe von grammatischen und ungrammatischen Sätzen, die danach beurteilt werden sollen, ob sie korrekt oder fehlerhaft sind. Beispiel: Während Satz (1) ein grammatischer Satz ist, weisen die Sätze (2) und (3) jeweils eine Regelverletzung auf und sind somit ungrammatisch:

    • 1.

      Der Sohn sucht den Vater.

    • 2.

      Der Sohn suchen den Vater. (Subjekt-Verb-Kongruenz)

    • 3.

      Gestern sucht der Sohn den Vater. (Tempus-Flexion)

Therapie
Therapieinhalte
Orientieren sich an Art und Schwere der morphosyntaktischen Störung:
  • neben Produktionsstörung häufig auch rezeptive Symptome auf Satzebene; ggf. beide Modalitäten in der Therapie berücksichtigen

  • ggf. Verbabruf zunächst auf der Wortebene behandeln → positive Auswirkung auf Phrasen-/Satzebene möglich (Links et al. 2010)

  • ggf. Nominalflexion (Plural) auf Wortebene behandeln

  • ggf. zusätzlich morphologisch-lexikalische Beeinträchtigungen auf Wortebene behandeln (Komposition, Derivation)

  • häufige Begleitstörungen, die eine gesonderte Therapie erfordern: Sprechapraxie/Dysarthrophonie (Kap. 10), Dyslexie/Dysgraphie (Kap. 8.2, Kap. 8.3), lexikalisch-semantische und/oder -phonologische Störungen auf Einzelwortebene (Kap. 8.1.6, Kap. 8.1.7, Kap. 8.1.8)

Übungsaufgaben (Tab. 8.5)
ggf. Einsatz von schriftlichem Therapiematerial (z. B. Texte, Lückensätze und Satzkarten)
Beispiele für theoretisch motivierte, evidenzbasierte Behandlungsansätze
Training der Zuordnung der thematischen Rollen (Mapping-Therapie)
Effizienz für Mapping-Therapie:AgrammatismusAgrammatismus:Mapping-Therapierezeptive Leistungen nachgewiesen, zusätzlich bei einigen Patienten cross-modale Generalisierung (Verbesserung der Satzproduktion nach Rezeptionstherapie; Schwartz et al. 1994).
Grundannahme
Mapping-Hypothese: Agrammatismus als syntaktisch-semantische Zuordnungsstörung (Schwartz et al. 1987).
Gezielte Therapie der Zuordnung der thematischen Rollen in unterschiedlichen Satztypen führt zu einer Verbesserung bei der Satzverarbeitung.
Therapieziel
Verbesserung des Transfers zwischen semantischer und syntaktischer Satzrepräsentation und somit Verbesserung der Verarbeitung semantisch reversibler Sätze in Rezeption und Produktion.
Vorgehen
  • Identifikation der thematischen Rollen in unterschiedlichen Satztypen, z. B. Kontrastierung von Aktiv- und Passiv-Sätzen (überwiegend metalinguistische Aufgaben)

  • unterschiedliche Aufgabentypen möglich:

    • Erfragen des Verbs und der thematischen Argumente in geschriebenen/gesprochenen Sätzen sowie auf entsprechenden Handlungsabbildungen; hilfreich ist die farbliche Kodierung des Verbs und der thematischen Rollen (z. B. Unterstreichen der Satzteile in unterschiedlichen Farben oder Markierung der beiden Aktanten mit farblichen Steinen auf einer Handlungsabbildung)

    • Satz-Bild-Zuordnungsaufgaben mit korrektivem Feedback (z. B. Kontrastierung von kanonischen und nicht kanonischen Sätzen)

Erforderliches Material
Handlungsabbildungen, geschriebene Sätze
Training syntaktisch komplexer Strukturen
(Auch:Treatment of underlying forms“, TUF, Thompson et al. 2003). Effizienz für produktive und rezeptive Leistungen nachgewiesen.Treatment of underlying forms (TUF):AgrammatismusAgrammatismus:Treatment of underlying forms (TUF)
Grundannahme
Agrammatismus als selektive Syntaxstörung. Die Behandlung von syntaktisch komplexen Strukturen führt zu einer Verbesserung bei der Verarbeitung von syntaktisch einfacheren Strukturen, die linguistisch relationiert sind („Komplexitätsannahme“, auch: „Complexity account of treatment efficacy, CATE“, Thompson et al. 2003).Complexity account of treatment efficacy (CATE)
Therapieziel
Verbesserung der Produktion bzw. Rezeption der Trainingsstruktur und Übertragung auf Satzstrukturen, die nicht direkt trainiert wurden.
Vorgehen
  • störungsspezifischer Ansatz: Training der Produktion oder Rezeption einer syntaktisch möglichst komplexen Satzstruktur (nicht kanonischer, semantisch reversibler Satztyp mit Einbettungen)

  • Aufgabentypen in der Therapie produktiver Leistungen: z. B. Satzelizitationsaufgaben mit Hilfestellung, wobei auf Korrektheit der produktiven Äußerungen Wert gelegt wird, d. h. Präsenz morpho-syntaktischer Markierungen, korrekte Wortstellung

  • Aufgabentypen in der Therapie rezeptiver Leistungen: z. B. Satz-Bild-Zuordnungsaufgaben und das Abgeben von Grammatikalitätsurteilen zu syntaktisch komplexen Sätzen

Erforderliches Material
Zum Beispiel Handlungsabbildungen, Satzkarten, Konstituentenkarten (für die Behandlung von Satzproduktionsstörungen vgl. z. B. KOMPLEXE SÄTZE, Schröder et al. 2009).
Training syntaktisch einfacher Strukturen
Reduzierte Syntax-Therapie, REST, Agrammatismus:reduzierte Syntax-Therapie (REST)(Schlenck et al. 1995), Effizienz für produktive Leistungen nachgewiesen, für Patienten mit chronischen, schweren Störungen empfohlen. Reduzierte Syntax-Therapie (REST):Agrammatismus
Grundannahme
Adaptationshypothese: Agrammatismus:AdaptationshypotheseAgrammatismus als Folge einer Kompensationsstrategie (Kolk und Heeschen 1990)
Durch Training syntaktisch vereinfachter Strukturen, d. h. unter anderem Auslassung morphosyntaktischer Markierungen, Aktivierung rechtshemispärischer Fähigkeiten und Zugewinn an Verarbeitungskapazität. Dadurch bessere Satzplanung. Patient kann sich schneller und effektiver mitteilen; kompensatorischer Ansatz, der auf Verbesserung der Kommunikation und nicht auf perfekte Äußerungen ausgerichtet ist. Grundlage für ein störungsspezifisches Arbeiten an der morphosyntaktischen Verarbeitungsstörung kann geschaffen werden.
Therapieziel
Abruf von ellipsenartigen, d. h. vereinfachten Strukturen, z. B. Kaffee trinken, und somit Verbesserung der kommunikativen Fähigkeiten des Patienten.
Vorgehen
Es werden bis zu 5 Trainingsstufen hintereinander durchlaufen. Dabei nimmt die Komplexität der Trainingsstrukturen zu.
  • Training der Produktion einfacher ellipsenartiger Strukturen, überwiegend Elizitierung dieser Strukturen durch Vorgabe bestimmter Kontexte

  • Auslassung morphosyntaktischer Markierungen

  • bei allen Trainingsstrukturen werden folgende linguistische Restriktionen der Zielsprache eingehalten:

    • alle Strukturen enthalten ein Hauptverb mit seinen obligatorischen Argumenten, d. h. Verb + direktes Objekt oder Verb + Subjekt oder Verb + Subjekt + Objekt

    • das Hauptverb wird entweder im Infinitiv oder als Partizip präsentiert

    • Wortstellung der Zielsprache wird eingehalten

    • ABER: sämtliche Kasusmarkierungen an den Nomina werden ausgelassen (Artikelauslassungen)

Satzbeispiele

1. Trainingsstufe (einfache Zwei-Wort-Äußerungen):
  • Kaffee trinken (N–V); schnell laufen (Adv.–V)

5. Trainingsstufe (Vier-Wort-Äußerungen):
  • Lisa Leo Brief geschrieben (N–N–N–V)

Erforderliches Material
Handlungsabbildungen, Satzkarten, geschriebene Texte (Schlenck et al. 1995).
Materialsammlungen (Tab. 8.6)
Können ergänzend bei Diagnostik und/oder Therapie von erworbenen morphosyntaktischen Störungen eingesetzt werden.

Sprachliche Automatismen

Gerhard Blanken
Auch: SprachautomatismenSprachautomatismen (Huber et al. 1997), Recurring Utterances (Jackson 1879), permanente verbale Stereotypien (verbale Stereotypien, AdaptationshypotheseAlajouanine 1956)
Aphasische aphasische SprachautomatismenSprachautomatismen Sprachautomatismen:aphasischesind quasi-zwanghaft wiederholte, formstarre Lautäußerungen ohne adäquate semantisch-kommunikative Funktionen. Form, Frequenz und Dauer sind für die einzelnen Patienten charakteristisch.
Ursachen
Meistens bei schweren Aphasien (Globalaphasien),Wernicke-AphasieGlobalaphasieBroca-Aphasie selten bei Broca- oder Wernicke-Aphasien.
Theorien zum Schädigungsort
  • Jackson (1879): Sprachautomatismen (als Teil der sog. nicht propositionalen Sprache) werden durch Leistungen der inferioren Hemisphäre erzeugt bei weitgehendem Verlust der Sprachmechanismen der dominanten Hemisphäre (propositionale Sprache)

  • Diana Van Lancker und Chris Code (Wallesch 1990): Sprachautomatismen haben einen emotionalen, automatischen bzw. ganzheitlich-informativen Charakter und sind Folge non-propositionaler Kodierungen

  • Blanken (1991a): alle Sprachautomatismen werden durch Störungen phonologisch-phonetischer Planungsprozesse hervorgebracht

Erscheinungsbild
  • wiederholte Produktion, weitgehende phonologische Invarianz, Beschränkung auf die artikulierte Sprache

  • Formate: CV-Verbindungen oder andere Silben (z. B. do-do; bam), Neologismen, Morpheme bzw. Wörter, Eigennamen oder Wortfolgen (Phrasen bzw. Sätze). Patienten, die in ihrem Ausdruck nicht völlig auf Sprachautomatismen reduziert sind, produzieren ihre Automatismusformen neben möglichen korrekten Äußerungen bzw. neben anderen Sprachpathologika wie Paraphasien, Neologismen, Echolalien etc.

  • Verlust der semantisch-propositionalen Funktion, eingeschränkte kommunikative Funktion

  • Recurring Utterances (Poeck et al. 1984): längere Ketten flüssig hervorgebrachter Automatismen, oft CV-Formen wie „do-do-do-do-do …“ etc., werden von der Aachener Gruppe als Unterform von Sprachautomatismen eingestuft.

  • Aphasiker, die keine längeren Automatismusketten, sondern z. T. nur sporadisch Automatismus produzieren, bringen die Automatismusform flüssiger hervor als andere Sprachelemente

Oft Verwendung des Begriffs Recurring Recurring UtterancesUtterance im Sinne von Jackson synonym mit dem Begriff Sprachautomatismus

Diagnostik
  • Prüfung der automatismusfreien Modalitäten, v. a. Sprachverständnis und Schreiben, um partiell verschonte Leistungen aufzudecken

  • beim Nachsprechen und Benennen oft Leistungsreste

  • Analyse der Spontansprache führt i. d. R. zu sehr niedrigen Bewertungen und kann den Blick auf noch vorhandene sprachliche Ressourcen erschweren

Differenzialdiagnostik
  • schwere Perseverationen können Perseverationen:DifferenzialdiagnostikÄhnlichkeiten mit Sprachautomatismen aufweisen. Im Gegensatz zu Automatismen heften sie sich an wechselnde Stimuli und treten potenziell in allen Modalitäten auf

  • echolalische Reaktionen sind gut von EcholalieAutomatismen zu unterscheiden, da hier ausschließlich Äußerungen des Gesprächspartners wiederholt werden

  • häufig verwendete Redefloskeln treten im Unterschied zu Automatismen nicht quasi-zwanghaft auf und sind oft Ausdruck vorübergehender Sprachnot (Wallesch 1990)

Therapie
Schwer therapierbar bzw. oft therapieresistent, insbesondere in chronischer Phase. In Akutphase bei einer Teilgruppe der Patienten bessere Behandlungsmöglichkeiten.
  • Unterdrückung der Automatismen und Förderung kreativ gebrauchter Sprache ist nur sinnvoll, wenn dem Patienten durch die Therapie mind. gleichwertige kommunikative Mittel bzw. andere Ausdrucksmittel angeboten werden können

  • falls keine Unterdrückung möglich, prüfen, ob formstarre Sprache für kommunikative Funktionen einsetzbar ist: Anbahnung der Kontrolle über Antwortvolumen, Intonation, Lautstärke, paraverbale Eigenschaften

Spezielle Therapieverfahren bei schweren aphasischen Störungen

Henrik Bartels
Da insbesondere global-aphasische Patienten oft wenig von sprachspezifischer Therapie profitieren, Entwicklung von Therapiemethoden mit Schwerpunkten in der pragmatisch-kommunikativen Arbeit. Die folgenden Beispiele versuchen, nicht verbale oder musische Aspekte zu betonen oder zur Reaktivierung von Kommunikation einzusetzen.
Visual Action Therapy (VAT, Helm-Estabrooks et al. 1982)
Ziel: schwer Visual Action Therapy (VAT):Aphasiebetroffene Aphasiker sollen gestische Mittel als alternative Kommunikationsform etablieren: Aphasie:Visual Action Therapy (VAT)
  • Training über abgestuftes Programm, Informationen über sowohl einzelne Objekte als auch Handlungssequenzen gestisch zu übermitteln

  • gesamte Therapie ohne Einsatz verbaler Mittel

  • Ablauf von 30 Therapieschritten mit 3 verschiedenen Schwierigkeitsgraden:

    • 1. Stufe: einfache repräsentierende Gesten werden mit Realgegenständen und assoziierten Bildkarten verbunden

    • ab der 2. Stufe: Verzicht auf Realgegenstände. Der zunehmende Abstraktionsgrad sowie die ansteigende visuelle Komplexität der Vorlagen sollen den späteren Einsatz in der täglichen Kommunikation ermöglichen

Melodic Intonation Therapy (MIT, Albert et al. 1973)
Grundannahme
Melodic Intonation Therapy (MIT):AphasieAphasie:Melodic Intonation Therapy (MIT)Reaktivierung sprachlicher Produktion durch Nutzung verbliebener musischer Fähigkeiten.
Prinzip
  • mit Hilfe eines detaillierten abgestuften Programms werden über melodische und rhythmische Stimulation hochfrequente Äußerungen und Floskeln faszilitiert

  • Aufgreifen der natürlichen Intonation einfacher (v. a. elliptischer) Äußerungen wie „Aufstehen!“, „Guten Morgen!“ oder „Zähne putzen!“. Transposition der sprachlichen Konturen in ein melodisches Intonationsmuster. In der Folge wird die unnatürliche melodische „Singweise“ abgebaut, um die trainierten Floskeln in der Spontansprache einzusetzen

Wirksamkeit
Wirksamkeit wurde in verschiedenen Studien, die z. T. auch modifizierte Varianten einsetzten, belegt. Verbesserungen waren unspezifisch, lassen nur begrenzt Hinweise auf funktionale Wirkungsweise der Intervention zu. In einer niederländischen Studie (Lugt et al. 1989) werden positive Auswirkungen der MIT bei Patienten mit Recurring Utterances beschrieben.

Dyslexien

Henrik Bartels
Auch: erworbene Lesestörung, erworbeneLesestörung, häufig auch Alexie
Dyslexien Alexiesind Dyslexieerworbene Lesestörungen bei erwachsenen Patienten mit neurologischer Ätiologie – oft begleitend zu einer aphasischen Sprachstörung (Kap. 8.1). Einzelfallstudien der kognitiven Neurolinguistik über dyslektische Patienten belegen die relative Unabhängigkeit der schriftsprachlichen Störungen.

Verarbeitung des schriftlichen Inputs

Generell zwei Verarbeitungsmechanismen:Dyslexie:schriftlicher Impuls, Verarbeitung
  • ganzheitlich (auch als Sichtwortschatz bezeichnet): Erkennen des Wortbildes, danach Verknüpfung mit semantischer Information und Abruf der korrespondierenden Wortform. Auf diese Weise lassen sich auch Wörter korrekt lesen, die falsch ausgesprochen würden, wenn jeder Buchstabe in den entsprechenden Laut konvertiert würde (z. B. Jeans)

  • einzelheitlich: Lesen durch Übersetzung der einzelnen Buchstaben in die entsprechenden Laute (Graphem-Phonem-Konversion). Auf diese Weise ist es auch möglich, Neologismen, die keine lexikalische Information beinhalten, zu lesen

Die erhaltenen bzw. beeinträchtigten Verarbeitungsrouten können anhand des Logogenmodells in Kap. 8.1.4. nachvollzogen werden

Einteilung der Dyslexien

In der therapeutischen Praxis lassen sich verschiedene Dyslexie:EinteilungDyslexieformen mit charakteristischer Symptomatik beobachten (Tab. 8.7). Die individuellen Erscheinungsformen können jedoch erheblich von dieser grundsätzlichen Beschreibung abweichen:
Zentrale Dyslexien
Oberflächendyslexie
Abhängig vom Ort der Unterbrechung der lexikalischen Verarbeitungsrouten kann die Oberflächendyslexie im Erscheinungsbild stark variieren.
  • Patienten benutzen Dyslexie:zentraleausschließlich die Graphem-Phonem-Konversion (GPK; Logogenmodell, Kap. 8.1.4)

  • direkte Leseroute vom graphematischen Input zum phonologischen Output und Weg über Semantik nicht nutzbar

  • Neologismen und Wörter mit regelmäßiger Konvertierung (z. B. „Bann“) können korrekt, wenn auch verlangsamt gelesen werden; bei Wörtern mit unregelmäßiger Lesart (z. B. „Bus“) kommt es zu Regularisierungsfehlern (der Patient realisiert diese den deutschen Konvertierungsregeln folgend zunächst als /buıs/, anschließend evtl. Korrektur über die auditive Rückkopplung)

  • Betonungsfehler bei Wörtern, die nicht der im Deutschen typischen, trochäischen Betonung entsprechen (z. B. „Fabrik“)

  • Verständnis bei nicht zur Verfügung stehender lexikalischer Verarbeitung nur über Rückkopplung möglich

Tiefendyslexie
  • Ausfall der direkt-lexikalischen Route sowie der TiefendyslexieGPK

  • Lesen nur durch Nutzung semantischen Wissens möglich. Dabei deutliche Konkretheitseffekte. Je geringer die semantische Spezifizierung des Stimulus ist, je abstrakter das dargebotene Wort, desto höher wird die Fehleranzahl

  • Wortarteneffekt beim Lesen von Funktionswörtern, die nicht gelesen oder aus dem Kontext erraten werden

  • besonders bei gleichzeitiger Beeinträchtigung der Semantik semantische Paralexien (z. B. wird das Wort „See“ als „Wasser“ gelesen)

Phonologische Dyslexie
  • weitgehend phonologische DyslexieDyslexie:phonologischeungestörte lexikalische Verarbeitung schriftsprachlichen Materials

  • segmentale GPK-Routine ist nicht nutzbar:

    • bekannte Wörter können fehlerfrei, korrekt betont und mit Verständnis gelesen werden

    • neologistische Wörter und unbekannte Fremdwörter können nicht verarbeitet werden

  • in Abgrenzung zur Tiefendyslexie keine semantischen Paralexien

Direkte Dyslexie
  • ausschließlich Dyslexie:direktedirekt-lexikalische Leseroutine verfügbar

  • unregelmäßige Wörter werden korrekt gelesen

  • Wortverständnis ist nur gegeben, wenn die rezeptive verbal-phonologische Verarbeitung intakt ist und eine phonologische Schleife genutzt werden kann

Periphere Dyslexien
Neglektdyslexie
  • bei visueller Dyslexie:periphereNeglektsymptomatik oft Vernachlässigungssymptome hinsichtlich einer Hälfte des zu lesenden Wortes. Da Neglekte vorwiegend im Zusammenhang mit einer rechtshemisphärischen Läsion auftreten, ist dies meist der (linksseitige) Anfang des Wortes

  • oft Leistungsverbesserung, wenn die Wörter von oben nach unten geschrieben werden oder sich bei Komposita der Sinn erst durch das vollständige Lesen des Wortes ergibt

Reine Alexie
Alexie:reineDiskonnektionssyndrom: meist DiskonnektionssyndromLäsion linksokzipitaler Strukturen mit Hemianopsie nach rechts sowie des Spleniums, einer hinteren Region des Corpus callosum. Dadurch keine Wahrnehmung des rechten Gesichtsfeldes und kein Transfer der visuell-graphematischen Information aus der unbeeinträchtigten rechten Hirnregion zum Sprachzentrum. Diskutiert wird die mögliche Beteiligung rechtshemisphärischer Strukturen am Leseprozess.
  • Patient liest buchstabierend, ist danach oft in der Lage, das vollständige Wort abzurufen

  • Schreiben und verbale Sprachleistungen unbeeinträchtigt

Diagnostik

Lese- und Schreibleistung
Literalität
  • 15–20 % der Erwachsenen in den Industrienationen sind funktionale Analphabeten Dyslexie:Diagnostik(OECD-Studie 1995), in Deutschland wird von 14,4 % Literalitätausgegangen

  • Befragung von Patient und Angehörigen, Begutachtung vor der Erkrankung angefertigter Schriftstücke zur Ermittlung der prämorbiden Lesekompetenzen

Flüssigkeit, Wohlgeformtheit und Geschwindigkeit
Beobachtung und Beschreibung der Lesegeschwindigkeit und Schriftqualität gibt wichtige Hinweise auf Lese- und Schreibroutinen des Patienten, Ermittlung des Störungsortes
Buchstabieren und Maschinenschrift
  • differenzialdiagnostische Abgrenzung zentraler Schreibstörungen von subgraphematischen Beeinträchtigungen durch Dissoziation zwischen hand- und maschinenschriftlichen Leistungen sowie der Fähigkeiten zum Buchstabieren

  • mehrere Fälle bekannt, in denen Patienten handschriftlich Fehler machten, jedoch fehlerfrei buchstabieren konnten (Hinweis auf subgraphematische funktionale Störung)

Implizites graphematisches Wissen
Implizites Wissen über schriftliche Zeichen kann auch bei vollständiger Unfähigkeit zur schriftlichen Äußerung erhalten sein, insbesondere allographisches Wissen wie die Zuordnung Groß- zu Kleinbuchstabe oder Druck- zu Schreibschrift.
Zentrale schriftsprachliche Verarbeitung
Primäres Ziel der Diagnostik bei erworbenen Dyslexien sowie Dysgraphien ist die Ermittlung des funktionalen Störungsorts der Beeinträchtigung. Dieser im deutschsprachigen Raum relativ neue Ansatz impliziert die Frage nach den benutzten Schreibrouten und dem Zustand der nicht benutzten Routinen:
  • Können die segmentalen Verarbeitungsrouten genutzt werden?

  • Schreibt und liest der Patient mithilfe der Lexika?

  • Wird die Semantik beim Schreiben und Lesen aktiviert?

  • Kommt es zu semantischen Paragraphien bzw. -lexien?

  • Handelt es sich bei den Störungen um zentral oder subgraphematisch relatierte Beeinträchtigungen?

Sprachspezifische Diagnostik
Neurolinguistische Testbatterien des deutschsprachigen Raumes: verschiedene Tests von Blanken et al. (1999) und LeMo-Lexikon Batterie von De Bleser et al. (2004)

Therapie

Konzeption Dyslexie:Therapieder Dyslexietherapie nicht lediglich aus den beobachtbaren Funktionsdefiziten heraus, sondern anhand kognitiv-neurolinguistischer Modellvorstellungen über das zugrundeliegende funktionelle Defizit.
Übungsbereich ganzheitlich-lexikalische Leseleistung
  • kurzzeitige Präsentation von Wörtern und Nichtwörtern, die Patienten entscheiden dabei über den lexikalischen Status

  • Erkennen von Wörtern in Buchstabenreihen (wie FOTEREDTISCHERATZDRICK); Aufgabe nur über ganzheitlichen Verarbeitungsprozess in kurzer Zeit lösbar

In beiden Beispielen ist die Steigerung bzw. Senkung des Schwierigkeitsgrades über die Variation der Wortfrequenz möglich.
  • Wort-Bild-Zuordnungsaufgaben: je nach funktionalem Störungsort Aufgaben mit semantischem oder phonologischem Ablenker

  • Auswahlaufgaben: aus einer kleinen Menge schriftlicher Stimuli sollen semantisch unpassende Wörter oder Neologismen selektiert werden

  • Training des schnellen Erkennens von Funktionswörtern

Übungsbereich Anwendung der erlernten Lesestrategien im Alltag, Effektivierung der angewandten Lesestrategie
Mögliche Übungsinhalte:
  • schnelles Lesen von Überschriften aus Zeitschriften (authentisch oder konstruiert), Werbesprüchen, Straßen-, Warn- und Hinweisschildern mit Kontextvorgabe durch ein mit dem Artikel assoziiertes Foto

  • Finden bestimmter Sendungen in Fernsehzeitungen

Die erforderliche Zwischendiagnostik sollte zuvor folgende Fragen beantworten:
  • Welche Alltagsanforderungen zwingen den Patienten zu lesen?

  • Welche Lesestrategien kann der Patient nutzen?

  • In welchem Umfang tut er dies?

  • Wo benötigt er Hilfe, wo kann er völlig selbstständig operieren?

  • Inwieweit ist er bereit, eine geminderte Leseleistung in Kauf zu nehmen?

Übungsbereich Training der Graphemanalyse
  • Differenzieren von Graphemanalyse:DyslexieDyslexie:GraphemanalyseGraphen (also regulär existierender Buchstaben der Zielsprache) versus Neographen (buchstabenähnlicher graphischer Zeichen), die in ihrer Komplexität variiert werden

  • Identifikation von Neographen in Buchstabenketten

Übungsbereich Training der Graphem-Phonem-Konvertierung
  • Assoziationsübungen: Patienten sollen die Verbindung von Graphemen mit bestimmten Lauten reaktivieren oder erlernen

  • Übungen mit Realwörtern oder auch Neologismen, in denen die zuvor assoziierten Grapheme zu Silben oder kurzen Wörtern zusammengezogen werden

Dysgraphien

Henrik Bartels
Auch: AgraphieAgraphie, Schreibstörungen
Schreibstörungen„Agraphie“: subtErworbene DysgraphieSchreibstörungen neurologischer Genese bei Erwachsenen. Können begleitend zu einer Aphasie auftreten. Die früher gültige Auffassung, wonach erworbenen Schreibstörungen immer eine verbale Störung zugrunde liegt, kann nicht aufrechterhalten werden.

Einteilung der Dysgraphien

Zentrale Dysgraphien
Symptomatik Dysgraphie:zentraleoft analog zu den erworbenen Dyslexien, daher wird überwiegend entsprechende Nomenklatur angewandt. Einheitlichkeit der Formenzuordnung, die bei erworbenen Dyslexien weitgehend besteht, ist geringer.
Oberflächendysgraphie
Wird oft zusammen mit Oberflächendyslexie beobachtet, tritt jedoch nicht zwangsläufig in dieser Verbindung auf. Äußerst vielgestaltige Ausprägungsgrade, immer schwerpunktmäßige Nutzung einer segmentalen Schreibroutine.
  • Neologismen Oberflächendysgraphiekönnen geschrieben werden

  • lexikalisch abgespeicherte, besonders im Deutschen häufig unregelmäßige Wortformen können nicht abgerufen werden (für das Modell Kap. 8.1.4)

  • Patienten schreiben nach den Regeln der PGK („wie man es spricht“), die bei den im Deutschen häufigen Wörtern mit unregelmäßiger oder mehrdeutiger PGK problematisch ist (wie Clown oder Boot, hier führt die segmentale Routine zu Regularisierungen. So wären typische Patientenreaktionen hier KLAUN oder BOHT)

  • einzelheitliche Vorgehensweise belastet Arbeitsspeichersystem, daher werden kurze Wörter deutlich besser geschrieben als lange

Tiefendysgraphie
  • Patienten Tiefendysgraphieverwenden ausschließlich den Weg über das semantische System zum Schreiben. Dadurch semantische, visuelle und morphologische Paragraphien (Hocker → Stuhl, Zahn → Zahl, Haus → Häuser), v. a. bei gleichzeitig beeinträchtigter Leseleistung ohne Möglichkeiten der Selbstkorrektur

  • Funktionswörter können meistens nicht geschrieben werden

  • Neologismen: können durch Nichtfunktion oder -nutzbarkeit einer segmentalen Verarbeitungsroutine nicht geschrieben werden

  • Konkretheits- und Wortarteneffekt

Direkte Dysgraphie
Selten in der Literatur beschrieben.
  • ausschließliche Dysgraphie:direkteNutzung einer angenommenen direkten Verbindung zwischen rezeptivem phonologischem und produktivem graphematischem Lexikon

  • Patienten können trotz fehlendem Verständnis regelmäßige und unregelmäßige Wörter nach Diktat schreiben

  • Neologismen können nicht geschrieben werden, Ersatz z. B. durch ein ähnliches Realwort (z. B. Tate → Tante)

Phonologische Dysgraphie
Wird Dysgraphie:phonologischehäufig phonologische Dysgraphienur unter einer dezidierten Diagnostik auffällig, die das Schreiben von Neologismen beinhaltet.
  • segmentaler Verarbeitungsweg über die PGK nicht verfügbar

  • existierende Wörter werden richtig und mit Verständnis geschrieben

  • Neologismen führen zu Nullreaktionen oder Lexikalisierungen (Munsch → Mensch)

  • semantische Paragraphien treten trotz nahezu vollständiger Unterbrechung der nichtlexikalischen Verarbeitung nicht auf

Periphere Dysgraphien
Der zentralen Dysgraphie:periphereVerarbeitung schriftlicher Produktion folgt ein hier als peripher bezeichneter Abruf der allographischen (vermutlich visuell repräsentierten) Buchstabenform mit Selektion der Groß- oder Kleinbuchstabenvariante.
Nachdem in einem weiteren Schritt das graphomotorische Muster, das zur Ausführung benötigt wird, aktiviert wurde, kommt es schließlich zur neuromuskulären Ausführung des Schreibvorgangs (Abb. 8.2).
Eine Beeinträchtigung einer oder mehrerer dieser Verarbeitungsprozesse führt ebenfalls zu spezifischen Störungsmustern.
Allographische Dysgraphie
  • Dysgraphie:allographischeabstrakte Repräsentationen der Grapheme können nicht mit den entsprechenden Buchstabenrepräsentationen verknüpft werden

  • fehlerfreies Buchstabieren

  • keine hand- oder maschinenschriftliche Ausführung

  • typisch sind Fehler, die die Groß- bzw. Kleinschreibung von Buchstaben betreffen

Transitionale Agraphie
  • Verbindung Agraphie:transitionalevom allographischen Niveau zum Speicher der graphomotorischen Muster gestört

  • keine Auswirkungen auf das mündliche Buchstabieren oder Maschineschreiben

  • wohlgeformte Buchstaben, die auf einen erhaltenen Speicher für graphomotorische Muster hinweisen

  • Auswahl der Buchstaben wird beeinflusst: oft Ersetzungen bei Buchstaben, die visuell ähnlich sind, z. B. n/h und p/d

Graphomotorische Dysgraphie
  • Dysgraphie:graphomotorischeAbrufstörung des graphomotorischen Musters

  • Gestalt der benötigten Buchstaben kann aktiviert werden

  • Zugriff auf passendes graphomotorisches Muster nicht möglich, dadurch ungewöhnlich geformte Buchstaben oder nicht existente Buchstabenformen. Gelegentlich scheinen die Patienten die Buchstaben aus ihrem visuellen Gedächtnis abzuzeichnen und in ungewöhnlicher Strichführung zu realisieren

Ataktische Dysgraphie
  • Störung der Dysgraphie:ataktischeneuromuskulären Ausführung der Schreibbewegungen

  • Zeichnen gleichermaßen betroffen

Schädigungsorte bei TiefendysgraphieOberflächendysgraphieNeglektdysgraphiegraphomotorische DysgraphieDysgraphie:SchädigungsorteDysgraphie:graphomotorischeAgraphie:transitionaleDysgraphien

Tab. 8.8
Dysgraphieform Funktionale Lokalisierung Symptomatik
Tiefendysgraphie Schreiben über semantische Route
  • semantische Paragraphien beim Schreiben nach Diktat

  • keine Neologismen

Oberflächendysgraphie Schreiben über Phonem-zu-Graphem-Konvertierung
  • regelmäßige Wörter werden deutlich besser geschrieben als unregelmäßige

  • Pseudowörter bereiten keine Schwierigkeiten

  • Schreibfehler oft phonologisch plausible Neologismen

Phonologische Dysgraphie selektive Beeinträchtigung der PGK
  • Schreiben von Pseudowörtern schwer beeinträchtigt bis unmöglich

  • Wörter werden gut geschrieben

  • Schreibfehler oft visuell relatiert

Beeinträchtigung des graphemischen Buffers
  • mit zunehmender Wortlänge erhöhte Wahrscheinlichkeit von Fehlern

  • weder Worthäufigkeit noch Regelmäßigkeit der Phonem-Graphem-Zuordnung von Bedeutung

Transitionale Agraphie allographische Selektion
  • falsche Selektion von Buchstabenformen

  • Buchstabieren erhalten

  • „wohlgeformte“ graphomotorische Ausführung

  • Neigung zu formähnlichen Ersetzungen (d ↔ b ↔ p ↔ q)

Graphomotorische Dysgraphie Abruf des graphomotorischen Musters
  • unsichere Ausführung der Buchstaben

  • ungewöhnliche und langsame Strichführung

  • Buchstabieren möglich

Neglektdysgraphie Neglektstörung
  • meist wird nur auf der rechten Seite des Blattes geschrieben

  • oft Auslassung von Buchstaben und Buchstabenteilen

Diagnostik

Wie bei der Diagnostik von Lesestörungen (Kap. 8.2.3) gibt es nur wenig spezifisches Material für eine qualitative Diagnostik. Auch hier sei auf die Wortproduktionsprüfung von Blanken et al. (1999) oder die LeMo Lexikon-Batterie von De Bleser et al. (2004) verwiesen.
Eine rein quantitative Diagnostik der Schreibstörungen ist auch aufgrund der mangelnden therapeutischen Implikationen nicht sinnvoll.

Therapie

Ganzheitlich-lexikalisches Schreiben
Schreiben, ganzheitlich-lexikalisches, DysgraphieDysgraphie:Schreiben, ganzheitlich-lexikalischesDie Leistung des Patienten hängt mit großer Wahrscheinlichkeit von der Häufigkeit des Zielitems im alltäglichen Schreiben ab.
  • schriftliches Benennen nach Bildvorgabe: geeignetes Bildmaterial fordert unregelmäßige oder zumindest ambige Wortform als Benennleistung (z. B. Saat, Stuhl oder Wald). Möglicherweise auch aus dem Englischen oder Französischen eingedeutschte Wörter (z. B. Jeans, Clown, Computer oder Shop). Auf diese Weise wird sichergestellt, dass der Patient zur Lösung der Aufgabe keine segmentale Konvertierungsroutine benutzt

  • Schreiben nach Diktat: Unregelmäßigkeit der Stimuli muss berücksichtigt werden. Abschreiben nur sehr begrenzt sinnvoll, da die Aufgabe ohne jegliche lexikalische Beteiligung gelöst werden kann

  • Förderung der Selbstkorrektur:

    • Reaktivierung ganzheitlichen Lesens als Korrekturstrategie

    • Korrektur von Texten mit Fehlern

    • Aufzeichnen des Wortes nach zeitlicher Verzögerung mit anschließendem Abgleich

Reaktivierung der Phonem-Graphem-Konvertierung: Assoziationstherapie
Oft innerhalb Phonem-Graphem-Konvertierung (PGK):Reaktivierung, DysgraphieDysgraphie:Phonem-Graphem-Konvertierung (PGK), ReaktivierungDysgraphie:AssoziationstherapieAssoziationstherapie:Dysgraphievon ca. 20 Sitzungen Erarbeitung der meisten Grapheme des Deutschen. Meist keine flüssige Schreibweise, jedoch als Kompensationsstrategie denkbar.
  • Stufe 1: Patient produziert zu einem vorgegebenen Buchstaben mehrere Wörter, die mit diesem Buchstaben beginnen. Zu den Wörtern werden skizzenhaft Bilder angefertigt. Nach einer ablenkenden Aufgabe soll Patient die Bilder benennen, woraus sich das Wort ergibt, das als Schlüsselwort genutzt werden kann

  • Stufe 2: Patient soll die Karten hochfrequent mit dem entsprechenden Buchstaben benennen und diesen Buchstaben mehrfach aufschreiben. Für einen Lerneffekt müssen die Übungen frequent in Eigenarbeit durchgeführt werden

  • Stufe 3: sobald 2–3 Grapheme erarbeitet sind, Schreiben von Neologismen nach Diktat, um die Relevanz der Übungen für den Patienten zu verdeutlichen. Sobald genügend Grapheme erarbeitet worden sind, kann auf Realwörter übergegangen werden

Training der phonologischen und graphematischen Buffer
  • Schreiben Dysgraphie:Trainingüber PGK bedeutet segmentales Vorgehen, was mit hoher Belastung des verbalen und visuellen Arbeitsspeichersystems einhergeht (Kap. 8.1.4) phonologische und graphematische Buffer, Training:Dysgraphie

  • verzögertes Kopieren von Neologismen (schwierig) oder Realwörtern (leichter)

Training graphomotorischer Muster
  • graphomotorische Muster, Training:DysgraphieDysgraphie:Traininghochfrequentes Üben der Strichführung von Einzelbuchstaben und Silben, orientiert an der Standardschreibweise

  • Standardschreibweise kann vernachlässigt werden, wenn die ursprünglichen Muster nicht reaktivierbar sind, oder der Patient aufgrund einer Parese nicht in der Lage ist, mit der früheren dominanten Seite zu schreiben

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