© 2019 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

B978-3-437-47784-3.00017-4

10.1016/B978-3-437-47784-3.00017-4

978-3-437-47784-3

Abb. 17.1

[L157]

ICF-Modell der bio-psycho-sozialen ICF:bio-psycho-soziales ModellKomponenten von Gesundheit und Krankheit (DIMDI 2005, S. 23)

Abb. 17.2

[L157]

Struktur der ICF

Codierung der Beurteilungsmerkmale in der ICF

Tab. 17.1
Codierung Beurteilungsmerkmal
xxx.0 Problem nicht vorhanden
xxx.1 Problem leicht ausgeprägt
xxx.2 Problem mäßig ausgeprägt
xxx.3 Problem erheblich ausgeprägt
xxx.4 Problem voll ausgeprägt
xxx.8 nicht spezifiziert
xxx.9 nicht anwendbar

SMART-Regeln für die Formulierung von kurz- und mittelfristigen Therapiezielen

(nach Grötzbach 2004, S. 13)

Tab. 17.2
Regel Bedeutung
specific – genau Welche Leistung soll sich verbessern?
measurable – messbar In welchem Ausmaß soll sich die Leistung verbessern?
achievable – erreichbar Ist das Ziel tatsächlich erreichbar?
relevant – bedeutsam Ist das Ziel für den Patienten wichtig?
timed – bestimmt In welchem Zeitraum soll das Ziel erreicht werden?

Klassifikationssystem ICF

Judith Beier

  • 17.1

    Entwicklung der ICF422

  • 17.2

    Ziele der ICF423

  • 17.3

    Aufbau der ICF423

    • 17.3.1

      Das bio-psycho-soziale Modell von Gesundheit und Krankheit423

    • 17.3.2

      Komponenten der ICF424

    • 17.3.3

      ICF-Codierung427

  • 17.4

    ICF für Kinder und Jugendliche: ICF-CY428

  • 17.5

    Anwendung der ICF429

    • 17.5.1

      ICF in der Logopädie429

    • 17.5.2

      Logopädische Erhebungsverfahren auf Basis der ICF431

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verabschiedete 2001 die „International Classification of Functioning, Disability and Health“ (ICF) als international verbindliche Klassifikation von Krankheitsfolgen. Eine deutsche Übersetzung erschien 2004 in Deutschland mit dem Titel „Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit“ (DIMDI 2005). International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF)

Entwicklung der ICF

  • ICF gehört zu der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entwickelten „Familie“ von Klassifikationen für die Anwendung auf verschiedene Aspekte der Gesundheit

  • Gesundheitsprobleme werden innerhalb der internationalen Klassifikationen der WHO hauptsächlich in der ICD-10 (Internationale Klassifikation der Krankheiten, 10. Revision) klassifiziert, die einen ätiologischen Rahmen liefert. Sie stellt eine „Diagnose“ von Krankheiten, Gesundheitsstörungen oder anderen Gesundheitszuständen zur Verfügung

  • ICF stellt einen Rahmen zur Codierung von gesundheitlichen Informationen zur Verfügung, die über die reine Diagnosestellung hinausgeht. So werden in der ICF neben Diagnosen auch die Funktionsfähigkeit und Behinderung, verbunden mit einem Gesundheitsproblem, und Gründe für die Inanspruchnahme der Gesundheitsversorgung klassifiziert

  • Informationen über Diagnosen (ICD-10) in Verbindung mit Informationen über die Funktionsfähigkeit (ICF) können so ein breiteres und angemesseneres Bild über die Gesundheit von Menschen geben

  • ICF verwendet eine standardisierte allgemeine Sprache, welche die weltweite Kommunikation über Gesundheit und gesundheitliche Versorgung in verschiedenen Disziplinen und Wissenschaften ermöglicht

Die ICF hat sich fortentwickelt von einer Klassifikation der „Krankheitsfolgen“ (wie die ICIDH von 1980) hin zu einer Klassifikation der „Komponenten der Gesundheit“. Letztere kennzeichnen Bestandteile der Gesundheit, während „Folgen“ den Blick auf die Auswirkungen von Krankheiten oder anderen Gesundheitsproblemen lenken, die aus diesen als Ergebnis folgen können. Insofern nimmt die ICF bzgl. der Ätiologie eine unabhängige Position ein, sodass Forscher mithilfe geeigneter wissenschaftlicher Methoden kausale Schlüsse ziehen können. Darüber hinaus unterscheidet sich dieses Konzept auch von den Modellen der „Determinanten der Gesundheit“ oder der „Risikofaktoren“. Um jedoch das Studium der Determinanten oder Risikofaktoren zu erleichtern, enthält die ICF eine Liste von Umweltfaktoren, die den Lebenshintergrund von Menschen beschreiben (DIMDI 2005).
Zur Entwicklung der ICF hat u. a. ein wachsendes Unbehagen am traditionellen medizinischen Verständnis von Krankheit und Behinderung beigetragen (Frommelt und Grötzbach 2005). Die ICF ist ein ressourcenorientiertes, individuums- und alltagsbezogenes Klassifikationssystem, das sämtliche Aspekte funktionaler Gesundheit vereint (Grötzbach, Hollenweger Haskell und Iven 2014). In dieser Betrachtungsweise werden kranke oder behinderte Menschen nicht länger auf der Basis ihrer gesundheitlichen oder mentalen Beeinträchtigungen definiert; ihre individuellen Fähigkeiten stehen im Vordergrund.

Das medizinische Modell betrachtet Behinderung als ein Problem, das unmittelbar durch Krankheit verursacht ist und individuell medizinisch behandelt werden muss. Das soziale Modell hingegen versteht Behinderung als ein Problem, das durch die Gesellschaft verursacht ist und soziales Handeln und gemeinschaftliche Verantwortung von derselben erfordert.

Ziele der ICF

„Allgemeines Ziel der ICF-Klassifikation ist, in einheitlicher und standardisierter Form eine Sprache und einen Rahmen zur Beschreibung von Gesundheits- und mit Gesundheit zusammenhängenden Zuständen zur Verfügung zu stellen. Sie definiert Komponenten von Gesundheit und einige mit Gesundheit zusammenhängende Komponenten von Wohlbefinden (wie Erziehung/Bildung und Arbeit)“ (Hollenweger 2011, S. ).
Die ICF:
  • ist kein Untersuchungsinstrument, sondern ein Dokumentationssystem, um Ergebnisse unterschiedlichster Untersuchungen zusammenzufassen

  • bildet eine Denk- und Handlungsgrundlage für alle, die an der Behandlung, Therapie und Versorgung gesundheitlich beeinträchtigter Menschen beteiligt sind

  • ermöglicht diesen eine systematische Beschreibung der gesundheitlich bedingten Aus- und Wechselwirkungen einer Person vor dem Hintergrund ihrer Lebenswelt

Aufbau der ICF

Das bio-psycho-soziale Modell von Gesundheit und Krankheit

  • ICF:AufbauICF basiert auf einem bio-psycho-sozialen bio-psycho-soziales ModellModell und grenzt Krankheit:bio-psycho-soziales ModellGesundheit:bio-psycho-soziales Modellsich damit von rein medizinischen oder sozialpsychologischen Betrachtungsweisen von Gesundheit, Krankheit oder Behinderung ab (Grötzbach, Hollenweger Haskell und Iven 2014)

  • im bio-psycho-sozialen Modell können die vielfältigen Wechselwirkungen im Kontinuum zwischen Gesundheit und Krankheit deutlich werden

  • ein gesundheitliches Problem steht in dieser Betrachtungsweise im Zusammenhang mit Körperfunktionen und -strukturen. Es kann sich auf die Aktivität und Partizipation des Betroffenen auswirken und ist dabei von sog. Kontextfaktoren beeinflusst (Abb. 17.1)

  • bei der Beschreibung eines Gesundheitsproblems werden folglich alle Komponenten einbezogen; hierbei werden sowohl gestörte, behindernde als auch förderliche Aspekte identifiziert

Denkbar ist, dass ein gesundheitsbezogenes Problem nicht alle Komponenten betrifft. So sind Aktivität und Partizipation möglicherweise nicht eingeschränkt, obwohl eine Störung der körperlichen Funktionen oder Strukturen beschreibbar ist (etwa bei durch Kontaktlinsen korrigierte Kurzsichtigkeit). Ebenfalls möglich ist, dass eine Person Beeinträchtigungen in Aktivität und Partizipation erlebt, obwohl keine Einschränkungen der Körperfunktionen oder -strukturen (mehr) vorliegen (etwa bei ehemals psychisch kranken Menschen).
Auch wenn im Einzelfall nicht alle Komponenten für die betroffene Person zutreffend sind, sollten in der Befunderhebung alle Komponenten in ihrer individuellen Bedeutung erfasst werden (ebd.).
In der bio-psycho-sozialen Betrachtung ist ein Mensch gesund, wenn (DIMDI 2005):
  • seine körperlichen und psychischen Funktionen denen eines gesunden Menschen entsprechen (Ebene der Funktion und Struktur)

  • er im Alltag wie ein Mensch ohne Gesundheitsprobleme handeln kann (Ebene der Aktivität)

  • er sich in allen ihm wichtigen sozialen Lebensbereichen so entfalten kann, wie es einem Menschen ohne Gesundheitsproblem möglich wäre (Ebene der Partizipation)

Hieraus ergibt sich eine Vorstellung von Behinderung als Oberbegriff von Einschränkungen der Funktionsfähigkeit bei expliziter Bezugnahme auf die Umgebungsbedingungen. Die Lebenswelt eines Betroffenen ist ebenso bedeutsam wie bestehende Einschränkungen körperlicher Funktionen (DIMDI 2005). Behinderung ist demnach das Resultat einer komplexen Wechselwirkung zwischen den Komponenten des Körpers, von Aktivität und Partizipation sowie den Kontextfaktoren.

Komponenten der ICF

Die ICF:KomponentenICF (DIMDI 2005) ist in zwei Teile gegliedert: Funktionsfähigkeit und Behinderung (1) sowie Kontextfaktoren (2). Die Teile sind in Komponenten unterteilt (Abb. 17.2), die unabhängig voneinander klassifiziert sind. Jede Komponente verfügt über Domänen, die bestimmte physiologische Funktionen, anatomische Strukturen, Handlungen, Aufgaben oder Lebensbereiche zusammenfassen. Diese werden anhand von Beurteilungsmerkmalen (Qualifikatoren) eingeschätzt und klassifizieren in ihrer Gesamtheit das betrachtete Gesundheitsproblem.
(1) Funktionsfähigkeit und Behinderung
Dieser Teilbereich der ICF gliedert sich in die Komponenten des Körpers (Funktion und Strukturen) sowie in Aktivität und Partizipation.
Komponenten des Körpers
  • Körperfunktionen ICF:FunctionsfähigkeitICF:BehinderungFunktionsfähigkeit:ICFBehinderung, ICFsind physiologische und psychologische Funktionen von Körpersystemen

  • Körperstrukturen sind anatomische Teile des Körpers wie Gliedmaßen, ihre Bestandteile und Organe

  • Schädigungen beschreiben Beeinträchtigungen einer Körperfunktion oder -struktur und entsprechen damit dem Negativaspekt dieser Komponenten

  • Schädigungen werden in erster Linie von qualifizierten Fachleuten definiert und werden zunächst in entsprechende Kategorien klassifiziert (Verlust oder Fehlen, Minderung, zusätzlich oder im Übermaß vorhanden, Abweichung). Eine vorhandene Schädigung kann dann hinsichtlich ihres Schweregrads mit dem allgemeinen Beurteilungsmerkmal der ICF eingestuft werden

Aktivität und Partizipation
  • ICF:PartizipationICF:AktivitätAktivitäten beschreiben das Durchführen einer Aufgabe oder Handlungen (Aktionen) durch einen Menschen

  • Partizipation oder Teilhabe meint das Einbezogensein in eine Lebenssituation; Einbezogensein bedeutet, in einem gewissen Maße selbstständig zu sein, die eigene Lebenssituation unter Kontrolle zu haben sowie im Rahmen dieser persönliche Ziele und soziale Rollen als erfüllt zu sehen

  • Einschränkungen von Aktivität und Partizipation bestehen in Schwierigkeiten, die ein Mensch damit haben kann, eine Aktivität auszuüben oder in erlebten Beeinträchtigungen der Anteilnahme am eigenen persönlichen sozio-kulturellen Umfeld

Die Domänen der Komponenten Aktivität und Partizipation sind in einer einzigen Liste enthalten, die alle Lebensbereiche vereinen. Sie werden näher bestimmt durch die Beurteilungsmerkmale für Leistung und Leistungsfähigkeit.

Leistung (Performance) beschreibt, Leistung (Performance)welchen Aktivitäten ein Mensch in seiner sozialen Umwelt nachgeht und wie er in das gesellschaftliche Leben integriert ist. Leistungsfähigkeit (Capacity) Leistungsfähigkeit (Capacity)hingegen beschreibt die Fähigkeit eines Menschen, eine bestimmte Handlung durchführen zu können. Sie gibt das max. Leistungsvermögen an und wird üblicherweise in standardisierten Testsituationen und damit nicht unter Alltagsbedingungen erhoben und eingeschätzt. Die Einschätzung der Leistungsfähigkeit kann Aussage über notwendige Maßnahmen treffen, damit sich die Leistung im Alltag verbessert.

(2) Kontextfaktoren
Durch den Teilbereich der ICF:KontextfaktorenKontextfaktoren lässt sich der gesamte Hintergrund eines Menschen betrachten. Auch dieser Teil umfasst zwei Komponenten: Umweltfaktoren und personbezogene Faktoren.
Umweltfaktoren
  • UmweltfaktorenICF:UmweltfaktorenUmweltfaktoren beziehen sich auf die Ebene des Individuums und die Ebene der Gesellschaft

  • die Ebene des Individuums betrifft die persönliche Umgebung eines Menschen. Sie umfasst den häuslichen Bereich, den Arbeitsplatz und die Schule. Weiter beinhaltet sie physikalische und materielle Gegebenheiten der Umwelt sowie persönliche Kontakte einer Person zu Familie, Bekannten und Fremden

  • die Ebene der Gesellschaft betrachtet informelle soziale Strukturen, Dienstleistungen und Systeme in der Gesellschaft, die Einfluss auf das Individuum nehmen. Hierunter sind neben weiteren Organisationen und Diensten bzgl. der Arbeitsumwelt kommunale Aktivitäten, Behörden, das Kommunikations- und Verkehrswesen einerseits und andererseits Gesetze, Vorschriften, Regeln und Einstellungen einer Gesellschaft zu verstehen

  • mit der Betrachtung dieser Komponente lassen sich im Einzelfall Förderfaktoren und Hindernisse in der – die betroffene Person betreffenden – Umwelt identifizieren

Personbezogene Faktoren
  • personbezogene personbezogene FaktorenICF:personbezogene FaktorenFaktoren beschreiben den individuellen Lebenshintergrund und die Lebensführung eines Menschen und werden von der ICF nicht klassifiziert

  • sie umfassen Aspekte, die nicht Teil des Gesundheitszustands oder -problems sind, und können – neben weiteren Faktoren – das Geschlecht, die ethnische Zugehörigkeit, das Alter, den Lebensstil, Gewohnheiten, die Erziehung, den sozialen Hintergrund, Bildung, den Beruf, Verhaltensmuster und Charakter sowie das individuelle Leistungsvermögen und andere Merkmale beinhalten

ICF-Codierung

Die ICF-Codes ICF-Codierungbestehen aus einem alphanumerischen Codierungssystem (vgl. für eine umfassende Darstellung des Klassifizierungssystems z. B. Grötzbach, Hollenweger Haskell und Iven 2014). An erster Stelle steht ein Buchstabe:
  • b für Körperfunktion

  • s für Körperstruktur

  • d für Aktivität und Partizipation

  • e für Umweltfaktoren

Das d kann optional durch a (Aktivität) oder p (Partizipation) ersetzt werden, wenn einer der Bereiche besonders hervorgehoben werden soll.
Jedem Buchstaben folgt ein numerischer Code, der mit der Nummer der Domäne beginnt (einziffrig). Ihr folgen Ziffern der Kategorien der zweiten Gliederungsebene (zweiziffrig) sowie der Items der dritten und vierten Ebene (je einziffrig).

Beispiele

b3300

b3 Körperfunktion, Domäne 3: Stimm- und Sprechfunktionen
b330 Kategorie: Funktionen des Redeflusses und des Sprechrhythmus
b3300 Sprechflüssigkeit
In Verbindung mit jeder Codierung steht ein Beurteilungsmerkmal, das das Gesundheitsniveau beschreibt, z. B. den Schweregrad einer Beeinträchtigung. Die Beurteilung erfolgt i. d. R. nach einem allgemeinen Bewertungsschema und wird mit einer Ziffer nach einem Punkt angegeben (Tab. 17.1).
Die Beurteilungsmerkmale variieren je nach Komponente:
  • Körperfunktionen enthalten ein Beurteilungsmerkmal, das das Ausmaß der Schädigung beschreibt

  • Körperstrukturen werden mit drei Merkmalen beurteilt. Es erfolgt die Beschreibung von Ausmaß, Art und Lokalisation der Schädigung

  • Aktivitäten und Partizipation werden mit zwei Beurteilungsmerkmalen codiert. Sie betreffen Leistung und Leistungsfähigkeit eines Menschen. Im Einzelfall können diese mit zwei weiteren Ziffern um den Bedarf nach Assistenz und oder Hilfsmitteln ergänzt werden

  • Umweltfaktoren werden aus der Sicht der betreffenden Person als Barrieren oder Förderfaktoren beurteilt. Förderfaktoren werden mit einem + anstelle des Punkts im Code gekennzeichnet. Die Beurteilung erfolgt nach allgemeinem Schema (Tab. 17.1)

Beispiele

Die Codierung b3300.4 würde demnach ein voll ausgeprägtes Problem der Sprechflüssigkeit bedeuten. Eine Codierung wie e310+4 würde aussagen, dass die betreffende Person dabei sehr viel Unterstützung im engsten Familienkreis bekommt.
ICF-Core-Sets
Im klinischen Bereich führte die Anwendung der ICF-Core-SetsICF zur Entwicklung von „Core-Sets“. Hierunter wird eine Zusammenfassung von denjenigen ICF-Kategorien verstanden, die für eine bestimmte Erkrankung relevant sind. Für mehrere logopädische Störungsbilder sind mittlerweile sog. Core-Sets entstanden oder in Entwicklung. Für den ICF-Nutzer bieten Core-Sets den Vorteil einer Vorstrukturierung der Problemschreibung respektive -codierung. So werden die 1.454 ICF-Kategorien für den Anwender überschaubar. Nachteilig wird die Nutzung von Core-Sets, wenn für den Betroffenen relevante Aspekte nicht erfasst werden, die in einem Core-Set nicht enthalten sind. Nutzer der ICF sind deshalb aufgefordert, stetig die gesamte ICF im Blick zu behalten und die Core-Sets nicht allein als Checkliste zu nutzen, die abzuarbeiten ist (Grötzbach, Hollenweger Haskell und Iven 2014).

ICF für Kinder und Jugendliche: ICF-CY

Die ICF:für Kinder und Jugendliche (ICF-CY)ICF ist ein erwachsenenbezogenes Konstrukt, das viele Aspekte kindlicher Lebenswelten, die Entwicklungsdynamik sowie die Erziehungs- und Bildungseinflüsse bei Kindern nicht ausreichend beachten kann (Grötzbach und Iven 2009). Eine internationale Expertengruppe der WHO veröffentlichte deshalb 2007 die „International Classification of Functioning, Disability and Health, Children and Youth Version (ICF-CY)“ (Hollenweger, 2011). Sie:International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF):Children and Youth Version (ICF-CY)
  • findet Anwendung bei Kindern und Jugendlichen von 0–18 J.

  • greift die besonderen Wachstums-, Reifungs-, Lern- und Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen auf

  • formuliert entwicklungsspezifische Kontextfaktoren

  • ist erweitert um sich entwickelnde Kompetenzen und Ressourcen bei betroffenen Kindern und Jugendlichen

  • beachtet die im Kindes- und Jugendalter typischen Aspekte der Partizipation

(Grötzbach, Hollenweger Haskell und Iven 2014)
Die ICF-CY ist gleichermaßen strukturiert wie die ICF; die Beurteilung einzelner Faktoren von 0 bis 4 ist ebenfalls vorgesehen und lässt sich auf Verzögerungen und Nachholbedarfe im Kindes- und Jugendalter übertragen.

Anwendung der ICF

Bereits kurz nach ihrer Übersetzung hat die ICF:AnwendungICF in Deutschland zu einer Reihe von Konsequenzen geführt. Die ICF (Grötzbach, Hollenweger Haskell und Iven 2014):
  • ist als Konzept in das Sozialgesetzbuch IX integriert worden

  • dient als Grundlage für sozialmedizinische Begutachtungen durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK)

  • liegt Anträgen auf Rehabilitationsleistungen auf Kosten der gesetzlichen Krankenkassen zugrunde

  • bildet die Basis für Heil- und Hilfsmittelverordnungen

In der medizinischen Rehabilitation müssen demnach niedergelassene Vertragsärzte, Mitarbeiter der Krankenversicherungen, des medizinischen Dienstes der Krankenkassen und der Rehabilitationseinrichtungen Kenntnisse über die ICF besitzen. Der Informationsaustausch beruht überwiegend auf der Terminologie der ICF (Grötzbach 2006).

ICF in der Logopädie

ICF und ICF-CY sollen für die Sprachtherapie:ICF/ICF-CYSprachtherapie kein neues, differenziertes Codierungssystem für logopädische Störungsbilder bereitstellen, sondern schaffen einen grundlegend anderen Blick auf Störungen und Behinderungen. So kann eine Abwendung von dem Denken erfolgen, dass auf eine Standard-Diagnose eine Standard-Therapie zu erfolgen hat (Grötzbach, Hollenweger Haskell und Iven 2014).
Für die Praxis bedeutet das, dass in der Befunderhebung neben standardisierten Verfahren zur Feststellung von Art und Ausmaß einer Störung auch individuelle Patientenbedürfnisse erfasst werden sollten.
Folgende Fragestellungen können so Einzug in das diagnostisch-therapeutische Handeln von Sprachtherapeuten halten (ebd.):
  • Wie wirken sich Probleme der Sprache, des Sprechens, des Schluckens, der Stimme und/oder der Kommunikation auf alltägliche Bedingungen aus?

  • Welche subjektiv gefühlten Einschränkungen ergeben sich für die betroffene Person aus der objektiv feststellbaren Störung?

  • Welche Hindernisse, aber auch welche Unterstützung erfährt die betroffene Person?

  • Welche Ziele bestehen für die Therapie aus Sicht des Patienten, aus Sicht der Angehörigen?

  • Wie kann und will der Betroffene an der Lösung seines Problems mitwirken?

Auch für die Planung von Therapiezielen und deren Evaluation ergeben sich nach Grötzbach und Iven (2009) aus dieser teilhabeorientierten und patientenbezogenen Sichtweise Veränderungen:
  • Therapieziele werden vom Therapeuten mit dem Patienten festgelegt, nicht für ihn

  • aus Teilhabe-Zielen leiten sich Ziele auf der Aktions- und Funktionsebene ab

  • Patienten schätzen den Therapieerfolg mit ein

  • Therapieerfolg misst sich an verbesserter Teilhabe und nicht ausschließlich anhand verbesserter Funktionen

Für die Therapieplanung bedeutet dies, zunächst in einem Top-down-Prozess zu formulieren (und zu strukturieren):
  • in welchen Lebensbereichen durch die Behandlung Veränderungen passieren sollen (worin das Ziel der Therapie/die Ziele bestehen)

  • durch welche Aktivitäten diese Ziele erreicht werden können (gemeinsam mit dem Patienten)

  • worin geeignete Funktionsziele bestehen, die die Aktivitäten verbessern sollen

  • woran eine Zielerreichung für den Patienten erkennbar ist

(ebd.)
Schwierigkeiten sehen die Autoren bereits in der Erfragung nach Teilhabezielen. Eine Frage wie „Was wollen Sie in der Therapie/Rehabilitation erreichen?“ genügt keinesfalls und evoziert meist stereotype Antworten, die den Wunsch beinhalten, „alles möge wie vor der Erkrankung/dem Ereignis werden“. Grötzbach (2004) empfiehlt statt globaler spezielle Fragen, die sich auf Lebensbereiche, Aktivitäten und Funktionen einer Person beziehen.

Beispiele

Fragen zu Patientenzielen

  • Was bedeutet für ICF:Fragen zu PatientenzielenSie gesund werden/sein?

  • Welche Dinge haben Sie vor Ihrer Erkrankung gern gemacht?

  • Wozu ist es Ihnen wichtig, wieder richtig sprechen/schreiben/lesen zu können?

  • Welche Dinge möchten Sie zu Hause gerne erledigen können?

  • Welche Wünsche haben Sie für die Zeit nach der Therapie?

(Grötzbach 2004)
Im Rahmen des Therapieverlaufs werden diese Ziele wiederum in einem Bottom-up-Prozess umgesetzt. Kurz- und mittelfristige Zielstellungen in der Therapie verfolgen Verbesserungen des Handelns und Funktionierens im Alltag. Sie sind zeitlich gesehen in einem kurzen Zeitraum zu erreichen und müssen hierfür nach der SMART-SMART-RegelICF:SMART-RegelRegel (van Cranenburgh 2007) spezifisch formuliert werden (Tab. 17.2).
Die langfristigen, übergeordneten Ziele fokussieren die Teilhabe an – für den Patienten bedeutsamen – Lebensbereichen. Diese sind meist wesentlich weniger spezifisch formuliert und lassen sich häufig erst nach Monaten oder Jahren erreichen. Am Ende der Therapie sollen Patienten nach ihrer subjektiven Zufriedenheit mit dem Therapieverlauf und -ergebnis befragt werden.

Zusammenfassend leiten sich Ziele im ICF-Gedanken nicht länger von Symptomen ab, sondern richten sich am Alltag eines Patienten aus (Goldenberg et al. 2002). Es geht als Ziel in einer Aphasietherapie z.B. nicht um eine Reduktion von sprachlichen Symptomen wie phonematischen Paraphasien, sondern darum, dass eine Patientin ihren Enkeln wieder die gewohnte Gute-Nacht-Geschichte erzählen kann.

In der sprachtherapeutischen Versorgung mit Kindern stellt sich die Frage, ab welchem Alter und in welcher Form Kinder über eigene Teilhabeeinschränkungen und -wünsche reflektieren und sprechen können.

Logopädische Erhebungsverfahren auf Basis der ICF

Die Konzeption ICF-gerechter logopädische Erhebungsverfahren:ICFICF:logopädische ErhebungsverfahrenVerfahren ist für die Logopädie zukünftig zwingend notwendig. Folgend finden sich einige der wenigen Publikationen, die praktisch tätigen Logopädinnen bei der Umsetzung ICF-basierter Anamnese, Diagnostik und Therapie Hilfestellungen geben können:
  • LKGSF komplex von LKGSF komplex von NeumannNeumann (2011) stellt das erste evidenzbasierte Inventar für die logopädische Diagnostik bei Lippen-Kiefer-Gaumen-Segel-Fehlbildungen dar. Hierin enthalten sind Möglichkeiten zur Einschätzung des Partizipationsgrades von Kindern und Erwachsenen, die sich an der ICF orientieren

  • Fokus auf die Kommunikation von Kindern unter sechs – Deutsche Version (FOCUS©-G)Fokus auf die Kommunikation von Kindern unter sechs – Deutsche Version (FOCUS©-G) von Neumann, Selm und Stenneken (2014) ist erstes Diagnostikum zur Erhebung von alltagsorientierten, sprachlich-kommunikativen Aktivitäten und der Teilhabe von Kindern im Vorschulalter auf Basis der ICF-CY

  • Korntheuer, Gumpert und Vogt (2014) publizierten detaillierte Angaben zur Durchführung von Anamnesegesprächen auf der Grundlage der ICF, die durch Gesprächsleitfäden für den Einsatz bei Kindern, bei Erwachsenen, bei neurogenen Sprach und Sprechstörungen sowie bei Mehrsprachigkeit, Stimm- und Redefluss-Störungen, Schluckstörungen, Demenz und anderen Störungsbildern ergänzt werden

  • Waage (2016) entwickelte und erprobte für die Bewertung von verschiedenen Teilhabesituationen von Kindern mit kombiniert umschriebenen Entwicklungsstörungen in der Entwicklungsstörungen, umschriebene:in der Frühförderung, LeitfadeninterviewFrühförderung ein Leitfadeninterview. Es dient Praktikern als Vorlage zur Modifikation und Anwendung bei der Behandlung von Kindern ab dem Vorschulalter im Rahmen von Komplexleistungen

  • der dbl-Arbeitskreis dbl-Arbeitskreis AphasieAphasie bietet seit 2013 eine kostenlose Broschüre an, die im Bereich Partizipation für fünf Bereiche Zielformulierungen für die logopädische Therapie vorschlägt. In jedem der fünf Bereiche werden jeweils 30 Aktivitätsziele zur Wahl gestellt, die die Therapeutin gemeinsam mit dem Betroffenen vereinbaren kann

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen