© 2019 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

B978-3-437-47784-3.00014-9

10.1016/B978-3-437-47784-3.00014-9

978-3-437-47784-3

Abb. 14.1

(aus Motzko et al. 2004) [M859]

Präoperative Laryngektomie:Anatomie, prä-/postoperativeAnatomie

Abb. 14.2

(aus Motzko et al. 2004) [M859]

Postoperative Anatomie

Abb. 14.3

(aus Motzko et al. 2004) [M859]

ÖsophagusersatzstimmeLaryngektomie:Ösophagusersatzstimme

Abb. 14.4

(aus Motzko et al. 2004) [M859]

Shunt-Ventil

Abb. 14.5

(aus Motzko et al. 2004) [M859]

Elektronische Sprechhilfe

ICF-Ebenen der Beschreibung des biopsychosozialen Modells von Gesundheit und Krankheit nach Laryngektomie Laryngektomie:ICF-Ebenen

Tab. 14.1
Ebene Merkmal Mögliche Maßnahmen
Körperstrukturen Tumorerkrankung
  • Laryngektomie

  • Anlage eines Tracheostomas

  • ggf. Neck dissection

  • Neurektomie

  • Myotomie

  • Bestrahlung

  • Chemotherapie

  • Schmerztherapie

  • Tumornachsorge

Körperfunktionen Verlust der Stimme
  • Stimmrehabilitation durch Ösophagusersatzstimme, tracheoösophagealer Shunt, elektronische Sprechhilfe, Pseudoflüstern

  • non-vokale Strategien: Mimik und Gestik, evtl. Schrifteinsatz

Verlust wesentlicher Funktionen des Nasen-Rachen-Raumes Hilfsmittel (Kap. 14.1.3) zur Atemwegsversorgung physikalische Therapie, Lymphdrainage
Aktivität und Teilhabe Kommunikationsstörung
  • Kommunikationstraining

  • Angehörigenberatung

Umwelt- und personenbezogene Teilhabe
  • psychosoziale Stigmatisierung

  • Rückzug

  • Depression

  • Suchtprobleme

  • Selbsthilfegruppe

  • Suchttherapie

  • Psychotherapie

Rahmenplan zur Behandlung nach Laryngektomie:BehandlungsrahmenplanLaryngektomie:BehandlungsrahmenplanLaryngektomie

Tab. 14.3
Therapiebereiche
  • Körperhaltung und Tonus

  • Atmung

  • Artikulation und Mundmotorik (insbesondere Pseudoflüstern Kap. 14.3.1)

  • Mimik und Gestik/Intention

  • Akupädie

Stimmrehabilitation
Ösophagusersatzstimme (Kap. 14.3.2) Shunt-Ventil (tracheo-ösophageale Stimmgebung, Kap. 14.3.3) Elektronische Sprechhilfe (Kap. 14.3.4)
  • Stimulierung und methodenunabhängige Anbahnung

  • methodenspezifische Stabilisierung (Inhalation, Injektion, Verschlusslautinjektion)

  • Koordination von Atmung und Sprechablauf

  • Erweiterung der Äußerungslänge

  • Verbesserung der Prosodie

  • Stimulation erster Phonation

  • Tracheostoma-Verschluss

  • Regulierung des Anblasedrucks

  • Koordination von Atem und Stimme

  • Verbesserung der Äußerungslänge und prosodischer Parameter

  • Erläuterung und Demonstration der Funktionsweise des Gerätes

  • individuelle technische Grundeinstellung (beachte Tonhöhe!)

  • Grundhandhabung des Gerätes (Ansatzstelle, Grundtontaste)

  • Koordination von Tongebung und Sprechen

  • Koordination von Atmung und Sprechen

  • Stabilisierung mit Grundtontaster

  • Erweiterung prosodischer Merkmale (Betonungstaste)

Transfer
  • Training alltagsrelevanter Situationen

  • In-vivo-Arbeit

Funktionelle postoperative Veränderung und Hilfsmittel/Laryngektomie:HilfsmittelKompensation

Tab. 14.2
Funktionelle Veränderung Hilfsmittel, Maßnahme
Halsatmung über Tracheostoma
  • Stabilisation durch angepasste Trachealkanüle

  • Tracheostoma-Button bei stabilisiertem Tracheostoma, Dekanülisierung nach ärztlicher Absprache

  • Tracheostomaschutz, Stomapflege (z. B. Tracheokompressen, Kanülenreinungspulver/-reinigungsbürste; Borkenpinzette; Duscheschutz)

Anfeuchten, Filtern, Anwärmen der Atemluft aufgehoben
  • Larynx-Schutztücher, -rollis, -schals, -lätzchen

  • künstliche Nase, Stomafilter

  • Atemluftbefeuchter

Vermehrtes Trachealsekret/Atemgeräusche, Infektanfälligkeit, Umstellungsbronchitis
  • Absauggerät

  • Inhaliergerät

  • Aufsetzen von Stoma-Filtern

Heben, Pressen (aufgrund des fehlenden Glottisschlusses) bei Verschluss des Tracheostomas ist künstliche Bauchpresse möglich
Beeinträchtigtes Riechen und Schmecken
  • Riechschlauch

  • parabukkale Luftschaukeltechnik

Pusten, Pfeifen, Gurgeln nur mit Luftreservoir innerhalb des Mund-Rachen-Raums möglich
Stimmverlust
  • Pseudoflüstern (Kap. 14.3.1)

  • Schreibtafel

  • Ösophagusersatzstimme (Kap. 14.3.2)

  • elektronische Sprechhilfe (Kap. 14.3.4, z. B. Servox Inton-Gerät), auch über PC Servox-Digital; evtl. mit Mundrohradapter bei Bestrahlungsfolgen

  • Shunt-Ventile (Kap. 14.3.3, z. B. Provox, Blom-Singer) mit Reinigungsgeräten und -material

  • für fingerfreies Sprechen: Tracheostomaventile

  • Sprachverstärker bei zu leiser Stimmgebung

  • Telefonadapter

  • Signalgeräte für Notsituationen

Medizintechnikfirmen (u. a. genannt)
Andreas Fahl Medizintechnikvertrieb GmbH www.fahl.de
Heimomed Medizintechnik GmbH & Co. KG www.heimomed.de
Servona Medizintechnikvertrieb www.servona.de
Firma Atosmedical www.atosmedical.com
Firma Tracoe www.tracoe.com
Bess Medizintechnik GmbH www.neue-stimme.de

Laryngektomie

Peter Dicks

Ulla Manter

  • 14.1

    Grundlagen378

    • 14.1.1

      Verfahren378

    • 14.1.2

      Folgen378

    • 14.1.3

      Maßnahmen und Hilfsmittel380

    • 14.1.4

      Beratung und Management382

    • 14.1.5

      Rahmenplan zur Behandlung nach Laryngektomie382

  • 14.2

    Befunderhebung383

    • 14.2.1

      Anamnese383

    • 14.2.2

      Stimm- und Sprechstatus383

  • 14.3

    Stimmrehabilitationsmöglichkeiten384

    • 14.3.1

      Pseudoflüstern (buccal whisper)384

    • 14.3.2

      Ösophagusersatzstimme (esophageal speech)384

    • 14.3.3

      Tracheo-ösophageale Stimmgebung mittels Shunt-Ventil386

    • 14.3.4

      Elektronische Sprechhilfe388

Grundlagen

Verfahren

Auch: Kehlkopfexstirpation,Kehlkopfexstirpation Kehlkopfentfernung, Abkürzung: LE; laryngectomie, total removal of the Laryngektomielarynx
Definition
Totale Entfernung des Kehlkopfes; Verschluss der Rachenhinterwand, Absetzen der Trachea und Anlage eines dauerhaften Tracheostomas; Entfernung des Zungenbeins und angrenzender Teile der Zunge, des Pharynx und der Trachea.

Wichtige statistische Fakten

  • Deutschland jährlich etwa 3.000 Laryngektomien (Schiefer und Hagen 2000), Zahl rückläufig, da sich kehlkopferhaltende Operationen (wie Kehlkopfteilresektionen oder Laserchirurgie) immer stärker durchsetzen

  • Patienten meistens 50–70. J. alt

  • Anteil der Frauen bei etwa 10 %

  • Überlebensraten: bei rechtzeitiger Diagnose hoch:

    • Frühstadium: Dauerheilungschancen bei glottischem Primärtumor > 80 %

    • fortgeschrittenes Stadium: Dauerheilungschancen bei Hypopharynxkarzinomen ca. 20 %

Indikationen
  • Tumoren von Laryngektomie:IndikationenLarynx, Schilddrüse, Trachea

  • Hypopharynxkarzinome

  • seltener auch Ösophaguskarzinome, traumatische Schädigungen

  • Tumorrezidive und funktionelle Misserfolge nach Kehlkopfteilresektionen

  • Schädigungen nach Strahlentherapie

Zur Verbesserung der stimmrehabilitativen Möglichkeiten empfehlen die meisten Autoren eine Myotomie/Neurektomie des M. cricopharyngeus und evtl. der unteren bis mittleren Pharynxmuskulatur.
Prä- und postoperative Anatomie

Folgen

Zwei wesentliche funktionelle Laryngektomie:FolgenVeränderungen:
  • Verlust der Stimmfunktion

  • Trennung von Atem- und Speiseweg durch Anlage eines dauerhaften Tracheostomas

Die internationale Klassifikationsregelung der WHO (ICF, WHO 2005) ist ein allgemein anerkanntes Instrument zur Beschreibung von krankheitsbedingten Behinderungen (Tab. 14.1). Es beschreibt die Folgen einer Laryngektomie als Kausalkette auf folgenden Ebenen: 1. Körperfunktionen und -strukturen, 2. Aktivität und Teilhabe und 3. Personen- und umweltbezogene Faktoren.
Eine erfolgreiche Rehabilitation hängt wesentlich von der Kompetenz der Betroffenen und ihrer Interaktionspartner im Umgang mit der Stimmbehinderung sowie der daraus resultierenden Kommunikationsstörung ab. Auch bei optimalen stimmrehabilitativen Ergebnissen bleibt die Qualität der Ersatzstimmen nicht vergleichbar mit der physiologischen Stimme. Therapeutisch sollten möglichst alle Ersatzstimmen angeboten werden, um die Bandbreite der verbalen Kommunikationsmöglichkeiten zu optimieren.
Folgen weiterer therapeutischer Maßnahmen
  • Neck Dissection: eingeschränkte Beweglichkeit des Kopfes durch Narbenzug oder Entfernung des M. sternocleidomastoideus; evtl. Schädigung der Nn. accessorius, vagus, glossopharyngeus und hypoglossus; Lymphstau

  • Bestrahlung: Schleimhautreizungen, Verbrennungen/Reizungen der Haut, Müdigkeit, Übelkeit, verändertes Geschmacksempfinden, Mundtrockenheit, Pilzbefall, Verhärtungen des Gewebes, Schluckbeschwerden, evtl. Zahnextraktionen, Kiefergelenksschmerzen

  • Chemotherapie: Übelkeit, Abgeschlagenheit

  • alle Folgebeschwerden können massive Auswirkungen auf die Stimmrehabilitation haben!

Maßnahmen und Hilfsmittel

Durch die Laryngektomie:MaßnahmenLaryngektomie und die o. g. begleitenden medizinischen Maßnahmen können individuell im Sinne der ICF viele Lebensbereiche in Bezug auf Aktivität und Teilhabe betroffen sein. Zentral sind hier der Bereich der eingeschränkten Kommunikationsfähigkeit und durch die Anlage des Tracheostomas der Bereich der Selbstversorgung. Eine erfolgreiche Rehabilitation hängt wesentlich von der Kompetenz der Betroffenen und ihrer Interaktionspartner im Umgang mit der Stimmbehinderung sowie der veränderten Atemsituation ab. Hemmende und fördernde Kontextfaktoren (z. B. Unterstützung durch die Familie, Akzeptanz der Ersatzstimmen, Hilfsmittel etc.) sowie personenbezogene Faktoren (Krankheitsverarbeitung, emotionale Stabilität etc.) beeinflussen den rehabilitativen Prozess und bestimmen das therapeutische Vorgehen.
  • stimmrehabilitatives Ziel: Erarbeitung mindestens einer Ersatzstimme zur Wiederherstellung der vokalen Kommunikationsfähigkeit

  • Management der veränderten Atmungssituation

Beratung und Management

Laryngektomie:Beratung, sprachtherapeutischeDer Logopäde nimmt i. d. R. eine zentrale Rolle im Rehabilitationsverlauf der laryngektomierten Patienten ein, übernimmt häufig zusammen mit dem betreuenden Arzt koordinierende Aufgaben für die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Er sollte mit dem Management der Hilfsmittel in den Grundzügen vertraut sein und falls erforderlich die Kooperation mit einem medizinischen Produktberater suchen. Hilfsmittelberatung:LaryngektomieEine sozialpsychologische Beratung und ggf. begleitende Psychotherapie halten die Autoren zur Verarbeitung der schwerwiegenden Veränderungen beruflicher und alltäglicher Fragestellungen bei Bereitschaft des Patienten für erforderlich.
Beratungsbereiche
Präoperativ
  • prä- und postoperative Situation

  • logopädische Therapie und ihre Möglichkeiten

  • stimmrehabilitative Möglichkeiten

  • Angehörigenberatung

  • Kontakt zu Klinikbetreuer der Selbsthilfegruppe der Kehlkopflosen

Postoperativ
  • Erstausstattungsset: Umgang mit Hilfs- und Pflegemitteln

  • Vorbereitung auf Entlassung aus der Klinik

  • Kontakt zum Sozialarbeiter bzgl. Anschlussheilbehandlung, Minderung der Erwerbsfähigkeit, Schwerbehindertenstatus, berufliche Wiedereingliederung

Ambulant
  • Strategien zum Umgang mit der kommunikativen Behinderung

  • Krankheitsverarbeitung: Umgang mit Rückzugstendenzen, verändertem Körperschema etc.

  • sozialmedizinische Fragestellungen

  • Tumornachsorge

Rahmenplan zur Behandlung nach Laryngektomie (Tab. 14.3)

Befunderhebung

Anamnese

Medizinische Berichte
  • Laryngektomie:BefunderhebungSichtung der Entlassungsberichte des Patienten: TNM-Klassifikation des Tumors, Komplikationen (z. B. Fistelbildung), weitere medizinische Maßnahmen

  • bei stationär behandelnden Logopäden enge Zusammenarbeit mit medizinischem Team erforderlich

Befragung von Patient und Familie
Aufgrund der emotionalen Situation und des Diagnoseschocks des Patienten und der Angehörigen sind im Gespräch oft nur Teildaten zu erheben:
  • Hilfsmittelversorgung (Kanülen, Stomaversorgung), Hörvermögen, Zahnstatus

  • Auswirkungen funktioneller Faktoren im Alltag (Tab. 14.2) und z. B. Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme

  • spezifische Kommunikationsprobleme, z. B. bevorzugtes Verständigungsmittel, Umgang mit dem Telefon, Akzeptanz und Umgang mit der veränderten Kommunikation; Informationsstand ermitteln

Stimm- und Sprechstatus

  • Laryngektomie:Stimm-/SprechstatusErsatzstimmen: welche werden bereits in welchem Ausmaß beherrscht?

  • Methode der Ösophagusluftaufnahme bei Ösophagusersatzstimmgebung (evtl. Ösophagus-Manometrie): gibt Rückschlüsse auf die Erlernbarkeit der Ersatzstimme

Post-Laryngektomie-Telefon-Test (PLTT, Zenner und Pfrang 1986) und Marburger Sprechverständlichkeitstest
Post-Laryngektomie-Telefon-Test (PLTT)Marburger Sprechverständlichkeitstest:LaryngektomieLaryngektomie:Marburger SprechverständlichkeitstestErmitteln prozentuale Werte zur Sprechverständlichkeit.
Speiseröhren-Stimmparameter-Index (SSPI; Kürvers 1997)
Speiseröhren-Stimmparameter-Index (SSPI):LaryngektomieLaryngektomie:Speiseröhren-Stimmparameter-Index (SSPI)Entwickelt in einer Studie mit 233 laryngektomierten Patienten, intra- und interindividuelle Vergleichsmöglichkeiten. Bewertung von:
  • primärem Verständigungsmittel

  • Ruktusproduktionsqualität und -anstrengung

  • max. Phonationsdauer

  • Silbenzahl pro ösophagealer Luftfüllung

  • gemitteltes Lese-Sprech-Tempo beim Lesen der 100 häufigsten Wörter des Deutschen sowie beim Lesen eines phonetisch ausgewogenen Textes

  • Klangqualität und Verständlichkeit

Stimmrehabilitationsmöglichkeiten

Stimmrehabilitationsmöglichkeiten:LaryngektomieLaryngektomie:StimmrehabilitationsmöglichkeitenErsatzstimmenMethodisches Vorgehen bei der Erarbeitung einer der folgenden Ersatzstimmen orientiert sich bei der Arbeit in den Bereichen Tonus, Atmung und Artikulation am Behandlungskonzept der Dysphonietherapie (Kap. 13.12; ausführliche Erläuterungen in Dicks 2007).

Pseudoflüstern (buccal whisper)

Neben Pseudoflüstern (buccal whisper)Laryngektomie:Pseudoflüstern (buccal whisper)schriftlicher Verständlichkeit als erste, schnell vermittelbare Kommunikationsmöglichkeit geeignet, in vielen Situationen jedoch nicht ausreichend. Bildet die Grundlage der weiteren Stimmrehabilitationstechniken und sollte deswegen adäquat erarbeitet werden.
Technik
  • Erzeugung stimmloser Frikative und Plosive mit der Mundluft (nicht mit pulmonaler Luft!) und mit Wangenmuskulatur

  • Vokale können nur andeutungsweise gebildet werden und müssen vom Hörer i. d. R. per Labiolexie ergänzt werden

Vorgehen
  • Demonstration der Funktionsweise (Therapeut als Modell, Video- und Audioaufzeichnungen)

  • Artikulationstherapie: gezieltes phonetisches Erarbeiten der einzelnen Laute mit erhöhter Artikulationsspannung

  • evtl. Training der orofazialen Muskulatur (Kap. 5)

Ösophagusersatzstimme (esophageal speech)

Ösophagusersatzstimme (esophageal speech)Wesentlicher Vorteil: körpereigen und somit größtmögliche Unabhängigkeit von technischen Hilfsmitteln. Der Lernprozess dauert jedoch oft mehrere Monate und muss intensiv logopädisch begleitet werden (Abb. 14.3).
Etwa 50 % der Laryngektomierten erlernen die Ösophagusstimme und wenden sie an. Die erfolgreiche Stimmausbildung sollte nach 1 J. unter Einbezug einer Stimmrehabilitationsmaßnahme abgeschlossen sein. Bei Erfolglosigkeit auf jeden Fall die Möglichkeit einer sekundären Versorgung mit einem Shunt-Ventil überprüfen (Kap. 14.3.3).
Den Stimmerwerb beeinflussende Faktoren: Alter, Hypopharynx- bzw. Larynx-Tumorlokalisation, Zahnlosigkeit, Allgemeinzustand, Einschränkung der Zungenbeweglichkeit sowie Hör- und Schluckfähigkeit (Kürvers 1997).
Technik
  • Nutzung der Speiseröhre als Windkessel und zur Tonerzeugung: Luft (50–80 ml) wird hierbei kontrolliert in die Speiseröhre eingebracht und anschließend impulshaft wieder abgegeben

  • oberer Ösophagussphinkter (M. cricopharyngeus; auch „Pseudoglottis“) und umliegende Schleimhautanteile werden in Schwingungen versetzt

  • der so erzeugte „Ruktus“: subtTon, der sog. „Ruktus“, kann zur Artikulation genutzt werden

Verfahren der Ösophagusluftaufnahme
  • Ösophagusluftaufnahme, LaryngektomieLaryngektomie:ÖsophagusluftaufnahmeInjektionsmethode: Erzeugung von Überdruck im Mund-Rachen-Raum mit Hilfe der Mundmuskulatur. Abgabe des Überdrucks in die Speiseröhre mit Injektion („Eindrücken“) von Luft in die Speiseröhre. Überdruck im Mundraum wird auch bei der Artikulation der Plosive (/p/, /t/, /k/) aufgebaut. So ist es möglich, als Ergänzung der Injektionsmethode während der Artikulation dieser Laute einen Teil dieses Überdrucks ebenfalls zur Luftaufnahme zu nutzen (sog. „Verschlusslautinjektion“: subtVerschlusslautinjektion). So wird weniger Zungenaktivität benötigt

  • Inhalationsmethode: durch Abwärtsbewegung des Zwerchfells bei gleichzeitiger tendenziell verstärkter Einatmung (Inhalation) Aufbau eines Unterdrucks in der Speiseröhre. Ansaugung von Luft aus dem Mund-Rachen-Raum

  • Kombinationen der beiden Methoden sinnvoll, um Stimm- und Sprechleistung zu verbessern (Snidecor 1981)

Maximale Stimmleistungswerte

  • Tonhaltedauer: 1,5–3 s

  • Lautstärke: ca. 60 dB

  • Frequenz: 50–80 Hz

  • Sprechtempo: ca. 120 W/min.

  • Stimmumfang: max. 1 Oktave

  • Luftverbrauch: 50–80 ml

  • Gesamtverständlichkeit im PLTT ca. 70 %

Vorgehen
Eine effiziente Stimmrehabilitation erfordert ausführliche Information des Patienten zu den Merkmalen der Funktion der Ösophagusersatzstimme.

Therapiephasen

  • Anbahnungsphase: Stimulierung und methodenunabhängige Anbahnung

  • Stabilisierungsphase: methodenspezifische Stabilisierung (Injektion, Inhalation, Verschlusslautinjektion)

  • Koordination von Atmung und Sprechablauf: Erweiterung der Äußerungslänge, Verbesserung der Prosodie

  • Transfer in die Alltagskommunikation

Der Patient wird mit Bewegungs- oder Vorstellungshilfen zur Wahrnehmung und Produktion erster Ösophagustöne hingeführt. Zu Beginn zur Förderung der Wahrnehmung durch „Aufstoßen“ nach kohlesäurehaltigen Getränken.
Bei der Anbahnung der Ösophagusersatzstimme sollten speziell zur Ösophagusluftaufnahme Hilfen zu folgenden Problembereichen gegeben werden:
  • Forcierung der Lautstärke des Ruktus von Beginn an vermeiden und statt dessen die „Lockerheit“ des Tones fördern

  • Wahrnehmung von zu hohem/zu niedrigem Ösophagusdruck, Rachenweite

  • Training der orofazialen Muskulatur und des velopharyngealen Verschlusses verbessert Pseudoflüstern, Ösophagusluftaufnahme und Tonproduktion

  • Zungenmotorik verbessern (evtl. Lähmung oder Bewegungseinschränkung)

  • Koordination und Bereitstellung der Atmung (Training Lufthaltepause!)

  • Tonus- und Haltungsvoraussetzungen: tonusregulierende Maßnahmen, v. a. im Schulter- und Nackenbereich, sowie die Verbesserung der kostoabdominalen Atmung beeinflussen die Ösophagusstimme positiv

  • Grundverständnis des Gesamtablaufes: Vorstellung des „Luftschluckens“ wirkt sich negativ aus, da so keine Beschleunigung der Tonproduktion zu einer flüssigen Stimmgebung möglich ist

  • alltagsorientiertes Wort- und Satzmaterial erleichtert den Transfer in die Spontansprache

  • Stimmmodell des Therapeuten, anderer kehlkopfloser Sprecher, z. B. aus einer Selbsthilfegruppe, oder Tonbeispiele erleichtern den Lernprozess

Tracheo-ösophageale Stimmgebung mittels Shunt-Ventil

engl.: tracheoesophageal speech, voice prosthesis
Shunt-Ventil-Stimmgebung, tracheo-ösophageale:LaryngektomieLaryngektomie:Shunt-Ventil-Stimmgebung, tracheo-ösophagealeDeutlich schnellere Stimmrehabilitation bei deutlich verbesserten Stimmleistungsdaten als Ösophagusersatzstimme. Die ebenfalls benutzte Bezeichnung „Stimmprothese“ führt zu der falschen Annahme, dass eine Tonproduktion im eingesetzten Ventil erfolgt. Das Ventil hat jedoch keine prothetische Funktion, sondern dient lediglich der Umlenkung der Exspirationsluft (Abb. 14.4).
Technik
Operativ angelegte Verbindung zwischen Tracheostoma und Hypopharynx primär (während der Laryngektomie) oder sekundär (spätere Versorgung).
  • Einweg-Ventil aus Silikon im Shunt (z. B. der Firma Provox, nach Hilgers, Blom-Singer, Groningen, Eska-Hermann) verhindert Übertritt von Nahrung während des Schluckvorgangs in die Trachea und ermöglicht die Nutzung der Lungenluft zur Phonation

  • schließt der Patient sein Tracheostoma mit dem Finger oder Tracheostoma-Ventil, strömt die Ausatemluft durch das Ventil in den Ösophagus. Die Tonerzeugung erfolgt wie bei der Ruktus-Stimmgebung

Maximale Stimmleistungswerte

  • Tonhaltedauer: 7,5 s

  • Lautstärke: 71 dB

  • mittlere Sprechgeschwindigkeit: 156 W/min

  • Gesamtverständlichkeit im PLTT ca. 80 %

Rekonstruktive Shunt-Operationen mit operativ angelegten Stimmfisteln (z. B. nach Staffieri, Amatsu, Asai u. a.) oder Lappenplastiken (Gross 2006) werden seltener durchgeführt, da nicht bei allen Tumorlokalisationen oder Operationsarten anwendbar. Zeigen aber gute Resultate. Die Einstellung des Operateurs sowie die Möglichkeiten der Klinik entscheiden maßgeblich über die zu wählende Stimmrehabilitationsmethode. In vielen Kliniken präoperativ logopädische Einschätzung des Patienten zur Entscheidungsfindung.
Vorteile der tracheo-ösophagealen Stimmgebung mittels Shunt-Ventil
  • Möglichkeit zur Nutzung der pulmonalen Luft

  • längere Sprechphrasen möglich

  • generell kürzere Therapiezeiten: 60 % der Patienten lernten die Shunt-Ventil-Stimmgebung am 1. Tag (Dommerich 2003)

Seit Einführung der Shunt-Ventil-Technik (1979/80) werden mit zunehmender klinischer Erfahrung immer mehr laryngektomierte Patienten versorgt. Grundsätzlich ist bei jedem laryngektomierten Patienten eine primäre oder sekundäre Versorgung mit Shunt-Ventil in Betracht zu ziehen. Etwa 80–90 % der Patienten können mit Shunt-Ventil gut sprechen, heute ist die Anlage eines Shunt-Ventils meist als Standardversorgung etabliert (Delank und Scheuermann 2008; Kramp und Dommerich 2009; Dommerich et al 2003).
Management und Versorgung
Bei 30 % der Patienten Schwierigkeiten und Komplikationen, die bei sorgfältigem Ventil-Management seitens des betreuenden medizinischen und rehabilitativen Teams leicht und risikofrei zu bewältigen sind (Neumann und Schulz-Coulon 2000). Eine Versorgung des Tracheostomas mit einem Ventil zum fingerfreien Sprechen (Free Hands) ist anzustreben. Eventuell muss hierzu eine epithetische Versorgung des Tracheostomas geplant werden (unbedingt vorher Abklärung der Kostenübernahme! Delank und Scheuermann 2008). Typische Probleme sind:
  • Candidabesiedlung

  • Pflegefehler: Verstopfen des Shunt-Ventils, Verlust des Shunt-Ventils

  • Granulationsgewebe

  • Probleme beim digitalen Tracheostoma-Verschluss und Phonationsmechanismus

  • Aspiration

  • Shunt-Aufweitung

Vorgehen
  • Aufklärung zur Funktionsweise und Handhabung des Ventils

  • optimaler, automatisierter Tracheostomaverschluss

  • Regulierung des Anblasedrucks

  • Koordination von Atmung und Stimme

  • Verbesserung der Äußerungslänge, Modulation und Stimmdynamik

  • Transfer in die Alltagskommunikation

Elektronische Sprechhilfe (Abb. 14.5)

engl.: artificial laryngeal speech
Sprechhilfe, elektronischeLaryngektomie:Sprechhilfe, elektronischeDiese Erzeugung einer Ersatzstimme ist schnell erlernbar und für den Patienten i. d. R. schnell einsetzbar, allerdings empfinden viele Patienten den elektronischen Klang als störend.
Bei Verhärtungen des Gewebes infolge einer Bestrahlung oder Neck dissection kann ein Einsatz der elektronischen Sprechhilfe erschwert oder unmöglich sein. Hier kann über ein Mundrohr, das auf das Sprechgerät aufgesetzt wird, die Schwingung direkt in den Mund übertragen werden.
Technik
Batteriebetriebenes Gerät, das durch einen Tongenerator Schwingungen erzeugt. Durch Ansetzen des Gerätes an den Mundboden werden die Schallschwingungen auf die Luft in Mund und Rachen übertragen. Der erzeugte intraorale Schall kann artikulatorisch geformt werden.
Vorgehen
  • Erläuterung und Demonstration der Funktionsweise

  • individuelle Einstellung des Geräts (beachte: Tonhöhe!)

  • Grundhandhabung des Geräts (Ansatzstelle, Grundtontaste)

  • Koordination von Tongebung und Sprechen

  • Koordination von Atmung und Sprechen

  • Stabilisierung mit Grundtontaste

  • Erweiterung prosodischer Merkmale (Betonungstaste)

  • Transfer in die Alltagskommunikation

Weiterführende Literatur

De Maddalena and Zalaman, 2002

H. De Maddalena J. Zalaman Zur Lebensqualität von Laryngektomierten Forum Logopädie 6 2002 16 21

Doyle and Eadie, 2004

P.C. Doyle T.L. Eadie Alaryngeal voice and speech rehabilitation R.D. Kent The MIT Encyclopedia of communication disorders 2004 Mass. Cambridge Bradford Book

Hagen et al., 2004

R. Hagen G. Lichtenberger H. De Maddalena J.J. Manni P.G. Zorowka H.E. Eckel Rehabilitationskonzepte nach Laryngektomie Laryngo-Rhino-Otol 83 11 2004 780 782

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen