© 2019 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

B978-3-437-47784-3.00015-0

10.1016/B978-3-437-47784-3.00015-0

978-3-437-47784-3

Abb. 15.1

[L157]

Verursachende und bedingende Faktoren des Stotterns

Abb. 15.2

[L157]

Therapieverfahren in der Stottertherapie

Unterscheidung stottertypische und nicht-stottertypische (normale) Sprechunflüssigkeiten:stottertypischeSprechunflüssigkeiten:stottertypischeSprechunflüssigkeiten:nicht-stottertypischeSprechunflüssigkeiten:nicht-stottertypischeSprechunflüssigkeiten

Tab. 15.1
Formen von Sprechunflüssigkeiten Symptomatik
Nicht-stottertypische Sprechunflüssigkeiten (können situativ, vorübergehend bei jedem Sprecher auftreten; auch als funktionelle oder physiologische Sprechunflüssigkeiten bezeichnet)
  • Unflüssigkeiten zwischen Wörtern

  • kurze Wiederholungen von ein- und mehrsilbigen Wörtern

  • Wiederholungen ganzer Phrasen und Äußerungen mit Umstellungen und Korrekturen

  • Pausen an Phrasengrenzen, nicht im Wort zur Äußerungsplanung

Stottertypische Sprechunflüssigkeiten
  • Unflüssigkeiten im Wort

  • Wiederholungen von Lauten und Silben evtl. mit Schwa-Laut-Einfügung

  • längere Dehnungen

  • Blockierungen am Wortanfang, auch im Wort

  • Anspannungen im Gesicht, Redeanstrengung und grobmotorische Mitbewegungen

  • verdeckte Symptome

Differenzialdiagnostisch vom Stottern (ICD 10: F98.5) abzugrenzende Tourette-Syndrom:StotternTicstörungenStottern:psychogenesStottern:neurogenesStottern:DifferenzialdiagnoseStimmbandkrampfSprechunflüssigkeiten:alterstypischepsychogenes StotternPolternneurogenes Stotternneurogenes StotternEntwicklungsstottern“Dysphonie:spasmodischeSprechunflüssigkeiten

Tab. 15.2
Differenzialdiagnosen Symptomatik
Alterstypische Sprechunflüssigkeiten (früher: physiologisches Stottern oder Entwicklungsstottern)
  • nicht-stottertypische Sprechunflüssigkeiten (s. o.)

  • treten im Altersbereich von 2,5–5 Jahren auf

  • Dauer nicht länger als 6 Mon.

  • keine Begleitsymptomatik

Poltern (ICD 10: F98.6)
  • Redeflussstörung mit sehr hoher Sprechgeschwindigkeit, Wiederholungen, Abbrüchen, Auslassungen und Verschmelzungen

  • eingeschränkte Verständlichkeit

  • keine Begleitsymptomatik

Neurogenes Stottern
  • ätiologisch durch Hirnschädigungen begründet

  • symptomatisch den Kernsymptomen des Stotterns ähnlich

  • häufig geringe Variabilität

  • in Zusammenhang z. B. mit Aphasie, Dysarthrie infolge Schlaganfall, Parkinson-Syndrom

Psychogenes (traumatisches) Stottern
  • wahrscheinlich selten

  • tritt nach einem Ereignis mit sehr starkem, emotionalem Stress auf

  • eher geringe Variabilität

Spasmodische (spastische) Dysphonie (Stimmbandkrampf)
  • Stimmstörung

  • kann zum „Steckenbleiben“ im Redefluss führen

Ticstörungen (ICD 10: F95) z. B. bei Tourette-Störung mit multiplen motorischen und vokalen Tics

Therapieinhalte zusammengestellt von Lanouette (2011)

Tab. 15.3
Bereich Übungen
Sprechrate
Geschwindigkeit
  • Onsets

  • DAF „Delayed Auditory Feedback“

  • Kontrastierung der Sprechtempi

  • Kauphonation (aus der Stimmtherapie)

Tempo
  • Phrasensetzungen: 3–4 Wortäußerungen

  • Pausensetzung

  • Gedichte

Prosodie
  • bewusstes Sprechen betonter und unbetonte Silben

  • Sprechen mehrsilbiger Wörter

Motorik
Motorische Koordination
  • Überartikulation

  • mehrsilbige Wörter

  • Zungenbrecher

Genauigkeit
  • Kontrastübung: Auslassung des finalen Konsonanten

  • Kauphonation

  • klassische Artikulationstherapie

Sprache
Wordfindung
  • Schnellbenennübungen

  • Klassifikation und Kategorisierung

  • Beschreiben von Gemeinsamkeiten und Unterschieden

Sprachliche Organisation
  • Wortassoziation

  • Ausbau der narrativen Fähigkeiten

  • Textkohärenz und -kohäsion

Pragmatik
Verbale Ebene
  • „Turntaking“

  • Thema beibehalten

  • Komplimente

  • Verstehen von Aussagen des Gesprächspartners

Nonverbale Ebene Körpersprache lesen und adäquat einsetzen
Kognition
Selbstkontrolle Analyse des Sprechens anhand von Transkription, Video- und Audioaufnahmen
Ruhe
  • Begreifen des Zwecks von Sprechpausen und Ruhe

  • Einsetzen von Sprechpausen

Zuhören
  • Rückfragen stellen

  • Interjektionen einsetzen

Störungen des Redeflusses

  • 15.1

    Stottern Christian W. Glück390

    • 15.1.1

      Ätiologie und Genese390

    • 15.1.2

      Erscheinungsbild392

    • 15.1.3

      Formen von Sprechunflüssigkeiten393

    • 15.1.4

      Diagnostik394

    • 15.1.5

      Therapiegrundlagen396

    • 15.1.6

      Therapieverfahren399

  • 15.2

    Poltern Lea Kunz, Judith Beier und Claudia Sachs403

    • 15.2.1

      Definition(en)403

    • 15.2.2

      Ätiologie404

    • 15.2.3

      Erscheinungsbild405

    • 15.2.4

      Diagnostik408

    • 15.2.5

      Therapie410

Stottern

Christian W. Glück

Ätiologie und Genese

StotternDynamik und RedeflussstörungenVariabilität des symptomatischen Sprechverhaltens ist nur auf der Basis eines polyfaktoriellen, integrativen und dynamischen Modells des Stotterns zu erklären (Abb. 15.1). Einzelne Faktoren tragen in unterschiedlichem Ausmaß zum Bedingungsgefüge bei.
Ätiologie
  • Stottern:ÄtiologieGrundlage der Störung bilden genetische Dispositionen (Zwillings- und Familienstudien; molekulargenetische Untersuchungen), hirnmorphologische Besonderheiten und sprechmotorische Funktionsstörungen

  • Stotterereignisse sind das Ergebnis interdependenter neuromotorischer, sprechsensorischer, (sprach-)kognitiver, emotionaler und interaktiv kommunikativer Leistungen (Susca und Healey 2000)

  • Die Überwindung und Bewältigung des Stotterns wird durch dispositionelle, psycholinguistische (sprachliche Kompetenzen von Kindern), psychische und soziale Faktoren (Eltern, Interaktionsstile, psychische Konstitution, Bewältigungsverhalten) geprägt

Alltagstheoretische Ätiologievorstellungen und wissenschaftlicher Kenntnisstand
  • Stottern als Ausdruck einer Intelligenzminderung: trifft nicht zu

  • ängstlich-schüchterne Persönlichkeit des Stotternden: kann nach Beginn des Stotterns zu seiner individuellen Ausprägung und Verarbeitung beitragen

  • psychopathologisches Elternhaus: es gibt keine typischen und an der primären Entstehung des Stotterns beteiligten elterlichen Verhaltenscharakteristika. Stottern kann in seinem Verlauf die Eltern-Kind-Interaktion ungünstig verändern und überfordernde Erziehungshaltungen können sich verstärkend auf die Störung auswirken (Elternberatung)

  • „Ansteckung“ durch Modelllernen: trifft nicht zu

  • Stottern aufgrund eines traumatischen Erlebnisses: Stottern als Variante einer posttraumatischen Belastungsstörung wird diskutiert. Betroffene verweisen, häufig retrospektiv (anamnestische Artefakte!), auf Zusammenhänge zwischen dem Erstauftreten des Stotterns und psychischen Stressereignissen. Es gibt in diesem Zusammenhang keine wissenschaftlich plausible Erklärung, warum Betroffene mit Stottern reagieren

  • Stottern im Vorschulalter gibt es nicht, sondern Sprechunflüssigkeiten sind immer normale, alterstypische Sprechunflüssigkeiten: falsch, denn normale Sprechunflüssigkeiten sind vom Stottern symptomatisch zu unterscheiden

Wichtige statistische Fakten

  • normale, alterstypische Sprechunflüssigkeiten:alterstypischeSprechunflüssigkeiten bei bis zu 80 % der Kinder im Vorschulalter (Tab. 15.2)

  • Stottern beginnt bei etwa 75 % aller Kinder im Alter von 2–4 J., bei fast allen bis zum 12. Lj.

  • Inzidenzrate, bezogen auf Kinder, die zu stottern beginnen, wird mit 5–8 % berichtet. Die Prävalenzrate beträgt für die gesamte Altersspanne in der Bevölkerung etwa 1 %

  • Remissionsrate liegt bis etwa Schulbeginn und frühes Schulalter bei 75–80 %

  • Stottern tritt familiär gehäuft auf

  • Geschlechterverteilung

    • Kindesalter: Jungen : Mädchen = 1.65 : 1 (2-Jährige) bis 3 : 1 (5-Jährige)

    • Erwachsenenalter: Männer : Frauen = 5 : 1

    • Komorbidität: weitere sprachliche Auffälligkeiten – vor allem phonologische und artikulatorische Störungen – sind bei Kindern häufig (etwa 40–60 %), ebenso Angststörungen bis zur sozialen Phobie bei Jugendlichen und Erwachsenen (Bosshardt 2008).

Befunde zur Ätiologie
Genetische Disposition
Aufgrund Stottern:genetische Dispositionvon Zwillingsstudien lässt sich das erblich bedingte Risiko für eine Erkrankung auf ca. 70 % schätzen. Chromosomale Untersuchungen weisen auf eine Vielzahl potenziell betroffener Genabschnitte hin. Insofern ist von einer polygenen Ätiologie auszugehen, die im Sinne eines kumulativen Schwellen-Modells zur Ausprägung des Phänotyps führt (Wittke-Thompson et al. 2007).
Hinweise aus der geschlechtsbezogenen Prävalenz- und Prognosedifferenz sowie die höhere Remissionswahrscheinlichkeit bei familiärem Vorkommen von Spontanremissionen untermauern die Bedeutung der genetischen Disposition.
Neuromorphologische und -funktionelle Besonderheiten
Stottern:Neuromorphologie/funktionelle BesonderheitenBei chronisch stotternden Jugendlichen und Erwachsenen, teilweise auch bei älteren Kindern, wurden u. a. folgende morphologische Besonderheiten gefunden (zusammenfassend Neumann und Euler 2010):
  • geringer ausgeprägte Asymmetrie zwischen linkem und rechtem Planum temporale sowie auditorischer Regionen

  • größere Heterogenität im Aufbau der perisylvischen Strukturen

  • Abweichungen in Faserverlauf und Faserdichte von Teilen des Fasciculus arcuatus auch in rechtshemisphärischen Regionen

Mit unterschiedlichen Verfahren der funktionellen Bildgebung können die Aktivierungsabläufe in den an der Sprechproduktion beteiligten Arealen erfasst werden. Hier zeigen sich u. a. folgende Auffälligkeiten:
  • erhöhte Aktivierung motorischer, v. a. auch rechtshemisphärischer Areale

  • verringerte Erregung auditorischer Regionen

  • zeitlich paradoxe Aktivierungsmuster in der Abfolge von Arealen der Sprechplanung und der motorischen Ansteuerung

Entwicklungsverlauf
Kontinuierlich: Stottern:kontinuierlichesStottern entwickelt sich aus normalen Unflüssigkeiten und Wort- und Silbenwiederholungen allmählich fort. Lernprozesse infolge innerer Wahrnehmungen (sensorisch, kognitiv, emotional) und äußerer Bedingungen (kommunikativer Druck, zu hohe Sprechanforderungen) nehmen Einfluss auf das weitere gestotterte und nichtgestotterte Sprechverhalten
Plötzlich, ohne erkennbare vorherige Entwicklung:Stottern:plötzliches Längsschnittstudien verweisen auf den hohen Anteil von Kindern, die bereits kurz nach dem Erstauftreten alle primären (Lautwiederholungen bis Blockierungen) wie sekundären Merkmale (Vermeidungsverhalten) des Stotterns zeigen

Erscheinungsbild

Häufige ungewollte Unterbrechungen des Redeflusses durch tatsächliche und voraus empfundene Wiederholungen, Dehnungen und Blockierungen der artikulatorischen Bewegungen.
Die damit verbundenen Schwierigkeiten, in angemessener Zeit eigene Äußerungsintentionen sprachlich zu vermitteln, können zu einer Kommunikationsstörung führen, die auch den Kommunikationspartner betrifft. Dessen tatsächliche oder vermutete Reaktionen beeinflussen wiederum die Stottersymptomatik. Gleichzeitig hat die Störung z. T. gravierende Folgen für die Persönlichkeit der Betroffenen.
Man unterscheidet offene und verdeckte Symptome (Eisberg-Metapher), die nicht in direktem Abhängigkeitsverhältnis stehen. Der subjektive Leidensdruck kann bei geringer Sprechunflüssigkeit bzw. nicht beobachtbarer Symptomatik (verdecktes Stottern) dennoch hoch sein.
Offene Symptome
Stottern:offene SymptomeDie Sprechweise wird durch unübliche Unterbrechungen des Redeflusses und durch Begleitsymptomatik auffällig:
  • Kernsymptome: Wiederholungen von Sprechlauten oder Silben (Repetitionen, Iterationen), Dehnungen von Sprechlauten (Prolongationen), stumme Pausen (Blockierungen) ohne prosodische oder rhetorische Funktion

  • Symptomübergänge: z. B. Dehnung eines Lautes geht in Wiederholungen über

  • Schwa-Laut-Einfügungen: z. B. „Bə-bə-bə-boden“

  • Flickwörter und -phrasen: z. B. „mh“, „äh“, „meiner Meinung nach…“, auch als Starter-Funktion

  • Abbruch und Neuansatz der Rede mit und ohne Umformulierungen

  • auffällige Sprechatmung: z. B. Atemvorschieben, Sprechen auf Restluft, inspiratorisches Sprechen, auffällige Stimmgebung

    • mimische und grobmotorische Mitbewegungen (Parakinesen), z. B. Gesichtsverzerrungen, Kieferschlagen, Fußstampfen, Kopfreißen

    • vegetative, angstkorrelierte Symptome, z. B. Schwitzen, Erröten

    • fehlender Blickkontakt zum Gesprächspartner

Verdeckte Symptome
  • verändertes Stottern:verdeckte SymptomeSelbstkonzept: starkes Störungsbewusstsein, störungszentrierte Selbstdefinition („Ich bin ein Stotterer“), vermindertes Selbstwertgefühl, herabgesetzte sprachliche Selbstwirksamkeitserwartung, Leidensdruck

  • veränderte Situationswahrnehmung und -bewertung: meiden potenziell symptombelastete Redesituationen, geringe Angstschwelle, Überschätzung der eigenen Symptomatik, sprecherische und kommunikative Anforderungen werden hoch bewertet, Misserfolgserwartung

  • Empfindungen beim Sprechen: Verlust der Möglichkeit zur bewussten Beeinflussung des Sprechvorgangs (Kontrollverlust), starker Rededrang bei auftretenden Symptomen, Antizipation potenziell symptomtragender Laute und Silben

  • bewusste Gestaltung der Sprechweise: Einsatz von Sprechhilfen (z. B. Atemsteuerung, Stimmeinsatzkontrolle, Sprechgeschwindigkeitssteuerung), antizipierende, sprachliche Umgestaltung, um symptomtragende Laute und Silben von vornherein zu vermeiden

Übergeordnete Merkmale des Stotterns
  • Individualität: personspezifische Stottern:Individualität/VariabilitätSymptomausprägung, einschließlich individueller Entwicklungsverläufe

  • Variabilität: in unterschiedlichen Redesituationen kann die Symptomatik unterschiedlich stark ausgeprägt sein (z. B. Dialog, Vortrag, Telefongespräch, Vorlesen), in unterschiedlichen Lebensphasen kann die Symptomausprägung stark schwanken, bis hin zur Symptomfreiheit

Formen von Sprechunflüssigkeiten

Sprechunflüssigkeiten:FormenTraditionelle Einteilung in klonisches (Wiederholungen), tonisches (Blockierungen und Dehnungen), tonisch-klonisches und klonisch-tonisches Stottern ist unzureichend. Sie ist international nicht gebräuchlich und greift in der bloßen Orientierung an der offenen Symptomatik deutlich zu kurz.
Da auch in der Rede nicht stotternder Personen situational und vorübergehend Unflüssigkeiten auftreten, sind stottertypische und normale nicht-stottertypische Sprechunflüssigkeiten zu unterscheiden (Tab. 15.1 und Tab. 15.2).

Diagnostik

Statusdiagnostik
Vorerhebung
Stottern:DiagnostikBeginnt mit ausführlichem Interview: möglichst umfassende Daten-, Meinungs- und Einstellungserinnerung soll Sprachproblemverständnis und Wahrnehmung aus der Perspektive des Betroffenen vermitteln. Lösungsorientierte und damit effiziente Stottertherapien erfordern eine intensive Kommunikation bzgl.
  • Symptomatik: individuelles Störungsbewusstsein, Sprechproblem als unterschiedlich erlebter und bewerteter Gegenwartszustand

  • Ursachen: subjektive Krankheitstheorie; Kommunikation über Erklärungen und Glaubenssätze, die zur Entstehung und Aufrechterhaltung des Stotterns beitragen

  • lebensbiografischer Aspekte der bisherigen Entwicklung des Stotterns, der Sprache und der Kommunikation

  • der Art und des Umfangs weiterer, mit dem Stottern interagierende Auffälligkeiten, insbesondere bei jungen Kindern allgemeinen, sprachlichen Ist-Zustand berücksichtigen

    • Spracherwerbsdefizite: v. a. in den Bereichen Aussprache (Phonetik und Phonologie) und Wortschatz (Lexikon und Wortfindung)

    • zusätzliche, die Therapie erschwerende Faktoren: z. B. Aufmerksamkeitsdefizite und Hyperaktivität.

  • Partizipationsziele der Person und der Ziele der Behandlung

Problem- und Ressourcenanalyse
  • deckt Fähigkeit zur Selbsthilfe und zu eigenaktiven Lösungswegen auf. Bei mehrsprachigen Kindern kann die besondere, bilinguale Spracherwerbs- und Kommunikationsaufgabe Einfluss auf die Ausprägung des Stotterns haben, daher sprachliche und kommunikative Fähigkeiten in Erst- und Zweitsprache diagnostizieren. Dabei klären, welche Sprache dominant und, den Spracherwerb sichernd, in der Familie benutzt und in der Therapie zunächst eingesetzt werden soll.

Standardisierte und nicht standardisierte Diagnostik der Sprech- und Kommunikationsfähigkeit
  • Parameter in der objektivierenden Beurteilung des Redeflusses

    • Erfassung der Frequenz und Qualität der Stotterereignisse

    • Dauer der typischen und der längsten Stotterereignisse

    • Erfassung der Sprechgeschwindigkeit mit/ohne Berücksichtigung der Stotterereignisse

    • Natürlichkeit des Sprechens (durch Skalierung)

  • Hilfsmittel in der objektivierenden Beurteilung des Redeflusses

  • Diagnostische Verfahren:

    • Stuttering Severity Instrument 3 Stuttering Severity Instrument 3(Riley 1986, dt. Fassung in Sandrieser und Schneider 2008) mit Erfassung von Häufigkeit und Dauer der Symptomatik in drei Sprechsituationen mit Berücksichtigung der Mitbewegungen und der Natürlichkeit des Sprechens. Aktuell auf Englisch und mit Auswertungssoftware verfügbar: SSI-4 (Riley 2009)

    • Aachener Analyse unflüssigen Sprechens (AAUS)AAUS (Aachener Analyse unflüssigen Sprechens)Aachener Analyse unflüssigen Sprechens (AAUS) (Schneider und Zückner 2008): Erfassung der Kern- und Begleitsymptomatik in quantitativer und qualitativer Hinsicht

    • OASES – Overall Assessment of the Speakers' Experience with Stuttering OASES (Overall Assessment of the Speakers' Experience with Stutterin)\"_XE\"Overall Assessment of the Speakers' Experience with Stutterin (OASES)\"(Yaruss und Quesal 2010) basiert auf den Dimensionen des ICF-Modells (DIMDI 2005), erfasst Funktions- und Teilhabeaspekte und liegt in einer nicht-autorisierten, deutschsprachigen Fassung, auch für Kinder und Jugendliche vor (Metten et al. 2007)

    • nicht standardisierte, klinisch erprobte Fragebogen zur Selbstbeschreibung (Erleben und Verhalten in kommunikativen Situationen)

Interaktionsanalyse
  • bei Kindern: v. a. spontanes Sprechen sowohl mit dem Therapeuten als auch im Kontext des sprachlichen Verhaltens ihrer Eltern

  • bei Eltern: anhand von Beobachtungsitems Spiel- und Interaktionsfähigkeit, Verwendung von kommunikativen Stressoren (z. B. zu schneller Sprecher-Hörer-Wechsel, drängendes Frageverhalten, negatives Zuhörverhalten und bestrafendes oder nicht hilfreiches Reagieren auf das Stottern) festhalten

Zieldiagnostik
Therapeutische Zielsetzungen müssen auf dem stotterspezifischen Wissen aller an der Therapie beteiligten Personen basieren:
  • individuelle Zielvorstellungen abklären: Spaß am Sprechen, weniger Sprechangst, weniger Stottern, jederzeitige Kontrolle des Stotterns, Heilung vom Stottern, Veränderung der Sprechweise, um flüssiger zu sprechen, Veränderung des Stottermusters, um leichter zu stottern, Entwicklung sozial-kommunikativer Fähigkeiten

  • Kommunikation über: individuelle Bedeutung der erwünschten Behandlungsziele, Angabe der konkreten Ziele und der Reflexion ihrer Erreichbarkeit in kleinen, erfolgreichen Schritten, dazu vorhandene persönliche Ressourcen

Therapiegrundlagen

Stottern:TherapieDer Markt an wissenschaftlich nicht geprüften Therapien ist erheblich. Es fehlt weltweit an prognostisch validen Kriterien, nach denen eine Methode einer bestimmten Person sicher zuzuordnen wäre.
Indikation
Sichere Indikatoren für den Einsatz bestimmter Methoden bei personabhängigen Lernbedingungen im Erwerb des stotterfreien bzw. des Stottern modifizierenden Sprechens fehlen weitgehend, besonders auch unter dem Aspekt der Therapieprozessforschung. Die derzeit angenommene Remissionsrate von etwa 75 % erschwert die Entscheidung, ob und wann kindliches Stottern zu behandeln ist, erheblich.
Bei jungen Kindern können Elternberatung und -training oder Therapie die Bereitschaft zur Spontanremission nachweislich unterstützen. Die Entscheidung, ob auch bei sehr jungen Kindern (2–3 Jahre) sofort behandelt werden muss, ist fachdiagnostisch abzusichern. In jedem Fall ist der Ratschlag, „einfach abzuwarten“, falsch. Eine fachkundige Beratung mit Aufklärung der Betroffenen in allen Belangen, eine Anleitung der Eltern für hilfreiche Entwicklungsmaßnahmen, Verminderung der Belastungsfaktoren in der Umgebung, Stärkung der kommunikativen und sprachlichen Fähigkeiten des Kindes und eine kontinuierliche Symptombeobachtung sind notwendig (Kontrollphase).
  • frühes Stottern:frühesStottern (etwa 2–4 J.) ohne besonderes Störungsbewusstsein: Elternberatung und Elterntraining (z. B. Lidcombe Programm, Lattermann 2010) können ausreichend sein

  • kindliches (auch frühes) Stottern:kindlichesStottern bei erhöhtem Störungsbewusstsein und Hinweisen auf persönliche Belastungen und Entwicklungsbehinderung durch die Familiensituation: neben Elterntraining gezielte Veränderung der Sprechflüssigkeit des Kindes durch Fluency-Shaping oder/und Stottermodifikationstechniken empfehlenswert

Remission
Der Erwerbsprozess des Stottern:RemissionStotterns ist so entwicklungsplastisch, dass – wie Longitudinalstudien zeigen – Kinder etwa vor dem 10. Lj., unabhängig vom Schweregrad der Störung, mit hoher Wahrscheinlichkeit (um 75 %) in den ersten beiden Jahren nach Stotterbeginn ihre gestotterte Unflüssigkeit ohne Therapie in Interaktion mit ihrer Umwelt natürlich und selbst heilen (unaided/natural recovery). Die natürlichen Remissionsraten hängen vom Alter, dem Geschlecht und der familiären Disposition zur Remission ab. Auch können effektive Beratungen, zudem positive Einstellungen des Kindes zum Sprechen oder gute linguistische Fähigkeiten und Veränderungen der Sprechweise Einfluss nehmen.
Therapieplanung
In Deutschland Stottern:Therapievielfach methodenkombiniertes, individualisiertes Vorgehen aufgrund der Mehrdimensionalität des Stotterns und des Mangels an empirischer Evidenz. Einsatz von individualisierten Therapiebausteinen, die:
  • direkt das Sprechmuster verändern

  • Hilfen zur Überwindung der Angst vor dem Stottern oder zu seiner direkten Bewältigung anbieten

  • sprachliche und kommunikative Kompetenzen allgemein fördern

  • die kindliche Persönlichkeit (z. B. Selbstvertrauen) stärken

  • das Sprechverhalten der Eltern, das die Sprechflüssigkeit fördert, ausformen

Standardisierte Therapieprogramme werden von den Behandlern eher skeptisch beurteilt.
Therapiemerkmale
Therapie sollte grundsätzlich:
  • der Beziehungsgestaltung, der Bearbeitung der sprachlichen Problemlage, der Selbstaktivität und Selbstregulation hohe Bedeutung beimessen

  • sich durch Flexibilität des Vorgehens auszeichnen (adaptativ an die jeweilige Problemlage)

  • auf Kommunikation mit allen Betroffenen gerichtet sein (Umfeld)

  • die Übertragung vom Therapiesetting in relevante Alltagskontexte einbeziehen

  • so weit als möglich den Einsatz evidenzbasierter Verfahren vorziehen

  • bei Kindern die Standard-Therapieverfahren in angemessen spielerischer Form durchführen

Therapieziele
Therapieziele müssen kommuniziert und ihre Realisierbarkeit muss überprüft werden. Sie sind eingebunden in persönliche Ziele und Lebensziele. Sie sollten nach Sachlage und individuellen Bedürfnissen offen formuliert werden. Im Vordergrund steht die Nutzung vorhandener Ressourcen, die Förderung der Selbstheilung, von Selbstmanagement und Selbstkontrolle.
Allgemeine Therapieziele
Symptom- bzw. Beschwerdefreiheit bzw. -verbesserung; Transfer des in der Therapie Erlernten in den Alltag und natürlich klingendes Sprechen.
Spezifische Therapieziele
  • Verbesserung der Sprechflüssigkeit (stotterfreies und/oder stottermodifiziertes Sprechen)

  • Annahme des eigenen Stotterns und Aussöhnung mit dem bisherigen Stottern

  • Abbau der Begleitsymptomatik

  • Entwicklung eines positiven Selbstbildes als Sprecher und Kommunikationspartner

  • selbstständige Bewältigung von alltäglichen Sprechproblemen; In-vivo-Arbeit von Anfang an

  • Fremd- und Selbstevaluation: kontinuierliches Bilanzieren

  • Erarbeiten alltagspraktischer Problemlösungen

Einflussfaktoren
  • Persönlichkeit des Therapeuten (z. B. Überzeugungsfähigkeit; Zuversicht; Fähigkeit wahrzunehmen, zu aktivieren und anzuerkennen)

  • Persönlichkeit des Klienten (z. B. Lernmotivation und Aufnahmebereitschaft; subjektive Veränderungstheorie)

  • Mitarbeit der Eltern

Behandler
Als Behandler kommen Logopäden, Sprachheilpädagogen, akademische Sprachtherapeuten sowie spezialisierte Psychotherapeuten infrage, was auch der Klientel der ivs (Interdisziplinäre Vereinigung der Stottertherapeuten e. V.) entspricht (info@ivs-online.de).
Therapieeffekte
Therapieübergreifend fehlen im deutschsprachigen Raum immer noch solide standardisierte Instrumentarien, die Therapieergebnisse von repräsentativen Gruppen sinnvoll vergleichbar machen. In jedem Fall ist quantitativ und qualitativ zu klären, ob die gesetzten Therapieziele erreicht wurden:
  • Rate der Stotterfrequenz: mit wiederholten Messungen und mit ausreichend repräsentativen Spontansprechproben in Therapie und Sprechalltag und mind. noch 12 Mon. nach Therapieende erheben

  • Zunahme der Qualität des Sprechverhaltens in die Richtung eines entspannteren, langsameren Sprechens mit weichem Stimmeinsatz in und außerhalb der Therapie

  • Sprechen ohne ständige Selbstkontrolle und -beobachtung langzeitlich natürlich und spontan, ohne gestotterte Unflüssigkeiten, die den kommunikativen Prozess stören

  • positive Einstellung des Klienten zu seiner Störung sowie selbstbewusster Umgang mit dem Reststottern

  • neben der positiven Veränderung auffälliger Sprechmerkmale muss es zur Reduktion der verdeckten Symptome, der Ängste sowie der einschränkenden Erwartungen kommen

Es besteht Einigkeit darin, dass der Therapieerfolg bei jungen Kindern höher als der in den anderen Altersgruppen ist. Deren Stottermuster sind weniger habitualisiert, die Effekte halten dauerhaft oder länger, Therapiewiderstände sind geringer, sie generalisieren Therapieinhalte besser in den Alltag und es sind weniger Therapiestunden notwendig.
Evidenzen
Stottern:EvidenzDie derzeitige Evidenzlage ist für Forschung und Praxis gleichermaßen unbefriedigend. Die Mehrzahl der Studien entspricht nicht prüfbaren methodischen Kriterien (Bothe et al. 2006). Über 90 % aller Wirksamkeitsstudien betreffen Verfahren der Sprechmodifikation (Fluency Shaping). Stottern:Fluency ShapingFluency Shaping:StotternDie beste Evidenz bezieht sich auf das Training des prolongierten Sprechens und des weichen Stimmeinsatzes (smooth speech) Stottern:smooth speechsowie die systematische Verstärkung des stotterfreien Sprechens (Bothe et al. 2006; Guitar und McCauley 2010). In Deutschland legten Wirksamkeitsstudien z. B. Euler et al. (2000) für die Kasseler Stottertherapie (KST) oder Lattermann, Neumann und Euler (2008) für das Lidcombe Programm vor. Ihr stottermodifikatorisches Vorgehen mit Kindern und Jugendlichen evaluierten Metten, Zückner und Rosenberger (2007):
  • verdeckte emotionale und kognitive Zustände beeinflussen Stottern/die Sprechflüssigkeit und damit die Wirksamkeit

  • Eltern sind erfolgreiche Anwender spezieller Methoden

  • für komplexe, komorbide Problemlagen gibt es keine evaluierten Behandlungsprogramme

Therapiedauer
  • je nach Sachlage und Therapiemethode bei Kindern 20 bis 50 Behandlungseinheiten und mehr erforderlich, bei Erwachsenen etwa in mehrwöchigen Intensivtherapien weit mehr als 100

  • viel Zeit für Transfer der im therapeutischen Setting erlernten Sprechtechniken in die Alltagskommunikation erforderlich

  • Rückfälle sind häufig, müssen vorbereitend Thema der Therapie sein und nachbereitend in Rückfallprogrammen aufgearbeitet werden

Setting
Stottertherapie hat starke Bezugsgrößen in der Intensität von Therapie und Beratung.
  • Kindertherapie: ambulante Einzel-, auch (kurzstationäre) Gruppentherapien für ältere Kinder mit Beratung/Training der Eltern 1–2×/Woche üblich

  • Jugendlichen-/Erwachsenentherapie (> ca. 12 J.): ambulante Einzel- und/oder Gruppentherapie und/oder mehrwöchige (3–6 Wo.) Intensivtherapie (auch in Intervallen) stationär

  • unterstützend für Kinder/Jugendliche therapiebezogene „Summercamps“

  • Nachbetreuung (z. B. in „Refresher-Kursen“) wichtig, um die Rückfallquote zu minimieren

Therapieverfahren (Abb. 15.2)

Im Stottern:TherapieFokus spezifischer Stottertherapie stehen der Patient und seine Mitwelt sowie ein kooperativer Behandlungsstil. Symptom-, Person- und Lebensweltorientierung sind sicherzustellen (ICF; vgl. Leitlinien der Interdisziplinären Vereinigung der Stottertherapeuten ivs). In Deutschland wird vielfach weniger schematisch monomethodisch als methodenintegrativ und adaptiv interveniert.
Auf den Patienten bezogen orientiert sich die Therapie an der:
  • Modifikation des Sprechens (z. B. Fluency Shaping)

  • Modifikation des Stotterns (z. B. Stottern identifizieren; Pull-Out)

  • Modifikation des sozialen, kognitiven und emotionalen Verhaltens und Erlebens (z. B. Desensibilisierung bei Sprechangst; Abbau des Vermeidungsverhaltens; Erlernen eines selbstsicheren Umgangs mit dem Stottern; Verringerung negativer Gefühle und Einstellungen)

Auf das Umfeld bezogen stehen die Beratung und das Training von Eltern sowie die Beratung von z. B. Fachpersonal in Kindergarten oder Schule im Fokus.
  • direkte Therapien setzen direkt am Sprechmuster bzw. am Stottersymptom an

  • indirekte Therapien üben keinen direkten Einfluss auf das Sprechverhalten aus, z. B. bei Kindern: Elternberatung, Förderung sprachlicher Kompetenzen (z. B. Artikulation, Syntax, Lexikon), psychischer (z. B. Stärkung der psychischen Verfassung im Umgang mit kommunikativem Stress) und physiologischer Voraussetzungen (z. B. Training der Mundmotorik/Sensorik, der Atmung). Mit der positiven Veränderung von Voraussetzungen für die Sprechflüssigkeit soll das Stottern abnehmen

Spezifische Methoden der Therapie
Fluency Shaping
Ziel
Maximale Stottern:Fluency ShapingFluency Shaping:StotternSymptomfreiheit durch systematischen Aufbau eines stotterfreien Sprechens.
Vorgehen
Verhaltenstherapeutisch und Stottern:Verhaltenstherapielösungsorientiert. Systematische Ausformung eines neuen Sprechmusters über eine Hierarchie von Sprechleistungsstufen (z. B. Wort-, Satz-, Textebene; Monologe, Dialoge) mit oder ohne Modellieren einer Sprechtechnik. Dabei werden Sprechtechniken (spielerisch) erlernt (z. B. Reduktion der Sprechgeschwindigkeit, weicher Stimmeinsatz, Silbendehnung und Silbenbindung, prolongiertes Sprechen; smooth oder easy speech). Kontingentes Verstärken stotterfreier Äußerungen.
Verschiedene, manualgestützte Therapieprogramme (z. B. Lidcombe Programm; Kasseler Stottertherapie KST).
  • Ausgangspunkt ist die bereits vorhandene Fähigkeit, stotterfrei zu sprechen

  • Orientierung am Modell

  • durch eindeutige und transparente Ziel- und Aufgabenstruktur gesundheitsfördernde Erfahrung der „Machbarkeit“ und Selbstwirksamkeit

  • mehrstufiger Therapieaufbau sichert in kleinen Schritten den Erfolg

  • Messbarkeit der Veränderung ist ohne großen Aufwand möglich

  • systematische und kontingente Anerkennung des stotterfreien Sprechens wirkt lernmotivierend

Modifikation des Stotterns
Ziele
  • Aufbau von Stottern:ModifikationSelbsthilfekompetenz zur Kontrolle des Stotterns

  • Identifikation eigenen und fremden Stotterns

  • Erwerb eines „flüssigen“ Stotterns mit kurzen, wenig spannungsreichen Kernsymptomen

Vorgehen
Systematischer Aufbau der Therapie in allen Altersgruppen:
  • Identifikation: Schulung der Selbstwahrnehmung der individuellen Problemlage über das Kennenlernen und das Auseinandersetzen mit dem eigenen Stottern

  • Modifikation: gezieltes Arbeiten an der bewussten Steuerung der Symptomatik unter Zuhilfenahme von Modelling. Spezielle Hilfen sind dabei „Pull-out“ („Herausziehen“ aus der Blockade), „Stoppen“ oder „Nachbessern“ (Cancellation)

  • Stabilisierung: Aufrechterhaltung und Generalisierung des erlernten gestotterten Sprechverhaltens

Vorteile
  • eng an den individuellen Ressourcen und Problemen orientiert

  • Akzeptanz des Stotterns aus der Erkenntnis der möglicherweise unrealistischen Zielsetzung der Symptomfreiheit

  • angstfreier Umgang mit dem Stottern

  • Training der selbstkontrollierten Steuerung des Stotterns

  • Ansatz ist häufig mit dem Erwerb von Strategien des Stottern-Nicht-Vermeidens kombiniert (Non-avoidance)Stottern:Non-Avoidance-AnsatzNon-Avoidance-Ansatz:Stottern

Modifikation des sozialen, kognitiven und emotionalen Verhaltens und Erlebens
Ziele
  • Abbau von Angst vor dem Stottern oder befürchteten Reaktionen der Mitwelt auf das Stottern

  • Abbau von Vermeidungstechniken als erworbenes Sicherheitsverhalten

  • gelassener kognitiver und emotionaler Umgang mit dem (Rest-)Stottern

  • Aufbau eines positiven Selbstkonzepts als (auch) stotternde Person

  • Aufbau eines positiven Selbstkonzepts als stotterfrei sprechende Person

  • Desensibilisierung negativer Kognitionen über die Konfrontation mit einer Hierarchie aversiv erlebter Sprechsituationen; Einsatz des sog. „Pseudostotterns“

  • Erarbeiten von Problemlösestrategien für schwierige Situationen

  • kognitive und emotionale Vorbereitung auf Alltagssituationen

Vorgehen
  • Einsatz von Techniken und Methoden aus der Psychotherapie, z. B.

    • systematische Desensibilisierung (Kognitives Umstrukturieren und Selbstkontrollmaßnahmen)

    • konstruktives Problemlösen und lösungsorientiertes Vorgehen

    • operante Maßnahmen (Selbstverstärkung)

    • Einsatz spezieller Konfrontationstechniken

    • Einsatz spezieller Angstreduktionstechniken

    • gezielte Maßnahmen zur Verbesserung der Eigen- und Fremdwahrnehmung

Vorteile
  • Zunahme des persönlichen Wohlergehens

  • Stärkung des Selbstregulationssystems der stotternden Person

  • Stärkung der Motivation zur Mitarbeit; Stärkung der subjektiven Zustimmung und Annahme durch den Patienten

  • Aufdecken und Modifizieren interner Zustände, die den Erwerb der Sprechflüssigkeit hemmen bzw. fördern

  • Steigerung der Qualität der Behandlung und der Wahrscheinlichkeit, bereits erworbene Techniken selbstaktiv in den Sprechalltag zu transferieren

  • Öffnung für alternative Problemlösungen und Risikobereitschaft

Elternberatung und -training
Elternberatung:StotternZur wirksamen Elternberatung gehört grundsätzlich die umfassende Information zum Thema „Stottern“,Stottern:Elternberatung/-training die den Wissensabgleich zwischen Therapeut und Eltern ermöglicht. Die Beratung zielt u. a. auf:
  • Enttabuisierung des Stotterns (offen und einfühlsam Stottern ansprechen)

  • konsequentes Beobachten der Variabilität des Stotterns

  • Veränderung des (elterlichen) Sprachangebotes (Sprechvorbild sein)

  • konsequente positive Rückmeldung der Sprechflüssigkeit und der sprachlichen Stärken

  • entspannteres Reagieren auf das Stottern

  • Abbau von interpersonalem Stress (Angst, Scham, Schuld, unrealistischen Anforderungen)

  • Information der Umwelt (z. B. Schule; Familienangehörige) über das Stottern

Eltern sollten den Therapieverlauf in vivo miterleben und ihre Selbstkompetenz im Umgang mit gestotterten und nicht gestotterten Sprechunflüssigkeiten am Behandlungsort erfahren. Eltern können in der Verstärkung des stotterfreien Sprechens ihrer Kinder erfolgreich trainiert werden (Lattermann 2010). Wichtige Entlastungsmöglichkeiten für das stotternde Kind sind über die Beratung des Fachpersonals in Kindergärten und Schulen möglich. Die Broschüren und Materialien der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e. V. (www.bvss.de) sind hier hilfreich. Stottern ist kein Grund für eine Sonderbeschulung.
Weitere Interventionsansätze
Als unspezifische Ansätze gelten z. B. die allgemeine Stärkung der Fähigkeit (auch stotternd) zu kommunizieren (kommunikative Sicherheit), verbunden mit der Verbesserung des Selbstkonzepts einer (mit Stottern) flüssig kommunizierenden Person; ferner Hypnose, Akupunktur, Entspannungsverfahren, Atem- oder Stimmtherapien, bewegungs- und musiktherapeutische Ansätze, Autogenes Training, Psychotherapie, apparative Sprechhilfen oder die medikamentöse Behandlung. Diese Verfahren haben eher – wenn überhaupt – stützende oder nur kurzfristig verbessernde Effekte.
Vorausgehende oder begleitende Psychotherapie
Psychotherapie:StotternNur Stottern:Psychotherapiesinnvoll bei über die Kernstörung hinausgehenden, behandlungswürdigen Auffälligkeiten des Verhaltens und Erlebens (z. B. Ängste, Phobien, Depression, soziale Isolation, Selbstabwertung; Therapieresistenz). Ob zur Stottertherapie vorausgehend oder begleitend muss sorgfältig und interdisziplinär abgeklärt werden.
Medikamente
Der Einsatz von Stottern:MedikamenteMedikamenten wird von der absoluten Mehrzahl der Stottertherapeuten wegen widersprüchlicher Effizienzstudien und möglicher Nebenwirkungen abgelehnt. Eine Medikation kann auf die Angstkomponente (Alprazolam), auf den Kehlkopf-Muskeltonus (Botox) und auch auf die aus der Dopamin-Ätiologie-Hypothese abgeleitete Therapie mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern ausgerichtet sein. Neben positiven Einzeldarstellungen (Maguire et al. 2010) konnte keine generelle Wirksamkeit hinsichtlich des Stotterns nachgewiesen werden. Kommt medikamentöse Therapie zum Einsatz, dann in der Kombination mit Stottertherapie.
Apparative Sprechhilfen
Verfahren
  • Modifiziertes auditives Feedback (Altered auditory feed back, AAF):

    • Sprechen Stottern:Sprechhilfen, apparativeSprechhilfen, apparative:Stotternunter Maskierung (künstliche Vertäubung über Kopfhörer durch weißes Rauschen)Stottern:Altered auditory feed back (AAF)Altered auditory feed back (AAF):Stottern

    • um ca. 50 ms zeitlich verzögerte auditive Rückmeldung (DAF: Delayed Auditory Feedback) Delayed Auditory Feedback (DAF):Stotterndes unveränderten Sprachsignals über Kopfhörer

    • frequenzverschobene auditive Rückmeldung (FAF: Frequency-shifted Auditory Feedback): der Sprecher hört sich über Kopfhörer tiefer/höher sprechen

    • Kombinationseffekt aus DAF und FAF Frequency-shifted Auditory Feedback (FAF):Stottern(Übersicht hierzu Lincoln et al. 2006)

Nachteile
  • Wirkungsweise ist für AAF belegt, aber v. a. alltagskommunikativ beschränkt, dennoch für manche Betroffene in bestimmten Situationen (z. B. am Telefon) hilfreich

  • hoher (technischer) Kontrollaufwand

Poltern

Lea Kunz, Judith Beier und Claudia Sachs

Definition(en)

Bisher existieren zum Störungsbild PolternPoltern wenig Literatur und empirische Daten. Aufgrund der geringen Prävalenz, der breitgefächerten Symptomatik und des unterschiedlichen Schweregrads gibt es bis dato keine Einigung hinsichtlich der Kernsymptomatik und einer Definition des Polterns (St. Louis und Schulte 2011; Van Zaalen et al. 20011a; Ward 2011a).
Alle bestehenden Definitionen führen die erhöhte und irreguläre Sprechrate auf. Bezüglich weiterer (Kern-)Symptome finden sich unterschiedliche Angaben:
  • schwankender, schneller und dysrhythmischer Redefluss unter Ausschluss von Stottersymptomen (World Health Organization 1992)

  • Unflüssigkeiten, sprachliche und phonologische Störungen sowie Aufmerksamkeitsdefizite (American Speech-Language-Hearing Association 1999)

  • sprachliche Defizite und fehlendes Störungsbewusstsein (American Psychiatric Association 1987)

  • Sprach- und Sprechsymptome, die mit Poltern in Verbindung gebracht werden (Ward 2006)

Die Definition des Kleinsten gemeinsamen Nenners (KGN) Poltern:Definition des Kleinsten gemeinsamen Nenners (KGN)von St. Louis und Schulte (2011) führt die bisher wissenschaftlich belegten Symptome und ihre Details auf: „Poltern ist eine Redeflussstörung in der Segmente der Konversation (1) in der Muttersprache (2) allgemein als zu schnell (3) und/oder zu unregelmäßig (4) wahrgenommen werden.
Diese Segmente der schnellen und/oder irregulären Sprechrate müssen zusätzlich durch eines oder mehrere der folgenden Symptome begleitet werden:
  • a.

    hochfrequentes Auftreten von „normalen“ Unflüssigkeiten;

  • b.

    exzessives „Zusammenbrechen“ oder Elisionen von Silben und/oder

  • c.

    abnormale Pausen, Silbenbetonungen oder Sprechrhythmus.“

In der Defintion von St. Louis und Schulte (2011) ist die Konversation ein wesentlicher Bestandteil, da sich Poltern hauptsächlich in diesem Kontext zeigt. Poltersymptome beim lauten Lesen werden ausgeschlossen. Zwischen Poltern und einer Lese-Rechtschreibschwäche wird eine hohe Komorbidität vermutet, sodass in der Diagnostik schriftsprachliche Defizite das Ergebnis negativ beeinflussen könnten (Schulte 2009; Van Zaalen 2009; Mannhardt 2005; Sick 2004). Des Weiteren geht aus der Definition hervor, dass die Symptome lediglich in der Muttersprache auftreten können (2). Die erhöhte Artikulationsrate gilt als Hauptsymptom und wird den anderen Poltersymptomen vorangestellt (3). Abschließend betonen St. Louis und Schulte das intermittierende Auftreten der Poltersymptome (4). Polternde Personen können symptomfreie Phasen erleben.
Ward (2011b) kritisiert an der KGN, dass sprachliche Defizite ausgeschlossen werden. Für diese gäbe es jedoch ebenso Evidenzen wie für die irreguläre und erhöhte Sprechrate. Daher empfiehlt er derart Symptome miteinzubeziehen oder weiter zu untersuchen, um allen polternden Personen gerecht zu werden. Er empfiehlt, die KGN mit dem Polterspektrum zu kombinieren.
Ward (2007) definiert ein Spektrum von Sprech- und Sprachauffälligkeiten, die durch ihre Unterbrechungen dem Poltern ähneln, aber:
  • der Schweregrad ist zu gering

  • die Bandbreite der Symptome reicht nicht aus

  • es liegt beides vor

Erst durch die Kombination von beiden Komponenten ist eine Diagnosestellung nach derzeitigem Forschungsstand gewährleistet (Ward 2011b).
Eine schwach repräsentative Studie (Betherton-Furness und Ward 2012) gibt Hinweise darauf, dass das Polterspektrum wichtig ist. Die KGN gilt weiterhin lediglich als Arbeitsdefinition, da die Studienergebnisse noch uneindeutig sind (Myers und Bakker 2014).

Ätiologie

Die Ursache des Poltern:ÄtiologiePolterns gilt weiterhin als ungeklärt (Alm 2012; Van Zaalen 2009; Neumann und Sick 2007; Hartinger 2006). Die Symptomkomplexität spricht für ein multifaktorielles Ursachengefüge, auch wenn dies die Diagnosestellung zusätzlich erschwert (Daly und Burnett 1996).
Genetische Disposition
Die Theorie der genetischen Poltern:zentrale BeeinträchtigungPoltern:genetische DispositionDisposition als Ursache des Polterns (Drayna 2011; Neumann und Sick 2007) beruht insbesondere auf den Erkenntnissen aus Anamnesegesprächen mit Betroffenen und ihren Angehörigen. In den Familien der Betroffenen zeigte sich ein gehäuftes Auftreten von Stottern und Poltern (Preus 1986). Dennoch merkt Drayna (2011) an, dass die Evidenz für eine genetische Disposition bisher nur gering ist. Die geringe Prävalenz des Polterns erschwert die Forschung dieser Theorie in Form von Zwillings- und Adoptionsstudien.
Zentrale Beeinträchtigung
Anhand von EEG-Studien gelang es, neuronale Auffälligkeiten nachzuweisen (Langova und Movarek 1970; Seemann 1970). Einige Autoren vertreten deshalb die Theorie, dass bei polternden Personen eine zentrale Beeinträchtigung vorliegt (Ward et al. 2014; Alm 2011).
Alm (2011) vertritt das aktuellste Erklärungsmodell, in dem die Ursache im medialen frontalen Kortex liege. Die Schlüsselregionen des Sprechablaufs liegen im links-anterioren Gyrus cinguli, in den supplementär-motorischen Arealen und den Basalganglien. Studienergebnisse von Ward et al. (2014) konnten diese Theorie untermauern.
Dalton und Hardcastle (1977) vermuten eine sprechmotorische Funktionsstörung. Ihre Gedanken stehen im Einklang mit der neurologischen Theorie von Alm (2011).
Kognitive Defizite
Häufig werden kognitive Poltern:kognitive Defizitekognitive Defizite:PolternDefizite als Ursache des Polterns genannt. Neben Schwierigkeiten in der Sprach- und Sprachverarbeitung werden Probleme in der (zentral-auditiven) Aufmerksamkeit und den kognitiven systemverbundenen Prozessen vermutet (St. Louis et al. 2007a). Bisher konnten diese Annahmen nicht wissenschaftlich belegt werden.
Viele Autoren vermuten eine sprachliche Imbalanz (Lees et al. 1996; Weiss 1968; Freund 1970), die aus einer defizitären Wechselwirkung der kommunikativen Parameter (Sprachverarbeitung, Artikulation und suprasegmentale Ebene) entsteht (Myers und Bradley 1986).
Häufig wird Poltern auch mit dem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS)Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS):Poltern assoziiert, da ebenfalls eine verbale und nonverbale Enthemmtheit vorliegt. Die Komorbidität konnte bisher jedoch nicht ausreichend bestätigt werden (St. Louis und Myers 1995). Ebenso gibt es keine hinreichende Evidenz für die Theorie, dass die Ursache eine Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsschwäche ist (Molt 1996).
Aufgrund der hohen Komorbidität von Poltern und Stottern vermuten einige Experten, dass auch eine gemeinsame Ursache vorliegt bzw. ein Störungsbild das andere mitbedingt (Weiss 1964; Alm 2007).

Erscheinungsbild

Primär genannte Symptome
Sick (2004) unterteilt die Symptome des Poltern:SymptomePolterns in drei Kernbereiche:
  • 1.

    Sprechtempo

  • 2.

    Phonetik

  • 3.

    Unflüssigkeiten

Hinzu kommen die diskutierten Bereiche:
  • 1.

    Sprache

  • 2.

    Pausensetzung

  • 3.

    Prosodie

  • 4.

    Selbstwahrnehmung

Im Folgenden werden die Symptome, die den entsprechenden Kernbereichen zugeordnet werden, kurz dargestellt (Sick 2004).
Sprechtempo: Sprechgeschwindigkeit/Artikulations- oder Sprechrate
Die erhöhte Sprechrate Poltern:Sprechrategilt als eines der Hauptsymptome des Polterns (Myers und Bakker 2014; St. Louis und Schulte 2011; Neumann und Sick 2007; Ward 2007, Goronova 2007; Filatova 2007; St. Louis und Myers 2005). Durch sie werden häufig weitere Poltersymptome ausgelöst, etwa Lautveränderungen (Myers und St. Louis 1986) und unflüssige Äußerungen (Van Zaalen 2009).
Bisher konnte in keiner Studie ein signifikanter Unterschied zwischen der Sprachrate von Polternden und normalen Sprechern festgestellt werden (Kunz 2012; Bakker et al 2010; Van Zaalen 2009). Grund dafür ist die Schwierigkeit, die Sprechrate zu objektivieren und damit messbar zu machen. Sie kann nicht nur anhand produzierter Silben/Min. gemessen werden, sondern setzt sich aus verschiedenen Faktoren zusammen: Myers (1986) weist auf die Mehrdimensionalität der Sprechrate hin, die das Verhältnis zur vorgegebenen Normalgeschwindigkeit und die Fähigkeit, Sprechbewegungen zu sequenzieren sowie Aussagen zu formulieren, miteinschließt.
Die Schwankungen in der Sprechrate sind bei polternden Personen häufiger und unabhängig von kommunikativen Settings zu beobachten (St. Louis und Schulte 2011; Alm 2011; Goranova 2007, Neumann und Sick 2007). Myers (2007) stellte die Schwankungen insbesondere nach inadäquaten Pausen fest. In einer aktuellen Studie (2012) ließen sich durch die Schwankungen der Sprechrate die polternden Personen von der Kontrollgruppe abgrenzen (Kunz 2012).
Phonetik
Sick (2004) Poltern:PhonetikstörungenPhonetikstörungen:Polternführt folgende phonetischen Auffälligkeiten auf:
  • unverständliche Abschnitte (über 1 oder 3 Sek.)

  • Reduktionen (Auslassen von Silben)

  • Elisionen (Auslassen von Lauten)

  • Substitutionen (Lautersetzungen)

  • Metathesis (Lautvertauschungen)

  • Lautveränderungen (Lenisierung/Plosivierung etc.)

Das Symptom Unverständliche Abschnitte über 1 Sek. zeigte sich in einer Studie (Kunz 2012) als das Poltersymptom mit der höchsten Signifikanz im Vergleich zum normalen Sprechen. Alle anderen Symptome konnten in der Studie von Kunz (2012) nicht sicher zwischen polternden Personen und Normalsprechern differenzieren.
Zuvor publizierte Van Zaalen (2009) gegensätzliche Ergebnisse. In ihrer Studie sind unverständliche Abschnitte bei Polternden nicht signifikant häufiger; Polternde zeigten aber signifikant mehr phonetische Auffälligkeiten, die jedoch nicht weiter differenziert wurden.
Da die Gruppe der polternden Sprecher sehr heterogen ist (Bretherton-Furness und Ward 2014), sollten die o. g. Symptome als mögliche Symptome im diagnostischen Prozess weiter berücksichtig werden, bis repräsentative Studien sichere Ergebnisse hierzu liefern können.
Unflüssigkeiten: Typische und atypische Unflüssigkeiten
Sprechunflüssigkeiten:PolternPoltern:SprechunflüssigkeitenUnflüssigkeiten (Sick 2004) lassen sich in zwei Formen unterteilen. Während typische Unflüssigkeiten auch bei Normalsprechen auftreten, treten atypische Unflüssigkeiten beim Stottern auf (Myers et al. 2012).
Typische Unflüssigkeiten:
  • Wortwiederholungen

  • Satzteilwiederholungen

  • Wortabbrüche (mit/ohne Korrektur)

  • Satzabbruch

  • Embolophrasien/Interjektionen

Atypische Unflüssigkeiten zeigen sich durch:
  • Silbenwiederholungen

  • Lautwiederholungen

  • Dehnungen

  • Blockierungen

Beim Poltern treten typische Unflüssigkeiten bedeutend häufiger auf als atypische Unflüssigkeiten (Myers et al 2012; Kunz 2012; Sick 2004; Myers 1996). Auch im Fall der Unflüssigkeiten bringen bisherige Studien gegensätzliche Ergebnisse, sodass dieses Symptom zwischen polternden Personen und Normalsprechern aktuell nicht klar differenzieren kann (Myers et al. 2012; Bakker et al. 2010; Kunz 2012).
Wichtig scheint die Differenzialdiagnostik zu einer möglichen Wortfindungsstörung. Kunz (2012) konnte zeigen, dass polternde Probanden deutlich mehr Wortwiederholungen und Wortabbrüche verwendeten. Beide Symptome treten auch bei einem auffälligen Wortabruf in Erscheinung (Myers und Bradley 1986).
Sprache
Es ist weiterhin unklar, ob die sprachlichen Poltern:sprachliche SymptomeSymptome als Kernsymptome gelten oder den Begleitsymptomen zugeordnet werden sollen (Bretherton-Furness und Ward 2012; Van Zaalen et al. 2011a; Mannhardt 2005; Sick 2004; St.Louis und Myers 1995). Aktuell werden folgende Bereiche in der Diagnostik betrachtet:
  • syntaktisch-morphologische Auffälligkeiten

  • semantisch-lexikalische Auffälligkeiten

  • sprachliche Strukturierung

Sprechpausen
In der Literatur wird häufig Sprechpausen:PolternPoltern:Sprechpausenbeschrieben, dass polternde Personen inadäquate Sprechpausen einsetzen (St. Louis und Schulte 2011; Van Zaalen et al 2007a; Sick 2004). Die auffällige Pausensetzung wird aktuell auch als ein mögliches Symptom in der Definition des Kleinsten gemeinsamen Nenners aufgeführt. Pausensetzungen lassen sich weiter unterscheiden in:
  • Atempausen

  • ungefüllte Pausen

  • gefüllte Pausen (und Interjektionen)

Prosodie
Sick (2004) führt Prosodie:PolternPoltern:Prosodiedie unten aufgeführten Symptome auf prosodischer Ebene in ihrer Diagnostik auf. In der Definition des Kleinsten Gemeinsamen Nenners finden sich diese Symptome ebenfalls wieder:
  • Betonungsfehler

  • Satzmelodie

  • Sprechlautstärke

Die Studienlage bzgl. aller Symptome zeigt die Komplexität und Heterogenität des Störungsbildes. Myers et al. (2012) weisen darauf hin, dass Poltern nicht anhand eines isolierten Symptoms zu identifizieren ist, sondern dass alle Parameter betrachtet werden müssen: Sprechrate, Unverständlichkeit, Prosodie, Artikulation, Flüssigkeit, sprachliche Formulierungen und Pragmatik.
Selbstwahrnehmung
Polternden Personen wird häufig ein Poltern:Selbstwahrnehmungfehlendes Störungsbewusstsein unterstellt (Goronova 2007; Filatova 2007). Es wird jedoch auch beschrieben, dass Polternde durchaus einen Leidensdruck (und damit ein hohes Störungsbewusstein) entwickeln können und aufgrund ihrer Sprechstörung ein geringes Selbstbewusstsein aufweisen, sich missverstanden und inkompetent fühlen (Schulte 2009; Helen 2007; Reichel 2007; Ward 2007b). Somit können durchaus beide Ausprägungen des Störungsbewusstseins beim Poltern auftreten.
Mögliche Begleitstörungen
  • Auffälligkeiten in der Atmung und Stimmgebung, z. B. unrhythmische Atmung Stottern

  • Auffälligkeiten in der Schriftsprache: z. B. Wortfindungsstörungen, Lese-Rechtschreib-Schwäche

  • Artikulationsstörungen

  • Auffälligkeiten in der auditiven Wahrnehmung

  • Aufmerksamkeitsdefizite

  • Lernbehinderung

  • Pragmatik

  • motorische und feinmotorische Defizite

  • Autismus Spektrum Störung

  • Persönlichkeitsmerkmale: Ungeduld, Oberflächlichkeit, Unkontrolliertheit, Hektik. Dieses Begleitssymptom wird jedoch auch sehr kritisch gesehen

Diagnostik

Anamnese
  • Abklärung der Stammdaten, des aktuellen Umfelds (z. B. Kindergarte, Schule, Studium etc.)Polterdiagnostik und weiterer Therapiemaßnahmen oder Förderung

  • kindliche Entwicklung und explizit die Sprachentwicklung

  • Abklärung der Symptomatik sowie der Selbsthilfestrategien (Ressourcen)

  • Sozialverhalten

  • Reaktionen des Umfelds

  • Reaktion des Patienten (Frustration/Sprechängste etc.)

  • Therapiemotivation und Ziele (Partizipation und Teilhabe)

(Sick 2004; Manon Spruit 2015)
Grundlagen zur Diagnostik
Derzeit existiert kein standardisiertes Testverfahren, um Poltern zu diagnostizieren. Es werden die Bereiche aufgeführt, die informell für die Diagnosestellung genutzt werden können. Im diagnostischen Prozess müssen einige Symptome differenziert betrachtet werden, um andere Störungsbilder auszuschließen bzw. aufzudecken.
Bei Kindern beachten, dass die Symptome erst mit 7 J. auftreten. St. Louis et al. (2007) vermuten, dass die Kinder erst in diesem Alter sprachlich komplexeren Anforderungen gegenüberstehen. Van Zaalen et al. (2010) empfehlen deshalb erst ab 8 J. zu diagnostizieren.
Beurteilung der Symptomatik
Im Folgenden werden für mögliche Symptome des Polterns (Kap. 15.2.3) geeignete Untersuchungsverfahren bzw. diagnostische Aufgaben dargestellt. Anschließend erfolgen methodische Hinweise zur Umsetzung der diagnostischen Aufgabenstellungen und eine Auflistung publizierter Diagnostikverfahren.
Untersuchungsverfahren zur Diagnosestellung
  • Sprechtempo: Spontansprachanalyse

  • Phonetik: Spontansprachanalyse, lautes Lesen, phonetische/phonologische Überprüfung, ggf. spezifische phonetische und phonologische Überprüfung

  • Unflüssigkeiten: Spontansprachanalyse, phonetische/phonologische Überprüfung, ggf. Stotterdiagnostik

  • Sprache: Spontansprachanalyse, Nacherzählung, ggf. spezifische Sprachentwicklungsdiagnostik

  • Pausensetzung: Spontansprachanalyse

  • Prosodie: Spontansprachanalyse

  • Sprechkontrolle: Spontansprachanalyse, lautes Lesen, phonetische/phonologische Überprüfung, Nachsprechen von Sätzen

  • Pragmatik: Spontansprachanalyse, spezifische Analyse

  • Selbstwahrnehmung: Selbsteinschätzung des Sprechens und der Kommunikation

  • Bestimmung des Schweregrads: Spontansprachanalyse, Checkliste, Berücksichtigung der Selbstwahrnehmung

Methodische Hinweise zur Umsetzung der Untersuchungsverfahren bzw. diagnostischen Aufgaben
Spontansprachanalyse: Poltern:SpontansprachanalyseHierfür kann das Nacherzählen einer Geschichte, eines Buches oder eines persönlichen Ereignisses genutzt werden. Dabei eine Audio- und Videoaufnahme erstellen. Van Zaalen et al. (2010) empfehlen eine Aufnahme von mind. 10 Min., um das Sprech- und Kommunikationsverhalten umfassend interpretieren zu können. Nach Sick (2004) sollten 2–3 Min. der Spontansprache transkribiert werden, um die Parameter phonetische Auffälligkeiten, Sprechgeschwindigkeit, Unflüssigkeiten, Sprachstörungen, kommunikativ-pragmatische Störungen, prosodische Parameter, Atmung und Stimme zu beurteilen. Zusätzlich empfehlen Van Zaalen et al. (2010) die Pragmatik informell anhand der Spontansprache zu beurteilen.
Lautes Lesen: Poltern:Lesen, lautesSowohl Van Zaalen et al. (2010) als auch Sick (2004) verwenden Leseaufgaben, um Poltern zu diagnostizieren. Es muss sichergestellt werden, dass keine Lese-Rechtschreib-Störung oder Lesedefizite vorliegen (St. Louis und Schulte 2010). Die Überprüfung anhand des Lesens sollte erst bei den Jugendlichen eingesetzt werden. Die Aufgaben werden nach linguistischen und artikulatorischen Parametern im Schweregrad gesteigert. Sick (2004) verwendet hierfür auf Wortebene Items mit Konsonantenverbindungen, die von Ein- bis Sechssilbern gesteigert und anschließend in einem Satz gelesen werden sollen. Es wird ebenfalls ein Lesetext zur Überprüfung der willentlich deutlichen Artikulation verwendet. Van Zaalen et al. (2010) empfehlen eine Passage eines Textes unvorbereitet und anschließend vorbereitet vorlesen zu lassen, um mögliche Verbesserungen feststellen zu können. Sick (2004) verwendet einen weiteren Text, bei dem die Person eine Passage in normaler Geschwindigkeit sowie langsam und schnell lesen soll. Daran kann überprüft werden, ob eine Sprechkontrolle vorhanden ist.
Nacherzählung: Sick (Poltern:Nacherzählung/Nachsprechen2004) nutzt den Lesetext zur willentlichen Artikulation zur Nacherzählung, um die sprachliche Strukturierung und die Textkohäsion zu überprüfen.
Phonetische/phonologische Überprüfung: Bei Kindern eignet sich das Benennen von 1- bis 2-silbigen Wörtern zur Überprüfung der Aussprache. Poltern:phonetische/phonologische ÜberprüfungDas Benennen soll dabei sowohl langsam als auch schnell erfolgen. Sick (2004) schlägt vor, 4 Bilder aus semantisch unterschiedlichen Feldern wiederholt benennen zu lassen. Bei Jugendlichen und Erwachsenen wird empfohlen, von 100 rückwärts zu zählen oder komplexe Wörter 3× hintereinander auszusprechen. Dies sollte sowohl langsam als auch schnell durchgeführt werden (Van Zaalen et al. 2010). Sick empfiehlt die „Orale Diadochokinese“ nach Riley und Riley (1985).
Nachsprechen von Sätzen: Van Zaalen et al. (2011) empfehlen das Nachsprechen von Sätzen, um die auditive Merkspanne zu beurteilen und erhoffen durch die Satzlänge ein verstärktes Auftreten der Symptomatik. Hierbei muss differenzialdiagnostisch bedacht werden, dass das Arbeitsgedächtnis und die Aufmerksamkeit eine wichtige Rolle bei dieser Aufgabenstellung spielen.
  • Kinder (8–9 J.): bis zu 10 Wörter/Satz

  • Kinder (10 J.): bis zu 14 Wörter/Satz

  • Jugendliche und Erwachsene: bis zu 20 Wörter/Satz

Es gibt jedoch keine Angaben über die Silbenanzahl (Van Zaalen et al. 2010).
Anaylse kommunikativ-pragmatischer Fähigkeiten: Sollten die pragmatischen Auffälligkeiten so prägnant sein, Poltern:kommunikativ-pragmatische Fähigkeiten, Analysedass sie therapierelevant erscheinen, kann eine spezifische Analyse genutzt werden. Anhand dieser Analyse können die Auffälligkeiten in folgenden Bereichen differenziert werden: Gesprächseröffnung, Gesprächsthema, Sprecherwechsel, Antwortverhalten, Reperaturverhalten und Verständnissicherung, Soziale Routinen und Realisierung unterschiedlicher Sprechakte (Bitten, Fragen etc.) und Nichtlinguistische Parameter (Sick 2004).
Selbsteinschätzung: Zur Poltern:SelbsteinschätzungSelbsteinschätzung kann die Anamnese oder/und ein spezifischer Fragebogen genutzt werden. Anhand dessen kann neben der Eigenwahrnehmung auch der Leidensdruck ermittelt werden.
Diagnostikverfahren
  • Polterdiagnostik:von Sick bzw. SpruitPolterdiagnostik von Sick (2004)

  • Polterdiagnsotik von Spruit (2015)

  • Poltercheckliste von Daly (2006) Poltercheckliste von Dalyzur Beurteilung des Schweregrades

  • Cluttering Severity Instrument (CSI)Cluttering Severity Instrument (CSI):Poltern von Bakker und Myers (2011) zur Beurteilung des Schweregrades

Differenzialdiagnostik
Aufgrund der noch fehlenden Definition und der hohen Komorbidität mit anderen Störungsbildern, müssen folgende Aspekte differenziert betrachtet werden.
  • Sprechtempo: da noch keine Normwerte vorliegen, ist die Beurteilung des Sprechtempos weiterhin ein informelles Verfahren und sollte nicht isoliert eingesetzt werden, um eine Diagnose zu stellen (Van Zaalen et al. 2010)

  • Phonetik/Phonologie: Überprüfung, ob vorliegende Auffälligkeiten phonemunspezifisch sind, um eine phonetische und phonologische Störung auszuschließen

  • Unflüssigkeiten:

    • bei stottertypischen Symptomen Durchführung einer Stotterdiagnostik (Kap. 15.1)

    • Wort-Satzwiederholungen und -abbrüche können ebenfalls Symptome einer (kindlichen) Wortfindungsstörung sein und sollten nochmals isoliert überprüft werden (Kunz und Beier 2014)

  • lexikalische und morphologische Auffälligkeiten: zeigen sich Auffälligkeiten in diesen Bereichen, muss eine USES ausgeschlossen werden. Dies beinhaltet auch eine differenzierte Diagnostik des Wortabrufs (Kunz und Beier 2014)

Therapie

Mittlerweile existieren einige Therapiekonzepte, in denen die Therapieinhalte ähnlich sind, jedoch anders systematisiert werden oder ihre Gewichtung anders gelagert ist.
Daly und Burnett (1999) nutzen das Prinzip der Sprechkontrolle, durch das der Patient langsamer und kontrollierter sprechen soll. Myers (1992, 2010) hingegen beschrieb einen synergetischen Therapieansatz, in dem die Bereiche Sprechgeschwindigkeit und Rhythmus, Artikulation, Sprache, Sprechkontrolle und Sprechflüssigkeit aufgeführt werden. Die Theorie des Synergetischen Ansatzes besagt, dass die Defizite in einem Bereich die anderen Parameter des Sprechens negativ beeinflussen. Deshalb werden durch spezifische Übungen in einem der o. g. Bereiche auch die anderen Paramater beeinflusst.
Im Folgenden werden einige Therapiekonzepte erläutert, um unterschiedliche Gewichtungen zu veranschaulichen.
Therapiekonzepte zur Behandlung des Polterns
Therapiekonzept nach Ward (2006)
Ward (2006) hat Poltern:Therapiekonzept von Wardein Behandlungsprotokoll erstellt, in dem folgende Punkte hierarchisch aufgeführt werden, das Therapiekonzept ähnelt dem direkten Stottertherapieansatz nach Van Riper (1986):
  • 1.

    Identifikation

  • 2.

    Kontrolle und Selbstwahrnehmung (Videoanalysen, Transkription der Spontansprache, Stressmanagement)

  • 3.

    Modifikation (extrem schnelles Sprechen, Sprechrhythmus)

  • 4.

    Aufrechterhaltung der Sprechflüssigkeit

Therapiebereich Identifikation:
  • Erörterung Therapiemotivation

  • Vereinbarung Therapieziele

  • Erläuterung und Nahebringen des Störungsbildes

Therapiebereich Kontrolle und Selbstwahrnehmung:
  • anhand von Video- und Tonaufnahmen Analyse des Sprechverhaltens und der Fehlerquellen

  • Arbeit am persönlichen Stressmanagement zur Verbesserung der Selbstkontrolle

Therapiebereich Modifikation:
  • Sprechübungen (Kontrastübungen, Sprechrhythmus und Artikulation) Arbeit an Verbesserung der Sprechkontrolle

  • zusätzlich Arbeit an sprachlichen Defiziten, der Narration und Sequenzierung von Informationen

  • auch Übungen in den Bereichen Pragmatik, Entspannung und dem Delayed Auditory Feedback zur Therapiefestigung

Therapiebereich Aufrechterhaltung der Sprechflüssigkeit:
  • Gespräche über mögliche Rückfälle

  • Identifikation der persönlichen Faktoren des Patienten, die Rückfall fördern könnten

Der Kognitiv-Behaviorale Ansatz nach Myers (2011)
In dem Poltern:kognitiv-behavioraler Ansatz nach Myerskognitiv-behavioraler Ansatz nach Myers:PolternTherapiekonzept liegt Therapieschwerpunkt auf Kontrolle der Sprechgeschwindigkeit. Dem Therapiekonzept liegen folgende zwei Konstrukte zugrunde.
Konstrukt 1: Die Behandlung von Poltern kann aus einem systemischen Ansatz betrachtet werden
Anhand des systemischen Ansatzes werden alle wichtigen Parameter des Sprechens und der Sprache als eine gemeinsame Einheit betrachtet. Dieser Gedanke impliziert, dass die Behandlung des Polterns vielfältig, interaktiv und komplex ist. Der Vorteil dieser Methode liegt darin, dass durch die spezifische Arbeit an einem Parameter, die Sprechgeschwindigkeit, die Symptome in den anderen Bereichen sich ebenfalls verbessern sollen.
Konstrukt 2: Die Sprechgeschwindigkeit ist in Bezug auf die persönlichen Enkodierungsfähigkeiten die allumfassende Variable, die die Synchronität und das Zusammenwirken aller Variablen des Kommunikationssystems regelt.
Da in dem Konstrukt die Sprechgeschwindigkeit die Grundlage für das Kommunikationssystem bildet, ist es folglich die Variable, auf der der Therapieschwerpunkt liegt.
Therapiebausteine:
  • das Fundament: Entwicklung eines Metabewusstsein und Verständnis für das Poltern

  • die Dämmung: Entwicklung von Fähigkeiten in den Bereichen der Sprechkontrolle, -mäßigung und -modulation

  • die Tragsäule: die Entwicklung von Kontrolle der Sprechgeschwindigkeit, um die motorischen und linguistischen Elemente der Kommunikation zu unterstützen

Interventionsstrategien für die Poltertherapie nach Lanouette (2011)
In dem Konzept von Poltern:Interventionsstategien nach LanouetteLanouette wird kein Schwerpunkt vorgegeben. Die Therapie soll symptomspezifisch für jeden Patienten erstellt werden.
Als Grundlage dienen die folgenden Bereiche, die aus der Arbeitsdefinition abgeleitet wurden:
  • Kognition (Eigen- und Fremdwahrnehmung, Gedächtnis, Impulsivität)

  • Sprache (gesprochene Sprache und Schriftsprache)

  • Pragmatik (Konversation und nonverbale Kommunikation)

  • Sprechen (Sprechflüssigkeit; Sprechgeschwindigkeit, Prosodie, undeutliche Artikulation)

  • Motorik (motorische Sprechkontrolle, Atmung, Handschrift)

Das Konzept gibt 7 Prinzipien vor, die den Patienten helfen sollen, den Therapieprozess zu verstehen.

Prinzipien der Poltertherapie nach Lanouette (2011)

  • 1.

    Die Therapie soll dem Patienten helfen, flüssig zu sprechen.

  • 2.

    Die Therapie soll dem Patienten helfen, das eigene Polterprofil zu erkennen und zu verstehen.

  • 3.

    Die Therapie soll dem Patienten helfen, sich selbst kontrollieren zu können.

  • 4.

    Jede therapeutische Übungsaufgabe muss mit einer nachvollziehbaren Erklärung beginnen.

  • 5.

    Die Therapie sollte eine klare Routine besitzen und einem strengen Ablauf folgen.

  • 6.

    Die Therapie sollte sich wiederholende Übungen einbeziehen, die in unterschiedliche Therapieaufgaben eingebettet werden.

  • 7.

    In der Therapie sollten die Aufgaben konkret und konzeptbasiert sein.

Mehrdimensionaler, einzelfallorientierter Behandlungsansatz nach Sick (2004)
Das Therapiekonzept basiert ebenfalls auf dem synergetischen Ansatz, in dem jedoch alle Parameter des Poltern:mehrdimensionaler, einzelfallorientierter Behandlungsansatz nach SickPolterns berücksichtigt und entsprechend an den Patienten angepasst werden.
  • Abstimmungen zwischen Patient und Therapeut:

    • Akzeptanz der Rahmenbedingungen

    • Therapieauftrag und gegenseitige Erwartungen

    • Problem- und Bedingungsanalyse

    • Motivation

  • logopädische Beratung:

    • logopädische Kurzberatung nach der Diagnostik

    • Beratung von Angehörigen und Umfeld

  • Verbesserung der Selbstwahrnehmung

  • Verbesserung der Aufmerksamkeit

  • Modifikation des Sprechtempos

  • Reduzierung phonetischer Auffälligkeiten

  • Behandlung von Sprachstörungen

  • Behandlung kommunikativ-pragmatischer Störungen

  • Behandlung von Unflüssigkeiten

  • Arbeit an Sprechpausen

  • Verbesserung der Prosodie

  • Arbeit an Atmung und Stimme

  • Arbeit an auditiven Wahrnehmung und Verarbeitung

  • Veränderung von Persönlichkeit und Einstellung

Die Paradigmen der Poltertherapie
Anhand Poltern:Therapieparadigmender unterschiedlichen Konzepte lassen sich folgende Paradigmen ableiten. In Tab. 15.3 werden diese mit ihren Therapieinhalten und Übungsbeispielen dargestellt.
Therapiewirksamkeit
Bisher liegen keine ausreichenden Ergebnisse aus Studien vor, die die Effektivität der Poltertherapie bzw. eines spezifischen Konzepts belegen. Teilweise liegen Ergebnisse aus Einzelfallstudien vor (Sick 2004; Miyamoto 2011), deren Ergebnisse schwer übertragbar sind. Neben den fehlenden Studien sei auch die fehlende Selbstwahrnehmung der polternden Personen ein Problem, da sie deshalb keine Therapie in Anspruch nehmen (Lanouette 2011).
Selbsthilfegruppen
Mittlerweile gibt es im Internet Foren für betroffene Personen. Die International Cluttering Association (ICA)Poltern:SelbsthilfegruppenInternational Cluttering Association (ICA) hat seit 2007 eine Webseite erstellt auf der sich alle Personen, die sich für das Poltern interessieren, informieren können. Zwar bietet die Webseite keine Gruppenchats an, aber es ist möglich auf dieser Seite Selbsthilfegruppen zu finden. Dies ist für die Betroffenen besonders wichtig, da das Poltern auch heute noch stiefmütterlich behandelt wird (Scaler Scott und St. Louis 2011).

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen