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B978-3-437-44506-4.00022-3

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Aktuelle und zukünftige Forschungsbereiche

Solveig Chilla

Berücksichtigt man individuelle Erwerbsbedingungen und Primärbeeinträchtigungen wie z. B. eine Hörminderung, werden weitere Grenzen von sprachwissenschaftlicher Forschung, Diagnostik und Therapie im mehrsprachigen Kontext sichtbar. Hänel-Faulhaber (Kap. 19) arbeitet heraus, dass es kontrollierter Studien zum Erwerb gleicher Sprachpaare bei Kinder mit CIKindern mit Cochlea-Implantat (CI)Cochlea-Implantat (CI) bedarf. Speziell sollte das Augenmerk hier auf dem LautspracherwerbLautspracherwerb der Muttersprache im Vergleich zur Mehrheitssprache liegen. Weiter fehlen gut kontrollierte Studien zur Lautentwicklung bei bilingual-bimodal aufwachsenden bilingual-bimodal aufwachsende KinderKindern, zum bilingualen Erwerb von zwei oder mehr GebärdenspracheGebärdensprachen, zu den Auswirkungen einer neutralen Sprachberatung auf die Annahme bimodaler Sprachförderprogramme:bimodaleSprachförderprogramme, zur Konzeption und zum Aufbau einer konsequent bimodal-bilingualen Frühförderung:bimodal-bilingualeFrühförderung sowie zur phonologischen und zur morphosyntaktischen Gebärdensprachentwicklung bei bilingual-bimodal aufwachsenden Kindern mit CI. Die Studien würden davon profitieren, wenn ihre Konzeption einen Vergleich zu bilingual aufwachsenden hörenden Kindern und zu bimodal-bilingual aufwachsenden hörenden Kindern ermöglicht.

Darüber hinaus fehlen derzeit sowohl systematische Beschreibungen der bimodal-bilingualen Entwicklung von Kindern ohne Hörbeeinträchtigung, bei denen aber Lautspracherwerbsverzögerungen vorliegen, als auch Untersuchungen zu den Auswirkungen einer bimodal-bilingualen Sprachkompetenz:bimodal-bilingualeSprachkompetenz auf andere Bereiche, etwa visuell-räumliche visuell-räumliche KompetenzKompetenzen.

Hofmann (Kap. 21) stellt für hörende Kinder gehörloser Eltern dar, dass weder der Laut- noch der GebärdenspracherwerbGebärdenspracherwerb in Deutschland bisher detailliert erfasst wurden und zukünftig stärker von der Forschung berücksichtigt werden sollten. Untersuchungen zu den Formen des bilingualen Spracherwerbs (simultan- versus sukzessiv-bilingual) sind dringend notwendig. Dabei dürfen sich die Studien aber nicht ausschließlich auf die frühe Kindheit beziehen. Forschungsvorhaben, die die Sprachentwicklung bis ins Schulalter verfolgen, können vor allem für den bilingualen Spracherwerb wertvolle Erkenntnisse hervorbringen. Entscheidend ist dieser Aspekt auch im Rahmen der lebensweltlichen Zweisprachigkeit und unter Berücksichtigung der Ergebnisse aus Interviews mit erwachsenen Codas (children of deaf adults). Anscheinend erwerben nicht alle CodasCodas die Gebärdensprache auf einem Erstsprachniveau, obwohl sie darin ihre Muttersprache sehen. Hier könnten die Ursachen im Erwerbsverlauf und vor allem im Sprachinput liegen. Da der bilinguale Erwerb von Laut- und Gebärdensprache bei hörenden Codas erst seit kurzem Beachtung findet, wird ein großer Datensatz von Sprachproben benötigt (sowohl hinsichtlich der Quantität als auch der Altersspanne der teilnehmenden Kinder). Für eine umfangreiche Beschreibung der Sprachentwicklung sind insbesondere Langzeitstudien notwendig, in denen ein großer Pool an Spontansprachdaten erhoben, transkribiert und ausgewertet wird. SprachstandserhebungsverfahrenSprachstandserhebungsverfahren lassen nur eingeschränkt Aussagen zu den Erwerbsschritten zu und können daher nur ergänzend eingesetzt werden. Eine Longitudinal- in Verbindung mit einer Querschnittsstudie würde sich aber als nützlich erweisen, da viele Kinder in die Studie einbezogen werden könnten, der zeitliche und finanzielle Aufwand jedoch gering bliebe. Die Befragung der Eltern zum Erwerb der DGS gilt es ebenfalls als Methode zu berücksichtigen. Hier gibt es noch keine Interviewleitfäden. Standardisierte Testverfahren zur Erfassung des Sprachstands monolingualer Kinder müssen hinsichtlich ihrer Anwendbarkeit im Mehrsprachigkeitskontext sorgfältig erwogen werden. Sie eignen sich aber aus ökonomischer Sicht auch für die Forschung (z. B. SETK 3–5, PDSS, TROG-D). SpontansprachprobenSpontansprachproben sollten ausschließlich per Video aufgenommen werden. Die Beschränkung auf Tonaufnahmen bei der Erfassung der Lautsprache führt dazu, dass Effekte des bimodalen Erwerbs (z. B. Code-Switching, Produktion von Gesten vor dem 1. Lebensjahr) verloren gehen. Erfasst werden müssen zudem auch die sprachlichen Kompetenzen bilingualer (bimodaler) Kinder, um ein ganzheitliches Bild generieren zu können (Wahl des SprachmodusSprachmodus nach person-language principle, Code-Switching, Code-Mixing, Code-Blending, deaf-voice). Insbesondere für die Praxis wird durch diese Aspekte eine wertschätzende Beurteilung des Spracherwerbs möglich, damit die Charakteristika bilingual-bimodaler Kinder nicht als Auffälligkeiten missinterpretiert werden. Durch weitläufige Betrachtung des Erwerbskontexts kann der Spracherwerb zu ihm in Beziehung gesetzt werden (z. B. hörende Verwandte, Alter beim Eintritt in die Kita, Geschwisterkonstellation, Eigenschaften des Sprachinputs etc.). In diesem Zusammenhang erweist sich auch die Erforschung des (Gebärden-)GebärdenspracherwerbSpracherwerbs innerhalb einer Geschwisterreihe als interessant.

In Bezug auf die KommunikationssystemeKommunikationssysteme in Familien mit gehörlosen Eltern und hörenden Kindern verweist die deutschsprachige Literatur auf Mischformen beider Sprachmodi. Bisher wurde nicht erfasst, wie diese strukturiert sind. Der Erwerbskontext sollte in jeder Studie zum Spracherwerb bei Codas berücksichtigt werden. Doch auch eigene Forschungsarbeiten sind notwendig, um die Kommunikationssysteme in den Familien detailliert zu erfassen und zu beschreiben, welche Faktoren mit welchem Kommunikationsmodus einhergehen (z. B. Hörstatus der Kinder, Anwesenheit einer hörenden Person).

Derzeit existieren noch keine standardisierten Sprachstandserhebungsverfahren:DGSSprachstandserhebungsverfahren oder detaillierte Kriterien zur Erfassung des Erwerbs der DGS. Hierzu könnten auch Daten aus der Erforschung der Sprachentwicklung bei Codas herangezogen werden. Solche Verfahren sind insbesondere für die Praxis eine wertvolle Ressource. Generell gilt, dass hörende Fachpersonen in der Kommunikation mit Codas die Lautsprache benutzen. Um die Sprachentwicklung von Codas beurteilen und beschreiben zu können, benötigen sie jedoch auch Informationen über den Erwerb der DGS.

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