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B978-3-437-44506-4.00015-6

10.1016/B978-3-437-44506-4.00015-6

978-3-437-44506-4

Dimensionen kultureller Kompetenz

(Pavkovic 1999, zit. nach Westphal 2009: 96)

Tab. 15.1
Dimensionen Beschreibung
Migrationsspezifische Dimension berücksichtigt die gesellschaftliche Dynamik asymmetrischer Beziehungen im Mehrheiten-/Minderheitenverhältnis, die Erfahrung von Diskriminierung und Rassismus, die Motivationen, Formen und Verläufe von Migrationen, die gesellschaftliche Partizipation und Integration sowie Prozesse von Zugehörigkeit und Ausgrenzung
Kulturspezifische Dimension bezieht sich auf relevante Formen der alltäglichen sozialen Praxis, wie soziokulturelle Milieus, soziale Rollen von Frau und Mann, Religion, Sprache, Kommunikationsstile/-formen, Verhältnis zu Zeit, zur Natur, zum Individuum, kulturelle Selbst- und Fremdortungen, veränderte Einwandererkulturen, Jugendkulturen
Psychologische/pädagogische Dimension erfasst psychodynamische Prozesse in zwischenmenschlichen Beziehungen, u. a. Familiendynamiken, geschlechts- und altersspezifische Entwicklungstypien, Stereotypenbildungen, Wirkungen von Vorurteilen, eigene Schulerfahrungen
Soziale/sozialstrukturelle Dimension berücksichtigt den Einfluss der sozialen Lebensbedingungen im konkreten Alltag wie soziale Lage, Wohn- und Einkommensverhältnisse, berufliche Situation, soziale Netze im Lebensumfeld/Stadtteil etc.

Dimensionen für kulturelle Orientierungenkulturelle Orientierungen

(Mayer 2006: 174ff.)

Tab. 15.2
Kulturelle Orientierung Kurzbeschreibung
Zeitkonzepte monochron vs. polychron
Konzentration von Zeit: fest und fließend
Vergangenheits-, Gegenwarts- und Zukunftsorientierung
Raumorientierung Privatheit und Öffentlichkeit
Aktion und Handlungsorientierung Aktivität und Passivität
Sein und Tun
Kommunikation High Context vs. Low Context
direkt vs. indirekt
expressiv/instrumentell
Individualismus vs. Kollektivismus gemeinschafts- bzw. persönlichkeitsorientiert
Universalismus vs. Partikularismus
Denkstile induktives Denken
deduktives Denken
Macht Gleichheit vs. Ungleichheit
Hierarchie und hierarchische Strukturen
Kausalattribution vs. Zuschreibung von Ursachen eigene Leistung
Zufall/Schicksal

Ausgewählte Aspekte kulturspezifischen nonverbalen Kommunikationsverhaltens

Tab. 15.3
Nonverbales Verhalten Besonderheiten
Gestik und Mimik Große Variationsbreite in unterschiedlichen KulturkreisenGefahr der Bildung von Nationalstereotypen: temperamentvolle, stark gestikulierende Südeuropäer vs. unterkühlte, starre NordeuropäerMimik gilt als Anzeichen von Gemütsverfassungen und spiegelt die Einstellung zum Gegenüber wider (Heringer 2004), neutral wirkende Mimik ist kulturspezifisch geprägtLächeln kann leicht Missverständnisse auslösen, weil es kulturspezifisch divergierende Bedeutungen hat; im westlichen Kulturkreis etwa gilt Lächeln als Ausdruck von Freude, in vielen asiatischen Ländern als Ausdruck von Scham und Befangenheit (Guirdham 1999)
Blickkontakt Prägt die Gesprächsatmosphäre nachhaltig, weil Sympathie und Antipathie sowie Zuneigung, Misstrauen und Einverständnis deutlich markiert werden könnenDauer und Intensität hängen von Kulturspezifika und der Beziehung zwischen Gesprächspartnerinnen ab:
  • In westlichen Kulturkreisen ist zwischen Fremden ein flüchtiger Blickkontakt üblich, „Anstarren“ gilt als unfreundlich; Blickkontakt ist grundsätzlich aber positiv besetzt, er gilt als Indikator für Aufrichtigkeit

  • Viele asiatische Kulturen fassen Blickkontakt als eher unhöflich auf, als Verletzung der Privatsphäre (Beamer & Varner 2001)

  • Im arabischen Kulturkreis ist tendenziell ein intensiverer Blickkontakt festzustellen zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern, zwischen Frauen und Männern hingegen ist Blickkontakt negativ sanktioniert (Erll & Gymnich 2011)

Proxemik Der von Gesprächspartnerinnen als angemessen und angenehm empfundene Raumabstand variiert kulturspezifisch erheblich:In eher kollektivistischen Gesellschaften Lateinamerikas, Afrikas, des Vorderen Orients, Indiens und Pakistans sind die Abstände eher geringer als in stark individualisierten Gesellschaften wie USA, Deutschland oder Japan (Lüsebrink 2005)
Haptik Das Berührungsverhalten der Gesprächspartnerinnen hängt vor allem vom Geschlecht und den Beziehungen zueinander ab:
  • In Deutschland sind im öffentlichen Raum weitaus mehr Berührungen zwischen Männern und Frauen erlaubt als in anderen Kulturkreisen üblich

  • In asiatischen Kulturkreisen ist das Berühren des Kopfes als Sitz des Geistes eher ein Tabu (Erll & Gymnich 2011)

  • Händedruck als Begrüßungsgeste wird in manchen Ländern als völlig unüblich, als Eindringen in die Privatsphäre verstanden; er variiert hinsichtlich seiner Intensität stark

Beratungsmethoden in der Übersicht

Tab. 15.4
Interventionsstrategien in Therapie und Beratung Methoden Beschreibung
Unterbrechen von Handlungsketten Neue Fragestellungen formulieren, Ausnahmen finden, Skalierungsfragen stellen, z. B. „Wie hoch schätzen Sie das Problem des Stotterns Ihres Kindes auf einer Skala von 1–10 ein?“Reframing: positives Umformulieren Starre und wiederkehrende Denk- und Handlungsmuster sollen „aufgeweicht“ und infrage gestellt werden.Im Beratungsprozess eignet sich das Reframing besonders gut: Durch positives Umdeuten werden festgefahrene Sichtweisen oder Positionen infrage gestellt und verändern sich.
Vereinfachen Ratsuchenden helfen, sich abzugrenzen, auszuwählen, zu strukturieren. Manche Ratsuchende können Inhalte evtl. besser über Symbole beschreiben und wiedergeben. Komplexe Situationsbeschreibungen und Probleme werden in lösbare kleinschrittige Aufgaben aufgeteilt.
Konfrontieren Ratsuchende mit ihren Problemen konfrontieren, Diskrepanzen zwischen Verhalten und Erzähltem ansprechen (verbales Spiegeln) Vermeidungsverhalten soll verhindert werden. Die Beraterin macht z. B. darauf aufmerksam, dass der Ratsuchende die Hand zur Faust geballt hat, während er erzählt, er sei bei einem Ereignis ganz entspannt gewesen.
Selbstaktivieren Aufgaben zur Selbstbeobachtung und -beurteilung im Alltag stellen, z. B. auch als kleine Hausaufgaben Die Ratsuchenden sollen sich stärker an der Problembewältigung beteiligen.
Attribuieren Die Beraterin formuliert ihre Hypothese und die Ratsuchende kann sie annehmen oder ablehnen. Es werden Erklärungen für unverstandene Konflikte und Probleme angeboten.
Rückmelden Bei einem Rollentausch kann die Beraterin eine ihr von der Ratsuchenden zugewiesene Rolle einnehmen und im Anschluss eine Rückmeldung über ihre Empfindungen und ihr Erleben geben. Die Ratsuchende erhält dadurch eine Rückmeldung über sich, über ihr Verhalten und ihre Beziehungskonstellationen.

Elternberatung

Sandra Niebuhr-Siebert

Einleitung

ElternberatungEltern in sprachtherapeutischen Kontexten zu begleiten, sie zu informieren und zu beraten, gehört zu den Aufgaben von Therapeutinnen und trägt wesentlich dazu bei, wirksam und nachhaltig intervenieren zu können. Eltern sind in BeratungskontexteBeratungskontexten diejenigen, die vor allem für ihre Kinder, und somit weniger für sich selbst, Entscheidungen treffen müssen und deshalb BeratungsgesprächBeratungsgespräche aufsuchen bzw. empfohlen bekommen. Das Besondere an Beratungssituationen mit Eltern ist, dass sie lediglich mittelbar von der Störung oder Behinderung ihres Kindes betroffen sind. Im Mittelpunkt steht das Kind mit seinen Entwicklungs- und Fördermöglichkeiten. Deshalb werden Eltern nicht als Hauptpersonen wahrgenommen und nehmen sich häufig auch nicht als solche wahr. Trotzdem müssen sie Beratung und Hilfe erhalten, um den „richtigen“ Weg mit ihrem Kind gehen zu können. Das gilt in gleicher Weise für Eltern, die eine andere Muttersprache sprechen als Deutsch.
Das folgende Kapitel widmet sich einführenden Fragen danach, was Beratung ist, welche Ziele mit der Beratung verfolgt und wie Gesprächssituationen aufgebaut werden können. Es wird insbesondere danach gefragt, welche möglichen, jedoch nicht zwingend notwendigen Besonderheiten in Beratungskontexten zu berücksichtigen sind, in denen Eltern eine andere Muttersprache als Deutsch sprechen und/oder andere kulturelle Hintergründe und Verständnisse, vielleicht auch Erwartungen mitbringen, und wie Beratende mit eventuell entstehenden interkulturellen Schwierigkeiten umgehen können.
Eltern, die eine andere Sprache als Deutsch sprechen und/oder andere kulturelle Kontexte gewohnt sind, bilden in Bezug auf ihre Nationalität, ihren sozioökonomischen Status und ihre ethnische sowie religiöse Zugehörigkeit eine heterogene Gruppe. Wie im monolingualen Kontext lassen sich kaum Kriterien anführen, die auf alle Eltern gleichermaßen zutreffen. Wie in wohl jeder Elterngruppe variiert die Vertrautheit mit dem staatlichen Bildungs- und Gesundheitssystem erheblich, ebenso wie das jeweilige Verhalten. Trotz dieser Vielfalt geht das Etikett „Migration“ oder „Migrationshintergrund“ mit defizitorientierten und paternalistischen Vorurteilen einher, die einer guten Zusammenarbeit im Wege stehen können. Deshalb ist es für Therapierende wichtig, sich eigener Urteile und Vorurteile bewusst zu werden, um eine professionelle offene Haltung gegenüber Verschiedenheit und Fremdheit zu erlangen bzw. immer wieder erneut darum zu ringen.

Eltern, die eine andere Sprache als Deutsch sprechen und/oder in anderen kulturellen Kontexten sozialisiert wurden und werden, sind in Bezug auf ihre Nationalität, ihren sozioökonomischen Status und ihre ethnischen sowie religiösen Zugehörigkeiten eine sehr heterogene Gruppe.

Interkulturalität im Beratungskontext

In allen interkulturellen interkulturelle KontexteKontexten geht es um den Umgang mit kultureller kulturelle DifferenzDifferenz und kulturelle GemeinsamkeitGemeinsamkeit, mit Anders-, Fremd- oder Beratungskontexte:Umgang mit Anders-, Fremd- oder GleichheitGleichheit. „Dieser Umgang wird in anerkennender, respektierender und verstehender Weise gedacht. Das Leitmotiv der Anerkennung von Differenz wendet sich normativ ausdrücklich gegen hegemoniale kulturelle Homogenitätsvorstellungen“ (Westphal 2009: 90). Interkulturelle Kompetenzentwicklung sollte in pädagogisch-therapeutischen Kontexten zur Differenzierung von Selbst- und Fremdverständnissen beitragen (Hamburger 2000). Diskurse über interkulturelle Kompetenzen beziehen sich auf
Mit dem Begriff „interkulturell“ bezeichnet Mecheril (2004: 298) „Situationen, in denen unterschiedliche kollektive (Imaginations-1

1

Mit kultureller Imagination meint Mecheril Bilder, „in denen […] zwischen ‚Wir‘ und ‚Nicht-wir‘ unterschieden wird“ (2004: 297). An anderer Stelle beschreibt er Imaginationen als Versuch, „die Undefinierbarkeit der definierenden Zugehörigkeit zu heilen. In kulturellen Imaginationen aktualisieren sich Bilder, die in kollektiven Praxen und Wissensbeständen gepflegt, entwickelt und reproduziert werden und in die Individuen verstrickt sind“ (2004: 297).

)Praxen der Differenz und Ungleichheit miteinander in Kontakt kommen, wobei dieser Kontakt immer in einem konkreten sozialen Raum stattfindet und somit nicht ‚frei‘, sondern vom Kontext der Begegnung präformiert ist“.
Beratungstätigkeit sollte in zweierlei Hinsicht die interkulturelle Dimension berücksichtigen, zum einen immer dann, wenn interkulturelle Themen im Beratungsgespräch:interkulturelle DimensionBeratungsgespräch aufkommen, z. B. über kulturelle Praxen der Differenz gesprochen wird, zum anderen, wenn Beratung in einer als interkulturell bezeichenbaren Kommunikationssituation stattfindet, „wenn also die an der Beratungssituation beteiligten Akteure sich in einer für den Beratungsvorgang relevanten Weise unterschiedlichen kulturellen Unterscheidungspraxen zuordnen“ (Mecheril 2004: 298).
Ob es sich um eine Beratung handelt, die auf die Einbeziehung der interkulturellen interkulturelle Dimension:BeratungDimension angewiesen ist, bedarf eines Deutungsprozesses sowohl auf Seiten der Beraterin als auch auf Seiten der Klientin. Professionelles interkulturelles Handeln bedeutet in diesem Zusammenhang „anzugeben, inwiefern es angemessen ist, eine Beratungssituation im Hinblick auf die Differenz der beteiligten Akteure oder die thematisierten Inhalte als ‚interkulturell‘ zu bezeichnen“ (Mercheril 2004: 298f.; vgl. auch Krüger-Potratz 1999).

Beispiele

Fragen im Beratungsraum

  • Führt die einbezogene Dimension der Interkulturalität tatsächlich zu einer Aufklärung von Schwierigkeiten in Beratungsprozessen?

  • Inwieweit wird die interkulturelle Dimension überdeutet und verdeckt somit weitere Perspektiven auf Differenzen wie z. B. die Zugehörigkeit zu einer Klasse, zu einem Geschlecht, zur Sexualität oder zum Alter?

Der Versuch, professionell mit dem Anderen, dem Fremden umzugehen, kann zu Unsicherheiten führen. Betont wird zunächst immer wieder die Fähigkeit, Fremdheit reflexiv offen und sensibel zu entgegnen. Wie aber lässt sich das Paradox auflösen, eine kulturell sensible, empathische und das Fremde verstehende Einstellung als angemessene professionelle Reaktion anzuerkennen und einzufordern, wo doch der Andere gerade different und eben nicht verstehbar ist, empathische Fähigkeiten also per Definition ihre Grenze haben? Wulff (1999) betont, dass es nicht darum gehen könne, den Anderen zu verstehen, sondern darum gehen müsse, die Einsicht zu erlangen, dass der Andere nicht zu verstehen sei. Um dieses Dilemma aufzuheben, legt Mercheril als allgemeines Ziel psychosozialer Beratung „Anerkennungshandeln“ im Kontinuum von Verstehen und Nichtverstehen festlegt. Anerkennung umfasst dabei zwei Momente: „Identifikation“ und „Achtung“. „An-Erkennung beschreibt [demnach] eine Art von Achtung, die auf einem Erkennen gründet. Um jemanden zu achten, ist es notwendig, ihn und sie zunächst erkannt zu haben“ (Mercheril 2004: 300).
Folgende vier Dimensionen kultureller kulturelle Kompetenz:DimensionenKompetenz – migrationsspezifisch, kulturspezifisch, psychologisch sowie sozial und sozialstrukturell – (Tab. 15.1) können bei entsprechender Beachtung und Berücksichtigung in reflexiv-analytischen, professionell handelnden Prozessen hilfreiche Unterstützung bieten.
Für das therapeutische Beratungshandeln nutzbar ist ebenfalls der Begriff der Kultursensibilität:in Diagnostik und TherapieKultursensibilität von Schlegel (2009). Gemeint ist damit eine unvoreingenommene Haltung in Diagnostik und Therapie gegenüber fremden Ritualen, Gewohnheiten und Einstellungen. Dabei geht es sowohl darum, eigene Einstellungen zu hinterfragen, als auch darum, sich auf andere Kulturen einzulassen und Gemeinsamkeiten auszuloten, auf denen eine vertrauensvolle Zusammenarbeit fußen kann.

Beratung

BeratungBeratung ist eine (meist) freiwillige, eher kurzfristige, soziale Interaktion zwischen mindestens zwei Personen (Sickendick et al. 2008). Allerdings gibt es auch BeratungskontexteBeratungskontexte, in die sich Ratsuchende nicht ganz freiwillig begeben, sondern die ihnen „anempfohlen“ wurden. Bei ihnen sollte im gemeinsamen Gespräch zunächst herausgefunden werden, welche Chancen eine gelungene Beratung bieten kann, um auf diese Weise ein kooperatives Miteinander aufzubauen.
Durch eine Beratung soll sich die Entscheidungs- und nachfolgend auch die Handlungssicherheit zur Bewältigung eines aktuellen Problems erhöhen. Um dieses Ziel zu erreichen, werden in Beratungskontexten entweder Informationen neu vermittelt oder bereits vorhandene Informationen neu strukturiert und neu bewertet (Schwarzer & Posse 2005).
In der Fachliteratur wird grundsätzlich zwischen Expertinnenberatung oder -information und Prozessberatung unterschieden (vgl. Willmann & Hüper 2004):
  • In der InformationsberatungInformationsberatung gibt der Berater oder die Beraterin sein oder ihr Wissen weiter.

  • In der ProzessberatungProzessberatung kann nur der Ratsuchende selbst die Neustrukturierung und Neubewertung vorhandener Informationen vornehmen. Somit hat die Beraterin hier eine prozessbegleitende Rolle.

Zwischen Expertinnen- und Prozessberatung besteht grundsätzlich aber nur eine idealtypische Trennung, die vorwiegend analytischen Zwecken dient. In der Realität sind beide Formen miteinander gekoppelt. Auch in der Beratung von Elternberatung:als Informations- und ProzessberatungEltern, deren Kinder Sprach-, Sprech- oder Stimmstörungen haben, gibt es selbstverständlich beide Anteile. Eltern kommen mit drängenden konkreten Fragen und auch diffusen Ängsten. Sie wollen in Erfahrung bringen, wie sich die Störung auswirkt, Verhaltensweisen hinterfragen, Möglichkeiten der Förderung kennenlernen, sich von Schuldgefühlen entlasten, Kummer loswerden, Traurigkeit und Hoffnung teilen. Sie wollen mehr über die Bedingungen und Ursachen erfahren. Eltern kommen in Extremsituationen und stehen möglicherweise am Anfang eines Prozesses, in dem sie lernen müssen, neue Lebensumstände zu akzeptieren und zu verarbeiten.

Beratungsbeziehung, Mehrsprachigkeit und kulturelle Vielfalt

Die Beratung:und MehrsprachigkeitBeratungsbeziehung ist entscheidend für einen erfolgreichen Beratungsprozess (vgl. Sickendiek et al. 2008). Blickenstorfer (2009) weist zu Recht darauf hin, dass im Kontakt mit zugewanderten Familien teilweise sprachliche wie kulturelle Hindernisse überwunden werden müssen. In solchen Fällen können Vermittlungspersonen:mehrsprachige BeratungVermittlungspersonen hilfreich sein, z. B. Kolleginnen oder Personen aus dem Bekannten- bzw. Verwandtschaftskreis von Eltern. Im besten Fall leisten Vermittlungspersonen nicht nur sprachlich Übersetzungsdienste, sondern können auch über soziokulturelle Unterschiede aufklären.

Mögliche Anforderungen an Vermittlungspersonen

  • Sie beherrschen beide Sprachen und können in beide Richtungen kompetent übersetzen.

  • Sie kennen die Lebenssituation von Angehörigen der Sprachgruppen, für die sie agieren.

  • Sie sind sich der unterschiedlichen persönlichen, familiären und kulturellen Hintergründe von Einheimischen und Eingewanderten – wie innerhalb beider Gruppen – bewusst.

  • Sie kennen das Bildungssystem (und auch Gesundheitssystem) hier und im u. U. relevanten Herkunftsland.

  • Sie kennen die hiesigen Institutionen, besonders im Sozialbereich.

  • Sie sind pädagogisch ausgebildet oder verfügen sonst über entsprechende Kenntnisse.

  • Sie genießen das Vertrauen der Schule oder einer anderen Bildungseinrichtung, wie z. B. des Kindergartens, und gleichzeitig auch das Vertrauen der Eltern mit Migrationsgeschichte.

  • Sie können sich in die Rolle der Eltern und der/des Therapierenden gleichermaßen hineinversetzen.

  • Sie sind verschwiegen.

  • Sie wohnen in der Gemeinde oder Region.

(nach Kroffke & Meyer 2008; zit. in Blickenstorfer 2009: 72)
Die Gestaltung der Beziehung zu Ratsuchenden spielt im Therapieprozess eine wichtige Rolle. Von Beginn an ist eine wertschätzende, mitfühlende und offene Einstellung gegenüber den Ratsuchenden geboten.
Mayer (2006) schlägt für therapeutische Beratungskontexte:kulturelle OrientierungenBeratungskontexte kulturelle Orientierungskriterien vor. Darunter versteht sie übergreifende Wahrnehmungs- und Handlungsmuster, die von den Angehörigen oder Subgruppen einer Metakultur konstruiert, verändert und weitergegeben werden. Bevor einzelne Dimensionen herausgegriffen und genauer erklärt werden, sind sie nachfolgend in einem Überblick (Tab. 15.2) zusammengefasst.
Zeitkonzepte: Der Umgang mit Zeitkonzepten kann recht unterschiedlich sein (Hall 1990). Menschen mit monochronem (eindimensionalem) Zeitverständnis erledigen ihre Aufgaben eher nach einem strikten Ablaufplan, d. h. eine Aufgabe nach der anderen. Polychron denkende Personen erledigen Aufgaben eher gleichzeitig. Feste oder fließende Zeitkonzepte beschreiben die unterschiedliche Auffassung, dass Zeitabläufe entweder gleichmäßig oder abhängig von Ereignissen einmal schneller und einmal langsamer sein können. Auch Pünktlichkeit muss nicht in allen Kulturen gleich hoch bewertet werden, sodass zu spät Kommende nicht zwangsläufig als unzuverlässig und desinteressiert wahrgenommen werden sollten.
Raumorientierung: Das Bedürfnis nach Raum kann kulturbedingt verschieden konventionalisiert sein. Unterschiede zeigen sich (vgl. Mayer & Boness 2004) etwa beim persönlichen Raumbedarf, der bevorzugten Körperdistanz, der räumlichen Positionierung in Gruppen, dem physikalischen Raum, der als privat oder öffentlich gilt, und den Verhaltensregeln, die in den Sphären des Privaten und des Öffentlichen anerkannt sind. Hier kann die Beraterin behutsam herausfinden, wie Privatheit definiert ist. Wer z. B. gehört alles zum Freundeskreis? Wo beginnt der öffentliche Raum? Wird die Beratungssitzung eher als öffentlich oder als privat verstanden? Mit welchen Erwartungen und Einstellungen ist die entsprechende Raumorientierung verbunden?
Aktion und Handlungsorientierung: In manchen Kulturkreisen gelten aktives Handeln, Leistung und Zielerreichung als erstrebenswert; dies trägt zur persönlichen Zufriedenheit und zur kollektiven Akzeptanz bei. In anderen Kulturkreisen liegt die Betonung auf Sein und Leben. Hier kann auch Passivität akzeptiert sein und persönliche Zufriedenheit erzeugen.
Kommunikation: Hinsichtlich des Kommunikationsverständnisses lassen sich „High & Low Context Cultures“ unterscheiden (Hall 1959). Werden zunächst viele Informationen eingeholt, bevor Entscheidungen gefällt und Vereinbarungen getroffen werden, handelt es sich um eine High-Context-Kommunikation. Neben sprachlichen werden auch Informationen wie Stimmungslage, Körpersprache, Gesichtsausdruck und Augenkontakte interpretiert und einbezogen. Deshalb neigen Menschen in einer High Context Culture dazu, Konfliktthemen in Kommunikationssituationen eher in einen Informationsaustausch einzubetten. In einer Low Context Culture ist dagegen nur ein absolutes Minimum an persönlichem Kontext nötig, um Sachkonflikte zu lösen. Emotionale Signale oder Äußerungen werden häufig ignoriert. Entscheidend ist, alle sachrelevanten Informationen zu berücksichtigen. In Beratungssituationen ist damit zu rechnen, dass High-Context-orientierte Personen Konflikte möglichst beziehungsorientiert – unter Einbeziehung von Metaphern, sprachlichen Exkursen und persönlichen Bezügen – lösen wollen und dabei wenige Regularien benötigen, während in Low-Context-Kommunikationsstrukturen Gespräche eher direkt geführt und Konflikte dabei depersonalisiert werden.
Eine weitere wichtige kulturelle Orientierung stellt der (direkte bzw. indirekte) Beratung:KommunikationsstilKommunikationsstil dar, z. B. wie Kritik geäußert wird und ob es überhaupt üblich ist, Kritik zu äußern. So kann sich z. B. aus Höflichkeit ein „klares Nein“ verbieten. Außerdem ist von Bedeutung, ob eher formelle (geschäftliche und soziale Etikette) oder informelle Kommunikationskanäle genutzt werden.
Individualismus vs. Kollektivismus: In kollektiven Orientierungen werden die Interessen des Einzelnen denen des Kollektivs untergeordnet. Das „Wir“ hat vor dem „Ich“ Vorrang. In individualistischen Orientierungen geht das „Ich“ gegenüber dem „Wir“ vor. Außerdem kann zwischen universalistischen und partikularen Ansätzen unterschieden werden. Universalistische Orientierungen betonen die Anwendung von allgemeingültigen Regeln, Strategien und Methoden. Partikulare Orientierungen heben Einzigartigkeit und Unterschiedlichkeit hervor.

Gesprächsführung und Herausforderungen interkultureller Kommunikation

Zu den GesprächsführungPhasen eines Beratungsgespräch:PhasenBeratungsgespräches zählen die Themenklärung, die Problembeschreibung, die Zielformulierung und die Lösungsfindung oder Gesprächsreflexion (vgl. auch Niebuhr-Siebert & Wenger 2012).
  • 1.

    Bei der Themenklärung ist zu beachten, dass Themen entweder von der Beraterin oder von der Klientin intendiert sein können oder dass Themen im Beratungsprozess selbst entstehen, denen dann ggf. ungeplant Raum gegeben werden muss.

  • 2.

    Um Probleme genauer beschreiben zu können, sollte gefragt werden, wer alles beteiligt ist oder war, wann und wo ein Problem auftrat bzw. auftritt und wie Beteiligte reagieren bzw. reagiert haben.

  • 3.

    Erst die konkrete Zielformulierung ermöglicht eine konkrete Lösung, deren Beschreibbarkeit und Bewertung.

Ziele gut zu formulieren bedeutet, sich aus einer als problematisch empfundenen Gegenwart in eine sich positiv anfühlende Zukunft hineinzudenken.

  • 4.

    Für eine Lösungsfindung hilft es nachzufragen, ob in der mittelbaren Vergangenheit bestimmte Versuche schon erfolgreich verliefen. In einer anschließenden Reflexion sollten neue Erfahrungen und gefundene Lösungen bewertet werden. Fällt die Bewertung eher negativ aus, sollten die Ziele konkreter und kleinschrittiger entwickelt werden. Eventuell wird es sogar notwendig sein, Probleme und Anliegen neu zu formulieren.

Eine gute Gesprächsvorbereitung sollte äußere und innere Aspekte berücksichtigen. Die äußere Vorbereitung betrifft die Themen, die innere die eigene Befindlichkeit und die Einstellungen. Vor schwierigen Gesprächen hilft es, einen „inneren Film“ ablaufen zu lassen, d. h. sich die bevorstehende Situation gedanklich vorzustellen, sie durchzuspielen. Das gibt Sicherheit und ermöglicht das Überdenken von Einstellungen, das Erfühlen und Kontrollieren von Gefühlen und Handlungen (vgl. Büttner & Quindel 2005).
Gesprächsbausteine können dazu beitragen, wichtige Aspekte im Gespräch aufzugreifen und zu formulieren, ohne dabei den persönlichen Beratungsstil „außen vor“ zu lassen. Solche Gesprächsbausteine sind: (1) Beziehung aufbauen, (2) Emotionen aufgreifen, (3) Informationen übermitteln, (4) Lösungen finden und (5) Konflikte meistern (ausführlich dazu Büttner & Quindel 2005, vgl. Niebuhr-Siebert & Wenger 2012).
Besondere Herausforderungen in Beratungsgespräch:HerausforderungenBeratungsgesprächen können z. B. der Erstkontakt, ununterbrochenes Reden, Gefühlsausbrüche, überzogene Erwartungen, besonders distanzierte Eltern oder auch Schuldgefühle der Eltern darstellen (Büttner & Quindel 2005).
Erstkontakt: Im Erstgespräch sind manche Klientinnen noch unschlüssig, ob sie überhaupt Beratungsleistungen in Anspruch nehmen wollen. Die Beraterin kann diesen Entscheidungsvorgang mit ihrem Verhalten:günstiges/ungünstiges in BeratungskontextenVerhalten positiv (günstig) oder eher negativ (ungünstig) beeinflussen. Mögliche Verhaltensweisen der Beraterin sind nachfolgend für einige schwierige Situationen gegenübergestellt.
Günstiges Verhalten
  • aktiv zuhören

  • Wertschätzung bisheriger Bemühungen

  • Kompetenz der Klientin hervorheben

  • Beziehungsseite ansprechen, z. B. bei Verunsicherung oder Unschlüssigkeit

  • Verbalisieren emotionaler Erlebnisinhalte

  • Auftragsklärung

Ungünstiges Verhalten
  • begründen, argumentieren

  • nur auf der Sachebene bleiben

  • sich rechtfertigen

  • Druck aufbauen

  • überreden

Ununterbrochen Reden: Insbesondere zu Beginn einer Beratung kann das Bedürfnis nach Erzählen bei einer Klientin besonders groß sein. Auch hier kann die Beraterin sich günstig oder eher ungünstig verhalten, indem sie zu zeitintensives Reden zulässt.
Günstiges Verhalten
  • klare Grenzen ziehen

  • den roten Faden beibehalten

  • zusammenfassen

  • Rahmen der Beratung deutlich machen

Ungünstiges Verhalten
  • Emotionen aufgreifen, wenn ein Thema nicht vertieft werden soll

  • unklare Gesprächsziele, unklare Grenzen

  • uneindeutiger Rahmen

  • Grenzüberschreitung, z. B. zeitliches Überziehen zulassen

Gefühlsausbrüche: Sie erfordern viel Feingefühl. Intensive Gefühlsausbrüche können heftiges Weinen oder sogar Wut sein.
  • Bei Weinen

Günstiges Verhalten
  • Empathie

  • Pausen aushalten

  • Verbalisieren emotionaler Erlebnisinhalte

  • annehmender Trost

  • dem emotionalen Thema Raum geben

Ungünstiges Verhalten
  • keinen Raum/keine Pausen lassen

  • trösten, um zu beschwichtigen

  • ablenken

  • schnell zur „Tagesordnung“ übergehen

  • Bei Wut

Günstiges Verhalten
  • Übertragung bewusstmachen

  • Emotionen ansprechen

  • Bedürfnisse des anderen akzeptieren

  • unterschiedliche Positionen deutlich machen

  • Metaebene einnehmen

Ungünstiges Verhalten
  • Reaktionen auf Übertragung bleiben unbewusst

  • Emotionen

  • beschwichtigen und rechtfertigen

  • Scheinargumente

  • Diskussion

Überzogene Erwartungen in Beratungskontexten basieren häufig auf einer starken Ausrichtung am Leistungsprinzip. Erwartet werden oftmals Ratschläge, deren Befolgung schnellen Erfolg verheißt. Günstig ist es, wenn die Beraterin diese Erwartungshaltung verbalisieren kann, z. B. in Form einer Frage: „Sie erwarten von mir, dass ich Ihnen Ratschläge gebe?“ Oder die Mutter könnte als Expertin befragt werden: „Wie sehen Sie diese Angelegenheit? Hatten Sie mit so einem Vorgehen in der Vergangenheit schon einmal Erfolg?“
Distanziertheit oder Schuldgefühle: Sind Eltern besonders distanziert, kann es helfen, wenn sich die Beraterin selbst als Modell öffnet: „Finden Sie die Situation auch gerade sehr anstrengend?“ Auf der Metaebene könnte sie die Situation wie folgt verbalisieren: „Das Gespräch wirkt auf mich sehr schleppend und zäh“. Kommen Eltern mit Schuldgefühlen zum Beratungsgespräch, ist es wichtig, diese Gefühle nicht zu übergehen, sondern zu paraphrasieren oder zu verbalisieren. Neben einer wertschätzenden Haltung den Gefühlen gegenüber hilft es in der Situation, positive Ziele für die Gegenwart und die Zukunft zu formulieren (vgl. Büttner & Quindel 2005).
Weitere Schwierigkeiten
In der interkulturellen Kommunikationssituation sollten Authentizität und Wahrhaftigkeit bewahrt bleiben. Auch das Gegenüber weiß, dass interkulturelle Hürden entstehen können, denen reflektiert und wohlgesonnen gegenübergetreten werden kann. Der nachfolgende Versuch, auf interkulturelle Hürden in Beratungsgesprächen aufmerksam zu machen, birgt gleichzeitig die Gefahr, kulturelle Stereotype, die zu voreiligen Schlussfolgerungen führen können, überhaupt erst auf's Tapet zu bringen. Zu den bereits genannten Situationen können noch Schwierigkeiten in der interkulturellen interkulturelle Kommunikation:Hürden/SchwierigkeitenKommunikation hinzukommen, die verschiedene Gesprächsebenen betreffen: (1) die Ebene der sprachlichen Kompetenz, (2) die Inhaltsebene, (3) die Beziehungsebene und (4) die Ebene der nonverbalen Kommunikation.
  • 1.

    Die häufigste Schwierigkeit stellt die Kommunikationshürde bei begrenztem sprachlichem Repertoire dar, wenn nicht alles in der gewünschten Nuancierung ausgedrückt werden kann. Zudem entgehen auch Empfängerinnen manchmal Feinheiten einer Botschaft (vgl. Guirdham 1999). So werden z. B. Ironie oder Nuancen unterschiedlicher Varietäten evtl. nur eingeschränkt verstanden.

Beispiele

Typische Probleme je nach Gesprächskonstellation

Verschiedene Gesprächskonstellationen können unterschiedliche, typische Probleme nach sich ziehen (vgl. Erll & Gymnich 2011).
  • In Konstellation 1 etwa verfügen beide Sprecherinnen nicht über eine gemeinsame Muttersprache und müssen sich deshalb in einer Fremdsprache verständigen. KommunikationsschwierigkeitenBeratungsgespräch:KommunikationsschwierigkeitenKommunikationsschwierigkeiten entstehen hier z. B. aufgrund eines zu geringen Wortschatzes, durch Fehler in der Grammatik und in der Aussprache. Trotzdem dürfte diese Konstellation beide für die Kommunikationsprobleme sensibilisieren und ihre Toleranz gegenüber Ausdrucksschwierigkeiten erhöhen.

  • Deutlich schwieriger ist Konstellation 2, in der eine Sprecherin über muttersprachliche Kompetenz und die andere nur über begrenzte Zweitsprachenkenntnisse in der Kommunikationssprache verfügt. Damit sind der zweiten Sprecherin Grenzen in der Ausdrucksfähigkeit gesetzt. Hier ist von der ersten Sprecherin besondere Sensibilität gefordert, weil sie auf das sprachliche Niveau der anderen eingehen kann.

  • In Konstellation 3 bedienen sich beide Sprecherinnen lediglich unterschiedlicher Varietäten, was aber ebenfalls zu Kommunikationsschwierigkeiten führen kann.

  • 2.

    Kommunikationsprobleme auf der Inhaltsebene treten auf, wenn Diskrepanzen hinsichtlich des kulturellen Wissens oder des Werte- und Normensystems der Gesprächspartnerinnen bestehen. Auernheimer (2006) geht davon aus, dass größere Probleme nur dann zu erwarten sind, wenn ein komplexes Hintergrundwissen relevant wird, z. B. gesellschaftliche Teil- oder Glaubenssysteme. Zu beachten gilt es hingegen, dass Tabuthemen kulturell verschieden belegt sein und zu erheblichen Kommunikationsschwierigkeiten führen können. So sind in islamischen Kulturkreisen Gespräche über den Körper oder die Sexualität tabuisiert (z. B. Lüsebrink 2005).

  • 3.

    Probleme auf der Beziehungsebene entstehen durch Missverständnisse in der Interpretation des Verhaltens von anderen. Wenn Verhaltenssignale in Begrüßungen, in der Gesprächsorganisation oder in Strategien der Konfliktbewältigung nicht dem Gewohnten entsprechen, kann es zu Irritationen vor allem hinsichtlich der Einschätzung der eigenen Person durch die Gesprächspartnerin (Auernheimer 2006) kommen.

  • 4.

    Nonverbale Codes bilden einen wichtigen Teil des Kommunikationsverhaltens ab (Tab. 15.3). Sie können in Wechselwirkung zur mündlichen Kommunikation stehen oder als unabhängig davon interpretiert werden. Für die kulturelle Variabilität nonverbaler Codes fehlt häufig ein Bewusstsein. Gestische und mimische Kommunikation wird oftmals für angeboren gehalten (Heringer 2004). Doch zahlreiche Komponenten sind kulturspezifisch (Erll & Gymnich 2011). Nonverbales Verhalten umfasst Gestik, Mimik, Blickkontakt, Proxemik (körperlicher Abstand zwischen Gesprächspartnerinnen), Haptik (Berührungsverhalten) und paralinguistische Codes (Modulation der Stimme, des Stimmvolumens, der Stimmlage, der Intonation).

Beratungsmethoden

Die publizierten BeratungsmethodenBeratungsmethoden leiten sich häufig aus psychotherapeutischen Konzepten ab, die auf unterschiedlichen theoretischen Annahmen basieren. Das Spektrum der Methoden reicht vom aktiven Zuhören über Verfahren zur Anregungen der Selbstreflexion, zur Deutung und Interpretation, zum Aufgreifen der Emotionen und zum Entwickeln von Strategien, Verhaltensweisen neu zu lernen.
Nachfolgend werden einige Methoden kurz dargestellt (Tab. 15.4). Das Schema orientiert sich an der Kategorisierung von methodischen Vorgehensweisen nach Bastine (1976; vgl. Sickendieck et al. 2008, Niebuhr-Siebert & Wenger 2012).
Beratungskontexte:mehrsprachigeBeratungskontexte mit Eltern, die mehrsprachig sind und deshalb ihren Kindern die Chance eröffnen können, mehrsprachig aufzuwachsen, unterscheiden sich nicht zwangsläufig von Beratungskontexten mit anderen Eltern. Auch eine Beratung von mehrsprachigen Eltern muss nicht automatisch in grundlegend anderer Form stattfinden.

Fazit

Mit dem vorliegenden Beitrag sollte nicht eine ganz bestimmte Elternschaft mit spezifischen Beratungsbedürfnissen skizziert, sondern aufgezeigt werden, dass jede Beratung kultursensibel sein kann und sein sollte. Dies setzt voraus, dass Beraterinnen anzugeben vermögen, ob und inwieweit eine Beratungssituation als interkulturell zu bezeichnen ist und ob die Einbeziehung dieser Dimension im Beratungskontext zur Aufklärung und Lösungsfindung tatsächlich etwas beizusteuern hat. Ob es sich um eine Beratung handelt, die auf die Einbeziehung der interkulturellen Dimension angewiesen ist, bedarf eines Deutungsprozesses sowohl auf Seiten der Beraterin als auch auf Seiten der Klientin. Beraterinnen sollten professionell um das Vermögen der Zuweisung des Attributs „Interkulturalität“ ringen, indem sie ihre Einstellungen, eigene Gefühle und ihr Wissen kontinuierlich hinterfragen.

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