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B978-3-437-44506-4.00013-2

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978-3-437-44506-4

Phonologische Prozesse in Türkisch und Deutsch des Probanden DY

Tab. 13.1
Deutsch Türkisch
  • Rückverlagerung von /z s ts/ zu /ʃ ʒ tʃ/ z. B. Sonne → /ʃɔnə/

  • Reduktion von Konsonantenverbindungen (RKV)

    • initial bei /ʃtʁ ʃpʁ/ (2x) z. B. Straße → /ʃʁasə/

    • RKV final bei /st/ z. B. Nest → /nɛs/

  • Interdentalität /s z/ (inkonstant)

  • Rückverlagerung von /z s/ zu /ʃ ʒ/ z. B. Mus (Banane) /muz/ → /muʒ/

  • Ersetzung von /k/ → /ħ/ z. B. Makas (Schere) /makas/ → maħas

  • Tilgung (silben)finaler Konsonanten z. B. Tavuk (Huhn) /tavʊk/ → /tavʊ/

  • Vorverlagerung /ʃ ʒ/ + Interdentalität, z. B. Keçi (Ziege) /ketʃi/ → /ketθi/

  • Interdentalität /s z/ (inkonstant)

  • Ersetzung von /r/ durch /ʁ/

Differenzialdiagnostische Analyse von DY aus türkisch-deutscher Sicht

Tab. 13.2
Deutsch (bilinguale Sicht) Türkisch (bilinguale Sicht)
Physiologisch altersgemäß RKV initial bei /ʃtʁ/ ʃpʁ/ RKV final bei /st/
Physiologisch verzögert Tilgung (silben)finaler KonsonantenVorverlagerung /ʃ ʒ/ + Interdentalität
Pathologisch Rückverlagerung /z s ts/ → /ʃ ʒ tʃ/ Rückverlagerung von /z s/ → /ʃ ʒ/
Phonetisch Interdentalität /s z/ (inkonstant) Interdentalität /s z/ (inkonstant)
Phonetische Interferenz Ersetzung von /r/ durch /ʁ/
Dialektal erlaubt Ersetzung von /k/ → /ħ/

Intervention bei mehrsprachigen Kindern mit Aussprachestörungen

Annette Fox-Boyer

Einleitung

Wie in Kapitel 8.2 bereits beschrieben, ist es in der Regel so, dass mehrsprachig aufwachsende mehrsprachige Kinder:AussprachestörungenKinder mit Aussprachestörungen:mehrsprachige KinderAussprachestörungen in der logopädischen Versorgung benachteiligt sind. Ein Grund hierfür ergibt sich aus der Verordnungspraxis: Aus Angst vor einer inkorrekten Verordnung, da Ausspracheprobleme auch das Ergebnis von mangelndem Input in der Zweitsprache oder vielleicht einfach das physiologische Ergebnis des mehrsprachigen Ausspracheerwerbs sein könnten, wird eher zu wenig als zu viel Sprachtherapie verordnet (Winter 2001; Broomfield & Dodd 2004; Stow & Dodd 2005). Erste Daten für das Deutsche von Lüke & Ritterfeld (2011) bestätigen dieses Bild.
Weitere Gründe für die Benachteiligung von mehrsprachigen aussprachegestörten Kindern sind neben einem geringen Wissen der Therapeuten im Hinblick auf die diagnostischen (Lüke & Ritterfeld 2011), aber auch therapeutischen Notwendigkeiten (Winter 2001; Jordan 2008) z. B. Unkenntnis der nichtdeutschen Muttersprache der zu behandelnden Kinder, das Fehlen von Normdaten über den regelrechten Ausspracheerwerb bei mehrsprachigen Kindern, das Fehlen von Testmaterialien in anderen Sprachen als Deutsch (Kap. 8.2) auch mangelnde muttersprachliche Unterstützung für Therapeuten, z. B. durch offizielle Übersetzer oder bilinguale Co-Co-Therapeuten:bilingualeTherapeuten (bilingual co-bilingual co-workerworker). In vielen angloamerikanischen Ländern ist es Alltag, dass Übersetzerkosten erstattet oder bilinguale Co-Therapeuten als bezahlte Mitarbeiter hinzugezogen werden. Dass Co-Therapeuten im angloamerikanischen Raum eine Selbstverständlichkeit darstellen, geht auch deutlich aus den bestehenden Positionspapieren hervor (International Expert Panel on Multilingual Children's Speech 2012; IALP, Fredmann 2011). Im deutschsprachigen Raum ist dies aus finanziellen Gründen bisher nicht denkbar. So kommt es, dass Therapeuten häufig die mehrsprachige Lebenswelt des Kindes ignorieren und nur die deutsche Sprache untersuchen und behandeln.

Wahl der Therapiesprache

Neben dem in fast allen Publikationen zum Thema Sprachstörungen bei mehrsprachigen Kindern dokumentierten ethischen Grundsatz, dass jedem mehrsprachigen Kind eine Untersuchung und Behandlung in all seinen Muttersprachen zusteht, finden sich auch Diskussionen darüber, in welcher Sprache (zuerst) behandelt werden sollte. In der Regel wird betont, dass die Therapie in der Erstsprache:Therapie von AussprachestörungenErstsprache des Kindes beginnen sollte, da es hier bereits die größere Sprachkompetenz besitzt und besser auf seinem Vorwissen aufbauen kann (Literaturübersicht in Thordardottir 2010). Dies wird auch für die Behandlung von Aussprachestörungen:Therapie in der ErstspracheAussprachestörungen empfohlen, obwohl es bislang keinerlei Untersuchungen über die Bedeutsamkeit der Sprachwahl bei Aussprachestörungen gibt. Auch für die Therapie auf den anderen sprachlichen Ebenen liegen keine einheitlichen Ergebnisse vor (Thordardottir 2010). Allerdings stellt sich diese Frage in den meisten praktischen Fällen – mangels Therapeuten in Reichweite, die die Erstsprache beherrschen – erst gar nicht. Zudem ist bei mehrsprachigen Kindern, die bereits der zweiten oder gar dritten Generation in Deutschland angehören, nicht unbedingt klar, welche Sprache, z. B. Türkisch oder Deutsch, ihre (einzige) Erstsprache ist oder ob die sukzessiv erworbene deutsche Sprache zum Zeitpunkt des Therapiebeginns nicht bereits die stärkere Sprache ist.

Wahl des Therapieansatzes

Mittlerweile existiert eine ganze Anzahl von (englischsprachigen) Veröffentlichungen zum Thema Therapie bei mehrsprachigen Kindern mit Aussprachestörungen (z. B. Holm, Stow & Dodd 2005; Goldstein & McLeod 2012). Interessanterweise wird in keiner Veröffentlichung hinterfragt, ob die für einsprachige Kinder konzipierten und evaluierten Behandlungsansätze auch für mehrsprachige Kinder geeignet sind. Denn Therapieansätze, die in den entsprechenden Veröffentlichungen beschrieben werden, sind jeweils für monolinguale Kinder konzipiert (einen aktuellen Überblick für das Deutsche geben Fox-Boyer & Schulte-Mäter 2013 bzw. Fox 2009).

Studien zur Therapie von Aussprachestörungen

Insgesamt liegen bis heute nur drei Studien vor, die sich mit dem Effekt logopädischer Interventionen bei mehrsprachigen Kindern mit Aussprachestörungen:TherapiestudienAussprachestörungen befassen.
Holm & Dodd (2001; siehe auch Holm & Dodd 1999 und Holm, Ozanne & Dodd 1997) untersuchten bei zwei Kindern mögliche Übertragungseffekte einer Behandlung in einer Sprache auf die unbehandelte andere Sprache.
  • Bei einem kantonesisch-englischsprachigen Kind (Jason, 5;2 Jahre) wurde sowohl eine ArtikulationsstörungArtikulationsstörung in Form eines Sigmatismus interdentalis als auch eine konsequente phonologische phonologische Störung:konsequenteStörung in beiden Sprachen festgestellt. Nachdem der Sigmatismus zunächst auf Englisch mit der klassischen Artikulationstherapie:klassischeArtikulationstherapie behandelt wurde, zeigten sich gute Übertragungseffekte des Therapieerfolgs auf das Kantonesische (Hongkong). Anschließend erfolgte eine Behandlung der phonologischen Störung mit Hilfe der MinimalpaartherapieMinimalpaartherapie auf Englisch. Hier zeigten sich keine Übertragungseffekte des Therapieerfolgs auf das Kantonesische.

  • Bei einem punjabi-englischsprachigen Kind (Hafis, 4;8 Jahre) wurde eine inkonsequente phonologische phonologische Störung:inkonsequenteStörung in beiden Sprachen festgestellt. Diese wurde auf Englisch mit Hilfe der KernvokabulartherapieKernvokabulartherapie behandelt. Hierbei zeichnete sich ein Therapieerfolg in beiden Sprachen ab.

Aus diesen Therapieverläufen leiteten Holm & Dodd (2001) Folgendes ab: Die Unterschiede in der Übertragbarkeit von Therapieeffekten lassen sich damit begründen, dass je nach Differenzialdiagnose der Aussprachestörungen verschiedene Defizite im Sprachverarbeitungsprozess vorliegen (Dodd 1995/2000; Fox-Boyer 2013; Kap. 8.2).

Schwierigkeiten im Bereich der peripheren phonetischen Produktion (ArtikulationsstörungArtikulationsstörung) oder im Aufbau von korrekten phonologischen Programmen im Hinblick auf die phonologische Reihenfolge (inkonsequente phonologische phonologische Störung:inkonsequenteStörung) sollten nicht sprachspezifisch sein, sondern sprachübergreifend auftreten. Daher müsste es auch zu Übertragungseffekten von einer behandelten auf eine unbehandelte Sprache kommen.

Im Gegensatz dazu sind die Wahrnehmung und die Implementierung neuer phonologischer Kontraste und Regeln an die jeweilige Sprache, der sie entstammen, gebunden. Hier handelt es sich also um ein sprachspezifisches Phänomen, das auf einem nicht sprachspezifischen (= beide Sprachen betreffenden) Problem im Sprachverarbeitungsprozess basiert, sodass Übertragungseffekte eher unwahrscheinlich erscheinen.

In der dritten Studie wurde der Behandlungseffekt einer kognitiv-linguistischen Therapie bei einem trilingualen 5-jährigen Kind (Hindi/Gujarati/Englisch) untersucht (Ray 2002). Der Junge zeigte eine große Anzahl phonologischer Prozesse sowie eine recht hohe Wortrealisationsinkonsequenz in allen drei Sprachen. Nach 14 Interventionseinheiten ließen sich ein deutlicher Anstieg korrekter Konsonanten und eine Reduktion der phonologischen Prozesse im Englischen beobachten. Ein Posttest nach drei Wochen konnte diese Ergebnisse ebenso wie einen Anstieg korrekter Konsonanten und eine Reduktion der phonologischen Prozesse in den anderen beiden Sprachen bestätigen. Dieses Ergebnis widerspricht dem Ergebnis von Holm & Dodd (2001). Wie Holm, Stow & Dodd (2005) argumentieren, müssten alle von diesem Kind gezeigten und behandelten Prozesse in den drei Sprachen physiologischen Prozessen entsprochen haben. Daher sei von insgesamt verzögerten phonologischen Systemen auszugehen, die sich spontan gebessert hätten. Um die Daten genauer zu interpretieren, wären nicht behandelte Kontrollprozesse nötig gewesen.
Das Ergebnis von Ray (2002) wird auch durch die Daten eines 5;6-jährigen Jungen (AS) aus der Therapieverlaufsstudie von Fox (2003/2009) gestützt. AS wuchs zweisprachig mit indischem Punjabi und Deutsch auf. Er zeigte im Deutschen ausschließlich physiologische verzögerte phonologische Prozesse (im Vergleich mit monolingualen Normdaten), die Vorverlagerung von /ʃ/ und die Vorverlagerung von /k g ŋ/. Die Vorverlagerung von /k g ŋ/ zeigte AS laut Aussage der Mutter auch in Punjabi. Die Intervention für diesen Prozess umfasste 7 Therapieeinheiten auf Deutsch und resultierte in einer Überwindung des Prozesses im Deutschen und im Punjabi (laut Bericht der Mutter).
Aus diesen Ergebnissen und denen von Ray (2002) könnte auf einen Übertragungseffekt bei einer phonologischen Verzögerung geschlossen werden. Dies ließe sich damit erklären, dass laut Dodd (1995/2000) bei einer phonologischen phonologische VerzögerungVerzögerung in der Regel kein spezifisches Defizit im Sprachverarbeitungsprozess vorliegt. Dodd geht vielmehr davon aus, dass eine Art „Entwicklungsbremse“, z. B. länger andauernde Mittelohrprobleme oder psychische Belastungen, für das Auslösen einer phonologischen Verzögerung verantwortlich ist. In diesem Fall könnte es durch die Konzentration auf phonologische Kontraste in einer Sprache gelingen, die phonologische Entwicklung in beiden Sprachen zu aktivieren, sodass es zu einer Überwindung der verzögerten physiologischen Prozesse in beiden Sprachen kommt. Dies müsste an einer größeren Stichprobe untersucht werden.
Insgesamt ist festzuhalten, dass man bislang wenig darüber weiß, ob der Einsatz von Therapiemethoden, die für monolinguale Kinder konzipiert und in Teilen evaluiert sind (Fox-Boyer & Schulte-Mäter 2013), auch bei mehrsprachigen Kindern zu einem positiven Therapieerfolg führen. Des Weiteren ist das Wissen über die möglichen ÜbertragungseffekteÜbertragungseffekte in eine andere, nichtbehandelte Sprache aktuell noch so gering, dass hier für alle Untergruppen nach Dodd (1995/2000) weitere Untersuchungen durchgeführt werden müssen. Die Möglichkeit von Übertragungseffekten ist sowohl für das Kind, aber auch für die Elternberatung sehr bedeutsam. Sollten Übertragungseffekte nur eingeschränkt beobachtbar sein, wäre eine weitere Therapie in der anderen Muttersprache erforderlich.
Fallbeispiel
Im Folgenden sollen die Befunde eines 4;7-jährigen Jungen, der mit den Erstsprachen Deutsch und Türkisch aufwächst, dargestellt werden. Im Rahmen eines kostenlosen Sprachscreenings für Kindergartenkinder, das Studierende des Studiengangs Logopädie der Hochschule Fresenius Hamburg durchführten, fiel bei DY eine Aussprachestörung im Deutschen auf. Im Rahmen eines Bachelorarbeitsprojekts (Capser & Önal 2012) wurde DY einige Monate später von einer Logopädin deutscher Muttersprache mit Hilfe der PLAKSS (Fox 2005) und in derselben Woche von einer türkischsprachigen Logopädin mit Hilfe des TAT untersucht (Naş 2010). Folgende Prozesse waren zu beobachten (Tab. 13.1):
Betrachtet man die Ergebnisse im Deutschen im Vergleich zu monolingualen Normdaten, so ist der Prozess der Rückverlagerung der alveolaren Sibilanten zu palato-alveolaren Sibilanten als pathologisch zu werten, die Reduktion der Konsonantenverbindungen als physiologisch und die Interdentalität als phonetisches Phänomen (Fox-Boyer 2013).
Im Vergleich zu den bereits vorliegenden Daten von Ünsal & Fox (2002) und Salgert (2011) für Deutsch bei deutsch-türkischen Kindern (Kap. 8.2) zeigt sich, dass die Rückverlagerung der Sibilanten von Ünsal & Fox (2002) nicht als physiologisch beschrieben wurde. Da sich aber in der Studie von Salgert bei 10 % der Kinder (N=2) diese Rückverlagerung zeigte, bleibt die Interpretation des Prozesses schwierig. Die Reduktion der Konsonantenverbindungen muss als physiologisch altersgemäß und die phonetische interdentale Realisation von /s z ts/ als phonetische Abweichung, die häufig auftritt, gewertet werden. Verglichen mit den Daten über den mono- und den bilingualen Phonologieerwerb gelangt man zu einem weitgehend identischen Interpretationsergebnis.
Die Ergebnisse für das Türkische zeigen im Vergleich zu den Daten monolingualer Kinder (Topbaş & Yavaş 2006), dass die Tilgung finaler Konsonanten und die Vorverlagerung der Sibilanten als physiologisch verzögert und die Rückverlagerung der alveolaren Sibilanten als pathologisch zu werten sind. Die Ersetzung von /k/ durch den pharyngealen Frikativ /ħ/ wäre als unauffällig zu werten, wenn das Kind in seinem türkischen Input einen Dialekt hört, zu dem diese spezifische Realisationsform von /k/ insbesondere in wortfinaler Position gehört. Dies gilt es abzuklären. Die Interdentalität und die Ersetzung von /r/ durch /ʁ/ sind als phonetisch zu werten. Während sich die Interdentalität von /s z/ im Deutschen bei einem Großteil (30–40 %) der Regelkinder beobachten lässt (Fox-Boyer 2013), wird dies für monolinguale Kinder im Türkischen ebenso wenig beschrieben wie die Ersetzung von /r/ durch /ʁ/.
Vergleicht man die Ergebnisse mit Daten von bilingual mit Deutsch und Türkisch aufwachsenden Kindern (Ünsal & Fox 2002; Salgert 2011), so ist erneut die Rückverlagerung von /s z/ als pathologisch zu bewerten, die Reduktion von (silben)finalen Konsonanten als deutlich verzögert, die Vorverlagerung von /ʃ ʒ/ als physiologisch altersgemäß und die Interdentalität als phonetisch und typisch für türkisch-deutschsprachige Kinder. Die phonetische Ersetzung von /r/ durch /ʁ/ haben Ünsal & Fox (2002) allerdings nicht für das Türkische, sondern in umgekehrter Form für das Deutsche beschrieben, d. h. eine Ersetzung von /ʁ/ durch /r/. Salgert (2011) berichtet aber von einer beidseitigen Ersetzung, die als Interferenz zu werten ist. Tabelle 13.2 fasst die Ergebnisse zusammen.
Die Ergebnisse lassen darauf schließen, dass bei DY eine konsequente phonologische phonologische Störung:konsequenteStörung und eine ArtikulationsstörungArtikulationsstörung in beiden Sprachen vorliegen, da bei ihm sowohl ein pathologischer als auch ein phonetischer Prozess in Form des inkonstanten Sigmatismus in beiden Sprachen in Erscheinung tritt. Die Ersetzung von /r/ durch /ʁ/ ist als Interferenz und nicht als phonetische Störung zu werten.
Würden die Daten aus derselben Sicht wie bei monolingual mit Türkisch aufwachsenden Kindern betrachtet, wären die beiden phonetischen Phänomene von DY evtl. falsch gedeutet worden. Die Ersetzung von /k/ durch /ħ/ kann ohne Kenntnisse der dialektalen Variationen im Türkischen auch als pathologischer Prozess fehlgedeutet werden. Dies zeigt, dass es nicht reicht, sich lediglich mit der Hochsprache auseinanderzusetzen, sondern dass die Eltern genau nach ihrem Dialekt zu befragen sind.
Fazit
Therapeutisch würde der pathologische Prozess im Vordergrund stehen. Dabei ist es wichtig, den Eltern mitzuteilen, dass es nach der aktuellen Datenlage eher nicht zu einem ÜbertragungseffekteÜbertragungseffekt vom Deutschen auf das Türkische kommt, sodass eine weitere Behandlung dieses Prozesses auf Türkisch notwendig sein könnte. Beide verzögerte Prozesse müssen auf Türkisch behandelt werden, da sie im Deutschen nicht auftreten. Durch die Behandlung des inkonstanten Sigmatismus auf Deutsch sollte dieser sich auch im Türkischen auflösen. Wenn den Eltern eine Behandlung der Interferenz wichtig ist, müsste dies ebenfalls auf Türkisch erfolgen, da nach der Anbahnung des Lautes /r/ Generalisierungsübungen im Türkischen notwendig wären.
Diese Betrachtung zeigt, wie wichtig es ist, die Eltern ausführlich über Grenzen und Möglichkeiten einer Therapie auf Deutsch zu beraten. Deutlich wird auch, wie dringend nötig eine Ausbildung von Therapeuten oder Co-Therapeuten für Türkisch und natürlich für alle anderen Sprachen wäre.

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