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Mehrsprachigkeit im Kontext von primären Störungsbildern

Johanne Ostad

Einleitung

MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit:und Störungsbilder, primäreDie Welt ist mehrsprachig. Auch in den bisher überwiegend offiziell einsprachigen Ländern Nordeuropas wachsen immer mehr Kinder zwei- oder mehrsprachig auf; entweder mit einer von der Umgebungssprache abweichenden Familiensprache oder in zweisprachigen Familien (Auer & Wei 2009, Fox-Boyer 2012, Siebert-Ott 2001). Mehrere dieser Kinder werden mit unterschiedlichen Störungsbildern geboren. Dennoch ist die Forschung zu Spracherwerb und Sprachentwicklung überwiegend auf die einsprachige Entwicklung fokussiert, insbesondere auf die einsprachige, nicht beeinträchtigte Sprachentwicklung (Håkansson et al. 2003, Martin 2009). Der Stand der Forschung steht somit nicht im Verhältnis zur Realität vieler Kinder und Familien oder der Realität pädagogischer Fachleute, die diese Kinder in ihrer Praxis empfangen.
Ziel dieses Beitrags ist darzustellen, wie Kinder trotz primärer Störungsbilder:primäre\t \"Siehe primäre StörungsbilderStörungsbilder mehrsprachig aufwachsen und gute sprachliche Kompetenzen aufbauen können. Dies wird am Beispiel des Down-Syndroms aufgezeigt.
Das syndromspezifische Sprachenprofil von Menschen mit Down-Down-Syndrom:syndromspezifisches SprachenprofilSyndrom umfasst eine verzögerte und beeinträchtigte Sprachentwicklung, wobei die produktive Sprache stärker eingeschränkt ist als die rezeptive. Die pragmatischen sowie die nonverbalen Kommunikationsfähigkeiten werden in der Literatur als gut beschrieben. Die Sprachentwicklung ist in den meisten Fällen stärker verzögert, als das allgemeine kognitive Niveau es vermuten lässt (Feltmate & Kay-Raining Bird 2008, Böhning 2010a). Erschwerend kommt hinzu, dass einige Menschen mit Down-Syndrom eine Doppel- oder Mehrfachdiagnose haben, d. h. diagnostisch abgrenzbare Begleiterscheinungen wie z. B. ADHS.
Aufgrund dieser Schwierigkeiten wird vielen Familien davon abgeraten, in zwei Sprachen mit ihren Kindern mit Down-Syndrom zu sprechen (Feltmate & Kay-Raining Bird 2008, Ostad 2008). Doch ist eine zusätzliche Erstsprache tatsächlich als zusätzliche Belastung für die Sprachentwicklung dieser Kinder zu sehen? Im Folgenden soll gezeigt werden, dass dies nicht der Fall ist, weder bei Menschen mit Down-Syndrom noch bei anderen Gruppen. Sofern ein Kind eine Sprache lernen kann, kann es auch zwei beherrschen. Hinzu kommt, dass der Verzicht auf eine FamilienspracheFamiliensprache große Konsequenzen für die Familie und das Kind hat.

Primäre Störungsbilder und mehrsprachige Erziehung

Es gibt eine Reihe Beispiele für genetisch kodierte primäre primäre Störungsbilder:Down-SyndromStörungsbilder, wobei das Down-Syndrom am besten erforscht ist. Es ist aber anzunehmen, dass Menschen mit unterschiedlichen primären primäre Störungsbilder:und MehrsprachigkeitStörungsbildern genauso gut mit zwei oder mehr Sprachen umgehen können wie Menschen mit Down-Down-Syndrom:MehrsprachigkeitSyndrom (vgl. Edgin et al. 2011). Für andere Gruppen liegen nur einzelne Beiträge zur Mehrsprachigkeit:und Down-SyndromMehrsprachigkeit vor. Die wenigen, die es gibt, ziehen jedoch eine positive Bilanz. Niederberger (2003: 93) stellt fest, dass „eine sogenannte geistige Behinderung kein Hindernis für einen gelungenen Bilingualismus darstellt“. Sie fährt fort: „Weder eine eventuelle hirnorganische Schädigung, noch Schwierigkeiten und dadurch Verzögerungen im Spracherwerbsprozess, noch eine ‚Intelligenzminderung‘ wirken sich hemmend aus.“ Darin wird sie von Baker (2006: 355) unterstützt: „Many children with special needs are capable of developing in two languages (e. g. Down's syndrome). Most children do not reach levels of proficiency in either language compared with their peers in mainstream classrooms. Nevertheless, they reach functional levels of proficiency in two languages according to their abilities.“ Eine Untersuchung von Kay-Raining Bird et al. (2011) über zweisprachige Kinder mit Autismus-Spektrum-Autismus-Spektrum-StörungenStörungen (ASS) deutet darauf hin, dass dies auch für diese Gruppe zutreffen kann.
Das Beherrschen zweier Sprachen bringt nachweislich gesellschaftliche und soziale Vorteile (Baker 2007, Ostad 2008). Einige wenige Untersuchungen zeigen eine direkte, positive Auswirkung der ZweisprachigkeitZweisprachigkeit auf die Sprachentwicklung, wie die Studie von Rubinyi zu Autismus-Spektrum-Störungen bzw. zum Asperger-Syndrom (zit. in Baker 2007: 93).

Down-Syndrom

In diesem Kapitel soll auf das Down-Down-SyndromSyndrom – als eines der prominentesten und meist erforschten Beispiele primärer Störungsbilder – eingegangen werden.

Pathogenese und Symptomatik

Das Down-Syndrom:Pathogenese und SymptomatikDown-Syndrom zählt zu den häufigsten angeborenen Syndromen. Es ist in allen Nationalitäten und ethnischen Gruppen aufzufinden, wobei die Häufigkeit des Auftretens mit etwa 1 auf 800 Geburten überall gleich ist. In 95 % der Fälle handelt es sich um eine sog. freie TrisomieTrisomie, d. h. das Chromosom 21 ist dreifach vorhanden. Diese Chromosomenaberration geht mit einer geistigen Retardierung, charakteristischen Gesichtszügen sowie weiteren typischen Kennzeichen einher. Drei eher seltene Varianten des Syndroms machen zusammen 5 % aus.
  • Bei der Translokations-Trisomie 21 ist ein Abschnitt eines zusätzlichen Chromosoms 21 mit einem anderen Chromosom verbunden (meistens 13, 14, 15 oder 22).

  • Bei der Mosaik-Variante führt die ungleiche Verteilung der Chromosomen nach der Befruchtung in den ersten Zellen des Embryos dazu, dass das Kind sowohl Zellen mit 46 als auch Zellen mit 47 Chromosomen aufweist.

  • Die partielle Trisomie 21 ist äußerst selten und soll hier nur erwähnt werden.

Menschen mit einer dieser drei Varianten sind in den meisten Fällen weniger beeinträchtigt als Menschen mit freier Trisomie (Beers & Berkow 2000, Böhning 2010a, Martin et al. 2009, Deutsches Down-Syndrom Info Center 2012).
Der englische Arzt John Langdon Down (1828–1896) beschrieb als Erster ausführlich die „klassischen Merkmale“ dieses Syndroms. Dabei wies er besonders auf die äußerliche Ähnlichkeit seiner Patienten hin: „[…] when placed side by side, it is difficult to believe that the specimens compared are not children of the same parents” (Down 1866). Die Ähnlichkeit besteht unter anderem in einem flachen, runden Gesicht, schräg gestellten Lidachsen und in einem engen Gaumen, durch den die Zunge herausgepresst und der Anschein einer Makroglossie erweckt wird. Der Körperbau fällt durch Kleinwüchsigkeit und Gedrungenheit auf. Neben den optischen Auffälligkeiten gibt es auch zahlreiche funktionelle Veränderungen, wie Fehlbildungen im orofazialen Bereich und von inneren Organen. Auch die Hirnentwicklung ist von Anfang an beeinträchtigt.

Sprachliche Voraussetzungen und syndromspezifisches Sprachenprofil

Nach Down-Syndrom:syndromspezifisches SprachenprofilLeddy (1999) können bis zu 300 unterschiedliche Merkmale bei Menschen mit Down-Syndrom auftreten. Einige dieser Merkmale wirken sich besonders auf die SprachentwicklungSprachentwicklung und SprachkompetenzSprachkompetenz (language ability) aus, nämlich anatomische und physiologische Merkmale wie Beeinträchtigungen des Hörvermögens, des Sehvermögens und der Motorik sowie orofaziale Auffälligkeiten. Auch Aspekte des kognitiven Profils wie Intelligenz und Gedächtnis spielen eine bedeutende Rolle beim SpracherwerbSpracherwerb.
HörvermögenUngefähr 60 % der Kinder mit Down-Syndrom haben einen Hörschaden. Dies beinhaltet sowohl eine dauerhafte als auch eine wiederkehrende Schwerhörigkeit, deren Ursache z. B. vermehrtes Ohrenschmalz, Mittelohrentzündungen sowie chronische bzw. rezidivierende Paukenergüsse im Mittelohr sein können. Voraussetzung für den ungestörten Spracherwerb ist jedoch eine gute Hörfähigkeit: Um Sprache verstehen und produzieren zu können, muss der Mensch auditive Reize auffangen und verarbeiten können. Schon ein geringfügiger Hörschaden kann die Sprachentwicklung:HörvermögenSprachentwicklung beeinträchtigen (Storm 1995, Leonard et al. 1999, Wilken 2000, Ostad 2008; vgl. Pueschel & Sustrova 1996).
SehvermögenBeeinträchtigungen des Sehvermögens führen dazu, dass 40–50 % der Kinder mit Down-Syndrom eine Brille benötigen. Sehstörungen vermindern die Entwicklungsmöglichkeiten der Grob- und Feinmotorik, der Kommunikationsfähigkeit:SehvermögenKommunikationsfähigkeit und des Sozialverhaltens (Storm 1995). Sie erschweren auch das Erlernen von neuen Wörtern und Begriffen (Kumin 1994). Typische Beeinträchtigungen sind z. B. Kurz- und Weitsichtigkeit, Strabismus (Schielen), Lidrand- und Bindehautentzündungen, Tränengangstenose, Astigmatismus und Nystagmus. In bestimmten Altersgruppen können unterschiedliche Beeinträchtigungen festgestellt werden: Astigmatismus, Kurz- und Weitsichtigkeit kommen häufiger bei Kindern und Jugendlichen vor, während Linsentrübung und Lidrandentzündungen mit dem Alter zunehmen (Ostad 2008, Storm 1995, Leonard et al. 1999, Roizen et al. 1994, Krinsky-McHale et al. 2012).
MotorikSie ist definiert als die „willkürlichen Bewegungsabläufe des Körpers, die vom Hirn gesteuert werden“ (Wahrig 1988: 905). Unterschieden wird zwischen Grobmotorik, Feinmotorik und Mundmotorik. Bei Menschen mit Down-Syndrom sind alle drei Formen beeinträchtigt. Die Motorik bzw. Sensomotorik hat sowohl direkt als auch indirekt Einfluss auf die Sprache und die Sprachentwicklung:MotorikSprachentwicklung. Eine gute Motorik:SprachentwicklungMotorik wirkt sich positiv auf die emotional-sozialen Verhaltensweisen und somit indirekt auf die Handlungsmotivation und Sprechfreude aus (Kiphard 1992). Um sprechen zu können, muss die Motorik intakt sein. So führen Dannenbauer & Dirnberger (1992) die Distinktion stimmhafter und stimmloser Plosive als ein charakteristisches Beispiel für die Bedeutung der sprechmotorischen Kontrolle an.
Die produktive Sprache wird von der Sprechmotorik sowie von orofazialen Veränderungen (also des Mund-Zungen-Kiefer-Bereichs) beeinflusst. Diese Veränderungen schließen z. B. einen kleinen Mundraum und schmalen Gaumen ein. Häufig wird auch von einer Übergröße der Zunge (Makroglossie) gesprochen. Es stimmt jedoch nicht, dass Menschen mit Down-Syndrom eine überdimensionierte Zunge haben. Annerén et al. (1996) erklären das Heraushängen der Zunge mit einer Muskelhypotonie (Muskelschlaffheit) sowie mit der Enge des Gaumens. Weitere syndromtypische Merkmale im orofazialen Bereich sind ein offener Biss, eine Kieferfehlentwicklung und Unregelmäßigkeiten des Zahndurchbruchs (Sundnes 2012).
Kognitive FähigkeitenNeben den physischen Merkmalen zeigen sich Auffälligkeiten bei den kognitiven kognitive Fähigkeiten:SprachentwicklungFähigkeiten. Zwei Aspekte des kognitiven Profils, die Einfluss auf die Sprachentwicklung:kognitive FähigkeitenSprachentwicklung haben, sind der IQ und das Gedächtnis.
Bei Menschen mit Down-Down-Syndrom:kognitive FähigkeitenSyndrom wird von einem durchschnittlichen Intelligenzquotienten (IQ) von 50 ausgegangen. Dabei können die Einzelergebnisse zwischen 20 und 100 liegen. So haben einige Menschen mit Down-Syndrom ernste Lernprobleme, während andere wiederum eine nahezu durchschnittliche Intelligenz haben und nicht als entwicklungsgestört anzusehen sind (Wilken 2000, Weigel 1990, Martin et al. 2012).
Bei Menschen mit Down-Syndrom ist das implizite Lernen/Gedächtnis meistens ungestört, während das explizite Lernen/Gedächtnis Defizite aufweist. Dies stimmt mit neurobiologischen Studien überein, die eine größere Beeinträchtigung der Hirnareale aufzeigen, die für die letztgenannten Funktionen zuständig sind (Nadel 1999, Vicari 2012). Beim Gedächtnis wird zwischen verschiedenen Gedächtnisfähigkeiten differenziert. Eine relative Stärke von Menschen mit Down-Syndrom ist ihr Langzeitgedächtnis und das Gedächtnis für visuelle und räumliche Informationen (Opitz 2002, Martin et al. 2009), wohingegen das auditive Kurzzeitgedächtnis gestört ist. Letzteres beeinträchtigt die Fähigkeit der Kinder, die Grammatik zu meistern, und verzögert das Erlernen von Wörtern (Buckley 1999; vgl. Chapman & Kay-Raining Bird 2012 und Vicari 2012 für weitere Differenzierungen).
Sprachkompetenz
Die dargestellten medizinischen Auffälligkeiten beim Down-Down-Syndrom:SprachkompetenzSyndrom verdeutlichen seine Komplexität, die sich vor allem in der Sprachentwicklung und -kompetenz widerspiegelt. Nach Rondal können die individuellen SprachkompetenzSprachkompetenzen (language abilities) von Menschen mit Down-Syndrom realistisch anhand der Gaußschen Kurve dargestellt werden: „This means that for every language component one may expect that a majority of Down syndrome persons will score in the central part of the Down syndrome distribution while a few score at the two extremes of the same distribution. The latter cases are either exceptionally favoured or exceptionally restricted as to the final levels reached in development” (Rondal 1999: 146, zit. in Ostad 2008: 110). Trotz der großen individuellen Unterschiede lässt sich, wie schon in der Einleitung angedeutet, ein Down-Syndrom:syndromspezifisches Sprachenprofilsyndromspezifisches syndromspezifisches Sprachenprofil:Down-SyndromSprachenprofil identifizieren (Martin et al. 2009, Chapman & Kay-Raining Bird 2012).
  • Die produktive Sprache setzt verzögert und verlangsamt ein, und der Spracherwerb wird später oder auf einem Niveau abgeschlossen, das nicht dem eines typisch entwickelten, unbeeinträchtigten Sprechers entspricht. Dies wird besonders bei der produktiven Wortschatzentwicklung deutlich, in der Phasen verlangsamter Lernprozesse nicht unüblich sind. Das Wortverständnis kann dagegen das mentale Altersniveau übersteigen.

  • Beim Satzbau werden Einschränkungen der Morphosyntax deutlich, die grammatische Komplexität bleibt im Allgemeinen reduziert. Auch das Verständnis längerer Sätze oder komplizierter Aufforderungen ist gestört. Das Syntaxverständnis scheint sich außerdem mit dem Alter zu verschlechtern (Chapman & Kay-Raining Bird 2012).

  • Auf der phonetischen Ebene zeigen sich artikulatorische und koartikulatorische Schwierigkeiten, Stottern und Poltern treten bei vielen Menschen mit Down-Syndrom auf. Auf der phonologischen Ebene verläuft die Entwicklung im ersten Jahr ähnlich wie bei normal entwickelten Kindern, später kommt es aufgrund phonologischer Prozesse wie Auslassungen oder Reduplikationen zu einer fehlerhaften Aussprache. Kombiniert mit den Anomalien im Artikulationsbereich führt dies dazu, dass die Verständlichkeit der Sprache oft sehr beeinträchtigt ist (von Tetzchner et al. 1993, Schaner-Wolles 2000, Ostad 2008, Böhning 2010a).

Viele der oben genannten Merkmale können einzeln auch bei typisch entwickelten Kindern auftreten. Kennzeichnend für das Down-Syndrom ist jedoch die Kombination einer Reihe dieser Symptome. Im Vergleich zu anderen Syndromen fällt die große Varianz typischer Merkmale auf. Die Tatsache, dass sie so unterschiedlich verteilt sind, führt zu einer enormen Streubreite in Bezug auf die geistigen und körperlichen Fähigkeiten von Menschen mit Down-Syndrom. Bei vielen kommen weitere Diagnosen hinzu, wie z. B. eine Autismus-Spektrum-Störung (Wishart 2000, Weigel 1990, Storvik et al. 2011).

Doppel- oder Mehrfachdiagnosen – Symptomatik und Intervention

Einigen Menschen mit Down-Down-Syndrom:Doppel-/MehrfachdiagnosenSyndrom wird eine DoppeldiagnosenDoppel- oder MehrfachdiagnosenMehrfachdiagnose gestellt. Typischerweise sind eine oder sogar mehrere weitere Störungen vorhanden, die auf die gesamte Entwicklung des Menschen einen Einfluss ausüben. Es ist daher sehr wichtig, eine Doppel- oder Mehrfachdiagnose so früh wie möglich zu erkennen, um die richtige Therapie frühzeitig und gezielt einsetzen zu können.
Es gibt eine große Anzahl möglicher Doppel- und Mehrfachdiagnosen bei Menschen mit Down-Syndrom. In schätzungsweise 7–10 % der Fälle geht es mit einer Autismus-Spektrum-Störung einher (Nærland et al. 2009). Häufig wird auch ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung) in Verbindung mit dem Down-Syndrom diagnostiziert.
Bei Kindern mit einer Diagnose aus Autismus-Spektrum-Störungendem Autismus-Spektrum ist die gestörte Verarbeitung und Interpretation von Sinneseindrücken im Gehirn ein zentrales Problem. Während sie optischen Reizen z. T. wenig oder keine Aufmerksamkeit widmen, scheinen sie akustische Reize überdurchschnittlich intensiv wahrzunehmen (Debelt 2007). Dies hat unter anderem zur Folge, dass sich die Kinder von der Welt zurückziehen. Ferner ist ihre nonverbale Kommunikationsfähigkeit begrenzt, und die Sprache wird u. a. durch die beeinträchtigte Intonation schwer verständlich. Dafür ist die Phonologie kaum auffällig (Böhning 2010b, Storvik et al. 2011). Bei einer Doppeldiagnose sind die Kinder in den meisten Fällen doppelt beeinträchtigt – sowohl in der allgemeinen Entwicklung als auch in der Sprachentwicklung. Es bedarf deshalb einer frühzeitigen sprachlichen Intervention – mit länger fortgesetzter Behandlung. Laut Storvik et al. 2011 sollte sich diese eher an Therapiekonzepte für Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen anlehnen. So sollten die Aufgaben viel konkreter und strukturierter sein, als es bei Kindern mit Down-Syndrom üblicherweise notwendig ist. Sprachtherapiekonzepte, die bei Kindern mit Down-Syndrom ohne Doppeldiagnosen erfolgreich eingesetzt werden, haben sich als ungünstig erwiesen (Storvik, persönliche Mitteilung; Storvik et al. 2011). Eine gezielte Therapie ist auch für die Gesamtentwicklung unabdingbar: „It seems likely that this combination of disorders increases the risk of specific and deteriorating developmental pathways that are not associated with DS or autism alone“ (Nærland et al. 2009).
Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung)ist eine angeborene Störung, deren prominenteste Merkmale Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität sind. Diese Symptome machen den Schulalltag schwierig, sowohl auf der sozialen als auch auf der Lernebene. Mit der Störung geht eine Vielzahl an weiteren Symptomen einher, die die Sprache und Sprachentwicklung betreffen:
  • Die Kinder können eine auffallend frühe oder, umgekehrt, verzögerte Sprachentwicklung zeigen.

  • Im Grundschulalter fallen sie häufig durch unpassende Mimik, Gestik und Körpersprache auf.

  • Einige Untersuchungen ergaben, dass das Sprachverständnis teilweise beeinträchtigt ist.

Die ADHS-Symptome können unterschiedlich stark ausgeprägt sein; es müssen auch nicht immer alle Anzeichen gleichzeitig auftreten. Wenn ADHS aber nicht behandelt wird, besteht die Gefahr einer anhaltend verzögerten Lernfähigkeit (Wassenberg et al. 2010, Larisch 2012). Dies gilt auch für Kinder mit der Doppeldiagnose Down-Down-Syndrom:ADHSSyndrom und ADHS. Allerdings ist es in diesem Fall schwieriger, Empfehlungen für die sprachliche Intervention zu geben. Hinsichtlich der Intervention bei Kindern mit ADHS wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die Therapie in jedem einzelnen Fall neu überlegt werden muss (Aabech 2012). Dies hat vermutlich bei einer Doppeldiagnose erst recht Gültigkeit. Wie auch bei der Doppeldiagnose Down-Syndrom und Autismus ist es schwer, die Diagnose überhaupt zu stellen. Bei Kindern, die sich stark auffällig benehmen, sollte diese Diagnose aber unbedingt in Erwägung gezogen werden: „In my experience, children with Down syndrome and ADHD may develop difficult and sometimes aggressive behaviour, which can be very difficult to manage at home and at school, therefore it really is important to consider this diagnosis for an unusually difficult child.“ (Buckley 2006)
Es wird nach wie vor diskutiert, wie häufig diese Diagnosen tatsächlich zutreffen. Nach neueren Forschungsergebnissen sind sie häufiger als bisher angenommen (vgl. z. B. Nærland et al. 2009 über Down-Syndrom und Autismus).

Mehrsprachigkeit und Down-Syndrom

Stand der Forschung

Wie in der Einleitung erwähnt, ist Zwei- und Mehrsprachigkeit:und Down-SyndromMehrsprachigkeit global gesehen die Regel, nicht die Ausnahme. Dennoch hat sich die Forschung lange überwiegend auf die einsprachige Sprachentwicklung konzentriert. Dies gilt auch für die Forschung zu unterschiedlichen primären Störungsbildern sowie zu Sprachstörungen allgemein (vgl. Håkansson et al. 2003). Nur vereinzelt widmen sich Beiträge der Zwei- oder sogar Mehrsprachigkeit bei Menschen mit primären Störungsbildern. Zudem wurde die Thematik häufig in Ländern erforscht, in denen ein monolingualer Habitus die Norm darstellt. Gogolin (2003) beschreibt den monolingualen Habitus als „Grundüberzeugung, dass die Einsprachigkeit einer Gesellschaft oder eines Menschen normal sei“. Diese Art Normalitätsannahme kann zu einem geringeren Verständnis der mehrsprachigen Realität von Menschen mit primären Störungsbildern beitragen, was sich sowohl in der Forschung als auch in der pädagogischen Praxis widerspiegeln dürfte.
Im Folgenden soll genauer auf die Forschung zum Down-Down-Syndrom:MehrsprachigkeitSyndrom in Verbindung zur Mehrsprachigkeit eingegangen werden. Trotz der oben genannten Beeinträchtigungen lernen die meisten Kinder mit Down-Syndrom zu sprechen. Wie sieht es aus, wenn zwei Sprachen ins Spiel kommen?
Der Anfang: Erfahrungsberichte und kleinere Fallstudien
Erst Anfang der 1990er-Jahre wurde damit begonnen, die Fragestellung, ob und wie Menschen mit Down-Syndrom mehrere Sprachen erlernen können, zu untersuchen. Die ersten Beiträge zu diesem Thema bestanden zumeist aus Erfahrungsberichten oder relativ kleinen Fallstudien. Diese waren allerdings von großer Bedeutung, da sie ein bis dahin nicht erforschtes Thema aufgriffen und so die Fachwelt sensibilisierten.
1993 berichteten Vallar & Papagno über eine italienische Frau mit Down-Down-Syndrom:MehrsprachigkeitSyndrom, die neben ihrer Muttersprache Französisch und Englisch gelernt hat. Auch wenn es sich um einen Fall von sukzessivem Zweitspracherwerb handelt, ist er insofern von Interesse, als dadurch die Fähigkeit eines Menschen mit Down-Syndrom zur Mehrsprachigkeit bestätigt wird.
In einer Fallstudie aus dem Jahre 1996 untersuchten Woll & Grove die bimodale Zweisprachigkeit an einem Zwillingspaar mit Down-Syndrom, dessen Eltern gehörlos sind. Die Kinder wuchsen daher mit Englisch und Gebärdensprache (British Sign Language) auf und können in beiden Sprachen kommunizieren.
In Schweden hat Lindbom (1996) fünf Kinder verschiedener Altersstufen mithilfe eines Sprachverständnistests (Reynell-85) untersucht. Die Kinder wuchsen jeweils mit Schwedisch und Polnisch, Finnisch (2), Spanisch bzw. Arabisch als zweiter Muttersprache auf. Auch in diesem Fall ist bei einigen der Kinder eher von einem L2-Erwerb als von einem doppelten L1-Erwerb die Rede. Trotzdem ist diese Arbeit wichtig, weil sie als erste empirische Untersuchung im skandinavischen Sprachraum die mehrsprachigen Fähigkeiten von Kindern mit Down-Down-Syndrom:zweisprachige ErziehungSyndrom bestätigt. Die untersuchten Kinder besuchten alle dieselbe Sonderklasse und erhielten Unterricht in ihren beiden Sprachen. Lindbom zufolge war die zweisprachige Erziehung erfolgreich: „Wenn die Kinder nach dem Prinzip eine Person – eine Sprache jeden Tag beide Sprachen hören, dann lernen sie beide Sprachen gleich gut“ (Lindbom 1996: 12, eigene Übersetzung).
Zu ähnlichen Ergebnissen kamen Studien in den späten 1990er- und frühen 2000er-Jahren.
Wilken 2000 hat Erfahrungsberichte von Eltern in ihrem Buch „Sprachförderung bei Kindern mit Down-Syndrom“ wiedergegeben. Aus den Berichten geht hervor, dass vielen Eltern nahegelegt wurde, mit ihrem behinderten Kind nur auf Deutsch zu sprechen. Für Kinder, deren Eltern verschiedene Muttersprachen haben, befürwortet Wilken selbst jedoch eine zweisprachige Erziehung. „[Es ist wichtig], daß Mutter und Vater ermutigt werden, mit ihrem Baby in ihrer Sprache zu sprechen. Gerade die frühe Kommunikation hat eine ganz wesentliche emotionale Bedeutung, und Zärtlichkeit und Zuwendung gelingt in der eigenen Muttersprache viel leichter“ (Wilken 2000: 100).
Auch Buckley (2002) sieht keine Gefahr in einer Down-Syndrom:zweisprachige Erziehungzweisprachigen Erziehung. Ihr zufolge sollten zweisprachige Familien dazu ermutigt werden, mit ihren Kindern in beiden Sprachen zu sprechen, statt sie zu entmutigen, wie es ihrer Erfahrung nach viele Familien erleben. Buckleys Artikel basiert auf ihren Erfahrungen als langjährige Leiterin des Sarah Duffen Center für Kinder mit Down-Syndrom sowie auf den Arbeiten von Woll & Grove (1996, 2000). Demnach können Kinder mit Down-Syndrom durchaus zweisprachig werden. Sie empfiehlt: „If their family is bilingual then they should use the two languages with the baby with Down syndrome in the same way as they do with their other children” (Buckley 2002: 102, zit. in Ostad 2008).
Neuere Forschung: größere und qualitativ verbesserte Untersuchungen
Seit der Jahrtausendwende wurden die Ergebnisse einer Vielzahl größerer und qualitativ verbesserter Untersuchungen publiziert. Unabhängig von ihrer Zielrichtung kamen alle Studien zur gleichen Schlussfolgerung – eine zweisprachige Erziehung hat keinen negativen Einfluss auf die Sprachentwicklung von Kindern mit Down-Syndrom:zweisprachige ErziehungDown-Syndrom.
In Kanada haben Kay-Raining Bird et al. (2002) englisch-französisch-sprachige Kinder mit Down-Syndrom auf Sprachmischungen hin untersucht und mit einer Kontrollgruppe sich typisch entwickelnder Sprecher verglichen. Dabei zeigten sich nur hinsichtlich der MLU signifikante Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. Alle Kinder haben ihre Sprachen vermischt, ohne dass sich die Art der Mischungen qualitativ unterschied. Dass die typisch entwickelten Kinder lediglich etwas längere Sequenzen vermischten, könnte an ihrer größeren MLU liegen.
Kay-Raining Bird et al. (2005) publizierten eine weitere Studie, in der sie zweisprachige Kinder mit Down-Syndrom (Erstsprache Englisch) mit drei Kontrollgruppen (einsprachige Kinder mit Down-Syndrom sowie ein- und zweisprachige typisch entwickelte Kinder) verglichen hatten, und schlussfolgern: „[…] there was no evidence for a detrimental effect of bilingualism on English language learning on these children with DS“ (Kay-Raining-Bird et al. 2005: 8).
Diese Ergebnisse wurden in einer weiteren Studie von Feltmate & Kay-Raining Bird 2008 bestätigt. Sie untersuchten vier zweisprachige Kinder mit Down-Syndrom in Bezug auf ihre Fertigkeiten in Morphosyntax und Wortschatz (Englisch – Französisch) und verglichen sie individuell mit den Fertigkeiten eines einsprachigen Kindes mit Down-Syndrom und eines zweisprachigen typisch entwickelten Kindes: „The children in each triad were matched on nonverbal mental age and exposure to a second language. While language delays were evidenced in both languages for the bilingual children with DS, no consistent effect of bilingualism was seen. All four bilingual children with DS were developing functional second language skills. Current input accounted for much of the variability in English versus French language skills.“ (Feltmate & Kay-Raining Bird 2008: 6; vgl. Trudeau et al. 2011)
Dass eine zweisprachige Erziehung keinen negativen Einfluss auf die Sprachentwicklung ausübt, bestätigt auch die erste qualitative Langzeituntersuchung zu mehrsprachigen Kindern mit Down-Syndrom:zweisprachige ErziehungDown-Syndrom. Ostad 2008 hat über zwei Jahre Video- und Audioaufnahmen von zwei zweisprachigen Kindern mit Down-Syndrom gesammelt und analysiert sowie die Ergebnisse mit einer Befragung der betroffenen Eltern verglichen. Dabei stellte sie fest, dass Kinder mit Down-Syndrom zweisprachig werden können: „Kinder mit Down-Syndrom [besitzen] die Fähigkeit zum bilingualen Erstspracherwerb […]. Sie können lernen, zwei Sprachen zu verstehen und sich in diesen auszudrücken“ (Ostad 2008: 276). Auch Ostad zufolge ist eine eventuelle schwere Verständlichkeit oder gar Beeinträchtigung der Sprache nicht mit der zweisprachigen Erziehung zu begründen.
Eine Untersuchung von Edgin et al. (2011) zu neuropsychologischen Effekten einer zweiten Sprache bei Kindern mit Down-Syndrom zeigt ebenfalls keinen negativen Einfluss einer zweisprachigen Erziehung. In der Studie wurden Kinder mit Down-Syndrom in einem mehrsprachigen Umfeld untersucht, in dem sie eine zweite Sprache neben Englisch durchschnittlich fast fünf Stunden am Tag hörten und benutzten. Die Kinder wurden auf der Basis eines vergleichbaren IQ und sozioökonomischen Status, nach Alter und Geschlecht ausgewählt, ebenso wie die einsprachigen Kindern mit Down-Syndrom in der Kontrollgruppe. Die Autoren konnten weder einen positiven noch einen negativen Einfluss der zusätzlichen Sprache entdecken und schlussfolgern: „Given the absence of any detectable costs associated with [second language exposure], the social benefits of learning to communicate with all members of the family and community may be well worth the effort to expose children with DS to a second language.“ (Edgin, Kumar, Spanò & Nadel 2011)

Zusammenfassung

Exemplarisch für Kinder und Jugendliche mit primären Störungsbildern können Kinder mit Down-Syndrom mit (mindestens) zwei Sprachen aufwachsen. Eine zweite Sprache hat keinen negativen Einfluss auf die Sprachentwicklung, jedoch für das Familienleben und das Selbstbewusstsein des Kindes eine große positive Bedeutung.

Es muss deutlich darauf hingewiesen werden, dass es in der Realität selten eine Alternative zur zwei- oder mehrsprachigen Erziehung gibt, ohne die natürliche Kommunikation in der Familie:zweisprachige ErziehungKommunikation innerhalb der Familie schwer zu beeinträchtigen. Dies hieße, dass mindestens ein Elternteil mit seinem Kind nicht in der Muttersprache sprechen kann, was für viele eine unüberwindliche Hürde darstellt (De Houwer 2009). Mit der Entscheidung, nur in einer Sprache mit dem behinderten Kind zu kommunizieren, wird ihm sein „Anderssein“ durch eine besondere Spracherziehung deutlich vor Augen geführt, besonders im Umgang mit Geschwistern. Dies nimmt ihm auch die Möglichkeit, mit der Verwandtschaft zu sprechen, die nur die andere Sprache beherrscht. Das gilt natürlich auch für Kinder, deren FamilienspracheFamiliensprache eine andere als die Umgebungssprache ist. Pädagogisches Fachpersonal muss sich deshalb bewusst sein, welche Konsequenzen eine solche Entscheidung innerhalb der Familie hat. Eine Sprache einfach wegzulassen bringt viele Probleme mit sich, die sorgfältig gegen die Vorteile eines derartigen Vorgehens abgewogen werden müssen. Den Eltern oder Großeltern zu sagen, sie dürften nicht mit dem Kind in ihrer Erstsprache sprechen, nennt Rondal (2003: 204) „rather cruel“.

Implikationen für die Praxis

Noch immer sieht pädagogisches Fachpersonal eine zusätzliche Sprache häufig als zusätzliche Belastung an. Dies darf nicht mehr der Fall sein. Demografisch betrachtet ist es die Regel, mehrsprachig aufzuwachsen (Lanza 1997), und dies sollte nicht als Zusatzbelastung für das Kind eingestuft werden. Auch für Kinder mit primären Störungsbildern, hier dem Down-Syndrom, gibt es heute ausreichend Evidenz dafür, dass die Zweisprachigkeit vom Fachpersonal unterstützt werden sollte (Feltmate & Kay-Raining Bird 2008). Die eindeutigen Ergebnisse der Forschung zum Down-Down-Syndrom:Förderung von MehrsprachigkeitSyndrom sollten auch Konsequenzen für weitere Gruppen haben.
Die zwei Sprachen sollen demnach von Anfang an unterstützt und gefördert werden. Tracy (2007: 87) stellt fest: „Für die erfolgreiche Mehrsprachigkeit bedarf es keines monolingualen Sprungbretts, sondern eines kontinuierlichen, intensiven und vielfältigen Sprachangebots in den beteiligten Sprachen“ (vgl. dazu auch Genesee, Paradis & Crago 2004, Mervis 2012). Bei Menschen mit Down-Syndrom wird die Notwendigkeit einer anhaltenden Intervention besonders deutlich, da ihre Sprache sich auch im Jugend- und Erwachsenenalter kontinuierlich entwickelt (Abbeduto & Chapman 2005). Die Autoren fordern daher in Bezug auf die Intervention einen „life-long learning approach“ (Abbeduto & Chapman 2005: 61).
Als therapeutische Maßnahme die eine Sprache zeitweise „abzusetzen“ ist nur in äußerst seltenen Fällen notwendig, in den meisten Fällen erscheint diese Art von Intervention „unnecessary and wrong“ (Baker 2007: 90). Im Gegenteil: Fachleute raten dazu, die beiden Sprachen so früh wie möglich und anhaltend zu stärken. Niederberger empfiehlt speziell in der eventuell „schwachen“ Sprache mit dem Kind zu kommunizieren. Sie fordert dazu auf, dieser Aufgabe mit einer positiven Einstellung zu begegnen: „Wenn die involvierten ‚Fachleute‘ positive Einstellungen entwickeln, können diese an Kollegen und Bezugspersonen der Familie weitergegeben werden und sich so hilfreich für die bilinguale Person auswirken“ (Niederberger 2003: 92; vgl. auch Burgoyne et al. 2012).
Die Implikationen für die Praxis sind eindeutig und können in wenigen Punkten zusammengefasst werden:

  • Eine zusätzliche Sprache stellt keine zusätzliche Belastung dar. Wenn ein Kind eine Sprache beherrschen kann, dann kann es, je nach sprachlicher Voraussetzung, auch zwei beherrschen.

  • Die zweisprachige Sprachentwicklung muss sowohl praktisch als auch moralisch unterstützt werden.

  • Die Intervention muss so früh wie möglich anfangen und so lange wie möglich anhalten.

Diese Feststellungen sind durch Forschungsergebisse gut untermauert. Dennoch bedarf es auf diesem Gebiet noch weiterer Forschung sowohl mit größeren Populationen als auch mit mehreren Gruppen. Nur so erreicht man ein tieferes Verständnis der sprachlichen Profile unterschiedlicher Syndrome und anderer Gruppen, sodass eine gezielte Intervention erfolgen kann (vgl. Martin et al. 2009).

Fazit

Mehrsprachigkeit im Kontext primärer Störungsbilder soll sowohl von der Familie als auch vom pädagogischen Fachpersonal unterstützt werden. Auch Menschen mit einem Sprachenprofil, das dem typischen Entwicklungsverlauf nicht entspricht, sollten die Möglichkeit haben, mit zwei oder mehreren Sprachen aufzuwachsen.

Literatur

Aabech, 2012

H. Aabech Dobbeldiagnose – Downs syndrom og ADHD Vortrag auf der Nationalen Tagung zum Down-Syndrom 2012 Sarpsborg 22 –24.3.2012

Abbeduto and Chapman

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