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10.1016/B978-3-437-44422-7.00004-4

978-3-437-44422-7

Bootstrapping-Modell von

Christophe et al. (2008)

Einfluss- und Faktorenmodell der kindlichen Wortfindungsstörung

Symptome der kindlichen Wortfindungsstörungen im DiskursWiederholung:WortfindungsstörungenVerzögerungen:WortfindungsstörungenUmformulierung:WortfindungsstörungenThemenwechsel:Wortfindungsstörungenstereotype Phrasen:WortfindungsstörungenStarter:WortfindungsstörungenSelbstkorrekturen:WortfindungsstörungenSatzverschränkungen:Wortfindungsstörungenpronominale Ersetzung:WortfindungsstörungenPlatzhalter:WortfindungsstörungenPausenfüller:WortfindungsstörungenParaphasien:Wortfindungsstörungenmetasprachliche Kommentare:Wortfindungsstörungeninhaltsleere Ersetzungen:WortfindungsstörungenWortfindungsstörungen:Symptome

Tab. 4.1
Symptom beispielhafte Äußerung
Wiederholung am Freitag, am letzten Freitag, Freitag waren wir bei Oma
Umformulierung als ich fünf geworden bin, also als ich Geburtstag hatte
Paraphasien die Kinder stehen an der Lampe (Ampel)
Verzögerungen ich war mit meiner Mama im (5 Sekunden Pause) Zoo
Pausenfüller und da haben wir ein ähm Löwen gesehen
Selbstkorrekturen gestern im Kindergarten, äh, in der Schule haben wir
inhaltsleere Ersetzungen und als da, na dings, als da das Christkind kam
stereotype Phrasen na ja weil, ich wollte, na ja dieses Spiel, na ja weil das Spaß macht
metasprachliche Kommentare und denn war da noch du weißt schon, ne? also der Papa
pronominale Ersetzung der, bei dem die da war, da hat der das gemacht
Platzhalter kannst du mir mal, na weißt schon, also dieses, weißt schon
Starter also, ich esse gerne so, also, Bananen und also, Äpfel
Themenwechsel also heute war nur Sport und hier na, da wo man schreibt, und da haben wir das, also dieses vom letzten Mal oh Mann, da wo die das gesagt hat und man musste das schreiben und da war ich nicht gut bei dem ja, und meine Schwester hat ein Kaninchen bekommen. Die hatte Geburtstag, jetzt, also am Freitag. Das heißt Bommel.
Satzverschränkungen die Banane wollte, ich will gerne die Banane kaufen

Symptome der kindlichen Wortfindungsstörung im EinzelwortabrufWortfindungsstörung:Symptome

Tab. 4.2
Symptom beispielhafte Äußerung
phonologische Paraphasie Möwe für Löwe
semantische Paraphasie Uhr für Wecker
neologistische Wortform mit Semantikbezug Leuchtis für Lampen
neologistische Wortform ohne Semantikbezug Peschetten für Gamaschen am Pferdkaki für Schlafanzug
verbales Herantasten mit Zugriff auf das Zielwort Esel, Pferd, Ziege, Zebra für Zebra
verbales Herantasten ohne Zugriff auf das Zielwort Wasser, Quelle, Fluss für Brunnen
vollständige Blockade ein , ein

Diagnostische Faktoren der WortfindungsstörungWortfindungsstörungen:diagnostische FaktorenWortfindungsstörungen:BenenntempoWortfindungsstörungen:BenennkonsistenzWortfindungsstörungen:BenenngenauigkeitBenenntempo:WortfindungsstörungenBenennkonsistenz:WortfindungsstörungenBenenngenauigkeit:Wortfindungsstörungen

Tab. 4.3
Diagnostischer Faktor Beschreibung
Benenngenauigkeit Wörter werden inkonsistent durch allgemeinere/einfachere Bezeichnungen ersetzt
Benennkonsistenz In verschiedenen Situationen benennt das Kind das gleiche Wort korrekt oder inkorrekt
Benenntempo zu langsamer Wortabruf im Test und in der Spontansprache

Kindliche Wortfindungsstörungen

Judith Beier

Julia Siegmüller

Herr Jakob geht mit seiner äh, Quietscheente, mit Schwimmring sozusagen, baden. Er fährt mit seiner Quietscheente in ein, ins in so Gräser. Dann kommen automa, äh, da kommen fünf kleine Entchen hinterher und sehen sozusagen den da mit seiner Ente, äh hint, äh und denken sozusagen, dass die die Mutter. Der Herr Jakob fährt dann weiter vom Ufer weg, und die große Mutter von den kleinen Entlein kommt hinterher. Und die Entlein, so die, die Mutter der Enten äh, nimmt aus der Quietscheente sozusagen die Luft raus, also den Stöpsel, und Herr Jakob geht ins Wasser. Naja, fl, ja fliegt ins Wasser, fällt ins Wasser , äh, weil das Quietscheentchen die Luft verliert.

Sebastian14

14

Die Namen aller vorgestellten Kinder in diesem Kapitel sind geändert worden. Sämtliche Zitate entstammen eigenen Erhebungen am Logopädischen Institut für Forschung (LIN.FOR) in Rostock.

(10 Jahre) beschreibt eine WortfindungsstörungenBildgeschichte. Es fällt ihm dabei sichtlich schwer, die passenden Wörter zu finden; wie viele Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen leidet Sebastian unter einer Wortfindungsstörung. Sie gehört sowohl im Vorschul- als auch im Schulalter zu den häufigsten Störungsbildern im Rahmen der Sprachentwicklung. Eine Erhebung an Grund- und Sprachheilschulen zeigte, dass Wortfindungsstörungen zu den häufigsten Sprachstörungen zählen: In Glücks Untersuchung lag die Auftretenshäufigkeit bei normalen Grundschülern zwischen 27 und 30 %, während an Sprachheil- und Lernförderschulen 37–63 % der Kinder betroffen waren (Glück 2003).

Anders als neurologisch bedingte Wortabrufstörungen:neurologisch bedingteWortabrufstörungen nach Schlaganfällen oder Schädel-Hirn-Traumen tritt die kindliche Wortfindungsstörung ohne eindeutige neurologische Ursache, d. h. nicht als erworbene Störung, auf. Ein weiteres Merkmal besteht darin, dass sie sich innerhalb der nicht abgeschlossenen Sprachentwicklung manifestiert. Dieses Störungsbild findet sich bei Kindern im Vorschulalter häufig als Leitsymptom einer Sprachentwicklungsstörung (SES). Die Debatte, ob es sich um eine spezifische SES oder um eine Wortverarbeitungsstörung handelt, die bei Sprachentwicklungsstörungen bereits vor dem Schuleintritt auftritt, ist noch nicht beendet. Unstrittig ist aber, dass bei der kindlichen Wortfindungsstörung Wörter aus dem bestehenden produktiven Wortschatz nicht regelmäßig abgerufen werden können (German & Newman 2004; Glück 1998). Über den Umfang des kindlichen Wortschatzes sagt eine kindliche Wortfindungsstörung nichts aus. Letztendlich führt eine Wortfindungsstörung zu einem Phänomen, das jeder Mensch kennt: Das Wort liegt mir auf der Zunge – nur kommt dies bei den betroffenen Kindern so häufig vor, dass nicht allein von einem Zufall gesprochen werden kann (Siegmüller 2005).

Obwohl eine kindliche Wortfindungsstörung regelmäßig mit Wortfindungsstörungen:SprachentwicklungsstörungenSprachentwicklungsstörungen:WortfindungsstörungenSprachentwicklungsstörungen assoziiert ist, gehört sie noch immer zu den weniger bekannten Ausprägungsformen kindlicher Sprachstörungen. In Deutschland rückte sie erst nach einer Veröffentlichung von Christian Wolfgang Glück (Glück 1998) in den Fokus der sprachtherapeutischen Fachwelt. Heute wird die kindliche Wortfindungsstörung zu den etablierten Sprachstörungen gezählt und unter anderem in den Heilmittelrichtlinien als eigenes Störungsbild geführt (Siegmüller 2008). International subsummiert man sie häufig unter Störungen der phonologischen phonologische Bewusstheit:StörungenBewusstheit, sodass die spezifische Bezeichnung als Wortfindungsstörung fehlen kann, obwohl die entsprechenden Symptomcluster genannt werden. Dies ist vor allem in der Literatur zur kindlichen Wortfindungsstörungen:DyslexieDyslexie:WortfindungsstörungenDyslexie bzw. zu Lese-Rechtschreib-Störungen der Fall. So haben etwa Richardson et al. (2004), die phonologische Probleme bei Kindern mit Lese-Rechtschreib-Wortfindungsstörungen:Lese-Rechtschreib-StörungenLese-Rechtschreib-Störungen:WortfindungsstörungenStörungen mittels einer Testbatterie (mit basalen und metaphonologischen Anforderungen) untersuchten, Symptome beschrieben, die auch als zentrale Merkmale einer Wortfindungsstörung gelten können. Dennoch belassen sie diese im Paradigma der phonologischen Störung.

Der Begriff Wortfindungsstörungen:BegriffsdefinitionWortfindungsstörung wird auch in der deutschen Literatur nicht immer einheitlich verwendet. So führt Kannengieser (2009) zwei mögliche Definitionen an:

  • dass dem Sprecher für einen Benennvorgang ein Wort nicht zur Verfügung steht (Wortschatzlücke bei vorhandenem Bedeutungskonzept) oder

  • dass der Sprecher auf einen vorhandenen Lexikoneintrag nicht zugreifen kann (Aktivierungsprobleme aufgrund einer unterbrochenen Verbindung zwischen Bedeutungskonzept und Wortform oder instabiler phonologischer Repräsentationen).

In diesem Beitrag verwenden wir den Begriff in folgender Bedeutung: kindliche Wortfindungsstörungen:BegriffsdefinitionWortfindungsstörung als Unfähigkeit, Äußerungsintentionen mit einer im Lexikon vorhandenen phonologischen Wortform zu besetzen (Glück 1998).

Synonyme sind Begriffe wie Wortabruf oder Wortzugriff bzw. klinisch Wortabruf- oder WortabrufstörungenWortzugriffsstörung Wortzugriffsstörungen (vgl. Grohnfeldt 2007). Darüber hinaus finden sich die Begriffe BenennstörungBenenn- und SpeicherstörungSpeicherstörung (Siegmüller 2011). Der aus der Aphasiologie stammende Begriff der Benennstörung wird in der Nomenklatur der kindlichen Wortfindungsstörung allerdings nur selten verwendet. In englischen Publikationen ist teilweise auch der Begriff Wortfindungsstörungen:fluencyfluency:Wortfindungsstörungenfluency, also Wortflüssigkeit:s. fluencyWortflüssigkeit, zu lesen.

Wie die zu Beginn des Kapitels angeführte Auftretenshäufigkeit in Grundschulen und Sprachheilschulen belegt, ist die kindliche Wortfindungsstörung ein verbreitetes Störungsbild. Seit der ersten Publikation (Glück 1998) sind nur wenige spezifische Therapieansätze entwickelt worden. Eine normale Therapie (etwa in Form von allgemeiner Arbeit in semantischen Feldern) im lexikalisch-semantischen Bereich scheint bei einer Wortfindungsstörung keine Wirkung zu zeigen. Somit ist die Notwendigkeit einer spezifischen diagnostischen und therapeutischen Versorgung der betroffenen Kinder gegeben. Ferner lassen Untersuchungen aus jüngerer Zeit sehr enge Zusammenhänge zwischen Wortfindungs- und Lese-Rechtschreib-Störungen vermuten (Paul 2007). Bei vorhandener Wortfindungsstörung deuten die Ergebnisse auf ein Risiko zur Ausprägung einer Lese-Rechtschreib-Störung im Schulalter hin.

In diesem Kapitel werden schwerpunktmäßig die diagnostischen Möglichkeiten im Bereich der kindlichen kindliche Wortfindungsstörungen:s. WortfindungsstörungenWortfindungsstörungen dargestellt. Es fasst den bisherigen Wissensstand zusammen und propagiert eine neue Sichtweise im diagnostischen Prozess. Unser Beitrag geht auf das vielfältige und mitunter sehr heterogene Erscheinungsbild der kindlichen Wortfindungsstörung ein, indem er beispielhaft die spontansprachlichen und begleitenden Symptome schildert sowie die Diskussion um die zugrunde liegenden sprachlichen Defizite berücksichtigt. Fallbeispiele veranschaulichen die Komplexität der Wortfindungsstörung.

Im Rahmen einer neuen Sicht auf die kindliche Wortfindungsstörung wollen wir ihr diagnostisches Profil darstellen und sie mit assoziierten Störungsbildern bei einer Lese-Rechtschreib-Störung und einer phonologischen Aussprachestörung in Zusammenhang bringen. Dabei wird auch der Bogen zu grammatischen Störungen in der Grundschulzeit geschlagen. Dieser Beitrag schließt mit einem Ausblick auf die Möglichkeiten, die sprachtherapeutische Versorgung von kindlichen Wortfindungsstörungen kriteriengeleitet umzusetzen und Therapieerfolge zu evaluieren.

Erscheinungsbild kindlicher Wortfindungsstörungen

Als Jette (8 Jahre) in einem Wortfindungsstörungen:ErscheinungsbildWortschatztest aus Neugier weiterblättert und eine Kerze abgebildet sieht, erzählt sie ihrer Therapeutin, dass sie am letzten Wochenende die dritte Kerze vom Adventskranz anzünden durfte. Dabei verwendet sie wiederholt das Wort Kerze. Wenige Sekunden später soll sie die Kerze im Rahmen der diagnostischen Untersuchung benennen. Ähm also, na das, also wir hatten das am Wochenende und ich weiß jetzt nicht mehr wie heißt das noch mal? ist alles, was Jette zu dem Bild der Kerze einfällt. Sie konnte das Wort noch wenige Sekunden vorher produzieren – nun aber plötzlich nicht mehr.
Bei Jette zeigt sich das Leitsymptom der kindlichen Wortfindungsstörung, ein fluktuierender Abruf eigentlich bekannter Wörter (Siegmüller 2011). Die betroffenen Kinder können nicht immer und nicht in jedweder Situation Wörter selbstständig und adäquat aus ihrem Wortschatz abrufen. Häufig lässt sich eine Tageszeit- oder Tagesformabhängigkeit beobachten, doch man kann die Störung nicht allein darauf zurückführen. In den meisten Fällen ist das Auftreten einer Wortzugriffsproblematik nicht vorhersagbar.
Über den fluktuierenden Wortabruf:fluktuierenderWortabruf hinaus kennzeichnen vielfältige Symptome eine kindliche Wortfindungsstörung. Bei jedem Kind zeigen sich mehrere Symptome, und kein Kind greift immer auf das gleiche Verhalten bei einem Abrufproblem zurück. Nur sehr selten sind in einer Beobachtungssituation alle Symptome dieser Liste bei einem betroffenen Kind anzutreffen. Symptome treten sowohl im Diskurs als auch beim Einzelwortabruf auf.

Sprachliche Symptome im Diskurs

Für das Erscheinungsbild der kindlichen WortfindungsstörungWortfindungsstörungen:Symptome ist von Bedeutung, unter welchen Anforderungen das betroffene Kind Sprache produziert. Diskurssituationen sind ungleich komplexer als der Abruf von Einzelwörtern. Daher gehen Kinder mit einer Wortfindungsstörung Anforderungen wie Gesprächssituationen und Erzählungen häufig aus dem Weg und fallen durch geringe Sprachproduktivität auf (Glück 1998). German & Simon (1991) stellten fest, dass sich in den sprachlichen sprachliche Äußerungen:WortfindungsstörungenÄußerungen betroffener Kinder im Diskurs häufig Wiederholungen, Umformulierungen, Paraphasien, Verzögerungen, Pausenfüller, Selbstkorrekturen, inhaltsleere Ersetzungen sowie stereotype Phrasen und metasprachliche Kommentare finden.
Im folgenden Transkript von Julius (5 Jahre) zeigen sich Symptome auf der Textebene:
Also am Wochen na , also letzte Woche, na ähm die Tage vor gestern, da wo wir frei hatten, da waren wir bei also da waren wir bei ähm, also bei Oma und Opa. Also, ne bei meiner Tante und meinem Onkel. Die wohnen da in , die wohnen in bei einer großen Stadt, aber nicht in der Stadt ähm so was ähnliches. Die wohnen daneben. Also da haben die ein Haus und da haben die auch solche ganz viele solche, also solche Kuh ne, Schafe, ne, Ziegen. Ja, also Ziegen und Hähner, also Hühner, ne? haben die auch da.
Ein gehäufter Einsatz von pronominalen Wortfindungsstörungen:pronominale Ersetzungenpronominale Ersetzungen:WortfindungsstörungenErsetzungen ohne Referenz, Platzhaltern und sog. Startern könnte den strategischen Umgang mit der Wortabrufschwierigkeit zum Ausdruck bringen (German & Simon 1991). Themenbrüche, -wechsel und Satzverschränkungen in komplexen Produktionen lassen sich dabei sowohl auf aktuelle Abrufstörungen als auch auf Themenvermeidungen zurückführen (German & Simon 1991).
Zusammenfassend ergeben sich für die Diskursebene die in Tabelle 4.1 gelisteten Symptome.
Nicht selten werden Wortabrufstörungen:Fehlinterpretation als grammatische StörungWortabrufstörungen auf der komplexen Textebene zunächst als grammatische Störungen missinterpretiert. Auch die Therapeutin von Julius vermutete zu Beginn der Diagnostikphase eine Störung der makrostrukturellen Textebene. Erst als Julius auch bei Benenntests ebenso viele Starter (also), Umschreibungen und Paraphasien verwendete, zeigte sich, dass die zugrunde liegende Problematik der Zugriffsstörung offensichtlich die eingeschränkte Erzählfähigkeit des Jungen verursachte. Eine solche Fehlinterpretation der Symptome passiert nicht selten, aber nicht per se aus Unwissenheit; sie kann vielmehr aus der Tatsache resultieren, dass sich bei sprachentwicklungsgestörten Kindern in diesem Alter Symptome mehrerer sprachlicher Ebenen überlagern und in der Sprachproduktion zusammenkommen. Die Diagnose einer Wortfindungsstörung lässt sich zudem häufig schwieriger stellen, weil die Symptome nicht regelmäßig auftreten. Weniger starke Auffälligkeiten als bei Julius (im Beispiel oben) veranlassen häufig dazu, den Fokus der Symptominterpretation auf regelmäßige Symptome zu richten, die sich in den Vordergrund schieben.

Sprachliche Symptome im Einzelwortabruf

Kinder mit Einzelwortabruf:WortfindungsstörungenWortfindungsstörungenWortfindungsstörungen:Symptome haben beim isolierten Wortabruf ähnliche Schwierigkeiten wie im sprachlichen Diskurs. Neben semantischen und phonologischen Paraphasien lassen sich Paraphrasen (Umschreibungen) sowie neologistische Wortformen mit und ohne Bezug zur Semantik des Zielwortes beobachten (Glück 1998; Siegmüller 2011). Auch das verbale Herantasten an ein Zielwort in Reihen mit oder ohne Zugriff auf das gewünschte Wort am Schluss einer solchen Reihe oder vollständige Blockaden sind symptomatisch.
Lea (5 Jahre) zeigt folgende Reaktionen in einem Memory, bei dem sie (L) und die Therapeutin (T) zusätzlich die Bildkarten benennen:
  • L: Hier drunter ist der Löwe. Ein Löwe mit Streifen und hier ist ein Hose, äh Hase. Die gehen nicht.

  • T: Du meinst, die passen nicht zusammen. Ich habe den zweiten Tiger und das Eichhörnchen gefunden.

  • L: Oh, ich will auch so ein Einhörnchen. Und den Löwen, äh den Tiger hatte ich auch schon mal. Jetzt bin ich, ne? Hier ist jetzt so ein Rüsseltier und ach, manno, schon wieder der Tiger. Das ist aber verrückt äh, versteck-, verzwickt, ne?

Über das wiederholte Benennen derselben Bilder lässt sich bei Lea gut der inkonstante Abruf der dazugehörigen Wörter beobachten. Zusätzlich ersetzt sie Zielwörter durch phonologisch oder semantisch ähnliche Wortformen. Das Rüsseltier kann als Neologisierung interpretiert werden, da Lea Elefant eigentlich bereits produzieren kann. Neben semantischen Umschreibungen zeigt sich bei Lea auch, wie ihr durch das Herantasten an ein Zielwort (verzwickt) am Ende dessen Aktivierung gelingt.
Nachfolgend sind die Symptome der Einzelwortabrufstörung zusammenfassend dargestellt (Tab. 4.2).
Im Setting des Einzelwortabrufs treten die Symptome betroffener Kinder viel deutlicher zutage und erleichtern die Diagnosestellung. Wie bei Lea (im Beispiel oben) zeigen sich Störungen im Einzelwortabruf klarer als in einer komplexen Erzählsituation. Vor allem bei häufigem Benennen derselben Wörter (wie in einem Memory) ist der inkonstante Abruferfolg leicht zu erkennen.

Wichtig ist der Hinweis darauf, dass die Symptome bei kindlichen Wortfindungsstörungen nicht so klar hervortreten wie bei erworbenen Wortabrufstörungen im Rahmen von neurologischen Erkrankungen (Glück 1998).

Nonverbales und metasprachliches Verhalten

Betroffene Kinder geben Wortfindungsstörungen:nonverbales Verhaltennonverbales Verhalten:Wortfindungsstörungendurch Gesten oder Wortfindungsstörungen:metasprachliches Verhaltenmetasprachliches Verhalten:WortfindungsstörungenMimik zu verstehen, dass sie um die Semantik des Wortes wissen, und/oder setzen bei Blockaden grobmotorische, häufig autoaggressive Löser selbstständig ein. Kinder mit starkem Leidensdruck:WortfindungsstörungenLeidensdruck reagieren mitunter mit Sprechunlust und Nuscheln (Siegmüller 2011). Störungsbewusstsein:WortfindungsstörungenStörungsbewusstsein Wortfindungsstörungen:Störungsbewusstsein und Leidensdruck der betroffenen Kinder variieren sehr stark. Während einigen Kindern die Störung gar nicht bewusst ist, leiden andere stark darunter und bringen dies emotional zum Ausdruck. Da die Wortfindungsstörung typischerweise bei 4- bis 5-jährigen Wortfindungsstörungen:bei 4- bis 5-jährigen KindernKindern in Erscheinung tritt, ist nicht immer damit zu rechnen, dass jedes betroffene Kind auf einer metalinguistischen Ebene über seine Symptomatik sprechen kann. Stattdessen drücken sich Störungsgefühle häufig durch Seufzen, Reiben des Kinns oder Schließen der Augen aus. Andere Kinder reagieren mit Kommunikationsabbrüche:WortfindungsstörungenKommunikationsabbrüchenWortfindungsstörungen:kindliche; ihren kommunikativen bis hin zum sozialen Rückzug interpretieren Außenstehende dann oft als Traurigkeit. Ihre innere Unruhe lässt viele dieser Kinder hektisch, unaufmerksam oder auch aufmerksamkeitsgestört erscheinen. Etwas ältere Kinder äußern sich oft zusätzlich metasprachlich zu einem aktuellen Abrufproblem (Kannengieser 2009).
In der Diagnostik und Therapie kindlicher Wortfindungsstörungen sollte das Störungsbewusstsein der betroffenen Kinder in jedem Fall in die Entscheidung über das therapeutische Interventionskonzept einbezogen werden. So hat Siegmüller (2009) eine Möglichkeit aufgezeigt, wie die Methodenwahl in der logopädischen Therapie an die Bedürfnisse störungsbewusster Kinder angepasst werden kann.

Fallbeispiel

Behandlungskonzept für störungsbewusste Kinder

Laura hat ein starkes, Wortfindungsstörungen:Behandlungskonzeptjedoch diffuses Bewusstsein für ihre sprachlichen Defizite und verweigert bereits in der Diagnostik produktive Anforderungen. Um die Therapie an Lauras unterschiedliche Tagesformen und das damit verbundene StörungsbewusstseinStörungsbewusstsein:Wortfindungsstörungen anzupassen, wird vorrangig Wert darauf gelegt, eine Überforderung Lauras in Form vieler produktiver Übungen zu vermeiden. Zudem soll Laura ausreichend Zeit bekommen, sich mit der Therapie zurechtzufinden und Vertrauen zu ihrer Therapeutin aufzubauen, bis sie sich im weiteren Verlauf auch mutig genug für produktive Übungen fühlt. Deshalb wird in der ersten Phase der Therapie absichtlich nicht auf einer bewussten Ebene (metasprachlich) über Lauras Störungsbewusstsein kommuniziert. Im Therapieverlauf erhält sie immer wieder die Möglichkeit, vor allem produktive Übungen abzulehnen und sich stattdessen mit ihrem Störungsbewusstsein und den damit verbundenen Gefühlen auseinanderzusetzen (Siegmüller 2009: 93).

Emotionale Begleiterscheinungen

Emotionale Wortfindungsstörungen:emotionale Begleiterscheinungenemotionale Begleiterscheinungen:WortfindungsstörungenBegleiterscheinungen finden sich häufig bei wortfindungsgestörten Kindern. Insbesondere Kinder mit Störungsbewusstsein und/oder starkem Leidensdruck:WortfindungsstörungenLeidensdruck entziehen sich sprachlichen Anforderungen bzw. verweigern diese. Zeitweise kommt ihr Leiden in Form von starker Trauer oder Wut bis hin zu autoaggressiven Handlungen zum Ausdruck. Wortfindungsstörungen:AutoaggressionAutoaggression:WortfindungsstörungenAutoaggression kann daher als eigenes Anzeichen für eine Wortfindungsstörung gelten. Autoaggressive Handlungen beginnen damit, dass Kinder mit der Hand gegen den Tisch oder gegen ihre Stirn schlagen. Das steigert sich, je nach Schweregrad, über mitunter unbewusstes, wiederholtes Aufkratzen der Haut bis hin zu selbstinduzierten Verletzungen.
Cassandra (10 Jahre) wirft sich seit einiger Zeit wiederholt mit der Schulter gegen die Wand. Die beunruhigten Eltern suchen einen Psychologen auf. In der Sprachtherapie erzählt Cassandra, die ihr Problem wahrnehmen und bereits versprachlichen kann, warum sie sich selbst verletzt: Mama und Papa haben meinen Bruder viel lieber als mich. Weil der alles kann. Ich möchte wie mein Bruder sein; ich möchte ein Junge sein. Dann wäre ich besser. In der Schule und überhaupt. Mein Kopf ist doof, der ist an allem schuld.
Das Phänomen der Wortfindungsstörung leistet autoaggressiven Handlungen Vorschub. Jeder kennt die Situation, dass einem das Wort auf der Zunge liegt und trotzdem nicht abgerufen werden kann. Je mehr man sich darüber ärgert oder das Wort zu triggern versucht, desto weniger greifbar wird es. Gelingt es jedoch, sich abzulenken, ist der Wortabruf plötzlich wieder möglich. Den gleichen Ablenkungseffekt erleben Kinder, wenn sie sich mit autoaggressiven Blockadelösern Schmerz zufügen. Dadurch wird das Wort wieder abrufbar. So stellt sich die schmerzhafte Handlung für das Kind als relativ sicherer Weg dar, um Stockungen der Wortfindung aufzulösen. Hat ein Kind dies erst einmal erkannt, erscheint es naheliegend, daraus eine Strategie zu entwickeln, auch wenn es über Prozesse der Selbstreflexion (wie bei Cassandra) zu der Einsicht kommt, die Notwendigkeit von autoaggressiven Handlungen nicht gut zu finden. In der Sprachtherapie ist es wichtig, schon in der Startphase geeignetere Bahnen für die Ablenkung anzubieten, damit das Kind eine andere Strategie einsetzen und trotzdem zum gleichen Ergebnis – dem erfolgreichen Wortabruf – gelangen kann (als Beispiel für eine solche Strategie vgl. Siegmüller & Kauschke 2006: 92).

Fallbeispiel

Starker Leidensdruck mit autoaggressiven Reaktionen

Leidensdruck:WortfindungsstörungenJulika geht in die zweite Klasse, als Wortfindungsstörungen:Autoaggressionsie zur vertieften Diagnostik zu uns kommt. Ihre Mutter möchte, dass wir den Verdacht auf eine Lese-Rechtschreib-Störung sowie eine Dyskalkulie (Rechenschwäche) abklären. Sie hat bereits mit vielen Institutionen Kontakt aufgenommen, um eine umfassende Untersuchung ihrer Tochter und die bestmögliche Versorgung im Anschluss sicherzustellen. So liegen für Julika mehrere Entwicklungsberichte, ein psychologisches Gutachten und ein Intelligenztestergebnis vor. Da die Familie fast anderthalb Stunden entfernt wohnt, zieht sich Julikas Diagnostik über mehrere Wochen hin.

Diagnostik

In dieser Zeit wird schnell deutlich, dass Julika Einschränkungen in der schriftsprachlichen Verarbeitung hat. Daneben findet sich auch eine Wortfindungsstörung, die sich jedoch nicht durch eingeschränkte semantische oder lexikalische Speicherungen erklären lässt. Julika zeigt ein altersgerecht entwickeltes Lexikon und ein reichhaltig vernetztes semantisches System. Im Rahmen der Lese-Rechtschreib-Diagnostik fällt neben phonologischen Bewusstheitsdefiziten eine starke Einschränkung des auditiven Kurzzeitgedächtnisses auf. Einen Schnellbenenntest muss die Therapeutin abbrechen, weil Julika es nicht aushält, kaum ein Wort flüssig abrufen zu können. In den nächsten Sitzungen wird deutlich, dass Julika auch im Alltag unter der Wortfindungsstörung leidet. Sie kratzt sich wiederholt Arme und Beine auf, sodass die Mutter sie erneut bei einem Psychologen vorstellt. Er berichtet von Julikas Angst, ihre Eltern könnten sie nicht lieb haben, weil sie in der Schule schlecht sei und sich nichts merken könne. Auch wir kommunizieren mit Julika über ihr Leiden. Wider Erwarten hat sie keine Idee, warum sie in der Schule weniger gute Leistungen bringt. Die Frage der Therapeutin, ob ihr die Wörter öfter auf der Zunge lägen, aber nicht rauswollten, verneint sie. In wiederholten Gesprächen scheint es, als könne Julika die Abrufprobleme als solche nicht wahrnehmen. Aber sie spürt, dass sie anders ist als die anderen Kindern – was sie wütend auf sich selbst macht. Ihre eigenen Anspannungen löst Julia durch körperliche Schmerzen.

Behandlungsverlauf

Gleich zu Beginn der Therapie von Julikas Wortfindungsstörung zeigen sich weitere autoaggressive Handlungen, die eindeutig mit konkreten Abrufstörungen in Zusammenhang stehen. Julika kratzt sich an den Innenseiten der Unterarme, wenn sie im Dialog mit der Therapeutin komplexe Sachverhalte darstellen will. Schnell wird deutlich, dass Julika lernen muss, sich mit weniger destruktiven Möglichkeiten von einer akuten Abrufblockade abzulenken. Zunächst erklärt die Therapeutin, was sie bei Julika beobachtet hat und dass ihr Verhalten möglicherweise mit der Abrufstörung zusammenhängt. Auf kindgerechte Weise erläutert die Therapeutin, dass Julika Wörter, die sie eigentlich kennt, nicht immer finden kann und dass in dem Fall Ablenkungen helfen können. Gemeinsam ersinnen Julika und ihre Therapeutin Alternativen zu körperlichen Schmerzen.
Julika muss auch lernen, eine Blockade bewusst wahrzunehmen und körperlich schädigende Reaktionen in dem Moment zu bremsen. Als erste Hilfestellung gibt ihr die Therapeutin eine Abrufkarte:WortfindungstherapieAbrufkarte, die beide gemeinsam gestaltet haben und die Julika einsetzen soll, um bei autoaggressiven Reaktionen die Situation einzufrieren. Damit kann sich Julika bewusst machen, was gerade geschieht. Julika gelingt es zunehmend, selbstständig Wortabrufstörungen:AbrufkarteAbrufstörungen zu bemerken, die Abrufkarte zu zücken und eine nicht schädigende Ablenkung einzusetzen. Bei Julikas Wortfindungstherapie liegt der Fokus vorrangig auf der Verbesserung des auditiven Kurzzeitgedächtnisses. Schnell zeigen sich Fortschritte in Mathematik, und Julika empfindet insgesamt weniger Druck in der Schule; ihre autoaggressiven Handlungen werden auch zu Hause seltener. Seitdem sie Julikas Störung verstehen und die Abrufkarte auch zu Hause verwenden, lernen Julikas Eltern, die Stärken ihrer Tochter zu sehen.
Innerhalb eines Jahres hat Julika starke Fortschritte in der Therapie gemacht. Auch ihre schriftsprachliche Verarbeitung hat sich ohne direkte Intervention soweit verbessert, dass Julika gute Leistungen in der Schule erbringt und mit Freude viel liest.
Für die passagere Unfähigkeit, Wörter abzurufen, entwickeln gerade ältere Kinder oftmals Hypothesen, die sie auch äußern. So empfinden sich betroffene Schulkinder als dumm oder faul. Ihr Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein ist mithin so stark beeinträchtigt, dass sich unter erhöhten Anforderungen ein großes Ohnmachtsgefühl ausbreiten kann.
Moritz (10 Jahre) beispielsweise verweigert seit geraumer Zeit die mündliche Mitarbeit in der Schule. Unter der Woche klagt er morgens über Kopfschmerzen und möchte am liebsten zu Hause bleiben. Als die Logopädin mit Moritz über das Schulproblem spricht, meint er: Weißt du, in der Schule, da kann ich nichts. Ich bin so dumm. Ich mag nichts sagen, weil ich nichts richtig weiß. Systematisiert beschrieben finden sich diese Prozesse in Copingstrategien und in Selbstwirksamkeitseinschätzungen, wie sie in der ICF-CY dargestellt werden (Beushausen 2009; McLeod & McCormack 2007).

Wortfindungsstörungen über das Kindesalter hinaus

Ohne Therapie persistiert die kindliche Wortfindungsstörung Wortfindungsstörungen:über das Kindesalter hinausund bleibt bis ins Jugendlichen- und Erwachsenenalter hinein bestehen (Ringmann, Bartels & Siegmüller 2011; Law, Tomblin & Zhang 2008). Mit zunehmender Reflexionsfähigkeit und Spracherfahrung dürften sich der individuelle Umgang mit der Störung und der Leidensdruck verändern. Anzunehmen ist außerdem, dass sich das Gewicht der Symptomatik zugunsten verschiedener anderer Begleiterscheinungen wie etwa Stimmstörungen, unrhythmisches Sprechen und psychosoziale Beeinträchtigungen verschiebt.
Simon (34 Jahre) leidet nach eigenen Angaben seit seiner Kindheit unter einer Wortfindungsstörung.Wortfindungsstörungen:Stimmstörungen Hinweise auf eine neurologische Ursache der Störung gibt es nicht. Als Kind ging Simon wegen – heute nicht mehr in Gänze nachvollziehbaren – Spracherwerbsstörungen in einen Sprachheilkindergarten und später in eine Sprachheilschule. Heute ist er Ingenieur und arbeitet an der Universität. Aufgrund von Problemen mit der Stimme und der Schriftsprache wird er am LIN.FOR vorstellig.
In einem ersten Gespräch mit der Therapeutin berichtet er von den Problemen, die seine Wortfindungsstörung mit sich bringt (zur besseren Lesbarkeit sind die Äußerungen von Wortfindungssymptomen bereinigt): Meine Stimme klingt sehr dünn, so brüchig. Aber es ist ja auch kein Wunder. Ich habe ja nichts zu sagen. Zumindest nichts, was andere verstehen würden, weil mir die Wörter fehlen. Ich glaube, meine Stimme ist erst so schlecht geworden, seit ich im Beruf sehr viel mehr sprechen muss und die Wörter nicht finde. Ich kann nicht gut erklären, was ich meine, also bin ich so gut wie immer still. Ich spreche meist nur, wenn ich muss. So findet man ja auch keine Frau. Ich hätte so gern Familie, und wenn ich eine gut finde, weiß ich schon vorher, dass meine Stimme versagen wird, dass sie dreimal nachfragen muss, was ich gesagt habe, und dann versuche ich es doch gar nicht erst. Wenn ich in der Uni Seminare leite, bekomme ich Schweißausbrüche. Die Studenten sagen dann, dass sie mich nicht verstehen, weil ich undeutlich und manchmal viel zu schnell spreche, so holprig. Mir fällt das gar nicht mehr auf. Das sagen mir dann andere, und das ist wirklich peinlich. Vor Kongressen, auf denen ich Referate halten muss, bin ich bereits öfter krank gewesen. Ich kann dann einfach nicht mehr und brauche eine Auszeit, weil mich der Gedanke daran fertig macht. Und das alles geht so, seit ich denken kann.
Vergesellschaftet ist die Wortfindungsstörung häufig mit Störungen, die sich im Schulalter manifestieren, namentlich Lese-Rechtschreib-Störungen Lese-Rechtschreib-Störungen(LRS) und Störungen der Textgrammatik Textgrammatik:Störungenwerden in diesem Zusammenhang diskutiert. Die Nähe zu LRS liegt auf der Hand, da Defizite in der phonologischen Informationsverarbeitung sowohl als Risikofaktor für eine Lese-Rechtschreib-Störung genannt werden als auch im Rahmen kindlicher Wortfindungsstörungen auftreten. Dass eine im Vorschulalter bestehende kindliche Wortfindungsstörung, wenn sie nicht bis zum Schuleintritt sprachtherapeutisch behandelt wird, bereits früh Probleme im Schriftspracherwerb mit sich bringen könnte, wird immer wieder vermutet. Damit erhält die Debatte, ob es sich bei SES und LRS um eine oder um zwei Störungen handelt, neue Argumente (Bishop & Clarkson 2003; Bishop & Snowling 2004). In diesem Kapitel werden die möglichen Zusammenhänge zwischen (meta)phonologischer und graphematischer Verarbeitung dargestellt.

Theoretische Debatte über die Ursachen von Wortfindungsstörungen

In der Debatte über die Ursachen der kindlichen Wortfindungsstörung Wortfindungsstörungen:Ursachendebattemelden sich Vertreter verschiedener Positionen seit Mitte der 1980er-Jahre zu Wort (Conti-Ramsden 2003; German & Newman 2004; Kail & Leonard 1986; Lahey & Edwards 1999; Leonard 1998; McGregor et al. 2002).
  • Die Speicherhypothese (von Kail & Leonard erstmals 1986 formuliert) erklärt sie als Teil der Sprachentwicklungsstörung und der mit ihr oft einhergehenden semantischen Defizite. Auf der funktionalen Ebene führen schlecht gespeicherte, schlecht gefüllte und minder vernetzte semantische Kategorien dazu, dass Wörter nicht immer adäquat abgerufen und versprachlicht werden können (Kail & Leonard 1986).

  • Die Abrufhypothese, deren Hauptvertreter German & Newman (2004) sind, versteht sie als eine Verarbeitungsstörung, die sich neben der Sprachentwicklungsstörung manifestieren kann. Erst bei der Auswahl phonologischer Wortformen von Wörtern im produktiven Lexikon während des Produktionsprozesses (also postsemantisch) kommt es durch weniger gute Verarbeitungsleistungen zu Abruffehlern. Diese können sich als verlangsamtes Abrufen manifestieren.

Beide Hypothesen sollen hier dargestellt und diskutiert werden.

Speicherhypothese

Die von Kail & Leonard (1986) erstmals formulierte Speicherhypothese (storage hypothesis)storage hypothesis:s. SpeicherhypotheseSpeicherhypothese:WortfindungsstörungenWortfindungsstörungen:Speicherhypothese sieht die kindliche Wortfindungsstörung als Teil der spezifischen Sprachentwicklungsstörung. Die Wortfindungsstörung zeigt sich unter dem Bild einer semantischen Störung. Semantische Defizite bei sprachentwicklungsgestörten Kindern haben multikausale Ursachen. An einem schlechten ArbeitsgedächtnisArbeitsgedächtnis:WortfindungsstörungenWortfindungsstörungen:Arbeitsgedächtnis kann es ebenso liegen wie an schlechten Bootstrapping-Mechanismen, die Semantik und Syntax miteinander verflechten. Es kommt zu einem verlangsamten Lexikonaufbau semantische Defizite:Wortfindungsstörungenmit der Folge, dass sich nur grobe und weniger gut elaborierte Repräsentationen im semantischen System befinden (Mainela-Arnold, Evans & Coady 2010). Diese Repräsentationen sind durch nur wenige semantische Merkmale markiert und deshalb weniger stark untereinander vernetzt. Von einem schwach vernetzten semantischen System gehen weniger starke Impulse im Abrufprozess der dazugehörigen Formen aus. Das äußert sich in Symptomen wie einem langsameren und weniger sicheren Zugreifen auf Wörter.
Zusammenfassend beschreibt die Speicherhypothese eine gestörte Interaktion zwischen Speicher- und Abrufprozessen, die zu quantitativ und qualitativ schlechteren mentalen Langzeitrepräsentationen bei den betroffenen Kindern führt. Dadurch verlangsamen sich die Abrufprozesse, während fehlerhafte Produktionen im Sinne gehäufter semantischer ParaphasienParaphasien:semantische begünstigt werden.
children with word-finding problems may name pictures more slowly because words are stored in a less elaborate manner.Thus, word-finding problems would be byproducts of the fact that impaired childrens language develops more slowly and less elaborately than the norm (Kail & Leonard 1986:1).
Kail & Leonard (1986) schließen nicht aus, dass auch phonologisch weniger gut ausdifferenzierte Langzeitrepräsentationen zu Abruffehlern in Form phonologischer ParaphasienParaphasien:phonologische Wortfindungsstörungen:Paraphasienführen können, verweisen aber auch darauf, dass Studien sehr viel häufiger semantische Ersetzungen registrierten. Verschiedene Experimente belegen bei den betroffenen Kindern ein ähnliches Abrufverhalten wie bei jüngeren Kindern ohne Störung. Auch das Abrufverhalten jüngerer Kinder ist aufgrund des weniger elaborierten Lexikons und der weniger automatisierten Abrufprozesse im Vergleich zu älteren Kindern durch mehr Fehler und Unsicherheiten sowie zeitliche Verzögerungen im Produktionsprozess gekennzeichnet. Gerade dieser Punkt führte Kail & Leonard (1986) zu der Annahme, dass die Wortfindungsstörung – im Sinne einer Verzögerung – das Sprachverhalten jüngerer Kinder widerspiegelt und somit Teil einer SprachentwicklungsstörungSprachentwicklungsstörungen:WortfindungsstörungenWortfindungsstörungen:Sprachentwicklungsstörungen sei.
Auch McGregor et al. (2002) vermuten hinter der Symptomatik einer kindlichen Wortfindungsstörung einen verlangsamten Lexikonaufbau im Allgemeinen und weniger gut entwickelte semantische Repräsentationen im Speziellen. This study demonstrates that the degree of knowledge represented in the childs semantic lexicon makes words more or less vulnerable to retrieval failure and that limited semantic knowledge contributes to the frequent naming errors of children with SLI (McGregor et al. 2002: 998). Zwischen weniger gut ausdifferenzierten Repräsentationen und Abrufsymptomen stellt Bjorklund (1987) einen Bezug mit der Begründung her, nur gut ausdifferenzierte und robuste Repräsentationen, die eine geringere Aktivierung im Abrufprozess benötigen, würden eine Aktivierungsausbreitung (spreading activation)Aktivierungsausbreitung (spreading activation):WortfindungsstörungenWortfindungsstörungen:Aktivierungsausbreitung (spreading activation) begünstigen. Bei Kindern mit lexikalischen und/oder semantischen Störungen zeigen sich diese Effekte noch nicht (McGregor et al. 2002).
Ein wichtiges Argument für die Speicherhypothese ist die signifikante Beziehung, die sich zwischen dem Wortverstehen und der Produktionsbreite und -sicherheit im Benennen sowie in der spontanen Produktion bei Kindern nachweisen lässt (Dockrell & Messer 2006). Dies rückt das eigentlich produktive Phänomen der Wortfindungsstörung in die Nähe von konzeptuellen, rezeptiven Verarbeitungsanteilen, die im Rahmen einer semantischen Störung erklärbar werden. So könnte bei Kindern mit rezeptiven Störungen eine Problemkette aus schlechtem rezeptivem WortschatzWortschatz:rezeptiver schwacher semantischer Vernetzung Abrufproblemen bestehen, während Kinder ohne Wortverständnisprobleme mehr phonologische Fehler zeigen (Ebbels et al. 2011, eingereicht).
In Deutschland gilt Christian Wolfgang Glück als Vertreter der Speicherhypothese.Speicherhypothese:Wortfindungsstörungen Aus ihr hat er die bis dato einzige Möglichkeit einer umfangreichen Diagnostik von Wortfindungsstörungen in Form des Wortschatz- und Wortfindungstests Wortschatz- und Wortfindungstests:WortfindungsstörungenWortfindungsstörungen:Wortschatz- und Wortfindungstestsfür Kinder zwischen sechs und zehn Jahren (Glück 2007) ebenso abgeleitet wie die Elaborationstherapie für betroffene deutschsprachige Kinder (Glück 2003). Auch Glück postuliert, dass von Anfang an Auffälligkeiten in der semantisch-lexikalischen Sprachentwicklung der betroffenen Kinder bestehen. Bereits als Zweijährige gelten sie als Late TalkerLate Talker:WortfindungsstörungenWortfindungsstörungen:Late Talker, weil sie erst verspätet mit dem Worterwerb beginnen. Ihr Lexikon wächst langsamer und umfasst weniger Einträge. Es wird zudem nach einfachen, semantischen Strategien organisiert, die zu keiner reichhaltigen und elaborierten Vernetzung der Repräsentationen, sondern vermehrt zu Wortfindungsstörungen führen (Glück 2001). Für Glück gibt es sowohl semantische als auch phonologische Ausprägungen der Störung, deshalb ist die Therapie individuell am betroffenen Kind auszurichten. Das heißt, er geht einen Schritt weiter als in der ersten Formulierung der Speicherhypothese von 1986, da er zwischen semantischen und phonologischen Fehlern per se keine Gewichtung vornimmt.

Abrufhypothese

Mit der Grundannahme, dass vorrangig postsemantische Effekte die Wortabrufleistung beeinflussen, bietet die Abrufhypothese (lexical retrieval)lexical retrieval:s. AbrufhypotheseAbrufhypothese (lexical retrieval):WortfindungsstörungenWortfindungsstörungen:Abrufhypothese (lexical retrieval) eine alternative Erklärung für kindliche Wortfindungsstörungen an. Diese Effekte sind phonologischer Natur und zeigen sich als phonologische ParaphasienParaphasien:phonologische, zeitliche Verzögerungen im Abruf, phonologisch relatierte Neologisierungen und Ähnliches. Nach der ursprünglich von German (1984) formulierten Hypothese können kindliche Wortfindungsstörungen sowohl aus semantischen als auch aus phonologischen Problemen entstehen. Eine phonologisch orientierte Wortfindungstherapie Wortfindungstherapie:phonologisch orientiertewird als besonders effektiv beschrieben (Paul 2007). Allerdings scheinen die Generalisierungseffekte einer solchen Intervention im Vergleich zu semantischen Therapien weniger stark zu sein (Ebbels et al. 2011). Die empirische Basis ist aber so dünn, dass aus diesen Ergebnissen lediglich Anhaltspunkte für weitere Studien abgeleitet werden können.
Ausgangspunkt für die Abrufhypothese war die Frage, ob es bei adäquater Speicherung von Wörtern Zugriffsprobleme geben könnte (Menyuk 1978). Wenn ja, wären Speicherung und Abruf zwei unabhängige Teilprozesse der Sprachverarbeitung.Sprachverarbeitung:selektive Störungen von Speicherung und Abruf Hinter der Abrufhypothese steht die Grundannahme, dass in beiden Prozessen selektive Störungen auftreten können (McGregor et al. 2002). Die Wortfindungsstörung wird als Verarbeitungsstörung beschrieben, die sich im Wortabrufprozess an der Schnittstelle zwischen semantischem System und Wortformlexikon bemerkbar macht (German & Newman 2004; Newman & German 2002). Der gestörte Wortabruf Wortabruf:gestörterunterliegt demnach postsemantischen, lexikalischen Effekten und zeigt sich als isoliertes Problem im Sprachverarbeitungsprozess (Siegmüller 2008).
Die Diskussion zwischen Vertretern der Speicher- und der Abrufhypothese dreht sich vielfach um die Frage, welche Symptome häufiger auftreten (semantische oder phonologische Fehler). Argumente für die Abrufhypothese liefern Dockrell et al. (2001) mit dem Befund, dass sich bei Kindern mit Wortfindungsstörungen nicht mehr semantische ParaphasienParaphasien:semantischeWortfindungsstörungen:Paraphasien zeigen als bei Kindern mit vergleichbaren sprachlichen Fähigkeiten. Die Arbeitsgruppen um Dockrell (Dockrell, Messer & George 2001), aber auch um McGregor (McGregor 1994, 1997; McGregor et al. 2002) fanden bei den betroffenen Kindern häufiger phonologische Paraphasien:phonologischeWortfindungsstörungen:ParaphasienParaphasien, die sie als sekundär auftretende semantische Ersetzungen erklären. Bei einer fehlgeschlagenen Aktivierung der phonologischen Wortform gelangt ein semantisch ähnliches Wort in den Abruf. Another issue is that semantic errors could occur because of a failure to access the target phonological representation, and a semantically related, phonological representation is activated instead (McGregor 1994). Hinsichtlich der Frage der Therapiespezifik zeigte eine wichtige Studie von Constable, Stackhouse & Wells (1997), dass sich Wortfindungsstörungen effektiv mit phonologisch relatierten Therapien behandeln lassen.
Drei wesentliche postsemantische Einflussfaktoren wurden bereits in Studien untersucht:
  • der phonologische Nachbarschaftseffekt,

  • der Frequenzeffekt und

  • der Erwerbsaltereffekt (Siegmüller 2005).

Alle drei wirken sich zu verschiedenen Zeitpunkten der kindlichen Sprachentwicklung auf das Gelingen des Abrufs aus. Zu Beginn des Wortschatzerwerbs hat das Erwerbsalter den stärksten Einfluss, der sich zunehmend mit Erreichen des Schulalters verliert (u. a. German & Newman 2004). Im Schulalter zeigt sich primär der Einfluss der Frequenz (vgl. Siegmüller 2005). Die phonologische Nachbarschaftphonologische Nachbarschaft:Einfluss auf WortabrufWortabrufstörungen:phonologischer Nachbarschaftseffekt entwickelt sich mit wachsendem Lexikon zu einem wichtigen Einflussfaktor bis ins späte Grundschulalter (Marian & Blumenfeld 2006; German & Newman 2004). Nach Metsala (1997) verstärkt sich der Effekt durch einen Wechsel in der Verarbeitung von holistischen zu segmentalen Wortformen. Für Kinder im Schulalter wurde wiederholt der Einfluss des phonologischen Nachbarschaftseffekts diskutiert. Während German & Newman (2004) einen Einfluss vermuten, fanden Mainela-Arnold et al. (2010) stattdessen einen alles überschreibenden FrequenzeffektFrequenzeffekt:WortabrufstörungenWortabrufstörungen:Frequenzeffekt. Generell ist der Einfluss der Frequenz auf den Wortabrufprozess vielfältig belegt (German & Newman 2004; Mainela-Arnold et al. 2010; Newman & German 2002; Paul 2007; Siegmüller 2005). Wörter mit hoher Frequenz sind sicherer in das Lexikon integriert als niedriger frequente Wörter. Sie werden leichter aktiviert, da häufiger Gebrauch (im Outputlexikon) und häufiges Verstehen (im Inputlexikon) die phonologische Ausdifferenzierung der Wortformen und damit den Abruf der Wörter unterstützen.
Frühe Erfahrung mit phonologischen Formen begünstigt das Form-zu-Bedeutung-Mapping und wird als ErwerbsaltereffektErwerbsaltereffekt:WortfindungsstörungenWortfindungsstörungen:Erwerbsaltereffekt beschrieben. Studien (z. B. Graf et al. 2007) belegen bereits bei sehr jungen Kindern einen Vorteil entsprechender Wörter im Sprachproduktionsprozess. Bei älteren Kindern zeigt sich ebenfalls ein Erwerbsaltereffekt mit wachsendem Lexikon, der aber mit zunehmendem Alter und vermehrter Spracherfahrung vom Frequenzeffekt abgelöst wird (Graf et al. 2007). Es braucht offenbar Spracherfahrung und ein wachsendes Lexikon, damit der Frequenzeffekt in Erscheinung tritt. Wenn das Lexikon im Rahmen einer Sprachentwicklungsstörung Sprachentwicklungsstörungen:Lexikon, langsam wachsendesnicht oder nur langsam wächst, müsste sich der Frequenzeffekt verspätet einstellen (Beier & Siegmüller 2010). Es könnte also sein, dass normalerweise im frühen Lexikon auftretende Effekte länger anhalten (z. B. der Erwerbsaltereffekt) und dass sich bei betroffenen Kindern Effekte zeigen, die normalerweise bei jüngeren Kindern beobachtet werden (Siegmüller 2005).
Die patholinguistische Sichtweise nimmt eine Trennung zwischen semantischer und Wortfindungstherapie vor. Die Wortfindungstherapie bezieht sich demnach auf phonologische bzw. metaphonologische Inhalte. Wortfindungstherapie:phonologische bzw. metaphonologische InhalteWer nach der patholinguistischen Sichtweise arbeitet, kann als Vertreter der Abrufhypothese in Deutschland gelten. In diesem Beitrag wird die kindliche Wortfindungsstörung aus der Perspektive der Abrufhypothese Abrufhypothese:Wortfindungsstörungenbetrachtet.

Fallbeispiel

Wortfindungsstörung unklarer Genese

Magnus (10 Jahre) befindet sich seit seinem Wortfindungsstörungen:unklarer Genese3. Lebensjahr in logopädischer Therapie. Nach einem verspäteten Sprechbeginn standen zunächst seine starke phonologische Aussprachestörung und ein DysgrammatismusDysgrammatismus im Vordergrund. Die phonologischen Prozesse hat er erfolgreich bewältigt. Bis zur Einschulung blieb sein Dysgrammatismus der Therapieschwerpunkt. Von Beginn an fällt ihm der Schriftspracherwerb sehr schwer. Magnus traut sich außerdem nur selten, auf Fragen der Lehrer zu antworten oder sich aus eigenem Antrieb mündlich zu beteiligen. Die Eltern lassen ihn die 1. Klassenstufe wiederholen und suchen das LIN.FOR auf, weil sie seit Schulbeginn bei Magnus keine Fortschritte mehr in der logopädischen Therapie sehen. Zudem macht ihnen seine Stummheit in der Schule Sorgen.
So lernen wir Magnus mit 8 Jahren kennen und vermuten bereits in der Eingangsdiagnostik, dass er auch unter einer Wortfindungsstörung leidet. Magnus ist mitteilsam, kreativ und ein sehr aktives Kind. Er interessiert sich für Naturwissenschaften und Technik. Obwohl er der Therapeutin gleich in der ersten Stunde sehr zugewandt ist, verliert Magnus schnell die Motivation und das Interesse, wenn er bei Diagnostiksequenzen sprachlich produktiv werden soll. Schnell fordert er Pausen oder lehnt es ab, einen Test vollständig durchzuführen, wenn er eigene Unsicherheiten oder Fehler wahrnimmt. In der Spontansprache finden sich viele Satzabbrüche und -verschränkungen, was manchmal dysgrammatisch wirkt. Häufig versucht Magnus mit Gesten und Mimik zusätzlich darzustellen, wovon er sprechen will. Im Dialog mit der Therapeutin schlägt er häufig mit der Faust auf den Tisch; er ist dann motorisch sehr unruhig, steht häufig auf und redet mitunter sehr laut, wenn er komplexe Zusammenhänge versprachlichen will. Magnus wird oft unverständlich, weil er sich in Reihen an das gesuchte Wort herantastet und seine Sätze nur selten vervollständigt. Sachverhalte nachvollziehbar darzustellen gelingt ihm nur selten.
Nach der ersten Diagnostikphase vermutet die Therapeutin, dass sich Magnus sprachlicher Rückzug im Schulsetting möglicherweise auf die Wortfindungsstörung zurückführen lässt.
  • Zur Einschätzung seiner semantisch-lexikalischen Fähigkeiten führt sie einen Test zum Sprachverständnis und zur Sprachproduktion durch. Er erreicht unterdurchschnittliche Leistungen; die semantische Organisation ist leicht auffällig.

  • In einem zweifach wiederholten Benenntest zeigt sich deutlich, dass Magnus Wörter nicht jederzeit stabil abzurufen vermag. Viele Wörter kann er bereits nach einer halben Stunde nicht mehr benennen; andere Wörter wiederum sind ihm im zweiten Versuch zugänglich. Seine Benennungen sind durch phonologische und vor allem semantische Paraphasien gekennzeichnet.

Diese Ergebnisse lassen bereits eine ursächliche Speicherstörung vermuten. Weil Magnus aber auch eine beginnende Lese-Rechtschreib-Störung zeigt, wollen wir seine Wortverarbeitung mit Tests genauer beleuchten. Im Benenntempo ist Magnus stark eingeschränkt; so benötigt er für den Abruf eines einsilbigen Wortes durchschnittlich 2,5 Sekunden. Stark beeinträchtigt sind seine auditiven Kurzzeitgedächtnisleistungen – er kann maximal 2 Nonsenssilben sicher nachsprechen –, zudem lassen sich Einschränkungen der phonologischen Bewusstheit im engeren und weiteren Sinne beobachten (insbesondere der Reimerkennung). Einschränkungen der phonologischen Informationsverarbeitung könnten daher ebenfalls seinen fluktuierenden Wortabruf erklären.
An Magnus Beispiel wird deutlich, dass eine eindeutige Ursachenzuschreibung bei Wortfindungssymptomen nicht immer möglich ist. Ohne die Einbettung in den Gesamtzusammenhang seiner defizitären Sprachentwicklung lässt sich seine Störungsausprägung nur unzureichend erklären.

Eine neue Sicht auf Wortfindungsstörungen

Kindliche Wortfindungsstörungen Wortfindungsstörungen:Kausalhypothesenwerden in der Regel nach den oben vorgestellten Hypothesen diskutiert. Beide Ansätze sind klassische Kausalhypothesen, die nicht in den Verlauf der Sprachentwicklung eingeordnet werden.
Alternativ finden sich bei Glück (1998) oder bei Siegmüller (2005) modellorientierte Vorstellungen. Wortfindungsstörungen:modellorientierte VorstellungenVersuche, modellorientierte Analysen in der Kindersprache zu etablieren, gehen vor allem auf Christine Temple (Temple 1997) zurück. Serielle Modellvorstellungen Modellvorstellungen:Wortfindungsstörungendienen dazu, den Verarbeitungsprozess in Teilprozesse zu unterteilen, damit er besser vorstellbar wird. Doch auch die modellorientierte Analyse ist statisch, quasi ein Snapshot der Verarbeitung, da die Dynamik des Spracherwerbs und seiner Störungen unbeachtet bleibt (Karmiloff-Smith 1998; Karmiloff-Smith, Scerif & Ansari 2003). Aktuelle Sichtweisen betonen die Entwicklungsdynamik im Spracherwerb und arbeiten mit Modellvorstellungen, die diese Dynamik mit abbilden können (Kap. 5).
Im Folgenden präsentieren wir eine Sichtweise auf kindliche Wortfindungsstörungen, die zum einen die Kausalhypothese zum Störungsbild in Beziehung setzt und sie zum anderen in eine Störungschronologie einordnet, die sowohl frühere Störungsbilder als auch Folgestörungen berücksichtigt.
Kindliche Wortfindungsstörungen sind eine typische Störung im Vorschulalter. Wortfindungsstörungen:im VorschulalterIn dieser Zeit entwickeln sich normalerweise sprachliche Fähigkeiten wie die phonologische Bewusstheit (phonologische Bewusstheit:Lese-Rechtschreib-Störungen Kap. 1). Und es ist gerade diese neue Fähigkeit, die – wenn ihre Entwicklung ausbleibt – als Risikofaktor für eine LRS erkannt wurde (Snowling 2000b). (Meta-)Sprachliche Fähigkeiten bilden damit stabile Prädiktoren für die Lese-Rechtschreib-Leistung (Bradley & Bryant 1983; Brady & Shankweiler 1991). Probleme mit der gesprochenen und der geschriebenen Sprache im Sinne einer eingeschränkten phonologischen Bewusstheit erschweren den Lese-Rechtschreib-Erwerb dann von Beginn an. So haben betroffene Kinder Probleme mit dem Verständnis für graphematische Regeln und die Anwendung des phonologischen Rekodierens, die auf eine defizitäre phonologische Bewusstheit zurückführbar sein können (Bradley & Bryant 1983).
Phonologisches-Defizit-Hypothese
Der Zusammenhang zwischen Wortfindungsstörungen:Phonologisches-Defizit-HyothesePhonologisches-Defizit-Hyothese:Wortfindungsstörungenmetaphonologischen Störungen Wortfindungsstörungen:metaphonologische Störungenmetaphonologische Störungen:Wortfindungsstörungenund kindlichen Wortfindungsstörungen wird bereits seit längerem diskutiert. So geriet die Wortfindungsstörung in den Dunstkreis der Wortfindungsstörungen:Lese-Rechtschreib-StörungenLese-Rechtschreib-Störungen:WortfindungsstörungenLRS. Diese Annahme basiert auf der sog. Phonologisches-Defizit-Hypothese für die kindliche Dyslexie15

15

Dyslexie und Lese–Rechtschreib-Störung werden in diesem Beitrag aus stilistischen Gründen synonym verwendet.

(Snowling 2000a). Nach dieser Hypothese verfügen Kinder mit LRS über eine schwache bzw. nur rudimentär ausgeprägte phonologische Bewusstheit und weisen defizitäre bzw. zu langsame phonologische Verarbeitungsprozesse auf (Farmer & Klein 1995; Rosen 2003). Ihre anderen Verarbeitungsfähigkeiten scheinen mehr oder weniger intakt zu sein, sodass die Dyslexie Dyslexie:phonologisches Defizitals domänenspezifisches bzw. selektives Defizit begriffen werden kann (Ramus 2002; Snowling 2000a). Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass die Dyslexie ähnlich multikausal entsteht wie die spezifische Sprachentwicklungsstörung. Ramus (2002) zufolge finden sich sowohl nichtsprachliche auditive als auch taktile und visuelle Defizite bei den betroffenen Kindern, Wortfindungsstörungen:auditive, taktile und visuelle Defiziteaber keine dieser basalen Wahrnehmungsstörungen bei allen Kindern. Die Ähnlichkeit mit nichtsprachlichen Begleitsymptomen der SES und der Dyslexie Wortfindungsstörungen:und DyslexieDyslexie:und Wortfindungsstörungenist offensichtlich (Marshall, Ramus & van der Lely 2010).
Daher stellt sich die Frage, ob die beiden hier betrachteten Störungsbilder, Wortfindungsstörung und Dyslexie, eventuell noch stärker zusammengehören als bisher angenommen und welche Rolle die phonologische Bewusstheit bei dieser Relation spielt. Diane German berichtete bereits in einem Vortrag im Jahr 2004 von der Schwierigkeit, Kinder mit LRS und WFS mit Kindern, die von einer isolierten LRS betroffen sind, zu vergleichen, da die zweite Gruppe kaum aufzufinden sei. Sie plädierte dafür, die Zusammenhänge zwischen beiden Störungsbildern genauer unter der Fragestellung zu betrachten, ob es sich um zwei Störungsbilder oder um das gleiche Störungsbild in zwei Lebensaltersphasen der Kinder handelt.
  • Für zwei Störungsbilder spräche es, wenn die Dyslexie auch ohne vorhergehende Wortfindungsstörung in Erscheinung tritt bzw. wenn auf eine Wortfindungsstörung nicht zwingend eine Dyslexie folgt.

  • Für das gleiche Störungsbild in zwei Altersphasen spräche es, wenn ein Großteil der Kinder über die Einschulungsphase hinweg beide Störungsbilder nacheinander durchliefe.

German lässt durchblicken, dass sie eher die zweite Hypothese befürwortet. Tatsächlich weisen auch andere Verfechter der Phonologisches-Defizit-Hypothese darauf hin, dass eine große Anzahl von Symptomen sowohl bei Störungen der phonologischen Bewusstheit und Wortfindungsstörungen als auch bei LRS zu beobachten sind (Richardson et al. 2004; Rosen 2003). Die Qualität der phonologischen Repräsentationen und deren Verarbeitung in der Vorschulzeit gibt zweifellos einen wichtigen Anhaltspunkt dafür, ob ein erfolgreicher Einstieg in die Literazität in der Schule zu erwarten ist (Richardson et al. 2004). Die kindliche Wortfindung im physiologischen Sinn (also der erfolgreiche und schnelle Abruf aus dem mentalen Lexikon) bildet quasi die Brücke von der qualitativ entwickelten Phonologie zur Weiterentwicklung der Fähigkeiten in die graphematische Verarbeitung hinein. Bei einer Wortfindungsstörung fehlt diese Brücke insofern, als auf der Basis einer schlechter entwickelten Phonologie der Einstieg in den Schriftspracherwerb gehemmt bzw. verhindert wird.
Symptomtrias phonologischer Defizite
In einer genauen, modellorientierten Wortfindungsstörungen:phonologische Defizitephonologische Defizite:SymptomtriasAufschlüsselung der dyslektischen Symptomatik spricht Ramus (2008) von einer Dyslexie-Symptomtrias,Dyslexie-SymptomtriasWortfindungsstörungen:Dyslexie-Symptomtrias die das Defizit von Kindern mit LRS im Bereich der phonologischen Informationsverarbeitung beschreibt. So finden sich
  • Defizite im phonologischen Kurzzeitgedächtnis,

  • Defizite in der phonologischen Bewusstheit und

  • Defizite im Abruftempo phonologischer Wortformen (Ramus & Szenkovits 2008: 131).

Im Folgenden wird untersucht, ob die drei Anteile der LRS-Symptomtrias schon vor der Einschulungszeit im Rahmen von Wortfindungsstörungen vorhanden sind, um der Brückenfunktion der Wortfindung näherzukommen.
Defizite im phonologischen Kurzzeitgedächtnis
Die Beteiligung des phonologischen KurzzeitgedächtnissesKurzzeitgedächtnis:phonologisches Wortfindungsstörungen:Kurzzeitgedächtnis, phonologisches, Defizitean metasprachlichen phonologischen Operationen lässt sich folgendermaßen definieren: Ist eine explizite Manipulation vor allem kleiner sprachlicher Einheiten (Phoneme) nötig und die phonologische Form lang, ist die Belastung des phonologischen Arbeitsgedächtnisses am höchsten (Stackhouse & Wells 1991). Kinder im Vorschulalter leiden häufig unter Defiziten ihres phonologischen Kurzzeitgedächtnisses, d. h. es zeigen sich Längeneffekte (steigende Fehlerzahl mit zunehmender Wortlänge) oder eine zu grobe Verarbeitung (Manipulationen werden ausgelassen).
Testbar ist dieser Anteil der Sprachverarbeitung ab etwa 3 Jahren (Grimm 2001). Bei unauffälligen Kindern erschwert eine große Varianzbreite die Abgrenzung zu pathologischen Bereichen. Mit zunehmendem Alter der Kinder öffnet sich die Schere jedoch immer schneller noch weiter, sodass eine Störung spätestens mit 5 Jahren offensichtlich wird. Gerade in dieser Altersphase zeigt sich das Defizit im phonologischen Kurzzeitgedächtnis sehr deutlich. Deshalb gehört es definitionsgemäß zu den sprachübergreifenden Inklusionsfaktoren, die das Vorliegen einer spezifischen Sprachentwicklungsstörung anzeigen (Conti-Ramsden, Botting & Faragher 2001; Tager-Flusberg & Cooper 1999). Phonologische Kurzzeitgedächtnisprobleme im Alter von 5 Jahren sind demnach leitsymptomatisch für Kinder mit spezifischen Sprachentwicklungsstörungen.
Defizite in der phonologischen Bewusstheit
Die phonologische Bewusstheit Wortfindungsstörungen:phonologische Bewusstheit, Defizitephonologische Bewusstheit:Defizitefür Phoneme entwickelt sich im 5. Lebensjahr. Wenn Kinder in diesem Bereich Probleme haben, zeigt sich das in der Regel in der ausbleibenden Entwicklung (Kap. 1; vgl. Schnitzler 2006). Da Kinder ohne entsprechende Störung ebenfalls erst zu dieser Zeit die metaphonologische Ebene – im Sinne der engeren phonologischen Bewusstheit – erreichen, kann eine Problematik auch erst kurz vor dem Schulalter beobachtbar werden.
Für den deutschen Sprachraum gilt, dass der Anteil von Kindern mit phonologischen Aussprachestörungen, die im letzten Vorschuljahr eine Störung in der phonologischen Bewusstheit entwickeln, unbekannt und die Beziehung zwischen beiden Bereichen unklar ist. Die Koinzidenz scheint jedoch hoch zu sein; beide haben möglicherweise dieselbe Störungsursache bzw. folgen aufeinander (Kannengieser 2009).
Darüber hinaus sind Störungen des phonologischen Kurzzeitgedächtnisses vermutlich nicht unabhängig von sublexikalischen Einflüssen (Majerus et al. 2004). So fanden die letztgenannten Autoren in Kurzzeitgedächtnistests Anhaltspunkte dafür, dass Nachsprechleistungen von der Frequenz der erfragten Phoneme abhängig sind. Kannengieser (2009) verweist zudem auf mögliche Zusammenhänge zwischen auditiver Wahrnehmung und phonologischer Bewusstheit.
Defizite im Wortabruftempo
Mangelndes Wortfindungsstörungen:Wortabruftempo bzw. Benenntempo, DefiziteWortabruftempo:DefiziteAbruftempo bzw. Benenntempo Benenntempo:Defizitewird vielfach als Kernproblem der Wortfindungsstörung betrachtet. Neben der Genauigkeit und Konsistenz des Benennens wird das Benenntempo als diagnostischer Faktor der Wortfindungsstörung aufgefasst (German 1989; Siegmüller 2005).
  • Nach dem Grundmodell von German (1989) ist das Benenntempo ein primärer Faktor, der die Wortfindungsstörung direkt klassifiziert.

  • Siegmüller (2005) definiert zwei Ebenen; über den Faktor der Benennkonsistenz wird zunächst die Wortfindungsstörung als solche klassifiziert und gegen andere lexikalische und semantische Störungen abgegrenzt. Anschließend lässt sich durch die Faktoren der Benenngenauigkeit und des Benenntempos das Profil des Patienten bestimmen (Tab. 4.3).

Sind alle drei Faktoren im Normbereich, so kann man von guter Abrufqualität sprechen.
Die Benenngeschwindigkeit Benenngeschwindigkeitwird als Fähigkeit beschrieben, eine Reihe gleichzeitig sichtbarer visueller Reize in Form von Buchstaben, Zahlen, Farben oder Objekten möglichst schnell zu identifizieren, automatisch auf die entsprechende phonologische Repräsentation zuzugreifen, einen artikulatorisch-motorischen Plan zu entwerfen und das Wort abschließend zu produzieren (Wolf & Bowers 1999). Sie ist demnach Ausdruck einer automatisierten Wortformverarbeitung.
Hinsichtlich des phonologischen Abrufs ist unter dem Benenntempo Benenntempodie Routine bzw. die Effizienz zu verstehen, mit der das Kind gespeicherte phonologische Formen im Verarbeitungsprozess hervorbringt. In LRS-Studien wird das Benenntempo zur Identifizierung möglicher Risikofaktoren benutzt. Die Zielvorstellung beim Schriftspracherwerb Schriftspracherwerb:Wortformverarbeitung, automatisiertebesteht in einer automatisierten Wortformverarbeitung, d. h. der ganzheitlichen, den Sinn erfassenden Analyse beim Lesen und dem ganzheitlichen Abruf beim Schreiben. Das setzt voraus, dass sich das Kind vom bewussten Erlesen der Wörter nach und nach auf ein automatisiertes sinnentnehmendes Lesen umstellt. Das soll das Benenntempo steigern.
Die Automatisierung dieser Verarbeitungsprozesse entwickelt sich aber nur zum Teil aus metaphonologischen Fähigkeiten, die im phonologischen Bereich mit dem Bildbenennen getestet werden. Demnach kann die Benenngeschwindigkeit nicht allein für die Prognose der automatisierten Schriftsprachverarbeitung herangezogen werden, diese aber unterstützen (Wolf & Bowers 1999; Wolf et al. 2000).
Begleiterscheinungen auf der grammatischen Ebene
These 1: Morphologische Defizite
Das Zusammenspiel von langsamerer und gröberer Wortfindungsstörungen:Begleiterscheinungen auf der grammatischen Ebenephonologischer Entwicklung wirkt sich grammatische Ebene:Wortfindungsstörungenauf die Entwicklung kritischer Massen in der Morphologie aus, die zum Regelerwerb dort notwendig sind (Pinker 2000). Einen Zusammenhang zwischen unfertigen phonologischen Repräsentationen, schlechtem phonologischem Kurzzeitgedächtnis und vielleicht auch einer generell limitierten Sprachverarbeitungskapazität postuliert Conti-Ramsden (2003).
  • Zunächst entstehen Probleme im Aufbau einer phonologischen Repräsentation. Infolge des Defizits im phonologischen Kurzzeitgedächtnis und der langsamen Wortverarbeitung gehen wiederholt Informationen verloren.

  • So kann das Kind Schemata und Systematiken in Sprachkonstruktionen wesentlich schlechter erkennen. Dies verzögert den Aufbau von lexikalischen Repräsentationen, die zur morphologischen Regelableitung benötigt werden.

Conti-Ramsden (2003) geht davon aus, dass es nicht nur länger dauert, bis ein SES-Kind die kritische Masse erwirbt, sondern dass es auch mehr lexikalische Einträge benötigt, um eine Regel zu erkennen. Der Grund liegt wiederum in der Grobheit der Repräsentationen: Nicht jeder Eintrag enthält genug Spezifikationen, um Informationen für die morphologische Regel zu geben.
These 2: Textebene
Es ist typisch für die Grundschulzeit, dass sich die grammatischen Störungen von Kindern auf die Textebene Wortfindungsstörungen:TextebeneTextebene:Wortfindungsstörungenverlagern. In jüngerer Zeit wird eine Verbindung zwischen LRS und einer Störung der Textgrammatik angenommen, da die große Mehrheit der betroffenen Kinder beide Störungsbilder zeigt. Botting (2002) spricht daher von zwei Seiten der gleichen Medaille.
Zusammenfassung
Alle drei Bereiche der Symptomtrias, die Ramus & Szenkovits (2008) für die LRS festgelegt haben, sind auch bei Wortfindungsstörungen auffindbar. Diese Störungsausprägungen lassen sich auf das zugrunde liegende phonologische Defizit zurückführen (ebd.). Alle drei Aspekte der Trias implizieren einen Umgang mit phonologischen Repräsentationen, jeder in seiner eigenen Art und Weise.
Ein Faktor bei Problemen im Schriftspracherwerb kann also ein phonologisches Defizit sein, das möglicherweise nicht erst nach der Einschulung der betroffenen Kinder entsteht. Das trifft auch auf die Wortfindungsstörung zu, bei der sich ebenfalls Symptome zeigen, die auf ein phonologisches Defizit schließen lassen. Auswirkungen dieses eigentlich phonologischen Defizits auf die grammatische Ebene werden diskutiert.
Modellbildung
Der Erwerb der Schriftsprache ist in die gesamte (meta)sprachliche und kognitive Entwicklung eines Kindes eingebettet. Zur multikausalen Entstehung einer LRS könnte eine Verlagerung von phonologischen Symptomen in den Wortfindungsstörungen:ModellbildungModellbildung:WortfindungsstörungenSchriftsprachbereich hinein beitragen. Daher lautet unsere These, dass in der kindlichen Wortfindungsstörung das gleiche phonologische Defizit zum Ausdruck kommt wie bei der LRS, jedoch in einer anderen Modalität: Die Wortfindungsstörung zeigt sich beim phonologischen Abruf, Wortabruf:phonologisches Defizitdie LRS bei der graphematischen Verarbeitung. Da es sich um eine Störung des phonologischen Wortabrufs handelt, ist sie bereits vor der Einschulung erkennbar, klassifizierbar und therapierbar.
Falls die bisherige Argumentationsführung korrekt ist, stellen sich folgende Fragen:
  • Inwieweit werden Wortfindungsstörung und LRS von einer basalen, sublexikalischen phonologischen Störung (phonologische Störungen:basaleim Sinne einer phonologischen Aussprachestörung)Aussprachestörungen:phonologische Wortfindungsstörungen:phonologische Aussprachestörungbeeinflusst bzw. verursacht (Fox 2004)? Beruhen sie auf einer gemeinsamen Ursache und kann diese als Risikofaktor für das spätere Auftreten von Literalitätsstörungen gelten?

  • Wie lässt sich die Wortfindungsstörung zwischen phonologischen Störungen und Dyslexie einordnen? Ist sie unabhängig oder Teil von einem der beiden Störungsbilder?

Schlussendlich mündet dieser Abschnitt in einem Modellvorschlag, der die Beziehungen der Störungsbilder untereinander im Zeitverlauf darstellt.
Rolle der basalen Phonologie
Bei vielen Kindern mit WortfindungsstörungenWortfindungsstörungen:phonologische Störungen phonologische Störungen:basalezeigen sich im 4. und 5. Lebensjahr Aussprachestörungen mit phonologischem Schwerpunkt. Ob eine Therapie der phonologischen Störung den Ausbruch einer Wortfindungsstörung verhindern könnte oder ob die beiden Störungsbilder weitgehend unabhängig voneinander auftreten, ist unbekannt. Eine unbehandelte phonologische Störungphonologische Störungen:unbehandelteWortfindungsstörungen:phonologische Störungen begünstigt bzw. beschleunigt möglicherweise das Auftreten einer Wortfindungsstörung. Doch Daten, die das belegen, fehlen bisher. In der Literatur wird wenig auf diese Problematik eingegangen, herauslesen lässt sich nur, dass die meisten Autoren annehmen, die betroffenen Kinder hätten keine sublexikalischen phonologischen Störungen (im Sinne phonologischer AussprachestörungenAussprachestörungen:phonologische) Wortfindungsstörungen:Aussprachestörungen, phonologischemehr.
Ramus & Szenkovits (2008) verneinen eine grundsätzliche Betroffenheit der gesamten Phonologie, sprich: dass Wortfindungsstörung und Dyslexie reiner Ausdruck früherer phonologischer Störungen sind. Ihre Untersuchung von Kindern mit LRS offenbarte weitgehend normale phonologische Repräsentationen und phonologische Constraints, wobei frühere Publikationen Spätfolgen von frühen Störungen im phonologischen encoding und decoding encoding und decoding:Störungennicht ausschließen (Farmer & Klein 1995). In der finnischen Langzeitstudie Jyvaskylä Longitudinal Study of Dyslexia (JLD) zeigten sich jedoch bei Kindern mit familiärem Dyslexie-Risiko schlechtere phonologische Fähigkeiten ab 3,5 Jahren im Vergleich zur Kontrollgruppe. Allerdings korrelieren die Daten stark mit der Wortschatzentwicklung der Kinder, sodass der phonologische Faktor nicht als einzelner Einfluss interpretiert wird (Lyytinen et al. 2001). Ähnliches gilt für die Studie von Oullette (2006), in der die Größe des rezeptiven Lexikons die Fähigkeiten im Dekodieren vorhersagt. Basale Phonologie ohne die Beteiligung des Lexikons kann als Einflussfaktor nicht benannt werden (Kap. 1 in diesem Band).
Selbst wenn keine grundsätzliche Betroffenheit der Phonologie anzunehmen ist, könnte die frühere phonologische Aussprachestörung für zu langsame, diffuse oder zu schwache Zuordnungsprozesse zwischen der Tiefen- und Oberflächenstruktur phonologischer Repräsentationen verantwortlich sein. In dem Fall fänden sich entsprechende Symptome in Tests wie dem Automatisierten Schnellbenenn-TestSchnellbenenn-Test:automatisierter (RAN) (Wortfindungsstörungen:Schnellbenenn-Testrapid automatized naming, RAN). rapid automatized naming (RAN):WortfindungsstörungenAuch bei Kindern mit Wortfindungsstörungen bzw. LRS sollten noch Reststörungen der basalen Phonologie nachzuweisen sein.
Dies lässt sich anhand der phonologischen GrammatikGrammatik:phonologische (Wortfindungsstörungen:Grammatik, phonologischeconstraints) Wortfindungsstörungen:ConstraintsConstraints:Wortfindungsstörungenuntersuchen, die Beziehungsregeln zwischen der mentalen Repräsentation und der Betonung in der jeweiligen Sprachproduktion beschreibt. Für die vorliegende Fragestellung wurde das phonotaktische Wissen von LRS-Kindern als Teil der phonologischen Grammatik untersucht (Szenkovits et al. 2007). Die Studie ergab ein genauso ausgeprägtes phonotaktisches Wissen bei dyslektischen Patienten wie bei den Kontrollpersonen. Die untersuchten Zuordnungsprozesse sind also nicht (mehr) per se defizitär. Die Probleme beginnen erst auf der metaphonologischen Ebene, auf der sich die oben beschriebenen Anteile der Symptomtrias befinden. Die phonologische Störung ist daher nicht direkt beteiligt. Wenn überhaupt, besteht eher ein unmittelbarer Zusammenhang zur basalen und metaphonologischen Ebene der prosodischen Entwicklung (Marshall et al. 2009).
Szenkovits et al. (2007) führen eine noch während der Schulzeit messbare Problematik, bei der sich schlussendlich ein phonologisches Defizit als LRS manifestieren kann, auf eine Kombination aus qualitativ ausreichender sublexikalischer Phonologie, schwachem Arbeitsgedächtnis und verminderter Verarbeitungs(prozess)qualität im mentalen Lexikon zurück. Insofern ließe sich die Wortfindungsstörung als möglicher kritischer Beginn, quasi als erste Symptomausprägung der LRS, im Vorschulalter beschreiben.
Therapeutische Ansätze
  • Wird die Rolle der Phonologie gemeinsam mit der lexikalischen Entwicklung betrachtet (wie in der finnischen Studie von Lyytinen et al. 2001), so sprechen wir in der therapeutischen Umsetzung von Ansätzen, die zwischen sublexikalischer und lexikalischer Phonologie angesiedelt sind. Kölliker Funk (2011) verortet an dieser Schnittstelle phonologische Therapien, phonologische Therapieansätzedie dem Kind über einen produktiven Konflikt mithilfe von Minimalpaaren die Grenzen und Bedeutungsunterschiede der Phoneme aufzeigen. Diese Schnittstelle lässt sich folgendermaßen beschreiben: Über den Bedeutungskonflikt (Semantik) evaluiert das Kind die phonologische Repräsentation im mentalen Lexikon und gelangt zu einer höheren Ausdifferenzierung dieser Repräsentation.

  • Dagegen richten sich die therapeutischen Bemühungen im Metaphon-Ansatz auf die phonetic features, phonetic featuresd. h. auf den Abgleich zwischen mentalem Phonem und sprachlichem Gebrauch (Howell & Dean 1994; Jahn 1998). Dies zielt auf die oben angesprochene notwendige phonologische Qualität des ungestörten Erwerbs ab. Dieser Ansatz ist nicht auf die Schnittstelle zum Lexikon ausgerichtet.

Die sprachtherapeutische Erfahrung lehrt, dass Kinder mit phonologischen Störungen Wortfindungsstörungen:phonologische Störungenphonologische Störungen:Wortfindungsstörungenin der Regel auch die anderen Störungsbilder, Wortfindungsstörung und LRS,Lese-Rechtschreib-Störungen:WortfindungsstörungenWortfindungsstörungen:Lese-Rechtschreib-Störungen entwickeln können – trotz Therapie. Es könnte daran liegen, dass sich durch eine Therapie zwar die notwendige Qualität annähernd oder auch ganz erreichen lässt. Aber aufgrund des verspätet erreichten Qualitätsniveaus erwerben die Kinder trotzdem zu wenig Routine in der Verarbeitung der phonologischen Details oder ihre Verarbeitung bleibt instabil, weil das Defizit nicht vollständig beseitigt wurde. Die phonologische Verarbeitung ist dann nicht stark genug, um als Basis für die metaphonologische und schriftsprachliche Verarbeitung zu dienen.
Subtile Auffälligkeiten, wie eben ein unzureichender (zu langsamer bzw. zu ungenauer) Abruf aus dem Lexikon, könnten durch Reste der vormals bestehenden phonologischen Störung in der phonologischen Grammatik bedingt sein. Ein Hinweis darauf stammt von German & Newman (2007). In ihrem Mustermodell für Wortfindungsfehler bei lautem Lesen findet sich unter Error Pattern 3 eine Fehlerart (Wortform-Segmentierungsfehler), die zu phonologischen Paraphasien führt. Sie bringen diese Fehlerart mit unroutinierten Ausführungen des Speech-Motor-Programms in Verbindung. Möglicherweise lassen sich hier die oben genannten subtilen Probleme einordnen. Auch Fox (2004) berichtet von einer erhöhten Beteiligung des Arbeitsgedächtnisses und des Speech-Motor-Programms an der Symptomatik einer inkonsequenten phonologischen Störung. phonologische Störungen:Speech-Motor-ProgrammObwohl ihr Bezugsmodell ein anderes ist (Stackhouse 2000), zeigen sich Parallelen. Die inkonsequente phonologische Störung könnte ein (Früh-)Indikator für eine beginnende Abrufproblematik sein.
Rolle der Wortfindungsstörung
Die Rolle der Wortfindungsstörung im Rahmen einer Sprachentwicklungsstörung Wortfindungsstörungen:SprachentwicklungsstörungenSprachentwicklungsstörungen:Wortfindungsstörungenund ihrer Begleiterscheinungen lässt sich bis zu diesem Punkt wie folgt zusammenfassen:
  • Wortfindungsstörungen teilen sich Kernsymptome mit der LRS.

  • Sie entstehen nicht aus einer grundsätzlich auffälligen basalen Phonologie.

  • Bei Kindern mit Wortfindungsstörungen zeigt sich aber eine auffällige phonologische Bewusstheit.

phonologische Bewusstheit:WortfindungsstörungenDie Frage nach der Einordnung der Wortfindungsstörung kann so beantwortet werden, dass sie nicht Teil einer umfassenden sublexikalischen phonologischen Störung ist. Die beschriebenen Schnittstellen, die den Übergang von einer sublexikalischen zu einer lexikalischen phonologischen Problematik (inkonsequente phonologische Störung) markieren könnten, weist längst nicht jedes betroffene Kind auf.
Messbar sind Defizite, die auf der lexikalisch-phonologischen Ebene liegen, auf der Phonologie und Lexikon zusammenkommen, und die in den Bereich der Metaphonologie übergehen.
Die Beziehung der suprasegmentalen und sublexikalischen PhonologiePhonologie:sublexikalePhonologie:suprasegmentaleWortschatzerwerb:PhonologieWortschatzerwerb:Phonologie zum Wortschatzerwerb beschreibt das Modell von Christophe et al. (2008). Dabei handelt es sich um ein Bootstrapping-Modell Bootstrapping-Modell:WortschatzerwerbWortschatzerwerb:Bootstrapping-Modell(Abb. 4.1), das den Erwerbsverlauf über sprachliche Ebenen hinweg aufzeichnet. Es postuliert, wie gegenseitige Informationen der sprachlichen Ebenen Erwerbsfortschritte generieren. So ist die Beziehung zwischen dem mentalen Lexikon Lexikon:mentalesund der sublexikalischen Phonologie als bottom-up definiert, d. h. die Phonologie trägt Informationen für das Lexikon. Im Erwerbsprozess eines neuen Wortes ist demnach zunächst das Sprachsignal prosodisch und phonetisch zu identifizieren, das Hinweise für die lexikalische Repräsentation gibt. Der Prozess wiederholt sich bei jedem neu gelernten Wort (Wortschatzerwerb). Nach der Modellvorstellung von Christophe et al. werden die Informationen aus dem Lexikon weiter bottom-up in die Ebene der Syntax vermittelt, sodass sich phonologische Informationen, prosodische Informationen und lexikalische Einheiten in der Satzgrammatik treffen.
Wie kommt es also zu einer Wortfindungsstörung?
Sie resultiert aus nicht gut abgestimmten bzw. zu diffusen Informationen über die verschiedenen Erwerbsphasen Wortfindungsstörungen:Erwerbsphasenund ist somit das Endprodukt einer unzureichenden frühen Sprachverarbeitung.
Sprachverarbeitung:AusdifferenzierungsprozessDer simultane Verarbeitungsprozess, der stattfindet, wenn eine Äußerung intendiert ist, muss gezwungenermaßen die Repräsentationen verwenden, die aus der Qualität des Bootstrappings im Erwerbsmoment entstanden sind. Im Laufe des Gebrauchs können die bestehenden Repräsentationen weiter ausdifferenziert werden. Jeder einzelne Abrufprozess erfolgt jedoch immer mit der gerade verfügbaren Verarbeitungsqualität. Aus dieser Überlegung folgt auch, dass eine schwache Speicherung im Erwerbsmoment wesentlich mehr Ausdifferenzierungsschritte erforderlich macht als eine stärkere, die bereits von Beginn an mehr phonologische Details aufweist. Je schwächer die phonologischen Informationen im Erwerbsmoment sind, die das mentale Lexikon erreichen, desto schwieriger und potenziell länger ist der Ausdifferenzierungsprozess Ausdifferenzierungsprozess:Sprachverarbeitungin der Sprachverarbeitung. So erbt der Sprachverarbeitungsprozess Defizite, die eigentlich im Erwerbsmoment liegen und sich dann in Begleiterscheinungen der Sprachentwicklungsstörung, wie z. B. einer Wortfindungsstörung, zeigen können.
Auch andere Autoren stellen Überlegungen zum Zusammenhang von frühen und späteren Störungsausprägungen bei den betroffenen Kindern an. So könnte z. B. bei Kindern mit einer sublexikalischen phonologischen StörungWortfindungsstörungen:phonologische Störungen phonologische Störungen:sublexikalischeder Erwerbsprozess von Wörtern verlangsamt und die Zuordnung der phonetischen Merkmale zu den lexikalischen Repräsentationen gröber sein (Conti-Ramsden 2003). Dadurch persistieren im mentalen Lexikon grobe, diffuse phonologische Repräsentationen.Repräsentationen:lexikalischeRepräsentationen:phonologische Beim Abruf der entsprechenden Formen werden also stets mehr oder weniger unzureichend spezifizierte Repräsentationen aktiviert. Sie verzögern den Zeitablauf des Verarbeitungsprozesses, führen zu Fehlern (Symptome der Wortfindungsstörung) oder zum Abbruch des Produktionsversuchs.
In einem Einfluss- und Faktorenmodell Wortfindungsstörungen:Einfluss- und Faktorenmodellder kindlichen Wortfindungsstörung (Abb. 4.2) betrachten wir vor allem den Zusammenhang mit frühen Störungsbildern und deren Impulse für das Entstehen der Wortfindungsstörung.
Nach diesem Modell kommen Impulse für den Wortabruf Wortfindungsstörungen:WortabrufWortabruf:Wortfindungsstörungenaus drei Bereichen, die sich zu unterschiedlichen Zeitpunkten entwickeln:
  • Zunächst die Lexikonentwicklung Wortabruf:LexikonentwicklungLexikonentwicklung:Wortabrufals solche (Abb. 4.2, 2). Um ein Wort zu lernen, muss das Kind die phonologische Form in der Umgebungssprache identifizieren und im Kurzzeit-/Arbeitsgedächtnis speichern, um weitere Verarbeitungsschritte vornehmen zu können.

  • Parallel dazu muss der Referent erkannt werden (Basis für die semantische Repräsentation).Repräsentationen:semantische Beides wird aufeinander abgebildet und langzeitlich gespeichert.

  • In der Folgezeit erleben beide Speicherungen (phonologische Form und semantische Repräsentation) Ausdifferenzierungen: durch wiederholtes Hören und Verstehen (phonologische Form) oder durch Erfahrungen im Alltag mit den entsprechenden Referenten/Ereignissen (semantische Repräsentation).

Gelingt der Worteintrag ins Lexikon Wortfindungsstörungen:Worteintrag ins Lexikon, Fehlerquellennicht, kann es an folgenden Fehlerquellen liegen:
  • Die phonologische Form phonologische Formen:Zwischenspeicherungwird nicht oder nur rudimentär zwischengespeichert.

    • Misslingt die vollständige ZwischenspeicherungZwischenspeicherung:phonologische Formen im phonologischen Kurzzeitgedächtnis (Abb. 4.2, 1) erfolgt kein Erwerbsmoment.

    • Gelingt nur eine rudimentäre Zwischenspeicherung (gehen z. B. die unbetonten Silben verloren), wird diese Form ins Lexikon aufgenommen. Sie bleibt rudimentär und wird nicht ausdifferenziert. Da sie schlechter abrufbar ist als sicher gespeicherte Formen, wird sie eher wieder vergessen.

  • Die Langzeitspeicherung Langzeitspeicherung:phonologische Formenist zu schwach: Die phonologische Form phonologische Formen:Langzeitspeicherungwird zwar ins Lexikon aufgenommen, jedoch so rudimentär, dass sie mit der Zeit wieder verloren geht. Sie ist zudem schlecht abrufbar und erfordert eine starke phonologische Ausdifferenzierung.

  • Der Ausdifferenzierungsprozess Ausdifferenzierungsprozess:phonologische Formender phonologischen Form phonologische Formen:Ausdifferenzierungunterbleibt bzw. ist zu schwach: Die Form wird ins Lexikon aufgenommen, allerdings (z. B. aufgrund von starken phonologischen Problemen) nicht weiter ausdifferenziert. Ihre Speicherung bleibt schwach, sie ist schlechter abrufbar und wird eher wieder vergessen. Die Ausdifferenzierung der Formen – als Basis für die Bewusstmachung von phonologischem Wissen – drückt sich dann in der phonologischen Bewusstheit (Abb. 4.2, 3) aus.

Wie die Aufstellung zeigt, führen alle drei FehlerquellenWortfindungsstörungen:Wortabruf zu vergleichbaren Schwierigkeiten: einem langsamen und unsicheren Abruf der Wörter. Dies lässt sich in Zeiten eines besonders starken Wortschatzerwerbs, z. B. im Wortschatzspurt, auch bei einernormalen Entwicklung beobachten. Noch wenig ausdifferenzierte Wörter, deren Erwerb gerade erst stattgefunden hat, können Kinder häufiger nicht so gut abrufen wie Wörter, die bereits ausdifferenziert und sicher abgespeichert sind (Dapretto & Bjork 2000). Diese Daten weisen darauf hin, dass vor allem der Ausdifferenzierungsprozess Ausdifferenzierungsprozess:Wortfindungsstörungenfür die Routine im Abruf verantwortlich ist. Hier könnte also die Hauptfehlerquelle für Wortfindungsphänomene liegen.
Es wird deutlich, dass sich die Symptome Wortfindungsstörungen:Symptomeder Wortfindungsstörung auf spezifische Verarbeitungsanteile beziehen:
  • Auffälligkeiten im phonologischen Kurzzeitgedächtnis

  • Subtile Restprobleme in der Ausdifferenzierung phonologischer Formen, sichtbar als zu langsamer Abruf, und/oder

  • Auffälligkeiten der phonologischen Bewusstheit

Die Wortfindungsstörung manifestiert sich mit eigenen Symptomen als neues Störungsbild. Es zeigt sich eine breite Störung der gesamten metaphonologischen Bereiche (phonologisches Defizit), die sich bis zur Einschulung auf den phonologischen Abruf reduziert. Nach der Einschulung wird die Störung auch in der graphematischen Verarbeitung sichtbar.
Man könnte die Wortfindungsstörung somit als Teil der LRS interpretieren. Da sie aber zeitlich vor dem eigentlichen Schriftspracherwerb symptomatisch wird, erscheint dieser Zusammenhang (noch) zu stark formuliert. Stattdessen betrachten wir die Wortfindungsstörung Wortfindungsstörungen:als Brücke und Frühindikatorals Brücke zwischen den frühen Störungsbildern, aus denen sie sich entwickelt, und gleichzeitig als Frühindikator für Ausprägungen in der Schulzeit. Hinzu kommt, dass sie nur beim phonologischen Abruf auftritt. So ist eine Therapie der Wortfindungsstörung auch nicht gleichbedeutend mit einer LRS-Prävention bzw. der Behandlung einer bestehenden LRS. Ob sich präventive Anteile identifizieren lassen, muss zukünftige Forschung zeigen.

Evaluationsmöglichkeiten für die Therapie von Wortfindungsstörungen

Ziel einer WortfindungstherapieWortfindungsstörungen:Therapie Wortfindungstherapie:Evaluationsmöglichkeitennach dem hier vorgestellten Modell ist die Verbesserung des Verarbeitungsprozesses auf dem momentanen Wortschatzniveau. Ihr Ziel besteht nicht darin, den Wortschatz des Kindes zu vergrößern. In der theoretischen Debatte (Abschn. 4.4) wird zwischen Verarbeitungs- und Erwerbsphase eines Wortes differenziert. Dies verdeutlicht, wie wichtig es ist, beide Prozesse auch therapeutisch zu unterscheiden.

Prätest-Posttest-Evaluation

Von welchen Gegebenheiten für eine Interventionsevaluation Prätest-Posttest-Evaluation:Wortfindungsstörungenkann also ausgegangen werden? Für die Diagnose einer Wortfindungsstörung ist es prinzipiell nicht interessant, ob das Kind im Wortschatz auffällig ist oder nicht. In der Regel wird ein Benenntest im auffälligen Bereich liegen, da sich auch während einer solchen Testung Abrufphänomene zeigen werden, die als Fehler die Leistung des Kindes drücken.
Rahmenbedingungen für den Prätest
Ob es adäquat ist, einen Benenntest als Prätest Wortfindungsstörungen:Prätestzu verwenden, ist fraglich, da schon ein zweiter, sofort anschließender Durchgang zu völlig anderen Ergebnissen führen kann. Selbst eine multiple Baseline über mehrere Wochen kann kein befriedigendes Ergebnis liefern.
Es erscheint günstiger, den Prätest Prätest:Wortfindungsstörungenan den diagnostischen Faktoren (Tab. 4.1) auf der einen Seite und der Wortfindungsstörungen:SymptomtriasSymptomtrias auf der anderen Seite zu orientieren. Das heißt, die Wortverarbeitung Wortverarbeitungsprozess:Untersuchungsbatteriewird als Prozess untersucht, ohne die lexikalische Masse einzubeziehen. Daraus ergibt sich beispielsweise die folgende Untersuchungsbatterie:
  • Untersuchung des phonologischen KurzzeitgedächtnissesKurzzeitgedächtnis:phonologischesWortfindungsstörungen:Kurzzeitgedächtnis durch das Nachsprechen von Unsinnsilben mit quantitativer Auswertung (Anteil Symptomtrias)

  • Untersuchung der phonologischen Bewusstheit phonologische Bewusstheit:WortfindungsstörungenWortfindungsstörungen:phonologische Bewusstheit(Anteil Symptomtrias)

  • Untersuchung der Benenngeschwindigkeit Wortfindungsstörungen:BenenngeschwindigkeitBenenngeschwindigkeit:Wortfindungsstörungenmit Screenings zum automatisierten Schnellbenennen (Anteil Symptomtrias & diagnostischer Faktor)

  • Untersuchung der Genauigkeit des Benennens mittels Benenntest (Benenntest:Wortfindungsstörungendiagnostischer Faktor)

Zur Ermittlung der rezeptiven Wortverarbeitung und der semantischen Vernetzung der Bedeutungsrepräsentationen kann diese Batterie durch Wortverständnisaufgaben und Begriffsklassifikationen (für Deutsch vgl. Elben & Lohaus 2000; Grimm & Schöler 1991; Kauschke & Siegmüller 2010) ergänzt werden.
Ziel des Prätests ist eine kriteriengeleitete Eingrenzung der Wortfindungsstörung. Wortfindungsstörungen:ProfilausprägungGeachtet wird auf die Symptomtrias und die Gewichtung der jeweiligen Anteile im Profil des Kindes. In der Regel fallen dabei zwei Varianten auf:
  • 1.

    Das Kind benennt schnell, macht aber viele Benennfehler und zeigt Ungenauigkeiten (Profilausprägung in der Benenngenauigkeit).

  • 2.

    Das Kind benennt relativ oder vollständig fehlerfrei, ist im automatisierten Schnellbenennen jedoch zu langsam (Profilausprägung im Benenntempo).

Die beiden Varianten ermöglichen unterschiedliche Vorhersagen für die Evaluation der Therapie im Posttest. Bei der 1. Variante wird sich im Posttest nicht zwingend ein schnelleres Abruftempo zeigen, stattdessen sollte die Genauigkeit im lexikalischen Abruf trotz des Zeitdrucks besser werden. Bei der erfahrungsgemäß häufigeren 2. Variante werden sich die Kinder im Benenntempo steigern und ihre Genauigkeit beibehalten.
Rahmenbedingungen für den Posttest
Am Ende der Therapie erfolgt analog zum Prätest ein Posttest,Posttest:WortfindungsstörungenWortfindungsstörungen:Posttest d. h. mit jedem Kind wird die ganze Untersuchungsbatterie des Prätests wiederholt. Je nachdem, welche Profilausprägung bei der Analyse der Prätestergebnisse herauskam, sind unterschiedliche Erwartungen an die Posttestergebnisse zu stellen. Verändert haben sollte sich vor allem das Kriterium (diagnostischer Faktor oder Teil der Symptomtrias), das in der Profilausprägung amWortfindungsstörungen:Profilausprägung stärksten betroffen war.

Methodische Überlegungen

Eine solche Argumentation spricht fürWortfindungsstörungen:Therapie fallvergleichende oder Einzelfall-Therapiestudien zu diesem Störungsbild. Dabei orientieren wir uns an dem Vorschlag von Hartley et al. (2007). Sie schlagen vor, Einzelfälle aus einer eindeutig umschriebenen Zielgruppe nach einem nachvollziehbaren Manual Wortfindungsstörungen:Therapie-Manualund zunächst als Einzelfälle nebeneinander zu behandeln. Nach Abschluss der Therapie ist dann eine Zusammenführung als Gruppe oder auch in Teilgruppen möglich, sodass über eine Einzelfallstudie hinausgehende Aussagen abgeleitet werden können. Hartley et al. (2007) zufolge sollten für eine aussagefähige Studie mindestens neun Patienten dokumentiert werden. Sie sehen ihr Konzept als Alternative zu den an levels of evidenceWortfindungsstörungen:Therapie orientierten Gruppenstudien der evidenzbasierten Medizin (Sackett et al. 1997), in denen eine Randomisierung und Doppel-Verblindung ethisch oder logisch nicht möglich ist.
Ein Beispiel für die Herangehensweise nach Hartley und Kollegen ist die Studie von Beier (2012). Aus dieser Studie ableitbare Evidenzen für die Effektivität einer patholinguistischen Therapie von Wortfindungsstörungen (Siegmüller & Kauschke 2006) können die initiale Studie von Siegmüller (2008) ergänzen. Die Ergebnisse von Beier gehen über die von Siegmüller hinaus, da das Führen der Probanden als Einzelfälle, die nach einem vergleichbaren Manual therapiert werden, mehr Möglichkeiten zur Analyse der Therapie selbst zulässt als eine Gruppenbetrachtung. So können wichtige Aspekte des Therapieverlaufs unter den Kindern verglichen werden, z. B. ob sie auf einer bestimmten Steigerungsstufe in einem Übungsbereich bleiben (Beier 2012).
Aus unserer Sicht braucht es dieses Maß an spezifischen Aussagen, um einerseits dem Bedingungsgefüge eines Störungsbilds und andererseits der Abfolge von Störungsbildern im kindlichen Lebenslauf näher zu kommen. Sie ergänzen grundlagenorientierte experimentelle Studien, die wiederum den theoretischen Rahmen und die Basis für die Entwicklung einer patientenorientierten Therapieforschung bilden.

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